Die vierdte Abhandlung.

[72] Der Schauplatz stellet für des Käysers Gemach.

Des Britannicus Geist. Nero schlaffend.


BRITANNICUS.

Schöpfft hier der Wütterich / der Bruder-Mörder Lufft?

Bringt er die Nacht mit stillem Schlaffe zu?

Und mein entseelter Geist hat in der tieffen Grufft

Nicht für der Angst der muntern Rache Ruh?

Ist nicht mehr wahr? Ein lasterhaft Gewissen

Wird von den Nattern böser Lust

Von Würmern banger Furcht gehenckert und zerrissen.

Es billt ein Hund ja in der Brust

So oft das Hertze schlägt / der den vom Schlaff erwecket /

Den mehr geronnen Blutt als edler Purper decket.

War keine geschäftige Spinne nicht dar /

Die / als du mir das Gifft-Glaß eingegossen /

Nahm des mich entseelenden Reben-saffts wahr?

Die diß zur Luft und zur Artzney genossen /

Daraus ich Tod und Galle muste saugen?

Die / was für grimme That ein Bruder hat gethan /

Dir übers Haupt / und aller Welt für Augen

Durch ihr gewebtes Garn lebendig bilden kan?

Ein todtes Schilf wird oft ja Lastern zum Verräther.

Ein Schatten und ein Wind erschreckt die Ubelthäter.

Kommt dir / du Blutthund / nicht mehr ein;

Daß / als an mir des Gifftes braune Flecken111

Sol Mahlerey und Gips verdecken /

Die Wolcke muß ein Schwamm / der Regen Tinte seyn /

Der deine Farb außwischt / und auf die Brust mir schreibet:

Der Bruder ist durchs Brudern Gifft entleibet.

Allein / Ertz-Mörder / ach! ich schau

Dein Sinn ist allzu hart / und deine Brust zu wilde:

Daß dir für deiner Boßheit grau' /

Und ihr Gedächtnüs sich dir durch die Träum einbilde:[73]

So drücke dir denn itzt ins Hertzens Kiselstein

Diß Gift-Glaß / dise Glutt der Mordthat Merckmal ein.

Entsätzstu dich: Daß Bajens Lust-Gefilde

Irr-Gärthe blaßer Geister sind /

Wo doch ihr kaltes Blutt nicht rinnt?

Die Ferne dient der Boßheit nicht zum Schilde.

Der Schatten läßt das Licht

Die Kwaal den Thäter nicht /

Und Rache folgt biß an das Ziel der Erden.

Ein Geist macht ihm durch Felsen Riß' /

Und Bösen muß ein Paradiß

Zur Hell / ein Blumen-thal zur Schinder-Grube werden.

Wiß aber: Daß die ungeheure That /

Für der der Mond erbleicht / die Geister sich erröthen /

Da du durch Schiffbruch dich die Mutter mühst zu tödten /

Mich aus der Grufft hieher getaget hat.

Allein umbsonst! Die rinnenden Chrystallen /

Sind zu Vertunckelung so grimmer That zu rein.

Die See kan nicht so kalt / als deine Seele seyn /

In der nur Gifft muß statt des Bluttes wallen.

Die Welle treibt an Hafen sie /

Die durch Betrug im Schiffe Schiffbruch leidet.

Auf! Falle für ihr auf die Knie /

Eh als Verzug dir Gnad und Gunst abschneidet.

Doch ach! zu späth. Erschreckliche Gestalt!

Verwandeln sich die Oel-Bäum in Zipreßen?

Dis Lusthauß wird der Schlangen Auffenthalt /

Ich sehe schon den Käyser Drachen fressen.

Die Erde bricht / der Abgrund kracht /

Seht: Wie die Wolken ihm nach Haupt und Zepter blitzen.

Wer ihm den Himmel unhold macht

Den kan kein Lorber-Krantz nicht für dem Donner schützen.


Nero. Paris. Anicetus. Die Trabanten.


NERO.

Hilf Himmel! ich erstarr! ich zitter! ich vergeh!

Wo bin ich? Himmel hilf! im Abgrund? in der See?[74]

In einer Todten-Grufft? umbschrenckt mit tausend Schlangen?

Mit Aeßern überlegt? Von Tigern rings umbfangen?

Von Blitz und Keil gerührt? und gleichwol im Gemach?

Lebendig? Träumet mir? Trabanten! Wer durchbrach

Das Zimmer mit Gewalt?

1. TRABANT.

Wir haben nichts vernommen.

NERO.

Ist nichts euch zu Gesicht / auch nichts zu Ohren kommen?

2. TRABANT.

Das minste nicht. Der Hoff ist schon fürlängst zur Ruh.

NERO.

Ihr Götter! ach! was bringt uns Paris neues zu?

PARIS.

Durchlauchtigster / nichts Gutts.

NERO.

Ists schon umb uns geschehen?

PARIS.

Nein! Wo nur Nero weiß die Segel recht zu drehen.

NERO.

Was ists denn? Sag es bald? ach! aber wir sind hin!

PARIS.

Der Schiffbruch hat gefehlt / es lebet Agrippin.

NERO.

Und Nero / leider! muß nun sterben und versincken /

Eh als Aurora wird der braunen Sonne wincken!

PARIS.

Verzweifelt Unheil krigt durch Aufsicht oft noch Rath.

NERO.

Sag aber: Wie sich so das Spiel verkehret hat.

PARIS.

Als sich das Schiff zertheilt / ist sie ans Land geschwommen.112

NERO.

Woher hastu bereit die raue Post vernommen?

PARIS.

Die gantze Gegend ist voll Lermen / und erweckt.

Ich weiß nicht / wer so bald den Schiffbruch hab entdeckt.

Das Ufer ist voll Volck / die See voll kleiner Nachen /

Der Fackeln Vielheit kan die Sternen tunckel machen.

Viel wateten ins Meer / und reichten ihr die Hand.

Nun Agrippinen itzt geholffen ist ans Land /

Erklingt Gebirg und Luft von hellen Lust-gethönen /

Man siht die Hügel sich mit Freuden-feuern krönen.

Den Tempeln rennet zu des Pöfels gröster Theil /

Und sagt den Göttern Danck für Agrippinens Heil.

NERO.

Für unsers Niemand nicht! ach leider! Dise Stunde

Geneset Agrippin / und Nero geht zu Grunde.

Ein Traum / wo nicht ein Geist weissagte die Gefahr.

ANICETUS.

Fürst / Agerinus ist von Agrippinen dar.

NERO.

Hilf Himmel! auch versehn mit viel geharnschten Scharen?

ANICETUS.

Ich merckte keine nicht / die ihm zu Dinste waren.

NERO.

Was sol die Botschafft wol uns von ihr bringen bey?[75]

ANICETUS.

Nichts / als daß Agrippin in Hafen kommen sey –

NERO.

Gesund und unverletzt?

ANICETUS.

Sie hat allein empfunden

Durch eines Ruders Streich ein Merckmal einer Wunden.

NERO.

Entschwam sie uns zur Straff alleine diser Noth?

ANICETUS.

Nein! Aceronie und Plautus sind nur todt.

NERO.

Weiß die Verruchte sich so alber noch zu stellen?

Ja / leider! ja! sie sucht durch Einfalt uns zu fällen /

Und thut: als wüste sie des Schiffbruchs Ursprung nicht /

Biß unsre Sicherheit uns Halß und Zepter bricht.

Sie wird bald bey uns seyn / nicht ihre Rache fristen /

Den Pöfel wafnen aus / die Sclaven auf uns rüsten /

Das ihr geneigte Heer mit Aufruhr stecken an.

Ja wo sie nur nach Rom zum Rathe kommen kan /

Dem Volcke machen weiß: Wie sie die Wund empfangen /

Wie es beym Schiffbruch ihr erbärmlich sey ergangen /

Daß ihre Freind allein umbkommen in der Flutt;

So kostet leider es uns Zepter / Ehr und Blutt.

Der Rath wird uns verschmähn / der Pöfel uns verfluchen /

Rom ihm ein neues Haupt aus frembdem Stamme suchen.

Ich fühl es: Schmach und Todt ist näher uns als nah?

Eilt / weckt den Burrhus auf / berufft den Seneca.

Ihr Götter! ach! wer steht mehr auf des Käysers Seiten?

Ist jemand mehr behertzt für unser Heil zu streiten?

So schaffe Paris an: Daß man die tolle Schaar /

Die umb die Käyserin so sehr geschäftig war /

Und in der Gegend sich durch ungewohnte Flammen

Und thörchte Gottesfurcht aufrührisch zeucht zusammen /

Zerstreut werd / eh als sie gar zu den Waffen greift /

Und auf des Käysers Halß so Grimm als Klingen schleift.

Ach / aber / ach! umbsonst / die Rache wird uns fällen /

Eh als der Käyser sich kan in Verfassung stellen.


Nero. Burrhus. Seneca. Anicetus.


BURRHUS.

Was für Erschrecknüs ficht den Geist des Käysers an?

NERO.

Ach leider! Burrhus / ach! es ist umb uns gethan![76]

SENECA.

Man muß beym Sturme nicht das Hertze fallen lassen.

NERO.

Wol / wenn die Wirbel schon den morschen Nachen fassen.

BURRHUS.

Der Käyser meld uns doch den Uhrsprung seiner Kwal.

NERO.

Die Mutter schleift auf uns den Rachbegiergen Stahl.

SENECA.

Wer hat des Käysers Hertz mit solcher Post erschrecket?

NERO.

Der Geist Britannicus hats leider uns entdecket.

BURRHUS.

Gespenste sind ein Traum / und Träume sind ein Wind.

NERO.

Der Außschlag leider! weists / obs schlechte Träume sind.

SENECA.

Was hat für Außschlag sein Erschrecknüs denn bekommen?

NERO.

Die Mutter / die man wolln ersäuffen / ist entschwommen.

BURRHUS.

Gesätzt / sagt: Was ein Weib dem Käyser schaden kan.

NERO.

Viel / leider! Denn halb Rom / hängt Agrippinen an.

Die gantze Gegend ist für ihre Wolfarth wache.

Und krigt sie so viel Luft; Daß sie das Volck zur Rache

Durch ihre Thränen bringt / daß sie in Rom erzehlt /

Wie unser Anschlag uns / der Schiffbruch sie gefehlt /

Wie sie die Wunde krigt / wie ihre Freund umbkommen /

So ist den Augenblick uns Reich und Geist benommen.

SENECA.

Ein wachsend Ubel darf geschwinden Widerstand.

NERO.

Des Käysers Heil und Reich beruht in eurer Hand.

BURRHUS.

Forscht Seneca von mir / was hier sey zu erwehlen?

SENECA.

Läßt ihre Tödtung sich der Leibwach anbefehlen?

BURRHUS.

Weiß dise Flamme nichts zu läschen als ihr Blutt?

SENECA.

Man tödte diesen Wurm eh als ers selber thut.

BURRHUS.

So grimme Rach ist nicht von Müttern zu vermutten.

SENECA.

Die Rache siht mit Lust auch Kinder-Köpffe blutten.

BURRHUS.

Sie würde durch dis Blutt sich stürtzen und ihr Hauß!

SENECA.

Die Rache gleicht der Glutt / die gerne leschet aus /

Wenn sie dis / was sie nehrt / nur kan in Asche kehren.

BURRHUS.

Wie könt ein grimmes Weib so holden Sohn gebehren?

SENECA.

Die Erd ist kalt und todt dar / wo sie Gold gebiehrt /

Weil die Natur ihr Marck zu einer Ader führt:

Daß sie die Kräuter nicht mit Safte kan betheilen.

BURRHUS.

Die Wunden lassen sich mit Messern übel heilen.

SENECA.

Sie heiln / wenn Salbe nicht dem Krebse steuern kan.

BURRHUS.

Man wende noch einmal der Sanftmuth Pflaster an.[77]

SENECA.

Der Fürst hat sie auf sich durch Sanftmuth nur verhetzet.

BURRHUS.

Welch Sohn hat seine Faust durch Mutter-Blutt genetzet?

SENECA.

Der Clytemnestre Blutt klebt an Orestens Stahl.113

BURRHUS.

Durch sie ward vor entseelt sein Vater / ihr Gemahl.

SENECA.

Ich sehe dis und mehr an Agrippinen kleben.

BURRHUS.

Wer hat der Eltern Schuld den Kindern untergeben?

SENECA.

Die Fürsten richten sie als Götter dieser Welt.

BURRHUS.

Wer hat sonst als Orest solch Urtheil je gefällt?

SENECA.

Alcmæon tödtet' auch die Mutter Eriphyle.114

NERO.

Ich sorge: Daß man hier mehr als gefährlich spiele

Durch langsamen Bedacht. Oft nützt ein kluger Rath

Nicht / was ein schneller Schluß und eine kühne That.

SENECA.

Die Schlange die man tritt / die muß man gar ertretten.

Gesätzt: Daß wir sie nicht zu tödten Uhrsach hetten /

So heischts des Reiches Noth / und unsers Käysers Heil.

Die zu beschirmen / muß jedwedes Blutt sein feil.

BURRHUS.

Da sie denn sterben soll / wer wird den Muth ihm fassen?

Kein Kriegs-Knecht wird hierzu sich sicher brauchen lassen /

Das gantze Läger siht aufs Käysers gantzes Hauß /

Und des Germanicus Gedächtnüs läscht nicht aus /

Auch nicht des Heeres Hold zu seines Stammes Zweigen /

So lange sich der Rhein wird für den Adlern neigen /

Die er so hoch erhob. Dem Anicet steht zu:

Daß er diß / was er hat versprochen / würcklich thu.

ANICETUS.

Ich hab es auf Befehl zu wagen kein Bedencken.

NERO.

Du wirst uns durch dis Werck das Reich aufs neue schencken /

Und diser Tag wird seyn der andre meiner Lust /

Der erste meiner Ruh. Dir selbst wird seyn bewust

Wer am bekwämsten sich dir zu Gefährten schicke.

Auf dieser That beruht mein Unheil und Gelücke /

Das deine wächst hieraus.

ANICETUS.

Das Werck sol Lehrer seyn:

Was Fleiß und Treue kan. Jedoch es fällt mir ein

Ein Mittel / disen Weg so scheinbar zu beblümen:

Daß Rom und alle Welt der Mutter Todt wird rühmen.

SENECA.

Eröffne / was es sey.

ANICETUS.

Der Käyser gebe nach:

Daß Agerin erschein ins Fürstliche Gemach /

Umb / was die Mutter ihm befohln hat / zu entdecken.[78]

Nach disem wil ich ihm sein mühsam zuzustecken

Hier diesen giftgen Dolch. Denn dringe man auff ihn /

Und forsche: Was er hab entschlossen zu vollzihn;

Ob auf des Käysers Brust die Spitze sey vergiftet /

Ob ihn zum Meuchel-Mord die Mutter angestiftet?

Ob er viel lieber nicht von der verdienten Pein

Durch frey Bekäntnüs sich vermeine zu befreyn /

Und scheue sich nicht dir zu Libe fürzugeben:

Daß Agrippinens Faust an ihrem eignen Leben /

Nach offenbarter Schuld / zum Hencker worden sey;

Als daß der Hencker ihm die Glieder reiß entzwey /

Und blaue Schwefel-Flutt ihm auf die Brüste regne.

NERO.

Dein Vorschlag ist belibt. Des Himmels Gütte segne

Das dir vertraute Werck. Geh führ ihn stracks herein /

Und meld ihm: Daß wir ihn zu hören schlüssig seyn.


L. Agerinus. Nero. Burrhus. Seneca. Anicetus.

Die Trabanten. Die Nachrichter.


AGERINUS.

Durchlauchtigst-grosser Fürst / ich sol erfreut entdecken:

Daß Agrippinens Fall und unverhofft Erschrecken

Zur Kurtzweil worden sey. Sie schöpfft itzt Luft und Ruh /

Und zeucht der schwachen Seel Erfrischungs-Athem zu.

Und ob sie zwar verlangt des Käysers Hand zu küssen /

Und selbst ihm zu erzehln / wie sie der Noth entrissen

Durchs Himmels Beystand sey; So wünscht sie doch durch mich:

Der Käyser wolle nicht so gar geschwinde sich

Sie zu besuchen mühn. Sie wil sich selbst einfinden /

So bald die Mattigkeit der Glieder wird verschwinden /

Des Hertzens Furcht vergehn.

NERO.

Wir hören hoch vergnügt /

Daß der Frau Mutter Glück ihr Unglück überwigt;

Und wünschen ferner ihr Gesundheit / Heil und Leben.

Meld aber / wie sich denn der Unfall hat begeben.

AGERINUS.

Als ihre Majestät der Mutter sich entbrach /

Begab sich Agrippin an Seestrand kurtz hernach /

Betrat ihr fertig Schiff / und ließ die Segel flügen /[79]

Die fernen Ufer flohn / wir sahn schon Baje ligen /

Des Himmels Jaspis war durchstickt mit Stern und Gold /

Der weisse Monde glamm / der Westwind war uns hold /

Die See stand als gefrorn und stiller als Chrystallen;

Als unversehns das Schiff fängt hinten einzufallen /

Und durch sein bleyern Dach den Creperej erschlägt.

Nach diesem wird das Theil / das Agrippinen trägt /

Zerschmettert von sich selbst / wie wenn der Nordwind wüttet /

Und Aceronie nebst ihr ins Meer geschüttet.

Die erste trinckt alsbald so viel des Wassers ein:

Das Silber muß ihr Todt / Saffier die Baare seyn.

Der Mutter aber scheint die See sich zu erbarmen.

Sie theilt die sanfte Flutt durchs Ruder ihrer Armen /

Die Hoffnung ist ihr Schiff / der Götter Gunst ihr Wind /

Durch welcher Hülffe sie biß an den Strand entrinnt.

Von da läst sie / die sich nicht mehr zur See wil wagen /

An der Lucriner See sich auf ihr Vorwerck tragen.

NERO.

Wem mißt die Mutter denn des Schiffbruchs Uhrsprung bey?

AGERINUS.

Sie urtheilt: Daß ihr Fall ein bloßer Zufall sey.

NERO.

Scheint Agrippine nicht auf uns Verdacht zu fassen?

AGERINUS.

Sie hat ihr nimmermehr den Argwohn träumen lassen.

NERO.

Was eusert sie sich denn für unserm Angesicht?

AGERINUS.

Ein matter Leib verlangt mehr Finsternüs / als Licht.

NERO.

Ist nichts nicht / was sie sonst von uns zu thun begehre?

ANICETUS.

Hilf Himmel! Was entfällt dem Mörder für Gewehre?

NERO.

Verräther! wie? woher kommt solch Verräthrisch Stahl.

AGERINUS.

Ihr Götter! bin ich todt? trifft mich ein Donnerstrahl?

ANICETUS.

Eröffn es: Worzu sol solch Meuchel-Mördrisch Eisen.

AGERINUS.

Man muß: Daß ichs hieher gebracht / mir vor erweisen.

ANICETUS.

Wie? Wilstu / Schelme / dis / was Sonnen-klar / umbstehn?

AGERINUS.

Solch Schelm-stück nimmermehr / und solt ich stracks vergehn.

ANICETUS.

Der Dolch ist zweifelsfrey vom Himmel nicht gefallen.

AGERINUS.

Solch Einwurff kan mir nicht mehr schaden / als euch allen.

ANICETUS.

Verneinstu: Daß der Dolch dir aus den Kleidern fiel.

AGERINUS.

Es findt sich leicht ein Stock / wenn man wen schlagen wil.

NERO.

Trabanten / Fässel her! Schlüßt ihn in Band und Ketten.[80]

AGERINUS.

Der Himmel wird daraus die Unschuld schon erretten.

NERO.

Gab Agrippine dir so grimmen Anschlag an?

AGERINUS.

Ich starre! Daß man mich auf sie befragen kan.

NERO.

So hastu von dir selbst solch Mordstück fürgenommen?

AGERINUS.

Kein Mordstück ist mir nie nicht in Gedancken kommen.

NERO.

Verräther / sol die Pein die Warheit pressen aus?

AGERINUS.

Die Unschuld wird bestehn auch unter Flamm und Graus.

NERO.

Bringt Schwefel / Pech / laßt ihn zergliedern und verbrennen.

AGERINUS.

Ich werde dennoch nichts Verräthrisches bekennen.

NERO.

Verstockter Hertzen Trotz fällt durch die Marter hin.

AGERINUS.

Der rechte Himmel weiß: Daß ich nicht schuldig bin.

ANICETUS.

Ein frey Bekäntnüs weiß auch Laster rein zu brennen.

AGERINUS.

Wer frey von Lastern ist / darf keine nicht bekennen.

NERO.

Wo Agrippine dich erkaufft hat / seystu frey.

AGERINUS.

Glaubt: Daß die Redligkeit nicht zu erkauffen sey.

ANICETUS.

Oft läßt der Redlichste sich durch Beredung leiten.

AGERINUS.

Nicht sorge: Daß mein Fuß wird auf dem Eise gleiten.

NERO.

Wie? Daß dein Leugnen so für Agrippinen ficht.

AGERINUS.

Wen eigne Tugend schützt / der darf Verfechtens nicht.

ANICETUS.

Du kanst noch Ruhm und Lohn für dein Bekäntnüs krigen.

AGERINUS.

Aufrichtigkeit läßt sich durch Gaben nicht besigen.

NERO.

So siege Kwal und Schimpf und Hencker über dich!

Bringt Flamme / Foltern her.

AGERINUS.

Kein Hencker schrecket mich.

NERO.

Spannt den Verräther an; braucht Messer / Pech und Kertzen.

AGERINUS.

Kein rein Gemütte fühlt des Leibes herbe Schmertzen.

NERO.

Sätzt ihm noch schärffer zu. Träufft Schwefel auf die Haut.

AGERINUS.

Der leidet mit Gedult / wer auf die Tugend baut.

NERO.

Fahrt fort! und reißt den Leib des Bösewichts zu Stücken.

AGERINUS.

Der Hencker kan den Leib / die Seele nicht erdrücken.

NERO.

Hat der Verteufelte denn kein empfindlich Glied?

AGERINUS.

Auf reine Glider ist der Grimm umbsonst bemüht.

NERO.

Laßt ihm zerschmoltzen Ertzt auf Lipp und Zunge flüßen.

AGERINUS.

Ja! Daß sie nur von sich nichts falsches reden müssen.

ANICETUS.

Nun hastu hohe Zeit / sonst ists umb dich geschehn.

AGERINUS.

Ihr werdet durch den Leib eh / als mich unrecht / sehn.

NERO.

Er ist durch Zauberey für aller Kwal verwahret.[81]

AGERINUS.

Welch Blutthund / welch Tyrann hat jemals so gebahret?

ANICETUS.

Ritzt ihm das Fuß-brett auf / schaut ob er blutten kan

AGERINUS.

Es bluttet! Schaue nun der Unschuld Purper an.

NERO.

Es sol ein grösser Strom bald deinen Nacken färben.

AGERINUS.

Wol dem / der durch sein Blutt kan so viel Ruhm erwerben

NERO.

Schlagt ihm den Schedel ab / und legt ihn uns zu Fuß.

Vollzihe du alsbald den vorgemachten Schluß.


Reyen


Der Libe; Der Zeit; Der Ehrsucht; Des Todes.


DIE LIBE.

Du güldnes Licht und Auge diser Welt /

Der Monde borgt sein Silber zwar von dir;

Du aber Gold; Saffier des Himmels Zelt /

Die Sternen Oel / die Erde Geist von mir /

Die Schnecke Blutt / die See Perl' und Korallen /

Die Kräuter Safft / die Felsen Berg-Chrystallen.

Lernt nun / was ich für eine Göttin bin /

Mein Tempel ist Lufft / Himmel / Erde / Flutt.

Ja die Natur selbst ist die Pristerin /

Die Schönheit Zunder / die Begierde Glutt /

Der Anmuth Blitz steckt die geweyhten Kertzen

Der Sinnen an / das Opffer sind die Hertzen.

Mein Saame wird geflößt den Seelen ein /

Eh als in Mund der Brüste Milch-Kwäll rinnt.

Mein Brand erweicht der Hertzen Kiselstein /

Wo Zeit und Tod zu stumpffe Feilen sind.

Wer widerspricht nun? Daß man mir mit Rechte

Die Lorberzweig' umb meine Myrten flechte?

DIE ZEIT. DER TOD.

Die Libe mißt ihr hoch-vermässen bey

Der Gottheit Krafft / den Zepter aller Welt.[82]

Die Zeit / der Tod bricht alles morsch entzwey /

Was die Natur / was Liben in sich hält;

Vom Abgrund an biß übers Monden Gräntzen

Siht man der Zeit / des Todes Sichel gläntzen.

DIE LIEBE.

Braucht / wie ihr wollt / die Armen eurer Krafft

Laßt euren Zorn an morschen Wipffeln sehn.

Genung! Daß ihr nichts an den Zedern schafft /

Die nur durch mich wol eingewurtzelt stehn.

Denn nichts nicht / was mein Lorber-Schatten decket /

Wird durch den Blitz / durch Zeit und Tod erschrecket.

DIE ZEIT.

Die Zeit verzehrt nicht nur Ertzt und Porfier /

Der Himmel schrumpfst durch sie für Alter ein.

Flutt / Glutt und Wurm dient zur Vertilgung mir /

Der Sterne Gold wird durch mich blaß und klein.115

Wie solte denn für meiner Flügel Stürmen

Die Libe sich seyn mächtig zu beschirmen?

DER TOD.

Der Erd-Kreiß ist der Schauplatz meiner Macht.

Was Zeit und Mensch geseet hat / erndt ich ein.

Mir ist der Lentz oft Herbst / der Mittag Nacht /

Niemanden schützt Gold / Purper / Insel / Stein.

Wie solten denn der Libe Spinnen-weben

Genugsam Schirm für meine Pfeil abgeben?

DIE LIEBE.

Wenn Tod und Zeit und Ehrensucht und Pein

Der Unschuld Mast / der Seelen Schiff bekämpfft /

Muß ich der Port / der Schild / der Ancker seyn.

Des Neides Dunst wird durch mein Licht gedämpfft /[83]

Den Rauch der Zeit theiln meiner Fackeln Flammen /

Mein güldner Pfeil des Todes Strick vonsammen.

DIE ZEIT.

Ohnmächtge Glutt und Fackel deiner Hand!

Kein Blick verstreicht / dein lodernd Wachs nimmt ab.

Dein Tacht verglimmt / dein Oele rinnt in Sand /

Dein Brutt die Asch ist selbst der Flammen Grab.

Ist auch gleich noch dein Zunder unverzehret;

Schau: Augenblicks wird Strahl in Staub verkehret.

DIE LIEBE.

Die Zeit versehrt der Liebe Zunder nicht;

Ob sie die Glutt gleich außen dämpffen kan.

Die Liebe krigt zweyfache Flamm und Licht'

Oft / wenn man sie am hefftigsten sicht an. »

Und wenn die Nacht den Himmel schwartz wil mahlen /

So siht man ihn mit tausend Ampeln strahlen.

DER TOD.

Ohnmächtger Pfeil! ein fauler Sterbens-hauch /

Verkehrt das Gold der Lieb in weiches Bley.

Ihr Sonnenschein wird in dem Sarche Rauch: wo

Mein dürrer Arm bricht Pfritsch und Pfeil' entzwey:

Und das Geschoß / was meine Faust zerbrochen /

Gibt Brennholtz ab für dürre Todten-Knochen.

DIE LIEBE.

Zerbricht der Tod der Sinnen Pfeile gleich;

Wird schon mein Strahl in todten Glidern kalt;

So ist der Leib doch nicht mein Sitz und Reich.

Die Seelen sind des Libens Aufenthalt.

Verweset schon der Cörper in der Hölen;

So lebt die Lib unsterblich in der Seelen.

Der Wind blaßt auf die schon halb-todte Glutt

Oft / wenn er sie gar außzuleschen meint.[84]

Stürmt Tod und Zeit auf Agrippinens Blutt / ..

Siht man: Daß sie mit neuen Strahlen scheint;

Die Wolcken / die der Neid hat aufgezogen /

Verwandeln sich in holde Regenbogen.

DIE ZEIT. DER TOD.

Solln Wasser-Galln itzt Regenbogen seyn?

Des Käysers Gunst ist nur gemahlte Flutt.

Ist außen gleich sein Antlitz Sonnenschein /

So wird doch bald sein Hertze regnen Blutt.

Denn gläntzt ein Stern mit ungemeiner Röthe;

So ists gewiß ein schädlich Blutt-Comete.

DIE EHRSUCHT.

Räumt / Schwestern / mir der Libe Kampff-platz ein /

Weil sie so sehr für Palm und Sigs-Krantz sicht l

Jedoch wird sie selbst so bescheiden seyn;

Wo ihr nicht Witz und kluger Rath gebricht:

Daß sie für mir wird ihre Segel streichen /

Ihr Abendlicht nur Sonne nicht vergleichen.

DIE LIEBE.

Versucht nunmehr auch dieser Seiden-Wurm

An meinem Ruhm und Purper Zahn und Heil?

Allein ein Felß verlachet Well und Sturm.

Sein Blitz ist mir ein gläsern Donner-Keil.

Die Lieb ist recht der Ehrsucht Gifft nennen;

Ihr Feuer kan kein libend Hertz verbrennen.

DIE EHRSUCHT.

Die Ehrsucht ist der Libe Gift vielmehr.

Diß tödtete der Sophonißben Brunst.

Kein Mutter-Hertz / kein Bruder libt so sehr /

Ich kehr in Eiß und Galle Flamm und Gunst /

Und: Daß ich kan aus Blutte Purper färben /

Mag Kind und Freund durch Aderlassen sterben.[85]

DIE LIEBE.

Die Pflantze / die ein Mühlthau stracks versängt /

Muß niemals recht beklieben seyn gewest.

Ich weiß: Daß / wo ein Geist mein Feuer fängt /

Mein Brand sich nicht vom Hertzen tilgen läßt.

Denn Libe pflegt des Zepters und der Würden /

Daß er sein Ziel erlangt / sich zu entbürden.

DIE EHRSUCHT.

Kein Kind legt mehr aus Libe Zepter ab.

Itzt lacht die Welt der Einfalt erster Welt.

Kommt durch Verdacht nicht Agrippin ins Grab?

Weil Nero sie für herrschens-süchtig hält.

Sein Stamm-Baum fällt durch meinen Blitz zur Erde:

Daß nicht sein Thron von ihm beschattet werde.

DIE LIEBE.

Du eignest dir der Libe Würckung zu?

Versichre dich: Daß dis dein Irrlicht nicht /

Nein! nur Poppe' und Nerons Liebe thu.

Denn Sonnenschein entfärbt des Monden Licht;

Und Libe wird zwar wol von grösserm Liben;

Nicht aber durch der Ehrsucht Dunst vertriben.

DIE EHRSUCHT.

Hat dich mein Arm so zu Verzweiflung bracht?

Daß du entlehnst aus Schmincke Schönheit dir?

Solch Liben ist die Larve meiner Macht.

Dreh itzt dein wahres Antlitz nur herfür.

Mein Rach-Schwerdt steckt in deiner Anmuths-Kertzen /

Und Gall und Gift in deinem glimmen Hertzen.

DIE ZEIT. DER TOD.

Verfluchter Sieg! Solch Engel-schönes Bild

Wird zäuberisch in Schlang und Wurm verkehrt?[86]

Kan Ehrensucht mehr als ein Gorgons-Schild?

Auf Zeit / und Tod! Sie ist des Siegs nicht werth.

Die Rache muß den Hochmuth diser Zirzen

Durch unsre Pfeil in Schmach und Abgrund stürtzen.

Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Römische Trauerspiele. Stuttgart 1955, S. 72-87.
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Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

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Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

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