Die Vierdte Abhandlung.

[224] Der Schauplatz stellet für einen Kercker.

Epicharis. Subrius Flavius. Sulpitius Asper. Martius Festus. Maximus Scaurus. Venetus Paulus.


EPICHARIS.

Wo bin ich? Himmel hilf! Wo bin ich? Leb ich noch?

Hat mein zergliedert Leib das Demant-feste Joch

Der strengen Tiranney noch nicht gantz abgeschmißen?

Hat mein durchmartert Geist noch nicht den Strick zerrißen

Des Lebens und der Pein? Wo bin ich? halten mich

Die Hencker noch umbringt? Wie? hat der Blutthund sich

Mit meiner Leiche Kwal noch nicht genung ergätzet?

Wird itzt die Folterbanck für Zeit-Vertrieb geschätzet /147

Durch die man vormals hat die Wahrheit außgepreßt?

Sagt Hencker / ob ein Wurm sich euch vergleichen läßt?

Mein außgeädert Leib / die abgefleischten Beine /

Mein halb-gebraten Fleisch erweicht die Kiesel-steine /

Euch Hencker aber nicht; Die gleich wol Menschen sind /

Ja Römer!

SUBRIUS FLAVIUS.

Freilich / ach! Epicharis mein Kind

Die Marmel möchten selbst in Thränen-Thau zerrinnen /

Der Panther rasend Hertz Erbarmungs-trieb gewinnen

Für deiner Marter Arth. Ja! ob gleich wir die Hand /

Nicht legen selbst an dich / so kanstu mit Bestand

Des Rechtens / dennoch uns höchstbillich Hencker heißen;

Weil wir dem Löwen nicht aus Klau und Rachen reißen

Die Hinde / die er frißt. Der zündet selber an /

Der nicht den Brand außläscht / im Fall er retten kan.

EPICHARIS.

Wie? Träumt mir? Oder bin ich schon im ändern Leben?

Hat statt der Hencker mich der Freinde Schaar umbgeben?

War dis des Flavius beliebte Stimme nicht?

SULPITIUS ASPER.

Blick auf / Epicharis / wilstu dein holdes Licht /

O Heldin / noch einmal uns Freinden nicht verstatten?

EPICHARIS.

Sinds Menschen / oder sinds erblaßter Freinde Schatten /

Hat dich / Sulpitz / und die des Blutthunds Hencker-Schwerd

Schon Geistern zugesellt / in Asch und Staub verkehrt?[225]

SULPITIUS ASPER.

Nein! Liebstes Kind / du irrft.

EPICHARIS.

Komm laß mich dich umbfangen?

Sulpitz komm! Aber Ach! Die morschen Glieder hangen

Zerkwetscht von Schraub und Stock / von Marck und Kräften leer

Kommt zu der Sterbenden / hertzliebste Geister her!

Drückt mir die Augen zu! Empfanget meine Seele!

Führt sie aus dieser Gruft / aus ihres Kärckers Höle!

Das Saltz der Thränen bricht für Wehmuth bey mir für.

MARTIUS FESTUS.

Epicharis / mein Licht / versichre dich: Daß wir

Lebendig deinen Mund / der Martern Brandmal küßen.

EPICHARIS.

Wer hat mich aus der Gruft der Tyger denn gerißen /

Und wie kommt ihr hieher?

MAXIMUS SCAURUS.

Als grauser Schmertzen Macht

In Ohnmacht sich verzog / ward sie in Kercker bracht.

Wir folgten / so bald wir / daß sie entseelt / vernommen.

EPICHARIS.

Der Freinde Gegenwart läßt mich zu Kräften kommen;

Ich fühle / wie in mir ein neuer Geist sich regt.

Jedweder Schlag / damit das Hertze sich bewegt /

Ist hertzhaft und bemüht den Blutthund zu erdrücken.

VENETUS PAULUS.

Mag sich ein Sterblicher wol ins Verhängnüs schicken?

Die Boßheit spinnet Seid und Tugend leidet Kwal /

Das Glück hebt jen' ans Brett / die aber auf den Pfal.

Wir sämtlich müßen nicht von Göttern seyn geachtet /

Weil / itzt / da Nero blüht / Epicharis verschmachtet.

EPICHARIS.

Vergreif durch Ungeduld dich an den Göttern nicht.

Sie thun der Tugend wol und helfen ihr ans Licht /

Wenn in Alcidens Wieg' ihr Eyfer Schlangen schicket.

Die Rose reucht nie mehr / als wenn sie wird zerdrücket /

Der Mantel schwartzer Nacht gibt den Gestirnen Schein.

Ein Eichbaum wurtzelt sich durch steten Sturm-Wind ein /

Weicht keinem Wetter nicht / das morsche Pappeln fället

Die in den Thälern stehn. Ein kluger Hauptmann stellet

Den schlimmsten Kriegsknecht nicht dahin / wo die Gefahr

Am heftigsten sich zeugt. Ja Tugend schlägt sich gar

Im Kampff umb Vorzugs-Recht / und hält für ärgste Schande

Im Rennen Letzter seyn; Itzt geht dem Vaterlande

Das Waßer biß in Mund / und du hältst dich verlätzt:[226]

Daß das Verhängnüs uns hier an die Spitze sätzt?

VENETUS PAULUS.

Die Boßheit aber siegt / und Unschuld geht zu Grunde.

EPICHARIS.

Ein Kriegs-Knecht rühmt sich nicht nur Siegens und der Wunde /

Auch derer Lob siht man beym Sonnen-Zirckel stehn /

Die in Gefahr und Noth gleich bluttig untergehn.

Eilt doch die Tugend selbst dem Ungelück entgegen.

Wie / aber / sagt: ob wir wol Unglück nennen mögen:

Daß Cato durch sein Schwerd die Freyheit ihm erwirbt?

Daß Socrates durch Sast vergifter Kräuter stirbt?

Lacht Mucius nicht nur / als er die Hand siht brennen?

Ja sein verbrandter Strumpf treibt ab von Rom Porsennen /

Dem aller Römer Arm die Wage nicht nur hielt.

Wer zweifelt unter euch: Daß Regulus ein Bild

Wahrhaften Glückes sey? er wacht auch mehr vergnüget

Als kein Mecenas nicht / der auf Damasten lieget148

Wenn Wollust-Nattern ihm verstören Schlaf und Ruh /

Ob jener gleich kein Aug am Creutze nicht thut zu.

Ich selber rechne mir mein Leid für ein Geschencke

Der Götter / ja wenn ich die bluttgen Glieder schrencke

Umb Pfal und Folterbanck / empfind ich größer Lust /

Als Acte / die gleich ruht dem Käyser auf der Brust.

MAXIMUS SCAURUS.

O Himmel-hoher Geist! Der große Kreiß der Erden /

Gantz Rom erstarrt für dir. Wir müßen Schamroth werden /

Daß deiner Tugend Glantz der Römer Thaten dämpft /

Wenn Witz und Muth bey dir umb Krantz und Vorzug kämpft /

Und uns schon sterbend lehrt; wie wir erblaßen sollen /

Wo wir mit guttem Recht uns Helden rühmen wollen.

Der Anfang werd an mir durch eignen Stahl gemacht:

Der lehre: Daß wer stirbt nur der Tyrannen lacht!

EPICHARIS.

Wo reißt dein Wahn dich hin? Was meinstu zu vollbringen?

Nicht Porcia kan nur umbflammte Kohlen schlingen /149

Auch Arrie kan nicht den warmen Dolch allein150

Aus eigner Wunde zihn / und ändern liefern ein

Umb ihres Vorbilds Thun großmüttig nach zu machen.

Es würd Epicharis mit unversehrtem Lachen

Durch Flammen / Gift und Ertzt auf-opfern Geist und Blutt /[227]

Indem nur Furchtsamen das Sterben bange thut;

Alleine noch zur Zeit ists gar nicht Zeit zu sterben /

Wilstu dein hitzig Schwerd im kalten Blutte färben

So floß dem Blutthund es / dem Löwen in die Brust!

Ist unsrer Freinde Noth euch Helden nicht bewust?

Aus Freinden werden sie Verräther werden müßen /

Wo ihre Feßel ihr euch nicht müht aufzuschlüßen.

Erbrecht des Kerckers Loch / und treibt den Stahl durch ihn.

Eh als mein Hertze wird den letzten Athem zihn /

Hoff ich die Schlange noch zerstückt und kalt zu sehen.

SUBRIUS FLAVIUS.

Gerechte Götter / laßt dis heilge Werck geschehen;

So leb ich hochbeglückt / und sterbe wol vergnügt.

EPICHARIS.

Glaubt sicher: Daß es nur an euch / ihr Helden / ligt.

Ein Sclave / deßen Geist nur kan nach Freyheit dürsten /

Ist Halßherr seines Herrn / und Richter seines Fürsten.

Was bildet ihr solch Werck euch denn unmöglich ein /

Da doch nichts furchtsamers kan / als Tyrannen seyn.

Erbrecht Burg und Gemach! Ein kühner Arm und Degen

Schleust alle Schlößer auf / kan Felß und Ertzt bewegen.

Ihr seyd die Pforten selbst / durch die ein Frembder muß

Ins Käysers Zimmer gehn.

MAXIMUS SCAURUS.

Ja! hetten wir den Schluß

Eh als ein vierdtes Theil des Tages war verschwunden

Behertzt ins Werck gesätzt; So könten hundert Wunden

Die Seele dieses Wurms und Drachens blutten aus.

Itzt hat die raue Schaar der Teutschen Burg und Hauß

Des Käysers rings umbsetzt / weil sein verletzt Gewißen

Mehr keinem Römer traut. Jedwede Römer müßen

Vom schlimsten Tigillin versehn mit Päßen seyn /

Die die geharnschte Schaar ins Schloß sol laßen ein.

EPICHARIS.

Ist dieser Weg verschränckt muß man auf Mittel sinnen /

Wie Piso möge Rath / und Volck und Heer gewinnen.

MARTIUS FESTUS.

Der Piso ist hierzu zu alber und verzagt.

Nachdem ihn nichts bewegt / was ihm Sulpitz gesagt /

Läßt sich aufs Piso Furcht und Wahnwitz wenig bauen.

EPICHARIS.

Ha! Was taug unversucht? Laßt uns noch einmahl schauen /

Ob denn kein Hertze mehr in Pisons Hertze sey.[228]

Nicht nur ein Löwe bricht des Jägers Spiß entzwey.

Wenn er zum Sterben kommt / braucht auch ein Wurm die Zähne /

Wünscht: Daß des Feindes Blutt den Weg zum Tode bähne;

Und Piso / wenn man wird den Ernst ihm mahlen für /

Wil Weib- und Knechtisch falln? Gebt Feder und Papier

Daß / wo mein schwacher Arm noch einen Kiel kan regen /

Wo eine Ader sich noch hertzhaft kan bewegen /

Die halb verweste Faust dem Piso schreibe zu:

Daß er / was ihm gebühr / und was uns helffe / thu.

MARTIUS FESTUS.

Hat iemals hier / wo Furcht und Nacht den Kärcker / schwärtzen /

Die Tugend einen Geist / solch Feuer zarte Hertzen.

Mit mehrer Krafft beseelt? Der müste steinern seyn /

Dem solch ein Helden-Strahl nicht flöste Flammen ein

Zu reger Tapferkeit!

VENETUS PAULUS.

Wil sie den Brieff verschlißen?

EPICHARIS.

Dis darf Verschlißens nicht / was alle mögen wißen.

Jedoch reicht Wachß und Licht und einen Ring mir her.

SULPITIUS ASPER.

Noch einer könte wol was fruchten?

EPICHARIS.

Melde: wer.

SULPITIUS ASPER.

Wenn Seneca das Werck dem Piso hülffe treiben.

EPICHARIS.

Wol! Laßt dem Seneca mich auch zwey Zeilen schreiben.

SUBRIUS FLAVIUS.

Gerechte Götter helfft: Daß dis die Grabe-Schrifft

Des schwartzen Blutthunds sey; Daß diese Tinte Gift

In des Tyrannen Brust / den Richtern schwartzer Hölen

Erboßte Grausamkeit / in unsrer Freinde Seelen

Behertzte Kraft flöß ein.

MAXIMUS SCAURUS.

Wie bringt man ihnen zu

Die Schreiben?

MARTIUS FESTUS.

Sorge nicht. Zum Piso gehe du.

Ich wil beym Seneca Befehl und Brief ablegen.

EPICHARIS.

Schöpft Muth! Die Sonne scheint nach Sturm und Donnerschlägen.


Der Schauplatz stellet für des Käysers Gemach.

Nero. Sabina Poppæa. Tigillinus. Fenius Rufus. Subrius Flavius. Sulpitius Asper. Lucanus. Quinctianus. Scevinus. Cervarius Proculus. Senecio.

Natalis. Atilla. Julius Tugurinus. Venetus Paulus. Annius Pollio. Munatius Gratus. Vulcatius Araricus. Die Teutsche Leibwache. Cassius. Vejanus Niger.[229]


NERO.

Willkommen holde Schaar!151 Habt Danck: Daß ihr so gern

Euch habt für uns gestellt! Schaut mir der Helden Kern

Der Römer Außbund an! Hats euch noch wol ergangen?

Kommt / laßt mit Kuß und Hold die Treusten uns empfangen?

Wie? seht ihr unsre Gunst mit blöden Augen an?

Schaut / wie die Einfalt sich so alber stellen kan!

Theils sehn einander an / theils schaun nur auf die Erden!

Für wem mag euer Treu erschreckt und Schamroth werden?

Die Redligkeit erblaßt für keinem Richter nicht.

Kommt / Liebste / nähert euch / die Boßheit scheut das Licht /

Die bey euch Frembdling ist.

SABINA POPPÆA.

Sind umb uns zu bedienen

Sie sämtlich für sich selbst in den Palast erschienen?

So last uns ihnen doch mit Ehrerbittungs-Pflicht

Alsbald entgegen gehn!

SCEVINUS.

Wenn man Verdammung spricht

Auf Unschuld / lässet sich das Unrecht noch verschmertzen.

Wenn aber Rach und Grimm noch mit Verdammten schertzen

Ein Richter Kurtzweil treibt / reißt die Geduld entzwey.

SABINA POPPÆA.

Hört / wie der Boßheit Ohr so sehr empfindlich sey!

Vermaledeyte Schaar / verteufelt-falschen Hunde /

Ist Boßheit eurer Seel / ist Lästern eurem Munde

Kein unverdaulicht Gift? Wie / daß ihr euren Ruhm

Zu hörn / so eckel seit?

TIGILLINUS.

Der Nattern Eigenthum

Ist: Daß sie pflegen den Beschwerer anzuzischen /

Der Boßheit Arth: Verläumbd- und Dreuung zu vermischen /

Und ihren Schlangen-Jescht zu geifern auf die Hand

Die Recht und Rach-schwerd hält.

JULIUS TUGURINUS.

Mir ist noch unbekand

Was die Verläumbdung mir für Boßheit angelogen.

ATILLA.

Auch ich weiß nicht warumb man mich in Haft gezogen.

VENETUS PAULUS.

Man hat mir nie gesagt / was mein Verbrechen sey.

ANNIUS POLLIO.

Ich weiß für allen mich von allen Lästern frey.

NERO.

Wer muß der Thorheit nicht auch in dem Grimme lachen?

Daß die / die überzeugt / noch ihnen frembde machen

Was jedes Kind schon lallt. Laßt hörn? wüßt aber ihr /

Warumb ihr Fäßel tragt?

ANNIUS POLLIO.

Diß weiß ich: daß an mir

Der Römschen Bürger Recht höchst unrecht wird versehret.

MUNATIUS GRATUS.

Ich bin beschimpft / umb nichts / verurtheilt / nie gehöret[230]

CERVARIUS PROCULUS.

Es scheint: Daß Unschuld man für mein Verbrechen hält.

VULCATIUS ARARICUS.

Im Fall der Tugend sol ein Blutt-Spruch seyn gefällt /

Wil ich Verbrecher seyn.

TIGILLINUS.

Verstockte Mißethäter!

Verruchte Bestien! Verzweifelte Verräther!

Sol / sich aufs Fürsten Halß verschwern / noch Tugend seyn?

ANNIUS POLLIO.

Dis Schelmstück ist mir nie im Traume kommen ein.

SABINA POPPÆA.

Hört: Dieser wird uns was von süßen Träumen sagen.

TUGURINUS.

Es thut der Unschuld weh sie umb solch Laster fragen.

FENIUS RUFUS.

Die Martern werden dir bald etwas weher thun.

VENETUS PAULUS.

Ein wolgeanckert Schiff kan auch beym Sturme ruhn.

NERO.

Stracks! Hencker! Greift sie an / weil sie noch pochen wollen.

ATILLA.

Wenn das Verhängnüs wil: Daß wir so leiden sollen /

So find ich mich geschickt und schöpffe diesen Trost:

Daß Blitz und Hagel sich oft auf Altar erbost

Und Tempel äschert ein und Hurenhäuser schonet /

Daß man oft Tugend straft und Ertz-Verräthern lohnet.

Jedoch / der Peitschen Drat / die gleich ein Hencker flicht /

Macht auf der Unschuld Haut kein striemicht Brandmal nicht.

TIGILLINUS.

Sie fällt ihrs Urtheil selbst / sie sol durch Rutten sterben.

SABINA POPPÆA.

Laßt schaun: Wie ihren Halß die Staupenschläge färben.

Wie schön der Kuplerin die Purper-Striemen stehn.

ATILLA.

Der Wellen bittre Flutt macht edle Perlen schön /

Des Meeres Schaum und Saltz muß die Korallen röthen.

Wie soll denn Tugend nicht mehr gläntzen in den Nöthen /

Der Ruhm in Kerckern blühn? Ein Stern gläntzt in der Nacht /

Das Gold der Berge Marck gebührt ein finster Schacht;

Chrystall und Silber muß durch Flamm und Stahl vergehen /

Eh es der Glantz bewehrt.

NERO.

Die solstu stracks außstehen.

Reißt ihr die Kleider ab; Streicht bis das Blutt geh nach.

MUNATIUS GRATUS.

Atille / nur behertzt. Der Wunden warme Bach

Wird der Zinober seyn / der in das Buch der Zeiten

Dein Bildnüs mahlen sol.

SABINA POPPÆA.

Solln die Hartneckigkeiten

Durch Schwefel / Brand und Pfal nicht werden mirb und weich /

So ists umb uns geschehn.

NERO.

Ertz-Mörder! Dir sol gleich

Auf den verstockten Kopf der Rache Donner schlagen.[231]

LUCANUS.

Frau Mutter / ach! wil sie nicht ihr Verbrechen sagen /

Das schon der Sohn bekennt?

ATILLA.

Wer selbst gesündigt hat /

Kan gar nicht Zeuge seyn von frembder Mißethat.

LUCANUS.

Sie wird nach so viel Kwal sich doch entsteinern müßen.

ATILLA.

Das Blutt / das du hier siehst aus Rück und Adern flißen,

Schreibt deine Schmach in Koth / mein Lob in Marmel ein

Nun du Verräther wilst / doch falsch der Mutter seyn.

LUCANUS.

Sind ihre Majestät unmöglich zu erbitten?

Wahr ists: Sie hat gefehlt: Doch wenn man also wütten

Auf ieden Fehler wil / so wird der Erdkreiß leer

Und Rom bald Volck-arm seyn.

TIGILLINUS.

Die Straff ist nicht so schwer

Als ihr Verbrechen ist. Es werden schlechte Wunden

Mit Oele von Jaßmin und Rosen nicht verbunden /

Der Leib muß dulden Seg' / und Meßer / Pfrim und Brand

Wenn nur ein Glied erkranckt / von wenig Körnern Sand /

Wenn drey vier Tropften Blutt mehr als Natürlich brennen

Und dieser Seuche Pest / die Haupt und Glider trennen /

Der Seele schlimmster Krebs / der gantze Länder frißt /

Sol linder seyn geheilt.

QUINCTIANUS.

Wer frembde Fehler mißt /

Aus Schatten kleiner Schuld mehr als Coloßen machet /

Des Fürsten güttig Hertz zu Grimme veruhrsachet

Ist ärgster Marter werth.

TIGILLINUS.

Schaut mir den Häuchler an!

MUNATIUS GRATUS.

Was henckert man mehr die / die nicht mehr recheln kan?

NERO.

Sie mag / weil du der Pein begierig bist / verblasen.

MUNATIUS GRATUS.

Die Rechnung ist gemacht: Daß strenger Hencker Rasen

Nicht meiner schonen wird

SABINA POPPÆA.

Wie / wird die Zauberin

Ohnmächtig?

NERO.

Lebt sie noch / so laßt sie gehen hin.

TIGILLINUS.

Sie hat verdient: Daß sie nebst Aaß und Koth verfaule.

NERO.

Dem Gratus reißt die Zung aus dem vergiften Maule.

MUNATIUS GRATUS.

Sie wird die Tyranney erst / wenn sie kalt wird seyn /

Recht deutlich sprechen aus; Der stumme Marmelstein

Wird eure Mordthat euch stets in die Ohren schreyen /

Den Augen bilden für.

NERO.

Laßt uns den Hund anspeyen /

Der nichts als Lästern kan.

SUBRIUS FLAVIUS.

Nun kan ich länger nicht[232]

Mehr zusehn. Rufus / sol ich durch den Dolch das Licht

Dem Löwen leschen aus?152

FENIUS RUFUS.

Halt! bistu Sinnloß worden?

Verrath dich selber nicht.

TUGURINUS.

Macht solch erschrecklich Morde

Doch harte Steine weich / nur eure Herzen nicht.

FENIUS RUFUS.

Kommt dir dis seltzam vor: Daß man den Stock zerbricht

Das sich nicht beugen läßt. Verstockte Demant-Hertzen

Enthärtet nichts als Blutt. Durch Eßig / Pech und Kertzen

Zermalmt man Berg und Fels und härtsten Kiesel-Stein.

Ihr sämtlich werdet stracks des Gratus Beyspiel seyn /

Wo ihr euch selbst nicht gebt.

SCEVINUS.

Was solln wir mehr bekennen?

FENIUS RUFUS.

Den Meyneyd speien aus / die Mit-Verräther nennen.

SCEVINUS.

Auf wen ist nicht bekennt?

FENIUS RUFUS.

Da frage dich / nicht mich.

SCEVINUS.

So weiß ich keinen nicht / der mehr was weiß / als dich.153

FENIUS RUFUS.

Was sagstu? Was? sol ich / nein / wie sol ich was wißen?

SCEVINUS.

Ja / Rufus / ja du wirst dich schuldig geben müßen.

FENIUS RUFUS.

Mich wundert / was für Wahn dir dein Gehirn einnimmt

SCEVINUS.

Daß du aufs Käysers Tod so wol als ich gestimmt /

Dich rein zu brennen meinst durch Schwefel scharffer Fragen

Wird die verklagte Schaar dir ins Gesichte sagen.

Ja dein Gewißen muß dich selber geben an.

FENIUS RUFUS.

Wer sagt dis sonst.

CERVARIUS PROCULUS.

Auch ich. Der ich nicht leugnen kan:

Nun ich durch Langsamkeit und Kleinmuth bin entdecket /

Daß ich und Rufus hab im Bündnüße gestecket

Was itzt verrathen ist.

FENIUS RUFUS.

Hört / wie die Boßheit mag

Die Unschuld wickeln ein.

JULIUS TUGURINUS.

Dein Stammeln gibt an Tag /

Dein blaßes Antlitz lehrt / dein Zittern ist Verräther

Des Anschlags / der dich nur darumb zum Ubelthäter

Und uns zu Weibern macht; Weil wir den edlen Schluß

So knechtisch außgeführt. Ich Furchtsamer selbst muß

Mich für die Richtbanck stelln / und mich verurtheiln laßen /

Weil ich was tapferers kan ins Gemütte faßen

Als mit der Faust vollzihn. Kommt Hencker strafft mich ab

Weil ich den ersten Stich nicht dem Tyrannen gab.

Du Rufus aber must nicht eines Todes sterben /

Weil du durchs Nero Blutt den scharffen Stahl zu färben

Mehr Nachdruck / seine Brust entblößet / das Gemach[233]

Stets offen hast gehabt: Ja noch zu ärgster Schmach

Dich itzt des Anschlags schämst / den alle rühmen müßen /

Die nicht der Tiranney verzagt zu heucheln wißen.

FENIUS RUFUS.

Hört des Verzweifelten unsinnig Lästern an.

Sagt aber ob ein Mensch vernünftig glauben kan

Daß / der durchs Käysers Gunst zum höchsten Gipfel kommen

Nicht höher steigen kan / solch Schelmstück fürgenommen /

Sich auf des Fürsten Halß verschworen haben sol?

Sagt den Bewegungs-Grund! Wißt ihr auch einen wol?

CERVARIUS PROCULUS.

Dis / daß dir Tigillin der Knecht ward fürgezogen;

Daß Nero dir so sehr als ihm nicht war bewogen;

Hat dich mit uns verknüpft. Drumb gib dich mit Geduld /

Wie ich mich geben muß; und wetze deine Schuld

Durch frey Bekäntnüs aus bey dem so guten Fürsten.

FENIUS RUFUS.

Verräther / wilstu auch nach meinem Blutte dürsten /

Nun nach des Käysers dich umbsonst gelüstet hat.

CERVARIUS PROCULUS.

Du stehst zu langsam umb die Sonnen-klare That /

Und schärfft dir Straf und Pein. Sags ob dir das Geblütte

Von der Epicharis / das du nebst uns tranckst mitte /

Nicht noch im Gaumen klebt und auf der Zunge schwimmt.

VULCATIUS ARARICUS.

Was leugnestu mehr viel? itzt sind wir überstimmt.

TIGILLINUS.

Wolln ihre Majestät mehr Zeugnüs auf ihn haben?

NERO.

Vermaledeyter Hund! Hat unser Strom der Gaben

In dein Gemütte Gall / ins Hertze Gift geflößt?

Schaut / wie der Hund sein Heil mit Füßen von sich stößt!

Was hat / Verräther / dich zum Meyneyd veranlaßet?

Was stammelstu du Hund? Schaut ihrs? Wie er erblaßet?

Reiß ihm den Gürtel ab; nimm ihm das heilge Schwerd /

Das er Verräthrisch hat auf unsre Brust gekehrt;

Auf unsern Halß geschärft.

FENIUS RUFUS.

Ich wil guttwillig geben

Das Kleinod / das mich stürtzt weil andre darnach streben;

Weil / wenn bey Hofe schon der Ehrgeitz Netze spinnt /

Die Ehren-Aempter Schuld / die Würden Sünden sind.

NERO.

Stracks / mache Cassius den Ertzt-Verräther feste.

FENIUS RUFUS.

Lernt / die ihr Fürsten dient: Daß schneller Fall das beste

Von ihren Ubeln ist / des Glückes Rad sey rund[234]

Bey Hof / und Trübsand sey des Anckers bester Grund;

Die Unschuld.

NERO.

Schafft ihn fort. Ihr aber solt entdecken /

Was für Verräther mehr in eurem Bunde stecken;

Eh als mein Gnädig-seyn in Blitz und Grimm sich kehrt.

CERVARIUS PROCULUS.

Hier steht noch Flavius der Nerons Tod begehrt.154

SUBRIUS FLAVIUS.

Was leugt der Ehrendieb / der Sinn und Scham verlohren?

Der kalte Stahl hier sol des Heuchlers Hertz durchbohren /

Der sich an Treu ein Haar mir überlegen rühmt.

Wahrhafter Meyneyd wird durch keine Kunst verblümt /

Das Werck entdeckt den Geist. Schaut / urtheilt Narb und Wunden /

Hab ich die nicht behertzt ins Käysers Dienst empfunden?

Mein Blutt geopffert auf für seines Reiches Heil?

Warumb denn solt ich itzt am Meineyd haben Theil?

Wie dieser Lästerer Verläumbdrisch wil verrathen.

TIGILLINUS.

Der Anfang lobt ein Werck / das Ende krönt die Thaten /

Wenn Tugend schläget umb wird ihr gesunder Klee

Viel giftger / als Napel. Man tilgt auch Mandeln eh

Wenn sie verwildern / aus / als wildes Schlee-Gestrittig.

So bald als Manlius155 wird falsch und übermüttig

Stürtzt man vom Capitol / das vor sein Arm erhielt /

Den Römer-Schutzherrn ab.

SUBRIUS FLAVIUS.

Ich leugne: daß ich wild

Und untreu worden sey. Wer kan die Uhrsach sagen /

Warumb mein Redlich-seyn so schlimm sey umbgeschlagen?

CERVARIUS PROCULUS.

Es ist nicht Grübelns noth / wo sich die That selbst zeigt.

SUBRIUS FLAVIUS.

Der Kampf mag Richter seyn / wer von uns zweyen leugt;

Der Käyser gebe nach: Daß mein unschuldig Degen156

Die Ertz-Verläumbdung mag dem Häuchler wiederlegen.

CERVARIUS PROCULUS.

Nicht fürchte: Daß Cervar verzagt zum Schlagen sey.

SABINA POPPÆA.

Der Sieg im Ringen steht nicht stets der Wahrheit bey /

Und Boßheit steht oft aus die Flutt und glüend Eisen.157

SUBRIUS FLAVIUS.

So muß der Kläger sonst mir meine Schuld erweisen!

NATALIS.

Du hast den Pfad für dir: daß unser keiner sich

Durch Umbstehn weiß gebrennt.

SUBRIUS FLAVIUS.

Bescheide / Lügner dich /

Daß / wer selbst boßhaft ist / kan keinen Boßheit zeihen.


[235] Vulcatius Araricus. Der Käyser wird für Recht uns Gnad und Hold verleihen /


Bekenn es / so wie ich fußfällig nunmehr thu.

SUBRIUS FLAVIUS.

Könt ihr / ihr Buben / euch nicht beßer lieben zu;

Als: Daß ihr Redligkeit in euer Garn wolt flechten?

Nein sicher Nero kennt für Falschen die Gerechten;

So bald er Unterscheid in beyder Sitten macht.

Denn; Hette mein Gemütt auf solch ein Werck gedacht /

So bildet euch nicht ein / ihr furchtsamsten der Knechte /

Die man mehr Römer nicht / nicht Männer heißt mit Rechte

Daß Flavius sich hett euch Weibern beygesellt;

Euch die ein rauschend Blatt / ein hartes Wort gefällt;

Weil Lüchse keinen Bund mit feigen Gemsen machen.

JULIUS TUGURINUS.

Ich muß des speten Muths / der armen Hoffarth lachen.

Zwar ja / wir sind kaum noch des Weiber-Nahmens werth /

Wo uns die edle Magd Epicharis begehrt /

Die große Tapferkeit ihr Warnen aufzurücken:

Daß unser Aufschub uns im Dampfe läst ersticken /

Den unser Furcht gebahr: Daß aber du allein

Wilst frey von unser Schmach / und Held und Riese seyn /

Ist Hochmuths-voller Wahn / der itzt in Rauch vergehet /

Nun auch der Furchtsamste das große Werck gestehet /

Das du verzagt verneinst. Kennst aber du die Hand?

Hastu und Asper nicht mir diesen Brieff gesand?

Aus diesem kan der Fürst ihr Mitverständnüs lesen.

SULPITIUS ASPER.

Jetzt lind wir hin! Wahr ists: ich / ich bin der gewesen /

Der durch die schöne Schrifft die Hafen angefrischt

Die ich für Löwen hielt: Daß ärgstes Gift gemischt /

Daß Dolch und Schwerd gezückt auf dich Tirannen werde /

Auf dich des Himmels Haß / dich Greuel-Thier der Erde.

SUBRIUS FLAVIUS.

Verstelle / Blutthund / dich aus Eyfer nicht so sehr;

Daß der nicht häucheln kan; und dein verwehnt Gehör

Mit scharffer Wahrheit heilt! Du soltest schon erdrücket

Und kalt seyn / hette mir nicht Fenius verrücket

Den schon gezückten Dolch.

NERO.

Verdammte Raserey!

Sagt: ob dis ärgste Paar gesunder Sinnen sey?[236]

Ob nicht die Furien in ihrer Seele wütten?

Was hält uns? Daß wir nicht Blitz / Rach und Schwefel schütten

Auf dieser Nattern Kopf? Elender Fürsten-Stand!

Wir küßen unsern Freind / und waffen seine Hand /

Wir laßen einen Wurm in unserm Purper nisten /

Wir säugen eine Schlang an unsern Mutter-Brüsten /

Die keine Wolthats-Milch nicht zahm und sanfte macht /

Noch ihren Bluttdurst füllt. Hett auch ein Mensch gedacht:

Daß / die wir so geliebt / ja noch mehr lieben wolten /

Auf uns solch Meyneyds-Gift verräthrisch schäumen solten?

Wo und wem mag ein Fürst mehr Hals und Leben traun?

Wenn wir die Flügel selbst zu Mordpfeiln werden schaun /

Die uns beschirmen solln. Wir loben Masinißen:

Daß er ließ sein Gezelt mit Hunden rings umbschlüßen /158

Weil ja der Menschen Hertz nur Gall und Untreu hegt.

Ertzt-Mörder aber sags: Was hat dich Hund bewegt

Solch Schelmstück anzuzieln / den teuren Eyd zu brechen?

SUBRIUS FLAVIUS.

Du kanst an Fingern dir der Sache Grund außrechen

Weil deine Wißenschafft mir selber Zeugnüs gibt /

Daß kein Soldat als ich / so redlich dich geliebt

Als du es würdig warst. Nun aber du durch Morden

Zum Bruder-Hencker bist / zum Mutter-Mörder worden /

Nun du zum Gauckler dich / zum Sänger hast gemacht /

Der Hure zu Gefalln dein Ehweib umbgebracht /

Nun du Mordbrenner / Rom vorsätzlich angezündet /

Man eh in deiner Hand die Fuhrmans-Geißel findet /

Als du den Zepter brauchst / so bilde dir auch ein /

Daß keine Spinne dir / kein Wurm kan Grämer seyn

Als Flavius dich haßt.

NERO.

Schlag Donner her / brich Erde!

Daß dieser Teufel stracks des Abgrunds Bürger werde!

Pfui! schleppt den Hund hinweg / wo ihn kein Tag scheint an!

Weil Fürst und Sonne nicht den Unmensch sehen kan!

Stracks / Niger / schaff ihn fort zu ärgster Pein und Straffen /

Was aber / Hund / zwang dich: Daß du die reinen Waffen /

Durch heilig Fürsten-Blutt nebst dieser Mörder-Schaar

Dich zu beflecken mühst.

SULPITIUS ASPER.

Weil sonst kein Mittel war159[237]

So vieler Laster Meer am Nero zu erschöpffen.

NERO.

Ziht dieser Buben-Schaum nicht selber seinen Köpffen

Kwal und Verdammung zu?

SULPITIUS ASPER.

Ich wust es ja wol vor

Daß nichts nicht zarter sey als ein Tyrannen-Ohr;

Daß der / der ieden Tag schier tausend Laster stifftet /

Nicht eines hören kan.

SABINA POPPÆA.

Kein Drach ist so vergiftet /

Als böse Zungen sind.

TIGILLINUS.

Was ein Verläumbder schäumt /

Macht kein schwartz Brandmal nicht. Alcides hat enträumt:

Daß ihn der Wahnwitz mag bey seinen Opfern schmehen.160

Der Lästerer ihr Pfeil pflegt sich stracks umbzudrehen

Und macht die eigne Hand / die ihn geflügelt / wund.

SULPITIUS ASPER.

Wo er auf Unschuld zielt.

NERO.

Stracks / Hencker / köpft den Hund.

SULPITIUS ASPER.

Ein Wermuth-bitter Tod ist ewig Ruhm zu schätzen /161

Wo das Gedächtnüs sich nicht in Vergäßen setzen

Der alten Thaten läßt:

NERO.

So fället Kopf und Wahn.

TIGILLINUS.

Bell itzt du todter Hund mehr Mond und Käyser an.

SABINA POPPÆA.

Das kalte Laster-Maul läßt noch die Zähne blecken.

NERO.

Den Kopf laßt auf den Pfal / die noch im Kercker stecken.


Nero. Granius Silvanus. Tigillinus. Sabina Poppæa.


NERO.

Bringstu von Senecen uns einigen Bericht?

GRANIUS SILVANUS.

Er stehet wenig zu und sagt: Er pflege nicht

Mit Häuchlern umbzugehn /162 und denen beyzulegen /

Die mit sich selbst nicht ruhn. Ja was solt ihn bewegen

So eines Bürgers Heil dem Seinen vorzuzihn.

Es kenne sonst kein Mensch so wie der Käyser / ihn /

Der seine Redligkeit aus allzeit-freyen Sitten /

Und wie sein Geist niemals nichts knechtisches gelitten /

Zum öftern selbst erkennt.

NERO.

War er noch so gar frey?

GRANIUS SILVANUS.

Er sprach: Daß Nero selbst sein bester Zeuge sey.

NERO.

Wie aber sahstu ihn sich nicht zum Tode schicken?

GRANIUS SILVANUS.

Sein groß Gemütte ließ kein Sterbens-Zeichen blicken.

NERO.

So geh und meld ihm an dis; daß er sterben muß.

GRANIUS SILVANUS.

Zwar freye Seelen fühln vom Sterben nicht Verdruß /

Weil sie den Leib selbst Koth / die Glieder Fäßel schelten:[238]

Wie aber mag der Fürst so Senecen vergelten

Sein rühmlich Auf-erzihn? Darf ich mich unterstehn

Zu bitten / laße man fürs Recht Genade gehn.

TIGILLINUS.

Wer Nattern liebkoost / macht auch Schlangen Muth zu stechen.

GRANIUS SILVANUS.

Ist bloße Wißenschaft163 ein Sterbens-werth Verbrechen?

SABINA POPPÆA.

Wenn man Verrätherey weiß / aber sie verschweigt.

GRANIUS SILVANUS.

Wie? aber müßen Freind auch werden angezeigt?164

TIGILLINUS.

Des Fürsten Wolstand ist für ieden Freund zu sätzen.

GRANIUS SILVANUS.

Dem muß man bleiben treu / und jenen nicht verletzen.165

SABINA POPPÆA.

Pausanias brach so Themistoclen den Hals.

GRANIUS SILVANUS.

Nicht alle Richter sind Rechtsprecher selbten Falls.

TIGILLINUS.

Umb so viel Schuld hat auch Philotas sterben müßen.

GRANIUS SILVANUS.

Des Senecen Verdienst heißt uns was milders schlüßen.

SABINA POPPÆA.

Der hat für Frembden Schuld / wer / was er baut / reißt ein.166

GRANIUS SILVANUS.

Sol lang- und treuer Dienst mehr Nach- als Vortheil seyn?

TIGILLINUS.

Der Außgang macht ein Werck zu Wol- und Ubelthaten.

GRANIUS SILVANUS.

Wie bald kan nicht bey Hof ein glatter Tritt mißrathen.

SABINA POPPÆA.

Wer bleibt zu straffn / wenn ein Ancker gleiten mag.

GRANIUS SILVANUS.

Doch / wenn man straft / kommt ja Verdienst in Uberschlag.

TIGILLINUS.

Wer / was er sol / nur thut / darf kein Verdienst anziehen.167

GRANIUS SILVANUS.

Die Tugend / wenn der Preiß entfällt / wird nicht mehr blühen.

SABINA POPPÆA.

Sie selbst / wo man nicht strafft / wird sich in Laster kehrn.

GRANIUS SILVANUS.

Zu scharffes Straffen pflegt mehr Ubel zu gebehrn.

TIGILLINUS.

Kein Ubel kan entstehn / wenn man thut nach Gesetzen.

GRANIUS SILVANUS.

Man mag für Senecen zwölf neue Taffeln setzen.

SABINA POPPÆA.

Gewinnt dem Manlius wol Seneca was ab?

GRANIUS SILVANUS.

Daß jener Rom erhielt / der uns den Käyser gab.

TIGILLINUS.

Doch hat ihn seine Schuld vom Capitol gestürtzet.

GRANIUS SILVANUS.

Es war dem Richter dort die Gnaden-Hand verkürtzet.

SABINA POPPÆA.

Die Straff und Schuld sind auch bey uns noch Zwillinge.168

GRANIUS SILVANUS.

Glaubt: Daß den Fürsten nichts so wol als Gnad ansteh?

TIGILLINUS.

Wenn sich das Meer erzürnt / ists schöner anzuschauen.169

GRANIUS SILVANUS.

Doch für dem Himmel muß / wenn er sich schwärtzt / uns grauen.[239]

SABINA POPPÆA.

Wenn er die Boßheit trifft / lacht auch sein Blitz uns an.

GRANIUS SILVANUS.

Ists möglich: Daß der Fürst den Lehrer straffen kan?

TIGILLINUS.

Das Gift des Meyneyds läßt auch Vater-Lieb erkalten.

Wenn freche Kinder es mit Catilinen halten /

Mag Fulvius durchbohrn des eignen Sohnes Brust.170

GRANIUS SILVANUS.

Des weisen Römers Tod wär allzu groß Verlust.

SABINA POPPÆA.

Der fällt so hoch nicht ab / der schon so tief geglitten.

NERO.

Es sterbe Seneca. Spar also Rath und Bitten.


Der Schauplatz stellet für des Piso Gemach.

Maximus Scaurus. C. Piso. Plautius Lateranus. Epaphroditus. Statius Proximus. Etliche Soldaten von der Käyserlichen Leibwache. Ein Diener des Piso.


MAXIMUS SCAURUS.

Nun Piso / nunmehr ists nicht mehr Bedenckens Zeit.

Wir sämtlich sind entdeckt / und Nero schickt bereit

Die Hencker auf uns aus. Ein Theil ligt schon in Ketten /

Ich bin mit höchster Noth durch dich auch uns zu retten

Entronnen aus der Burg. Jedoch hier dis Pappier

Wird unsern schweren Stand dir beßer mahlen für.

C. PISO.

Ich kenn es. Dieses hat Epicharis geschrieben.

SCAURUS.

Mit Tinte / die aus ihr die Folter hat getrieben.

LATERANUS.

Was schreibt die Heldin noch?

PISO.

»Lebt in dir Piso noch

Ein Tropffen Römisch Blutt / so wirf das Zentner-Joch

Des grimmsten Blutthunds ab. Gantz Rom wird Beyfall geben /

Dich als ihr Haupt in Thron / ihn auf den Schandkarn heben.

Nimm nur das Rathhaus ein / und zeige dich der Schaar /

Die nach dir säuftzend wünscht. Ein Held wird durch Gefahr

Bewehrt. Ja wo du's wagst; Wil ich die Luft noch schmecken:

Daß Nerons Zunge wird mein bluttig Feßel lecken.«

SCAURUS.

Flößt nicht die Helden-Schrift auch Marmeln Seelen ein?

PISO.

Man sucht vergebens Rath nun wir vertorben seyn.

LATERANUS.

Wir können / mißlingts gleich / doch ärger nicht verterben.

PISO.

Es ist mehr Schimpf / mit Schimpf in allen Augen sterben.

SCAURUS.

Kein Mensch stirbt rühmlicher als den Tyrannen fälln.

PISO.

Wer wird nach unserm Tod uns eine Schutz-schrift stelln?[240]

LATERANUS.

Die Rautte gutten Ruhms kan keine Schmach vergiften.

PISO.

Man tilgt der Tugend Lob und ehrt der Häuchler Schriften.

SCAURUS.

Das Denckmal künftger Zeit läscht kein Tyrann nicht aus.171

DIENER.

Geharnschte Männer / Herr / erbrechen Pfort und Hauß.

LATERANUS.

Nun mag dein schmelich Tod / Furcht und Versäumnüs büssen.

PISO.

Gedult steht willig aus was Gott und Himmel schlüßen.

SCAURUS.

Miß dem Verhängnüße nicht eigne Fehler bey.

PISO.

Wen Tod und Feind nicht schreckt / ist Sorg und Fehlers frey.

EPAPHRODITUS.

Steckstu Verräther / hier nebst deinen Mord-Gesellen?

PISO.

Was wil / ich bin bereit / der Fürst für Urtheil fällen?

EPAPHRODITUS.

Sags: Was für Anlaß dich zum Meyneyds-Stifter macht.

PISO.

Natal hat mich hierzu durch Zauberey gebracht.172

EPAPHRODITUS.

Wie mag ein Zauberer verfälschen reine Seelen?

PISO.

Der Himmel läßt viel zu den Geistern schwartzer Hölen.173

Kont er ein wächsern Bild begeistern: Daß es hat

Mir fälschlich wahrgesagt: Der großen Götter Rath

Woll in des Abgrunds Kluft den falschen Käyser stürtzen:

Wie sol er die Vernunft durch Kräuter schlimmster Zirzen

Und Hochmuth anzufülln / und Wahnwitz zu verirrn

Nicht mächtig seyn gewest?

EPAPHRODITUS.

So pflegt sich zu verwirrn

Die Boßheit in ihr Garn. Du woltest Käyser werden.

Der Götz hat nicht geirrt. Nunmehr sinckt zu der Erden

Dein falsches Käyserthumb / und dein geträumtes Reich.

PISO.

Erkenn ich doch die Schuld; auch werd ich mir itzt gleich

Der Adern Drat zertheiln und ohne Zwang erblaßen /

Doch wird der gutte Fürst mir diesen Trost ja laßen:

Mein letzter Wille werd aus Gnaden giltig seyn /

Des Käysers Anwalt nicht die Gütter ziehen ein /

Mein Schatz Antonie nicht meiner Schuld entgelten.

EPAPHRODITUS.

Des Meyneyds Aufsatz kommt in ein Geschlechte selten /

Daß nicht sein freßend Gift in alle Zweige stammt.

Drumb strafft man Weib und Knecht' und Kinder ingesammt.

PISO.

Dis Laster ist bey mir nicht recht zu Kräfften kommen.

Ich habe was gedacht / nichts aber fürgenommen

Aufs Käysers Haupt und Hauß.

EPAPHRODITUS.

Dis Laster ist so groß

Daß schlechter Vorsatz sich nicht würckt der Straffe loß.[241]

PISO.

Der Will ist weit entfernt von würcklichem Verbrechen.

EPAPHROD.

Man tödtet Schlang und Spinn eh als sie uns wolln stechen.

PISO.

Hab ich doch bald verflucht/ was ich zu erst erwehlt.

EPAPHROD.

Die Reue folgt der Schuld/ wenn ihr der Außschlag fehlt;

Wenn Recht und Hencker schon so Klag als Straff anstrengen.

Doch wird der Fürst vielleicht den Urtheln was enthengen/

Weil du die Schuld erkennst/ und durch geschwinden Tod

Dich langer Kwal entzeuchst.

PISO.

Ich folge dem Geboth.

Schau wie die Adern Blutt aus beyden Armen spritzen!

MAX. SCAUR.

Laß/ Lateran/ uns auch den Lebens-Brunn aufritzen

Eh als ein Henckers-Bub in ihm die Hände wäscht.

Weil der Tyranne doch nicht eh den Bluttdurst läscht/

Als bis er Rom zur Gruft/ die Welt zur Wüsten machet.

EPAPHROD.

Wol! Biß dein Hencker selbst. Die Schlange wird verlachet/

Die sterbende noch zischt.

LATERAN.

Ich wil eh alle Kwal

Des Wütterichs stehn aus/ eh ich dis schwartze Mahl

Verzagter Kleinmuth mir verzweifelnd an wil brennen.

Du Piso bist ein Knecht kein Römer nicht zu nennen

Nun dich der Tod/ der sonst die Feßel bricht entzwey

Der strengsten Dienstbarkeit/ durch Furcht und Heucheley

Mehr als zum Sclaven macht.

PISO.

Ich wil geduldig büßen/

Nun ich zu späth erkennt: Daß beste Fürsten müßen

Ehrsüchtgen Hencker seyn. Sonst aber schelt ich nicht:

Daß euren Händen Kraft/ dem Hertzen Muth gebricht

Durch eigenhändgen Tod unsterblich euch zu machen.

MAX. SCAUR.

Rom wird dich Häuchler schmehn/ die Nach-Welt dich verlachen:

Weil auch ein Purpern Tod durch Falschheit wird verstellt;

Denn auch ein Knecht/ der nicht den Tod für schrecklich hält

Ist Halßherr seines Herrn und Richter des Tyrannen.

Mit solcher Freyheit muß man Furcht und Wahn verbannen;

Wenn man/ wie ich itzt thu/ kerbt Flachs' und Arm entzwey.

LATERAN.

Auch solcher Eygen-Mord legt Schimpf/ nicht Ehre bey.

MAX. SCAUR.

Dis ist des Körpers Wahn/ der Muth und Geist drückt nieder.

LATER.

Kein Mensch auf Erden ist Herr über seine Glieder.174[242]

MAX. SEAUR.

Mag über seinen Leib doch wüten auch ein Knecht.175

LATER.

Ihn strafft/ wenn er sich nur verstimmelt/ Herr und Recht.176

MAX. SCAUR.

Man muß die Edlen nicht in knechtsche Fäßel sperren.

LATER.

Du bist ein Knecht und ich der Götter unser Herren.

MAX. SCAUR.

Sie sperrn zum Sterben uns ja tausend Thüren auf.177

LATERAN.

Sie wehrn der Boßheit selbst nicht allzeit ihren Lauf.

MAX. SCAUR.

Man hemmt durch freyen Tod der Boßheit Lust und Wercke.

LATERAN.

Ein glüend Pferd außstehn ist größrer Seelen Stärcke.

MAX. SCAUR.

Wenn des Tyrannen Brand kommt Tod und Meßern für.

LATER.

Verhaltner Athem dient zum Mordgewehre dir.

MAX. SCAUR.

Dein Leben wird zur Kwal/ mein Sterben nun zum Schlaffe.

LATERAN.

Zeucht das Verhengnüs nicht den Eigen-Mord zur Straffe?

MAX. SCAUR.

Sich selber Tödten rührt selbst vom Verhängnüß her.178

LATERAN.

Wol! ich ergreiffe gleich dein bluttiges Gewehr

Die Lebens-Fädeme der Adern zu zerschneiden.

STAT. PROX.

Halt.

LATER.

Ist der Tod verwehrt?

STAT. PROX.

Du solt ihn anders leiden.

LATER.

Was Bürgern ist vergönnt/ steht Bürgermeistern frey.

EPAPHROD.

Weistu? Daß gleiche Schuld bey Großen größer sey?

LATERAN.

Ihr Götter!

STAT. PROX.

Immer fort!

LATER.

Wo werd ich hingerißen?

STAT. PROX.

Dahin/ wo Sclav und Knecht verdammte Laster bißen.

LATER.

Laßt meinen Kindern mich noch reichen einen Kuß.

STAT. PROX.

Der ist kein Vater mehr der schimpflich sterben muß.

LATERAN.

Wo bleibt Natur und Recht?

STAT. PROX.

Sie stehn auf Fall und Schrauben.

LATERAN.

Geduld! Wer stirbt/ sol auch dem Hencker halten Glauben.


Reyen.


Europa. Asia. Africa. Die Sibylla von Cuma.


EUROPA. ASIA. AFRICA.

Große Götter/ wie viel Jahre

Sol der Welt-Kreiß eine Baare[243]

Rom der Völcker Zuchthauß seyn?

Jeder Abgott tritt mit Füßen

Uns / die wir ihm opffern müßen /

Schleust in Stahl und Stein uns ein.

Schickt demnach gerechter Sache /

Große Götter / Rache / Rache!

ROM.

Ihr Sclavinnen / wolt ihr das Joch abwerffen

Das doch ich selbst ich Mutter tragen muß.

Wenn auf mein Haupt die Kinder Dolche schärffen /

So zins' ich Blutt / ihr bloß den Uberfluß /

Ja / wenn ihr nur von ferne Donnern höret /

Wird durch den Blitz mein Hertze selbst versehret.

SIBYLLA.

Der Ungeduld ist iedes Reich zu schwer;

Ein böses Kind flucht seiner Mutter Rutte.

Gott strafft mit Fug mit Drangsal und mit Blutte

Die / die nicht sind von eigner Bluttschuld leer.

Ja wißt: Daß euer Meer verdammter Missethat

Die Tyranney noch nicht halb außgemäßen hat.

ROM.

Verhängnüs nimm mir Kron und Zepter wieder!

Ich mag nicht mehr der Völcker Göttin seyn.

Der Erden Haupt legt für euch willig nieder

Mit so viel Kwal des Purpers falschen Schein!

Jedoch laßt mich noch mein Verhängnis wißen /

Weil Götter doch nichts enderliches schlüßen.

SIBYLLA.

Verlangstu nun Wahrsagung erst von mir?

Sie war umb Geld ja dem Tarquin zu theuer.179

Geh scharre Buch und Weißheit aus dem Feuer;[244]

Die Asche wird noch Zeichen weisen dir;

Geh lis bey Cumens Klufft die Palmen-Bletter auf /180

Auf selbten steht vermerckt der künftgen Jahre Lauf.

EUROPA. ASIA. AFRICA.

Bletter streut der Wind vonsammen

Und wer liset / was in Flammen

Für Geheimnüs ist versteckt?

Vorschmack künftger Angst und Schmertzen

Flößt dem Feinde Trost zum Hertzen /

Wo uns demnach wird entdeckt /

Was den Abgott Rom sol preßen /

Wolln wir Sorg und Angst vergeßen.

SIBYLLA.

Eh als der Glantz der Weißheit krönte mich /

Ward schon ihr Heil gewiedmet Rom zu dienen.

Was kommen sol / und was schon ist erschienen

Sol / ewigs Rom / mein Spiegel lehren dich.181

Denn das Verhängnüs schleußt nichts so geheimes nicht /

Es bringt die Weißheit es / eh es geschicht / ans Licht.

ROM.

Itzt tritt ein Löw ein güldnes Bild zu Grunde;

Ulyßes schläft bey der Siren itzt ein.

Nun beißt ein Fuchß dem Bilde Narb und Wunde;

Die Natter sticht itzt bis auf Marck und Bein.

Itzt wil ein Äff erst mit ihr Kurtzweil treiben /

Nun wil es gar ein Basilißk aufreiben.

SIBYLLA.

Rom ist das Bild / die Freyheit war das Gold /

Itzt aber ist in Eisen es gewandelt;

Nun Tiranney so schlimm mit dir gehandelt /

Verstehstu nun; Was dis Gemälde wolt?[245]

Jedwedes grimme Thier / das an dem Bilde nagt /

Mahlt einen Fürsten ab / der dich zeither geplagt.

ROM.

Wahr / leider ists. Des Cæsars Löwen-Klauen

Zermalmeten der Freyheit güldnes Bild.

Augusten sehn hieß recht Sirenen schauen /

Sein Glimpff stahl / was für Grimm ich noch behielt.

Kein schlimmer Fuchs kan als Tiber nicht leben /

Er konte Gift in güldnen Pillen geben.

Der Cajus war zur Natter mir gebohren /182

Und außerwehlt zum Phaeton der Welt.

Hat Claudius der Affe seiner Thoren

Der Knechte Knecht mehr Römer nicht gefällt /

Als Tiranney. Ja meine Seel empfindet:

Daß Nero Basilißken überwindet.

EUROPA. ASIA. AFRICA.

Basilißken / Nattern / Affen /

Fuchß / Sirene / Löwen schaffen

Nicht so große Kwal und Pein;

Als bis itzt auf diese Stunde

Rom die Wölfin unserm Munde

Gift und Schmertzen flößet ein.

Demnach wollt ihr Götter schlüßen:

Daß Rom beßer müße büßen.

SIBYLLA.

Rom büsset ja! Kommt schaut die Thier umbdrehn.

Schaut Basilißk und Äff und Nattern kommen;

Der Fuchs folgt / die Sirene komt geschwommen

Und endlich läßt sich auch der Löwe sehn.

Doch wil ich dir / Rom / klärer stelln für Augen

Die / die dir noch solln Marck und Bein aussaugen.[246]

ROM.

Ich sehe sich itzt einen Beer aufsetzen /

Nun kratzt mich eine Katze bis aufs Blutt /

Itzt wil ein Schwein auf mich die Zähne wetzen /

Nun saugt mir aus die Aegel Milch und Gutt.

Itzt liebkoßt mir ein Hund / der doch auch beißet;

Nun seh ich / wie ein Tiger mich zerreißet.

SIBYLLA.

Der Beer wird seyn des Galbe strenger Wahn /

Die Katze wird am Otho seyn zu schauen.

Das Schwein Vitell wird rasend umb sich hauen /

Die Aegel ist der Geitz Vespasian /

Wenn Titus leckt und kost / siht doch ein Hund herfür;

Dem folgt Domitian das grimmste Tygerthier.

ROM.

Ach! ward ich denn darumb die Sonn auf Erden:

Daß ich durch diesen Thier-Kreiß müße gehn /

Wo nur Irrlichter glimm- und brennend werden

Und solche zwölf erboßte Thiere stehn /

Die zwar im Thron als holde Sternen lachen /

Doch würckende sich zu Cometen machen.

EUROPA. ASIA. AFRICA.

Wol! wol! Die gerechte Rache

Nimmt sich unser gutten Sache

Mit gewünschtem Nachdruck an.

Ja nun Rom nur muß erfahren:

Daß kein Wolf geraubte Wahren

Ohne Schmertz verdeihen kan;

Haben unsre Schmertz- und Wunden

Rache / Salb und Pflaster funden.

Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Römische Trauerspiele. Stuttgart 1955, S. 224-247.
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