Neunter Auftritt

[470] Lelio oder Hilaria. Lisette. Wumshäter. Valer. Laura. Leander.


LELIO in einer halb männlichen und halb weiblichen Kleidung, welche von dem Geschmacke der Schauspielerin abhängen wird. Mein Herr, Sie haben den Lelio und die Hilaria beide zugleich zu sehen verlangt.

WUMSHÄTER. Nun? – Ich weiß nicht, was mir ahndet.

LELIO. Hier sind sie beide.

WUMSHÄTER. Was?

LISETTE. Ja, mein Herr, hier sind sie beide; und Sie waren gefangen.

WUMSHÄTER. Was, ich gefangen?

LISETTE sachte zur Laura. Hatte ich nicht Recht? Mamsell? Sie stutzen?

WUMSHÄTER. Ich gefangen? Wie soll ich das verstehn?

LELIO. Sie werden die Gütigkeit haben, und es so verstehen, daß eben dieselbe Person nicht eine Hand breit größer sein kann, als sie wirklich ist.

WUMSHÄTER. Nun? –

LELIO. Daß eben dieselben Augen nicht zugleich grau und schwarz sein können.

WUMSHÄTER. Nun? –

LELIO. Daß eben dieselbe Nase –[470]

VALER. Kurz, liebster Vater, Indem er ihm zu Fuße fällt. verzeihen Sie meiner unschuldigen List. Lelio ist Hilaria, und Hilaria hatte die Liebe, mir nur deswegen in Mannskleidern hieher zu folgen, damit sie Gelegenheit haben könnte, die Gewogenheit eines Mannes zu erlangen, von welchem sie es wußte, wie unerbittlich er gegen ihr Geschlecht sei.

WUMSHÄTER. Steh auf, mein Sohn, steh auf, und mache der Possen einmal ein Ende. Ich sehe nun wohl, wie es ist. Deine Hilaria ist gar nicht da, und der leichtfertige Lelio hat mit seinem Jungfergesichtchen ihre Rolle gespielt. Pfui, Lelio – Indem er auf ihn los geht. Nein, nein, so leicht hintergeht man mich nicht. Legen Sie immer diesen zweiten Habit wieder ab, mein Guter – Indem er sie auf die Achsel klopfen will. Himmel, was seh ich? O weh, meine arme Augen! Wo geraten die hin. Es ist ein Weibsbild! Es ist wirklich ein Weibsbild! Und das listigste, das verschlagenste, das gefährlichste vielleicht von allen, die in der Welt sind. Ich bin betrogen! Ich bin verraten! Mein Sohn, mein Sohn, wie hast du das tun können!

VALER. Lassen Sie mich nochmals zu Ihren Füßen um Vergebung bitten.

WUMSHÄTER. Was hilft dir meine Vergebung, wenn du meinem Rate nicht mehr folgen kannst? freilich vergeb ich dir, aber –

LELIO. Auch ich bitte auf das demütigste um Verzeihung –

WUMSHÄTER. Gehn Sie nur, gehn Sie nur. Ich vergeb auch Ihnen – weil ich muß!

VALER. Nicht, weil Sie müssen, Herr Vater! Lassen Sie uns diese schmerzliche Worte nicht hören. Vergeben Sie uns, weil Sie uns lieben.

WUMSHÄTER. Nun ja doch, weil ich dich liebe.

LELIO. Und mich bald lieben werden, wie ich gewiß hoffe.

WUMSHÄTER. Sie hoffen zu viel. Daß ich Sie nicht hasse, das wird alles sein, was ich tun kann. Ich sehe wohl, der Mensch soll verliebt, er soll närrisch sein. Was kann ich wider das Schicksal? Sei es, mein Sohn, nur auch. Sei närrisch! durch unsere Narrheit werden wir am sichersten klug. Zieh in Frieden; es ist mir lieb, daß ich wenigstens[471] kein Augenzeuge von deiner Torheit sein darf. Mache nur, daß mir meine Tochter nicht länger widerspenstig ist –

LAURA. Sorgen Sie nicht, Herr Vater, ich will Ihnen nicht einen zweiten Verdruß machen. Ich gebe Herr Leandern meine Hand, und würde sie ihm gegeben haben, wenn Lelio auch nicht Hilaria wäre. Gegen die Hilaria. Dieses Ihnen zur Nachricht, wegen der triumphierenden Miene!

LELIO. Sind Sie ungehalten gegen mich, liebste Laura? Zu Leandern. Wie haben Sie es ewig angefangen, mein Herr, daß Sie ein solches Felsenherz zur Liebe haben bewegen können? Wenn Sie wüßten, was für Angriffe ich auf dasselbe in meiner Verkleidung gewagt, und wie standhaft es gleichwohl –

LAURA. Stille Hilaria, oder ich werde noch ungehalten. Zu Leandern, welcher der Hilaria antworten will. Antworten Sie ihr nicht, Leander, ich verspreche Ihnen, daß Sie nie einen gefährlichem Nebenbuhler haben sollen, als Lelio war.

LEANDER. Wie glücklich bin ich!

VALER. Und wie glücklich bin auch ich!

WUMSHÄTER. Über Jahr und Tag, hoff ich, sollt ihr anders exklamieren!

LISETTE. Freilich anders; besonders wenn mehr Stimmen dazu kommen – Gegen die Zuschauer. Lachen Sie doch, meine Herren, diese Komödie schließt sich wie ein Hochzeitkarmen!


Ende des Misogyn.


Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 1, München 1970 ff., S. 470-472.
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