Erwartung des Weltgerichtes

[180] Wo bleiben nur die Schnitter, wer keltert all den Wein?

Die Ähren auf den Feldern verglühn im Sonnenschein,

Die Trauben in den Gärten, die Birnen in dem Laub,

Man pflückt sie nicht, sie fallen von selber in den Staub.
[180]

Wo sind die Menschen alle? Durch Tal und Wälder irrt

Das Haustier mit dem Wilde, die Herde führt kein Hirt,

Der Aar umkreist die Dörfer, an Flucht denkt nicht das Reh,

Das Netz verfault im Weiher, der Nachen fault im See.


Doch überall in Städten da wogt der Menschenstrom,

Man drängt durch Markt und Gassen zum Kirchhof und zum Dom

Mit wundgerungnen Händen, mit Blicken angsterfüllt;

Die Falten aller Herzen sind offen und enthüllt.


Da bringt der Geiz voll Reue des Wuchers Sündensold:

»Ich nahm der Armut Pfennig, ich wog und zählte Gold.

O hätt' ich doch geborget der Ewigkeit dafür,

Anstatt daß ich den Bettler verstieß von meiner Tür!«


Ihr langes Goldhaar opfert die bleiche Buhlerin:

»Mein Haar in langen Flechten, ich hab' es nicht Gewinn.

Mein Hals war bloß, und prächtig mein Schmuck und mein Geschmeid'.

Erhör mein Flehn, o Himmel, gib mir ein weißes Kleid.«


Zu Boden werfen Räuber die Messer, rot von Blut,

Und geben selbst den Gräbern das einst geraubte Gut.

»Wir trieben Spott mit Heil'gem und mit den Qualen Spott,

Wir hatten Lust am Bösen, jetzt fliehen wir zu Gott.«


Verzweifelt stürzen Viele von Türmen sich herab

Und finden so wahnsinnig aus Seelenpein ihr Grab,

Und wieder Andre stürzen in ihres Herzens Not

Zum Altar und entreißen von dort das heil'ge Brot.


Allstündlich rufen Glocken und ruft der Bußgesang:

»Bereite dich zum Ende, o Welt, zum Untergang![181]

Es sagen alle Bücher und unsre Sünden klar:

Es nahn die letzten Tage, der Erde letztes Jahr.«


»Die Glut wird sie zerstören, der Sturm wird sie verwehn,

Ihr Schiffer auf den Meeren, die Zeichen sind geschehn.

Gewalttat nur noch waltet und übermütig Erz,

Das Volk ist ohne Richter und ohne Furcht das Herz.


Saht ihr es, wie der Blitzstrahl die Wolkennacht zerriß?

Der Antichrist ist nahe, sein Reich die Finsternis.

Er blendet Aller Augen, er rühret Aller Mund;

Die Hölle wird ihn krönen und dienen seinem Bund.«


Und stündlich rufen Glocken und ruft der Bußgesang:

»Bereite dich zum Ende, o Welt, zum Untergang! –«

Der Kaiser und die Fürsten umknien den Altarschrein,

Den Purpur von den Schultern, die Kronen auf dem Stein. –


Durch Nacht und Dunkel reitet gen Ost von Niedergang,

Das Kreuz auf seinem Panzer, ein Ritter ohne Bang.

Er denkt: die Welt wird stehen, bis wir das Grab befreit;

Es leuchtet schon im Osten, bald weicht die Dunkelheit.


Vom hohen Berge blicket ein Weiser himmelan,

Er sinnet vor sich nieder und mißt der Sterne Bahn.

»Die ewigen Gesetze, Allmächtiger, leuchten klar

Aus deinem Buch am Himmel, erneuernd Jahr um Jahr.


Und wie sie dort erstrahlen, so leuchten wieder hier

Der Frühling und die Menschen, Erbarmender, vor dir,

Und wieder blühn wird Hoffnung dem menschlichen Geschlecht,

Und werden grünen Saaten und walten im Land das Recht. –«
[182]

Auf Blumen eingeschlafen in eines Tales Hain

Ruhn engelgleich zwei Kinder in Gottes Schutz allein.

Auf ihrer Unschuld Wangen blüht zart das Himmelslicht –

Vorüber rollt der Donner, vorüber das Weltgericht.

Quelle:
Hermann von Lingg: Ausgewählte Gedichte, Stuttgart u. Berlin 1905, S. 180-183.
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