Die fünfte Abhandlung.

[87] Der Schauplatz bildet ab der Agrippinen Schlaff-Gemach.

Agrippina. Sofia.


AGRIPPINA.

Bestürtzte Trauer-Nacht! Du Abbild meines Hertzen /

Das bange Todes-Angst und blaße Sorgen schwärtzen!

Ists Warheit / oder Traum / ists Schatten / Dunst und Wind /

Daß wir der Schiffbruchs-Noth behertzt entronnen sind? >

Was aber beben so uns Glieder / Mund und Lippen?

Mein wallend Hertze stürmt auf diese Marmel-Klippen!

So / wie die stürme See an felsicht Ufer schlägt.

SOFIA.

Durchlauchtigste / wenn sich gleich Sturm und Wetter lägt /

So stillt sich doch nicht bald die Kräuselung der Wellen;

So pflegt auch Furcht und Angst im Hertzen aufzuschwellen /

Wenn man im Port gleich ist / wenn schon die Noth vorbey.

AGRIPPINA.

Ach! Daß solch Port uns nicht mehr als ein Strudel sey.

Einfältge! Lasse nicht itzt Wind und See entgelten /

Was ein Verräther that. Du must den Nero schelten

Mein Basilißken-Kind / die Schlange / welche sticht /

Wenn ihr der Anmuths-Blitz aus ihren Augen bricht /

Wenn Welle / Flutt und Luft den grimmen Eifer stillen /

So regt die Unruh doch den Umb-kreiß seines Willen /

In dem der Mittel-Punct nur herbe Schälsucht ist /

Der Wirbel Ehren-Durst. Wie scheinbar ward versüßt

Die Wermuth seines Grimms durch Zucker falscher Küße!

Ja recht! So macht man Gifft mit scheinbarn Würtzen süsse!

Sein Mund war statt der Gunst / vom Schamröth angefärbt.

Als er den Kuß uns gab. Wird er nun nicht erherbt

Mehr als ein Tiger seyn / dem Reh und Raub entspringet /[87]

Nun ihm auf meinen Tod sein Anschlag mißgelinget?

Ach / leider! Ja / es sagt uns unser Hertze wahr:

Der Schwefel brenne schon / der auf dem Rach-Altar

Der grimmen Tyranney sol Fleisch und Blutt verzehren / so

Das seine Mutter ihm zum Opffer muß gewähren.

SOFIA.

Das Wunder ihres Heils gibt sattsam Zeugnüs ab:

Daß ihr des Himmels Hold selbst einen Schutzherrn gab.

Wer aber sich nur darf auf disen Ancker gründen /

Der segelt ohne Schiff auch sicher in den Winden.

AGRIPPINA.

Nein! mein Gewissen selbst versagt mir allen Trost /

Die Götter sind erzürnt / der Himmel ist erbost /

Die Wolcken hecken Blitz / der Abgrund kaltes Eisen

Auf mein verdammtes Haupt. Die eignen Thaten weisen

Mir diesen Rechnungs-schluß: des Meeres Sanftmuth sey /

Daß es mich nicht ersäufft / nur milde Tiranney;

Die Rache habe mich zu mehrer Kwal erhalten.

Sihstu die Schatten nicht erschrecklicher Gestalten?

Mein ängstig Hertze würckt in die Tapeten ein /

Diß stumme Marmel sagt: Was meine Thaten seyn.

Hier nechst steht angemahlt / wie mein halb-viehisch Liben

Mit Sohn und Bruder hat unkeusche Lust getriben /116

Wie ich des Pallas Hold erkaufst umb tolle Brunst /

Des Vettern Bett und Thron durch ärgste Zauber-kunst /117

Die Gunst des Seneca durch Unzucht überkommen.118

Dort: Daß ich dem Silan erst seine Braut genommen /

Hernach auch Stadt und Geist / indem mein Heyraths-Fest

Die Hochzeit-Fackel ihm zu Grabe leuchten läßt.

Ich sehe Lollien /119 die ohne Schuld gestorben /

Weil sie sich hat nebst mir umbs Käysers Hold beworben.

Schaustu's / hier schwebet ihr aus Neid ent-seelter Geist /

Schaut! wie sie meiner Schuld die bluttgen Brüste weist.

Statilius verflucht die Anmuth seiner Gärthe /120

Für die ich einen Dolch zum Kauffgeld ihm gewehrte /

Dort webt die Spinne mir die Mordthat übers Haupt /

Wie ich dem Claudius durch Schwämm und Gift121 geraubt

Das Leben / und das Reich; Wie ich des Erbtheils Krone /

Durch des Britannicus Verkürtzung / meinem Sohne[88]

Durch Arglist zugeschantzt. Itzt leider! krigen wir

Schmach / Unhold / Untergang / den rechten Danck dafür.

SOFIA.

Welch Wahn verführet sie in diesen Irrgangs-Schrancken?

Sie bilde tumme Träum ihr nicht in die Gedancken.

Gesunde Sinnen sind von falscher Bländung frey.

AGRIPPINA.

Mein schuldig Hertze weiß: Daß es die Warheit sey.

SOFIA.

Sie hat zum Richter den / der ihre Milch gesogen.

AGRIPPINA.

Mein Sohn hat Gift / nicht Milch mir aus der Brust gezogen.

SOFIA.

Der Mutter schadet nicht der Schlange giftig Hauch.

AGRIPPINA.

Die Rache läscht den Durst aus eignen Adern auch;

Die haben / die durch mich so hoch ans Brett sind kommen /

Ihn selbst verzaubernde mit Wahnwitz eingenommen:

Daß meiner Pfeiler Grauß das Füßwerck müsse seyn /

Zu seinen Ehren-Säuln: es könte nur allein

Ins Demant-Buch der Zeit mein Blutt Sein Lob einpregen:

Mein Leben sey sein Tod / mein Untergang sein Segen.

Hat auch gleich so vielmal sein Fall-Brett uns gefehlt /

So wird sein Hertze doch / das Rach und Eifer kwält /

Nicht ehe ruhig seyn / biß Agrippinens Leiche

Erkwickenden Geruch der Mord-Begierde reiche.

Ich weiß: sein Hertze kocht schon neue Gall und Gifft /

Nachdem ich der Gefahr des Schiffbruchs bin entschifft.

Solt er / wär er ein Mensch / nicht giftiger als Schlangen /

Mit Glückes Wünschungen die Mutter nicht empfangen?

Den Tempeln eilen zu / weil ich der Noth entran /

Den Göttern sagen Danck und Weyrauch zünden an?

Ach aber! Nein! er spinnt uns neue Todes-Stricke!

Warumb blieb Agerin so lange sonst122 zurücke /

Als: Daß er uns nicht sol eröfnen die Gefahr /

Die unsrer Seele dreut. Itzt ist die Stunde dar

Die mein Verhängnüs hat den Sternen eingeschrieben /

Eh als mein Lebens-Kwäll im Hertzen ist beklieben.

Diß ist der Tag / auf den der Tod mich hat betagt /

Wie der Chaldeer Witz uns leider! wahrgesagt.123

Wir haben selbst den Spruch willkührlich übernommen:

Er tödte / wenn er nur kan an den Gipffel kommen[89]

Des grossen Käyserthums. Jedoch was zittern wir

Für banger Todesfurcht? Laß / Agrippine / dir

Für der Enteusserung der Sterbligkeit nicht grauen.

Viel besser einmal falln / als sich stets gleitend schauen.

Die Angst / die Sterbens-Furcht ist herber als der Tod.

Er ist der Menschen Sold und der Natur Geboth.

Hilf Himmel! hör ich nicht das Vorgemach durchbrechen?

Mein Hertze scheinet selbst den Halß mir abzusprechen.

Die Mordschaar nähert sich dem Zimmer mit Gewalt.

Wacht Niemand nicht umb uns / der Lohn und Unterhalt

Von Agrippinen krigt? Wo sind die Deutschen Schaaren /

Die Agrippinens Leib zu schützen mühsam waren /

Als uns das Glücke fehlen? Verrücktes Spiel der Zeit!

Mein vor belibt Gemach wird itzt zur Einsamkeit

Und öder Wüsteney. Lernt nun: Wie schwanckend sitzen

Die / derer Armen sich auf frembden Achseln stützen.

Und du verlässest mich124 in meinem Elend auch /

Untreue Sosie? Es ist der Heuchler Brauch:

Daß sie bey Unglücks-Hitz als Mertzen-Schnee vergehen.

SOFIA.

Man weicht den Bäumen aus die auf dem Falle stehen.

AGRIPPINA.

Untreue! Flüchte dich! Oft wird des Rehes Flucht

Zum Netze / wenn es sich gar wol zu retten sucht.


Agrippina. Anicetus. Herculeus. Oloaritus.


ANICETUS.

Hier ligt die Käyserin.

AGRIPPINA.

Ja / sucht ihr Agrippinen?

Im Fall du / wies ihr geht125 zu forschen bist erschienen /

So melde: Daß sie lebt. Hastu was böses für;

So bild ich mir nicht ein: Daß unser Nero dir

Die Unthat hat befohln.

ANICETUS.

Der Außgang wird entdecken /

Wieweit sich unsre Macht / des Käysers Heisch erstrecken.

AGRIPPINA.

Ists gläublich: Daß ein Wurm die Mutter tödten kan?

Thut / was der Käyser heißt; greift Agrippinen an.

AGRIPPINA.

Mordstifter! Bösewicht! Was haben wir verkärbet?

HERCULEUS.

So viel: Daß Sonn und Mensch sich ob der That entfärbet.

AGRIPPINA.

Sagt: Was Verleumbdung uns für falsche Garne strickt.[90]

OLOARITUS.

Hastu den Agerin zum Keyser nicht geschickt?

AGRIPPINA.

Ja / unser Ungelück und Glück ihm zu beschreiben.

ANICETUS.

Durch ärgsten Meichel-Mord den Käyser zu entleiben.

AGRIPPINA.

Verfluchte Teuffels-List! Wer hat den Fund erdacht?

HERCULEUS.

Der Meichel-Mörder selbst.

AGRIPPINA.

Der Mutter Unschuld lacht

So grimmes Schelmstück aus.

OLOARITUS.

Sein gifftig Dolch macht glauben.

AGRIPPINA.

Wolt ihr Ertz-Mörder uns auch unsern Ruhm noch rauben?

Ists ein zu schlechter Raub: Die Seele / Leib und Blutt?

ANICETUS.

Sie läßt auch sterbend spürn Trotz / Grimm und Ubermuth.

AGRIPPINA.

Sol ich bey Nattern Gunst / bey Henckern Gnade suchen?

HERCULEUS.

Du magst auf deine Schuld / nicht auf das Rachschwerdt fluchen.

AGRIPPINA.

Ein falscher Brandfleck soll der Mordthat Seiffe seyn?

OLOARITUS.

Der Ubelthäter Blutt wäscht Rach und Richter rein.

AGRIPPINA.

Kommt nicht der Blutthund selbst / der euch hieher bewogen?

Daß er hier sauge Blutt / wo er vor Milch gesogen?

ANICETUS.

Laßt der Verrätherin zu schmähen nicht mehr Lufft.

AGRIPPINA.

Ein schimpflich Prügel sol uns stürtzen in die Grufft?

ANICETUS.

Ein edler Dolch wird nur durch Weiber-Blutt entweihet.

AGRIPPINA.

Schaut: Daß der Abgrund euch entweyhte Dolchen leihet.

OLOARITUS.

Hier dieser ist bestimmt zu diser heilgen That.

AGRIPPINA.

Stoß / Mörder / durch das Glied / das es verschuldet hat /

Stoß durch der Brüste Milch! Die solch ein Kind gesäuget /

Stoß durch den nackten Bauch / der einen Wurm gezeuget /

Der grimmer als ein Drach und giftger als ein Molch!

OLOARITUS.

Diß ist der edle Stahl / der Blutt-bespritzte Dolch

Der unserm Käyser Ruh / mir höchsten Ruhm erworben!

ANICETUS.

Die Schlange dreht sich noch / sie ist noch nicht gestorben.

HERCULEUS.

Stoß das behertzte Schwerdt noch einmal ihr in Leib!

ANICETUS.

Nun ligt das stoltze Thier / das aufgeblaßne Weib /

Die in Gedancken stand: Ihr Uhrwerck des Gehirnes

Sey mächtig umbzudrehn den Umbkreiß des Gestirnes.

Hier fällt der grosse Stern; Der sich der Sonne schien

Des Römschen Käyserthumbs hochmüthig vorzuzihn /

Vom Himmel ihres Throns verächtlich zu der Erden.

Itzt lehrt sie: Daß kein Dunst doch kan zur Sonne werden.

Der Dunst der Eitelkeit werd endlich Asch und Staub /[91]

Die Schönheit sey der Zeit / die Macht der Menschen Raub.

OLOARITUS.

Wer eilet? Daß der Fürst den Außschlag mög erfahren.

Ich eile disen Dolch in Tempel zu verwahren126

Des großen Jupiters. Er sol ihm heylig seyn

Auf seinem Rach-Altar.

HERCULEUS.

Der Käyser kömmt herein!


Nero. Burrhus. Seneca. Paris. Anicetus. Herculeus. Die Trabanten.


NERO.

Ist die befohlne That nach unserm Wunsch geschehen?

ANICETUS.

Hier kan der Käyser selbst die bluttge Leiche sehen.

NERO.

Eröfnet: wie euch kömmt dis schöne Schauspiel für.

SENECA.

Des Feindes Leiche gibt anmuttgen Dampf von ihr.

NERO.

Laßt uns die Eigenschaft der Wunden recht beschauen.

BURRHUS.

Mag ihrer Majestät nicht für der Todten grauen?

ANICETUS.

Ein zornig Aug ergätzt an bluttgen Glidern sich.

NERO.

Ich hette nicht gemeint: Daß solche Glider mich127

Solch Schnee-gebirgter Leib in sich getragen haben:

Daß solche Brüste mir die süsse Nahrung gaben.

Es scheint unglaublich fast: Daß dise Lilgen-Brust /

Der Augen Paradiß / das Zeughauß süsser Lust /

Ein so kohl-schwartzes Hertz innwendig habe stecken.

Daß der Rubinen Mund / der von den Purpurschnecken

Zur Farbe Blutt entlehnt / von Bienen Süßigkeit /

Von Rosen den Geruch / nur ein Beschönungs-Kleid

Der giftgen Schlangen sey / die in der Seele nisten.

Jedwedes Auge liß sich ihrer Schooß gelüsten /

Sein Marmel war ein Brunn / wo Durst und Lieb-reitz kwillt /

Ein Schneeberg voll mit Glutt und Anmuth angefüllt.

Allein im Liben war sie härter als Kristalle

Und kälter als das Eiß. Den Göttern hat gefallen:

Daß ihr erhitztes Blutt die Kälte lau gemacht.

wie die Morgen-röth am weissen Himmel lacht.

Zinober kwillt aus Milch / Rubin aus Helffenbeine /

Aus Alabaster Glutt / Korall aus Marmelsteine.

Die Wärmbde / die ihr itzt noch steigt aus Blutt und Wund[92]

Hat so viel Kraft in sich: daß unser Zung und Mund

Empfinden Hitz und Durst. Reicht uns ein Glaß mit Weine.128

Nun aber ist es noth: Daß man mit guttem Scheine

Dem großen Rath in Rom den Zufall bringe bey:

Wie Agrippinens Schuld selbst ihr Verterben sey.

ANICETUS.

Man sprenge kühnlich aus: Ihr höchst befleckt Gewissen

Sey Gegentheil gewest; Die Hände hätten müssen

Ihr eigen Hencker seyn.

PARIS.

Dis ist kein thulich Rath.

Jedwedre Dienst-Magd kan / die sich verlauffen hat

Eröffnen: Daß sie sey durch frembde Faust erblasset.

SENECA.

Was darf die / die vorhin ist aller Welt verhasset

Mehr für Beschuldigung? Es ist genug gethan:

Streicht nur ihr altes Thun129 mit neuen Farben an.

Wie sie den Claudius gleich als ein Kind verleitet /

Daß sie der Unschuld Straff und Elend zubereitet /

Daß sie beim Käyserthum des Nero sich bemüht

Des Käysers Haupt zu seyn / das Glücke / das itzt blüht /

Des Reiches / die Gewalt des Rathes / den Soldaten

Den Sold / des Pöfels Korn zu mindern eingerathen /

Daß sie des Heeres Theil bestochen durch ihr Geld /

Des Käysers Regiment viel Mängel außgestellt /

Den Pöfel dort und dar zu Aufruhr angefrischet /

In alle Händel sich vorwitzig eingemischet /

Daß sie Verläumbdungen stets freyen Zaum verhängt /

Den Käyser für den Brunn des Schiffbruchs außgesprengt /

Die Mord-lust habe sie auch endlich so verblendet:

Daß sie den Agerin zum Käyser außgesendet /

Der / als er Stich und Todt ihm wollen bringen bey /

Mit einem giftgen Dolch ergriffen worden sey.

NERO.

Wir loben deinen Rath. Du solst die Schrift verfassen.130

BURRHUS.

Wil ihre Majestät nicht auch beim Heere lassen

Die milde Hand verspürn / beim Volcke Gnad und Hold?

Durch Gaben bindet man die Götter / Stahl durch Gold.

Der Käyser wird hierdurch sie ihm so sehr verbinden:

Daß des Germanicus Gedächtnüs wird verschwinden /

Darumb das Heer biß itzt steht Agrippinen bey.[93]

NERO.

Daß / was im Vorrath ist / des Heeres Beuthe sey.

PARIS.

Durchlauchtigst-grosser Fürst / ich muß umb die noch bitten /

Die Agrippinens Haß beym Käyser so verschnitten:

Daß ihre Unschuld hat das Elend müßen baun /

Und Rom den Rücken drehn.

NERO.

Sie mögen wieder schaun

Uns und ihr Vaterland. Der Fall der Agrippinen

Sol Lebenden zu Lust / zu Ruhm den Todten dienen.

Schreib: Daß Calpurnie / Licinius Gabol /

Itur /131 nebst Junien die Hand uns küssen sol /

Daß sich Calvisius nach Rom mag wieder wenden.

Man sol mit höchster Pracht den Blutsverwandten senden

Paulinens Todten-Asch / und ihr aus Ertzt und Stein

Ein köstlich Grabmal baun. Etzt auch den Nahmen ein

Silanens in Porfier / die sol unsterblich leben /

Die wegen Treu und Pflicht den Geiß: hat aufgegeben

ANICETUS.

Warumb: Daß dieser Tag so gar vergessen bleibt?

Man hat viel Tage schon ins Zeit-Buch einverleibt

Als heylig / die uns gleich geringre Wolfarth brachten.

BURRHUS.

Laßt / wo nur Tempel sind / den Göttern Opfer schlachten /

Der Menschen Andacht ist der Unschuld bester Schild.

Sätzt in dem Rath-hauß auf132 Minervens güldnes Bild /

Und Nerons sol darnebst auch seinen Stand empfangen.

Dis Fest mag alle Jahr mit Spielen seyn begangen

Das Agrippinens Haß und Arglist offenbahrt.

Der Tag / da aber sie zur Welt gebohren ward

Sol als verdammt und schwartz im Zeit-Register stehen.

NERO.

So muß der / welcher stürmt den Himmel / untergehen.

Reißt ihre Säulen umb zu Rom im Capitol.

SENECA.

Wil ihre Majestät / wie das Begräbnüs sol

Der Todten seyn bestellt / nicht auch Befehl ertheilen.

NERO.

Laßt mit der Leiche nur zu Gruft und Holtz-stoß eilen.

Schafft: Daß man sie verbrennt noch heinte dise Nacht133

Nur nach gemeiner Art / und sonder große Pracht.

ANICETUS.

Man kan dem / dessen Blutt die Schuld hat zahlen müssen

Leicht gönnen Flamm und Grab. Diß ist das ärgste büssen:

Daß diser Todten Grufft mit keinen Lorbern blüht /[94]

Die ihrer Ahnen Ruhm für sich vergöttert siht.

NERO.

Nebst dir / sol Anicet ihr das Begräbnüs machen.

Trabanten tragt sie weg. Du / Burrhus / selbst wirst wachen

Und sorgen: Daß das Heer nichts thätliches beginnt:

Du aber Seneca / schreib / was sie auf ihr Kind134

Für Boßheit vorgehabt / warumb sie sterben müssen /

Außführlich an den Rath.

SENECA.

Wir sämtlich sind beflissen

Des Käysers Heisch zu thun.


Nero. Poppæa.


POPPÆA.

– – Hat Nero nun gesigt /

Entrinnt er der Gefahr?

NERO.

Mein Schatz / die Natter ligt

Und hat itzt Geist und Gift und Gallen außgeblaßen /

Darmit sie auf mein Heil begierig war zu rasen.

POPPÆA.

Klebt hier der Bestien rings-umb gespritztes Blutt?

NERO.

Nun kühlt sich in ihm ab der Ehrsucht heisse Glutt.

POPPÆA.

Ihr Schälsuchts-Reif vergeht / der unsre Libes-Blüthe

Mit falscher Anmuth weg zu fangen sich bemühte.

Itzt aber / nun nach Wunsch solch Mühlthau wird verzehrt

Seh ich: Daß iede Knofp in Blumen wird verkehrt /

Ja wenn der Glückes-Sonn ihr Licht so hoch wird steigen;

Daß sich Octaviens umbschattend Haß muß neigen

So wird erst recht der Herbst erwünschter Lust angehn /

Der Garten seiner Gunst voll güldner Aepffel stehn.

Der Wollust-Herbst wird nicht den Anmuths-Lentz verjagen /

Die Schoos wird reiffe Frucht / das Antlitz Rosen tragen.

NERO.

Der Himmel / der die Schoos der Erden fruchtbar macht /

Der bey der Nacht umb sie mehr als ein Argos wacht /

Wenn tausend Sternen sie zu schauen offen stehen /

Der bey dem Tag auf sie mehr / als auf Galatheen

Der geile Polifem / der Sonnen Auge kehrt:

Hält die geliebte Schoos der Erde wieder werth.

Die Dünste zihn empor als Säufzer der Begierden /

Und geben Spiegel ab / der unbefleckten Zierden:

Nichts minder ligt uns ob: Ihr / da dein sternend Licht /[95]

Dein Himmel der Gestalt / dein Göttlich Angesicht

So günstig uns bestrahln / und Anmuth auf uns regnen /

Mit reiner Gegen-Gunst und Libe zu begegnen.

Und wir ermessen selbst: Daß ihr Octavie /

Die grämste dieser Welt nur noch am Lichte steh?

Alleine sie / mein Licht / wird selbst vernünftig fassen:

Daß Mutter und Gemahl sich nicht wol sicher lassen

Auf einmal richten hin.

POPPÆA.

Es heißt ein Donnerschlag

Der gleich zwey Eichen fällt. Man spar auf künftgen Tag

Nicht / was man heute kan mit einer Artzney heilen.

NERO.

Wo so viel Wunden sind / muß man die Pflaster theilen;

Das Heer ist ihr geneigt / der Pöfel fleht ihr bey.

POPPÆA.

Ein unerschrocken Hertz entwafnet alle zwey.

Die Zweig erschüttern sich / wenn solche Stämme fallen;

Und Niemand flucht dem Blitz / wenn Luft und Wolcken knallen.

Zu dem / was fragt ein Fürst nach's Pöfels Unmuth viel?

NERO.

Mein Kind / auch eine Mauß entseelt den Krocodil /

Ein schwacher Kefer thut des Adlers Eyern Schaden.

Ja / was für Schuld weiß man ihr füglich aufzuladen?

POPPÆA.

Man melde: Daß auch sie zu der verdammten That

Des Agerin / ertheilt vermaledeyten Rath.

NERO.

Ihr Einfalts-Schein läßt sich mit Arglist nicht beflecken.

POPPÆA.

Man findet oftmal Gift in Tauben-Augen stecken.

NERO.

Mein Schatz so ferne siht der blinde Pöfel nicht.

POPPÆA.

Man mißt den Monden nur zur Nacht / kein kleiner Licht.

NERO.

Wer weiß? Wie Rom noch wird der Mutter Tod empfinden.

POPPÆA.

Er kan durch lindern Weg der Gramen sich entbinden.

NERO.

Sie sage denn: Wordurch?

POPPÆA.

Er trenne sich von ihr.

NERO.

Was wendet man mit Fug für Scheidens-Uhrsach für?

POPPÆA.

Daß sie nicht fruchtbar ist.

NERO.

Rom wird dis Unrecht schelten.

POPPÆA.

Was Bürgern vor war recht / sol das nicht Käysern gelten? –

Mein Licht / mein Augen-Trost / er ist zu furchtsam noch.

Er bürde von sich ab des Eyserns knechtisch Joch.

Ist dieser Mund / die Brust für Liebens-werth zu achten?

Warumb denn läßt er mich für Liebe schier verschmachten?

Wilstu / mein Auffenthalt / mein Seelen-Abgott seyn?

So lasse dir doch nicht umbsonste Weyrauch streun.[96]

Mein Schatz / man opfert ja den Göttern nicht vergebens.

Dein Himmlisch Antlitz ist die Sonne meines Lebens /

Der Schatten deine Gunst / der Zeiger ist dein Schluß /

Nach welchem meine Zeit sein Glücke messen muß.

Wie aber: Daß dein Licht so langsam aufwerts steiget?

Und noch nicht unsrer Lust gewünschten Mittag zeiget?

Es wird die Schönheit ja für einen Blitz geschätzt /

Der Seelen Augenblicks in volle Flammen sätzt /

Ja Stein und Ertzt zermalmt / der Zunder zarter Hertzen

Ist Schwefel / fettes Hartzt / das auch von fernen Kertzen

Begierdens-Feuer fängt. Und er mein süsses Licht /

Der so viel Zeit schon glimmt / wil noch recht brennen nicht /

Und frembder Schälsucht Rauch durch helle Glutt zertrennen?

Ob diese Lippen gleich stets voller Flammen brennen /

Ob gleich die Anmuth blitzt aus dieser schwartzen Nacht

Der Augen / ob die Brust gleich Lieb und Glutt auffacht.

Wo Nebel übrig bleibt / und Schälsucht unvertrieben /

Muß wahrer Sonnenschein und unbeflecktes Lieben

Nicht Luft und Brust beseeln. Er fleucht sein süsses Ziel /

Weil er kein sauer Aug in Rom bekommen wil /

Weil er Octavien den Wurm nicht wil erherben.

Dis Thier / das in der Brunst des Liebens doch muß sterben /135

Liebt süsses Lieben doch. Wie daß denn dir / mein Kind /

Die Geister so erschreckt / die Sinnen eysern sind?

Kan Anmuths-Oele nicht dein Marmeln-Hertz außhölen;

So opfr ich Thränen dir / das Blutt verliebter Seelen.

Mit diesem zwingt man ja der Hertzen Diamant.

NERO.

Mein lebend Antlitz mahlt den heissen Seelen-Brand /

Mein Schatz / dir besser ab; als leichter Worte Schatten.

Man muß den Früchten ja zu reisten Zeit verstatten.

Sie ist des Käysers Gunst versichert allzu wol.

POPPÆA.

Die Gutthat / die der Werth begierger Hoffnung sol

So theuer erst bezahln / ist ein verkaufst Geschencke.

Am besten daß man nicht bey Dürstenden gedencke

Des Nectars / den man erst nach vieler Zeit gewehrt.

Wir wolln schnur stracks vollziehn was sie / mein Licht / begehrt.[97]

Sie füge Geh zur Ruh biß an den frohen Morgen.

Wir wolln indeß für uns und ihre Wohlfarth sorgen.


Nero. Agrippinens Geist. Burrhus.

Die Trabanten. Etliche Hauptleuthe.


NERO.

So ist nunmehr gemacht der längst-erwogne Schluß:

Octavie sol fort / wo sie nicht sterben muß.

Octavie sol fort? Ja / wenn so schöne Sonnen

Geliebter Augen sind mit Thränen-Saltz umbronnen;

So zihn sie anderwerts meist Finsternüs nach sich.

Die Trauer-Wolcke schlägt / Octavie / auf dich

Den Blitz des Untergangs. Was wird sie uns gebehren?

Der Hochzeit-Fackeln Licht? Der Strom verliebter Zehren

Versamlet solch ein Meer / auf dem der Libes-West

So leicht uns auf die Syrt als in den Hafen bläst.

Warumb / was zittern wir den Schluß ins Werck zu richten?

Für was entsetz ich mich? Für schattichten Gesichten?

Warumb bebt Hand und Fuß? Der Angst-Schweis bricht mir aus.

Ich wath' in Sand und Flutt / und steh auf Brand und Graus!

Welch Schauer überläufst die Eiß-gefrornen Glieder?

Das Haar fleht mir zu Berg / ich sincke Kraft-loß nieder.

Hilf Himmel! ich erstarr! ach. Was hab ich gethan?

Der Tod und Abgrund greift den Mutter-Mörder an!

Ist Agrippine todt? und sie lebt uns zur Rache?

Schaut! Wie die Bluttige das Mordschwerd fertig mache!

Schaut! Wie ihr nackter Arm das Eisen auf uns wetzt

Und uns die Faust an Halß / den Dolch ans Hertze fetzt!

AGRIPPINENS GEIST.

Schreckt dich nunmehr der todten Mutter Schatten?136

Die dich lebendig nicht zu zähmen mächtig war?

Ein Tiger hat mit mir sich müssen gatten:

Daß dieser Leib solch einen Wurm gebahr.

Die Natter reißt der Mutter Eingeweide

Nicht außer der Geburth entzwey:

Weil ich von dir dis auch nun sterbend leide /[98]

Seh ich: Daß Nero mehr als Schlang und Natter sey.

Mein Adern-Kwäll hat nie kein Blutt gezeugt /

Das nicht mit Milche theils dein Leben

In zarter Kindheit hat gesäugt /

Theils hat es Farbe dir zum Purper abgegeben.

Doch endlich musts ein süsser Kühlungs-Wein

Der Ehrensucht / der Rache Labsal seyn.«u

Kein Geyer speißt sich nicht mit Geyers Blutte;

Du aber saugsts der Mutter aus.

Doch hielt ich dir dis alles noch zu gutte /

Ob schon mein Leib ist worden Asch und Graus.

Da doch iedweder Wurm / die schwache Schnecke sich /

Die sich nur: Daß sie nicht verfaulen soll / beweget /

Die Waffen bey Gefahr in ihrer Schale reget /

Und auf den / der sie neckt / versuchet Rach und Stich:

Holtz knackt und springt / wenn es die Flammen fressen.

Allein ein großer Geist

Wird denn erst hoch gepreist /

Im Fall er Rach und Unrecht kan vergessen.

Dis / sag ich / solt auch mit des Leibes Aschen

Verbrennt / vertilgt / verstäubt seyn / abgethan /

Weil aber du mir Ehr und Ruhm greifst an /

Sol Lethe selbst mein Bluttmahl nicht abwaschen.

Du Mörder / schwärtzst mit diesem Laster mich /

Ich hette Meuchel-Mord gestiftet selbst auf dich!

Brich Abgrund auf! Verschling die Mißgeburth der Erden /

Ein gutter Ruhm ists Kleinod dieser Welt /

Ein Heyligthumb / das man für Göttlich hält /

So muß es ja versöhnt mit Blutt und Opfern werden.

Der Hund in deinem Hertzen billt /

Dein Hencker schmeltzt schon Pech zu deinen Bränden /

Verläumbdung kan der Unschuld Schild

Zwar wol erschelln / des Richters Auge bländen:

Alleine die Gewissens-Pein

Muß endlich doch ihr Hencker seyn.

Ja! was hat erst dein Blutt-Rath mehr beschlossen?

Soll nun Octavie auch deinen Mord-spruch hörn?[99]

Soll die / die Haß und Geilheit angegossen

Unschuldger Leichenberg / die Schaar der Geister mehrn?

Mein Schatten wird in unter-irrdschen Hölen

Die Todten-Beine / grimmer Sohn /

Der längst-entseelten Menschen schon

Zu meiner Lust / und dir zur Kwal beseelen.

Bis daß du nach viel Ach und Pein

Die Götter wirst versöhnen auf der Baare /

Wenn auf dem mir geweyhten Rach-Altare

Dein Arm der Prister wird / dein Leib das Opffer seyn.137

NERO.

Ach! Mutter / ach! Vergib! vergib dem bösen Kinde!

Wasch ab durch Straff und Blutt das Brandmal ärgster Sünde!

Fleuchstu? Verzihe doch! Die Faust ist schon geschickt

Daß sie den blancken Dolch mir in das Hertze drückt /

Und dir mit meiner Leich ein bluttigs Opffer bringet.

BURRHUS.

Halt Fürst! Was ists / das ihn zu dem Verzweifeln zwinget?

NERO.

Laßt den gekwälten Geist erlangen Tod und Ruh.

BURRHUS.

Der Käyser meld uns doch / was nöthigt ihn hierzu?

NERO.

Die Mutter.

BURRHUS.

Die schon kalt!

NERO.

Bekämpft die ängstge Seele.

BURRHUS.

Die Geister kommen nicht zurück aus Grab und Höle.

NERO.

Sie hat itzt ja auf mich den Blutt-Spruch erst gefällt.

BURRHUS.

Nichts Wunder: Daß die Furcht den Traum für Warheit hält.

NERO.

Was uns ihr Geist gedreut / das dreut uns auch's Gewissen.

BURRHUS.

Solch Nebel wird sich schon am Tage säncken müssen.

NERO.

Sagt / ist der Tag das Ziel des Lebens138 itzt bald dar?

BURRHUS.

Die Nacht sey ohne Furcht / der Tag hat nicht Gefahr.

NERO.

Die Schaar / die für uns wacht / denckt selbst uns hinzurichten.

BURRHUS.

Der Käyser schlüsse doch die Wurtzel aus den Früchten.

Erzeigt der Majestät dis / was ihr seid gesinnt.

HAUPTMAN.

So lang ein Tropffen Blutt in unsern Adern rinnt /

So lang ein Athem wird des Lebens Bälge treiben /

Wird das geschworne Heer dem Käyser treu verbleiben.

Wir fallen ihm zu Fuß / und küssen Hand und Knie /

Verwünschend: Daß das Hauß des Käysers ewig blüh /[100]

Erfreut: Daß er beglückt dem Meuchel-Mord entronnen.

NERO.

Wenn euer Gunst-Wind weht / so hat mein Schiff gewonnen.

Verharrt in treuer Pflicht. Des Käysers milde Hand

Wird zweyfach euch thun gutt / was Agrippin entwand.

Jedoch / umb unser Reich mit Wohlfarth zu bekrönen /

Eiln wir der Mutter Geist mit Opffern zu versöhnen.139


Der Schauplatz verändert sich in eine wüste Einöde.

Paris. Anicetus. Mnester. Die Todtengräber.


PARIS.

So ist das stoltze Weib nun Asche / Grauß und Staub?

MNESTER.

Die Glieder sind allein der Glutt verweßlich Raub.

ANICETUS.

Ist außer Knoch' und Kohl' auch sonst was übrig blieben?

MNESTER.

Ja / Ihr Gedächtnüs ist ins Buch der Zeit geschrieben.

ANICETUS.

Ist ihre Seele nicht in Schlang und Wolff gefahrn?140

MNESTER.

Sie stieg den Sternen zu die auch ihr Uhrsprung warn.141

PARIS.

Hat sie durch Laster nicht die Flügel eingebißet?

MNESTER.

Schäumt / lästert! aber sagt / ob ihr so gar nicht wisset?

Es hege noch ihr Geist in dieser Welt Gericht.

PARIS.

Wo ist ihr Urthel-tisch? Wer? über den sie spricht?

MNESTER.

Die Mord-schaar ist ihr Volck / der Richtplatz ists Gewissen.

ANICETUS.

Der taug zum Richter nicht / der selbst muß Laster bißen.

MNESTER.

Was hängt Verleumbdung nicht für Fleck der Unschuld an?

PARIS.

Sag ob man rechtes Recht Verleumbdung nennen kan?

MNESTER.

Mit was für Recht entziht man ihr den Schmuck der Baare?

ANICETUS.

Man ehrt die Boßheit nicht mit Tempel und Altare.

PARIS.

Die Straffe folgt der Schuld; und wenn der Leib erblaßt /

So bleibt er unverehrt / ihr Leben hoch verhaßt.

MNESTER.

Die Tugend wird durch Haß der Feinde nicht versehret.

ANICETUS.

Wo ist itzt einig Mensch der ihr Gedächtnüs ehret?

MNESTER.

Die Nachwelt und halb Rom wird nicht vergessen ihr.

PARIS.

Wie daß der Adel ihr nicht trägt die Bilder für?142

MNESTER.

Ihr hoch Geschlechte gläntzt auch sonder Ertzt und Steine.

ANICETUS.

Kein naßes Aug ist dar / das ihren Tod beweine.

MNESTER.

Aus Nerons wird noch kwälln an statt der Thränen Blutt.[101]

PARIS.

Wie daß man Weyrauch nicht in ihren Holtzstoß thut?

MNESTER.

Wohlrichend Hartzt und Holtz / macht doch nur Rauch und Aschen.

ANICETUS.

Wer hat den todten Leib mit Salben rein gewaschen?

MNESTER.

Man reinige den Geist / der Leib mag fleckicht seyn.

PARIS.

Wer hüllt in Seid und Gold den kalten Leichnam ein?

MNESTER.

Dis Wurmgespinste wird von Wurm und Glutt gefressen.

ANICETUS.

Wird ihrer Thaten nicht von Rednern gar vergessen?

MNESTER.

Die Tiber und der Rhein sind Redner für ihr Lob.

PARIS.

Wie daß kein Bette sie von Helffenbein erhob?

MNESTER.

Entseelte ruhn so gutt auf Holtz alß Helffenbeine.

ANICETUS.

Man sammlet nicht die Asch in Gold und edle Steine.

MNESTER.

So bleibt ihr Todten-Topff der große Kreiß der Welt.

PARIS.

Kein Raths-Herr steht allhier / der ihr die Fackeln hält.

MNESTER.

Der Himmel leuchtet ihr mit Sternen selbst zu Grabe.

ANICETUS.

Wo steht ein einig Bild / das ihr Gedächtnüs habe?

MNESTER.

Ihr Nahme lässet sich aus Städten tilgen nicht.

PARIS.

Wer ist / der ihr umbs Grab Cypreß und Rosen flicht?

MNESTER.

Welch Absehn hat ein Geist auf bald verfaulte Blätter?

ANICETUS.

Kein Pfau / kein Adler trägt die Seel ins Schloß der Götter.143

MNESTER.

Die Tugend kan allein vergöttern unsern Geist.

PARIS.

Sagt: Wer was Göttliches an Agrippinen preißt?

MNESTER.

Der Käyser wird sie selbst mit Furcht vergöttert schauen.

ANICETUS.

Man läßt den Göttern sonst Altar und Tempel bauen.

MNESTER.

Geweyhte Seelen gehn geweyhten Marmeln für.

PARIS.

Wo sind die Weyhungen? Welch Prister opffert ihr?

MNESTER.

Der Neid wird ihr noch selbst die Schlangen opffern müssen.

ANICETUS.

Weil sie noch giftge Milch in ihrer Asche wissen?

MNESTER.

Die Rache kühlet sich sonst durch den Todten-Schweiß

Und wenn sie ihren Feind entseelt / erkaltet weiß:

Ihr aber spielet noch mit ihren dürren Knochen /

Die diese Glutt verfängt und Mord-Lust hat zerbrochen.

Ihr Mörder / maßt was euch zu dancken ist / ihr zu /

Daß man der Todten nicht den letzten Dienst recht thu?

Jedoch versichert euch: Beschimpffung todter Leichen /

Ob's denen / die für Tod und Zeit die Segel streichen /[102]

Zwar nicht empfindlich fällt / ist so verruchte That /

Die Brand und Pest zur Straff und Gott zum Rächer hat.

Welch Wahnwitz aber lehrt? Daß es was schaden könne

Dem Todten / wenn man nicht ihm groß Gepränge gönne.

Viel derer Thaten stehn den Sternen eingepregt /

Sind in kein Marmeln-Grab / in schlechten Sand gelegt.

Viel haben ihren Sarch in wilder Thiere Magen /

Viel in der wüsten See: Viel hat ein Felß zerschlagen;

Viel leben unversehrt / ob Amianten-Stein

Und Leinwand / die nicht brennt /144 gleich nicht den Leib schloß ein.

Es ist ein schlecht Verlust / ein kostbar Grab entbehren.

Auch was gebalsamt ist / kan Faul und Wurm verzehren /

Den Ambra tilget Wind / die Myrrhen frißt die Zeit /

Was Lebens-Oel soll seyn / ist selber Eitelkeit.

Dis einge geb ich nach bey den verlangten Gaben:

Die Götter müssen Blutt zu ihrem Opffer haben;

Wo wird es Agrippin itzt aber nehmen her?

Dem / der doch sterben muß / fällt sterben wenig schwer.

Auf Mnester? rüste dich und opffere dein Leben

Derselben / der man wil kein Blutt zum Opffer geben!

Weil Niemand ihr Gebein aus kostbarm Wasser wäscht /

Und die noch glimme Glutt durch keine Thrän außläscht /

So wasch und lesche sie mein spritzendes Geblütte;

Eh als der Käyser mich mit Blitz und Ach umbschütte

Viel besser: Daß ein Dolch die Adern schneid entzwey /

Und mein unschuldig Blutt ein reines Opffer sey;

Als: daß es auf der Rach entweyhtem Schmach-Altare

Der Mord-Verräther Grimm / der Hencker Pein erfahre.

Mnester / zitterstu? schreckt Tod und Sterben dich.

Was starrstu? hemmt dein Arm noch den behertzten Stich?

Stoß / Mnester / stoß / stoß zu!145 durch solch bepurpert Sterben

Kan aus den Wunden man ihm Ehren-Fahnen färben.

PARIS.

Schau / wie / wenn man der Schlang ihr giftigs Haupt abschlägt /

Ihr Schwantz und Brutt sich selbst ins Grab zu scharren pflägt.

MNESTER.

Ihr Schlangen / gebt den Stich mir und der Agrippine.

ANICETUS.

Schau wie die Natter noch zu züngeln sich erkühne!

MNESTER.

Die Zunge / die schon stirbt / ist alles Heuchelns frey.[103]

PARIS.

Man lacht / wenn / wer verspielt / die Karte reißt entzwey.

Verblutte Seel und Geist / verkühle Zorn und Gallen.

Ein sich selbst-stürtzend Feind bringt süsses Wolgefallen.


Nero. Zoroaster. Sein Diener. Paris. Anicetus.


NERO.

Hier ist der Orth / den du zum Opffer dir bestimmt.

ZOROASTER.

Sehr wol: daß noch die Asch und ihr Gebeine glimmt.

Was aber rächelt hier für eine bluttge Leiche?

ANICETUS.

Ein sich selbst-leschend Brand von Agrippinens Seuche.

ZOROASTER.

Der Himmel segnet selbst mein Todten-Heyligthum /

Der Zufall meinen Wunsch / mein Werck der Weißheit Ruhm.

Weicht aber bald von hier ihr ungeweyhten Seelen.

Es dient nichts Irrdisches den Göttern tieffster Hölen.

Mein Sohn / komm rücke mir den Opffer-tisch hieher.

NERO.

Mein Hertze wird mir kalt / und alle Glieder schwer!

ZOROASTER.

Der Käyser muß behertzt vollziehn / was angefangen.

NERO.

Wo wir durch Hertzhaft-seyn nur auch den Zweck erlangen.

ZOROASTER.

Der Käyser sorge nicht. Die Sternen folgen mir /

Ich schreibe Satzungen den Göttern selber für /

Ich mache: daß der Tag mit vielen Sonnen strahlet /

Daß dreyer Monden Licht die Mitternächte mahlet /

Ich halte durch mein Lied der Flüsse schnellen Lauff /

Den Zirckel der Natur / der Sternen Wechsel auf.

Ich schwelle Well und Meer auch sonder Sturm und Winde /

Ich schaffe: daß das Eiß als Schwefel sich entzünde /

Mit Flammen lesch ich Glutt; Die Zeichen meiner Schrifft146

Sind von so großer Krafft: daß Nattern Gall und Gift

Bey meinem Kreyß außspein / daß die zertheilte Schlange

Zusammen wieder wachß und neue Seel empfange;

Daß Ström als Eiß erstarrn /147 die Bach in Kwäll verseugt;

Daß Hecate zu mir in eine Höle steigt;148

Daß Flüsse Lauff und Gang Berg-auf zu Gipffeln nehmen.

Ich kan die Drachen kirrn und Panther-thiere zähmen /149

Die Löwen sind mein Pferd / die grosse See mein Land /

Ich baue Thürm ins Meer / und Kwällen in den Sand /

Ich kan mit Menschen-Blutt in volle Monden schreiben /150[104]

Wohin die Sterblichen wird ihr Verhängnüs treiben /

Den Grüfften pflantz ich Licht / den Marmeln Liebes-Pein /151

Den Felsen Zung und Red / Entseelten Seelen ein.

NERO.

Ach möcht auch doch durch dich der Mutter Geist erwachen!

ZOROASTER.

Laß uns zum Heyligthum nunmehr den Anfang machen.

Der Käyser setze sich hier hinter das Altar.

Mein Sohn / nimm was ich dir befehle / fleißig wahr.

Gib das gefärbte Tuch aus laulichtem Geblütte

Der Kinder / die mein Arm aus Mutter-Leibe152 schnitte.

Komm lege mir den Rock / der Götter duldet / an.153

Komm wasch aus Wasser ihn / das aus drey Brunnen ran /

Eh als ich es geschöpfft in drey entweyhten Nächten.

Nun mustu umbs Altar Cypressen-Zweige flechten.

Gibs Rauchfaß / ein von Wachs und Schwefel brennend Licht.

Vergiß Wacholder-holtz und Lorber-Beeren nicht /

Gib Kräuter / die man muß bey Monden-scheine graben /154

So oft als Nacht und Tag gantz gleiche Stunden haben.

Wormit sich Nectabis in Ammon hat verkehrt /155

Als ihn Olympias des Beyschlafs hat gewehrt:

Gib her sein Jungfern-Wachs / daraus er Bilder machte /

Dardurch er Stürm ins Meer / den Feind in Schiffbruch brachte.

Gib Gemsen-Wurtzel her / Maah-Häupter / Eisenkraut156 /

Fleisch / das man aus der Stirn unzeitger Pferde haut /157

Wirff Wolffs-Milch auf den Rauch / und Wurtzeln in die Flammen /

Wo Mann- und Weiblich Saam ist eingepfropft zusammen.

Nun werde mir hieher das Mohren-Kraut158 gebracht /

Das Schlösser öffnen kan und Flüsse trocken macht.

Itzt gib den Distel-strauch / der nicht nur Geister schlüssen159

Ja Götter fäßeln kan: Daß sie erscheinen müssen.

Wo ist das Zackel-Kraut /160 das Wein in Wasser kehrt?

Fehlt Osirite nicht /161 durch welche man beschwert

Der Todten blaße Schaar? Du must das Kraut anzünden /

Dardurch man kan den Schatz verliebter Träume finden.162

Schau: Daß die Mauer-Raut163 auch unvergessen sey /

Die Riegel lösen kan / und Steine bricht entzwey /[105]

Wenn sie die Wiede-hopff hat in ihr Nest vergraben.

Itzt muß ich Krausemüntz und frischen Knobloch haben.164

Wo ist der Agrippin ihr wächsern Ebenbild?165

Gib den geheimbsten Zeug in Seiden eingehüllt.

Wie dieser Weyrauch-Safft dem Feuer gibt das Leben /

So soll dis Opffer auch den Geist ihr wieder geben.

Mein Sohn / nun geh und liß aus Asche / Flamm und Graus

Der Agrippinen Bein' und schwartze Knochen aus;

Des Mnesters Leiche sey gelegt zu meinen Füßen /

Damit ich alles kan in heilgen Zirckel schlüssen.

Du unbeseeltes Bild / ihr glimmenden Gebein /

Ich flöß euch Sonnen-schweis und Schaum vom Monden ein /166

Umb die versängte Krafft des Feuchten zu ergäntzen.

Die Augen die an Luchß / und Basilißken gläntzen /

Das Kraut / das / steckt man nicht Dianen Opffer an /167

Wenn mans ins Wasser wirst / die Augen bländen kan /

Des Habicht-krautes Safft /168 die das Gesicht erfrischet /

Solln in dis Heyligthumb ietzt werden eingemischet

Umb zu ersätzen ihr ihr außgeleschtes Licht.

Hier ist die Heydechs-Haut /169 die sie / weil sie sich nicht

Uns gönnet / selbst verschlingt. Die wird die Würckung haben

Mit neuem Fleisch und Haut die Todte zu begaben.

Hier füllet frisch Gehirn ihr leeres Todten-Haupt /

Das ich den Molchen hab am fruchtbarn Nil geraubt.

Itzt eign' ich ihr das Marck von ungebohrnen Kindern.

Die Fäule müssen Myrrh und Zeder-Oel verhindern /

Und dem Gehöre muß ein klingend Adler-stein /

Den er ins höchste Nest verstecket / hülffbar seyn.

Nun reiche mir / mein Sohn / des Hirsches Eingeweide:

Daß ich mir zur Artzney aus ihm die Schlange schneide /

Die gestern er verschlang. Gib mir die Gall itzt her

Des Fisches / der ein Schiff kan hemmen in dem Meer.170

Itzt muß die Lunge nicht der Krähe seyn vergessen /

Die neunmal hundert Jahr von Aeßern hat gefressen.

Wo ist des Maulworffs Hertz und dises / das mein Arm171

Bey neuem Mondenschein der Widehopffe warm

Aus ihren Därmen rieß:172 Ich muß es bald verschlingen.[106]

Denn Hecate steigt auf. Du must mir Milch herbringen

Von einer schwartzen Kuh / umb also bald zu sehn /

Was künfftig in der Welt / im Himmel sol geschehn!

Gib her den Ananchit173 aus meinen kräftgen Steinen /

Der auch die Götter selbst kan zwingen zu erscheinen.

Wirff von der Fleder-Mauß die Leber in die Glutt.

Itzt misch ich Phoenix-Asch in Pelickanen Blutt /

Nebst eines Seiden-Wurms niemals entseelter Leichen.

Wie diese neuen Geist von lauer Wärmbd erreichen /

Wie Pelicanen Blutt die Jungen lebend macht /

Wie aus des Phoenix Asch ein Jüngerer erwacht;

So soll ein frischer Geist beseelen dis Gebeine.

Es zeigt sich Hecate schon mit geneigtem Scheine /

Und hemmt den schlaffen Zaum der weissen Ochßen an:

Daß Mitternacht sich nicht so bald entfernen kan /

Die Zeit die zu dem Werck allein ist außgestecket.

Es schläfst und schweigt / was Schliff / was Laub / und Himmel decket /

Kein Fisch schwimmt durch die See / kein Vogel durch die Lufft

Auß Schrecken der durch mich entdeckten Todten-Grufft /

Die Eule häulet nur / die grüne Natter zischet /

Die Feuer-Krette girrt. Mein Schweis werd abgewischet.

Mein Sohn / nun binde mir den Schlangen-Krantz umbs Haupt.

Weil dir noch neben mir zu bleiben ist erlaubt /

Wenn du mit Salbe mir / die mich nach Wunsch in Raben

In Katz und Wolff verkehrt /174 die Brust gesalbt wirst haben.

Wo ist der Atizok /175 durch welchen Stein man sich

Unsichtbar machen kan? Nunmehr entferne dich.

Jedoch / eh als die Grufft / der Abgrund wird zerrissen /

Muß Zirzens Zauberstab in einen Kreiß uns schlüssen;

Aus welchem man umbsonst zu kommen sich bemüht /

Eh als man ihn vertilgt von meinen Fingern siht.

Nun müssen umb den Kreyß die Zeichen seyn gemahlet /

Wormit zu Ephesus Dianens Bildnüs strahlet;176

Und in den frischen Sand177 durch ein entblößet Schwerd

Die Grube seyn gescharrt / in welcher wird gewehrt

Den Geistern Honig / Milch / und Blutt und Saft aus Reben /[107]

Wenn sie den Opfernden Gehöre sollen geben.

Schau wie spritzt schon empor der Adern rother Jäscht /

Der Todte kan beseeln / den Durst den Geistern läscht.178

Großer Beherrscher der finsteren Hölen /

Hellen-Diespiter / Vater der Nacht /

Schrecklicher König erblaßeter Seelen /

Wird dir von mir was Gefälliges bracht

Wenn ich die Heynen und Hölen erleuchtet

Tempel aus Todten-Gerippen gebaut /

Wenn dir mit Blutte der Wölffe befeuchtet179

Ward des Ononis dir heyliges Kraut:

Muß noch für Tage mir werden gewehret

Was dein gewidmeter Prister begehret.

Hecate / welcher dreyfaches Gesichte

Himmel und Erden und Hellen-Pful mahlt /

Wo ich dein Prister-Ampt würdig verrichte /

Wenn mich dein silberner Zirckel anstrahlt

Wirstu der Käyserin irrenden Schatten

Dieses ihr Opffer zu schauen verstatten.

Klotho besänffte der Atropos Wütten /

Fädeme wieder den Lebens-Drat ein /

Welchen die Schwester ihr hatte zerschnitten.

Dieses kan euch nicht verkleinerlich seyn /

Wenn ihr die Seele / die einmal erblasset /

Düsterner Mitter-Nacht Schimmer sehn lasset.

Charon / durch deßen gebildet Gesichte180

Meine Hand oftmals hat Seuchen gestillt:

Wenn ich das Schiff-geldt dir doppelt entrichte /

Hab ich dir Will und Verlangen erfüllt /

Disem nach mag Agrippine dich zwingen

Ihren Geist wieder zurücke zu bringen.

Aber / du blasser Geist / irrende Seele /

Lasse dein schattichtes Antlitz uns schaun.

Komm aus der dir aufgeschlossenen Höle

Schaue / was wir für Altäre dir baun /

Lasse die dir aufgeopferte Gaben[108]

Würckungen wahrer Versöhnungen haben.

Sorge nicht: daß dir die Speise wird fehlen /

Welche die schattichten Geister ernehrt.

Wilstu die güldene Wurtzel181 erwehlen /

Schaue sie wird dir hier frischer gewehrt /

Als sie die einmal erblichene Seelen

Haben im Garten der finsteren Hölen.

Wie? wolln die Geister nichts auf mein Beschweren geben /182

Darf mir der Hellen Pful verächtlich widerstreben?

Soll mein verspritztes Blutt kein fruchtbar Opffer seyn?

So wil ich eure Nacht durch hellen Sonnen-schein

Zerstören / und den Tag in euren Abgrund schicken /

Die irrenden Gespenst in einen Kreiß verstricken.

Jedoch ich nehme wahr / an was der Mängel ligt.

Wenn ein entleibter Geist zum Todten-Opffer krigt

Kein bluttig Menschen-Hertz / so ist er nicht zu zwingen.

Wolan! ich wil auch dis dir Agrippine bringen.

Wie dieses Messer dringt durch Mnesters kalte Brust;

So dringe deine Seel auch durch des Abgrunds Wust /

Für dises Söhn-Altar / wo die geweyhten Flammen

Vermählen Asch und Hertz und Tag und Nacht zusammen.

NERO.

Hilff / Himmel! ich bin todt! der Abgrund schlingt mich ein!

ZOROASTER.

Ach! soll mein Heyligthum auch meine Baare seyn.

Die Ohnmacht fällt mich hin / ihr Sterblichen mögt lernen:

Wer Hell und Schatten ehrt / entehrt / erzürnt die Sternen.


Reyen.


Der Geister des Orestes und des Alcmæon. Der Megæra, Alecto, und Tisiphone.


DIE FURIEN.

Verfluchte! welcher grause Sünden

Zu Lethens glimmer Schwefel-Glutt

Den Weg noch allzu zeitlich finden /[109]

Ist euer grimmer Frevel-Muth

Durch Aberwitz und Zauberey beflissen

Den lichten Pful des Abgrunds aufzuschlüssen?

DIE GEISTER.

Weh! weh! ach! ach! mag Frembder Missethat

Die grimme Pein verdienter Straffe schärffen?

Muß Mondenschein den Lebenden entwerffen

Was Mutter-Mord für Hellen-Hencker hat.

Weh! weh! ach! ach! Uns die wir müssen

Stets sterbend leben / ewig büßen.

MEGÆRA.

Ertzt-Mörder! wie die bluttge Striemen /

Die meine Schlangen-Rutte schlägt /

Orestens schwartzen Nacken blümen;

Weil er die Mutter hat erlägt;

So sol auch dich mit zehnmal ärgern Schmertzen

Die Peitsche röthen / Glutt und Schwefel schwärtzen.

ORESTENS GEIST.

Wo Minos nicht an mir die Rechte bricht /

Krafft welcher mir so scharffe Kwal ist worden;

Hat Hell und Welt genungsam Martern nicht

Für Nerons Halß und schröcklichs Mutter-morden;

Ich tödtete die mich verletzet /

Du die / die dich ins Reich gesätzet.

TISIPHONE.

Kommt / Schwestern / helft mir Rutten binden.

Kommt leiht mir euer Nattricht Haar.

Helft Hartzt vom Phlegeton anzünden /

Reicht Schwefel / Pech und Zunder dar.

Entblößet ihn / braucht Fackel / Flamm und Rutte

Biß sich der Brand lesch in des Mörders Blutte.[110]

ALECTO.

Ertzt-Mörder! wie Alcmæons Eßen

Muß Galle / Gift und Schwefel seyn /

Weil er der Kinder-hold vergessen /

Die sonst die Mutter-Milch flößt ein:

So muß auch dir seyn brennend Oel gewehret

Daß deine Kwal stets mit der Flamme nehret.

ALCMÆONS GEIST.

Wo Rhadamanth mich nicht zu scharf verdammt /

Wenn Gifft mich tränckt / und glüend Ertzt mich speiset /

So ist kein Stahl der sattsam brennt und flammt /

Kein Gifft / das sich genungsam starck erweiset /

Dardurch der Abgrund das Verbrechen

Des Mutter-Mörders könne rechen.

TISIPHONE.

Kommt Schwestern / helft Geträncke machen

Bringt Basilißk- und Molchen-Jäscht

Vermischt mit Eyter von den Drachen:

Daß es den Durst dem Käyser läscht.

Trinck / Nero / trinck! was magert dein Gesichte?

Gift ist dein Wein / der Schwefel dein Gerichte.

DIE GEISTER.

Gißt siedend Oel dem Mörder auf die Brust

Zerreißt den Leib mit glüend-heissen Zangen /

Vergällt mit Ach ihm seine Mörder-Lust /

Sätzt Würmer ihm ins Hertz / im Busen Schlangen /

Nur: daß die Pein den nicht verzehret /

Der Mutter-Milch in Wermuth kehret.

MEGÆRA.

Ich wil nicht seinen Geist nur plagen /

Rom mag hier Nerons Bildnüs sehn

Den Sack der Mutter-Mörder tragen[111]

Zu weisen: Was ihm sol geschehn.

Dis Marmel rufft: Der Fürst hat mehr begangen

Als sich Orest / Alcmæon unterfangen.

ALECTO.

Ihn muß noch gleichwol was erkwicken.

Iß! iß die güldnen Aepfel hier /

Die dich mit tausend Lust anblicken.

Kommt ihr Harpyien183 herfür /

Ihr mögt dahin die spitzgen Klauen senden /

Reißt ihm die Frücht' aus den verfluchten Händen.

TISIPHONE.

Ich wil dich noch mit Früchten nehren /

Die Zucker-schilff und Weinstock trägt.

Doch nein! der Himmel wils verwehren;

Schau wie der lichte Blitz herschlägt!184

DIE GEISTER UND FURIEN.

Lernt Sterblichen: Daß ein verlätzt Gewissen

So wird gekwält / gehenckert und zerrissen.

Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Römische Trauerspiele. Stuttgart 1955, S. 87-112.
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