Die andre Abhandlung.

[39] Der Schauplatz stellet für des Käysers geheimes Zimmer.

Nero. Poppæa.


NERO.

Nun gehet Rom und Uns der Libes-Früling an /

Der Wollust-Morgen auf / nun man dich / Sonne / kan

In diesen Zirckeln schaun. Wir haben süsse Wunden

Von ihren Strahlen zwar abwesend schon empfunden;

Denn Sonn und Schönheit würckt auch / wenn man sie nicht siht;

Unsichtbahrn Göttern ist zu opffern man bemüht.

Itzt aber brennen wir / nun der Begierden-Zunder /

Den Uns ihr Lob gebahr / durch ihrer Blitze Wunder[39]

Vollkömlich Flamme fängt. Hemmt nun sie / Schönste / nicht

Die Zügel unsrer Brunst / und steigt ihr güldnes Licht

An Mittag süsser Hold / muß Nero Asche werden

Durch heissen Sonnenschein der blitzenden Gebehrden.

Jedoch / wer wil nicht seyn von Sonn und Glutt verzehrt /

Die ihres Brandes Asch in junge Fenix kehrt?

Wird unser Hertze gleich die Schönheits-Glutt verbrennen

Poppeens / die man muß der Römer Sonne nennen /

Wird doch ihr Anmuths-Strahl mit Zucker-süsser Lust /

Mit Balsam reiner Gunst beseelen unsre Brust.

Wir sind in sie verliebt / wir küssen ihr die Hände /

Sie ist mein Sonnen-Rad / ich bin die Sonnen-Wende /

Sie ist mein Nordenstern / ich aber ihr Magnet.

Du Ab-Gott unser Zeit / mein glüend Hertze steht

Zum Weyrauch angesteckt; Ich wil mein treues Leben

Auff deiner Brust Altar dir hin zum Opffer geben.

Nun / so eröffn uns auch dein Himmlisch Heyligthum

Der Seele / deine Brust. Der Sonne gröster Ruhm

Ist; Daß sie allen scheint. Der Götter Tempel stehen

Dem offen / der sie ehrt. Poppee wird erhöhen

Sich über Rom und Uns / wenn sie den Käyser libt /

Der Lust den Zügel läßt und uns Vergnügung gibt.

POPPÆA.

Mein Fürst / mein Herr / mein Haupt / ich schätze für Gebrechen

Weil allzu grosse Gunst muß irrig Urtheil sprechen /

Was er als Schönheit preist. Wer schätzt die Dünste schön /

Eh als ihr neblicht Nichts man sieht am Himmel stehn /

Und sie die Purper-Sonn in Regenbogen kehret?

Mein Schatten der Gestalt wird durch den Glantz verkläret

Der höchsten Majestät. Daß nun der Fürst diß Gold

Schätzt werther / als es werth / rühm ich als höchste Hold /

Und küß ihm Hand und Füß. Auch soll zu Dienst ihm leben

Mein Geist / und mein gantz Ich / wie weit uns zugegeben

Hat Tugend und Vernunfft.

NERO.

Die geben alles zu

Da / wo ein Fürst was heischt. Man thue was man thu /

Der Purper hüllt es ein. Mein Kind / der Kreis der Zeiten[40]

Pflegt aus dem Lentz uns ja auch in den Herbst zu leiten /

Der Baum trägt endlich Frucht / der erstlich hat geblüht;

Wie daß denn sie / mein Schatz / uns Herbst und Frucht entziht /

Da wir doch längst von ihr der Libe Blüth empfangen.

POPPÆA.

Das Küssen auff den Mund / das Spielen auff den Wangen

Die Kurtzweil auff der Brust sind Blumen / die ein Weib

Noch brechen lassen kan. Alleine Schooß und Leib

Sol frembder Sichel nicht die Saat und Erndte gönnen.

Die ersten Rosen wird der Käyser samlen können

So weit ichs vor gab nach. Hier lächst der durstge Mund!

Hier schwillt die nackte Brust!

NERO.

Welch Geist wird hier nicht wund?

Welch Mensch wil Schiffbruch nicht auff diesen Klippen leiden?

Welch Auge wil nicht hier auff diesen Nelcken weiden?

Die Seelen küssen selbst auff den Rubinen sich!

POPPÆA.

Mein Fürst / zu viel! zu viel!

NERO.

Mein Schatz / sie sätzt an mich

Mit grimmer Sparsamkeit. Dem / der schon einst gesogen

Der Wollust Mandel-Milch / wird ja zu früh entzogen

Die ungeleerte Brust. Wer allzu sparsam libt

Reitzt nur / ersättigt nicht.

POPPÆA.

Muscat und Zimmet gibt /

Wil man mit Glutt den Geist durch theure Kolben treiben /

Nur Tropffen-weiß ihr Oel. Wil Schönheit schätzbar bleiben /

Nicht schlechtes Wasser seyn / muß sie ihr Nectar nicht

Mit vollem Strom außtheiln.

NERO.

Es wird der Sternen Licht

Nicht unwerth / ob es schon mit tausend Augen leuchtet /

Der Monde / der gleich oft das Feld mit Thaue feuchtet

Behält sein Silber-Horn. Poppee bleibet reich /

Schön / reitzend / und geschätzt / theilt sie den Zucker gleich

Mir ungemäßen aus. Der Lippe seichtes Liben

Wird nach Ersättigung durch Eckel nur vertriben.

Mein Liben aber ist gewurtzelt in der Brust

Die jedes Glied betheilt mit angenehmer Lust /

Und vielen Safft bedarf. Wirstu dein Kwäll uns schlüßen /

Wird meiner Seelen Pflantz alsbald verwelcken müssen.

Schatz / ach so flöß uns doch den kräfftgen Balsam ein!

Wie? oder zweifelstu? Daß deine Strahlen seyn[41]

Die Fackel unser Brunst? Des Mörders Zutritt frischet

Entleibter Wunden auf / die gleich sind abgewischet.

Nicht anders wallt mein Hertz und treibt das Blutt empor

In deiner Gegenwart. Mein Wundenmahl bricht vor

An Stirne / Mund und Brust.

POPPÆA.

Die Wunden / die die Liebe

Verursacht / rinnen oft auch von entferntem Triebe.

Die Schälsucht / ich gestehs / versäugt den Wollust-thau.

Man küßt mit wenig Lust / die Lippen die noch lau

Von frembden Küssen sind. Ich schwere bey der Seele

Des Käysers:50 Daß ich brenn und meines Hertzens Höle

Ein heilger Tempel sey / in dem des Käysers Bild

Mein Abgott / meine Seel und was in Adern kwillt /

Sein brennend Opffer ist. Die Andacht aber schwindet /

Wenn Nero einer Magd51 selbst Libes-Oel anzündet /

Den Ambra seiner Brunst auff Actens Schooß und Brust /

Die Knechten offen stand / entweyht mit schnöder Lust.

Der Fürst urtheile selbst; Ich bin so wol vermählet

Dem Otho / dem an Muth / an Pracht das minste fehlet /

Die Wollust kräntzt mein Bett / und Glücke füllt mein Hauß

Diß alles schlag ich ja muthwillig von mir auß /

Verschütte Glück und Eh / erwerbe Schimpf und Haßen.

Denn Otho mich nicht mehr wird zwey drey Nächte laßen

In frembden Armen ruhn. Und ich erlange kaum

(Nachdem die Magd zuvor den Kern genaß) den Schaum

Von seiner Anmuths-Milch. Mein Fürst / auch edle Steine

Verlieren Werth und Preiß / macht man sie zu gemeine.

Im Koth vertirbt die Perl / ein Spiegel wird verterbt

Durch ein beflecktes Aug / ein Türckis wird entfärbt

In ein nicht-reiner Hand.

NERO.

Der Eifer ist ein Zeichen

Nicht ungefälschter Gunst: Wind / Schatten muß ihm weichen

Wenn der Verdacht ihr nichts für Nebenbuhler hält.

Mein Engel / gläube doch: Daß keine Magd gefällt

Dem / der Poppeen libt: (Wo Königlich Geblütte52

Auch eine Magd sol seyn.) Des Käysers gantz Gemütte

Zielt nur / mein Zweck / auff dich. Du hast ja das Geschooß

Der Liebes-Mutter selbst fürlängst gegürtet loß /[42]

Umb durch den Pfritsch- und Pfeil dein Antlitz außzurüsten.

Solt Acten denn mit dir zu kämpffen wol gelüsten?

Sorgst aber du / mein Licht: ich läschte frembde Brunst /

Es were dir zu kalt die schon zertheilte Gunst;

So laße doch mein Werck dir meine Kräfte zeigen.

Das Opffer meiner Hold wird wie die Flamm aufsteigen /

Wo du diß Bette wirst zum Tempel widmen ein /

Die Brüste zum Altar. Du selbst magst Göttin seyn

Und Liebes-Pristerin.

POPPÆA.

Wenn ich das Ansehn hette

Der Gottheit / würd er nicht auf ungeweihtem Bette

Verlangen Lieb und Lust. Was hält den Käyser an /

Daß er Poppeens Seel ihm nicht vermählen kan?

Mißfällt ihm die Gestalt?53 ihr redliches Gemütte?

Und daß sie fruchtbar ist? Ist irgens ihr Geblütte

Nicht edel? Da ihr Haus mit so viel Ahnen gläntzt /

Die Rom in Ertzt geprägt / mit Lorbern hat bekräntzt.

Was hindert ihn / mein Fürst / den Abschied der zu geben /

Die ihn nur haßt / und die ins Ehbett aufzuheben /

Die ihn so hertzlich libt? Es bricht der Thränen-Thau

Für Wehmuth bey mir aus / wenn ich den Käyser schau /

Und wie er als ein Kind sich läßt die Mutter leiten.

Ich schwere: Daß sie mir hat lassen Gifft bereiten.54

Doch klag ich dieses nicht / nur: Daß sie Reich und Macht

Dem Käyser aus der Hand zu winden ist bedacht /

Ja ihm Gesätze schreibt. Der Käyser muß mich lassen /

Weil Agrippine wil. Da nun nur giftigs Hassen

Und ein vergälltes Weib ihm sol vermählet seyn /

Was schleust der Käyser denn mich fruchtloß bey ihm ein.

Er lasse mich doch nur des Otho Ehweib bleiben /

Ich kan mit ihm die Zeit mit mehrer Lust vertreiben /

Entfernt von Rom und ihm / da ich des Käysers Schmach /

Wie er so gar zu viel den Weibern gebe nach /

Zwar hörn / nicht sehen muß.

NERO.

Ich muß mein Kaltseyn schelten /

Und mein hell-lodernd Hertz muß durch viel Pein entgelten

Der langsamen Geduld / indem ein bloßer Kuß /

Der Vorschmack wahrer Lust / mich nur vergnügen muß.[43]

Jedoch ich bin vergnügt / wenn ich den Blitz der Augen /

Die Flammen / die ich muß aus den Korallen saugen

Der Lippen / für dißmal im Schnee-Gebirge mag

Der Brüste kühlen ab. Ich wil noch diesen Tag

Zu beyder Heil und Lust den festen Grund-stein legen.

Wir sehn / je sanfter wir der giftgen Natter pflegen /

Je schärffer sticht sie uns. Man schätzet für Gewien

Die Wurtzeln / die den Safft den Stämmen selbst entziehn /

Die Mutter die ihr Kind selbst tödtet / zu vertilgen.

Wir rotten Disteln aus und pflantzen edle Lilgen /

Wenn für Octavien Poppee wird erwehlt.

Poppee / welcher nur noch Eh und Zepter fehlt.

Ich wiedme beides dir. Indessen wolln wir sinnen

Des Otho scheles Aug ersprüßlich zu gewinnen.

Sie sag ihm: Daß er uns noch heute sehen muß.

Jedoch gesegne sie uns noch durch einen Kuß.


Nero. Paris.


NERO.

Es ist ja Seelen-Lust die Mund-Korallen küssen!

Doch ach! Daß umb die Frucht gesaltzne Wellen flüssen /

Die nur zu mehrerm Durst die Küssenden reitzt an!

Schaut! Wie sie Zauberin Uns nicht verstricken kan!

Sie läßt die Blüth uns nur der güldnen Aepffel schmecken /

Umb unsrer Seele nur mehr Hunger zu erwecken.

Der Liebe süsses Meer ist eine Wunder-flutt /

In der der seichte Schaum der Lippen nur die Glutt

Der Liebes-Brunst steckt an. Wo schon die Flamme spielet /

Wird die Begierde nur in tieffer Schooß gekühlet.

O Sonne meiner Seel! ach! daß dein holder Schein

So brennet / und doch nur wil langsam fruchtbar seyn?

Wo reiffe Wollust-Frucht gleich späten Datteln gleichet;

Hab ich doch längst den Herbst der hundert Jahr erreichet

Im Wachsthum meiner Gunst / weil Lieben eine Nacht /

Ja einen Augenblick zu einem Jahre macht.

PARIS.

Mein Fürst / er selbst ist Schuld. Wenn man wil Früchte zeigen /

Wird wilder Stämme Raub getilgt an edlen Zweigen;

Der Käyser libt und reitzt Poppeen ohne Frucht /[44]

Weil Agrippinens Haß / des Ehmanns Eifer-sucht /

Octaviens Verdruß ihr Eh und Thron entzihen

Als Wurtzeln / ohne die ihr Liben nicht wird blühen.

Poppee brennt so sehr als er; Sie stellt sich kalt

Wol wissend: Daß so lang alleine die Gestalt

Der Schönen / sey ein Port / biß nach erlangtem Bitten

Verlibter letzter Lust den Schiffbruch hat erlitten.

Wenn beist ein schlauer Fisch an leeren Angeln an?

Wo man sie fangen wil / so gibt man was man kan.

NERO.

Wie kan man aber Eh und Thron ihr füglich geben /

Ja sie aus frembdem Bett in unsre Schoß erheben?

PARIS.

Ist diß wol fragens werth? Was hat für Fug und Recht

Der nicht / der Zepter trägt? Welch Recht wird auch geschwächt /

Wenn er Octavien / weil sie unfruchtbar / trennet /55

Und die nimmt / die man schon als fruchtbar56 hat erkennet?

NERO.

Wie / wenn sich Agrippin Octaviens nimmt an?

PARIS.

Man breche mit Gewalt / was sich nicht beugen kan.

Sie sage: Was der Fürst hier seltzames begehe.

August nam Livien noch schwanger ihm zur Ehe.57

Ja Otho selbst entzog Poppeen dem Crispin.58

NERO.

Für was wird Otho diß ihm anzihn?

PARIS.

Für Gewien:

Daß eine Käyserin aus seinem Bette steige.

NERO.

Ein Baum verliert den Preiß der fortgepfropfften Zweige.

PARIS.

Der Nero hielts für Ruhm /59 als er mit höchster Lust

Als Vater / nicht als Mann verlobte dem August

Sein Ehweib Livien. Ein Freund-stück zu bezeugen

Gab Cato dem Hortens die Martie60 zu eigen.

Ja / was wil Otho sonst / wenn er so oft die Frau

Lobt und nach Hofe schickt? als: Daß sie Nero schau

Und Libes-Zunder fang? Indem er wol verstehet;

Daß auch durch bloßen Blick der Keuschheit Schnee zergehet.

Denn ein bestrahltes Aug ist Mutter der Begier.

Ein Weib und Pferd steht feil / wenn man sie reitet für.

Gesätzt auch: Otho weiß kein Auge zuzudrücken /

Kan man ihn unterm Schein der Ehre nicht verschicken?61[45]

Man kauff ihm ab sein Weib umb eine Land-Vogtey.

NERO.

Ja recht! ein kluger Rath! Was ist für eine frey?

PARIS.

Durchlauchtster / Portugal.

NERO.

Wol! wir wollns ihm vertrauen.

Man sag ihm: Otho sol schnur-stracks den Käyser schauen.


Der Schauplatz verändert sich in einen Spatzier-Saal.

Agrippina. Octavia. Burrhus. Seneca.


AGRIPPINA.

Ists möglich: Daß Uns schon ein grimmer Wetter trifft?

OCTAVIA.

Ja / was der Sturm nicht schafft / vollbringt Sirenen-Gifft.

AGRIPPINA.

Wagt sich Poppee denn schon in des Käysers Bette?

OCTAVIA.

Gantz sicher / unverdeckt. Sie ist die Höchst am Brette.

AGRIPPINA.

Diß ist der Weg zur Eh / und Staffel auf den Thron.

OCTAVIA.

Ach ja! ich sehe mich im Schimpff und Tode schon.

AGRIPPINA.

Die Natter wird auch uns nicht ungestochen lassen.

OCTAVIA.

Ach! Daß ich unbeschimpfft nur könte bald erblassen!

AGRIPPINA.

Mein Kind / der Nachen hilft oft / wenn das Schiff gleich bricht.

OCTAVIA.

Wo keine Nachen sind / entkömmt der Klügste nicht.

AGRIPPINA.

Vermochte Burrhus nicht den Schiffbruch abzuwenden?

OCTAVIA.

Er und der Seneca hats Käysers Hertz in Händen.

AGRIPPINA.

Durch sie muß man der Brunst Poppeens beugen für.

OCTAVIA.

Wofern es nicht zu spät: Ich warte beider hier.

AGRIPPINA.

Durch sie kan man die Schlang in ihrer Wige dämpffen.

OCTAVIA.

Wo sie so keck nur sind Poppeen zu bekämpffen.

AGRIPPINA.

Wie? ist sie mehr als wir? sie fertigten uns an.

OCTAVIA.

Hier / nun ein Hurenbalg mehr als die Mutter kan.

AGRIPPINA.

So weiß ich: Daß hierzu die Tugend sie verbinde.

OCTAVIA.

Wer hengt bey Hofe nicht den Mantel nach dem Winde?

BURRHUS.

Was hat die Käyserin uns beyden zu befehln?

OCTAVIA.

Diß: Daß ihr Artzney mögt für ärgstes Gifft erwehln.

SENECA.

Princeßin / was für Gifft sol unser Artzney heilen?

AGRIPPINA.

Die / die Poppeens Brunst wil euch und uns zutheilen.

BURRHUS.

Sie melde / was sie drückt. Wir bieten ihr die Hand.

OCTAVIA.

Macht ihren Ehbruch ihr euch so sehr unbekand?[46]

SENECA.

Sie fürchte sonder Grund den Käyser diß zu zeihen.

AGRIPPINA.

Die Sonnen-helle That kan uns schon Grund verleihen.

BURRHUS.

Ist ihr Bekäntnüs dar? Sind Zeugen dieser That?

OCTAVIA.

Es zeugts: Daß Nero sich mit ihr verschlossen hat.

SENECA.

Mehr als zu schwacher Grund in so sehr schwerer Sache.

AGRIPPINA.

Was schafft ein geiles Weib in frembdem Schlaf-Gemache!

BURRHUS.

Ein eyfernd Auge macht stets den Verdacht so groß.

OCTAVIA.

Ihr gleichsam gläsern Kleid62 entblöße Brust und Schooß.

SENECA.

Man gibt nicht leichtlich Gifft in sichtbaren Geschirren.

AGRIPPINA.

Man muß die Vogel ja durch schöne Beeren kirren.

BURRHUS.

Weiß sie Poppeen sonst zu sagen nichts nicht nach?

OCTAVIA.

Ihr glühte Stirn und Ohr63 als sie sich sein entbrach.

SENECA.

Sie selbst / Octavie / hat Schuld / ist was geschehen.

OCTAVIA.

Hilf Himmel! Wil man so die Laster auff uns drehen?

SENECA.

Sie lockt den Käyser nicht liebreitzende zur Lust.

AGRIPPINA.

Was Libreitz bey ihm gilt / ist leider! uns bewust.

SENECA.

Wie hett ihr sonst Poppe' im Liben abgewonnen?

OCTAVIA.

Man siht begieriger Cometen an / als Sonnen.

BURRHUS.

Wie? Daß der gantze Hof denn ihr schäl Antlitz haßt?

AGRIPPINA.

Wer haßt die nicht / auff die der Käyser Schälsucht faßt.

SENECA.

Der Sanftmuth Zucker muß der Fürsten Unhold läutern.

OCTAVIA.

Die Natter sauget Gifft aus Zucker-süssen Kräutern.

BURRHUS.

Mißt sie dem Ehgemahl der Nattern Würckung bey?

OCTAVIA.

Ach! Daß er grimmer nicht als grimme Nattern sey!

SENECA.

Die Eyfer-sucht verkehrt zu Mitternacht den Schatten.

AGRIPPINA.

Ihr sollet nichts / was uns zu Eyfer reitzt / gestatten.

SENECA.

Man muß den Fürsten oft was durch die Finger sehn.

OCTAVIA.

Wenn diß in Lastern gilt / so ists umb uns geschehn.

BURRHUS.

Geduld! Poppeens Gunst wird nicht so lange blühen.

OCTAVIA.

Biß man das Purpur-Kleid uns aus / ihr an wird zihen.

SENECA.

Gebrauchte Schönheit wird ein Rosen-leerer Strauch.

OCTAVIA.

Ist Acte libes Kind nicht noch nach dem Gebrauch?

BURRHUS.

Sie aber Käyserin. Was eyfert solche Würde?

OCTAVIA.

Der Stand / den Sorg und Angst beschwert / ist Last und Bürde.

SENECA.

Sorgt sie so sehr: Daß ihr die Hand-voll Lust entgeht?

AGRIPPINA.

Nein! Daß Poppee schon halb auf dem Throne steht.[47]

BURRHUS.

Sie wollen beyde sich des Argwohns doch entschütten.

OCTAVIA.

Was kan ein geiles Weib beim Buhlen nicht erbitten?

SENECA.

Erwarb der Acte Brunst ihr so unschätzbarn Lohn?

AGRIPPINA.

Ihr Knechtisch Uhrsprung war zu niedrig auf den Thron.64

BURRHUS.

Sie sol den Attalus zu ihren Ahnen haben.

AGRIPPINA.

So tichteten die / die erkaufftes Zeugnüs gaben.

SENECA.

Sie tasten mit Gefahr des Käysers Zepter an.

AGRIPPINA.

Ha! Daß ein Weiser noch die Laster loben kanl

SENECA.

Sie sage selber es dem Käyser ins Gesichte.

AGRIPPINA.

Er dencke: mit was Ruhm er so sein Ampt verrichte?

BURRHUS.

Was gibet Nero mehr auf uns und unsern Rath?

AGRIPPINA.

Nichts; Weil er Pferden Sold /65 wie euch gesätzet hat.

BURRHUS.

Sie dulde / was sie nicht ist mächtig zu verwehren.

AGRIPPINA.

Solln wir schaun zu / biß uns die Flamme wird verzehren?

SENECA.

Wer Fehler rücket für / geust Oel in Brand und Glutt.

OCTAVIA.

Wer / wenn er kan / nicht wehrt / ist ärger / als ders thut.

SENECA.

Ja! Diener solln auch Schuld an Brand und Hagel haben.66

AGRIPPINA.

Diß Nachsehn wird euch selbst noch eine Grube graben.

SENECA.

Fühlt ihre Mutter-Brust nicht Kinder-Libe mehr?

AGRIPPINA.

Wer sehr libt / wenn er libt /67 haßt / wenn er haßt / auch sehr.

BURRHUS.

Wir wolln dem Käyser treu auch bei Verfolgung bleiben.

AGRIPPINA.

Wenn er für euren Dienst euch wird den Bluttspruch schreiben.

SENECA.

Ich mercks / wohin sie lockt. Nicht hoffe: Daß mans thut.

AGRIPPINA.

So kommt denn umb / weil ihr nicht läschen wollt die Glutt!

OCTAVIA.

Hilf Himmel! Nun entfällt uns unser bestes Hoffen.

So ists / der Rosen Haupt / der Häuchler Ohr steht offen

Nur / wenn der sanfte West belibter Zeitung streicht.

Ja / wer durch Laster nur des Käysers Gunst erreicht /

Ist Abgott auf der Burg. Poppee muß ja siegen /

Weil Niemand von ihr wil ein sauer Auge krigen.

AGRIPPINA.

Mein Kind / wenn uns der Wind nicht wil in Hafen führn;

So muß der Armen Fleiß die schweren Ruder rührn.

Man suche fördersamst dem Otho zu entdecken:

Poppee pflege sich durch Ehbruch zu beflecken.

OCTAVIA.

Wir haben Wind: Daß ihn der Fürst noch diesen Tag /

Damit sein geiles Weib frey sicher buhlen mag /[48]

Von hier entfernen wird. Man hat ihm schon befohlen:

Zu kommen auf die Burg den Abschied abzuholen.

AGRIPPINA.

Er muß bey uns vorbey ins Käysers Zimmer gehn.

OCTAVIA.

Gleich kommt er.

AGRIPPINA.

Wol! auf ihm scheint unser Heil zu stehn.


Agrippina. Otho. Octavia.


AGRIPPINA.

Wohin eilt Otho so?

OTHO.

Ich sol den Käyser schauen.

OCTAVIA.

Verlangt den Käyser mehr nach dir / als deiner Frauen?

OTHO.

Was gehet meine Frau Sie und den Käyser an?

OCTAVIA.

Vielleicht ihn mehr als dich. Daß er sie küssen kan.

OTHO.

Wie mag ihr solch Verdacht umbnebeln das Gesichte?

AGRIPPINA.

Sagt / was sie wichtiges beim Käyser sonst verrichte?

OTHO.

Gesätzt / er küsse sie. Ein Kuß macht keinen Fleck.

OCTAVIA.

Des Küssens Pfeile zieln auff einen fernern Zweck.

OTHO.

Von keuschen Seelen wird kein ferner Wunsch vergnüget.

AGRIPPINA.

Ein Weib bleibt keusch / biß sie zur Untreu Anlaß krieget.

OTHO.

Ist diß der Weiber Ruhm? Wer wil euch ferner traun?

OCTAVIA.

Candaulens Frau blieb keusch /68 biß daß er sie ließ schaun.

OTHO.

Was nützt ein Schatz / den man Niemanden darf entdecken.

AGRIPPINA.

Der klärste Spigel krigt von geilen Augen Flecken.

OTHO.

Der Sternen Glantz bleibt rein / siht sie gleich alle Welt.

OCTAVIA.

Gläubt: Daß nichts Irrdisches des Himmels Farben hält.

OTHO.

Was ist der Perlen-Schnee in Schnecken-Muscheln nütze?

AGRIPPINA.

Kein Eßig fälscht sie nicht im Mütterlichen Sitze.

OTHO.

Wer wil sein Weib allzeit ins Zimmer schlüssen ein?

OCTAVIA.

Man mache sie nur nicht bey Fürsten zu gemein.

OTHO.

Es bringet Ehr und Ruhm bey Fürsten seyn gesehen.

AGRIPPINA.

Wer hoch gesehn seyn wil / muß lassen viel geschehen.

OTHO.

Des Ehstands heilige Band beschützt sie für Gefahr.

OCTAVIA.

Schützt die Chryseis doch nicht Infel / nicht Altar.

OTHO.

Poppeens Tugend kan nicht ausser Schrancken gehen.

AGRIPPINA.

So gehts: Wer Hörner trägt / der siht sie selbst nicht stehen.

OTHO.

Gesetzt / ich trüge sie; Was fragen sie darnach?

OCTAVIA.

Uns jammert: Daß er so geduldig trägt die Schmach.

OTHO.

Was wolten sie mich denn hierfür für Artzney lehren?

AGRIPPINA.

Des Thäters Blutt wäscht nur das Brandmal ab der Ehren.[49]

OTHO.

So würde Rom bald leer / die Welt voll Leichen seyn.

OCTAVIA.

Beschimpfung wird kein Ruhm / ist sie gleich noch gemein.

OTHO.

Des Weibes That kan nicht dem Manne Flecken brennen.

AGRIPPINA.

Wie? Daß diß jedes Kind pflegt höchsten Schimpf zu nennen?

OTHO.

Ein Weib sätzt weder uns in Ehren / noch in Schimpf.

OCTAVIA.

Gar recht! man lockt den / der uns schimpfft / durch solchen Glimpf.

OTHO.

Man nimmt ein Weib zur Lust / nicht umb des Ansehns willen.

AGRIPPINA.

Das Wollust-Bette gläntzt mehr mit den Purperhillen.

OTHO.

Der Mohnd empfängt / und gibt der Sonnen gar kein Licht.

OCTAVIA.

Verfinstert aber er den Mann / die Sonne nicht?

OTHO.

Der Anmuth-Strahl vertreibt leicht alle Finsternüße.

AGRIPPINA.

Vergällter Reben-saft wird nimmermehr recht süsse.

OTHO.

Schaut: Wie des Monden Haupt sich oft mit Hörnern kräntzt.

OCTAVIA.

Er leuchtet mehr / wenn er mit vollem Silber gläntzt.

OTHO.

Uns aber kan kein Weib mit mehrer Lust ergätzen /

Die gleich nur einen libt. Aus allzeit-reichen Schätzen

Kan man ihr viel betheiln. Wer arm von eignem Ruhm /

Sucht aus des Weibes Werth nur frembdes Eigenthum.

Einfältige! was sol ich eyfern und beweinen

Die Strahlen süsser Lust / daß sie auch andern scheinen?

Glaubt sicher: Mir entgeht der Wollust-Frühling nicht;

Ob Nero gleich zur Zeit Poppeens Rosen bricht.

Ihr Himmlisch Antlitz kan mich und auch ihn bestrahlen.

Ein schönes Weib ist ja / die tausend Zierden mahlen /

Ein unverzehrlig Tisch / der ihrer viel macht satt /

Ein unverseigend Kwäll / das allzeit Wasser hat /

Ja süsse Libes-Milch; Wenn gleich in hundert Röhre

Der linde Zukker rinnt. Es ist der Unhold Lehre /

Des schelen Neides Art / wenn andern man verwehrt

Die Speise / die sie labt / sich aber nicht verzehrt.

Wer zürnet: Daß das Rad der Sonnen andern leuchtet?

Daß des Gewölckes Schwamm auch frembde Wisen feuchtet?

Was solt ich denn mein Licht Poppeen schäl sehn an:

Daß sie das Libes-Oel / das ich nicht brauchen kan /

Flößt frembden Ampeln ein?

OCTAVIA.

Hilf Himmel ich erschrecke:[50]

Daß ein so Knechtisch Geist in einem Römer stecke.

Wird der so kluge Schluß itzt ein verächtlich Traum:

Im Ehbett und im Thron hat kein Gefährte Raum?

Verkennt sich die Natur: Daß auch ein Staub versehre /

Ein Anrührn thue weh den Augen und der Ehre?

Zu dem weiß Otho nicht / in was die Anmuth steckt?

Das Küssen / wenn der Mund nach frembden Speichel schmeckt

Ist Unlust / Eckel / Gifft. Die schönsten Lügen taugen

Den reinen Bienen nicht das Honig außzusaugen /

Auf die ein Kefer hat den geilen Koth geschmiert /

Wo sich die Wespe speist. Halß / Brust und Schooß verliert

Durch Ehbruch allen Trieb

OTHO.

Diß überrede Kinder:

Daß sich der Schönheit Reitz durch fremdes Liben minder'.

Ich halts für einen Ruhm / des Käysers Schwager seyn.

Ja glaubt: Daß diß der Brunst mehr Libes-Oel flößt ein;

Daß Nero die / (von der ich stündlich kan genüßen

Den Wollust-reichen Strom) nur darff zu weilen küssen.

Gesätzt: Daß unser Ehr auch werde, was befleckt /

Wenn eine Frau die Schoos gemeiner Lust entdeckt;

Der Sonne kräfftig Blitz tilgt alle Nebels-Dünste /

Zeucht alle Flecken aus. Von Fürsten klebt das minste

Verkleinerliches an. Ja was schätzt der gar viel

Ein Weib / des Pöfels Ruff / der sich im Gipffel wil

Geehrter Würden sehn. Aus Hoffnung künfftger Höhe /

Trug Macro Ennien69 zur Wollust und zur Ehe /

Dem künfftgen Fürsten an. Warumb rückt man denn mir

Daß / der schon Käyser ist / Poppeen küsse / für?

Die Ehr / in welche mich die hohen Aempter heben /

Die Lust / die Nerons Tisch und Schauplatz mir kan geben /

Bezahlen reichlich mir den wenigen Verlust.

AGRIPPINA.

Welch Traum verwirrt dein Haupt / welch Wahnwitz deine Brust?

Wilstu von Disteln Frucht / von Schlangen Gunst erlangen?

Du wirst zur Blüthe Schimpff / zur Frucht den Tod empfangen.

Diß stiftet / der durch Gifft verzuckert-süsser Gunst

Den Mann bringt zur Geduld / sein Weib zu böser Brunst.[51]

Rühmstu dich: Daß der Fürst mit Aemptern dich berücket?

Man sperrt die Vogel ein / die man nicht bald erdrücket;

Diß güldne Keficht zeucht den Untergang nach sich.

Ist dir noch nicht bewust; Warumb der Käyser dich

Nach Hofe fordern läßt?

OTHO.

Ich sol an Tagus reisen.

AGRIPPINA.

So pflegt man unterm Schein der Ehren zu verweisen

Den / der des Käysers Lust sol keinen Eintrag thun.

Wo anders tolle Brunst es läßt hierbey beruhn.

Denn wer vom Hofe kömmt / kömmt endlich auch vom Leben.

Kan Clytemnestre dir kein bluttigs Beyspiel geben?

Ein Weib / versichre dich / daß Eh und Eyde bricht /

Hält Blutt-Beil / Gift-Glaß / Dolch für kein Verbrechen nicht.

OTHO.

Ich wil auff ihre Treu aufs Käysers Gnade hoffen.

Ich muß zum Käyser eiln / das Vorgemach steht offen.

AGRIPPINA.

Geh hin! Wer selbst sich stürtzt ist nicht bejammerns werth.

Wo aber wird von uns das Segel hingekehrt?

Umb das Sirenen-Lied Poppeens zu umbschiffen?

Es werde der Magnet der Laster nur ergriffen /

Nachdem uns der Compaß der Tugend irre macht.

Nur Muth! Durch Kühnheit wird gefährlich Ding vollbracht.


Der Schauplatz verändert sich ins Käysers Gemach.

Nero. Otho. Paris.


NERO.

Mein Freund / dir unsre Gunst nun würcklich kund zu machen /

Und daß wir für dein Heil so wie für unsers wachen /

Sol unser itzig Schluß ein kräftig Zeugnüs seyn /

Der in gantz Portugal dich sätzt zum Land-Vogt ein.

Nimm Schwerdt und Gürtel hin / als Zeichen deines Standes.

Die Vollmacht: und / nachdem der Zustand selbten Landes

Nicht kan sein Haupt entbehrn / so muß noch diesen Tag

Die Reyse seyn bestellt. Dein Weib Poppee mag /

So viel ihr Hauß vergönnt / in-des zu Hofe leben.

OTHO.

Daß ihre Majestät mich zu der Würd erheben /

Ist kein gemeiner Strahl des Käysers Gnade nicht.[52]

Ich opffere dafür / Gehorsam / Treue / Pflicht;

Und wünsche: Nerons Hauß mög ewig sieghaft blühen.

Wie aber? Darf mit mir nicht auch Poppee zihen?

PARIS.

Der Frauen Zärtligkeit säumt Reisen allzusehr:

Zu dem ist Nerons Schluß: Daß künftig Niemand mehr70

Dem man ein Land vertraut / sein Weib sol mit sich führen.

Der Kühnste muß durch sie oft Hertz und Muth verliehren /

Wenn es zum Treffen kommt. Scheint aber Glück und Ruh /

So eignet sie wol gar ihr Heer und Länder zu /

Schätzt Völcker / mustert Volck / gibt Sold nach ihrem Willen.

Uns denckt: Daß sich ein Weib ein gantzes Heer zu stillen71

Im Aufruhr unterstand. Wenn strafft der große Rath

Je einen: Daß er Land und Volck erschöpffet hat /

Da nicht das Weib mehr hat der Länder Schweis erpresset?

Ihr Geld-Durst säuget aus / was Ehrsucht übrig lässet /

Nachdem des Oppius Gesätz ist abgebracht /

Das aber von stund-an der Käyser giltig macht.

OTHO.

Der Vorwelt raue Zeit bedorffte raue Lehren.

Jetzt aber nun die Welt demüttig Rom muß ehren /

Nun nichts als Friede blüht / so scheint es was zu scharf:

Daß kein belibtes Weib dem Manne folgen darf.

Wordurch wird / wenn man itzt kömmt Krafft-loß aus den Schlachten /

Wenn Sorg und Rathhauß uns hat lassen halb verschmachten

Das lächsende Gemütt erfreulicher erfrischt;

Als wenn der Liebsten Hand uns Schweiß und Staub abwischt?

Gesätzt: Daß eine / zwey / und mehr oft was verbrochen /

Wie kan auf aller Hals das Urtheil seyn gesprochen?

Die Männer haben Schuld an allem / was geschehn /

Die ihnen allzuviel meist durch die Finger sehn.

Der Weiber Schuld reicht uns an Lastern nicht den Schatten.

Wie? Daß man gleichwol uns pflegt Länder zu verstatten /

Und uns zu Häuptern sätzt? Zu dem so traget man

Der schwachen Frauen Gunst fast frembder Wollust an /

Durch Absein langer Zeit / indem des Argos Augen

Auch gegenwärtig nicht zu Keuschheits-Hüttern taugen.

PARIS.

Es ist des Käysers Schluß. Was wendestu viel ein?[53]

Wer Fürsten wil gefalln /72 muß nur gehorsam seyn.

Dein Ampt kan den Genüß Poppeens leicht ersätzen.

Du kanst statt einer dich mit hunderten ergätzen.

Die Götter geben Glück und Heil zur Reyse dir.

OTHO.

Ich wünsche noch so viel dir Segen / als du mir.


Reyen der Vestalischen Jungfrauen und der Rubria.


DIE JUNGFRAUEN.

Du güldnes Rom / du ewigs Haupt der Erden /

Wir wachen zwar bey Vestens Glutt und Heerd;

Daß sie nicht solln zu todter Asche werden;

Daß sich das Oel in Ampeln nicht verzehrt:

Allein umbsonst! Kein Zunder wil mehr glimmen /

Die Flamm erstickt /73 die Drommel klinget hohl /74

Der Göttin Bild scheint selbst sich zu ergrimmen /

Ihr Sitz erbebt / kein Weyrauch räucht mehr wol.

RUBRIA.

Ist / Schwestern / diß wol Wunderns werth?

So bald in Ilium der Geilheit Brunst entglam /

Und Paris Helenen dem Menelaus nam;

Ward unser Feuer auch verzehrt.

So bald ihr Tempel ward befleckt

Entwiech die Göttin weg / ihr Bild ward fortgetragen;75

Gantz Troja ward in Brand gesteckt /

Der Stamm des Dardanus vertilget und zerschlagen.

DIE JUNGFRAUEN.

So ists / Rom wuchs aus Trojens Graus' und Flamme.

Doch / der hieher das Heyligthum gebracht /7677

Wird ewig blühn in Cæsars Blutt und Stamme;

So lang er nicht diß Heilge fleckicht macht.

Was sagst denn du / Caßandra diser Zeiten

Von Asiens Begräbnüß auf uns wahr?[54]

Wer ist belegt mit Paris Uppigkeiten?

Und wer befleckt der Göttin ihr Altar?

RUBRIA.

Die Pristerin trägt selbst den Fleck /78

Der Fürst hat sie durch Zwang entweyht mit böser Lust.

Weg Gürtel von der Schooß / weg Monde von der Brust /

Weg Haube / Krantz und Schleyer weg!79

Ich seh in Rom schon Trojens Brand /

Von Agrippinen ist die Fackel ja gebohren;

Dem Otho wird Poppe' entwand /

Und für die Helena das Käyserthum verlohren.

DIE JUNGFRAUEN.

Hilf Himmel! ist solch Greuel vorgegangen:

So ists mit Rom und unserm Feuer aus!

Wenn Hecuben kein Opffer Glutt wil fangen /80

Spielt schon die Glutt umb Aßarachs sein Hauß.

Die Mauren / die gleich Götter aufgeführet /81

Sind Lastern doch kein sattsam sicher Schild.

Das Glück ist hin / so bald uns wird entführet

Der Jungfrauschafft beschirmend Pallas-bild.82

RUBRIA.

Ach ja! hört / wie der Blitz schon kracht /83

Der aus Augustus Hand der Käyser Zepter schlägt.

Der Lorber-Wald verdorrt / den Livie gehegt /

Woraus man Sieges-Kräntze macht.

Sol nun auch Rom vertilgt nicht seyn;

So muß durch meinen Tod versöhnt die Göttin werden.84

Kommt / Schwestern / schlüßt in Sarch mich ein /

Vergrabt mit Milch und Brod mich lebend in die Erden.

DIE JUNGFRAUEN.

Unschuldig Blutt häufft was der Himmel dreuet.

Ein mit Gewalt geküßter Mund sprützt weg[55]

Den Kuß / die Schmach. Wird gleich der Leib entweyhet /

So brennt doch Zwang der Seele keinen Fleck.

Es werd auf sie geweyhte Flutt gespritzet!85

Numicus Strom86 würckt was Canathus Flutt /87

Wo nur des Leibes Jungfrauschafft ersitzet.

Die Seele wird gereinigt nur durch Blutt.88

RUBRIA.

Durch Blutt fällt freylich Boßheit hin!

Gläubt: Daß so bald der Mensch mit Lastern sich vergreift /

Die Rache Jupiters auch schon die Keile schleifft.

Mein gantz verzückter Geist wird inn' /

Und siht: Wie auf die geile Brust

Der Mutter auch ein Sohn den stumpffen Dolch muß wetzen.

Poppee büßt auch Schuld und Lust

Und Nero muß die Faust im eignen Blutte netzen.

DIE JUNGFRAUEN.

Laßt schuldig Blutt die Missethat bezahlen.

Wir wolln die Glutt aufs neue machen klar.

Sätzt Flutt und Oel an Titans heisse Strahlen /89

Streut rothes Saltz90 zum Opffer aufs Altar;

Daß mit der Schuld auch Unschuld nicht darf leiden.

Glück zu! Glück zu! Die Flamme steckt sich an!

Nun mögt ihr euch / ihr Sterblichen / bescheiden:

Daß Andacht auch die Sternen meistern kan.

Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Römische Trauerspiele. Stuttgart 1955, S. 39-56.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Selberlebensbeschreibung

Selberlebensbeschreibung

Schon der Titel, der auch damals kein geläufiges Synonym für »Autobiografie« war, zeigt den skurril humorvollen Stil des Autors Jean Paul, der in den letzten Jahren vor seiner Erblindung seine Jugenderinnerungen aufgeschrieben und in drei »Vorlesungen« angeordnet hat. »Ich bin ein Ich« stellt er dabei selbstbewußt fest.

56 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon