Dritter Auftritt

[87] Mellefont. Norton. Sara. Betty.


MELLEFONT. Ach, Miß, wenn auch diese Ihre Liebe nicht wäre –

SARA. So wäre ich von uns beiden gewiß die Unglücklichste. Ist Ihnen in Ihrer Abwesenheit nur nichts Verdrießlichers zugestoßen, als mir, so bin ich vergnügt.

MELLEFONT. So gütig empfangen zu werden, habe ich nicht verdient.

SARA. Verzeihen Sie es meiner Schwachheit, daß ich Sie nicht zärtlicher empfangen kann. Bloß Ihrer Zufriedenheit wegen wünschte ich, mich weniger krank zu fühlen.

MELLEFONT. Ha, Marwood, diese Verräterei war noch übrig! Der Nichtswürdige, der mich mit der geheimnisvollsten Miene aus einer Straße in die andre, aus einem Winkel in den andern führte, war gewiß nichts anders, als ein Abgeschickter von ihr. Sehen Sie, liebste Miß, diese List wandte sie an, mich von Ihnen zu entfernen. Eine plumpe List, ohne Zweifel; aber eben weil sie plump war, war ich weit davon entfernt, sie dafür zu halten. Umsonst muß sie so treulos nicht gewesen sein! Geschwind, Norton, geh in ihre Wohnung; laß sie nicht aus den Augen, und halte sie so lange auf, bis ich nachkomme.

SARA. Wozu dieses, Mellefont? Ich bitte für Marwood.

MELLEFONT. Geh! Norton geht ab.[87]


Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 2, München 1970 ff., S. 87-88.
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