Die Andre Abhandlung.

[183] Der Schauplatz stellet für einen Lustgarten.

Volusius Proculus. Epicharis.


PROCULUS.

Treff ich mein Paradies in diesem Garten an?

Find ich die Blum allhier / bey der die Rose kan

Nicht ferner ihr Rubin / die Lilg ihr Silber rühmen?

Die Sternen mögen ja den Himmels-Garten blümen /

Der Tulpen Golden-stück' außkleiden diesen Sand;

Sie küßen deinen Fuß und weichen deiner Hand.

EPICHARIS.

Worzu sol dieser Schein gefärbter Worte dienen?

PROCULUS.

Der Thau erfrischt die Schneck und saftig Klee die Bienen

Die Schönheit den / der übt. Und ich / nachdem dein Schein /

O Sonne / mich blickt an / sol itzt nicht rege seyn?

EPICHARIS.

Wo Sonn und Schönheit fehlt ist kein solch Ruhm von nöthen.

PROCULUS.

Mein schwaches Lob muß sich für deiner Würd entröthen.

Wer solcher Perlen Preiß nicht urtheilt / der ist blind.

Du weißt: Die Lieb ist ja einfältig und ein Kind /

Die nicht zu heucheln weiß.

EPICHARIS.

Was hat in dir erreget

So einen frembden Wahn?

PROCULUS.

Ihr Bildnüs ward gepreget

In mein enthärtet Hertz / als mich zum erstenmal

Auf der Epirer Küst ihr süßer Anmuths-Strahl

Liebreitzend angeblickt.

EPICHARIS.

Ich muß der Thorheit lachen.

PROCULUS.

Des Straußes Auge kan die Jungen lebend machen;

Und dein schon Antlitz sol von solcher Kraft nicht seyn /

Zu pflantzen Lieb und Hold beseelten Geistern ein?

EPICHARIS.

Wird die schon alte Glutt ietzt erst an Tag gegeben?

PROCULUS.

Was lange tauren sol / fängt langsam an zu leben.

Im sechsten Monden regt des Löwen Frucht sich erst /

Die Stein und Stahl zermalmt und Thier und Zeit beherscht.

Der Brand / der dort entglamm / als am Misener Strande

Ich mich mit dir berieth / wie des Tyrannen Bande

Rom könte werffen ab / hat ihm itzt Lufft gesucht /

Die Knospe die gekäumt / trägt nunmehr Blüth und Frucht.

EPICHARIS.

Hier ist kein Erdreich nicht / dem er die Liebes-Pflantze[184]

Kan nützlich pfropften ein. Zu seines Adels Glantze83

Schickt Freygelaßenheit und knechtisch Blutt sich nicht.

PROCULUS.

Die raue Schal umbschleust der Diamanten Licht /

Ein knechtisch Kleid vielmal das edelste Geblütte.

Die Tugend und Gestalt ist von so großer Gütte /

Sie saget Glück und Zeit es hertzhafft ins Gesicht:

Es ist Epicharis aus knechtschem Stamme nicht.

EPICHARIS.

Sol ich das Merckmal erst der Dienstbarkeit dir zeigen?

Den Freybrief legen für? Den / deßen ich Leib-eigen

Gewest bin / offenbarn?

PROCULUS.

Des Zufalls Sturmwind schlägt

Der Bletter Zierath zwar ab / die der Stammbaum trägt /

Jedoch versäugt nicht bald der Wurtzel edle Seele.

Des Cyrus Uhrsprung gläntzt auch in der Hirten-Höle /84

Es nimmt der Ankunfft nichts ein schlechter Außenschein.

EPICHARIS.

Gar nicht seyn / und darfür nicht angesehen seyn /

Ist in dem Recht ein Ding.

PROCULUS.

Nicht aber in dem Liben.

EPICHARIS.

Hat nicht das Recht der Lieb auch Schrancken fürgeschrieben?

PROCULUS.

Der? Schrancken? Die nicht Welt / nicht See / nicht Himmel schleust;

Die aus den Sternen uns in unser Seele fleußt /

Ja mit der Muttermilch uns schon wird eingeflößet.

Nun urtheil: Ob mit Fug durch Satzung man verstößet

Was die Natur pflantzt ein? Was der nicht halten kan

Der das Gesätze schreibt?

EPICHARIS.

Den ficht kein Kitzel an /

Der die Vernunfft zu Rath / den Witz zum Richter wehlet.

PROCULUS.

Mein Kind / der Klugheit selbst hat hier manch Tritt gefehlet /

Per Purpur selbst hat ihm oft Stroh vermählt und Haar /

Ja mancher Gott baut hier der Sterblichen Altar'

Und steckt ihr Weyrauch an. Gesätzt nun / nicht enthangen:

Die Perlen-Mutter sey / die dich / O Perl / empfangen /

Des Indus Tochter nicht. Man fragt nicht / welche Schooß

Der Schnecke / welches Schilf das Muschel-Kind beschloß

Wenn sich ihr Werth nur zeigt. Die hochgeschätzten Sachen

Kan nicht die Nidrigkeit des Uhrsprungs unwerth machen.

Das Gold / der Erde Marck / wächßt in der tiefsten Klufft /[185]

Das ewge Feuer brennt meist in der Todten-Grufft.

So mag / O Sonne / dis nicht deine Strahlen dämpfen:

Daß mit der Finsternüs muß deine Wiege kämpfen /

Der Ankunfft Nebeltuch krigt durch das Mittags-Liecht

Der Tugend Farb und Schein. Weiß gleich Egypten nicht

Des Nilus Monden-Kwäll /85 verdient doch seine Gütte;

Daß es ihm Tempel bau und ihn umb Segen bitte.

Dis thut auch Proculus; Dein Tempel ist sein Hertz /

Dein Opfer seine Seel.

EPICHARIS.

Es sey gleich Ernst gleich Schertz:

Daß dein Gemütte mich wahrhafftig lieb gewinne;

So schlag unmöglich Ding dir doch nur aus dem Sinne.

Denn zielt dein Vorsatz nur auf Brunft und Üppigkeit /

So wiß: es hat solch Gift nie meine Brust entweiht /

Der Keuschheit Heyligthum. Drum laß auch dirs nicht träumen.

Zielstu auf Eh und Pflicht? So darf ich nichts enträumen

Indem ich noch zur Zeit mein selbst nicht mächtig bin.

PROCULUS.

Auf was verscheubstu doch / mein Licht / die Heyrath hin?

Nicht hoffe: Daß der Herbst des Alters Früchte träget /

Wenn nicht die Liebes-Blüth itzt in dem Lentz außschläget.

Ein runtzlicht Antlitz kan zwar üben / aber kaum

Ja gar nicht seyn beliebt. Der eckeln Schönheit Baum

Ist nur ein wilder Stamm / der Blätter trägt / nicht Früchte.

Du stößt von dir dein Glück und stehst dir selbst im Lichte /

Weil unsern Liebes-Bund nichts als dein Will außschlägt.

Wie oder magstu dich / bis Nero sey erlägt /

Bis Rom die Freyheit kriegt / nichts gegen mich entschlüßen?

Laß mich / wie weit das Werck durch dich gebracht sey / wißen;

Wer sich nebst uns die That zu wagen hertzhafft sey.

Ich sätze Gutt und Blutt nebst euch begierig bey /

Möcht ich auch sterbende nur deine Gunst erwerben.

EPICHARIS.

Mein Freind / der Jugend Baum kan ärger nicht verterben:

Als wenn die Wollust-Raup ihr Blüth und Kern außfrißt /

Weil ja die Liebe recht der Tugend Wurmstich ist /

Nachdem in holen Stock nur geile Wespen nisten.

Was solte denn ihr Gift zu kosten mich gelüsten?

Nach diesem mache dir vergebne Rechnung nicht[186]

Aufs Käysers Untergang. Seit dem ich was mehr Licht

In heilgen Lehren kriegt: Daß Fürsten-Blutt verspritzen /

Weil sie die Götter selbst als ihre Bilder schützen /

Ein höchstgefährlich Werck / verdammtes Unrecht sey /

Ja daß kein Weiber-Arm die Last der Tyranney

Sey mächtig abzuthun / ist mir die Lust vergangen

Ein so hochwichtig Werck vergebens anzufangen.

PROCULUS.

Nein! nein! Epicharis / du redest mirs nicht aus:

Daß der erst frische Brand der Rach in Asch und Graus

Schon sol verglommen seyn / weil mit dem Blutt-Tyrannen

Ja noch der Zunder lebt. Wilstu mich ja verbannen

Aus deiner Lieb und Hold / so würdige mich doch:

Daß mein begierger Arm des Blutthunds strenges Joch /

Des Löwens Zentner-Last von Schultern helffe werffen.

EPICHARIS.

Es steht dir frey für mir auf ihn den Stahl zu schärffen

Der / wo er hertzhaft ist / nicht Weiber-Hülffe darf;

PROCULUS.

Doch vielmahl ihren Rath. Die Dolchen sind so scharf

Nicht als der Weiber Witz. Ja ists was unerhöret:

Daß ein behertztes Weib Tyrannen hat versehret?

Boudicea führt der Britten Heers-Kraft an /86

Und lehrt: Daß ihr Geschlecht auch Römer stürtzen kan.

Daß aber du verwirfft / was du zuvor vertheidigt /

Dardurch wird dein gutt Ruhm / Natur und Recht beleidigt /

Wie oder schreckt dich ab die Furcht für der Gefahr?

Weg Kleinmuth! Was vielmahl schwer anzusehen war

Ward leichte durch Versuch.

EPICHARIS.

Ich mag nicht länger hören.

PROCULUS.

Wol! Unterwindet sich dein Hochmuth mich zu lehren: /

Daß edler Seelen Hold durch Mägde sich entweih /

Ein angebetet Weib ein höllisch Abgott sey /

So sol die Rache dich bald würcklich unterweisen:

Daß / wer die Tugend schimpft / der rühr an glüend Eisen.


Der Schauplatz stellet für des Scevinus Gemach.

Flavius Scevinus. Milichus. Lucius. Sejus. Zwey Knechte.


SCEVINUS.

Ein groß Werck wil beseelt von großem Geiste seyn.

Der Himmel selbst flößt Oel in die Gemüther ein[187]

Die sich was rühmliches entschlüßen zu vollstrecken.

Die Tugend läßt sich nicht des Werckes Größe schrecken

Wol wißend: Daß sonst nichts als ein verzagter Muth

Ein Werck unmöglich macht. Sie bähnet Alp und Flutt /

Sie segelt ohne Wind / und läßt beim Wetterknallen

Den Hofnungs-Ancker nicht / nicht alle Segel fallen.

Das Mittel wird ihr nicht lau / wo der Anfang brennt /

Sie heißet dis verzagt / was der behutsam nennt

Der Furcht im Hertzen hegt. So müßen in dem Wercke

Wir auch gewaffnet seyn. Der Dünckel unsrer Stärcke87

Muß uns zu Langsamkeit nicht sicher schläffen ein /

Verzagte Kleinmuth nicht des Wercks Verräther seyn.

Auf! Laß auch du Scevin nicht knechtschen Aufschub blücken88

Ein zitternd Blick kan oft das gantze Ziel verrücken.

Es läst durchaus sich nicht verzügern dieser Rath /

Der nicht gelobt seyn kan als nach vollbrachter That.89

Die Glutt muß Gold / Bestand den Anschlag herrlich machen.

Jedoch / die Klugheit muß auff allen Zufall wachen;

Der erndtet oft Cypreß / der Palmen hat gehofft /

Ja des Besiegten Leich erdrückt den Sieger offt.

Verschaffe / Milichus / umb meinen letzten Willen

Zu schlüßen /90 Wachs und Licht.

MILICHUS.

Ich wil den Heisch erfüllen.

SCEVINUS.

Befiehl: daß Lucius und Sejus hier erschein.

Es kan dem / der itzt stirbt / mehr wenig tröstlich seyn /

Als nach sich wol bestellt sein Hauß und Gutt verlaßen.

Ach / aber ach! Wer weiß: Ob / was wir itzt verfaßen /

Mag morgen giltig seyn / im Fall der Außschlag ihn

Errettet / und uns stürtzt? Jedoch nur Muth / Scevin!

Was das Verhängnüs schleußt kan Niemand nicht verhütten.

Laß den Tyrann auf Blutt und Gutt zugleiche wütten /

Den letzten Willen störn / wo es umbs Leben geht

Sind Gütter schlecht Verlust. Nur Muth! Scevin / es steht

Nicht mehr zu endern frey. Wer schon den Stahl wil scherffen

Auf seines Fürsten Brust / muß Scheid und Furcht wegwerffen /91[188]

Die Hoffnung laßen fahrn / das Schwerd zu stecken ein /

Das nur entblößt uns schützt / ja die Gefahr muß seyn

Die Artzney der Gefahr.92 Solls endlich mißgerathen;

Man strafft den Vorsatz nicht gelinder als die Thaten.

Wer wolte nun verzagt des Außschlags Zweifel flihn?

Indem es gleiche gilt / ein kühnes Werck vollziehn93

Und selbtes fangen an. Scevin / fall oder fälle!

MILICHUS.

Herr / hier ist Wachs und Licht / die Knechte stehn zur Stelle.

SCEVINUS.

Wol! eines ist vollbracht. Versteht ihr wol / ihr zwey?

Daß ein unschätzbar Ding die güldne Freyheit sey:

So wißt: daß euch itzt ist der güldne Tag erschienen /

An dem ihr mir nur noch als Sklaven dörffet dienen.

Nehmt beyde diesen Hutt der Freyheit Merckmal hin.94

Ja / weil ich heut euch frey zu laßen schlüssig bin /

So laßt das Abendmal aufs herrlichste bereiten.

LUCIUS.

Mag unsre Freude wol die große Gunst bestreiten?

Ihr Götter! Daß der Herr / der uns als Knechte nicht

Zeither gehandelt hat / uns frey und ledig spricht?

SEJUS.

Laß uns zu Fuße falln für sein so groß Begnaden.

SCEVINUS.

Auf! ihr mögt / wen ihr meint / zum Freymal zu mir laden.

Mein Schaffner soll alsbald jedwedem Knechte zehln

Dreyhundert Groschen aus. Was wird nun ferner fehln?

Wo ist mein heilger Dolch?

MILICHUS.

Er wird zu Haupte stecken

Des Bettes.95

SCEVINUS.

Ist er doch voll Rost und stumpffer Flecken:

Nimm / Milichus / ihn hin / und schleiff ihn alsobald

Recht scharf und spitzig aus.

MILICHUS.

Der Stahl ist zimlich alt /

Der Rost hat schon sehr tief gefreßen Schneid und Spitze.

SCEVINUS.

Zu dem / daß dieser sol / ist mir kein Neuer nütze.

Sind Kräuter / Salb und Hartzt für frische Wunden dar?

MILICHUS.

Sie solln zur Hand schon seyn / ereignet sich Gefahr.

SCEVINUS.

Verschaff sie heute noch: Daß du kanst Pflaster schmieren.

MILICHUS.

Ich wil dis zu vollzihn die minste Zeit verlieren.

SCEVINUS.

Weistu die Mittel auch darmit man stillt das Blutt.

MILICHUS.

Zermalmter Blutt-Stein ist zu dieser Würckung gutt.

SCEVINUS.

Wol! mach indeßen ihn auf allen Nothfall fertig /

Und sey für deinen Fleiß verdienten Lohn gewärtig.


[189] Milichus. Corinna sein Weib.


MILICHUS.

Was hat Scevinus für? Es muß was Großes seyn!

Er redet mit sich selbst / schwermüttig und allein /

Voll banger Furcht / voll Grimm und wichtiger Gedancken!

Sein Kummer übertrifft die sonst gemeinen Schrancken.

Ich möchte gleichwol gern ergründen / was er wol

Bey sich im Schilde führt? Was dieser Dolch ihm sol?

Mein Schatz du kommst gleich recht.

CORINNA.

Was hat er zu befehlen?

MILICHUS.

Ich muß nachdencklich Ding vom Herren dir erzehlen.

CORINNA.

Nachdencklich Ding? erzehl: Obs zu errathen sey.

MILICHUS.

Er sprach den Lucius und ließ den Sejus frey;

Befahl gewißes Geld den Knechten außzutheilen.

CORINNA.

Die Kargheit selber muß freygebig seyn zu weilen.

MILICHUS.

Ja / wenn sie lenger nicht des ihren Herr seyn kan.

Er hieß das Nachtmahl auch aufs beste richten an.

CORINNA.

Wem / und worzu wil er so Hertz und Luft außschütten?

MILICHUS.

Die Knechte sollen dar und dort ihm Gäste bitten.

CORINNA.

Was muß es immer seyn / warumb Scevin das thu?

MILICHUS.

Er siegelte gleich auch den letzten Willen zu.

CORINNA.

Dis Thun muß / sichre dich / was großes auf sich haben.

MILICHUS.

Wahr ists / hierunter ligt was sonderlichs vergraben.

Er stellt sich lustig an / die Schwermuth aber bricht

Herfür / und gibt an Tag: Daß sein Gemütte nicht

Und sein tiefsinnig Geist wie Zung und Antlitz lachet.

Ja / was aus allem mir den meisten Argwohn machet /

Scevin hat diesen Dolch als ein groß Heyligthum

Zeither gehoben auf / vermeldende: Sein Ruhm /

Der Römer Wolfarth sey vermählt mit diser Klingen;

Das Heil selbst mühe sich dem Hülfbar beyzuspringen /

Der durch den Dolch was wagt.

CORINNA.

Wie kommt er denn zu dir

Da er so schätzbar ist?

MILICHUS.

Er selber gab ihn mir /

Ich sol den Rost abfeiln / und ihn aufs schärfste schleiffen.

CORINNA.

Er muß entschloßen seyn wen Großes anzugreiffen.

Und wo ich rathen darf / so ists.

MILICHUS.

Wol! rath / auf wen?

CORINNA.

Auf den verhaßten Hals des Käysers angesehn.

MILICHUS.

Aufs Käysers? Läßt sich wol zuläßlich dis vermuthen?[190]

CORINNA.

Kein Mensch säh / als Scevin mit mehr Vergnügung blutten

Des Käysers kalten Kopf.

MILICHUS.

Woher rührt solch Verdacht?

CORINNA.

Daraus / daß Nero ihm gantz Rom zum Feinde macht.

Fürnemlich wird Scevin ihm nimmermehr vergäßen:

Daß sein erschröcklich Brand ihm hat sein Gutt gefräßen /

Sein Schwerd sein nechstes Blutt.

MILICHUS.

Wahr ists: Beleidigung

Schreibt ins Gedächtnüs-Buch das Wortt: Erinnerung;

Pfropfft Rachgier ins Gemüth und Feuer in die Galle /

Die Mord und Gifft gebiert. Des Unrechts Trieb kan alle

Ja Schnecken / Wurm und Lamb zur Rache waffnen aus.

Die Zorn-Glutt stirbt vergnügt / wenn Feind und Zunder Graus

Und Asch und Staub nur ist.

CORINNA.

Ja die Begierdens-Flammen

Ziehn einen solchen Rauch für der Vernunft zusammen:

Daß Grim und Eifer nicht des Abgrunds wird gewahr

In den er Sporn-Streichs rennt.

MILICHUS.

Der großen That Gefahr

Hat / was du argwohnst / mich nur noch nicht glauben lassen.

Itzt zweiffel ich nicht mehr: Daß Nero wird erblassen

Durch dife Spitze solln. Hältstu nun wol für gutt:

Daß ich die Eisen schärff aufs Käysers heylig Blutt?

CORINNA.

Erwäge / was du thust / wol! Wird Scevin verrathen /

Mißlingt sein Vorsatz ihm / wie / weil Gott solche Thaten

Hoch haßt / vermuthlich ist / wird Schwefel / Brand und Pfal

Des Frevels Siegs-Krantz seyn. Ja / die Gewißens-Kwal /

Geriethe gleich das Werck / wird dich zu henckern suchen;

Weil Erd und Himmel ja den wilden Arm verfluchen /

Der auf gesalbte Hälf' und Fürsten Dolche schleifft.

Denn man den Göttern selbst dardurch an Zepter greifft.

MILICHUS.

Welch Vorwand würde mir beim Herren Außflucht geben:

Daß ich erkühnet sey schnur-stracks nicht nachzuleben

Dem / was er mir befahl?

CORINNA.

Es fällt mir etwas ein /

Was eine Staffel kan zu großem Glücke seyn.

MILICHUS.

Was?

CORINNA.

Gib den Dolch nicht mehr dem Herren in die Hände.

MILICHUS.

Wem denn?

CORINNA.

Dem Käyser.

MILICHUS.

Was? Dem Käyser? Zu was Ende?

CORINNA.

Entdeck ihm / was Scevin auf ihn im Schilde führt.

MILICHUS.

Erwäge / was du räthst und diß / was uns gebührt.[191]

CORINNA.

Gebührt uns zu verhöhln so grause Missethaten?

MILICHUS.

Wer wolte den / der ihm die Freyheit gab / verrathen?

CORINNA.

Des Fürsten Wolfarth geht des Herren Ansehn für.

MILICHUS.

Jedwedes Recht erläßt die Offenbarung mir.

CORINNA.

Der Fürsten höchstes Recht wird Ruhm und Lohn dir geben.

MILICHUS.

Des Undancks Wurmstich würd auch an den Palmen kleben.

CORINNA.

Ein Sohn mag klagen an de Vätern Meiterey.96

MILICHUS.

Ein Freyling ist verknüpfft dem mehr / der ihn ließ frey.

CORINNA.

Aufs Herren Meineyd mag ein Knecht den Dolch außzihen.

MILICHUS.

Wer sicher segeln wil muß dise Klippen flihen.

CORINNA.

Was kan für Schiffbruch uns hier werden beygebracht?

MILICHUS.

Weistu: Daß Undanck uns zu Sclaven wieder macht?

CORINNA.

Zum Herren / wenn er sorgt fürs Fürsten Heil und Leben.

MILICHUS.

Wer wird beym Klagen uns erweisend Zeugnüs geben?

CORINNA.

Geheime Laster schlägt muthmaßlicher Beweis.

MILICHUS.

Du leitest meinen Fuß auf Spiegel-glattes Eiß.

CORINNA.

Gefahr und Kühnheit sind die schnellen Ehren-Flügel.

MILICHUS.

Gefahr und Kühnheit sind vielmehr Verterbens-Spigel.

CORINNA.

Es ist mehr ruhmbar: Staub / als in dem Staube seyn.

Der Lüffte Fackel läßt sich freudig äschern ein /

Daß sie verglimmende nur Sternen ehnlich werde.

Wie sol ein edler Geist denn krichen an der Erde?

Er schwinget sich empor und thut sich groß herfür /

Wo sich ein Weg nur zeigt. Auf denn! Itzt zeigt sich dir

Ein Anblick großen Glücks und unsers Elends Ende.

Nim der Gelegenheit wahr / sie beuth dir die Hände /

Sie hat nur vorwerts Haar / und ist von hinten kahl.

Lästu sie aus der Hand / sie kommt nicht noch einmahl.

MILICHUS.

Ich wil auf Glück und Zeit und deinen Beystand trauen.

CORINNA.

Sey hertzhaft! Denn du wirst den güldnen Außschlag schauen.

Noch eines! Hastu Gifft und Bisam bey der Hand.

MILICHUS.

Ja.

CORINNA.

Wol! wir wolln den Dolch mit Bisam / Gift und Brand

Durchwürcken / meldende: Scevin hab ihn vergifftet.

MILICHUS.

Oft wird durch Schminck und Schein der Wahrheit Rath gestifftet.[192]

CORINNA.

Laß uns zu Hofe gehn / eh als Scevin was wil.

MILICHUS.

Wo hält der Fürst itzt Hof.

CORINNA.

In Gärten des Servil.


Der Schauplatz verwandelt sich in einen Gang im Käyserlichen Lust-Garten.

Nero. Proculus. Epicharis. Tigillinus. Sulpitius Asper. Etliche Soldaten.


NERO.

Ist dis die Natterzucht / die uns erblaßt wil wissen?

PROCULUS.

Die sich ihr Meyneyds-Gift wagt andern einzugißen.

TIGILLINUS.

Was reitzt dich schwachen Wurm aufs Käysers Tugend an?

EPICHARIS.

Mich auf den Käyser? Mich? sagt: Wer so lästern kan?

PROCULUS.

Hastu nebst ändern dich nicht wider ihn verbunden?

EPICHARIS.

Hat dis Verläumbdungs-Stück der Ehrendieb erfunden.

TIGTLLIN.

Schaut wie der Basilißk auch itzt noch Gifft außspeyt.

NERO.

Ist die Verrätherey der Bübin noch nicht leid?

EPICHARIS.

Mein Fürst / Verläumbdung macht die Unschuld ungeduldig.

PROCULUS.

Die Unschuld? Weistu dich mir keines Lasters schuldig.

EPICHARIS.

Bey dir nur / welchem sol die Tugend Laster seyn.

PROCULUS.

Solt ich mit dir mich nicht in Meyneyd flechten ein?

EPICHARIS.

Ich? wenn? wo?

PROCULUS.

Zu Misen. Eröffne dein Gewißen.

EPICHARIS.

Dis wird dein Bubenstück dir selbst fürbilden müßen.

PROCULUS.

Die Schlange haucht mit Gifft auch reinste Lilgen an.

EPICHARIS.

Hat deiner Geilheit so mein Keuschseyn weh gethan?

PROCULUS.

Wolstu mich nicht durch Lust zum Fürsten-Mord verhetzen?

EPICHARIS.

Hilf Himmel! Laße dich so frevelnd nicht verletzen!

PROCULUS.

Die Götter solln oft selbst der Boßheit Zeugen seyn.

EPICHARIS.

Mein schwacher Arm benimmt den Lügen allen Schein.

PROCULUS.

Ein Weiber-Anschlag kan durch Männer seyn verrichtet.

EPICHARIS.

Nenn einen Mutter-Mensch / der sich mit mir verpflichtet.

PROCULUS.

Entdeck es / wen du hast in dein Verbündnüs bracht.

EPICHARIS.

Welch Mensch ist / welcher nicht so eines Klägers lacht?

Der vieler Boßheit klagt und einen nicht kan nennen?

Sol ich Epicharis des Käysers Wachen trennen?

Sol ich der Riefe seyn / der den erdrücken sol

Für dem die Erd erbebt?

PROCULUS.

Umbstehstu / Sklavin / wol /[193]

Daß du in Männer-Tracht vermummt mein Schiff beschritten?

Daß du / wie viel du schon von Nerons Grimm erlitten /

Verbittert mir entdeckt? Ja: Daß die Tyranney

Des Käysers abzuthun dein Zweck der Reyse sey.

Dich brächte nichts nach Rom; als ander' anzustiften /

Durch tödtend Zauber-Kraut die Speise zu vergiften /

Zu schärffen Dolch und Schwerd aufs Käysers Hals und Brust.

EPICHARIS.

Ist keine Lüge dir / Verläumbder / mehr bewust?

Aus dem: Daß ich zur See ein Mannskleid angeleget

Kan auf mich Reifende kein Argwohn seyn erreget /

Im Fall der Keuschheit Schirm mag unverdächtig seyn.

Daß aber alles dis / was Proculus streut ein /

Verbüßtes Lästern ist / wird jedes Recht erhärten.

Verräther! Stelle für nur einen der Gefährten97 /

Der / was du klagst / gehört. Weil Niemand auf einmal

Darf Zeug und Kläger seyn. Alsdenn mag Strang und Pfal /

Und Gift mir lohnen ab.

TIGILLINUS.

Man kan auf die Verbrechen /

Die Fürsten tasten an / verdammend Urthel sprechen

Wo einer Zeugnüs gibt / wo sich ein Umbstand zeugt

Gefährlichen Verdachts.98

EPICHARIS.

Sol / was ein Todtfeind leugt /

Der Unschuld Fallbrett seyn? Sol ein erhitzt Vergällen

Beweißthum nach sich zihn? So ist der leicht zu fällen /

Der sich durch Tugenden der Boßheit unhold macht.

Daß ich des Bösewichts unkeusche Brunft verlacht /

Daß ich der Jugend Krantz / der Keuschheit Lilgen-Blüthe /

Die diese Wespe weg zu freßen sich bemühte /

Ihn nicht besudeln ließ: dis ist die Mißethat

Die seine Brunft in Gall und Grimm verwandelt hat.

PROCULUS.

Hört mit was Thorheit sich die Aergste rein wil brennen!

Wer meinen Uhrsprung weiß und diese Magd wird kennen

Mag urtheiln: Ob nach dir als einer geilen Magd

Mich sehr gelüsten kan.

EPICHARIS.

Wie viel ist Zeit vertagt

Da ich dir / der du bist ein Sclave schlimster Thaten /

Mehr denn zu edel hieß? Was weistu zu verrathen[194]

Daß ich von Nerons Grimm erlitten haben sol?

Eröffn es / umb zu schaun / ob deine Falschheit wol

Nur einen Schatten wird der Wahrheit nach sich zihen.

PROCULUS.

Was zwang dich aus Epir für dem Trebaz zu fliehen?

EPICHARIS.

Trebazens böse Lust / und ärgste Henckerey /

Von der ich nichts nicht kan dem Käyser meßen bey /

Der mir (zumal mein Stand für großer Götter Blitzen /

Der nur die Cedern trifft / mich mächtig war zu schützen)

Nicht einmal weh gethan und Rachgier hat erweckt.

TIGILLINUS.

Die Schlange sticht vielmal den / der sie nie geneckt.

EPICHARIS.

Was leugt denn Proculus: Weil Nero mich verletzet /

Hett ich aufs Käysers Mord die Römer aufgehetzet?

Schaut: Wie dis Lästermaul / das Gall und Gift außschäumt /

Stumm für der Wahrheit wird! Gesätzt auch / nicht enträumt /

Ich hette gegen ihm mit Worten mich verbrochen;

Warumb hat's Proculus so lange gutt gesprochen:

Daß er die Unthat nicht dem Käyser hat entdeckt

Mich nicht auf frischer That in Stein und Stahl gesteckt.

Verdient der Lästerer nun nicht Strang / Pfal und Ketten?

Ohnmächtgen Mägden ist / die nicht den Herren retten /99

Durch Ruffen bey Gefahr / auf ihr blos Schweigen / Tod

Und Martter außgesätzt; Sol der nun / der die Noth

Des Fürsten selbst verschweigt nicht Flamm und Schwefel fühlen?

Der Himmel wird sich freun so bald die Glutt wird spielen

Mit des Verläumbders Asch. Es stammelt nun der Hund

Hört / was er lästern wird.

TIGILLINUS.

Es ist der Klugheit kund

Daß ärgste Drachen sich mit schönsten Farben zieren.

Ermangelnder Beweiß läßt vielmal den verlieren

Der Recht und Wahrheit doch zum Schirm- und Redner hat.

NERO.

Eröffne deine Schuld / es sol die Mißethat

Dir unverfänglich seyn. Ja / wirstu die entdecken /

Die im Verbündnüße so grausen Meineyds stecken /

Die Lorbern solln dein Krantz / der Adel dein Gewien

Und Reichthum seyn dein Lohn.

EPICHARIS.

Mir könte Wolfarth blühn

Aus Lastern; Unschuld ist itzt mein gröst Ungelücke.

Jedoch ich schätze dis für güldne Diebes-Stricke /[195]

Was Ubelthat erwirbt. Die Tugend fühlt mehr Lust

In Fäßeln / wenn sie ihr ist keiner Schuld bewust.

TIGILLINUS.

Der hat auch Schuld / der nicht sagt ander Missethaten.

EPICHARIS.

Ich weiß Niemanden nicht des Meyneyds zu verrathen.

NERO.

Daß frembde Boßheit nur geh ungenoßen aus

Stößstu dein Heil von dir.

EPICHARIS.

Wer auf der Unschuld Graus

Sein Wachsthum anckern wil / der wird auf Trübsand bauen.

TIGILLINUS.

Sie wil die Boßheit frey eh als sich seelig schauen.

NERO.

Sie leide! Weil sie ja der Laster Schild wil seyn.

Laß sie / Sulpiz / alsbald in Fäßel schlüßen ein /

Bis man / wie weit der Krebs gefreßen / mag ergründen.

EPICHARIS.

Man wird die Unschuld rein auch in den Ketten finden.


Sulpitius Asper. Epicharis.


SULPITIUS ASPER.

Wird künfftig uns die Welt wol Glauben meßen bey?

Daß sie Epicharis ein Weib gewesen sey;

Die klüger als ein Mann / behertzter ist als Helden!

Rom und die Nachwelt wird / Epicharis / dich melden;

Daß deiner Tugend Muth der Blutt-Tyrannen Macht /

Daß deine Klugheit hat Verläumbder außgelacht /

Verräther überstimmt / wo der gleich recht geseßen /

Dem Bluttdurst / Rach und Mord doch stets das Hertze freßen /

Der wider Unschuld eh als Boßheit Urthel fällt /

Ja Schatten des Verdachts für große Riefen hält /

Die sich sein Haus und Reich verschworen zu bestürmen.

EPICHARIS.

Die Ohnmacht fleht / wenn sie der Himmel wil beschirmen /

Und Einfalt führt den Witz in einen Labyrinth /

Wenn das Verhängnüs selbst der Boßheit Netze spinnt.

Daß Proculus sich hat selbst in sein Garn verstricket /

Daß diesem Sturme nicht der Schiffbruch hat gelücket /

Schreib meinen Kräften nicht / nicht meiner Vorsicht zu.

Es ist der Götter Werck. Sie sorgen für die Ruh

Und Wolfahrt der Stadt Rom / die günstgen Sternen kämpffen

Für unsern heilgen Bund / der den Tyrannen dämpften /[196]

Den Blutthund stürtzen sol. Sulpitz / itzt itzt ists Zeit!

Daß weil der Himmel uns selbst sichtbar Waffen leiht /

Ja daß der Wütterich die Nähe seiner Baare /

Den Fall der Tyranney nicht unsern Schluß erfahre /

Des Löwen Blutt-Begierd in große Sanftmuth kehrt

Indem mich Eisen nur für Brand und Pfal beschwert

Itzt / sag ich / itzt ists Zeit das Unthier aufzureiben.

SULPITIUS ASPER.

Die hochverschworne Schaar wird treu und hertzhaft bleiben /

Und Augenblicklich sich bemühen umb dein Heil.

EPICHARIS.

Sorgt / Freunde / nicht für mich / mir ist mein Leben feil

Für euch / Rom / und die Welt. Ich wil höchst freudig sterben /

Kan ich die Leiche nur in Nerons Blutte färben.

Der Hencker wird mich eh entseelt sehn / eh er mich

Euch sol verrathen hörn.

SULPITIUS ASPER.

Die Tugend freuet sich / |

Wenn sie sol wider Neid und Blutt-Tyrannen kämpffen;

Auch läßt ihr Feuer sich in keinem Kercker dämpfen /

Nicht ihre Thätligkeit verhindern durch Gewalt.

Der Kampff-Platz ist ihr Hauß / Gefahr ihr Auffenthalt /

Der Sarch ihr Ehren-Thron. Ja aus den Todten-Knochen /

Die ein Tyrann erschellt / ein Hencker hat zerbrochen /

Steigt ein beliebt Geruch des Nachruhms in die Welt /

Der den Entgeisterten beim Leben noch erhält. /

EPICHARIS.

Laß gegen unser Schaar / Sulpitz / den Eyfer mercken /

Durch dis entschleust die Furcht sich selbst zu tapfern Wercken /

Hierdurch wird Ohnmacht starck. Geräthet unser Rath

So wißt ihr: Daß euch Rom sein Heil zu dancken hat;

Schlägts auch gleich übel aus / wird doch die Nach-Welt loben:

Daß ihr ein ruhmbar Werck großmüttig angehoben.

Doch glaubt: Daß Glück und Sieg der Kühnheit Schwester sey.

Die Unglücks-Welle bricht am Tugend-Fels entzwey.

SULPITIUS ASPER.

Eh sol der Sonn ihr Licht und uns der Geist verschwinden /

Als sie den Blutthund frisch / dich sol im Kercker finden.[197]


Reyen.


Der Klugheit; Des Gelückes / Der Zeit / Des Verhängnüßes.


DIE KLUGHEIT. DIE ZEIT.

Sagt / Schwestern / ob man dulden kan?

Daß sich der Sterblichen Beginnen

Maßt unser Macht und Zepter an?

Die Thorheit wil uns abgewinnen /

Indem die Einfalt treffen wil

Das uns noch selbst entfernte Ziel;

Jedoch der Außgang sol sie Schwachen

Bald lehren: Daß wir ihrer lachen.

DAS GELÜCKE.

Ist euch / ihr Blinden / unbekand?

Wenn euer Hofnungs-Schiff schon in den Hafen fährt /

Und ich verkehre Wind und Hand /

Das Ufer sich in Grund / der West in Sturm-wind kehrt.

Hingegen habt ihr nie erlebt?

Daß / wo der Himmel selbst mit Donner-Keilen spielt /

Der / den mein Rad an Gipfel hebt /

Ja auch die Blindheit selbst den Ehren-Zweck erzielt.

DIE KLUGHEIT.

Der Klugheit große Gottheit100 lacht /

Daß tummer Zufall wil der Menschen Abgott seyn.

Des Glückes Well hat keine Macht

Wenn Vorsicht sich durch mich beim Sturm-Wind anckert ein.

Der Witz steht hertzhaft und vergnügt /

Wenn Ungelück und Neid der Tugend Netze stellt.

Wol wissend: Daß Ulyßes siegt

Wenn gleich Alcyone ihm nicht den Daumen hält.[198]

DIE ZEIT.

Die Zeit bewegt des Glückes Fahn und Rad /

Der Klugheit Schiff irrt / scheint mein Gunst-Stern nicht /

Wenn Typhis selbst gleich's Steuer-Ruder hat.

Daß Nerons Thron nicht heut in Stücken bricht /

Ist gar kein Werck des Witzes und Gelücks.

Der Himmel muß wahrsagend es gestehn:

Selbst Nestors Rath geht krumm und hinterrücks /

Wenn Stern' und Zeit den Krebsgang wollen gehn.

DAS VERHÄNGNÜS.

Greift nicht der Gottheit Augen-Apfel an /

Verblendet euch nicht meiner Sonne Licht?

Der Witz ist dem Verhängnüs unterthan /

Doch scheint das Glück auch ungefehr euch nicht.

Die Sternen selber sind nur Zeuger meiner Macht

Mein mehr als stählern Arm / die Richtschnur aller Zeit.

Kein Mast wird an den Port / kein Pfeil ans Ziel gebracht /

Dem das Verhängnüs nicht Wind / Flug / und Gunst verleiht.

DAS GELÜCKE.

Wenns Glücke dem Patroclus wil

Errettet Jupiter selbst den Sarpedon nicht.101

Carthago ligt / und Troja fiel

Wenn jenes Juno schon / dis Zyprie verficht.102

Ein Augenblick gebiert oft Zwey /

Der trägt ein Purper-Kleid / und jener schneidet Stein'.

Was maßt ihr denn der Klugheit bey /

Wenn Palinur ersäufft / und Hannibal büsst ein.

DIE KLUGHEIT.

Ob schon auf Troja Glück und Zeit

Ja das Verhängnüs selbst jedwedes Wetter treibt /

So stehts doch / weil nur unentweiht

Der Klugheit Pallas-Bild in ihren Mauren bleibt.103

Sie ist die Nadel von Magnet[199]

Die sichre Fahrten weißt durch Scyllens offen Grab /

Sie segelt / wenn kein Wind schon geht

Und Socrates gewinnt selbst dem Geburths-Stern ab.

DIE ZEIT.

Die Zeit gibt ja Gold / Seide / Silber / Bley /

Wo Clotho sol das Lebens-Garn außzihn.

In Sternen stand schon Nerons Tyranney /

Eh als die Sonn auf seine Wiege schien.104

Mein Unglücks-Stern wieß den Chaldeern schon /

Daß Nero muß ein Mutter-Mörder seyn /

Itzt aber schützt mein Einfluß seinen Thron

Daß ihn halb Rom noch nicht kan reißen ein.

DAS VERHÄNGNÜS.

Wenn das Verhängnüs seine Hand anlegt

Bringt Castor Sturm / Eudora Sonnenschein.

Des Glückes Rad steht fest und unbewegt /

Scharf-Sinnigkeit lägt stumpffe Fehler ein /105

Alcides bleibt nicht starck / nicht Seneca verschmitzt.

Der Klugheit Spigel weißt: Daß er von Glase sey

Wenn ihn mein Zepter trifft. Und wenn mein Auge blitzt

Springts Glückes gläsern Ball / der Zeit Chrystall entzwey.

DAS GLÜCKE. DIE KLUGHEIT. DIE ZEIT.

Es sey: Daß unser Schutz-Hand nicht

Zeither sey Nerons Schirm gewesen;

Denn / was nicht unser Grimm ansicht

Kan durchs Verhängnüs leicht genesen;

Es sey / daß wie die gantze Welt /

Auch unsers Werckzeugs Glaß zerfällt;

Sol Nero doch in Grund gelangen

Durch unsre Sichel / Pfeil / und Schlangen.

DAS GELÜCKE.

Mein Rad verwechselt schon den Lauf /

Das Schooß-Kind des Gelücks verfällt in Staub und Sand /[200]

Den es zum Gipfel hob hinauf.

Dem Piso blüht der Thron / ich bitt ihm selbst die Hand.

Des Nero schneller Fall sol lehrn:

Daß vielmal sich ein Stern bis in den Abgrund sänckt;

Das Glücks-Pfeil könn auch dis versehrn /

Was an dem Himmel gleich mit göldnen Ketten henckt.

DIE KLUGHEIT.

Der Klugheit Ancker / der bis itzt /

Wo Trübsand gleich gewest / wenn sich die Flutt geschwellt /

Des Nero Reichs-Schiff hat gestützt /

Wird nunmehr selbst zum Felß / an dem es sich erschellt.

Doch setzt nicht Seneca nur ab.

Ein Weib Epicharis greift seinen Zepter an /

Nachdem mein Witz ihr Waffen gab

Zu lehrn: Daß meine Schlang auch Riefen tödten kan.

DIE ZEIT.

Ein Merckmal sey durch Nerons Fall gemahlt:

Daß ich die Erd und Luft verfinstern kan /

Wenn Glück und Mond in vollem Lichte prahlt.

Die Sense greift schon seine Lorbern an.

Kein schwartzer Stern / kein scheles Auge blickt

Auf Zeres Fest / das morgen früh anbricht /

Doch hab ich ihm das Fall-brett schon gerückt /

Ja sein Geburths-Stern wird sein Sterbelicht.

DAS VERHÄNGNÜS.

Eh als Rom war / eh als die Tiber floß /

Eh Glück und Zeit und Klugheit trieb ihr Spiel /

Schrieb ich der Welt schon Satzung / und beschloß:

So weit sol sich erstrecken Nerons Ziel.

So lernet doch nunmehr / ihr Mägde meiner Hand /

Was das Verhängnüs schleust kan Niemand tilgen aus.

Die Taffeln sind aus Stahl / die Schrifft aus Diamant.

Wer Gott und Himmel stürmt / wie ihr / wird Asch und Graus.

Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Römische Trauerspiele. Stuttgart 1955, S. 183-201.
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