Die Dritte Abhandlung.

[201] Der Schauplatz bildet für einen Lust-Garten.

Nero. Milichus. Corinna. Tigillinus. Epaphroditus.


NERO.

Was für erschrecklich Ding ists: das du uns bringst zu /

Das Aufschub nicht erträgt / und unsre fuße Ruh

Mit banger Furcht verstört?

MILICHUS.

Des Käysers Schiff sol stranden

Es ist Verrätherey auf Nerons Halß verbanden.

NERO.

Hilf Himmel! ist in Rom ein Bößewicht so kühn /

Der wider uns empört?

MILICHUS.

Großmächtger Fürst / Scevin.

NERO.

Scevin wil uns vom Thron?

MILICHUS.

Auch umb das Leben bringen.

NERO.

Ihr Götter!

MILICHUS.

Diser Dolch solt ihm durchs Hertze dringen.

EPAPHRODITUS.

Wer hat dir dis entdeckt? Wie kommt der Dolch zu dir?

MILICHUS.

Scevin verrieth sich selbst; er selbst Scevin gab mir

Dis giftige Gewehr106 noch schärffer außzuschleiffen.

NERO.

Wie war der Hund die That gesonnen anzugreiffen?

CORINNA.

Der Käyser sey zuvor auf die Gefahr bedacht

Und schaffe: Daß Scevin werd in Verhaft gebracht /

Eh / von der grimmen Schaar / die sich nebst ihm verbunden

Ein Weg zur Mordthat werd in höchster Eil gefunden.

EPAPHRODITUS.

Ja! Flamm und Meyneyd darf nicht Nachsicht vieler Zeit.

NERO.

Stracks rufft den Tigillin. Ist Fenius auch weit?

Wer ist / der den Scevin stracks ins Gefängnüs reißet?

EPAPHRODITUS.

Ich schätz es für ein Glück / wo michs der Käyser heißet.

NERO.

Wol! nim / so viel du wilst / vom Läger mit dir hin /

Und schaff ihn stracks hieher. Kommstu / mein Tigillin?

Man steht nach unserm Kopf. Ist auch das Läger wache?

TIGILLINUS.

Sie sorgen für ihr Haupt / und fordern strenge Rache /

Wo an der Majestät ein Unmensch sich vergreifft.

NERO.

Scevin ists / der den Stahl auf unsern Nacken schleifft.

TIGILLINUS.

Eilt noch kein Hencker nicht des Hundes Kopf zu holen?

NERO.

Wir haben ihn hieher zu bringen anbefohlen /[202]

Zu hören / wer nebst ihm die grause That hat für.

Wir wolln ins Zimmer gehn. Nim zuvoran mit dir

Die uns getreuen Zwey / die schon zu zeugen wißen /

Was sich der Hund Scevin erkühnte zu entschlüßen.


Der Schauplatz stellet für das Gemach des Scevinus.

Sulpitius Asper. Piso. Lateranus. Quinctianus. Scevinus. Lucanus. Natalis. Ein Knecht des Scevin.


SULPITIUS ASPER.

So gehts! Ein Augenblick verkehret Glück und Spiel /

Wenn man mit Feind und Glutt so langsam künsteln wil.

Die Zagheit / nicht der Witz legt alles auf die Wage.

PISO.

Was mangelt dem Sulpitz

SULPITIUS ASPER.

Der Anschlag ist am Tage.

Wir in Gefahr und Noth.

LATERANUS.

Welch Meyneyd hat entdeckt /

Was uns der Himmel rieth / was Eyd und Freind verdeckt?

SULPITIUS ASPER.

Epicharis ligt schon umbschrenckt mit Band und Eisen.

QUINCTIANUS.

Wie wird die Heldin uns die Langsamkeit verweisen!

LUCANUS.

Sulpitz erzehl uns doch / woher dis Unglück rührt.

SULPITIUS ASPER.

Volusius hat sie in dieses Garn geführt.

NATALIS.

Ich habe sie gewarnt sich seiner zu entbrechen /

Sie solle dem nichts traun / der nur weiß groß zu sprechen.

Itzt leider! leiden wir ohn unsre Schuld mit ihr.

SULPITIUS ASPER.

Gemach! Freund / rücke nicht der Heldin Fehler für.

Der Klügsten in gantz Rom. Weil sein unkeusches Bitten

An ihrer Keuschheit Schimpf und Schiffbruch hatt erlitten /

Ward seine blinde Brunft durch Rach und Grimm verzehrt.

LUCANUS.

Die Gunst wird Gall und Gifft / ja Venus wird verkehrt

In eine Furie / wenn sie verschmeht sich schauet.

Die Wolcke des Gemüths / die erstlich Hold gethauet /

Und Anmuth abgeflößt / speit Blitz und Donnerkeil

Erboßter Unhold aus. Ja des Cupido Pfeil

Wird ein Geschoos des Zorns.

SULPITIUS ASPER.

Der Ertzverräther richtet:

Sie hett aufs Käysers Kopf ein Bündnüs aufgerichtet /

Beweglich ihn ermahnt / als er noch zu Misen

Schiff-Hauptmann sey gewest / den Meyneyd einzugehn /[203]

Der Ertzt-Verräther Schaar so Nahm als Eid zu geben /

Und den so frommen Printz aus Rom und Thron zu heben.

SCEVINUS.

Hoffheuchler! Fluchtestu nicht selbst vorhin auf ihn /

Und gabst ihr an die Hand darumb nach Rom zu zihn?

Den Tiger abzuthun / den Löwen aufzureiben?

Er wäre selbst behertzt den kalten Stahl zu treiben

Durch des Tyrannen Bruft.

SULPITIUS ASPER.

Die Spinne schmiert das Gifft.

Gesunden Kräutern an / das von ihr selber trifft.

PISO.

Hat denn Epicharis dem Kläger was enthangen?

SULPITIUS ASPER.

Die Klugheit ist mit ihr selbst in den Kampf gegangen.

Schöpft nur / ihr Helden / Muth / Epicharis wird lehrn:

Wie noch zu rathen sey. Es war mit Lust zu hörn /

Mit was für Vorsicht sie des Haupt-Verläumbders Klage

Großmüttig hintertrieb: Daß Nerons Richter-Wage /

Wie unrecht sie gleich sonst urtheilt / doch wider ihn /

Indem die Unschuld selbst für sie zu reden schien /

Den Außschlag für sie gab.

LATERANUS.

Wo Witz und Muth beysammen

Da kan auch Phalaris die Unschuld nicht verdammen.

SULPITIUS ASPER.

Doch schleust der Blutthund sie in schwere Feßel ein.

PISO.

Die er nicht schuldig heist? Was mag sein Absehn seyn?

SULPITIUS ASPER.

Tyrannen fürchten auch aus heiterm Himmel Blitzen.

Es sol Epicharis so lang im Kercker sitzen /

Bis Zeit und Außgang weiß': Ob etwas sey daran /

Was der Verräther klagt. Nun rathschlagt / wie man kan

Die Taube machen frey aus dieses Sperbers Klauen.

QUINCTIANUS.

Man wird in Rom zweymal nicht Memnons Mutter schauen

Sol dieses Irrlicht Asch und Nero kraftloß seyn /

Die / die itzt Fäßel trägt / sein Purper hüllen ein.

SULPITIUS ASPER.

Ihr spart für rasend Gift die Artzney allzu lange.

Ihr Kercker lehrt euch schon: Daß man mit diser Schlange

Zu furchtsam hat gespielt. Euch ist des Bluttdursts Brand /

Was er der Knechte Knecht oft thun muß / wol bekand.

Wie bald / wenn Wein und Grimm Vernunft und Geist verbannen

Kan Nero / wie er dreut / sie nicht auf Foltern spannen?

Durch Schwefel / Zang und Rad die Wahrheit preßen aus?

Denn ob ihr Himmlisch Geist zwar Asche / Staub und Graus[204]

Zu werden sich erklärt / eh als sie woll entdecken

Ob ich und du und er mit ihr in Bündnüs stecken /

So schaut doch mit Bedacht nur den Philotas an:107

Daß / was der Geist gleich schleust / der Leib nicht dulden kan.

LATERANUS.

Wer wird im Augenblick den Kercker öffnen können?

Der Blutthund wird ihr ja bis morgen Rast vergönnen /

Da unser heilger Schluß ins Werck gesätzt sol seyn.

QUINCTIANUS.

Wo Schlang und Argwohn schon ins Hertze nistet ein /

Empfindt es keine Lufft von beyder Würmer Wütten /

Bis Rach und Bluttbegierd itzt Gall itzt Grimm außschütten /

Bis sich des Henckers Faust in warmem Blutte wäscht /

Und die verspritzte Milch des Lebens kühlt und läscht

Der Aegeln heißen Dürft.

SULPITIUS ASPER.

Ist euch und ihr zu rathen

So setzt itzt bald.

SCEVINUS.

Wer klopfft?

KNECHT.

Herr eine Schaar Soldaten

Besetzt rings umb das Hauß / Theils dringen sich bereit

Durch Pfort und Vorhoff ein.

SCEVINUS.

Hilf Himmel!

SULPITIUS ASPER.

Was ich dreut

Ereignet sich schon itzt. Wir sind verrathen!

SCEVINUS.

Saget:

Was ist zu thun?

QUINCTIANUS.

Es muß nunmehr schon sein gewaget

Daß wir / eh als wir uns als Schaffe laßen fälln /

Als Helden uns in Kampf zur Gegenwehre stelln.

SCEVINUS.

Dafern es mir nur gilt / so halt ichs nicht für nütze:

Daß ihr nebst mir euch stürtzt / das Werck fetzt auf die Spitze /

Schlüßt euch auf allen Fall ins Neben-Zimmer ein.

Ich wil der Mörder-Schaar allhier gewärtig seyn.

Sind ich selbst keinen Weg den Feßeln zu entrinnen;

So kan doch euer Muth auf meine Freyheit sinnen.


Epaphroditus. Scevinus. Etliche Kriegsknechte.


EPAPHRODITUS.

Gib dich / Scevin.

SCEVINUS.

Was ists?

EPAPHRODITUS.

gefangen.

SCEVINUS.

Ich mich dir?

EPAPHRODITUS.

Dem Käyser.

SCEVINUS.

Wer befihlts.

EPAPHRODITUS.

Er selber schafft' es mir.

SCEVINUS.

Was hat Scevin verkerbt?

EPAPHRODITUS.

Befrage dein Gewißen.

SCEVINUS.

Der Zeuge wird mich stets unschuldig urtheiln müßen.

EPAPHRODITUS.

Der Außgang wird es lehrn. Itzt gib den Degen her.[205]

SCEVINUS.

Den Degen?

EPAPHRODITUS.

Mache dir dis nicht so frembd und schwer.

SCEVINUS.

Ein Rathsherr der Stadt Rom sol sich so schimpffen laßen?

EPAPHRODITUS.

Wer Schimpffes wil entgehn / muß Sund und Meyneyd haßen.

SCEVINUS.

Was? Welch Verläumbder mißt mir solche Laster bey?

EPAPHRODITUS.

Hier ists nicht Fragens Zeit / was dein Verbrechen sey.

Nur fort / wo nicht / so ist hier Schärf und Zwang verhanden.

SCEVINUS.

Wer keinen Richter scheut / folgt ohne Zwang und Banden.

Der Außgang sol die lehrn: daß Lästern und die Nacht

Die Sternen und den Glantz der Unschuld heller macht.

Gesätzt auch daß ihr Schirm nicht für Verleumbdern schützet /

Das Blutt frist durch den Rost den Stahl / der es verspritzet.108


Sulpitius Asper. Piso. Lateranus. Quinctianus. Lucanus. Natalis.


LUCANUS.

Scevin laufft nun an Strand / mit uns spielt Meer und Wind.

NATALIS.

Sein Fall lehrt: Daß wir schon auf gleichen Strudeln sind.

SULPITIUS ASPER.

Wo uns nicht Witz und Muth von diesen Scyllen führen.

NATALIS.

Ich sehe Witz und Muth Compaß und Mast verlieren.

SULPITIUS ASPER.

Ein Schiff das stranden sol / genest auf hoher See.

PISO.

Was heißt dis?

SULPITIUS ASPER.

Daß man der Gefahr entgegen geh.

LATERANUS.

Und was verspielt doch ist / noch zum Gewien aufsetze.

PISO.

Ja dieses Tigers Zahn noch mehr durch Eyfer wetze?

SULPITIUS ASPER.

Der Vorsatz und die That verdient schon gleichen Lohn.

PISO.

Ihr sehts / der Himmel stützt selbst des Tyrannen Thron.

LATERANUS.

Ja / nun ein Weiber-Hertz uns in dem Busem stecket.

PISO.

Die Tapferkeit hat aus / nachdem das Werck entdecket.

LUCANUS.

Die siegt' oft / wo kein Heil nicht mehr zu hoffen war.

QUINCTIANUS.

Und durch Gefahr schwingt sich die Kühnheit aus Gefahr.109

NATALIS.

Sie stürtzt / wenn sie beim Sturm nicht wil die Segel streichen.

SULPITIUS ASPER.

Man siht durch Kleinmuth mehr / als Tapferkeit erbleichen.

PISO.

Was meinstu wo dein Muth was fruchtbars stiften kan?

SULPITIUS ASPER.

Dringt mit mir in die Burg / und greifft den Blutthund an.

NATALIS.

Wo Argwohn ihn verschleust / das Heer ihn rings umbgiebet?

LUCANUS.

Glaubt: Daß der Hunderste nicht den Tyrannen liebet.[206]

SULPITIUS ASPER.

Sie werden bey uns stehn / so bald ein Haupt sich zeigt.

PISO.

Wo ist ein Haupt / dem Volck und Läger ist geneigt?

LATERANUS.

Du selbst bist Haupts genung den Schluß ins Werck zu setzen.

PISO.

Der warnt nur / der greift an / nicht aber kan verletzen.

QUINCTIANUS.

Versuch obs Heer durch Geld wol zu gewinnen sey?

PISO.

Scevin und wir sind hin / eh als mans schafft herbey.

SULPITIUS ASPER.

Nimms Rathhaus ein /110 und laß dich als ein Haupt dar schauen.

PISO.

Sol ich mein schimpflich Grab für aller Augen bauen?

LUCANUS.

Oft / was unmöglich scheint wird leichte / wenn mans wagt.111

Die Edlen sind zu klug / der Pöfel zu verzagt.

LATERANUS.

Der Pöfel rast wie Flamm und Glutt bey neuen Sachen.

NATALIS.

Wer wird der Neuerung hoch nöthgen Anfang machen.

QUINCTIANUS.

Wir und die sich mit uns ins Bindnüs ließen ein.

PISO.

Schloß / Rathhaus / Burg und Platz wird itzt besetzt schon seyn.

LATERANUS.

Schlag solche Zagheit aus / gib denen doch Gehöre /

Die für der Römer Heil / für deines Nahmens Ehre

Nebst dir Gutt / Hertz und Blutt zu wagen schlüßig sind.

Wer ist der / der dich schreckt? ein Gauckler und ein Kind.

Perdiccas Kühnheit sigt auch in des Löwen Hole /112

Des Brutus Dolch durchdrang des großen Cæsars Seele /

Verwegenheit rieb auf den Cajus durch den Stahl /

Den Claudius durch Gifft. Und unser Donner-Stral

Sol den Salmoneus nicht seyn mächtig zu erdrücken?

Der für der Mutter Grimm und den erzürnten Blicken

Verzweifelnd schier vergieng / als seine rechte Hand /

Der Seneca / gleich noch und Burrhus bey ihm stand.

Der Ancker ist versänckt / und jener reißt den Nachen

Des Blutthunds selbst in Grund. Was wird für große Sachen

Der Sänger nun führn aus / nachdem nur Tigillin

Der Boßheit ärgster Schaum und Huren sind umb ihn?

Entsetzt sich doch ein Held bey unversehnen Fällen.

Wie ängstig wird sich nicht der feige Reiger stellen /

Wenn er wird über ihm so frische Falcken sehn?

PISO.

Dis möchte thulich seyn / war es zur Zeit geschehn /

Eh als der Käyser noch den Anschlag hat erfahren.[207]

NATALIS.

Für Pfeilen / die er siht / kan er sich leicht verwahren.

QUINCTIANUS.

Gesätzt / er wiße schon: Daß die verschworne Schaar

Entschloßen sey gewest ihn auf dem Rach-Altar

Zum Opfer abzuthun / auf ihn den Stahl zu schärffen

So hat: Daß Piso sich zum Käyser aufzuwerffen

Behertzt sey / Nero doch sich nimmermehr befahrt /

Noch wider diesen Schlag vorsichtig sich verwahrt.

Du wirst / wenn sieben nur Pisonisch sich erklären /

Wenn drey des grossen Raths aufs Piso Nahmen schweren

Und der vergällten Stadt ein Leitstern werden seyn /

Erfahren: Daß halb Rom den Stahl zu tauchen ein

In des Ertz-Mörders Blutt / sein Bild in Koth zu treten /

Den Piso für ihr Haupt und Käyser anzubethen

Mehr als begirig sey.

PISO.

Ich suche nicht durch Blutt

Und Auffruhr Thron und Reich. Nicht einer hat noch gutt

Und ohne Schimpf geherscht /113 der sich durch böse Thaten

Hat in den Thron gespielt.

LUCANUS.

Wilstu der Welt nicht rathen

So hilf doch dir / und gib der Freinde Warnung Raum

Und deiner Tugend Platz. Es ist ein süßer Traum

Und deine Hofnung wird sich mit sambt dir verspielen

Wo du Verschwiegenheit und Treue bey so vielen /

Die dir gleich hold sind / suchst. Man schleust durch Gab und Pein114

Jedwede Schlößer auf. Auch bilde dir nicht ein:

Daß du durch Zagheit wirst des Nero Sinn entsteinern.

Furcht kan den großen Ruhm der Tugend zwar verkleinern /

Doch windet sie das Schwerd der Grausamkeit nicht aus /

Ja Kefer kehret sie in einen kühnen Straus /

Die Schlang in Basilisk. Und Nero / der erzittern

Für unserm Dreuen muß / wird hertzhaft sich erbittern

Aufs Piso Kopf / und uns außschütten Tod und Schmach /

Wo sein verzagter Geist uns ihm siht geben nach.

PISO.

Gelück und Zeit macht oft ein Schiffbruchs-Brett zum Nachen.

Wer aber / wenn es stürmt / die Segel auf wil machen /

Begegnen der Gefahr / den fällt nicht Glück und Wind /

Er stürtzt sich selbst in Grund.

SULPITIUS ASPER.

Ist Piso so sehr blind /[208]

Daß er beym Nero Gnad / Erbarmung in der Hellen /

Beym Pantherthiere Gunst / ihm in Charybdis Wellen

Einbildet einen Port? Es ist ein thörchter Wahn /

Alsbald ertrincken wolln / weil man noch schwimmen kan.

Ja / wenn gleich Nero dich zu tödten nicht begehrte /

Den Wolstand und den Ruhm schätz ich von gleichem Werthe.115

Auch geht ein rühmlich Tod beschimpftem Leben für.

Was Ehre nicht erwirbt / das bilde / Piso / dir

Auch nicht als sicher ein.116 Muß endlich sein gestorben /

So werd auch durch den Tod zum minsten Ehr erworben.

Der Tugend Asch ist ja der Nachwelt Heyligthum /

Und Tapferkeit verdient auch bey dem Feinde Ruhm.

Kein großer Baum / den gleich der Blitz rührt / fällt zur Erden /

Daß tausend Aeste nicht von ihm zerschmettert werden;

Die Glutt / wenn sie verlescht / verdoppelt Strahl und Licht /

Und Piso fällt / und läßt kein Lob / kein Merckmal nicht

Der Tugend hinter sich / der Nachwelt zu durchlesen.

Umbarme Volck / und Reich / und das gemeine Wesen /

Spring der ohnmächtgen Stadt / die für der Tiranney

Nunmehr den Geist ausbläßt / der schwachen Freyheit bey!

So wird / wenn Heer und Volck gleich nicht die Hand dir bitten /

Und dir dein Lebens-Drat vom Nero wird zerschnitten /

Die güldne Freyheit selbst dein holder Priester sein /

Und dein Gedächtnüs-Bild der Ewigkeit weihn ein.

Geräth der Anschlag denn: daß Nero muß erkalten /

Daß durch den Piso wird die Bürgerschafft erhalten /117

Wird Rom dich und dein Haupt mit Bürger-Kräntzen ziern.

Ja iedes Marmel wird des Piso Nahmen führn.

Kurtz! Der verstöst gar sehr in zweifelhafften Dingen118

Wer Anfangs etwas wagt / hernach nichts wil vollbringen

Und in dem Mittel irrt. Es ist nicht Säumens Zeit /

Wo Ruhe mehr verspielt119 als die Verwegenheit.

PISO.

Der Unverstand wagts so. Ich kenne Meer und Glücke.

Die Klugheit aber hält hier ihren Mast zurücke.

QUINCTIANUS.

So grabe dir denn Rom in Stahl und Diamant:

Des Piso Furcht verzehrt mehr Blutt / als Syllens Brand.


[209] Der Schauplatz verwandelt sich in des Käysers Gemach.

Nero. Scevinus. Tigillinus. Fenius Rufus. Milichus. Corinna. Natalis. Statius Proximus. Epaphroditus. Granius Sylvanus. Etliche Soldaten.


NERO.

Hat Nero diesen Wurm in seiner Schoos erzogen?

Hat diese Natter Milch von seiner Gunst gesogen /

Die sie in Gift itzt kehrt? Ertz-Mörder gib an Tag /

Was zur Verrätherey dir Uhrfach geben mag!

SCEVINUS.

Großmächtger Herr und Fürst / mein redliches Gewißen

Weiß: Daß Verläumbdung mich ließ in die Feßel schlüßen /

Den Käyser in Verdacht. Die Unschuld aber liegt /

Wenn der verdammte Leib gleich auf der Folter ligt.

Sie ist das Kraut / das Pein und Wermuth süße machet /

Die Schwermuth kehrt in Schertz. Ein gut Gemütte lachet /

Wenn Häuchler es vergälln / und ihnen Mißgunst-Jäscht

Auf reine Lilgen sprien. In reinen Seelen läscht

Ein falsches Laster aus / wie Flammen in dem naßen.

TIGILLINUS.

Mordstifter! Darfstu dir noch wol das Hertze faßen

Durch umbstehn deiner Schuld zu schärffen Straff und Pein?

SCEVINUS.

Fährt man so Rathsherrn an? So rede Sclaven ein!

Steht gleich dem Fürsten frey sich Dreuens zu bedienen /

So darf kein Knecht sich doch auf Rathsherrn nicht erkühnen

Zu schütten Schmach und Fluch.

TIGILLINUS.

Schaut mir den Rathsherrn an!

SCEVINUS.

Ja / deßen Tugend nicht der Knechte Knecht seyn kan.

NERO.

Schaut! Wie so giftig noch der Fürsten-Mörder schäumet!

SCEVINUS.

Mir hat bis auf den Tag nie Fürsten-Mord geträumet.

TIGILLINUS.

Verräther / wilstu seyn des Lasters überzeugt?

SCEVINUS.

Kein Mensch kan zeugen dis / der nicht den Göttern leugt.

NERO.

Stracks schafft den Milichus hervor mit samt Corinnan.

SCEVINUS.

Aus derer Boßheit läßt sich mir kein Netze spinnen.

TIGILLINUS.

Entdeckt / was hat Scevin aufs Käysers Wolfarth für?

SCEVINUS.

Meyneydige! seyd ihrs / die ihr so lästert mir?[210]

MILICHUS.

Ich wil / so viel ich weiß / doch ohne Meyneyd sagen.

SCEVINUS.

Man kan aufs Herren Kopf nicht Freygelaßne fragen.120

NERO.

Wol / wo man Laster klagt verletzter Majestät.

SCEVINUS.

Boßhafter / stocke nicht / sags / was dein Gift-Maul schmäht.

MILICHUS.

Bekenn es / Fürsten kehrn auch Laster zu Genaden.

SCEVINUS.

Hört! Der Ertz-Heuchler weiß mit nichts mich zu beladen.

MILICHUS.

Nicht leugne: Daß du hast des Käysers Tod begehrt.

SCEVINUS.

Ihr Götter! Ist kein Blitz der auf den Lügner fährt!

MILICHUS.

Solt ich nicht einen Stahl aufs Fürsten Nacken schärffen.

SCEVINUS.

Verläumbdung kan mehr zeihn / als Unschuld kan verwerffen.

TIGILLINUS.

Kein Witz den Schlangen-Gang des Meyneyds nehmen wahr

SCEVINUS.

Noch / was die Boßheit spinnt der Unschuld für Gefahr.

NERO.

Kennstu den Dolch? Weil dich die Boßheit so verblendet?

SCEVINUS.

Den hat der Bößewicht Verräthrisch mir entwendet.121

MILICHUS.

Zu was für Heyligthumb hastu ihn denn verwahrt?

SCEVINUS.

Was für verdächtig Ding hab ich darmit gebahrt?

TIGILLINUS.

Er wird ihm den Verdacht nicht aus dem Finger saugen.

SCEVINUS.

Und gleichwol sagt der Hund mir wenig unter Augen.

Zu dem die Boßheit schänckt ihr selbst das Gift-glaß ein122 /

Wenn sie die Unschuld wil verdammte Laster zeihn?

Die Spinne webt ein Garn aus eignen Eingeweiden /

Verläumbder Schmach und Fluch. Dis Eisen solte schneiden

Durchs Fürsten heilgen Hals? das selbst den Göttern ward

Als heylig eingeweyht. Meld auch / auf was für Arth

Mit wem / und wo / und wenn ich diesen Mord zu stiften

Entschloßen sey gewest?

TIGILLINUS.

So pflegt man zu vergiften

Was man den Göttern weiht?

SCEVINUS.

Verfluchte Missethat!

Verteufelt-böser Mensch! Glaubt: der Verläumbder hat

Den mir gestohlnen Dolch mit Gifte selbst beflecket.

TIGILLINUS.

Dis ist der Boßheit Arth. Des Kindes / das erstecket

In erster Blüthe wird / wil Niemand Mutter seyn.

SCEVINUS.

Sagt selbst: Ob / was er klagt hab einen Wahrheits-Schein?

MILICHUS.

Er leugne / wie er wil / er wird / woraus man schlüßen

Leicht seinen Vorsatz kan / doch noch gestehen müßen.

Hastu nicht Tag und Nacht schwermüttig zugebracht?

Zum Tode dich geschickt? Das Testament gemacht[211]

Bey noch gesundem Leib und blühend-frischen Jahren?

SCEVINUS.

Hat von Verläumbdern man was alberers erfahren?

Die Rose / die früh prangt / fällt Abends welck ins Graß;

Das Leben blüht und welckt und bricht oft eh als Glaß:

Welch Richter wird nun wol zum Laster machen können /

Was aller Völcker Recht' jedwedem stets vergönnen?

Zu sinnen auf den Tod? Es ist nicht's erstemal:

Daß ich mein Testament ohn einger Tage Wahl

Versiegelt.

MILICHUS.

Hat Scevin beim Testament abfaßen

Je aber so viel Knecht / als dißmal / freygelaßen?

Ja über dieses noch mit Gelde sie beschenckt?

SCEVINUS.

Ist mit dem Meinigen / Verruchter / mir verschrenckt

Willkührlich zu gebahrn? Ein Sclave sätzt mir Schrancken /

Der meiner Gutthat doch die Freyheit hat zu dancken?

Und für mich zeugen muß: Daß ich auch vormals Geld

Und Freyheit außgetheilt. Und der Verläumbder hält

Für Sünde: Daß ich die / von derer Treu ich habe

Mehr Nutz und Dienst erlangt / was reichlicher begabe?

Zumal ich nunmehr nicht aufs Testament viel trau /

Nun ich die Gläubiger mir auf dem Halse schau

Und mein Vermögen Fall und Schiffbruch hat gelitten.

MILICHUS.

Zu was denn hießestu dir so viel Gäste bitten?

Das Nachtmal richten an mit kostbar-reicher Tracht?

SCEVINUS.

Was schafft für Argwohn dis? Die Einfalt selber lacht

Des Bubens Wahn-witz aus. Ich hab ein süßes Leben /

Dem strenge Richter leicht ein böses Urtheil geben /

Von Jugend auf geliebt und meine Taffel steht

Stets jedem Freinde frey.

TIGILLINUS.

Verrätherey begeht

Ein Gastmahl ins gemein mit ihrem Mord-gesinde:

Daß sie durch Speiß und Wein den Bluttdurft mehr entzünde /

Der nach dem Purperschaum erblaßter Fürsten lächst.

SCEVINUS.

Sol dis die Wurtzel seyn aus dem solch Argwohn wächst /

Muß Nero neben mir noch tausend Römer fällen.

Der Meyneyd läßt sich nicht der Wollust zugesellen;

Und Schwermuth drückt den Geist / der ein groß Werck beginnt /

Für welche Stirn und Mund zu plumpe Larven sind.[212]

TIGILLINUS.

Man siht die Dünste nicht / die aus der Schoos der Erden

Die Sonne zeucht empor / bis sie zu Wolcken werden /

Die Flamm und Blitz gebehrn; nicht anders kennt man nicht

Den Meyneyd / als bis er den Hals dem Fürsten bricht.

MILICHUS.

Was wird Scevin auf dis zu seinem Schirm anführen:

Daß er mir anbefahl Wund-Pflaster ihm zu schmieren /

Und Zeug zu schaffen her / dardurch man stillt das Blutt.

SCEVINUS.

Daß sich der Abgrund nicht für diser Lüg aufthut!

Daß sich die Sternen nicht für diesem Greuel schwärtzen!

Fühlstu nicht Rach und Pein und Hencker in dem Hertzen?

Die durch Gewißens-Angst erschrecklich mahlen für /

Was schon Tisiphone mit Schlangen-Peitschen dir

Für grause Marter dreut? Empfindstu's nicht Verräther?

Schaut wie das Hertze bebt dem schlimmsten Ubelthäter!

Er zittert / er verstummt! Sein Angst-schweiß gibt an Tag:

Daß kein Verläumbdungs-Pfeil der Unschuld schaden mag.

CORINNA.

Nicht laße den Scevin dich in Verwirrung bringen.

Der Crocodil / wenn er jemanden wil verschlingen /

Stellt sich barmhertzig an. Ich aber wil ans Licht

Mit höchstem Ruhme stelln: Daß falsche Wahre nicht

Geruch und Farben hält / ja wil der Fürst mich hören /

So wil ich / wenn Scevin abtreten müste / lehren:

Daß dieser und Natal den ärgsten Meyneyd spinnt.

NERO.

Schafft den Verräther weg.

CORINNA.

Mein Fürst / die beyde sind

Die / denen Piso pflegt sein gantzes Hertz zu trauen /

Und die / die auch auf ihn so große Schlößer bauen /

Auch ohne Zweifel ihn ihr Schoßkind / auf den Thron

Zu heben sich bemühn; Ja die für längsten schon

Aufs Käysers Untergang Bluttdürftig umbgegangen.

Wolln ihre Majestät nun beyde Füchße fangen /

Den Blutt-Rath forschen aus / so faßen sie den Schluß:

Daß / was ihr Reden sey gewesen / jeder muß

Gesondert offenbarn. Ihr Anschkg böser Thaten

Wird durch zwey-züngicht seyn unfehlbar sie verrathen.

NERO.

Wol! Fordert den Natal alsbald ins Vorgemach.

CORINNA.

Der Käyser forsche nur wol auf den Piso nach.

NERO.

Befehlet: Daß Scevin hier wieder sol erscheinen.[213]

TIGILLINUS.

Das Blatt scheint ihm zu falln.

NERO.

Kanstu Scevin verneinen:

Daß gestern hat Natal mit dir bis in die Nacht

Den Tag mit viel Gespräch und Schwermuth zugebracht.

SCEVINUS.

Wie kommt Natal hieher?

NERO.

Antwort' / auf was ich frage.

SCEVINUS.

Besprech ich mich mit ihm doch meistens alle Tage?

NERO.

Von was besprachtet ihr euch Gestern so viel Zeit?

SCEVINUS.

Wer schreibt die Reden auf von keiner Wichtigkeit?

NERO.

Wir wolln durchaus von dir der Wortte Wechßel wißen!

SCEVINUS.

Ein Freund vertreibt die Zeit mit Schertz-Gespräch und Grüßen.

NERO.

Sags: ward nichts Ernstliches von euch gemischet ein.

SCEVINUS.

Nichts.

NERO.

Ward des Piso nicht gedacht?

SCEVINUS.

Es mag wol seyn:

Daß einer ungefähr den Nahmen hat genennet.

TIGILLINUS.

Schau: Daß die Neßel dich nicht in die Finger brennet.

SCEVINUS.

Gesätzt / wir hetten gleich des Piso viel gedacht /

Mag dis wol strafbar seyn?

NERO.

Nimm dich gar wol in Acht

Und leugne nicht: Daß ihr viel habt von ihm gesprochen.

TIGILLINUS.

Wer heimlich Feuer hält / scheint schädlich Gift zu kochen.

SCEVINUS.

Wenns ihre Majestät zu wißen denn begehrt;

Wir lobten seinen Stand: Daß ihn der Käyser werth /

Das Volck in Ehren hält / weil er durch holde Sitten

Durch seine milde Hand hat aller Hertz bestritten /

Durch sein Beredsam-seyn den Ruhm ihm beygelegt:

Daß ihn den Unschulds-schild gantz Rom zu nennen pflegt.

NERO.

Sehr wol! Fiel nicht der Schluß zum Käyser ihn zu machen?

SCEVINUS.

Weil noch die Sonne scheint / kan kein neu Stern erwachen.

TIGILLINUS.

Durch Neben-Sonnen stiehlt Verrätherey das Licht

Dem Auge dieser Welt. Der Fürst darf ferner nicht

Auf des Verräthers Kopf das strenge Rachschwerd sparen.

NERO.

Weg mit dem Hunde! Laßt ihn unweit wol verwahren.

MILICHUS.

Selbst das Verhängnüs wird mein Zeugnüs machen wahr.

CORINNA.

Der Himmel uns stehn bey.

EPAPHRODITUS.

Itzt ist Natal gleich dar.

NERO.

Laß ihn ein.

TIGILLINUS.

Meyneyd muß nicht stracks bestürmet werden.

Der Käyser brauche Ich erst glimpflicher Gebehrden.[214]

NERO.

Natal / wenn hastu dich mit dem Scevin ersehn?

NATALIS.

Ich weiß nicht so genau wenn's letztemal geschehn.

NERO.

Nicht Gestern?

NATALIS.

Gestern? Ja. Halt ichs doch schier vergeßen.

NERO.

Ward nicht von euch gedacht des Piso / oder weßen?

NATALIS.

Des Piso gar gewiß mit keinem Wortte nicht.

TIGILLINUS.

Es ist nichts strafbares: Das man von Piso spricht.

NERO.

Habt ihr die Tugenden des Piso nicht gerühmet?

NATALIS.

Ich meine / Piso thu oft / was sich nicht gezühmet.

NERO.

Schau: Daß dein Leugnen dich nicht ins Verterben stürtzt.

NATALIS.

Ists anders / werde mir mein Lebens-Drat verkürtzt.

NERO.

Du fällst dir's Urthel selbst. Bringt den Scevin zur Stelle.

TIGILLINUS.

Mag nun was klärer seyn / daraus die Gigt erhelle

Der zweyen Mordgeselln? Die unsern Käyser hat

Zu Grunde richten solln.

NATALIS.

Ich weiß so schlimmer That

Mich reiner / als du dich.

TIGILLINUS.

Du solst bald linder pfeiffen.

NATALIS.

Wil auf unschuldig Blutt man Henckers-Klingen schleiffen?

NERO.

Scevin / hat gestern der vom Piso nichts mit dir

Geredet?

SCEVINUS.

Ja. Doch nichts verfänglichs ihm und mir.

NATALIS.

Träumt dir / Scevin? Ich kan aufs minste mich besinnen.

TIGILLINUS.

Aus solchen Netzen kan auch nicht ein Fuchs entrinnen.

SCEVINUS.

Was für ein Garn sols seyn / in das Natal verfiel?

TIGILLINUS.

Daß er vom Piso nichts geredet haben wil.

NATALIS.

Dis macht noch lange nicht die Unschuld zum Verräther.

NERO.

Hört den verdammten Hund! Den schlimsten Ubelthäter /

Den sein Verrennen schlägt / den so viel Zeugnüs fällt!

Der ist so frech und kühn: Daß er für Unschuld hält /

Was sichtbar Meyneyd ist. Braucht Schwefel / Folter / Zangen /

Ist ihr Bekäntnüs nicht in Gütten zu erlangen.

NATALIS.

Weistu? Daß man durch Pein auch was erpreßen kan /

Wo gleich kein Laster steckt.

NERO.

Greift die Verstockten an.

SCEVINUS.

Die Tugend wird den Geist auch in der Marter laben.

NATALIS.

Was wil der Käyser denn für ein Bekäntnüs haben?

TIGILLINUS.

Was du / und wer mit dir gehandelt wider ihn.

NERO.

Der erste / der bekennt / dem sey die Schuld verzihn.123

NATALIS.

Genad! ich gebe mich / Großmächtger Fürst / Genade![215]

NERO.

Wol! so entdecke stracks / was dich für Schuld belade.

NATALIS.

Wahr ists: es hat mein Rath ins Käysers Fall gestimmt.

NERO.

Entdeck in weßen Brust mehr dieser Meyneyd glimmt.

NATALIS.

Scevin und Piso sind nebst mir auf dich verbunden.

SCEVINUS.

Wird kein verschloßen Mund bey Freinden mehr gefunden!

NERO.

Eröfne deine Schuld und wen sie mehr flicht ein.

SCEVINUS.

Sol ich Verräther denn vertrautster Freinde seyn!

NERO.

Wil dein hartneckicht Sinn die Straffund Marter schärffen.

NATALIS.

Am heften sich der Hand des Käysers unterwerffen.

TIGILLINUS.

Stracks melde / die du weist.

SCEVINUS.

Es ist der Lateran /

Lucan / Senecio / nebst diesen Quinctian.

NERO.

Vermaledeyte Schaar! Wem mag ein Fürst mehr trauen.

Daß wir des Piso Kopf stracks für den Füßen schauen!

Daß man den Lateran hinricht / Epaphrodith /

Eh als zu später Rath uns im Verterben siht!

EPAPHRODITUS.

Ich nebst dem Statius wil außführn was befohlen.

NERO.

Laß auch die ändern drey stracks für den Richtplatz holen.

Indeßen fällt mir ein: Daß auch Epicharis

In Band und Argwohn steckt. Was gilt? sie ist gewiß

Ein Mitglied dieses Schwarms / ein Kopf von diesem Drachen /

Holt sie. Könnt aber ihr sonst keinen nahmhaft machen /

Der unsre Baare sucht?

NATALIS.

Ich habe dis / was wir

Geschloßen / Senecen wol auch getragen für;

Ihm / daß er keinmahl nicht den Piso für sich ließe /

Der fürs gemeine Heil sich doch so sehr befließe /

Für Mängel außgestellt.

NERO.

Verteufelt falsche That.

Und Seneca124 / der uns mehr als zum Vater hat /

Den wir aus Staub und Graus fast bis an Thron erhoben

Verschwieg125 / verhieng / was auch mein Todsfeind nicht kan loben?

NATALIS.

Zwar pflichtet' er uns nicht so gar außdrücklich bey;

Doch lies er sich heraus: Des Piso Wolfarth sey

Der Pfeiler seines Heils / der Ancker seines Lebens.

Daß er so einsam sey / geschehe nicht vergebens;

Zu ofteres Gespräch erweckte nur Verdacht;

Der sey der Hurtigste / der wenig Wortte macht.

NERO.

Wer suchte Wolck und Blitz in solchen Sonnen-Strahlen?[216]

Der Laster stinckend Asch' in güldnen Tugends-Schalen?

Nennt diesen Heuchler mehr den Heyligsten der Welt /

Den Weisesten in Rom! Der dis für Klugheit hält /

Vermumter Laster Schaum für Tugend anzuwehren.

Wenn bloße Schwachheit pflegt Verbrechen zu gebehren

Und wo die offne Wund entdeckt der Schlange Stich

Hats nicht so viel Gefahr / als wo die Boßheit sich

Mit Tugend-Larven schmückt /126 und unter Schein-Artzneyen

Uns tödtend Gift bringt bey. Laß uns den Hund außspeyen /

Der Meyneyd auf uns haucht / Verläumbdung auf uns schäumt;

Sylvan / daß Seneca stracks werde weggeräumt!

Jedoch verzih. Er mag noch disen Ruhm erwerben;

Daß eh er hat gedörft / hat von sich selbst wolln sterben.

Geh und befrag ihn nur: ob ihm noch wißend sey;

Was ihm Natal entdeckt / und was nechsthin sie zwey

Zusammen überlegt? Zu schaun: Ob sein Gewißen

Ihn eygenhändgen Tod wird zwingen zu entschlüßen.


Nero. Epicharis. Tigillinus. Fenius Rufus. Scevinus. Natalis. Milichus. Corinna. Etliche Soldaten und Hencker.


NERO.

Stellt sich das Ebenbild so reiner Unschuld ein?

EPICHARIS.

Der Himmel selber muß der Wahrheit Schutz-Bild seyn.

NERO.

Die überzeugte meint noch Unschuld vorzuschützen!

EPICHARIS.

Wen sein Gewißen schützt / höhnt der Verläumbder Blitzen.

NERO.

Zeucht die Verrätherin noch ihr Gewißen an?

EPICHARIS.

Weil Niemand beßer nicht der Unschuld zeugen kan.

NERO.

Umbstehstu / was Scevin / was schon Natal bekennet?

EPICHARIS.

Ich kenne beyde nicht die mir der Käyser nennet.

NERO.

Sag ob dich Piso nicht mit in sein Bindnüs nahm.

EPICHARIS.

Ich bin dem Piso mehr als Hund und Nattern gram.

NERO.

Wilstu von keinem nicht / die sich verschworen / wissen?

EPICHARIS.

Ich habe niemals nicht auf Kundschafft mich beflißen.

NERO.

Verstockte! Wir wolln bald des Pochens Ende schaun.

EPICHARIS.

Die sterben sol und wil /127 läßt ihr für nichts nicht graun.

NERO.

Des Todes Näherung lehrt beßer Wortte geben.

EPICHARIS.

Du must / wo du wilst dreun / mir dreuen mit dem Leben.[217]

NERO.

Auch bey dem Stummen würckt die Pein Beredsamkeit.

EPICHARIS.

Nicht / wenn Tyrannen man die Zung ins Antlitz speit.128

NERO.

Stracks Hencker spannt den Wurm bis sie zerbirst / von sammen.

EPICHARIS.

Braucht siedend Oel und Hartzt / Strang / Schwefel / Pech und Flammen.

NATALIS.

Nicht stürtz / Epicharis / dich in so graule Pein.

EPICHARIS.

Die Marter sol mein Ruhm / der Tod mein Siegs-Krantz seyn.

NATALIS.

Der Anschlag unsers Wercks ist doch schon gantz verrathen.

EPICHARIS.

Was mischestu mich ein in deine Mißethaten?

TIGILLINUS.

Hörstu's was der bekennt? und du bleibst so verstockt.

EPICHARIS.

Glaubt: daß kein falscher Zeug aus mir nichts falsches lockt.

SCEVINUS.

Hab ich doch auch gemüßt mich zum Bekäntnüs finden.

EPICHARIS.

Die Furcht der Kwal bekennt oft nie begangne Sünden.

NATALIS.

Wie viel mehr wird die Kwal außpreßen deine Schuld.

EPICHARIS.

Behertzte Seelen fühln noch mehrers mit Geduld.

SCEVINUS.

Der Leib ist Fleisch / ist gleich das Hertz aus Diamanten.

EPICHARIS.

Des Zeno Hertze siegt / als Fleisch und Glider brandten.129

NERO.

Ziht an / und tröpft ihr Pech und Schwefel auf die Brust.

EPICHARIS.

Den Blutthund martert Grim / mir ist die Folter Lust.

NERO.

Fahrt fort! Die Zauberin muß endlich doch was fühlen.

EPICHARIS.

Tyrannen suchen sich durch Blutt umbsonst zu kühlen.

TIGILLINUS.

Die Bösen schelten meist den der am besten herscht.

EPICHARIS.

Wünsch ich mir doch den Tod / sucht nicht Verbrechen erst.

NERO.

Wer nicht bekennen wil / gehört auf scharffe Fragen.

EPICHARIS.

Ich wil bekennen.

NERO.

Wol! Loß!

EPICHARIS.

Sags / was ich sol sagen?130

NERO.

Setzt der Verzweifelten entflammte Zangen an.

EPICHARIS.

Was sol die offenbarn / die kaum mehr athmen kan.

NERO.

Laßt der Halb-todten Luft: Daß sie noch einmal sterbe.

EPICHARIS.

Es thut dem Geiste wol / schmeckts gleich dem Cörper herbe.

NERO.

Bringt her ein glüend Pferd / zieht / bis sie berst entzwey.

EPICHARIS.

Halt Hencker! ich gestehs: Daß ich dein Todfeind sey.

NERO.

Fahrt mit dem Foltern fort.

EPICHARIS.

Was sol ich mehr entdecken?

NERO.

Die alle / die mit dir in gleichem Meyneyd stecken.

EPICHARIS.

Nicht einen / wären auch gleich Tausend mir bekand.

NERO.

Die Noth hat größre Kraft als aller Freindschaft Band.[218]

EPICHARIS.

Du Blutthund / sichre dich: Du magst so scharff es meinen:

Daß den zerspannten Leib die Sonne kan durchscheinen /

So solstu / Hencker / doch mir nicht ins Hertze sehn /

Und / was du wilst / erfahrn. Laß meine Därmer drehn

Umb einen heißen Pfal / laß mich an Felsen schlüßen /

Auf die die Furien stets sidend Oel angißen;

Verscharre lebend mich tief in ein Ameiß-Nest /

Verschaffe: Daß man's Marck mir aus den Beinen prest /

Du rasend-toller Hund wirst doch nichts anders machen;

Als daß Epicharis wird deiner Marter lachen.

NERO.

Stopft ihr das Lästermaul mit trocknen Schwämmen voll.131

EPICHARIS.

Wil man das Reden wehrn der / die itzt sterben sol?

TIGILLINUS.

Man läßt die Majestät Verläumbder nicht versehren.

EPICHARIS.

Tyrannen müßen nicht mit eckeln Ohren hören.

NERO.

Sind keine Schwämme dar? So reißt ihr Kleid entzwey.132

EPICHARIS.

Den Sterbenden steht ja / was wahr / zu reden frey.

NERO.

Hört / was für Gift außspeyt die schon verdammte Seele!133

EPICHARIS.

Kein Mörder stopft ihr zu die Fahrt aus ihrer Hole.

NERO.

Braucht ärgster Martern Arth / bis man den Sinn ihr bricht.

NACHRICHT.

Man hat im Foltern nun mehr keine Staffeln nicht.

NACHRICHT.

Sie fällt in Ohnmacht.

TIGILLINUS.

Fühlt: Ob ihr die Pülse schlagen.

NACHRICHT.

Pulß / Athem / Geist ist weg.

NERO.

Laßt sie in Kercker tragen.


Nero. Lucanus. Quinctianus. Senecio. Scevinus. Natalis. Milichus. Corinna. Etliche Soldaten.


NERO.

Ihr kommt gleich recht / zu sehn: Das schöne Trauer-Spiel

Derselben / die die Schuld halßstarrig leugnen wil.

Sagt: Selten wir nicht auch durch eure Faust erblaßen?

LUCANUS.

Wir haben niemals uns solch Mordstück träumen laßen.

NERO.

Macht euch so frembde nicht die Ertz-Verrätherey.

QUINCTIANUS.

Der gutte Nahme spricht uns aller Laster frey.

NERO.

Das Leugnen pflegt oft eh als Schuld den Hals zu brechen.134

SENECIO.

Oft wird der / den das Recht wol würde ledig sprechen /[219]

Aus Rach und Zorn verdammt.135

NERO.

Wolt ihr das Recht außführn?

LUCANUS.

Im Fall der Unschuld wil Verteidigung gebührn.

NERO.

Wie / wenns die Zeugen euch stracks unter Augen sagen?

QUINCTIANUS.

Was sind für Zeugen dar / die man auf uns wil fragen?

TIGILLINUS.

Verwerft ihr den Natal / und kennt ihr den Scevin?

SENECIO.

Die mühn sich uns umbsonft mit in ihr Garn zu zihn.

NATALIS.

Ihr könnt / wenn ihr bekennt ein strenges Urtheil beugen.

LUCANUS.

Ein Ubelthäter kan nicht wider andre zeugen.

TIGILLINUS.

So weit: Daß man durch Pein die Ubelthat erpräßt.

QUINCTIANUS.

Sagt: ob der Römer Recht die Edlen martern läßt?

TIGILLINUS.

Die Außflucht solcher Arth / wird euch ein Garn abgeben.

Wo das gemeine Heil / des Fürsten Thron und Leben

Scheint in Gefahr zu stehn; ist ieder Zeuge gutt /

Der sonst verwerflich ist. Die Tugend lacht der Glutt /

Wenn gleich die Unglücks-Flamm ihr eignes Hauß bestürmet.

Wo aber Stadt und Haupt des Reiches sol beschirmet /

Wo Io sol bewahrt / der Zepter sicher seyn /

Sind hundert Augen auch nicht schwer zu schläffen ein.

Man muß auf solchen Fall auch / was unglaublich / glauben136

Und Fabeln halten wahr / den Rechtsweg nicht auf Schrauben

Und langsam Zweifeln stelln. Die allgemeine Ruh

Gewinnt und richtet viel durch diesen Ab-weg zu.

Die Ordnung weicht der Noth / der Nütz / wird schon verstoßen /

Ersetzt die Fehler leicht.

SENECA.

Die Unschuld muß bey Großen

Doch auch kein Laster seyn. Sol / wenn ein Feind mir flucht /

Der seines Glückes Grund auf meiner Leiche sucht /

Sol / wenn Verläumbder Zung und Boßheit auf mich schärffen?

Sol / wenn ein Zeuge leugt / den Stadt und Recht verwerffen /

Das Reden unvergönnt / Vertheidigung verwehrt /

Sich schützen strafbar sein? So wird der Rache Schwerd

Der Boßheit nutzbar Pflug / der Tugend Sichel werden.

Die Zeugnüße der Zwey sind feindliche Beschwerden /

Die wider Wahrheit uns solch Laster richten an.

TIGILLINUS.

Weistu? Daß der / der gleich sonst nichts verbrechen kan /

Hierdurch verdamlich sey /137 und euer klar Verbrechen

Macht sich so Schwanen-rein / wagt sich so groß zu sprechen?[220]

LUCANUS.

Wen sein Gewißen schützt / der schöpffet Hertz und Muth

Und Hofnung ihm daraus / wenn schon der Lügner Flutt /

Der Ertzt-Verräther Sturm der Wahrheit seichten Nachen

In Grund zu stürtzen sucht.

TIGILLINUS.

Wenn man zum Lügner machen

Jedweden Zeugen darf / wird Sonnen-helle Schuld

Stets ungestraft außgehn. Mißbrauchet der Geduld

Des güttgen Käysers nicht! Kein Mensch ist / der enthenget /

Daß diese zwey aus Haß was Falsches außgesprenget /

Die ihre Willkühr nicht / nein / sondern das Geboth

Des Käysers Zeugen hieß. Ja! Nero ist mit Noth

Durch Dreuung ärgster Pein auf ihr Bekäntnüs kommen.

QUINCTIANUS.

Betrug hat mehrmals selbst den scharffen Stahl genommen /

Ja Nas' und Ohr verkürtzt / wenn ein Zopyrus138 hat

Wolln andrer Fallbrett seyn / wenn Sinon hat die Stadt

Des Dardans stürtzen wolln. Was kommt; Daß sich die Rache

Umb andren weh zu thun / selbst zum Verbrecher mache /

Euch so sehr frembde für? Der Boßheit Antlitz schickt

In tausend Larven sich. Die Krähe / die bestrickt.

Schon an dem Pflocke ligt /139 ist durch Geschrey bemühet /

Daß sie noch andre mehr ins Stellers Fäßel zihet.

NATALIS.

Von Freunden bilde dir ja keinen Fall-strick ein.

LUCANUS.

Der ist ein plumper Feind / wer nicht weiß Freund zu seyn.

NERO.

Was nützt dis Wortt-Gezänck als Lastern Luft zu laßen?

Sind keine Ketten dar die Trotzigen zu faßen?

Schraubt Stock und Folter an / zu schaun ob Pein und Schmertz

Den Hochmuth ändern wird.

SCEVINUS.

Ein Kiesel-steinern Hertz

Kan die Empfindligkeit den Gliedern nicht benehmen.

Ihr werdet nach der Pein euch endlich doch bekwämen /

Und lernen: Daß es itzt nicht ferner Leugnens gilt.

SENECIO.

Uns weist Epicharis der Unschuld Ebenbild:

Daß / eh ein großer Geist bekenne falsche Sünde /

Man auf der Folter Lust / in Flammen Freud empfinde;

Die Tugend sterbe nie der Körper nur ein mal.

TIGILLINUS.

Sie ist noch lange nicht loß ihrer Angst und Kwal.

Man sinnt auf neue Pein; sie sol noch zehnmal sterben.

Und euch / im Fall ihr euch den Käyser zu erherben

Durch Leugnen mehr erkühnt / sol nicht ein glüend Pferd[221]

Ein roth-entflammter Pfal zur Straffe seyn gewehrt;

Man wird was ärgers euch solch einen Tod erdencken /

Der immer in euch lebt.

NERO.

Itzt ists noch Zeit zu lencken

Den Mast an Gnaden-Port. Die Schuld sey euch verzihn

Wo ihr nur stracks bekennt.

NATALIS.

Laßt Freinde / den Gewien

Umb Frembder willen nicht verächtlich aus den Händen.

QUINCTIANUS.

Wahr ists: Wir ließen uns der Thorheit Wahn verbländen

Auf ihre Majestät ein Bündnüs einzugehn.

Wir suchen Gnad und Hold fußfällig / und gestehn:

Wo Gnad und Gütte sich des Käysers wil entfernen /

Daß wir den Tod verwürgt.

LUCANUS.

Dis ist der Weg zun Sternen /

Das Mittel / durch das sich ein Fürst vergöttern kan /140

Wenn er Verbrechen siht mit Gnaden-Augen an;

Das Leben denen schenckt die ihre Schuld verdammet.

SENECIO.

Wir wißen: Daß der Fürst von dem Augustus stammet /

Der / als ihm Patavin gleich dreute Dolch und Tod /141

Dem Schuldigen nur Rom auf wenig Zeit verboth.

Wir hoffen solche Gnad auch in Augustus Zweigen.

NERO.

Nun ihr müßt keinen nicht / der euch verknüpft / verschweigen.

Im Laster / daß das Bild der Majestät verletzt /

Muß auch der Vater nicht als Vater sein geschätzt /142

Die Mutter muß den Sohn / das Kind die Eltern straffen.

Man rühmt des Fulvius143 großmütgen Geist und Waffen /

An denen man das Blutt des Sohnes kleben siht /

Weil er das Vaterland sich zu bekämpffen müht.

LUCANUS.

Die That ist Lobens werth / und ich muß nur Atillen

Die Mutter offenbarn.

QUINCTIANUS.

Ich wider meinen Willen

Den Gallus geben an / den ältsten Hertzens-Freund.

NERO.

Aus was für Uhrfach ist der Hund dem Käyser feind?

SENECA.

Ich kan den Pollio dem Käyser nicht verhölen.

NERO.

Vermaledeyte Schaar! Verteufelt-falsche Seelen!

Wißt ihr sonst keinen mehr?

LUCANUS.

Ich noch den Tugurin.

SENECIO.

Und ich den Pollio.

NERO.

Was gilts! es wird Vestin

Auch ein Verräther seyn.

SENECA.

Von dem kan ich nichts sagen /

Nur vom Araricus.

NERO.

Wil nicht der Blitz einschlagen /

Der Fürsten-Mörder Macht in Asch und Staub verkehrn /[222]

So wird der Käyser sich der Mänge nicht erwehrn.

Hilf Himmel! Wir sind hin! Wer / leider! Wird uns schützen?

Wil sich nunmehr gantz Rom selbst auf sein Haupt erhitzen?

Wir sind verlohren / ach! Wir müßen selber schaun

Wie Stadt und Burg besätzt. Doch wem ist mehr zu traun?

Laß / Tigillin / das Schloß mit Teutschen rings umbsätzen /

Weil wir bey Römern uns nicht dörffen sicher schätzen.

Verwahret die indes / und die auf die bekennt /

Schafft eylends auf die Burg / eh als die Glutt entbrennt /

Die nicht zu leschen ist. Die Treusten mustu schicken:

Daß sie mit dem Vestin144 der Nattern Haupt erdrücken.


Reyen.


Der Tyber und der sieben Berge in Rom.


DIE TYBER.

So muß ich ewig bluttig flüßen?

Hat Rom sein sieben-Bergicht Haupt

Sonst nirgends hin zu legen wißen?

Euch andern Strömen sey erlaubt

Das Haupt der Welt euch zu vermählen.

Ich wünsch ein Ufer / wo die Flutt

Nicht wandelt ihr Chrystall in Blutt /

Mit meinen Nimphen zu erwählen.

DIE BERGE.

Fleuch / edler Fluß / bis an des Taurus Klüffte /

Fleuch hin / bis wo der Nil entspringt /

Verbirg dich gar in Calpens finstre Grüffte /

Und wo der Anas sich verschlingt /

Du wirst doch nur dein silbern Kleid beflecken /

Weil alle Klippen in der Welt /

Seit Nero Schwerdt und Zepter hält /

Geronnen Blutt und blaße Leichen decken.

DIE TYBER.

Der Bluttbrunn muß nach Rom gesätzet

Durch das Verhängnüs worden sein.[223]

Eh es auf Frembde Stahl gewetzet /

Weicht es durch Bruders-Blutt sich ein /

Ja wo hat sonst sich dis begeben /

Was Tullie dem Vater thut?145

Vom Nero treust der Mutter Blutt /

Der Priester bleibt an Tempeln kleben.

DIE BERGE.

Ihr Schutzherrn ihr / ihr lieben Irr-gestirne /

Schlagt ihr so sehr uns aus der Acht?

Eröffnet doch: Daß euer Eyfer zürne

Wenn uns der Blutt-Fürst fleckicht macht.

Laßt lieber uns die Adern gar verseugen /

Als daß aus ihnen Blutt-schaum kwillt.

Wenn gleich kein Purper uns umbhüllt

So wolln wir euch doch sattsam Ehr erzeugen.

DIE TYBER.

Diane / Mutter alles Feuchten /

Nicht flöße deinen Thau mir ein!

Laß mir nicht mehr dein Antlitz leuchten /

Weil selbst durch meinen Wiederschein

Die weißen Ochßen sich beflecken.

Wo nicht so regne Tag und Nacht:

Daß meiner stürmen Wellen Macht

Den Blutthund möge gar erstecken.

DIE BERGE.

Stopff immer auf die Alabaster-Röhren

Du heilger Vater Apennin;

Und laße sich der Tyber Wellen mehren:

Daß sie den Blutthund reißen hin /

Den unsre Schultern kaum mehr können tragen.

Denn / wo verspielt der Menschen Witz /

Da müßen Berge / Flüße / Blitz /

Ja Sternen selbst Tirannen niderschlagen.146

Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Römische Trauerspiele. Stuttgart 1955, S. 201-224.
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