Fanny Lewald

Jenny

Von der Verfasserin von Clementine

[3] Bei Gerhard, dem ersten Restaurant einer großen deutschen Handelsstadt, hatte sich im Spätherbst des Jahres achtzehnhundertzweiunddreißig nach dem Theater eine Gesellschaft von jungen Leuten in einem besondern Zimmer zusammengefunden, die anfänglich während des Abendessens heiter die Begegnisse des Tages besprach, allmälig zu dem Theater und den Schauspielern zurückkehrte und nun in schäumendem Champagner das Wohl einer gefeierten Künstlerin, der Giovanolla, trank, welche an jenem Abende die Bühne betreten hatte.

Sie soll leben und blühen in ewiger Schönheit! sagte entzückt der Maler Erlau, und möge es mir vergönnt sein, die Feueraugen und den Götternacken dieses Mädchens immer vor meinen Augen zu haben, wie sie sich mir bei der gestrigen Sitzung zeigten. Ihr seht sie Alle in der falschen, täuschenden Beleuchtung der Bühne, und könnt nicht ahnen, wie schön ihre Farben, wie regelmäßig und vollendet ihre Züge und wie üppig ihre Formen sind. Ich sage Euch, sie ist der Typus einer italienischen Schönheit.

Wenn sie nur nicht so verdammt jüdisch aussähe, sagte wegwerfend der junge Horn, der Sohn und Erbe eines reichen Kaufmanns. Ich sagte es gleich zu meinem Vetter Hughes, den ich Ihnen, lieber Erlau! als einen Mitenthusiasten empfehlen kann, und der für nichts Augen hatte, als für diese Person, die mir wirklich mit all ihrer gepriesenen italienischen, oder sagten Sie orientalischen Schönheit? im höchsten Grade mißfallen [4] hat. Wir lieben in unserer Familie diese Art von Schönheit nicht, es ist eine uns angeborne Antipathie, und mir wurde erst wieder in England bei den schlanken, blonden Insulanerinnen recht wohl, nachdem ich mich in Havre ein Jahr lang unter jenen kleinen, brunetten Französinnen in der Frankfurter Judengasse geglaubt hatte.

A propos, von Judengasse, lieber Ferdinand! fiel der Vetter, ein geborner Engländer, und erst seit wenig Tagen in dieser Stadt, dem Sprechenden ins Wort, wer war wohl das ganz junge Mädchen in der zweiten Loge rechts von der Bühne? Sie ist offenbar eine Jüdin, aber es ist ein sehr interessantes Gesicht.

Ich kenne die Leute nicht, antwortete der Gefragte.

Schämen Sie sich, rief im komischen Zorn der Maler, und verleugnen Sie nicht, wie unser heiliger Apostel Petrus, seligen Andenkens, Ihren Meister und Herrn. Sie sollten den reichen Banquier Meier nicht kennen, bei dessen Vater Ihr Herr Vater die Handlung erlernte, und von dem er die Mittel zu seinem Etablissement erhielt, als er sich in Ihre Mutter verliebte? Freilich kam Ihr Herr Papa durch diese Heirath in die schönste Mitte der Kaufmannsaristokratie, und mag in der Gesellschaft wohl seine alttestamentarischen Verbindungen vergessen haben.

Horn war halb beleidigt, halb verlegen. Ach so! sagte er, die Meiers hatten die Loge? Es waren die Meiers? Die Tochter soll ein hübsches Mädchen werden, eine sehr reiche Erbin, sie steht noch zu Diensten, lieber Vetter! – Das ist aber auch Alles, was ich von ihnen weiß.

So erlauben Sie mir, nahm der Candidat Reinhard, ein schöner, junger Mann, der bis dahin schweigend der Unterhaltung zugehört hatte, die ihm nicht zu gefallen schien, das Wort, so erlauben Sie mir, Ihnen, falls es Sie interessirt, [5] nähere Auskunft über die Familie zu geben. Das Meiersche Haus ist eines der gastlichsten in unserer Stadt, die Mutter eine freundliche, wohlwollende Frau, der Vater ein sehr gescheidter und braver Mann, der ein offenes Herz für die Menschen und die Menschheit hat, und sich lebhaft für Alles interessirt, was es Großes und Schönes gibt. Die Leute haben nur zwei Kinder: einen Sohn, der mein genauer Freund ist, den Doctor Meier, und eben diese Tochter, Jenny Meier, die ich bis vor Kurzem unterrichtet habe.

Und ist Niemand da, der die Handlung fortsetzt, wenn der alte Meier, dessen Firma ja sehr bekannt ist, einmal stirbt? fragte der Vetter.

Ja wohl, ein Neffe, seines Bruders Sohn, der auch Meier heißt, und schon lange in der Handlung ist. Man sagt, er werde die Tochter heirathen und das Geschäft einst übernehmen, antwortete Reinhard zögernd.

Der Glückliche, ich könnte ihn beneiden, denn das Mädchen ist wahrhaft reizend, rief der Engländer aus.

Das denkt Freund Reinhard auch, lachte Erlau, und gewisse Leute wollen behaupten, daß er die junge Dame, nachdem er ihre geistige Ausbildung meisterhaft geleitet, jetzt praktisch in der Conjugation mancher Zeitwörter unterrichte, als da ist: ich liebe, du liebst u.s.w. u.s.w. Werde nicht roth, lieber Reinhard, es ist eine Bemerkung, wie jede andere, und ich theile Deine Neigung und Anhänglichkeit für das ganze Meiersche Haus. Es sind gute und gebildete Leute, und wenn auch die sogenannte Elite der Gesellschaft dort im Hause nicht zu sehen ist, so findet man den größten Theil unserer Gelehrten und Künstler, eine Menge von Fremden, und vortreffliche Unterhaltung bei Meiers. Ich wüßte kein Haus, das ich lieber besuchte, als das ihre.

Sie schildern die Familie so anziehend, daß Sie mir fast [6] den Wunsch einflößen, mich in dem Hause einführen zu lassen, sagte Hughes.

Nicht doch, William! fiel Horn ein, meine Mutter würde das sehr ungern sehen, wie kommst Du nur darauf? Ich bitte Dich, diese Juden hängen wie die Kletten zusammen, und bist Du erst in einem ihrer Zirkel, so steckst Du auch gleich so fest in der ganzen Clique, daß man sich scheuen muß, mit Dir an öffentlichen Orten zu erscheinen, aus Furcht, von Deiner mosaischen Bekanntschaft überfallen zu werden. Die Visite bei Meiers –

Würde Ihnen beweisen, daß Ihr Herr Vetter mit seinen Gesinnungen in mancher Beziehung noch tief im Mittelalter steckt, unterbrach Reinhard die Rede, und ich bekenne Ihnen, Herr Horn, daß mir Ihre Aeußerungen nicht nur in unserer Zeit höchst befremdlich scheinen, sondern daß ich sie geradezu für unschicklich halte, nachdem ich Ihnen gesagt habe, daß ich der Familie befreundet bin und sie hochachte.

Entschuldigen Sie, ich vergaß, daß Sie Lehrer in dem Hause sind und die Sache also anders ansehen müssen. Ich aber, der ich unabhängig bin, gestehe Ihnen – – – –

Gestehen Sie Nichts mehr, Sie haben ja schon so Vieles heute gestanden, rief Erlau dazwischen, was Sie lieber hätten verschweigen sollen. Sie sind ein reicher, junger Kaufmann, sehr elegant, sehr fashionable, was kümmern Sie Geständnisse und Juden? Mein Gott! Sie haben nun einmal die Antipathie, und Sie brauchen ja auch nicht zu Meiers zu gehen, Es hat Sie Niemand gebeten – selbst nicht, fügte er halblaut, gegen Reinhard gewendet, hinzu, als vor drei Jahren die Sonntag dort war und der junge Herr alle Segel aufsetzte, um eingeladen zu werden. Ich bitte Dich, Reinhard, ärgere Dich über den Laffen nicht und laß ihn laufen.

Die Unterhaltung war zu einem Punkte gekommen, auf [7] dem sie leicht eine verdrießliche Wendung nehmen konnte, da öffnete sich plötzlich die Thüre und ein junger, hübscher Mann, kaum dreißig Jahre alt, trat in das Zimmer. Er war nur mittler Größe, aber kräftig und wohl gebaut, hatte krauses, schwarzes Haar, eine gebogene Nase, ein Paar durchdringend kluge, schwarze Augen, und vor Allem eine hohe, gewölbte Stirn, die beim ersten Anblick den Mann von Geist und Charakter verrieth. Seine Bewegungen waren rasch, wie sein Blick. Er hatte eine gelbliche aber gesunde Farbe, und war modern, doch ganz einfach gekleidet. Kaum war er in das Zimmer getreten, als Erlau und Reinhard ihm mit dem Ausruf: Guten Abend, Meier, gut daß Du kommst! entgegen gingen. Er wandte sich aber, die Begrüßung nur flüchtig erwidernd, an Horn, und sagte: Ich komme eben aus dem Hause Ihrer Eltern. Ihr Fräulein Schwester hat sich den Fuß beschädigt, als sie nach der Rückkehr aus dem Theater aus dem Wagen stieg. Man hat mich holen lassen, es ist jetzt Alles in Ordnung, durchaus nichts zu befürchten, und ich freue mich, daß ich Sie hier treffe, denn ich glaube, man erwartet Sie zu Hause. – Guten Abend, und schön, daß ich Euch noch finde, fuhr er, gegen die Freunde gewendet, fort, und setzte sich zu ihnen nieder.

Horn machte ein paar besorgte Fragen, die von Doctor Meier beruhigend beantwortet wurden, dann brach jener auf, und William wollte ihn begleiten. Erlau indessen, der niemals genug Leute beisammen haben konnte, und dem der Engländer gefiel, redete ihm zu, bei ihnen zu bleiben, um noch ein paar Stunden zu plaudern. Im Hause Ihres Onkels können Sie Nichts nützen und hier, sagte er, haben wir Gelegenheit, Sie unserm Freunde, dem Doctor Meier, von dem wir vorhin sprachen, vorzustellen, also bleiben Sie immer hier.

William war das zufrieden, und Horn empfahl sich dem kleinen Kreise, indem er William versicherte, er beneide ihn um [8] den Genuß, in so vortrefflicher Gesellschaft noch länger zu bleiben, dabei warf er einen spöttischen Blick auf Meier, den dieser nicht sah, da er Horn den Rücken zugewendet hatte, und den Reinhard mit verächtlichem Achselzucken erwiderte.

Ein Kellner räumte die leeren Bouteillen, die gebrauchten Gläser fort, und setzte eine volle Flasche vor die Zurückbleibenden hin.

Erlau, Reinhard und William, die schon seit einer Stunde beim Weine saßen, geriethen allmälig in eine immer munterere Laune, gegen welche Meier's Ruhe eigenthümlich abstach. Vor Allen konnte Erlau's ausgelassene Fröhlichkeit sich nicht genug thun; ein Witz folgte dem andern, ein Toast dem andern. Alt-England soll leben! rief er aus, mit seinen freien Institutionen, mit seinem edlen Lord auf dem Wollsack, seiner magna Charta und seinen Constables und Beefsteaks, und Sie sollen leben und leben immer mit uns, wie heute, Mr. Hughes.

Der Toast wurde erwidert. Hughes trank auf die Einheit Deutschlands; Reinhard ließ die deutschen Frauen leben, Erlau vor Allen die Schauspielerin, von der schon früher die Rede gewesen war, und Meier gab sich dem Treiben hin, wie ein Erwachsener, der mit Kindern spielt. Er nahm äußerlich Theil daran, während ihn im Innern offenbar ein anderer Gegenstand beschäftigte, und er in ein Hinträumen versank, aus dem Erlau's Ruf: Meier, die Deinen sollen leben! ihn aufstörte. Schweigend und nur mit dem Kopfe nickend dankte dieser, und trank sein Glas aus. Damit war aber Erlau noch nicht zufrieden.

Mein Gott! Du unerträglich ernsthafter Doctor und Misanthrop, gibt es denn nichts mehr auf der Welt, was Dich aus Deiner philosophischen Philisterlaune herausreißen kann? – Ich erschöpfe mich in hinreißender Geistreichheit, ich verschwende die beste Laune, den allerbesten Wein an Dir, und Du nimmst meine Liebenswürdigkeit, die doch heute ganz außerordentlich ist, [9] hin, wie ein Bettler das tägliche Brot, ohne Freude und Genuß, und gießt den edlen Wein hinunter, gedankenlos, als gälte es, das harte tägliche Brot mit langweiligem Wasser hinabzuspülen. Ich werde irre an Dir, Doctor! Was fehlt Dir, was denkst Du, was meinst Du? Soll ein Gott vom Himmel steigen, um Dir zu beweisen, daß die Welt die beste ist, in der auf ödem Kalkfelsen dieser Göttertrank zu wachsen vermag? in der auf allen Wegen die schönsten Blumen erblühen, und in manchen alten Häusern die hellsten Mädchenaugen blitzen? Sünder, gehe in Dich, und thue Buße, und rufe mit mir: Die Weiber sollen leben! – und – ha! nun hab' ich's, was ihn wecken wird; steht auf, ihr Weisen, und trinket mit mir! Meier, Deine Schwester soll leben! –

Reinhard und Hughes standen auf, und der Letztere rief lebhaft: Ja! das schöne Mädchen mit dem dunkeln Flammenblick soll leben und immer leben! –

Auch Reinhard, in dem noch mancher Widerhall seiner Studentenjahre nachtönte, erhob sein Glas, und bereitete sich, es gegen die andern Gläser klingen zu lassen, nur Meier blieb ruhig sitzen und sagte: Seit wann ist es Sitte, daß man bei Zechgelagen auf das Wohl unbescholtener Mädchen trinkt? Ich werde es wenigstens nicht leiden, daß der Name meiner Schwester in meiner Gegenwart im Weinhause entweiht werde. Setzen Sie sich, meine Herren! den Toast nehme ich nicht an. –

Dieser ruhige, ernste Ton schien Erlau plötzlich abzukühlen, während er den Engländer in lebhafte Bewegung versetzte. Er ging rasch auf Meier zu, und rief: Verzeihen Sie mir, mein Herr! aber Sie müssen mein Freund werden! Wir Engländer haben sonst nicht das Herz auf der Zunge – aber Ihr Deutschen seid unsere Stammverwandten. Ihr wißt es, was sweet home und a blushing maid dem Herzen sein können – Sie wissen [10] es vor Vielen gut, darum schlagen Sie ein, Doctor! ich bin dessen nicht unwerth!

Meier that, wie Jener es verlangte, und that es gern, denn es lag so viel Ehrenhaftes in dem Gesicht des Fremden, daß es augenblicklich für ihn einnahm. Auch Reinhard schüttelte ihm die Hand und man trank auf die Dauer und das Gedeihen des neuen Bundes. Dadurch blieb Erlau allein stehen; er goß zwei Gläser voll, nahm in jede Hand eins derselben und sprach in affectirter Traurigkeit: Auf das U folgt gleich das Weh, das ist die Ordnung im A B C – auf jeden Augenblick voll Wonne eine Ewigkeit von langer Weile, denn ich schwöre Euch! die rechte, wahrhafte Ewigkeit wird erst recht langweilig sein. Auf jede liebenswürdige Sünde folgt bei Euch eine unausstehliche Bußfertigkeit. Anathema! über das ausgeartete Geschlecht, das nicht begreift, wie man sündigt aus süßer, inniger Ueberzeugung; dem nur en passant ein kleines, bornirtes Sündchen in den Weg kommt, und das nie jenes großartige Gebet des edlen Russen begriff und gläubig zu beten vermochte: Herr! führe mich in Versuchung, damit ich unterliege! – Hier stehe ich allein, ich fühle es, in einer verderbten Zeit, in der mich Niemand versteht, und so muß ich für mich allein den Toast ausbringen: Gott erhalte mich in meiner geliebten Sündhaftigkeit, worauf ich dies Glas ausleere – und hole der Teufel Eure verdammte Tugend, bei der man nicht an ein hübsches Mädchen denken und ihm Glück wünschen darf, ohne eine Ladung Moral und ein Fuder Gefühl in den Kauf zu bekommen. – Dabei leerte er das zweite Glas, und sagte verdrießlich, während die Andern herzlich lachten: und nun könnt Ihr Alle ruhig nach Hause gehen, nachdem Ihr mich mit Eurer abgeschmackten Sentimentalität um meine beste Laune gebracht habt. Geht nach Hause und schlaft wie die Ratten und träumt tugendhaft – ich werde noch nach dem Fenster [11] der göttlichen Giovanolla wandeln, und sehen, ob dieser süße Strahl der Liebe, der, Gott sei Dank! keine Heilige ist, noch über der Erde leuchtet, oder ob er sich schon hinter den Wolken des Schlummers verborgen hat, und mir erst morgen wieder als Stern und Sonne aufgehen will. – Beiläufig könnte ich dann diesen unsern Insulaner in das Haus seines Onkels geleiten, in sein sweet home, damit er uns nicht auf den Querstraßen des Lebens verloren gehe, und seine warme Seele nicht erstarre in kalter Winternacht. – Gute Nacht, liebe Söhne! Gute Nacht, Meier – kommen Sie, Herr Hughes! – Mit diesen Worten brach er auf und die Gesellschaft ging aus einander.


Wo warst Du gestern, Eduard? fragte Jenny Meier am nächsten Morgen ihren Bruder, als dieser in das Wohnzimmer seiner Eltern trat, in welchem die Familie frühstückend beisammen saß. Wir hatten Dich zum Thee erwartet, und Du kamst nicht! Auch im Theater bist Du nicht gewesen!

Steinheim war bei mir, und unser Joseph, und wir plauderten eine Weile; dann wollte ich mit ihnen hinauf kommen, und Eure Rückkehr aus dem Theater erwarten, wurde aber plötzlich in das Haus des Commerzienraths Horn gerufen, wo sich die Tochter den Fuß gebrochen hatte, als sie aus dem Theater kam. So gingen meine Gäste fort, und ich sprach nachher, als ich den Verband angelegt hatte und nach Hause gehen wollte, bei Gerhard ein, fand dort Bekannte, und blieb noch eine Stunde sitzen!

Mein Gott! rief die Mutter, hat sich das schöne Mädchen schwer beschädigt?

Du hörst es ja, antwortete der Vater, sie hat den Fuß gebrochen, und ein schwerer Fall, ein ganz verzweifelter muß [12] es wohl sein, wenn der alte Horn sich entschloß, gerade Eduard rufen zu lassen.

Das kannst Du nicht behaupten, lieber Mann! Eduard ist doch, obgleich einer der jüngern Mediciner, in den ersten Häusern der Stadt Hausarzt, sowohl bei Christen, als bei Juden; und Du weißt selbst, wie ungemein zuvorkommend ihm überall begegnet wird, und wie sehr man für ihn eingenommen ist!

Ich weiß es wohl, und es freut mich, daß er sich diese Stellung errungen hat, aber eben so wohl weiß ich, daß es jener ganzen Clique gewiß die höchste Ueberwindung gekostet hat, den jüdischen Arzt in ihre engern Kreise zu ziehen. Sie entschuldigen sich vor sich selbst mit dem Nutzen, den er ihnen gewährt, und doch! wer weiß, ob Eduard überall den gleichen Empfang fände, wenn er sich mit einer Jüdin verheirathete, und für seine Frau dieselben Rücksichten verlangte, als für sich? Den einzelnen jungen Mann nehmen sie allenfalls gern auf. Eine Familie? da würden sie vielleicht Bedenken haben.

Das glaube ich nicht, sagte die Mutter, im Gegentheil, ich bin überzeugt, daß Eduard nur zu werben braucht, um eine Frau, aus welchem christlichen Hause er wollte, zu bekommen, und ich kann es nicht leugnen, daß ich nichts sehnlicher wünsche, als ihn recht bald eine solche Verbindung schließen zu sehen!

Der Vater lächelte, und Eduard erwiderte: Eine Verbindung der Art, liebe Mutter, werde ich nie eingehen, das weißt Du wohl. Ich werde mich niemals taufen lassen, und Deine ehrgeizigen Hoffnungen für mich, mit denen Du in der Zukunft eine große Laufbahn voll Ehrenstellen, Orden und Würden für mich erblickst, werden sich schwerlich jemals verwirklichen. Es sei denn, daß eine neue Zeit für uns heraufkäme.

Die zu schaffen Du Dich berufen fühlst, mit Steinheim, Joseph und Andern, fiel Jenny ein. Ich bitte Dich Eduard, nur beim Frühstück verschone mich mit Politik, nur die eine [13] Tasse Kaffee lasse mich ohne politische Zuthaten genießen. Vater! verbiete ihm überhaupt, schon beim Frühstück vernünftig zu sein. Er hat ja dazu seine große Praxis, und den ganzen, langen Tag, der Morgen muß für uns sein.

Der Vater gab scherzend den gewünschten Befehl und fragte, ob Eduard nicht wisse, wie man bei Horn's darauf gekommen sei, gerade ihn rufen zu lassen.

Ihr Hausarzt, der alte Geheimrath, fand den Fall sehr bedenklich, berichtete der Sohn, that sehr ängstlich, und daher bestand das Fräulein selbst darauf, sich von ihm nicht den Verband anlegen zu lassen, und verlangte, man solle nach mir schicken. Wenigstens erzählte mir der Commerzienrath es so, ich weiß nicht, ob, um mir begreiflich zu machen, daß er selbst es nicht gethan hätte, oder um mir mitzutheilen, welch schmeichelhaftes Vertrauen die Tochter in mich setze.

Ist sie so schön, als sie zu werden versprach? Ich habe sie in der Schule gekannt, sagte Jenny; aber spiele nicht den kalten, gefühllosen Arzt, der nichts sieht, als die Krankheit, fügte sie hinzu.

Sie ist so schön, daß selbst der Kälteste sich an ihrem Anblick freuen muß, antwortete er; dabei war sie so geduldig bei dem großen Schmerz, so liebenswürdig gegen die Umgebung, so dankbar gegen mich, daß ich ganz für sie eingenommen bin. Ich würde es sehr bedauern, wenn sie nicht völlig herzustellen wäre.

Jenny war ganz glücklich, den Bruder so erwärmt zu sehen, und meinte, die Kranke könne sich glücklich schätzen, die werde gewiß sorgsamer und besser als manche Königin behandelt werden, aber Eduard möge sich bei der Kur nicht zu sehr anstrengen, damit er sich nicht etwa selbst eine Herzkrankheit zuziehe, die leicht unheilbar sein könnte.

Nun kam auch Joseph Meier, der Neffe, welcher ebenfalls [14] im Hause wohnte, dazu. Er war fast in gleichem Alter mit Eduard, doch ließ sein düsteres Wesen ihn älter erscheinen als er war. Er hatte ein kluges Aeußere, ohne hübsch zu sein, weil er sehr unregelmäßige Züge hatte, und gewöhnlich etwas mürrisch aussah. Nur selten flog ein Lächeln über das markirte Gesicht und verbreitete ein mildes Licht über die Augen, die eigentlich höchst gutmüthig waren, aber fast immer brütend zur Erde blickten. Joseph und Eduard waren von Kindheit an die besten Freunde gewesen, und hatten, einander gegenseitig ergänzend, sich zu dem gebildet, was sie geworden waren, zu tüchtigen Menschen, Jeder in seiner Art. Nur fehlte Joseph das liebenswürdige Wesen, der schöne ungezwungene Anstand, die Eduards Erscheinung so angenehm machten; und vor Allem hatte dieser eine angeborene Beredsamkeit, während Joseph in den meisten Fällen nur kurz und abgebrochen sprach.

Natürlich wurde bei Josephs Ankunft das eben Mitgetheilte wiederholt und nochmals besprochen. Er ließ sich das Ganze ruhig erzählen, und sagte dann mit seinem gewöhnlichen sonderbaren Lächeln: O ja, so sind sie, wenn sie Dich brauchen, können sie recht liebenswürdig sein. – Aber höre doch einmal, wie sie von Dir reden, wenn sie unter sich sind. – Frage einmal, ob sie Dich für ebenbürtig halten?

Diese Aeußerung, eben jetzt ausgesprochen, wo man in so guter Laune war, verstimmte die Uebrigen sichtlich. Jenny, die das düstere Wesen des Vetters nicht liebte, war die Erste, die ihren Verdruß äußerte, indem sie ihm den Caffee mit den Worten reichte: Da! Du Störenfried! trinke nur, damit Du nicht brummen kannst. – Auch Madame Meier schien unzufrieden. Der Vater fing an, die Zeitungen zu lesen, die Joseph mitgebracht hatte, und nur der Doctor plauderte noch eine Weile mit ihm fort; dann entfernten sich die drei Männer, [15] um an ihre Geschäfte zu gehen, und nur Mutter und Tochter blieben zurück.

Joseph wird doch von Tag zu Tag unerträglicher, sagte die Letztere, er wird immer finsterer, immer abstoßender, und ich freue mich auf kein Fest, auf nichts mehr, sobald er dabei ist, weil ich weiß, daß er mir jede Freude stört.

Und doch glaube ich, wandte die Mutter ein, daß es kaum ein reicheres, edleres Herz gibt, als das seine. Ich wüßte Niemand, der so freudig Alles für seine Geliebten zu opfern bereit wäre, Niemand, der es mit mehr Anspruchslosigkeit thäte als er. Auch achten wir Alle ihn von Herzen, haben ihn sehr lieb, und es thut mir leid, daß Du Dich nicht in seine Eigenheiten schicken kannst.

Können? mein Gott! können würde ich es schon, aber ich will es gar nicht.

Das ist es eben, was mich betrübt, mein Kind! – Dies ewige ich will und ich will nicht, dies unfügsame in Deinem Wesen, das ist es, was mich über Dich besorgt macht. Als Du geboren wurdest, und ich Dich auf meinem Schooße heranwachsen sah, habe ich oft zu Gott gebetet, er möge alles Unheil von Dir abwenden. Bisher ist mein Gebet auf fast wunderbare Weise erhört worden, und doch sehe ich es mit Schmerz, daß wir Menschen Gott eigentlich um nichts bitten dürfen, weil wir nicht wissen, was uns frommt.

So hättest Du mir also lieber Unglück wünschen sollen? fragte die Tochter lächelnd.

Zu Deinem wahren Heile wäre es vielleicht besser gewesen. Ich schloß von meinem Herzen auf das Deine, und darin irrte ich. In Dir ist der Charakter Deines Vaters, der feste, starke Sinn, und Eduards Einfluß hat diese Charakter-Richtung in Dir noch mehr ausgebildet. Vom Glück verzogen, von uns Allen mit der nachgiebigsten Liebe behandelt, hast Du es [16] nie gelernt, Dich in den Willen eines Andern zu fügen; was man an Dir als Eigensinn hätte tadeln sollen, das haben Vater und Bruder als Charakterfestigkeit gelobt, und ich begreife, daß Dir Joseph zuwider ist, weil er allein Dir entschieden und mit Nachdruck entgegentritt. Trotzdem weiß ich, daß er Dich mehr liebt, als Viele, die Dir schmeicheln. Bei den Worten reichte die milde Frau der Tochter die Hand. Diese nahm sie, drückte einen Kuß darauf, und saß eine Weile schweigend bei ihrer Arbeit.

Man sah es ihrem lieblichen Gesichte an, daß irgend ein Entschluß, ein Gedanke sie beschäftigte; auch legte sie plötzlich die Arbeit bei Seite, sah ganz ruhig die Mutter an und sagte mit einer Stimme, der man nicht das Geringste von der Bewegung anmerkte, die ihre Züge verriethen: Mutter! den Joseph heirathe ich niemals. Niemals, Mutter! – Sage ihm das, und auch dem Vater. Ich weiß, daß Ihr es wünschet, daß Joseph es erwartet und mich nur erzieht, um eine gute Frau an mir zu haben; die Mühe aber kann er sparen. Sieh, fuhr sie fort, und ihre Fassung verlor sich mehr und mehr, so daß sie zuletzt bitterlich weinte, sieh, gute Mutter! was Dein Beispiel, Deine Geduld, und Vater und Eduard, die ich so lieb habe, nicht über mich vermochten, das kann Joseph, den ich gar nicht liebe, gewiß nicht von mir erlangen. Ihr sagt oft, ich sei noch ein Kind, ich werde erst in einigen Wochen siebzehn Jahre, aber solch ein Kind bin ich nicht mehr, daß des Cousins rauhe, befehlende Art mich nicht verletzte. Andere haben mich auch getadelt, aber sie verlangen nicht das Unmögliche von mir. Dort die große, hohe Pappel im Garten biegt der Wind hin und her, und meinen kleinen, stacheligen Cactus hat er gestern mitten durchgebrochen, weil er sich nicht beugen konnte. So ist mein Herz! Es mag Euch starr, rauh und häßlich erscheinen, aber es kann, so hoffe ich, Blüthen tragen, die Euch freuen. Man [17] kann mein Herz brechen, aber es niemals zu schwächlichem Nachgeben, zu schwankender Gesinnung überreden – und das schwöre ich Dir, lieber will ich sterben, als Joseph's Frau werden.

Laut schluchzend warf sie sich vor die Mutter nieder und barg das Gesicht in ihren Schooß. Erschreckt über so viel unerwartete Leidenschaftlichkeit schlang die besorgte Mutter die Arme um das geliebte Kind und versuchte auf alle Weise es zu beruhigen. Sie versicherte Jenny, daß sie allerdings glaube, der Vater würde ihre Verbindung mit Joseph gern sehen, doch sei es ihm nie in den Sinn gekommen, jemals ihrer Neigung Zwang anzuthun. Sie solle selbst über ihre Zukunft entscheiden; sie wisse ja, daß die Eltern keinen andern Wunsch hätten, als das Glück ihrer Kinder – aber Alles war vergeblich. Jenny konnte nicht zur Ruhe kommen, und die Mutter sah an der Leidenschaftlichkeit, die so plötzlich, so anscheinend grundlos hervorgebrochen war, daß wohl schon lange ein andres stilles Feuer in Jenny's Seele geglüht haben mochte. Wer dieses Feuer aber angefacht, das wußte sie nicht zu errathen. Sie konnte sich nicht erinnern, daß irgend einer der jungen Männer, die in ihr Haus eingeführt waren und Jenny auf jede Weise huldigten, einen besonderen Eindruck auf diese gemacht hätte. Sie sann und sann, während die Tochter noch ganz erhitzt und aufgeregt wieder an den Nähtisch zurückgekehrt war, und sich emsiger als sonst mit einer Arbeit beschäftigte, die gar nicht so großer Eile bedurfte. Sie wurde aber allmälig ruhiger dadurch, und hatte sich äußerlich bereits gesammelt, als man den Doctor Steinheim meldete.

Einen Augenblick schwankte die Mutter, der in dieser Stimmung jeder Besuch unwillkommen war, ob sie ihn annehmen solle, oder nicht, dann entschied sie sich dafür, weil sie hoffte, Steinheim's Lebhaftigkeit werde Jenny auf angenehme Weise zerstreuen. Als er darauf nach wenig Minuten in das [18] Zimmer trat, wurde er von beiden Damen wie ein alter Bekannter behandelt. Er mochte siebenundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein, hatte eine große, kräftige Figur und einen vollblütigen, rothbraunen Teint. Sein krauses schwarzes Haar, die dunkeln Augen und der starke bläuliche Bart konnten ebenso gut dem Südländer als dem Juden gehören, und machten, daß er von vielen Leuten für einen schönen Mann gehalten wurde, während Andere die Kohlschwarzen Augen starr und unheimlich, die Schultern hoch, den starken Hals zu kurz und Hände und Füße so groß fanden, daß dieses Alles ihm jeden Anspruch auf wirkliche Schönheit unmöglich mache. Er selbst schien indessen gar nicht dieser Meinung zu sein, das bewies die sehr studirte Toilette, die aber trotz ihrer gesuchten Eleganz des Geschmacks ermangelte. Er trug an jenem Morgen einen kurzen dunkelgrünen Ueberrock, zu dem eine ebenfalls grüne Atlasweste und mehr noch ein dunkelrother türkischer Shawl sonderbar abstachen, den er unter der Weste kreuzweise über die Brust gelegt und mit einer großen Brillantnadel zusammengesteckt hatte. Handschuhe, Stiefel und Frisur waren nach der modernsten Weise gewählt, aber all das stand ihm, als ob er es eben wie eine Verkleidung angelegt hätte. Es war für den feinen Beobachter etwas Unharmonisches in der ganzen Erscheinung, das störend auffiel.

Ich bitte tausendmal um Vergebung, sagte er, daß ich in diesem Morgenanzug vor Ihnen erscheine, aber ich bin so durchweg erkältet, meine Nerven sind so abgespannt, mein Wunsch, Sie zu sehen, war so groß, daß ich dachte, die Damen entschuldigen Dich wohl. Es ist allerdings eine Verwegenheit – aber: »ich kann nicht lange prüfen oder wählen, bedürft Ihr meiner zu bestimmter That, dann ruft den Tell! Es soll an mir nicht fehlen.«

Mein Gott! Herr Doctor! geht es so bergab mit Ihnen, [19] daß Sie von dem göttlichen Shakespeare, dem erhabenen Calderon und dem heiligen Schmerzenssohne unserer Zeit, dem unvergleichlichen Byron, schon zu unserm armen Schiller zurückkehren müssen? Sie haben also in den letzten Tagen wohl gar zu viele Citate verbraucht? fragte Jenny spottend, und –

Jenny! 'rief die Mutter mit mißbilligendem Tone. – Aber Steinheim ließ sich nicht stören, er ging zu Jenny und sprach: »Mit Ihnen, Herzogin, hab' ich des Streits auf immer mich begeben,« und Sie werden auch nicht mehr streiten wollen, meine schöne kleine Feindin! wenn ich Ihnen sage, daß ich als der Verkünder sehr interessanter Nachrichten komme. Erstens ist Erlau entzückt über den Vorschlag Ihrer Frau Mutter, hier am Sylvesterabend Tableaux darzustellen, zweitens – nun rathen Sie – hat man heute Herrn Salomon, einen jüdischen Kaufmann, zu einem städtischen Amte erwählt.

Das Letztere ist mir ungemein gleichgültig, rief Jenny, aber für die erste Nachricht bin ich Ihnen sehr dankbar, und sie macht mir großes Vergnügen. Weiß es Eduard schon?

Was denn?

Daß der Kaufmann Salomon gewählt ist? – fragte Jenny.

Also sehen Sie, sehen Sie, es ist Ihnen doch nicht so gleichgültig, als Sie behaupten, und wie könnte es auch. Wen sollte es nicht freuen, wenn alte barbarische Vorurtheile allmälig vor der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit weichen müssen; wenn ein Volk, das Jahrhunderte hindurch mit Füßen getreten wurde, endlich allmälig die Rechte erlangt, an die es dieselben Ansprüche hat, als die andern Bürger des Staates, wenn .... A propos! was ist gestern bei Horn's vorgefallen, man ließ ja Eduard noch so spät holen? sagte Steinheim, der oft von dem Hundertsten, wie man sagt, auf das Tausendste kam. – Ich höre, die Clara Horn hat den Fuß [20] gebrochen; Erlau sagte es mir, der mich, das fällt mir eben ein, bei der Giovanolla erwartet! Wie hat sie Ihnen gestern gefallen, die Giovanolla? Sie gehen doch morgen wieder hin? – Das Alles fragte er so durcheinander, daß es nicht möglich war, irgend eine der Fragen zu beantworten; dann wandte er sich, Abschied nehmend an Madame Meier, rieth Jenny nochmals, das Theater nicht zu versäumen, und empfahl sich mit den Worten: »So süß ist Trennungswehe, ich sagte wohl Adieu, bis ich den Morgen sähe.«

Mutter und Tochter sahen ihm lächelnd nach.

Ehe wir in der Erzählung fortfahren, müssen wir aber einen Rückblick auf den Lebensweg der Personen werfen, von denen diese Blätter handeln sollen.


Die Familie Meier galt bei Allen, die sie kannten, für eine der glücklichsten. Der Vater hatte ein hübsches Vermögen, das er von seinen Eltern ererbt, durch Thätigkeit und kluge Berechnung in einen großen Reichthum verwandelt, dessen er bei seiner Bildung auf würdige Weise zu genießen wußte, und von dem er dem Dürftigen gern und reichlich mittheilte. Aus Neigung hatte er sich früh mit seiner Frau, einem schönen und guten Mädchen, verheirathet, die ihm mit immer gleicher Liebe zur Seite gestanden, und ihm zwei Kinder, Eduard und Jenny, geboren hatte. In seiner Frau, und mit ihr in diesen beiden Kindern, hatte Meier Trost und Ersatz gefunden, wenn Welt und Menschen ihren Haß und ihre Unduldsamkeit gegen den Juden bewiesen, wenn man ihn ausgeschlossen hatte von Gemeinschaften, ihm Rechte verweigert, deren Gewährung jeder Mann von Ehre zu fordern hat. Die Thätigkeit, Wirksamkeit und Liebe,[21] denen einer großen Gesammtheit zu nutzen nicht vergönnt war, waren lange Zeit hindurch Eduard's alleiniger Segen geworden, da er mehr als zehn Jahre älter war als seine Schwester.

Man wundert sich oft, daß die Juden noch immer die Geburt eines Messias erwarten und die göttliche Sendung Jesu weder anerkennen noch begreifen. Aber von ihrem Standpunkte aus muß das ganz natürlich scheinen. Wie sollten sie an eine Lehre glauben, deren mißverstandene Grundsätze ihnen bis auf den heutigen Tag die blutigsten, widersinnigsten Verfolgungen zugezogen haben? wie an einen Erlöser, der sie bis jetzt nicht von Schmach und Unterdrückung erlöset hat? Von der Liebe, die Jesus der Menschheit gepredigt, haben die Juden bei den Christen seit jener Zeit wenig zu bemerken Gelegenheit gehabt. Sir haben in der That noch keinen Messias gefunden. Welch ein Wunder also, wenn sie ihn um so sehnlicher erwarten, je mehr sie der Befreiung und Erlösung sich werth fühlen; wenn jeder Vater bei der Geburt eines Sohnes freudig hofft, dies könne der Erlöser seines Volkes werden, und wenn er den Knaben so erziehen möchte, daß der Mann reif werde für den großen Zweck.

So war auch Eduard's Erziehung in jeder Beziehung sorgfältig geleitet worden. Sie sollte ihn zu einem Menschen heranbilden, der in sich Ersatz für die Entbehrungen finden könnte, welche das Leben ihm auferlegen würde, und sollte ihn anderseits fähig machen, die Verhältnisse zu besiegen, und sich wo möglich eine Stellung zu verschaffen, die ihn der Entbehrungen überheben und alle Vorurtheile besiegen könne. Glücklicherweise kamen Eduard's Fähigkeiten dem Wunsche seiner Eltern entgegen. Eine starke Fassungsgabe und eine große Regsamkeit des Geistes machten, daß er die meisten seiner Mitschüler überflügelte, und erwarben ihm ebenso sehr die Gunst der Lehrer, als eine gewisse Herrschaft über seine Gefährten. Von Liebe und [22] Wohlwollen überall umgeben, schien sein Charakter eine große Offenheit zu gewinnen, und er galt für einen fröhlichen, sorglosen Knaben, bis einst in der Schule der Sohn einer gräflichen Familie, mit dem er sich knabenhaft in Riesenplanen für die Zukunft verlor, bedauernd gegen ihn äußerte: Armer Meier, Dir hilft ja all Dein Lernen Nichts, Du kannst ja doch nichts werden, weil Du nur ein Jude bist.

Von dieser Stunde ab war der Knabe wie verwandelt. Er erkundigte sich eifrig nach den Verhältnissen der Juden, er fühlte sich gedrückt und gekränkt durch sie, und nur sein angeborner Stolz verhinderte ihn, sich gedemüthigt zu fühlen; doch entwickelte sich durch das Nachdenken über diesen Gegenstand bei ihm sehr früh der Begriff von jenen Rechten des Menschen, die Alle in gleichem Grade geltend zu machen vermögen, das Bewußtsein innern Werthes, und ein Zorn gegen jede Art von Unterdrückung. Je älter er wurde, und je mehr er erkennen lernte, welche Vorzüge ihm schon bei seiner Geburt, durch die Aussicht auf eine glänzende Unabhängigkeit zu Theil geworden waren, je bestimmter er einsah, zu welchen Ansprüchen ihn seine Fähigkeiten einst berechtigen dürften, um so mehr empörte sich sein Herz gegen ein Vorurtheil, das alle seine Hoffnungen unerbittlich vernichtete.

Grade in der Zeit von Eduard's Kindheit war wieder eine neue Judenverfolgung durch ganz Deutschland gegangen und die allgemeine Stimmung hatte sich natürlich auch in der Schule sichtbar gemacht, die Eduard besuchte. Spott und Kränkungen mancher Art waren nicht ausgeblieben; man hatte wohl gehofft, der feige Judenjunge werde Alles ruhig dulden. Darin hatte man sich aber geirrt. Eduard's Charakter war furchtlos, und er erlangte durch Uebung bald eine Gewandtheit und Entschlossenheit, die Jeder sich anzueignen vermag. Er lernte fechten, reiten, schwimmen, und nachdem er sich ein paar Mal mit starker Hand selbst sein Recht verschafft hatte, fand er Ruhe, [23] und endlich auch wieder seine frühere überlegene Stellung zu seinen Gefährten wieder. Hatte der Jüngling früher in einzelnen Momenten dem Gedanken Raum gegeben, sich von dem Judenthume loszusagen und christ zu werden, so verschwand der Plan plötzlich bei dem Anblick der Rohheiten, die er als Knabe selbst von sogenannten gebildeten Christen gegen seine Glaubensgenossen ausüben sehen. Er konnte sich nicht denken, daß das Recht und die Wahrheit sich auf einer Seite befänden, die so zu handeln im Stande war, und Verfolgung machte auch ihn, wie tausend Andere zu allen Zeiten, nur fester seinem Volke angehörig.

Er hatte sich aber in jener Zeit gewöhnt, sich in der Opposition zu empfinden und das Gefühl verließ ihn nie wieder, weil er beständig in Verhältnissen lebte, die dazu gemacht waren, seine Opposition hervorzurufen.

Da Eduard keine Neigung für den Kaufmannsstand hegte, beschlossen seine Eltern, ihn studiren zu lassen, wobei ihm freilich nur die Wahl blieb, Mediziner zu werden, oder nach beendigten Studien in irgend einem andern Fache als Privatgelehrter zu arbeiten, da ihm der Eintritt in eine Staatsstelle ebenso wie die Erlangung eines Lehrstuhles als Jude unmöglich waren. Er entschied sich für das Erstere und verließ das Vaterhaus, um die Universität zu beziehen.

Glücklicherweise herrschte damals auf den Hochschulen ein freier akademischer Geist, und die neuen Verhältnisse übten auf Eduard einen guten Einfluß aus. Hier galt er selbst, sein eigenstes Wesen, ohne daß ihn Jemand fragte, wer bist Du? und was glaubst Du? Sein Geist, seine körperliche Gewandtheit erwarben ihm die Achtung seiner Genossen, sein Fleiß, das Wohlwollen der Lehrer, und die Bereitwilligkeit, mit der sein reichlich gefüllter Beutel Allen offen stand, die Sorglosigkeit und Genußfähigkeit, die er zu jedem Feste brachte, machten ihn bald [24] zum Lieblinge der ganzen Burschenschaft, der er sich mit jugendlicher Begeisterung angeschlossen hatte. Die Idee der Freiheit und Sittlichkeit, die jenem Bunde ursprünglich zum Grunde lag, berührte die zartesten Seiten seiner Seele, und kam seiner ganzen Richtung entgegen. Er fühlte sich gehoben als Glied eines schönen Ganzen, das harmonisch aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzt war, frei in einem Verbande, in dem Alle gleiche Rechte genossen.

Unter den Jünglingen, die sich an ihn angeschlossen hatten, und deren Freundschaft ihn beglückte, war Reinhard ihm der liebste geworden. Er war der Sohn einer armen Predigerwittwe, die einer reichen Familie angehörte. Von seinen Verwandten unterstützt, hatte er die Schule besucht und kaum die Universität bezogen, als er erklärte, nun weiter keines Beistandes zu bedürfen, da er in sich die Kraft fühle, für seine Existenz selbst zu sorgen und hoffentlich auch seine Mutter ernähren zu können. Es hatte ihn seit Jahren schmerzlich gedrückt, von Andern abhängig zu sein, es hatte ihn gedemüthigt, seine Mutter von den Wohlthaten einer hochmüthigen Familie leben zu sehen, welche ihr niemals die Heirath mit einem armen bürgerlichen Candidaten vergeben wollen. Abhängigkeit irgend einer Art schien ihm die größte Schmach, weil sie ihm Kränkungen zugezogen, die er nie vergessen konnte, und nur zu leicht mußten er und Eduard sich verständigen, da Beide, wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen, sich in ihrem Ehrgefühle verletzt, in mancher Rücksicht von der Allgemeinheit ausgeschlossen empfunden hatten.

Wenn Reinhard den halben Tag mit mühevollem Unterrichten zugebracht hatte, und mit unerschütterlichem Eifer seinen theologischen Studien nachgekommen war, erquickte ihn Abends der Frohsinn, der Geist und der Reichthum an Hoffnungen, mit denen Meier in die Zukunft sah. Im Anfang ihrer Bekanntschaft [25] waren ihre religiösen Ueberzeugungen freilich oftmals zwischen ihnen zur Sprache gekommen, und ein Gegenstand lebhafter Erörterungen geworden. Meier konnte es nicht begreifen, wie man an einen Sohn Gottes, an seine Menschwerdung, an die Dreieinigkeit, an die wirkliche Anwesenheit Christi im Abendmahl zu glauben vermöge – ein Glaube, den Reinhard mit tiefer Ueberzeugung heilig hielt, und den zu lehren und zu predigen sein sehnlichster Wunsch war; denn er gehörte zu jenen poetischen Naturen, die sich Alles, was sie ergreifen, zu einer Religion gestalten, und bei denen der Glaube an die Wunder ein wahrhaftes Bedürfniß ist. Später aber war davon niemals mehr die Rede zwischen ihnen gewesen, weil sie fühlten, daß der verschiedene Glaube sie Beide doch zu demselben Ziele leite, und ein äußeres Ereigniß war dazu gekommen, sie noch fester zu verbinden.

Es war gegen die Zeit ihres Abgangs von der Universität gewesen, als die Regierung es für nöthig gefunden hatte, eine Untersuchung gegen die Burschenschaft einzuleiten. Meier und Reinhard waren nebst vielen Andern verhaftet, längere Zeit mit Verhören und Untersuchungen geplagt und erst nach einem halben Jahre freigesprochen worden. Meier hatte diese Zeit gezwungener Zurückgezogenheit benutzt, sich für sein Doctorexamen vorzubereiten, das er in den ersten Tagen der wiedererlangten Freiheit gemacht, und war dann in seine Vaterstadt zurückgekehrt, um dort seine Carriere zu beginnen. Zwar war er, wie es zu geschehen pflegte, noch eine geraume Zeit unter der sorgsamen Aufsicht der höhern Polizei geblieben, aber das hatte ihn in der Ausübung seiner medicinischen Praxis nicht gehindert, die er gleich mit dem glücklichsten Erfolge begann. Anfänglich waren es, wie gewöhnlich, nur die Armen gewesen, die seiner Hülfe begehrt und sie bei ihm gefunden hatten, doch das Gerücht von einigen glücklichen Kuren, von [26] seiner Uneigennützigkeit und Menschenliebe, hatte sich schnell verbreitet, seine Praxis hatte angefangen, sich auch in den höhern Ständen auszudehnen, und sein Loos würde ein beneidenswerthes gewesen sein, wenn nicht aufs Neue die alten Vorurtheile gegen ihn geltend gemacht worden wären.

Meier's sehnlichster Wunsch war nämlich dahin gegangen, Vorsteher irgend einer bedeutenden klinischen Anstalt zu werden, um lehrend zu lernen und zu nützen. Auf eine solche Stelle an irgend einer Universität Deutschlands hatte er aber nicht rechnen können, und es war ihm also wünschenswerth geworden, wenigstens die Leitung einer Krankenanstalt zu erhalten. Als dann durch den Tod eines alten Arztes die Directorstelle eines Stadtlazareths freigeworden, hatte er nicht gezögert, sich darum zu bewerben, besonders da er einer günstigen Meinung im Publicum gewiß gewesen war. Die Vorstellungen der Armenvorsteher und mancher andern Leute hatten die betreffende Behörde auch wirklich dazu vermocht, den jungen geachteten Arzt, dessen Kenntnisse ihn ebenso sehr zu dieser Stelle empfahlen, als seine strenge Rechtlichkeit und seine reinen Sitten, zum Director zu wählen und bei der Regierung um seine Bestätigung einzukommen. Meier war auf dem Gipfel des Glückes gewesen, und in der Freude seines Herzens hatte er sich, nachdem er gewählt worden war, anheischig gemacht, auf das immerhin bedeutende Gehalt zu Gunsten der Lazarethkasse zu verzichten. Einige Wochen waren in frohen Erwartungen hingeschwunden, er hatte die Glückwünsche seiner Freunde empfangen und bereits daran gedacht, seine Wohnung im elterlichen Hause mit der neuen Amtswohnung zu vertauschen, als der Bescheid der Regierung angelangt war, welcher statt der erwarteten Bestätigung die Aufforderung enthalten, Meier möge zum Christenthume übertreten, da es ganz gegen die Ansichten der Regierung sei, einem Juden irgend eine Stelle anzuvertrauen. Vergebens waren seine [27] Vorstellungen, wie der Glaube bei einer solchen Anstellung gar kein Hinderniß sein könne, wie diese Zurückweisung in den Gesetzen des Staates nirgends begründet sei – die Regierung war bei ihrem Entschlusse geblieben. Man hatte Meier einen unruhigen Kopf genannt; seine Neider, an denen es dem Talentvollen, Glücklichen nie fehlt, hatten über die jüdische Anmaßung gelacht, die sich zu Würden dränge, für die sie nicht berufen sei, und dabei vergessen, daß die Behörden selbst den verspotteten Gegner durch ihre Wahl für den Würdigsten erklärt hatten.

Auf das Empfindlichste gekränkt, hatte Meier schon damals sein Vaterland verlassen wollen; doch die angeborene Liebe zu demselben und der Gedanke an seine Eltern hatten ihn davon zurückgehalten. Er war in der Heimath geblieben, und obgleich er das Unrecht, das ihm geschehen, niemals vergessen, oder es verschmerzen können, das schöne Feld für seine Thätigkeit verloren zu haben, hatten ihn die Anerkennung, die er fand, der ausgezeichnete Ruf, den er erwarb, endlich schadlos gehalten für die erfahrene Zurücksetzung.

Bei seiner Rückkehr von der Universität hatte er Jenny als ein liebliches Kind von eilf Jahren wiedergefunden, das sich mit leidenschaftlicher Innigkeit an ihn hing, und für das er eine Zärtlichkeit fühlte, die ebenso viel von der Liebe eines Vaters, als eines Bruders besaß. Die Eltern hatten die Kleine niemals aus den Augen verloren, und jeden Wunsch des nachgebornen Lieblings mit zärtlicher Zuvorkommenheit erfüllt. Eduard war überrascht durch den Verstand und den schlagenden Witz des Kindes, er sah, daß ein lebhaftes, leidenschaftliches Mädchen aus demselben werden müsse, konnte sich es aber nicht verbergen, daß die übergroße Liebe seiner Eltern in Jenny eine Herrschsucht, einen Eigensinn entstehen gemacht hatten, dem bis jetzt nur durch seinen Vetter Joseph eine Schranke gesetzt worden war, der, im Meierschen Hause lebend, die Kleine mit seiner [28] ernsten, rauhen Art tadelte und zurechtwies. Dafür hatte Jenny den Cousin schon damals nicht leiden mögen, und es dem Bruder unter vielen Thränen geklagt, wie garstig der Joseph sei, wie er ihr Alles zum Trotze thäte, und wie sie hoffe, in Eduard einen Beschützer gegen den unliebenswürdigen Cousin zu finden.

Der junge Mann begriff bald, daß bei Jenny mit Strenge nichts auszurichten sei, und machte sich in der ersten Zeit seiner Anwesenheit selbst zu ihrem Lehrer und Erzieher. Sie lernte fast spielend, ja es schien oft, als läge das Verständniß aller Dinge in ihr, und man dürfe sie nur daran erinnern, um klar und deutlich in ihr Kenntnisse hervorzurufen, die man ihr erst mitzutheilen wünschte. Ebenso wahr und offen als Eduard, wuchs sie diesem von Tag zu Tag mehr ans Herz, und obgleich er gegen die Eltern oft beklagte, daß sich in Jenny zu viel Selbstgefühl und eine fast unweibliche Energie zeigten, obgleich er es Joseph zugestehen mußte, daß sich bei ihr die Eigenschaften des Geistes nur zu früh, die des Herzens aber scheinbar gar nicht entwickelten, so fiel es ihm doch schwer, als er nach zwei Jahren den Unterricht derselben aufgeben mußte, weil seine zunehmende Praxis ihm keine Zeit mehr dazu übrig ließ.

Eduard drang deshalb darauf, man möge seine Schwester einer Privatschule anvertrauen, die von den Töchtern der angesehensten Familien besucht wurde. Er hoffte, der Umgang und das Zusammenleben mit Mädchen ihres Alters werde bei Jenny die Härten und Ecken, die ihr Charakter zu bekommen schien, am leichtesten vertilgen. Die Eltern folgten seinem Rathe und die neuen Verhältnisse machten in vielen Beziehungen einen günstigen Eindruck auf Jenny. Sie gewöhnte sich, ihrem Witze nicht so zügellos den Lauf zu lassen wie in dem elterlichen Hause, wo man ihre beißendsten Einfälle nur lachend getadelt hatte; sie lernte es, sich in den Willen ihrer Mitschülerinnen zu[29] fügen, dem Lehrer zu gehorchen, aber sie fing auch an, sich ihrer Fähigkeiten bewußt zu werden, welche sie in eine Klasse gebracht, in der alle Mädchen ihr im Alter um mehrere Jahre voraus waren. Von einem Umgange, wie Eduard ihn für sie gehofft hatte, war indessen nicht die Rede. Die halberwachsenen Mädchen dieser ersten Klasse mochten sich größtentheils mit dem bedeutend jüngern Kinde weder unterhalten, noch befreunden, das ihnen obenein von den Lehrern mitunter vorgezogen wurde. Andere, denen Jenny's lebhaftes, freimüthiges Wesen behagte, und die gern mit ihr zusammen waren, konnten von ihren Eltern nicht die Erlaubniß erhalten, die Tochter einer jüdischen Familie einzuladen oder zu besuchen, und zu diesen Letztern gehörte auch Clara Horn. Zwei Jahre älter als Jenny, hatte sie dieselbe unter ihre Vormundschaft genommen, ihr gerathen und geholfen, wenn das verzogene Mädchen sich in den strengen Schulzwang nicht zu finden gewußt, und dadurch ihr volles Vertrauen erworben. Ihr hatte Jenny in den Zwischenstunden von ihren Eltern, von ihrem Bruder, von allen ihren Freuden erzählt, und damit ihrer Beschützerin eine Vorliebe für die ganze Meiersche Familie eingeflößt. Wenn nun Clara nach solcher Mittheilung ihre kleine Freundin glücklich pries, und sie um die Eintracht ihrer Eltern und die Liebe ihres Bruders beneidete, da sie Beides entbehrte, wenn Jenny sie dringend bat, zu ihr zu kommen und das Alles mit ihr zu genießen, hatte Clara immer verlegen geantwortet, sie dürfe das nicht. Endlich hatte Jenny sie einmal beschworen, ihr den Grund zu sagen, warum sie nicht zu ihr kommen könne, da hatte Clara ihr mit Thränen erklärt, sie dürfe nicht, weil Jenny's Eltern Juden wären und ihre Eltern diesen Umgang niemals gestatten würden. Jenny wurde glühend roth, sprach aber kein Wort, und gab nur schweigend der weinenden Clara die Hand. Die nächsten Stunden saß sie so zerstreut da, daß weder [30] Lehrer noch Mitschüler sie erkannten. Sie dachte über Clara's Worte nach, und es wurde ihr klar, wie sie allein und einsam in der Schule sei, wie keines von den ihr befreundeten Mädchen sie besuche, oder ihre Einladungen annähme, außer bei solchen Gelegenheiten, wo man die ganze Klasse einlud, und sie, ohne es zu auffallend zu machen, nicht zurücklassen konnte. Sie erinnerte sich der ewigen Frage, bei wem sie eingesegnet werden würde, und des Lächelns, wenn sie den Namen des jüdischen Predigers nannte. Es schien ihr unerträglich, künftig in diesem Kreise zu leben, und als sie nach Hause kam, warf sie sich weinend den Eltern in die Arme, flehentlich bittend, man möge sie aus der Schule fortnehmen. Alle Thränen, die sie in der Schule standhaft unterdrückt hatte, brachen nun gewaltsam hervor. Eduard kam dazu, und bei der Schilderung, die sie von ihrer Zurücksetzung und Ausgeschlossenheit machte, deren sie sich jetzt plötzlich bewußt geworden war, fühlten ihre Eltern und ihr Bruder nur zu lebhaft, daß sie auch dies geliebte Kind nicht gegen die Vorurtheile der Welt zu schützen, ihm nicht die Leiden zu ersparen vermochten, die sie selbst empfunden hatten und nun wieder mit ihm erdulden mußten.

Jenny länger in der Anstalt zu lassen, fiel Niemand ein, weil man das bei ihrem Charakter fast für unthunlich hielt und mit Recht fürchtete, daß ihre Fehler, die man zu bekämpfen wünschte, dort unter diesen Verhältnissen nur wachsen könnten. Man gab also den Besuch der Schule wieder auf, und Jenny sollte wieder zu Hause unterrichtet werden, wobei man aber die Aenderung machte, daß man ihr Therese Walter, die Tochter einer armen Beamtenwittwe, zur Gefährtin gab, die in der Nachbarschaft wohnte und mit der sie von früh auf bekannt gewesen war.

Jenny hatte bis dahin für Therese keine besondere Zuneigung gefühlt. Jetzt, getrennt von der Schule, in welcher Umgang mit Mädchen ihr zum Bedürfniß geworden war, [31] wurde Therese ihr Ersatz für diese Entbehrung, ja, ihr einziger Trost. Es bildete sich dadurch allmälig eine Freundschaft zwischen den beiden Mädchen, die sich sonst wohl niemals besonders nahe getreten wären, da Theresens mittelmäßige Anlagen, ihr ruhiges und stilles Wesen zu Jenny's Art und Weise nicht recht paßten, und sie derselben unterordneten, was aber freilich dazu beitrug, das Verhältniß zu befestigen.

Als es nun nöthig wurde, einen Lehrer für die beiden, jetzt fast fünfzehnjährigen Mädchen zu wählen, schlug Eduard seinen Freund Reinhard dazu vor, der in sehr beschränkten Verhältnissen noch immer in der Universitätsstadt lebte, in welcher die Freunde einander begegnet waren. Reinhards Bemühungen, nach gemachtem Examen eine Pfarre zu bekommen, waren an dem Einwande gescheitert, den man gegen ihn wegen seiner burschenschaftlichen Verbindungen machte. Ein paar Jahre war er Hauslehrer gewesen, hatte die Stelle aber aufgegeben, weil sein Gehalt zwar für seine Bedürfnisse hinreichte, jedoch nicht groß genug war, seiner Mutter die Unterstützung zu gewähren, deren sie bedurfte. Seitdem hatte er durch Unterrichten und durch literarische Thätigkeit für sich und seine Mutter zu sorgen gesucht. Von Eduard Beistand anzunehmen, hatte er verweigert, und nur mit Vorsicht konnte derselbe ihm den Vorschlag machen, nach dessen Vaterstadt zu kommen, um den Unterricht der beiden Mädchen unter den vortheilhaften Bedingungen, die man ihm stellte, zu übernehmen.

Eduard's Plan gelang. Er sah seinen Freund nach mehrjähriger Abwesenheit wieder, und fand in ihm mit großer Freude den alten treuen Gefährten, den er verlassen hatte; doch war er im Denken und Fühlen mannigfach verändert. Ein düsterer Ernst hatte sich seiner bemächtigt. Die Armuth hatte ihn stolz, mißtrauisch und reizbar gemacht, und dadurch die Schönheit seines Charakters beeinträchtigt. Im höchsten Grade [32] streng gegen sich selbst, wahr gegen seine Freunde, glühte er für Recht und Freiheit, hing er mit dem alten schwärmerischen Glauben dem Christenthume an, das ihm der Urquell der Wahrheit und der Liebe war. Der günstige Erfolg, den sein Unterricht im Meierschen Hause hatte, verschaffte ihm bald so viele Schüler, daß er den Aufforderungen, die in dieser Beziehung an ihn gemacht wurden, kaum genügen konnte, während sie ihm eine sorgenfreie Existenz bereiteten, da der Unterricht in der reichen Handelsstadt ganz anders als in dem kleinen Universitätsstädtchen bezahlt wurde. Er konnte seine Mutter zu sich nehmen, mit der er seine kleine freundliche Wohnung theilte, und die treffliche Frau wurde bald in vielen Familien, besonders aber im Meierschen Hause ebenso geachtet und geliebt, als Reinhard selbst. –

Auf Jenny hatte der neue Lehrer einen eigenthümlichen Eindruck gemacht. Weil Eduard ihn so hoch hielt, hatte sie im Voraus die günstigste Meinung für ihn gehegt, und als nun Reinhard in ihrem elterlichen Hause vorgestellt worden, hatten ihr sein Aeußeres und sein ganzes Wesen auf ungewohnte Weise Beachtung geboten. Weit über die gewöhnliche Größe, schlank und doch sehr kräftig gebaut, hatte er eine jener Gestalten, unter denen man sich die Ritter der deutschen Vorzeit zu denken pflegte. Hellbraunes, weiches Haar, und große blaue Augen, bei graden regelmäßigen Zügen, machten das Bild des Deutschen vollkommen, und ein Ausdruck von melancholischem Nachdenken gab ihm in Jenny's Augen noch höhere Schönheit. Er bewegte sich ungezwungen, sprach mit einer ruhigen Würde, für die er fast zu jung schien, doch ließen sich seine große Abgeschlossenheit, seine sichtbare Zurückhaltung nicht verkennen, die er selbst der Freundlichkeit entgegensetzte, mit der man ihn im Meierschen Hause empfing. Therese und Jenny, welche man ihm als seine künftigen Schülerinnen vorstellte, behandelte er [33] mit einer Art Herablassung, die Therese nicht bemerkte, von der aber Jenny, durch die Huldigungen Steinheim's und Erlau's bereits verwöhnt, sich so betroffen fühlte, daß sie ganz gegen ihre sonstige Weise sich scheu zurückzog und weder durch Reinhard's Fragen, noch durch Eduard's und der Eltern Zureden in das Gespräch und aus ihrer Befangenheit gebracht werden konnte.

Nach einigen Tagen hatte der Unterricht begonnen, und beide Theile waren sehr mit einander zufrieden gewesen. Reinhard fühlte sich durch die ursprüngliche Frische in Jenny's Geist angenehm überrascht, und die ruhige, stille Aufmerksamkeit Theresens machte ihm Freude. Was Jene plötzlich und schnell erfaßte, mußte diese sich erst sorgsam zurechtlegen und klar machen, dann aber blieb es ihr ein liebes, mühsam erworbenes Gut, dessen sie sich innig freute, während Jenny des neuen Besitzes nicht mehr achtete, wenn er ihr Eigenthum geworden war, und immer eifriger nach neuen Kenntnissen strebte. Diese unruhige Eile machte, daß sie sich ihres geistigen Reichthums kaum bewußt ward und sich und Andere damit in Verwunderung setzte, wenn sie gelegentlich veranlaßt wurde, ihn geltend zu machen.

Für Reinhard war der Unterricht doppelt anziehend. Er hatte wenig in Gesellschaften gelebt, wenig mit Frauen verkehrt, und ihr eigenthümliches Gemüthsleben, die ganze innere Welt desselben, war ihm fremd. Mit erhöhter Begeisterung las er die deutschen Klassiker mit den Mädchen, wenn er Jenny, hingerissen durch die Schönheit der Dichtung, roth werden und ihr Auge in Thränen schwimmen sah. So hatte er ihnen einst das erhabene Gespräch zwischen Faust und Gretchen vorgetragen, das mit den Worten beginnt: »Versprich mir, Heinrich!« und das schönste Glaubensbekenntniß eines hohen Geistes enthält. Reinhard selbst fühlte sich wie immer lebhaft davon ergriffen, [34] und als Jenny bei den Versen: »Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist Alles. Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut!« weinend vor Wonne dem Lehrer beide Hände reichte, ihm zu danken, hatte er dieselben schnell und warm in die seinen geschlossen, obgleich er es einen Augenblick später schon bereute.

In Folge dieser Stunde und eines dadurch entspringenden Gesprächs war Reinhard zu der Erkenntniß gekommen, daß Jenny, obgleich tief durchdrungen von dem Gefühl für Schönheit und Recht und von dem zartesten Gewissen, dennoch in seinem Sinne aller religiösen Begriffe entbehrte. Ihre Familie hatte sich von den jüdischen Ritualgesetzen losgesagt; Jenny hatte daher von frühester Kindheit an sich gewöhnt, ebenso die Dogmen des Judenthums als die des Christenthums bezweifeln und verwerfen zu hören, und es war ihr nie eingefallen, daß es Naturen geben könne, denen der Glaube an eine positive geoffenbarte Religion Stütze und Bedürfniß sei. Ja, sie hatte ihn, wo ihr derselbe erschienen war, mitleidig wie eine geistige Schwäche betrachtet. Um so mehr mußte es sie befremden, daß Reinhard, vor dessen Geist und Charakter ihr Bruder so viel Verehrung hatte, daß ihr Lehrer, der ihr so werth geworden war, einen Glauben für den Mittelpunkt der Bildung hielt, den sie wie ein leeres Märchen, wie eine den wahren Kern verhüllende Allegorie zu betrachten gelernt hatte. Reinhard behauptete geradezu, daß ein weibliches Gemüth ohne festes Halten an Religion weder glücklich zu sein, noch glücklich zu machen vermöge. Absichtlich führte er deshalb die Unterhaltung mit seinen Schülerinnen häufig auf christlich-religiöse Gegenstände, so daß in seinem Unterricht Religion und Poesie Hand in Hand gingen, wodurch den Lehren des Christenthums ein leichter und gewinnender Einzug in Jenny's Seele bereitet wurde.

Ihr und Reinhard unbewußt war aber mit dem neuen Glauben [35] nur zu bald eine leidenschaftliche Liebe für den Lehrer desselben in des Mädchens Herzen entstanden, für den begeisterten jungen Mann, der ihr wie ein Apostel des Wahren und des Schönen gegenüberstand. Aus Liebe zu ihm zwang sie sich, die Zweifel zu unterdrücken, die immer wieder in ihrem Geiste gegen positive Religionen aufstiegen, und sich nur an die Morallehren zu halten, die dem Gläubigen in dem Christenthume geboten werden. Reinhard seinerseits hatte nicht eigentlich daran gedacht, seinem Glauben eine Proselytin zu gewinnen, diese Schwäche lag ihm fern, denn er ließ jeden Glauben gelten, weil er Geltung für den seinen forderte; nur einem dringenden Mangel in dem Herzen seiner Schülerin hatte er abhelfen wollen. Er war überzeugt, daß der Glaube in Jenny den geistigen Hochmuth zerstören, ihr Wesen milder machen müsse, und war sehr erfreut, wirklich diese Resultate zu erblicken, ohne zu ahnen, daß ihre weichere Stimmung, die er für das Werk der Religion gehalten, nur eine Folge ihrer Liebe zu ihm war. Jenny fühlte das Bedürfniß, an einen Gott zu glauben, der das Gute jenseits lohne, weil ihr kein Erdenglück für Reinhard ausreichend schien; sie wurde demüthiger, aber nicht im Hinblick auf Gott, sondern vor dem Geliebten; und der Gedanke, ihre Liebe könne jemals ein Ende finden, oder durch den Tod aufhören, machte sie so unglücklich, daß ihr die Hoffnung auf Unsterblichkeit und ein ewiges Leben wie der einzige Trost dagegen erscheinen mußte.

Den Eltern und Eduard blieb die vortheilhafte Veränderung in Jenny's Wesen nicht verborgen, und wenn Eduard, was häufig geschah, mit Reinhard über die Schwester sprach, so verfehlte er nicht, es dankend anzuerkennen, wie wohlthuend des Freundes Unterricht auf Jenny wirke. Nur Joseph schien die Meinung nicht zu theilen.

Er wird eine schlechte Christin aus ihr machen, äußerte er gelegentlich, verweigerte es aber, sich näher darüber zu erklären, [36] weil er ein Geheimniß nicht verrathen wollte, das ihn nur seine eifersüchtig wachende Liebe so früh hatte erkennen lassen.

So war Jenny in das sechszehnte Jahr getreten. Ihr Aeußeres hatte sich schön entwickelt, ihre Liebe zu Reinhard war von Tag zu Tag gewachsen, und es konnte nicht fehlen, daß sie mit der Hingebung, die sie dem jungen Lehrer in den Stunden bewies, einen Eindruck auf ihn machen mußte, den er vergebens mit allen Waffen der Vernunft bekämpfte. Denn welche Hoffnungen konnte er für die Neigung hegen, die er für Jenny zu fühlen begann? Selbst wenn die Eltern darin willigten, sie Christin werden zu lassen und sie ihm zur Frau zu geben, konnte er es wagen, das reiche, verwöhnte Mädchen in sein armes Haus zu führen? – So eigensüchtig durfte er nicht sein; und von den Unterstützungen ihres Vaters zu leben, zu wissen, daß seine Frau ihre behaglichen Verhältnisse nicht ihm allein verdanke, der Gedanke schien ihm, nach den Erfahrungen seiner Jugend, fast unerträglich. – Nach jeder Stunde nahm er sich vor, den Unterricht unter irgend einem Vorwande zu beendigen, um eine Liebe nicht tiefer in sich Wurzel fassen zu lassen, die kein Erfolg krönen konnte, die einmal aufgegangen, blitzesschnell und mächtig aufschoß, obwohl er sie mit festem Willen still in sich verschloß. Auch Jenny hielt sich scheu zurück. Aus Furcht, sich zu verrathen, ging sie, sobald der Unterricht vorüber, und ihre Familie oder Fremde zugegen waren, plötzlich aus ihrer Hingebung in eine fremdthuende Kälte über. Sie zeigte anscheinend für jeden Andern mehr Theilnahme als für Reinhard, und dieser blieb dann meistens an Theresens Seite, um im Gespräch mit ihr seine qualvolle Aufregung so gut als möglich zu verbergen.

Besonders war es Erlau, welcher Reinhard's Eifersucht erregte. Mit ächtem Künstlerenthusiasmus bewunderte er Jenny's erblühende Schönheit, und seine frohe, kecke Laune half dem [37] jungen Mädchen oft über ihre Befangenheit und über all ihre Verwirrung fort. Es that ihr wohl, wenn Erlau sie ganz begeistert lobte; sie freute sich, wenn Reinhard es hörte, dessen scheinbare Gleichgültigkeit sie schmerzte, und während sie eifersüchtig auf Therese sich von dieser und von Reinhard fern hielt, suchte sie Erlau geflissentlich auf, der sich ohnehin gern in ihrer Nähe befand.

In solchen Stimmungen ließ sie sich von Steinheim bisweilen zu lebhaften Unterhaltungen hinreißen, in denen der Witz die Hauptrolle spielte, und die oft in eine Art von Neckereien und Scherzen übergingen, an denen Reinhard, seiner ganzen Natur nach, keinen Antheil zu nehmen vermochte. Jenny wußte das wohl, aber sie vermochte nicht, dem Geliebten die unangenehme Empfindung zu ersparen. Je theilnahmsloser und ferner er sich davon hielt, jemehr überzeugte sich Jenny, daß sie ihm ganz gleichgültig sei, und um so weniger sollte er eine Ahnung von ihrer Liebe erhalten. Nur vor Reinhard's Mutter löste sich die Stimmung des jungen Mädchens zu seltener Weichheit auf.

So oft die Pfarrerin das Meiersche Haus besuchte, verließ Jenny augenblicklich die ganze übrige Gesellschaft, um sich ausschließlich der Pfarrerin zu weihen. Jedes Wort, das diese sprach, war ihr werth; stundenlang konnte sie ihr zuhören, wenn sie von der Kindheit ihres Sohnes erzählte, von den unzähligen Opfern, denen der Jüngling sich für sie unterzogen, von der immer gleichen Liebe, die der Mann ihr darbringe, und wie sie nichts sehnlicher wünsche, als den geliebten Sohn bald in Verhältnissen zu sehen, die es ihm möglich machten, an der Seite einer guten Frau das Glück zu finden, das Gott ihm gewiß gewähren müsse.

Jede solche Erzählung diente nur dazu, Jenny's Liebe lebhafter anzufachen; und je deutlicher das Bewußtsein derselben [38] in ihr wurde, je bestimmter der Wunsch in ihr hervortrat, Reinhard anzugehören, um so unerträglicher mußten ihr die Bewerbungen Joseph's scheinen, die von den Wünschen ihrer Eltern unterstützt wurden.


An einem der Abende, welche Jenny's Unterredung mit ihrer Mutter folgten, saßen Madame Meier, die Pfarrerin und Jenny in der Loge, welche ihr Vater für immer gemiethet hatte, um die berühmte Giovanolla zum ersten Male als Susanne im Figaro auftreten zu sehen. Der erste Act war vorüber, als Eduard mit Joseph und Hughes in der Loge erschien, den Letztern seiner Familie vorzustellen. Nach den ersten Worten flüchtiger Begrüßung fing man von der Oper, von der heutigen Aufführung, von der Sängerin, von dem Texte des Figaro, und endlich von Musik im Allgemeinen zu sprechen an. Eduard tadelte das abwechselnde Sprechen, und Singen in den Opern. Es muß Alles gesungen werden, sagte er, wenn es nicht einen sonderbaren Effect machen soll, daß Jemand im Momente höchster Aufregung sich plötzlich in der Rede unterbricht, ruhig ein paar Minuten wartet, bis die Einleitungstacte vorüber sind, und dann in demselben Affecte zu singen anfängt.

Du hast Recht, fiel Joseph ein, erst lehre aber unsere Sänger so deutlich singen, daß man sie verstehen kann! denn in hundert Fällen sind es die eingeschalteten Reden allein, aus denen man einigermaßen entnimmt, weßhalb die Leute auf der Bühne sich eigentlich ereifern.

Dabei werden diese Zwischengespräche auch so unverzeihlich leicht behandelt, daß man sie nur mit Widerwillen hört, fügte Hughes hinzu. Ich muß dabei an einen der ersten Tenoristen Deutschlands denken, den ich einst in einer Residenz Ihres [39] Vaterlandes hörte, und der, als er den Fra Diavolo in ganz erträglichem Deutsch gesungen hatte, beim Sprechen in ein so reines Schwäbisch verfiel, daß es den possenhaftesten Eindruck machte.

Mich dünkt, wandte die Pfarrerin ein, als sei in der That bei der Musik das Wort die Nebensache, da Instrumentalmusik und namentlich die Töne der Orgel denselben Eindruck auf das Gefühl zu machen vermögen, als der Gesang.

Das möchte ich nicht behaupten, meinte Joseph, mich langweilt jedes Instrumentalconcert, und zu einer Kirchenmusik zu gehen, würde mich keine Macht der Welt bewegen.

Weil Du ein Verstandesmensch bist, rief Jenny aus, immer bereit, die Ansicht der Pfarrerin zu theilen und Joseph zu widersprechen, weil Du die Empfindung Anderer nicht kennst.

Oh! Deine Empfindungen und Gefühle z.B. kenne ich am Ende doch, warf Joseph neckend hin, aber mit einem Blick und einem Tone, der ihr das Blut zu Kopfe trieb.

Einen Augenblick schwieg sie bestürzt, dann nahm sie sich zusammen, und sagte zu Hughes: Glauben Sie nicht auch, daß die Musik der Worte entbehren könne?

Insofern bestimmt, als man gewiß sang, ehe man daran dachte, den Gesang mit der Sprache zu verbinden. Mir scheint es aber, als ob Musik und Dichtung so nahe zu einander gehören, daß man kaum sagen darf, die Dichtung könne der Musik, oder diese der Dichtung entbehren. So vollkommen jede Kunst für sich allein zu bestehen und zu entzücken vermag, so gibt es doch gar viele Fälle, in denen erst beide zusammen, sich ergänzend, zu dem vollendeten Ganzen werden, das uns begeistert.

Ich will doch lieber den Tasso ohne Musik hören, als den Figaro ohne Worte, lachte Joseph.

Was das nur wieder für ein Streit ist, sagte Eduard, [40] der bis dahin mit seiner Mutter gesprochen und an der Unterhaltung nicht Theil genommen hatte. Wie oft hast Du, Joseph, mit großem Vergnügen der Aufführung der Ouverture gerade des Figaro zweimal hintereinander zugehört. Merken Sie es sich aber, lieber Hughes, daß meine Schwester und mein Vetter es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheinen, einander zu widersprechen, wenn es irgend angeht.

Jenny fürchtet, wir könnten sonst Mangel an Unterhaltung haben, und der Stoff würde ihr fehlen, unterbrach ihn Joseph, übrigens bin ich in der That nicht sehr empfänglich für Musik, obgleich ich sie recht gern habe.

Du brauchst Dich dessen nicht zu rühmen, flüsterte Jenny dem Cousin ins Ohr, als in dem Augenblick die Introduction zum zweiten Acte begann: Who is not moved with rapture on sweet sounds, is fit for treason, stratagem and spoil, let him not be trusted. –

Joseph war verletzt. Er verließ die Loge, die Uebrigen rückten leise die Stühle zurecht, um von dem Gesange der Sängerin nichts zu verlieren, und mit reinem, schönem Tone stimmte sie das »heilige Quelle meiner Triebe« an. Jenny bog sich einen Moment über die Brüstung der Loge hinaus, um sich nach ihren Bekannten umzusehen, und ihr erster Blick fiel auf Reinhard, dessen Augen sehnsüchtig an ihr hingen.

Seit der letzten Stunde, seit einigen Tagen hatte sie ihn nicht gesehen, der es schwer genug über sich gewonnen hatte, sie zu meiden. Sie mußte wenigstens von ihm hören, von ihm sprechen, darum hatte seine Mutter die Einladung zum Theater erhalten. Als Madame Meier und Jenny vor der Thüre der Pfarrerin vorfuhren, hatte Jenny das Herz vor Freude bei dem Gedanken gebebt, nun werde Reinhard, wie er pflegte, die Mutter hinunter geleiten – aber er kam nicht. – Nur das Dienstmädchen leuchtete vor, und der Meiersche Diener [41] half der Matrone in den Wagen. Auf die Frage von Madame Meier, ob Herr Reinhard heute das Theater nicht auch besuche, hatte seine Mutter erwidert, ihr Sohn sei von dringenden Arbeiten so sehr in Anspruch genommen, daß er durchaus zu Hause bleiben müsse, und ihre Bitte, sich heute einmal Ruhe zu gönnen und den Figaro zu hören, habe er entschieden abgelehnt.

Damit war Jenny jede Hoffnung für den heutigen Abend genommen worden; sie hatte sich aber schwer genug in den Gedanken gefunden, und konnte nun kaum einen Schrei freudiger Ueberraschung zurückhalten, als sie den Geliebten plötzlich vor sich sah, als das Bewußtsein in ihr auftauchte, er, der so unverwandt zu ihr emporblickte, könne nur ihretwegen gekommen sein.

Und so war es in der That. Er hatte zu arbeiten versucht, aber das Bild der Geliebten war zwischen ihn und die Arbeit getreten. Er sah sie in glänzender Toilette, die sie liebte und in der sie so schön war. Er sah, wie das bleiche, feine Köpfchen, von langen dunkeln Locken beschattet, alle Blicke auf sich zog. – Es litt ihn nicht am Schreibtische. Unruhig schritt er im Zimmer umher; er überlegte, daß Erlau, der Bewunderer der Giovanolla, daß Steinheim gewiß im Theater sein, daß Erlau vermuthlich jetzt in der Loge neben Jenny sitzen würde. Was die Liebe allein nicht vermocht hatte, das errang die Eifersucht: er griff rasch nach Hut und Mantel, und war eine Viertelstunde später im Theater.

Erleichtert athmete er auf, als er die Männer nicht in ihrer Nähe bemerkte. Heute, nachdem er sie zwei Tage nicht gesehen, in denen er unaufhörlich an sie gedacht und die heißeste Sehnsucht empfunden hatte, heute schien sie ihm schöner und begehrenswerther, als je! Aber Alles lag trennend zwischen ihm und ihr: Religion und Verhältnisse, und vor Allem ihre Kälte. Ja! wenn er ihr mehr als nur ein Lehrer wäre, den sie hochhielt, wenn sie ein anderes Interesse für ihn hätte, wenn [42] sie ihn liebte! Mit diesen Gedanken hingen seine Augen an ihr, als ihr Blick ihn traf, und das selige Entzücken in ihren Zügen, die glühende Röthe, die ihr Gesicht urplötzlich überflogen, gaben ihm eine Antwort, die ihm das Herz aufwallen machte. Hunderte von Menschen waren jetzt zwischen ihm und der Geliebten, und das Geständniß, das er im Alleinsein ihr nie zu machen gewagt hatte, jetzt war es seinem Herzen entschlüpft; die Zuversicht zu Jenny's Liebe, auf die er bisher nie gehofft, jetzt vor hundert Zeugen war sie ihm geworden.

Das ist das Geheimniß der Liebe, daß sie zwei Herzen verbindet zu Einem, und diese absondert unter Tausenden; daß das Gefühl der erwiderten Liebe nicht der Worte, kaum des Blickes bedarf, um sich deutlich zu machen. Es ist, als ob die Liebe wie ein flüchtiger Aether dem einen Herzen entströme, um das andere zu erfüllen und zu beleben. Aber nur das geliebte, geöffnete Herz empfindet das Lebenswehen, das für es ausgeströmt wird. Die Uebrigen berührt der Strom von Jenseits nicht, und sie athmen ruhig die kalte Erdenluft, ohne zu ahnen, wie schnell und leicht und freudig zwei Herzen in ihrer Nähe klopfen.

Reinhard und Jenny waren allein mit einander, mitten in dem menschenvollen Raume. Nur für sie allein sang die Gräfin, nur um ihren stillen Gefühlen Worte zu geben, und wie zum Schwure blickten sie sich ernst und heilig in die Augen, und wiederholten innerlich: »Laß mich sterben, Gott der Liebe, oder lindre meinen Schmerz.«

Jenny, dem Kindesalter noch sehr nahe, wurde froh wie ein Kind, nachdem die Gewalt des ersten Eindruckes sich etwas vermindert hatte. Sie war glücklich in dem Bewußtsein, geliebt zu werden; sie hätte es dem ganzen Publicum zurufen mögen: meinetwegen ist er in das Theater gekommen, und er liebt mich! und doch hatte sie nicht den Muth, seiner Mutter [43] zu sagen, daß er da sei, und daß sie ihn sähe. Ihr ganzes Gesicht lächelte schelmisch, als Cherubin kläglich fragte: »Sprecht, ist das Liebe, was hier so brennt?« Reinhardt wandte kein Auge von der Geliebten, und ein ganzer Frühling von Glück und Wonne blühte in seinem Herzen auf, als Jenny bei der wiederholten Frage: »Sprecht, ist das Liebe, was hier so brennt?« ihn muthwillig ansah, und ganz unmerklich für jeden Andern, ihm ein freundliches »Ja« mit den schönen Augen zunickte.

Bald war das Finale des zweiten Actes mit seinem rauschenden Prestissimo vorüber. Reinhard verließ seinen Platz, und eilte, in die Nähe der Geliebten zu kommen. Es war ihm, als müsse er nun in Einem Worte alles Leiden und Hoffen der letzten Monate vor ihr enthüllen, als müsse er sie an seine Brust schließen und ihr danken für das Glück, das sie ihm in dieser Stunde gegeben. Er hätte das zarte Mädchen auf seinem Arm forttragen mögen, sich durchkämpfend durch eine Welt von Hindernissen, um das süße Kleinod ganz allein zu besitzen, um es an einen Ort zu bringen, wo kein begehrender Blick Diejenige träfe, die sein Ein und Alles war.

Und als er die Thür der Loge geöffnet hatte, als Jenny sich umwendete, und er das Rauschen ihres seidenen Kleides hörte, da wußte er kein Wort zu sagen. Er sprach einige gleichgültige Dinge mit ihrer Mutter, hörte, wie seine Mutter sich freute, daß er noch so spät gekommen sei, und setzte sich schweigend neben Jenny nieder.

Sie fühlte das Peinliche seiner Lage und auch sie war befangener, als jemals. Endlich brachte sie stockend die Worte hervor: Ich habe Herrn Reinhard schon beim Beginn des zweiten Actes gesehen.

Und warum sagtest Du das nicht gleich? fragte ihre Mutter.

Ich dachte, ich wußte nicht, stotterte Jenny ganz verwirrt, bog sich zur Pfarrerin nieder, küßte ihr die Hand und bat, [44] als ob sie ein Unrecht gut zu machen hätte: ach, sein Sie nicht böse!

Beide Frauen nahmen das lächelnd für eine von Jenny's Launen, und gaben nicht weiter auf sie Acht, als abermals der Vorhang emporrollte und das Duett zwischen Susanna und dem Grafen ertönte.

Für Reinhard sang der Graf nicht vergebens: »So lang' hab' ich geschmachtet, ohn' Hoffnung Dich geliebt«; er fühlte dabei die Trostlosigkeit der verflossenen Tage auf's Neue, und Jenny konnte sie in dem beredten Ausdruck seines Auges lesen, ohne daß sie ein Wort mit einander zu sprechen brauchten. Sie fühlte mit Reinhard, als die Musik aufjubelte, bei der Stelle: »So athm' ich denn in vollen Zügen der Liebe, der Liebe süßes Glück«, und Beide versanken mit dem Gefühle seliger Gewißheit in jene Träumereien, die wohl Jeder von uns gefühlt hat, wenn ein großes, heißersehntes Glück endlich von uns erreicht worden ist.

Die Oper war zu Ende, ehe das junge Paar es vermuthete. Reinhard bot Madame Meier den Arm, während Jenny mit seiner Mutter ging. In der Vorhalle traf man Eduard mit Hughes und Erlau, und verabredete, daß er die beiden Herren zum Thee mitbringen solle, zu dem Madame Meier auch die Pfarrerin und Reinhard einlud. Der Letztere geleitete die Damen zu ihrem Wagen, stieg mit ihnen hinein, und als sie wenige Augenblicke darauf in das Portal des Meierschen Hauses einfuhren, als er Jenny die Hand zum Aussteigen bot, und diese kleine Hand in der seinen bebte, konnte er es sich nicht versagen, sie leise zu drücken und zu halten, während sie die ersten Stufen der Treppe hinaufstiegen. So hält man ein Vögelchen fest, das man eben gefangen hat, weil man sich des Besitzes bewußt werden will, weil man fürchtet, es könne uns entfliehen; aber scheu und leicht, wie ein kleiner[45] Vogel, machte Jenny ihre Hand frei, ging eilig die Treppe hinauf und in das Theezimmer, wohin Reinhard ihr folgte.

Der Vater brachte den Abend außer dem Hause zu; die Damen setzten sich also gleich an den Theetisch, und wenig Augenblicke später erschienen die erwarteten Herren.

Nun, was sagen Sie heute zur Giovanolla? fragte Erlau, sobald er Platz genommen hatte. Sie müssen gestehen, reizender, anmuthiger kann man nicht sein. Ich hätte nie geglaubt, daß es möglich sei, bei so großartiger Schönheit diesen Eindruck soubrettenhafter Koketterie zu machen, und sie hat sich heute in der Susanna als eine große Künstlerin gezeigt.

Ich denke, erwiderte Madame Meier, so gar viel Kunst bedarf sie nicht, um sich so darzustellen, als sie ist.

Im Gegentheil! das ist ja die schwerste Aufgabe, sich selbst zu spielen; aber diese hat sie nicht zu lösen gehabt, denn kokett ist die Giovanolla nicht. Wahrhaftig nicht! rief er, als die Andern zu lachen anfingen. Sie weiß, daß sie ein Ideal von Schönheit ist, und besitzt Großmuth genug, sich den Augen der staunenden Mitwelt in all der Vollendung zeigen zu wollen, deren sie fähig ist. Ich mußte heute bei jeder ihrer Bewegungen meine Freude zurückhalten, um nicht fortwährend den Leuten zuzurufen, daß sie ein klassisches Modell vor Augen hätten. O! ich habe im Geiste die wundervollsten Studien gemacht, und die Nachwelt soll sich noch am Bilde dieses Weibes erfreuen, wenn mein Talent mit meinem Willen gleichen Schritt hält.

Während Du an die Nachwelt dachtest, sagte Eduard, überlegte ich, daß es wohl keine größere Thorheit gibt, als die Jugend an solchen Darstellungen Theil nehmen zu lassen, in denen die Sitten einer sittenlosen, verderbten Vorzeit so anmuthig und so einschmeichelnd dargestellt werden.

Der Meinung bin ich auch, bekräftigte Reinhard. Ich [46] will nicht leugnen, daß dieser Abend zu den schönsten meines Lebens gehört, so viel Freude hat er mir gebracht, und doch peinigte es mich, die Logen voll von jungen Damen zu sehen.

Damit tadeln Sie mich, lieber Reinhard! unterbrach ihn Jenny's Mutter. Sie wollen mir sagen, was Eduard schon mitunter äußerte, daß wir Mütter mit der Erziehung unserer Töchter nicht sorgfältig genug zu Werke gehen. Ich glaube aber, daß es dem reinen Sinn eines unverdorbenen Mädchens eigen ist, an einem schönen Bilde nur die Schönheit, und nicht gleich die Flecken und Fehler zu sehen, die es entstellen. Darum haben mein Mann und ich nie Bedenken getragen, unserer Tochter manches Buch in die Hände zu geben, sie an manchen Dingen Theil nehmen zu lassen, die man ihrem Alter sonst vorenthält.

Gewiß ist das häusliche Beispiel und die innere Seelenbildung die Hauptsache bei weiblicher Erziehung, sagte Hughes. Sonst müßten ja in Frankreich, wo man die Mädchen bis zu ihrer Verheirathung in klösterlicher Einsamkeit hält, die Sitten besser sein, als bei uns in England und hier in Deutschland, wo man der Jugend viel größere Freiheit verstattet; und gerade hier beweist doch die Erfahrung, daß die französische Zurückgezogenheit keine lobenswerthen Erfolge aufweist.

Weil in Frankreich der ganze Zustand der Gesellschaft ein verderbter, ein aufgelöster ist; weil die Bande der Ehe dort locker geworden sind, und das Haus, die Familie aufgehört haben, der Mittelpunkt zu sein, von dem Alles ausgeht. Was kann es nützen, ein Mädchen in den strengsten Grundsätzen zu erziehen, wenn der erste Schritt ins Leben ihr zeigt, daß weder ihre Eltern, noch ihr Gatte an diese Grundsätze glauben; wenn sich das junge, liebebedürftige Herz verrathen sieht, vielleicht um einer Tänzerin willen, die nicht werth ist, der Schuldlosen die Schuhriemen zu lösen. Wenn dann das böse Beispiel dazu [47] kommt, das die sogenannten modernen Romane und das Theater bieten, da braucht man sich freilich über die Erfolge in Frankreich nicht zu wundern, eiferte Eduard.

Aber bei uns, mein Sohn! wandte seine Mutter ein, ist doch der Zustand der Frauen und der Gesellschaft überhaupt ein ganz anderer. Deshalb scheint mir, Du übertreibest den Nachtheil, den Theater und dergleichen auf junge Gemüther ausübt, und wir Deutschen können unseren Töchtern ruhig diese Genüsse gewähren.

Im Gegentheil, liebe Mutter! weil bei uns der Mann sein Haus noch für den Tempel seines Glückes, die geliebte Frau für die Hohepriesterin desselben hält, weil er Ruhm, Ehre und Alles, was er ist und erwirbt, diesem Tempel und seiner Priesterin darbringt, weil sein Hoffen und Fürchten in diesen Kreis gebannt ist und er immer wieder dahin zurückkehrt, sobald das Leben mit seinen gebieterischen Forderungen ihn frei läßt; darum haben wir deutschen Männer ein Recht, zu verlangen, daß auch kein unreiner Hauch die Seele eines Mädchens berühre, dem so viel geopfert wird.

Und wie hoch, wie heilig ist uns das Mädchen, das wir lieben! rief plötzlich Reinhard, der bis dahin schweigend zugehört hatte, als ob er aus tiefen Gedanken zu sich käme. Wenn ein Mädchen wüßte, wie schwer und heftig der Kampf ist, den der Mann zu kämpfen hat, ehe er willig und für immer auf seine Ungebundenheit verzichtet, ehe er seine Freiheit opfert! Nur einem Wesen, das man mehr liebt als sich selbst, das man gleich einer Gottheit heilig hält, kann man so unterthan werden, als die Liebe es uns dem Weibe macht. Wer aber ertrüge den Gedanken, daß die Gottheit unsres Herzens unwürdigen Festen beiwohnt? Wer wollte es ruhig ansehen, daß ihr Auge von unreinem Anblick berührt würde? Ich könnte mein Leben daran setzen, der Geliebten eine solche Entweihung [48] zu ersparen; und ein Mädchen, das wahrhaft liebt, das die Liebe, die hingebende, die anbetende Liebe eines Mannes zu begreifen vermag, das in sich auch den Geliebten achtet, muß nothwendig und freiwillig Allem entsagen, was diesen und sie zugleich verletzt. Wer es gefühlt hat, wie wahre Liebe das Männerherz reinigt und veredelt, dem muß es wehe thun, wenn die Mädchen selber sich um den Nimbus bringen, den Sittenreinheit um sie hervorzaubert, und der sie unserm Herzen gerade so theuer macht.

Er hatte noch nicht geendet, als sein Auge auf die neben ihm sitzende Jenny fiel, die sich hinter der dampfenden Samovare verbarg und vor Bewegung kaum den Thee zu bereiten vermochte. Er fühlte den bittern Tadel, den er unwillkürlich auch gegen die Geliebte ausgesprochen hatte; er wollte einlenken, aber er vermochte es nicht, denn es war seine innerste Ueberzeugung gewesen, die er ausgesprochen hatte. So viel Glück ihm der heutige Abend im Theater gewährt, so weh that es ihm doch, daß ein so schlüpferiges, sittenloses Stück, so leichtfertige Gesänge, zum Boten seiner Liebe bei Jenny geworden waren. Das war der Unterschied zwischen ihm und ihr, daß sie, aufgezogen in den Begriffen der sogenannten großen Welt, trotz ihrer sittlichen Seele, das Gefühl für die Sittenlosigkeit mancher Verhältnisse verloren hatte, oder daß es nicht zum Bewußtsein in ihr gekommen war. Der Figaro, Don Juan und vieles Andere, waren ihr Dinge, an denen sie sich von Kindheit auf erfreut hatte, ohne an das Gute und Böse daran zu denken, und das war ein Zustand, in den weder Eduard noch Reinhard sich zu versetzen vermochten.

Reinhard war bis zu seiner Universitätszeit in einem Landstädtchen in vollkommener Zurückgezogenheit erwachsen, und seinem Geiste mußten die Eindrücke, die er dann plötzlich in der Gesellschaft und durch das Theater empfing, ganz anders [49] erscheinen, weil er sich der Empfindungen bewußt war, die dadurch in ihm hervorgerufen worden. Eduard hingegen war allmälig durch Nachdenken zu der Ansicht gekommen, die er vertheidigte, und die er, durch Verhältnisse, welche wir später darthun werden, angeregt, heute ungewöhnlich warm ausgesprochen hatte.

Beide Männer ahnten nicht, mit welcher Verwunderung Madame Meier und die Pfarrerin den Ansichten ihrer Söhne zuhörten, und daß Beide tiefer in den Herzen derselben lasen, als es ihnen lieb sein mochte. Ebenso hatte Reinhard nicht bedacht, wie weh der armen Jenny sein Urtheil thun mußte, die sich in aller Unbefangenheit dem Genusse der Musik hingegeben hatte, und die eben heute diese Oper doppelt liebte, weil ihr während derselben die Ueberzeugung geworden war, daß Reinhard's Herz ihr angehöre.

Der Pfarrerin war Jenny's Bewegung nicht entgangen; sie sah den langen, flehenden Blick, den Reinhard auf sie richtete, nachdem er gesprochen; sie sah, daß Jenny sich zu ihm neigte und ein paar Worte sprach, die ihren Sohn in das höchste Entzücken zu setzen schienen, denn sein Gesicht leuchtete vor Wonne, aber verstehen konnte sie diese leise gesprochenen Worte nicht. Ich werde nie wieder in den Figaro gehen, hatte Jenny zu Reinhard gesagt, und die Pfarrerin überlegte vergebens, weshalb der Ausdruck von Betrübniß auf dem schönen Gesichte des Mädchens trotz Reinhard's Freude nicht verschwinden wollte.

Um der Unterhaltung, die für einige Augenblicke ins Stocken gekommen war, wieder fortzuhelfen, bemerkte die Pfarrerin: Mag man nun über die Moral des Figaro, die allerdings locker genug ist, noch so streng urtheilen, es ist nicht zu leugnen, daß die Dichtung Anmuth hat, der bezaubernden Composition gar nicht erst zu denken.

Das macht sie um so gefährlicher, schaltete Hughes ein, [50] wenn wir die Gefährlichkeitstheorie der beiden Herren überhaupt annehmen.

Ich bitte Sie, mein Herr, lachte Erlau dazwischen, lassen Sie sich doch von den abgeschmackten Lehren nicht hinreißen. Was so ein Doctor, der längst ein begehrter Heirathscandidat ist, und so ein Candidat der Theologie, der längst Prediger sein möchte, unser Einem vorpredigen und aufdociren möchten, das ist ja deshalb Alles noch nicht wahr. Lassen Sie die Beiden doch lehren, was sie wollen; ich behaupte dennoch, daß im Figaro, im Barbier, im Don Juan, in der ganz vergessenen, lieblichen Fanchon, etwas von der flüchtigen, zierlichen Leichtigkeit des vorigen Jahrhunderts liegt, die uns leider verloren gegangen ist.

Von einer Leichtigkeit, sagte Eduard, die, in totale Verderbtheit ausgeartet, sinnlos forttänzelte zum Schaffot, trotz der warnenden Stimmen, an denen es nicht fehlte.

Ja! zum Schaffot, fuhr Erlau fort, auf dem die leichtfertigen Tänzerinnen mit einer Ruhe starben, mit einer Seelengröße, die einer Römerin würdig gewesen wäre. Die Prinzeß Elisabeth starb eben so ruhig als Arria, oder irgend eine andere Heldin Eurer gepriesenen, langweiligen Römerzeit; und der ganze Unterschied ist der, daß die Französinnen liebenswürdig und glücklich waren, und Glückliche machten, während so eine antike Römerin, oder römische Antike in ihrem Frauengemache saß und tugendhaft war, und wollene Toga's webte. Da lobe ich mir die Französinnen!

Die alten Damen lachten, und Erlau fuhr dadurch ermuthigt fort:

Sagt mir nur ehrlich, ist Einer von Euch halb so liebenswürdig, als der Graf Almaviva, oder Don Juan, oder Cherubin, oder der Abbé in Fanchon?

Du vielleicht, lieber Erlau! sprach Eduard.

[51] Wollte Gott, ich wäre es. Ich strebe täglich, diese heitern Vorbilder einer fröhlichen Vorzeit zu erreichen, aber kommt man dazu? Kaum hat man sich verliebt und schwelgt in Wonne, so erzählen sie von Actien zu einer Eisenbahn, oder von Entwürfen zu Kleinkinderschulen, in denen lauter Prüden und Pedanten erzogen werden sollen. Denkt man daran, sein Herz frei zu machen, um es bald wieder gefangen zu geben, so soll man einer Corporation zur Befreiung der Negersklaven oder zur Erleichterung der Hunde beitreten; und kein Mensch denkt dabei, daß mich z.B. dies viel mehr ennuyirt, als es irgend einen Neger langweilt, Zuckerrohr zu tragen, oder einen Hund, seinen Karren zu ziehen.

Es ist freilich nicht allen Menschen möglich, das Leben wie eine Lustpartie zu nehmen, und jedes höhere Interesse als lästiges Hinderniß zu verleugnen, erwiderte Reinhard, dem diese Scherze Erlau's besonders darum mißfielen, weil Jenny ein Wohlgefallen daran fand, das er nicht billigen konnte.

Und wie soll man das Leben denn wohl anders nehmen? fuhr der unerschöpfliche Erlau fort. Gott hat uns fraglos für die Freude geschaffen; Gott will, daß wir uns freuen sollen, und daß Ihr mich neulich und heute wieder in meinem besten Vergnügen stört, ist eine wahre Todsünde. Was habt Ihr denn von dem ewigen Moralisiren? Madame Meier und die Frau Pfarrerin hören so andächtig zu, daß ihnen der Thee eiskalt werden wird, und Fräulein Jenny sieht seit der abgeschmackten Unterhaltung so traurig aus, und ist so zerstreut, daß ich noch gar keinen Thee bekommen habe, den schweren Aerger zu ertränken, den Ihr mir verursacht. – Liebes Fräulein, sprach er gegen Jenny gewandt, nur eine doppelte Portion Zucker als Ausgleich für den bittern Verdruß, den Ihr Bruder mir gemacht hat!

Die kleine Gesellschaft war in ein herzliches Lachen ausgebrochen, [52] das Erlau's fröhliche Laune hervorgerufen hatte. Auch Jenny riß sich gewaltsam aus den Gedanken heraus, die heute zum ersten Male in ganz neuer Gestalt in ihr erwacht waren. Nur Reinhard blieb in tiefes Sinnen verloren, und sah, aufgelöst in Liebe, zu Jenny hin, die sich eben anschickte, Erlau eine scherzhafte Antwort zu geben, als Joseph und Steinheim in das Zimmer traten. Sie waren zu Fuß aus dem Theater gekommen, und Steinheim entschuldigte ihr spätes Erscheinen mit den parodirten Worten: Spät komm' ich, doch ich komme; der weite Weg entschuldige mein Säumen.

Aber warum fuhren Sie nicht auch nach Hause? fragte Jenny.

Weil leider Freitag Abend ist, antwortete Steinheim, und ich meiner Mutter den Kummer nicht machen wollte, zu fahren. Aus Kindesliebe, aus Frömmigkeit hole ich mir in dem nassen Wetter den Tod, nach dem Echauffement im Theater, und bei meinem reizbaren Nervensystem! Was soll man aber thun?

Ich habe geglaubt, das Fahren sei nur am Sonnabend verboten, sagte die Pfarrerin.

O nein! erwiderte Steinheim, der Sonnabend fängt bei uns schon des Freitags an, und alle Ruhe- und Sabbathfeiergesetze müssen von Freitag Abend ab gehalten werden, bis Sonnabends die ersten Sterne blinken.

Die Pfarrerin erwähnte es lobend, daß Steinheim sich an diese Formen halte. – Mir sind sie ganz gleichgültig, antwortete er, ich halte sie für ein Gesetz, das mißverstanden ist, und befolge es nur meiner Mutter zu Liebe, der ich viele Opfer der Art bringe, obgleich sie meine Gesundheit ruiniren.

Für solch einen Mustersohn habe ich Sie nicht gehalten, sagte Jenny, die nie der Lust widerstehen konnte, Steinheim zu necken. Ich wußte nicht, daß Selbstverleugnung auch zu Ihren Tugenden gehöre.

[53] »Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen, und das Erhabne in den Staub zu ziehn,« declamirte Steinheim. Daß Sie, holdes Fräulein, aber an mir zweifeln, verdiene ich nicht, und ich könnte wie Cäsar sagen: »Brutus, auch Du!« – Uebrigens wissen Sie ja, daß Sonnabends unsere Pferde geschont und ich strapazirt werde.

Das ist das erste Gesetz gegen Thierquälerei, rief Erlau dazwischen, und ich wundere mich, lieber Meier, daß Du, in doppelter Hinsicht triumphirend, nicht längst darauf aufmerksam gemacht hast.

Wirklich, meinte Madame Meier, gehört aber die stille Sabbathfeier zu den Gesetzen der jüdischen Religion, die mir sehr gefallen und zusagen – obgleich wir sie nicht mehr halten.

Ich finde es auch sehr schön, sagte Jenny, aber es ist doch nicht für alle Menschen, eigentlich nur für Juden gemeint; denn ich habe bei Madame Steinheim selbst gesehen, daß ihr christliches Dienstmädchen die Lichter putzte, was sie selbst nicht that.

Also meinen Sie, fragte Steinheim, der sich neben Jenny's Stuhl hingesetzt hatte, da das Dienstmädchen Licht putzen darf, so kann das Pferd auch ziehen?

Ja! sagte Jenny leise, während sich bereits eine andere Unterhaltung in der Gesellschaft entsponnen hatte. Ja! die Pferde könnten wohl arbeiten, da sie nicht Juden sind.

Und was sind sie denn? fragte Steinheim ebenfalls leise, um die Andern nicht zu stören.

Weiß ich's? war die Antwort, vermuthlich Christen! – oder Heiden! fügte sie schleunig hinzu, bemerkend, daß Reinhard, der an ihrer andern Seite saß, jedes Wort dieser kindischen Unterhaltung gehört hatte, und sich unwillig abwendete, als Steinheim in ein laut schallendes Gelächter verfiel, dessen Grund er aber, auf Jenny's eifriges Bitten, nicht sagen wollte, so sehr man auch in ihn drang.

[54] Durch Reinhard's Brust waren die letzten Worte wie ein fliegendes Weh gezogen, wie ein eisiger Frost über die ersten schönen Blüthen des Frühlings. Diese Leichtfertigkeit, dies Scherzen mit Allem, was Andern heilig ist, das war es eben, was oft so trennend zwischen Jenny und seiner Liebe gestanden hatte. Er liebte ihre reiche, schöne Natur, ihr lebhaftes Gefühl, und wurde es doch nur zu häufig mit Betrübniß gewahr, daß Jenny, in Folge ihrer Erziehung und der Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen war, eine Richtung genommen hatte, die seiner ganzen Seele widerstrebte, die auch Eduard mißbilligte, die aber zu ändern ihren beiderseitigen Bemühungen bis jetzt nicht gelungen war. Reinhard glaubte an ihr Herz, er liebte sie, wie ein kräftiges Gemüth nur zu lieben vermag – und doch fühlte er eine Scheidewand zwischen sich und der Geliebten; doch konnte er die bange Ahnung nicht unterdrücken, es stehe ein Etwas trennend zwischen ihm und ihr. Jetzt bei Jenny's letzten Worten erwachte das Gefühl aufs Neue und heute um so schmerzlicher in ihm. Trüb und verstimmt nahm er, als sich die Gesellschaft trennte, von der Geliebten Abschied, trüb und verstimmt schritt er an seiner Mutter Seite heim, während Jenny in ihrem Zimmer Thränen der bittersten Reue vergoß. Sie wußte, was sie ihm angethan hatte, aber so hatte sie heute doch nicht von ihm zu scheiden geglaubt. – Er hatte keinen Blick für sie gehabt, und jetzt wußte er es doch, daß sie ihn liebte.


Die schöne Clara lag, während sich dies Alles begab, von Schmerzen gepeinigt auf ihrem Krankenlager. Jung, schön und gut, umgeben von Reichthum und Luxus, hatte sie doch niemals das Glück gekannt, für das allein sie geschaffen schien. [55] In ihrem väterlichen Hause war die unglückliche Ehe ihrer Eltern eine Quelle des Leidens für sie geworden. Nur der Wunsch, sich in der Welt vorwärts zu bringen, hatte ihren Vater einst dazu vermocht, um seine Gattin zu werben, die, wie schon früher erwähnt, einer der angesehensten Familien der Kaufmannsaristokratie angehörte. Die Commerzienräthin war einige Jahre älter als ihr Gatte, hatte aber, als sie sich mit ihm verband, noch vollen Anspruch auf die Bewunderung ihrer regelmäßigen kalten Schönheit zu machen, und glaubte, ein Recht auf die Verehrung ihres Mannes, auf seinen Dank zu besitzen, weil sie sich entschlossen, zu einer Verbindung zu schreiten, die damals noch keine glänzende Aussicht geboten hatte. Liebe brachten beide Theile nicht in das neugegründete Hauswesen; und als bald darauf der herrschsüchtige Charakter der Frau dem jungen Manne sein Haus zur Plage machte, und er sich immer mehr von ihr zurückzog, artete ihre Stimmung in eine Bitterkeit, in eine starre Kälte aus, die vollends dazu beitrug, die Gatten von einander zu entfernen. Die Geburt ihres Sohnes schien eine Zeitlang das Herz der Mutter mildern Gefühlen gegen den Vater des Kindes zu öffnen. Es war aber zu spät, um den Frieden herzustellen. Horn hatte sich, fortgerissen von andern Männern und einem sinnlichen Temperamente, einer Lebensart überlassen, welche seiner Frau gerechten Grund zur Klage bot, und als einige Jahre später Clara geboren wurde, fehlte schon an ihrer Wiege das Lächeln beglückter Elternliebe.

Ihr Sohn war das einzige Wesen, an dem die Mutter hing. Ihm wurde, sobald er nur im Stande war, seinen Willen zu äußern, jeder Wunsch erfüllt; und eben so schwach und nachsichtig gegen den Sohn, als streng gegen alle Andere hatte die Commerzienräthin den jungen Mann zu dem weichlichen, kalten und hochmüthigen Stutzer erzogen, als welchen wir ihn am Anfang dieser Erzählung zuerst erblickten. – Um[56] die liebliche Clara hatte die Mutter sich wenig nur gekümmert. Die Kleine war früh einer Gouvernante übergeben worden, die glücklicher Weise ganz dazu geschaffen war, die Seele des jungen Mädchens zu bewahren und auszubilden. Von den Eltern nicht mehr als nothdürftig beachtet, geneckt und geplagt von den eigensinnigen Launen des Bruders, gewöhnte sich Clara schon in erster Kindheit an eine Fügsamkeit und Anspruchslosigkeit, die später der edelste Schmuck der schönen Jungfrau wurden. Nicht ohne Stolz sah der Vater auf die Bewunderung, die das erste Auftreten Clara's in der Gesellschaft erregte. Die wilden Leidenschaften der Jugend hatten sich bei ihm gelegt, sein Sohn, der Mutter Liebling, war ihm fremd geblieben; er vermißte eine freundliche Heimath, die Anhänglichkeit einer Familie, und so konnte es nicht fehlen, daß der Tochter demüthige Ergebenheit, ihr kindliches Anschmiegen ihn fesselten. Er liebte sie, wie er zu lieben im Stande war. Sie war sein Stolz, die Krone seines Besitzes, und alle seine Wünsche gingen darauf hinaus, diese Tochter so glänzend, als möglich, versorgt zu sehen. Wie angenehm mußte es ihn also überraschen, als die Commerzienräthin, die das freundliche Verhältniß ihres Mannes zu der Tochter stets mit gewohnter Gleichgültigkeit betrachtet hatte, ihm einst ganz unvermuthet die Frage vorlegte, ob es jetzt, da Clara bereits im zwanzigsten Jahre sei, nicht Zeit werde, an die Verheirathung derselben zu denken. Sie theilte ihm mit, daß sie schon seit längerer Zeit mit ihrer in England verheiratheten Schwester den Plan entworfen habe, den einzigen Sohn derselben mit Clara zu verbinden. Sie bewies, daß ihr Schwager Hughes, nach englischer Sitte an die Bevorzugung des ältesten Erben gewöhnt, gern bereit sein werde, Ferdinand im Besitze des väterlichen Vermögens zu lassen, und daß auch ohne dieses Clara reicher und glänzender versorgt sein würde, als es in Deutschland jemals der Fall sein könnte. Der Plan,[57] den die Commerzienräthin dabei hatte, war, einst die gleiche Theilung des Vermögens zwischen ihren bei den Kindern zu vermeiden; und er fand, wenn auch aus andern Gründen, bei ihrem Gatten volle Billigung. William Hughes galt nach Allem, was man über ihn wußte, für einen gescheidten und wackern Jüngling. Die Millionen seines Vaters kannte der Commerzienrath aus Erfahrung, und daß der alte Hughes Mitglied des Unterhauses war, daß auch William dies einst werden und sich eine glänzende Laufbahn für ihn eröffnen könne, entschied nicht wenig zu Gunsten dieser Angelegenheit, so daß die Commerzienräthin volle Freiheit erhielt, dieselbe nach ihrer Ansicht einzuleiten.

Nichts war leichter, als den jungen reiselustigen Engländer zu einem Ausflug nach dem Continent und zu dem gelegentlichen Besuche seiner Familie zu überreden, die er nur als Knabe gesehen hatte; und der schmeichelhafte Empfang, der ihm von Onkel und Tante wurde, die große Freude, welche Ferdinand, dem die Plane seiner Mutter nicht unbekannt waren, über des Vetters Anwesenheit an den Tag legte, bewogen diesen bald zu einem längeren Verweilen in dem verwandten Hause.

Für Clara begann mit des Vetters Anwesenheit ein neues Leben. Mutter und Bruder überboten sich in tausend Freundlichkeiten gegen sie, man bemühte sich, sie in dem vortheilhaftesten Lichte erscheinen zu lassen, und war jetzt plötzlich bereit, ihren Ansichten und Wünschen zu schmeicheln, weil man sie zu ähnlicher Fügsamkeit zu überreden wünschte. Von Natur weich und hingebend, fühlte Clara sich zum ersten Mal in ihrem Leben wahrhaft glücklich, durch das Wohlwollen, von dem sie sich umgeben sah; und da auch auf sie das Glück seinen verschönenden, belebenden Einfluß zu machen nicht verfehlte, war es nur natürlich, daß William seine Cousine sehr liebenswürdig fand. Er beschäftigte sich angelegentlich mit ihr, und [58] bald begann sich ein zutraulich heiteres Verhältniß zwischen ihnen zu bilden, dessen Entstehen von der ganzen Familie mit Freuden bemerkt wurde.

Da kam an dem Abende, an dem diese Erzählung beginnt, der unglückliche Zufall dazwischen, der Clara für lange Zeit von der Gesellschaft trennte, die Heirathsentwürfe ihrer Mutter für sie zunächst hinausschob, und Eduard in ihre Nähe brachte. Nach dem ersten Aufruhr, den dieses Ereigniß verursacht hatte, fing man im Hornschen Hause bald wieder an, sich den gewöhnlichen Beschäftigungen und Zerstreuungen hinzugeben, und Clara wurde von ihrer Mutter vernachlässigt wie früher, was ihr nach dem kurzen Traume von Glück um so schmerzlicher sein mußte. Fast immer, wenn ihr junger Arzt sie besuchte, fand er sie mit einer Wärterin allein, und seinem geübten Auge konnte es nicht entgehen, daß bei seiner Kranken die Seele empfindlicher noch als der Körper leide. Die Geduld, mit der sie ihre Schmerzen ertrug, die Sanftmuth und Ruhe ihres ganzen Wesens, und ein Zug von stiller Resignation machten ihm die Kranke werth. Er bemühte sich, durch Unterhaltungen mancher Art ihre Aufmerksamkeit zu beleben; er kam, so oft er es konnte, dehnte seine Besuche lange aus, und fand den schönsten Lohn dafür in der dankbaren Freude, mit der das junge Mädchen ihn begrüßte; in dem Genuß, den er selbst bald dabei zu empfinden begann.

Oft, wenn er sie am Morgen in möglichst gutem Wohlsein verlassen hatte, war sie Abends in einem aufgeregten, beunruhigenden Zustande, für den in ihrem körperlichen Befinden kein Grund vorhanden war, und den er mit Recht unangenehmen Gemüthsbewegungen zuschreiben mußte. So fand er sie denn auch eines Abends, weinend und so bewegt, daß sie kaum seine Fragen zu beantworten vermochte. Ein heftiger Streit der Eltern, veranlaßt durch Ferdinand's Verschwendung [59] und seine ungeregelte Lebensart, war unglücklicherweise in dem Krankenzimmer ausgebrochen. Der Vater hatte sich mißbilligend darüber geäußert, daß Ferdinand jetzt fast niemals mehr bei Tisch erscheine, daß er seine Zeit in leichtsinniger Gesellschaft verbringe, daß er durch die unverzeihliche Schwäche der Mutter in all diesen Fehlern bestärkt werde, die er als Vater nicht länger dulden wolle. Gereizt durch den doppelten Tadel, der sie und ihren Liebling traf, hatte die Commerzienräthin heftig erwiedert, sie könne eine Lebensweise an ihrem Sohne nicht so strafbar finden, zu der des Vaters früheres Betragen ihm das Beispiel gegeben und die sie Jahre lang an ihrem Manne habe erdulden müssen. Trotz Clara's dringenden Bitten, trotz ihrer flehentlichen Worte, sie nicht zum Zeugen dieser entsetzlichen Scene zu machen, war sie dennoch fortgesetzt worden, bis die Mutter in höchster Entrüstung das Zimmer verließ, und der Vater allein bei ihr zurückblieb, sich vor der Tochter bitter über das Loos beklagend, das ihm an der Seite ihrer Mutter geworden sei.

Bald darauf war Eduard eingetreten. Clara war allein. Die Krankenwärterin saß in der geöffneten Nebenstube schläfrig strickend bei der Lampe, deren Schein durch einen grünen Ueberwurf gemildert war. Alles war still in dem Zimmer, und Eduard hörte um so deutlicher an den unruhigen Athemzügen der Leidenden, daß sie eben erst zu weinen aufgehört hatte. Freundlich fragte er sie nach ihrem Befinden, er wollte ihre Hand ergreifen, um sich durch den Pulsschlag selbst davon zu überzeugen, aber sie zog die Hand rasch fort, und sagte: »Ach! das beweist heute nichts; ich leide freilich, aber Sie können mir nicht helfen, lieber Doctor!« und dabei brach sie auf's Neue in heiße Thränen aus.

Der Doctor beschied sich und versuchte sie um ihr körperliches Uebel zu befragen, sie war aber so aufgeregt, daß sie, [60] ihre sonstige Zurückhaltung gänzlich vergessend, ihn mit den Worten unterbrach: Täuschen Sie sich nicht, Herr Doctor! ich will Sie auch nicht länger damit hintergehen – die äußere Wunde kann nicht heilen, ich kann nicht genesen, so lange meine Seele auf das Grausamste zerrissen wird. Ich wollte oft, ich brauchte nicht zu leben!

Und denken Sie nicht an Ihre Eltern? Wissen Sie nicht, daß auch für das Leiden der Seele oft wunderkräftiger Balsam in der Zukunft liegt? fragte Eduard. Gerade ein Gemüth, wie das Ihre, muß im Leben Freuden finden, weil es geschaffen ist, Freude zu bereiten durch sein bloßes Sein.

Ich habe Niemandem Freude gemacht, ich habe immer allein gestanden unter den Meinen, von Kindheit an; und ohne meines Vaters Liebe wüßte ich kaum, daß ich eine Heimath habe, entgegnete sie ihm schnell. Meinen Tod würde man bald vergessen, und er würde vielleicht ein Glück, er würde zu einem Versöhnungsmittel werden. Sie sagen, ich hätte ein weiches Gemüth; beklagen Sie dann mein Schicksal, das mich in die kälteste Atmosphäre versetzte, in der ich täglich tausendfachen Tod erleide!

Erschöpft lehnte sie sich bei diesen Worten in die Kissen zurück. Der höchste Punkt der Aufregung war vorüber, sie weinte schweigend eine Weile fort, der Doctor ließ sie gewähren, weil er diese Thränen als das beste Beruhigungsmittel kannte; aber er betrachtete das schöne Mädchen mit Bedauern. Clara war eine jener Frauennaturen, die, wie er es eben gegen sie selbst ausgesprochen, durch ihr bloßes Erscheinen wohlthuend wirken. Eine gleichmäßige Ausbildung aller Seelenkräfte, bei glücklicher Anlage, machte, daß Leute von dem verschiedensten Charakter sich von ihr angezogen fühlten. Der Kluge nannte sie klug, der Leidende theilnehmend, der Frohe fröhlich, und Alle fühlten sich erquickt durch ihre Güte und das Wohlwollen, [61] mit dem sie Jedem begegnete. Man fand sie liebenswerth, man war für sie eingenommen, ehe sie irgend etwas gethan hatte, dies Urtheil zu rechtfertigen. Solch ein Mädchen könnte und müßte der Schutzgeist eines Hauses sein, sagte sich Eduard, und es that ihm leid, daß dieses milde Wesen einer Familie angehöre, in der es weder glücklich zu sein, noch glücklich zu machen vermochte.

Als Clara sich beruhigt hatte und das medicinische Examen vorbei war, ermahnte der Doctor sie, sich so viel als möglich zu schonen, sich ruhig zu verhalten. Bedenken Sie, sagte er, daß der Körper durch Ihre Gemüthsbewegung leidet und nicht die frühere Kraft gewinnen kann, und daß Sie, andererseits, bei diesem gereizten Nervenzustande, jedes geistige Leid doppelt schwer empfinden. Mit diesen Worten wollte er von ihr scheiden, aber sie war wieder Herr über sich selbst geworden, und hielt ihn noch zurück. –

Vergessen Sie, was ich heute sagte, bat sie ihn, ich bin krank, und dabei übertreibt man sein Empfinden. Und denken Sie nicht ungleich von mir, weil ich die Meinen im Unmuth angeschuldigt habe. Glauben Sie, Herr Doctor! fügte sie hinzu, indem sie zu lächeln versuchte, ich bin nicht so undankbar, als ich Ihnen heute erscheinen mußte, und ich möchte nicht, daß Sie mich dafür hielten.

Liebes, gutes Fräulein, wie mögen Sie glauben, daß ich an Ihnen irre werden könnte? rief Eduard aus. Genügt es denn nicht, daß ich Sie kenne, daß ich seit Wochen Ihre Geduld, Ihre Fügsamkeit bewundere, um ein schönes, ein reines Bild Ihres Wesens in mir festzustellen? Glauben Sie mir, dem Arzte offenbart sich die Schönheit der Menschennatur ebenso oft, als er von der erbärmlichen menschlichen Schwachheit unangenehm überrascht wird. Ihnen danke ich das Erste, und wenn ich als ein kalter Zweifler zu Ihnen gekommen wäre, [62] Ihnen hätte ich die Ueberzeugung zu verdanken, daß im Menschen ein sanfter Strahl der Gottheit lebt.

O! ein so schlechter Christ sind Sie gewiß nicht, daß Sie jemals an Gott gezweifelt und erst meiner Belehrung zum Glauben bedurft hätten! rief Clara, um ihre Bewegung zu verbergen.

Indem fiel ihr aber das Thörichte dieser Aeußerung ein, und ihre Verlegenheit nahm zu, als Eduard lächelnd antwortete: Ein Gottesleugner bin ich in der That nicht; aber sicher ein herzlich schlechter Christ, da ich ein Jude bin. Gönnen Sie mir also immerhin die Belehrung durch Ihr Beispiel. Wenn es mich auch nicht bekehrt, so bessert und erfreut es mich, und für Beides bin ich Ihnen nur zu gern verpflichtet.

Damit empfahl er sich und ließ Clara in eigenthümlicher Bewegung zurück. Sie hatte ihren Arzt liebgewonnen und ein unbedingtes Zutrauen zu seiner Behandlung gefaßt, sie achtete ihn als Mann, heute hatte sie ihn tief in ihrer Seele lesen lassen. Das Unglück ihres ganzen Lebens, das Niemand kannte, hatte sie ihm enthüllt, er hatte sich dabei gegen sie wie ein Bruder mild und gut gezeigt, sie war ihm näher getreten, als jemals einem andern Manne, und – er war ein Jude. Sie erschrak, und mußte doch lächeln, denn sie hatte es gewußt, und die Ihrigen hatten sie damit geneckt, daß sie darauf bestanden, sich nur von einem Arzte des »auserwählten Volkes« behandeln zu lassen. Man hatte sie oft genug um den eigentlichen Grund dieser Wahl gefragt, und doch konnte sie die Thatsache so ganz vergessen, daß sie sie in diesem Augenblicke überraschte. Noch vor einigen Tagen hatte William, der öfter in ihrem Krankenzimmer erschien, mit großer Theilnahme von der Meierschen Familie gesprochen, und dafür eine Strafpredigt der Commerzienräthin aushalten müssen, die er mit verständigen Gründen zurückgewiesen hatte. Jetzt war Clara völlig seiner Ansicht. Sie nannte [63] William in ihrem Herzen einen guten aufgeklärten Menschen – aber Eduard war mehr als das. Sie mußte an sein klares, kluges Auge denken, an seine freie Stirne, und sein jüdisches Gesicht kam ihr fast schön vor.

Ob Christus wohl auch ähnliche Züge gehabt haben mag? fragte sie sich, und immer und immer wieder an ihn denkend, sank sie endlich in einen festen Schlaf, in dessen Träumen William und Eduard und der Heiland, wie die alten Bilder ihn uns zeigen, in einander flossen, und aus dem sie erst am frühen Morgen neu gestärkt erwachte.

Weniger ruhig sollte dem armen Eduard die Nacht vergehen. Während ihn Jenny längst mit seiner schönen Kranken aufzog und seine Mutter an jenem Abend das Geheimniß seines Herzens entdeckt zu haben glaubte, ja mit mütterlicher Sorge bereits dem Vater davon Mittheilung gemacht hatte, merkte der Doctor es noch nicht, daß Clara ihn mehr, als irgend eine seiner andern Kranken beschäftigte.

Später als gewöhnlich war er an dem Abende zu den Seinen heimgekehrt. Er fand sie ganz allein. Seine Eltern und Jenny saßen traulich beisammen, er sah, daß man ihn erwartet und vermißt hatte.

Komm her, mein Sohn, rief ihm der Vater entgegen, setze Dich zu uns und erzähle, wo Du so lange geblieben bist.

Eduard gab den Bescheid, er hätte Fräulein Horn noch besucht. Jenny erkundigte sich nach ihrem Ergehen, er sagte, daß die Genesung nur langsam vorwärts schreite, und daß die Kranke viel Schmerzen ertragen müsse. Da könntest Du Geduld und Ruhe lernen, Jenny, schloß er seine Rede.

Es scheint, als ob Clara überhaupt eine gute Lehrerin ist, antwortete jene schnippisch, denn es ist nicht zu leugnen, daß sie Dir auch manche Begriffe beigebracht hat, die Dir früher nicht geläufig waren. Ich sagte es noch gestern zur Mutter, [64] das ewige Politisiren hast Du Dir ziemlich abgewöhnt, dafür bist Du aber so zerstreut und träumerisch geworden, daß Du gar nicht hörst, wenn man mit Dir spricht. Entweder macht Dir Deine Patientin solche Sorgen oder Du langweilst Dich bei uns zu Hause.

Eduard hörte das gelassen an, und seine Mutter meinte: Etwas selten bist Du wirklich in der letzten Zeit zu Hause geworden, und verändert finde ich Dich auch, mein Sohn! Kannst Du uns sagen, woher das kommt, so wirst Du mich beruhigen.

Was Ihr für närrische Frauen seid! rief der Vater lächelnd. Ist denn das Leben nicht täglich neu, die Natur nicht täglich verändert, und Eduard sollte unwandelbar die gleiche Stimmung haben? Könnt Ihr wissen, was in seinem Berufe sich für neue Verhältnisse seinem Geiste aufdrängen, und wie klein und beschränkt ihm Eure Interessen gegen die seinigen oft erscheinen mögen? Da kommt Ihr mit Euren Haus-und Familiengeschichten und wundert Euch, wenn man nicht mit Antheil danach hört, und nennt das kalt, nennt es zerstreut. Eduard hat, wenn er einst selber Hausherr sein wird, die Kunst zu lernen, mit dem Ohr zuzuhören, ohne daß das Gehörte bis in den Kopf dringt, das lernt sich aber mit den Jahren.

Wollte Gott! sagte die Mutter, augenblicklich zugreifend, wo ihr eine Handhabe für ihr Lieblingsthema dargeboten ward; wollte Gott, Eduard wäre erst so weit. Ungebunden, wie er jetzt ist, läßt er sich in Dinge ein, die ihn nicht kümmern; er nimmt, wie man so sagt, kein Blatt vor den Mund, er äußert politische Ansichten und Hoffnungen, die unnöthig die Augen der Regierung auf ihn gerichtet erhalten, und wenn man ihn warnt, heißt es ein für allemal: Was thut's! ich bin ja unabhängig, ich bin ungebunden!

Das heißt, erläuterte der Vater, Du möchtest unserm Sohne mit dem süßen Rosenband der Ehe zugleich eine tüchtige Kette [65] anlegen, eine möglichst kurze, damit er nicht zu große Sprünge machen könne. Die Mutter macht's wie Julia in Shakespeare, »so liebevoll mißgönnt sie ihm die Freiheit.«

Freundlich nahm der Sohn die Hand der Mutter und sagte: Und doch waren heute meine Gedanken mehr mit häuslichen Verhältnissen, als mit allgemeinen Interessen beschäftigt. Ich hatte Gelegenheit, einen Blick in das innere Leben einer Familie zu werfen, in der ein vortreffliches Herz unter dem Druck der widerwärtigsten Verhältnisse blutet, und ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, als ich hier eintrat, und mir so wohl und behaglich wurde in unserm Hause, wie glücklich jene Arme in einem Kreise, wie der unsere, sein würde!

Und wer ist die Arme mit dem schönen Herzen? fragte Jenny schnell.

Ein Mädchen, das solche indiscrete Fragen niemals machen würde, antwortete Eduard sehr bestimmt. Dann meinte er: In den Jahren, die ich hier prakticire, ist es mir aufgefallen, wie die glücklichen Ehen, die Sorgfalt der Eltern für ihre Kinder bei den Juden gewöhnlicher sind, als in den Christenfamilien. Auch steht die Zahl der Scheidungen, wie mir ein Jurist sagte, bei den beiden Confessionen in gar keinem Verhältniß, da eine Scheidung der Ehe unter Juden zu den großen Seltenheiten zählt.

Das ist allerdings merkwürdig, meinte Jenny, denn bei den Juden ist die Heirath doch oft nur eine Familienverabredung, von der Braut und Bräutigam zuletzt