Die dritte Abhandlung.

[157] Der Schau-Platz stellet für einen Lust-Garten.

Ibrahim. Mehemet.


IBRAHIM.

Was hat denn Kiosem bey uns zu bringen an?

MEHEMET.

Sie bittet thränende / was eine Mutter kan:

Der Sultan wolle sie so strenger Haft entlassen.

IBRAHIM.

Nein! es sol Kiosem ins Kerckers Nacht erblassen.

MEHEMET.

Der Fürst behertzige: daß sie die Mutter sey.

IBRAHIM.

Der Faden des Geblütts reißt durch den Haß entzwey.

MEHEMET.

Sie schwert: daß sie ihn mehr / als ihre Seele liebet.

IBRAHIM.

Wie / daß sie uns zur Pein so schlimme Laster übet?

MEHEMET.

Sie sagt: Ein gutter Artzt brauch' oft Pfrim / Seg' und Glutt.

IBRAHIM.

Zu was war ihr der Mord der schönen Riesin gutt?

MEHEMET.

Den Sultan auß der Hand der Zauberin zu reissen.

IBRAHIM.

Sol Anmuth Zauberey der Mörderin noch heissen?

MEHEMET.

Wer auß Verdacht verbricht / kan noch entschuldigt seyn.

IBRAHIM.

Ihr Ehrgeitz bließ diß Gift / den Meuchel-Mord ihr ein.

MEHEMET.

Wer muß zuweilen nicht auf diesem Eise gleiten?

IBRAHIM.

Sie stimmt auch wider uns der Sisigambis Seiten.

MEHEMET.

Vorschützende: sie sey des Käysers Hold nicht werth.

IBRAHIM.

Die Schätzung stehet zu dem / der den Schatz begehrt.

MEHEMET.

Die nassen Augen sind ein Spiegel ihrer Reue.

IBRAHIM.

Glaubs: daß der Crocodil mit seinem Weinen dreue.

MEHEMET.

Die Thrän Olympiens zwang Alexanders Grimm.

IBRAHIM.

Er eyfert' Irrthumb nur / den Vorsatz Ibrahim.

MEHEMET.

Ich gebe gerne nach: daß sie sich hoch verbrochen /

Daß mindre Schuld oft sey mit grösserm Ernst gerochen;

Daß eure Majestät hier Gnad ertheilt für Recht:

Allein / im Fall sich darf ein unvermögend Knecht

Unstrafbar unterstehn den Sultan umb Genade

Fußfällig anzuflehn; Gläub ich: der Käyser schade

Sich selbst und seiner Ruh / durch allzu harten Spruch;

Er pflantz ihm Ruhm und Heil / wenn er für Schmertz und Fluch

Der Mutter Segen wehlt. Die Straffe weicht der Gütte.[158]

Die Sonne theilt ihr Licht auch rauen Völckern mitte /

Die sie mit Fluch ansprün / wenn sie zu Golde geht;

Auch regnets Schwefel nicht stets / wo ein Sodom steht;

So wolle denn der Fürst hier auch mein Bitten segnen.

Die Wolcken / die manchmal Blitz / Hagel / Schloßen regnen /

Thaun doch meist Fruchtbarkeit. Thun Mütter uns einst weh;

So ists ein Leffel Schmertz / der ihrer Wolthat See

Doch nicht erschöpffen kan. Wie sollen die uns hassen /

Die ewig uns ins Hertz / in Leib neun Mohnden fassen?

Die uns zur Speis' ihr Blutt / ihr Leben in Gefahr

Des Todes setzen auf? Sol die / die ihn gebahr /

In Kercker seyn gesperrt? Wil er die Sonn umbschatten /

Die ihm gab's erste Licht? Wil er nicht Raum verstatten

Dem Lorberbaume / der für Blitz ihn hat bedeckt?

Der Sultan weiß das Ziel / das Amurath gesteckt112

Den Baßen hatte für / ihr eydliches Versprechen:

Sie solten ihm den Halß im finstern Kercker brechen /113

Statt sein den Tarter Cham zum Käyser setzen ein.

Wer kont als Kiosem alldar sein Ancker seyn?

Sie brauchte Bitt und Trotz / drang durch mit Müh und Witze /

Ja setzte Blutt und Gutt und Leben auf die Spitze /

Biß sie den harten Sinn der meisten Bassen brach /

Und man dem Ibrahim des Oßmans Stul zusprach;

Drauf opferte sie ihm des Brudern warme Leiche /114

Brach seinen Kercker auf / gebahr ihn so zum Reiche

Noch einst / der vor von ihr zur Welt gebohren war.

IBRAHIM.

Ihr Frey-seyn setzt uns selbst in Unlust und Gefahr.

MEHEMET.

Ihr itzig Fehler wird forthin zur Lehr ihr dienen.

IBRAHIM.

So seys denn! doch wird sie sich nur noch einst erkühnen

Vorwitzig zu vergehn / so sol der Kercker nicht /

Der Strang ihr lohnen ab.

MEHEMET.

Ich bürge für die Pflicht

Der Mutter / und sie selbst wird ihm fußfällig dancken.

IBRAHIM.

Zwar Kiosem wird frey! wir aber stehn in Schrancken!

Sie macht sich loß von uns! und uns bestrickt ein Kind!

Uns / die wir zwischen Thür und Angel leider sind!

Uns / die wir voller Furcht nur noch von Hofnung leben;

Biß Sechierpera Trost oder Tod wird geben.[159]


Ibrahim. Sechierpera.


IBRAHIM.

Was bringstu uns / mein Trost / Vergnügung oder Pein?

SECHIERPERA.

Durch einen Schlag kan nicht ein Baum gefället seyn.

IBRAHIM.

So läßt / hilf Himmel! sich die Raue nicht bewegen?

SECHIERPERA.

Des Kindes Wahnwitz wird sich mit der Kindheit legen.

IBRAHIM.

Schlägt sie mit Trotze denn des Sultans Lieb in Wind?

SECHIERPERA.

Sie rühmet seelig die / die selbter fähig sind.

IBRAHIM.

Wie? stößt sie denn von sich die Seeligkeit mit Füssen?

SECHIERPERA.

Sie wil sich Mutter nicht gefährter Kinder wissen.

IBRAHIM.

Was mahlet ihr die Furcht für Todes-Larven für?

SECHIERPERA.

Des Sultans Söhne sind ergrimmte Löwen ihr;

Die ihrer Kinder Fleisch in Stücke reissen würden.

Darumb so sey ihr Schluß: für Thron und Gold die Hürden /

Für Wollust Fessel / Strick / und Sebel zu erwehln /

Als nebst dem Sultan ihr auch Hencker zu vermähln.

IBRAHIM.

Sol Ibrahim von ihr sich aber henckern lassen?

Sol er des Nachts im Traum ihr zaubrisch Bild umbfassen /

Des Tages säufzende wie Sclave für ihr knien?

Mit iedem Atheme Hertzklopffen an sich ziehn?

Und durch die Hellen-Pein nicht ihre Gunst erwerben?

Ja unvergnügt vergehn / und unbeseligt sterben?

SECHIERPERA.

Großmächtger Herr und Fürst. Holtz / das bald Feuer fängt

Hält lange Kohlen nicht. Der Hundsstern / welcher sängt

Laub / Graß und Blumen weg / hat wenig Frist zu brennen.

So wird der Seelenbrand sich auch des Sultans trennen

Durch Zeit / Vernunft / und Witz. Ich selber muß gestehn:

Auch schlechte Blumen sind den weiten Augen schön /

Das Wasser scheint Scarlat in fernen Regenbogen;

Der Ambre Schönheit hat entfernt mich mehr gezogen

Als sie mich nahe zeucht. Und / wo ich urtheiln kan /

So stehet Ambre nicht dem grossen Sultan an.

IBRAHIM.

Ach! leider / ach! diß ist kein Pflaster unsern Schmertzen!

Die Seiffe tilget nicht das Bildnüß auß dem Hertzen /

Die deine Zunge selbst pregt unser Seelen ein.

Wie mag die Göttin dir nunmehr verächtlich seyn /

Der Weyrauch war zu schlecht / und Balsam zu geringe?[160]

SECHIERPERA.

Des Menschen Vorwitz fällt oft auf nichts-werthe Dinge /

Begierde greifft so bald nach Mah und Distel-Blüth

Als Tulipen und Klee. Wenn man zu erst ersiht

Auch ein geringes Licht / verbländets das Gesichte.

Ich schwere; grosser Fürst: daß itzt mit minderm Lichte

Mir Ambrens Antlitz spielt. Der Strahlen Unruh regt

Der Augen Uhrwerck nicht; Ihr Mund vermählt und hegt

Mit den Granaten nicht den Anmuths-Reitz zusammen.

Der Brüste Schneeberg ist kein Etna / weil von Flammen

Die Gipfel unbekrönt; ja kein tief Athem schwellt

Die lassen Bälg empor. Der Wangen Lilgen-Feld

Ist allzu sehr mit Röth und Rosen überstreuet.

IBRAHIM.

Schweig Sechierpera! denn unsre Seel erfreuet /

Und unser Aug entzückt viel / was du Mängel nennst.

Weil du das Zaubern nicht der blöden Augen kennst /

Den Balsam nicht geschmeckt / der von entflammten Wangen

Und ernsten Lippen schmiltzt; Du hast uns mehr gefangen /

Mehr unser Hertz verstrickt; nun du uns hast vermeint

Des Garnes zu befreyn: Welch Unstern aber scheint

Von dem Verhängnüß uns? daß unsrer Seele Brände

Bey ihr nur Eiß gebehrn? Auf! laß durch eigne Hände

Den Thamm / an welchem sich ihr Strom der Liebe stößt /

Von Grund-auß reissen ein! die Wurtzel / die uns flößt

Nur Gall ein / rotten auß / was uns entseelt / entseelen.


Der Schauplatz verwandelt sich in der Sultaninnen Spatzier-Saal.

Fatima. Alima. Hagar. Kiosem. Sisigambis. des Ibrahims mit der Fatima und Alima erzeugte fünf Söhne / Machmet. Baiazeth. Murat. Orcan. Suleiman.


SISIGAMBIS.

Schaut / Schwestern / welch ein Licht steigt auß so finstern Hölen.

Die grosse Sultanin / die Ibrahim verschloß /

Weil sie mein Engel war / ist wieder frey und loß.[161]

FATIMA.

Dem Höchsten seys gedanckt: Sey tausendmal wilkommen!

ALIMA.

Sey tausendmal geküßt und in den Arm genommen;

Der Himmel woll auch uns Ohnmächtigen verleihn:

Daß Kiosem uns mög ein Schirm / ein Engel seyn!

KIOSEM.

Seyd / liebsten Kinder auch mir tausendmal gegrüsset /

Und ihr holdreichen Zweig umbhalset und geküsset.

Doch was ficht euer Hertz für Furcht und Ohnmacht an?

FATIMA.

Ein Kummer / welchen kaum die Zunge melden kan.

KIOSEM.

Ein Schmertz / der nebelt auß in Wortte / Säufzer / Zehren /

Erleichtert Hertz und Brust. Wolln sie sich nun beschweren

Ihr Leid uns zu erzehln / bin ich zu helffen dar.

ALIMA.

Ach! diese Kinder stehn in euserster Gefahr.

KIOFEM.

Von welchem Tyger ist ihr Unheil zu besorgen.

FATIMA.

Der Himmel weiß es nur / uns aber ists verborgen.

KIOSEM.

Legt mir was deutlicher des Hertzens Kummer auß.

ALIMA.

Uns beyden hat geträumt: wie ein erzürnter Strauß

Sich mit geharnschter Klau uns sie zu rauben mühe.

SISIGAMBIS.

Gott gebe: daß ihr Stamm biß zu der Nachwelt blühe.

KIOSEM.

Hat beyden diß geträumt.

FATIMA.

Diß und zu gleicher Zeit.

KIOSEM.

Gewiß / der Himmel dreut ein unvermeidlich Leid.

ALIMA.

Mein Hertze bebt und schlägt / mit zittern alle Glieder.

KIOSEM.

Rieß das erboste Thier von ihnen eines nieder?

FATIMA.

Wir hielten seines Grimms und heissen Eyfers Lauf

Theils mit demüttger Bitt und nasser Wehmuth auf;

Theils giengen wir behertzt dem Strauße selbst entgegen /

Versetzten ieden Schlag nach euserstem Vermögen

Mit Armen / Halß und Brust; so lange daß uns Hertz

Und Athem schon gebrach / und von so herbem Schmertz

Uns hieng die Ohnmacht zu; biß eine frembde Taube

Noch endlich unversehns dem Thiere ward zu Raube /

Und nachdem es ihr rieß die schönen Federn auß /

Thier / Traum / und Schlaf verschwand.

SISIGAMBIS.

Ach! leider / dieser Strauß

Ist unser Sultan selbst; ich aber leider! werde

Die frembde Taube seyn!

KIOSEM.

Die Sultanin gebehrde /

Wo keine Noth nicht ist / sich so kleinmüttig nicht.[162]

ALIMA.

Laßt diese Thränen mir; der Hülf und Rath gebricht

Der Kinder (die fast eh unseelig als gebohren/)

Schutz / Schirm und Schild zu seyn.

KIOSEM.

Habt ihr den Witz verlohren?

Daß ihr euch gutte Träum auß thörchtem Irrthumb legt

Zu eurem Unheil auß? Wahr ists: der Himmel pflegt

Durch Träum uns künftig Glück und Fall zu offenbaren.

Ihr aber ziht den Traum auf Deutung mit den Haaren.

Warumb muß euer Strauß des Sultans Vorbild seyn /

Der seinen Kindern selbst die Klauen setzet ein?

Warumb sol Taub und Traum auf Sisigamben zielen?

FATIMA.

Kommt es ihr frembde für: daß sich die Fürsten kühlen

Mit ihrer Kinder Blutt? Wie lang ists: daß Verdacht

Des Mahumets hat Sohn und Mutter umbgebracht?

Der grosse Suleiman115 hat selbst sich hoch beflecket

Durch zweyer Söhne Tod. Und wessen Macht sonst strecket

Sich ausser ihm so weit die Kinder zu versehrn?

KIOSEM.

Daut Bassens Missethat116 kan dich ein anders lehrn:

Der unterm Mustaffa / umb sich am höchsten Brette

Des Käyserthumbs zu sehn / längst außgetilget hätte

Mit meiner Söhne Fall des Oßmanns gantzes Hauß;

Hätt ich dem Hunde nicht das Schwerd gewunden auß.

Die Mutter Mustaffens nam selbst auch Mörderthaten

Auf sie vergebens für. Denn meist pflegt miß-zu rathen /

Was man auf Fürsten spinnt.

ALIMA.

Gott steh auch diesen bey /

Und helffe: daß der Traum ein blosser Nebel sey!

KIOSEM.

Nur Muth! der Tugend muß iedweder Zufall weichen.

Ein groß Gemüthe muß dem Meere sich vergleichen /

Das nicht die Saltz-Arth läßt und seine Gräntzen hält /

Worein gleich süsse Flutt auß tausend Flüssen fällt.


Ibrahim. Kiosem. Fatima. Alima. Hagar. Achmet. Valide Agasi. Die fünf Söhne. Schatradeler Agasi.


FATIMA.

Hilf Gott! der Sultan kommt.

IBRAHIM.

Was habt ihr hie zu schlüssen?

ALIMA.

Uns lässet Kiosem des Käysers Gnade wissen /

Die sie der Haft macht frey.

IBRAHIM.

Schnur-stracks verfüget ihr

In eure Zimmer euch / nur laßt die Kinder hier.[163]

FATIMA.

Ach! dieser Donnerschlag durchdringet Seel und Hertze!

ALIMA.

Mein Haupt und Geist wird mir verrückt von Angst und Schmertze.

KIOSEM.

Was solln die Kinder ihm alleine?

IBRAHIM.

Wer hat Recht

Zu forschen / was wir thun?

KIOSEM.

Ein schlechter Sclav und Knecht

Fragt mehrmals seinen Herrn dem Herren selbst zu Gutte.

IBRAHIM.

Der Vorwitz sol mir hier mit seinem eignen Blutte

Selbst seine Schuld bezahln.

FATIMA.

Der Sultan wehre nicht:

Daß Müttern / wie wir sind / das Mutter-Hertze bricht.

IBRAHIM.

Sind diese Kinder hier nicht unser mehr als euer?

ALIMA.

In Mutter-Brüsten brennt ein grösser Liebes-Feuer.

IBRAHIM.

Was träumt euch: daß der Fürst wird wider Liebe thun?

FATIMA.

Wer liebt / der eyfert auch / und Argwohn läßt nicht ruhn

Ein Hertze / wo sich schon für das Gesichte stellet

Ein Schatten der Gefahr.

IBRAHIM.

Sagt: auß was Grund euch fället

Ein Argwohns-Schatten für?

ALIMA.

Auch eine Henne gibt

Auf ihre Jungen acht / wenn sich ein Wölcklein trübt /

Wenn sich ein Sperber läßt auch nur von ferne blicken.

Wir finden uns bestürtzt. Denn Ibrahms Augen schicken

Auf seine Zweig und uns gewohnte Strahlen nicht

Und holden Liebesreitz. Zorn / Rach und Eyfer bricht

Auß iedem Blick herfür.

IBRAHIM.

Wahr ists. Sie sollen sterben /

Ihr aufgeopfert Blutt sol diese Sebel färben!

KIOSEM.

Mein Fürst / mein Sohn / ist er bey Witz und bey Vernunft?

IBRAHIM.

Mißbrauchstu frevelnde schon deine Wiederkunft?

FATIMA. ALIMA.

Hilf Himmel! halt! ach! halt!

IBRAHIM.

Wolt ihr Gewalt hier üben?

KIOSEM.

Die sündigen in nichts / die so sehr hertzlich lieben.

IBRAHIM.

Laßt uns mit diesem frey / was unser ist / gebahrn.

FATIMA.

Laß uns die Sebel eh durch unsre Brüste fahrn!

IBRAHIM.

Sol ihr und euer Blutt zusammen sich vermengen?

HAGAR.

Ja! meine Glieder solln diß Schwerdt mit Lust besprengen /

Ich wil die Adern mir selbst schneiden morsch entzwey:

Daß meine Leiche nur ihr Lebens-Pfeiler sey.

Der Fürst erwäge doch: kein Geyer frißt die Jungen;

Und er wil / die von ihm auß seiner Hüft entsprungen /

Die Antheil seines Blutts / ja seine Seele sind /[164]

Als Knechte schlachten ab. Was kan ein solches Kind /

Das selbst die Unschuld ist / und nichts nicht kan verbrechen /

Ja das / was Sünde sey / noch nicht weiß außzusprechen /

Für Lasters schuldig seyn?

IBRAHIM.

Solln wir dir Rechenschaft

Von unserm Rathschluß thun?

FATIMA.

Entfällt nun alle Kraft

Der ärmsten Fatima? kan mehr kein Strahl mehr brennen

Der Augen / die der Fürst zwey Sonnen pflegt zu nennen?

Weil sie für Liebreitz itzt mit Thränen schwanger gehn.

Ist der vor schöne Mund dem Sultan nicht mehr schön?

Weil kein beweglich Wortt ihm kan sein Hertz durchschneiden /

Ist diese Brust / die vor ein Köcher seiner Freuden

Sein Irrdisch Himmel war; Geist- Trieb- und Anmuth-leer;

Und tausend Seufzer kwälln auß ihren Klippen her?

Der edle Zimmetbaum trägt desto bessern Zimmet /

Je öfter man von ihm die kräftge Rind abnimmet:

Gall-Aepfel aber bringt ein Weib das ander Jahr /

Wo gleich die erste Frucht Granaten-Blühte war.

Ach! leider! drumb so fallt / ihr Kinder / ihm zu Füssen!

Besänftigt Grimm und Schwerdt mit Thränen-reichen Küssen!

Fallt! und umbarmt sein Knie / eh ihr durchs Schwerdt hinfallt.

Fallt! bittet! biß ihm auch das Vater-Hertze wallt!

Geh / schönster Machmet / geh umb dich ihm außzusöhnen!

Geh wirf das Haupt / das man zum Käyser noch wird krönen /

Dem Vater unterm Fuß! Geh du auch Bajazeth /

In dem Fürst Ibrahim selbst abgebildet steht!

IBRAHIM.

Wagt ihr beym Winseln euch die Armen uns zu halten?

Ich schwer es: daß ihr all auch solt / wie sie erkalten /

Wo ihr noch euren Arm / ja eine Lippe regt.

KIOSEM.

Der Fürst besinne sich / auf wen sein Donner schlägt?

IBRAHIM.

Thun wir / was unerhöhrt; Du selbst hast zugesehen /

Als Amurath den Halß dem Sohne ließ verdrehen.

KIOSEM.

Durch vor verübten Mord hatt er den Tod verkerbt.

IBRAHIM.

Hat kein unschuldig Blutt nie deine Faust gefärbt?

KIOSEM.

Der eignen Kinder nie. Ja keinen andern Fürsten

Hat man gesehn nach Blutt gesammter Kinder dürsten.

IBRAHIM.

Wer unter ihnen sol denn außgewehlet seyn?[165]

FATIMA.

Ach! meinen Machmet muß die Erst-geburth befreyn.

ALIMA.

Für meinen Murat kämpft der Himmel und die Sternen /117

Den in der Wiegen schon die Persen fürchten lernen /

Den die Wahrsagung längst zum Wunder hat gemacht /

Weil ich ihn gleich gebahr / im Mertz / als Tag und Nacht

Recht gleiche Stunden hat.

FATIMA.

Die Sternen werden kämpffen118

Für meinen Suleiman / der alle Feinde dämpffen

Der Musulmänner sol.

HAGAR.

Mein schöner Bajazeth

Ein Außbund der Natur / mein holder Orcan steht

In das Verhängniß-Buch des Himmels eingeschrieben:119

Daß / wer an ihnen wird Gewalt und Grimm auß-üben /

Sol ewig seyn verdammt / wärs gleich ein Musulman!120

SCHATRADELER.

Den Kinder-Mördern wird kein Blatt nicht kleben an

Des heiligen Papiers / noch der gefärbten Rosen121

Vom Blutte Mahumeds / wenn sie die Kwal gelosen

Und über glüend Ertzt ins Paradiß solln gehn.

IBRAHIM.

Wil dieser Kefer auch dem Adler widerstehn?

SCHATRADELER.

Man hat die Kinder mir gebunden auf die Seele.

IBRAHIM.

So fahre denn / vorher für sie ins Todes Höle.

FATIMA. ALIMA.

Hilf Himmel! er vergeht.

MACHMET.

Herr Vater / ach! er schon'!

Ich bin sein treues Kind.

BAJAZETH.

Und ich sein liebster Sohn /

Der nichts gesündigt hat.

SULEIMAN.

Laßt uns den Fuß ihm küssen:

Daß Er uns selbst nicht würgt / wenn wir ja sterben müssen.

MURAT.

Ach! Mutter helfft / ich sterb!

ALIMA.

Hilff Himmel! ach! mein Kind!

KIOSEM.

Weist dus / du Blutthund / nicht: daß's deine Kinder sind!

ALIMA.

Du Raben-Vater du / welch Thier frißt seine Jungen?

Welch Drache seine Frucht? wohl hastu's Kind verschlungen /

So friß die Mutter auch.

KIOSEM.

Ihr Kinder / nun ists Zeit /

Daß ihr die Messer zückt.

HAGAR.

Sind deiner Grausamkeit

Zwey Opfer nicht genung?

IBRAHIM.

Umbsonst! sie alle müssen /

Weil unser Leid doch auch auß einem würde flüssen /

Geopfert werden auf.

KIOSEM.

Der Fürst sags / ich beschwer'

Ihn bey dem Mahumed / wo denn sein Leid rührt her?

IBRAHIM.

Ich leide Seelen-Pein umb ihres Lebens wegen /[166]

Weil Ambre sich nicht wil in unser Bette legen /

Nicht lieben / der sie liebt / umb: daß er Kinder hat.

KIOSEM.

Verteufelt-böser Schluß! verdammte Missethat!

Umb eine Handvoll Lust solch Blutt-Bad zu beschlüssen!

Greifft nur behertzt ihn an. Ich liß bald anfangs wissen

Durch meinen Agasi das Kriegs-Volck: Oßmans Stamm

Steh in Gefahr und Noth.

IBRAHIM.

Angst / Marter / Pfal und Flamm

Sol dir verzweifelten / dir Raben-Mutter lohnen.

Und ihr verruchten drey / solt nicht des Sultans schonen?

Wagt ihr an Käyser euch die Hand zu legen an /

Der Sud und Ost und West mit Wincken zähmen kan?

FATIMA.

Großmächtger Herr und Fürst; wenn man Verrückten wehret:

Daß ihr gezücktes Schwerdt sie selber nicht verzehret;

So hälts Vernunft und Recht für Liebe / nicht für Zwang.

Ja Ibrahim wird selbst uns opfern Kuß und Danck:

Daß wir itzt seiner Brunst behertzt in Ziegel fallen.

IBRAHIM.

Ich schwere Tod und Pein und Untergang euch allen.

ACHMET.

Weg! grosser Fürst / weg / weg!

IBRAHIM.

Was ists!

ACHMET.

Er rette sich.

IBRAHIM.

Träumt dir? für wem?

ACHMET.

Die Wach empört sich wider mich /

Und wil selbst mit Gewalt ins Käysers Zimmer dringen /

Wo man nicht Augenblicks die Printzen würde bringen

In Heeres Gegenwart.

IBRAHIM.

Wenn ihnen vor das Licht

Hier wird seyn außgelescht.

ACHMET.

Der Käyser stürtze nicht

Sich selbst / und seinen Stamm. Jedoch welch grimmig Wütten

Hat hier dem Murat schon die Gurgel abgeschnitten?

Ich zitter! ach! ich sorg es sey umb ihn geschehn!

ALIMA.

Ja! laß das Kriegs-Volck ein / den Greuel anzusehn /

Und Rache zu vollziehn.

IBRAHIM.

Wilstu von meinen Klauen

Auch deinen Suleiman hier noch zerfleischet schauen?

ACHMET.

Nicht bringt ihn noch mehr auf durch Fluch; laßt euer Leid

Sich nicht in Wahnwitz kehrn. Eilt bringt in Sicherheit

Die Kinder / die euch noch des Himmels Gunst läßt leben.

Der Sultan lasse sie sich in ihr Zimmer heben;

Daß die vier Lebenden das Kriegs-Volck sehen kan /[167]

Wil er sich selbst nicht fälln. Was aber reitzt ihn an

Sein eigen Fleisch und Blutt selbsthändig aufzureiben?

IBRAHIM.

Daß Ambre mich verschmäht / weil sie beym Leben bleiben;

Die / weil sie Kinder nicht dem Tode wil gebährn /

Mir Lieb und Eh abschlägt.

ACHMET.

Wil sich der Fürst beschwern /

Der Albern zu gefalln mit Gott- und Menschen-Rache

Durch bluttgen Kinder-Mord? da ja wohl diese Sache

Noch andre Hülff annimmt.

IBRAHIM.

Was weist denn du für Rath?

ACHMET.

Man nehme mit Gewalt / was sie verweigert hat.

Der Fürst kan mit mehr Fug Gewalt auf Sclaven üben /

Daß: die in Gütte nicht wil / ihn auß Zwang muß lieben;

Als von des Oßmans Stamm all edle Zweig abhaun /

Den mit genauer Noth wir itzo blühend schaun.

Mit seiner Straffe bleibt der Nachwelt unvergessen /

Wie sich Cham Chivas ihm das Erbrecht zuzumeßen

Hoch frevelnd unterstand / als Oßmans Stamm nicht war

Von diesen Zweigen reich. Noch ärgere Gefahr

Und Herschsucht dörfte sich in seinem Reich erregen

Durch dieser Pfeiler Fall. So edle Zedern pflegen

In iedem Erdreich nicht bekleibend aufzugehn.

IBRAHIM.

Wer wird die Ambre sich zu rauben unterstehn?

ACHMET.

Ich wil schnur-stracks sie auß dem Bad ins Zimmer schaffen.

IBRAHIM.

Laß / umb uns zu erfreun nichts nicht am Fleisse schlaffen!


Der Schauplatz stellet für des Käysers geheimes Zimmer.

Sechierpera. Ibrahim.


SECHIERPERA.

Auf was für Strudel rennt sein halbverzweifelt Sinn?

IBRAHIM.

Wo der Begierdens-Sturm des Hertzens Schiff schlägt hin.

SECHIERPERA.

Wird beydes aber auch des Abgrunds Opfer werden?

IBRAHIM.

Ein Artzt braucht Seg' und Glutt / wo Pflaster den Beschwerden

Zu linde Mittel sind.

SECHIERPERA.

Verzweifelt Artzney macht:

Daß oft ein heilbar Leib wird in den Sarch gebracht.

IBRAHIM.

Ach! es ist ja durch Glimpf nichts nicht von ihr zu hoffen!

SECHIERPERA.

Wird durch den ersten Pfeil stets iedes Ziel getroffen?[168]

Die Ramme stößt den Pfal auf einmal nicht in Grund.

Im Lieben macht ein Blick nicht bald die Seele wund.

Das Gift muß durch das Aug erst zu dem Hertzen dringen.

Itzt / nun der Fürst vom Glimpf auf Ernst und Grimm wil springen;

Reißt Er den vor von mir gebauten Grundstein ein /

Und sein Genüß wird nichts als herber Hunger seyn.

IBRAHIM.

Es sey dem / wie es woll. Es bleibt bey unserm Schluße:

Daß die auf unser Brust nicht ruhn wil / unterm Fusse

Wie Sclavin lächsen sol. Der Baum muß abgesegt

Der Blüthen seyn beraubt / der sie zur Hoffart trägt /

Nicht Lust und Nutzen schafft. Sie sol noch heut erfahren:

Daß Ibrahim mit ihr Gewalt hat zu gebahren /

Daß ihre Jungfrauschaft kein unverwelcklich Blatt /

Ein schwindend Wachs-Licht sey.

SECHIERPERA.

Der grosse Sultan hat

Zwar unverschrenckte Macht in allen seinen Wercken:

Allein er selbst / mein Fürst / wird erst die Unlust mercken:

Und wie die Liebligkeit hier so versaltzen sey /

Wenn strenge Nothzucht schläfft bethränten Wangen bey.

IBRAHIM.

Ach! leider / du weißt nicht: worauß Vergnügung kwillet!

Die Rose / die ihr Haupt in fäste Knospen hüllet /

Reucht frischer / als die uns die Blätter breitet auß /

Und / wenn der Mittag brennt/ fällt welck in Sand und Grauß.

Jedoch wir wolln noch einst der Wortte Zucker brauchen.

Wo aber sie umbsonst den Weyrauch läßt verrauchen /

Den unser lodernd Hertz der Kalten zündet an;

So glaube: daß so denn uns nichts nicht halten kan /

Die uns versagte Blüth ihr schimpflich abzubrechen /

Und der Bethörten Trotz durch ihre Schmach zu rechen.


Ibrahim. Ambre. Achmet. Sechierpera.


IBRAHIM.

Stellt meiner Seele Zweck / mein Licht/ mein Engel sich /

Mein Augen-Apfel ein? Ach! daß ich / Sonne / dich

Nach Würde / nach Verdienst hier wüßte zu empfangen!

Kan wohl das Paradiß mit schönern Engeln prangen?

Der güldne Himmel pralt mit edlern Sternen nicht!

Doch / wie? daß Thränen-Saltz auß ihren Sonnen bricht /[169]

Die in uns Glutt gebehrn / und uns mit Flammen säugen?

Des Mohnden wäßricht Schein weiß ja nur Thau zu zeugen.

Mein Kind / die Thräne schwemmt der Anmuth Perlen weg /

Und saltzicht Wasser macht in Schönheits-Scharlach Fleck'.

Umb was betrübt sich die / umb was wölckt die's Gesichte /

Der Lieb und Glücke scheint mit unverfälschtem Lichte?

Stamboldens Käyser zeucht ihr seinen Purper an /

Und opfert ihr sein Hertz. Was für Bestürtzung kan

An statt der Gegengunst in ihr solch Leid erwecken?

Laß uns die Schalen nur von deiner Anmuth schmecken /

Und koste selbst einmal den Vorschmack süsser Lust

Des Zuckers dieser Welt. Mein Kind / Mund / Augen / Brust

Bescheiden selber dich: daß sie zu wilden Stämmen

Gott nicht erkieset hat. Wilstu den Trieb denn hemmen /

Durch welchen die Natur auch Fels- und Hecken regt /

Die Crocodile kirrt / und Hold in Drachen hegt?

Sie säufzet / sie erblaßt / sie schauet auf die Erden!

Laß unser Antlitz doch dein Ziel des Anschauns werden!

Laß unsern Mund an sich den süssen Athem zihn /

Den deine Kehl außläßt! Schau unser Antlitz glühn /

Schau / wie diß Hertze kocht / wie unser Seele lächset /

Nach Labsal / das allein auf deinen Lippen wächset /

Auß deiner Anmuth kwillt! Antwortestu uns nicht?

Die Felsen / denen doch Empfindligkeit gebricht /

Antworten Fragenden mit hellem Wieder-Schalle.

AMBRE.

Der Wollust-Zucker ist / mein Fürst / mir Gift und Galle;

Und meine Kindheit ist nicht fähig noch zur Zeit

Zu spielen auf dem Eis' erwehnter Uppigkeit.

Mein Ansehn viel zu schlecht / des Käysers Hand zu küssen /

Die's Zepter trägt der Welt; zu kurtzweiln mit den Füssen /

Worfür die Erde bebt. Die Magd ist thumm und blind /

Die sich zur Göttin macht. Zu hohe Würden sind

Die Speise voll von Glutt / die in den blöden Magen

Die Wärmbde vollends tilgt. Er lasse Purper tragen /

Die / derer groß Verdienst mehr Liebes-Zunder nehrt.

Der Glutt-vermählte Schnee wird Augenblicks verzehrt;

So würd auch mein kalt Hertz und ich verschmeltzen müssen /[170]

Wenn Er als Sonn auf mich beständig liesse schüssen

Die Stralen seiner Hold. Was Feuer halten sol

Muß selber Feurig seyn; sol es nicht stracks zu Kohl'

Und Asche seyn verbrennt / Hold-seyn in Haß zerronnen;

Zumal da Fürsten stets als niemals-müde Sonnen

Zu neuen Sternen eiln. Jedoch ich bin vergnügt:

Daß mein bethräntes Aug in Staub und Sarche ligt /

Darf ich der Wollust nur nicht in ihr Netze fallen.

IBRAHIM.

So hält dein Eckel diß für Wermuth / Gift und Gallen /

Was nichterne Vernunft für köstlich Himmel-Brodt

Und Sonnen-Saamen preißt?122 Was Mahumeds Geboth

Den Außerwehlten sagt als ewiges Vergnügen

Des Paradises zu? Wer schwätzt dir grame Lügen

Für süsse Wahrheit ein: daß deiner Jahre Mey /

Der voller Knospen steht / nicht Liebes-fähig sey?

Daß / die auf Wang und Mund hegt reiffende Granaten /

Und Aepfel auf der Brust / des Sultans Liebes-Saaten

Nicht pflantz- noch pflegen könn. Ihr Schön-seyn hat sie schon

Gepfropfft ins Sultans Hertz / versetzt auf Oßmanns Thron.

Und sie solt unsrer Hand nicht unsern Füssen taugen?

Die Liebe blitzet selbst ihr sichtbar auß den Augen /

Zerschmeltzt der Hertzen Ertzt und macht auch Seelen wund.

Der Herbst bekrönt die Brust / der Früling blümt den Mund /

Des Sommers Zierde pralt auf den benelckten Wangen;

Wie hat des Winters Eiß denn nur ihr Hertz umbfangen?

Der Liebreitz gürtet ihr den Anmuths-Köcher an;

Wie daß der Haß sich denn mit ihr vermählen kan?

Und Schatten tummer Träum ihr ins Gehirne pregen?

Ich wil die Hände dir / mein Engel/ unterlegen /

Wie einem Papegoy nur Zucker geben ein /

Ja meine Seele selbst sol deine Speise seyn.

Ich wünschte: daß in mir noch hundert Hertzen wären /

Mehr Seelen walleten / mehr Flammen zu gebehren

Und Liebe gegen dich. Fürst Ibrahim / mein Kind/

Betrauret: daß er nicht in Liebe gantz zerrinnt

Und dir zum Labsal sich in deine Seele flößet.[171]

Wie daß denn Ambre den so schimpflich von sich stösset?

Der sie so hertzlich liebt? Wie oder schilt mein Licht:

Daß wir in Wortten heiß / in Wercken aber nicht?

Laß uns durch einen Kuß der Lippen Honig schmecken.

AMBRE.

Die ist nicht keusch / die ihr schon läßt den Mund beflecken;

Die aber nicht bey Witz / die der Begierden Dunst /

Den Kitzel / der entspringt auß geiler Augen Brunst /

Ihr Haupt umbnebeln läßt; und doch bald schmertzlich fühlet:

Daß endlich dieser Dampf mit Donnerkeilen spielet /

In Schmertz und Schimpf zerfleußt.

IBRAHIM.

Hat iemals eine Magd

Dem Käyser einen Kuß / dem Herren diß versagt /

Wornach die Edelsten und tausend Seelen lächsen?

AMBRE.

Ja! ein schön Garten wird von wilden Feld-Gewächsen

Entehret und verstellt. Ich Magd bin auch nicht werth:

Daß / wenn mein Herr / mein Fürst zu küssen mich begehrt /

Er seinen Stand mißbraucht / und seinen Ruhm beleidigt.

IBRAHIM.

Hört / wie die Albere so hönisch sich vertheidigt!

Nein! hohe Seulen macht ihr niedrig Stand nicht klein /

Die Sonne gibt auch Erd- und Nebeln Glantz und Schein /

Ein Fürst kan auch auß Nichts was / Gold auß Staube machen.

Stracks sags mit einem Wort: Ob du des Sultans lachen /

Ob du dir seinen Grimm wilst für die Hold vermähln.

AMBRE.

Zwar Welten können ihm / nicht aber Weiber fehln /

Die Er / mein Fürst / besigt; was sucht Er denn auß Steinen/

Die Schnee / nicht Feuer nehrn / auß Kindern / die zum Weinen /

Nicht Liebes-fähig sind / zu pressen Lieb und Glutt?

Die für die Jungfrauschaft aufopfern Geist und Blutt /

Eh ihre Blüthen solln gebehren solche Früchte /

Die künftig müssen seyn der Hencker Schau-Gerichte /

Die Kost der Tyranney.

IBRAHIM.

Du solst den trotzen Sinn

Dir bald gebrochen sehn. Stracks / Achmet / nimm sie hin /

Und laß sie fingernackt in unser Bette werffen.

Wo Gütte nicht vermag den Liebes-Pfeil zu schärffen /

Muß Zwang der Wetzstein seyn. Die Blüthen / die sie rühmt

Als unverwelcklich Laub / solln Augenblicks entblümt /

Welck / dürr und fleckicht seyn.

AMBRE.

Ich falle dir zu Füssen /

Und säufze / grosser Fürst; daß / wo mein Trotz sol büssen /[172]

Wo meiner Einfalt Schuld / ja Straffen hat verkerbt:

Mein unentweihter Leib die schärfsten Sebel färbt.

Laß so viel Thränen doch dir durch die Seele schneiden

Der Ambre / die behertzt wil hundert Tode leiden /

Ja die den Henckerstrick mit Lachen küssen wil /

Da sie nur Jungfrau stirbt. Gib dieser doch so viel /

Die deines Glaubens ist / und die dich zu versöhnen

Mit so viel Thränen sucht / was Mahumed Irenen /

Auch Erichs Tochter nicht als Christen hat versagt.

Versuche Schwerd und Streich / hier kniet die ärmste Magd /

Die nichts vermag / als nur den Wunsch / die Lust zu sterben.

IBRAHIM.

Fort mit ihr! Weiber-Blutt sol keinen Sebel färben.


Der Schauplatz stellet für ein warmes Bad.


Reyen


Des badenden Frauen-Zimmers.


DIE FRAUEN.

Wie seelig sind! die Gott in zarte Seide

Geschickter Glieder hüllet ein!

Denn Schönheit scheint ja selbst des Himmels Kreide /

Ein Brunkwäll des Gelücks zu seyn.

Sie ist der Lieb und der Vergnügung Wiege /

Die Wollust schläfft auf ihrer Brust.

Die Kinder führn auch wider Käyser Kriege /

Bekämpfen sie durch süsse Lust.

Der Fürst muß lassen Ambren holen /

Weil ihr bloß Ruhm ihms Hertz gestolen.

DIE JUNGFRAUEN.

Ihr Thörichten! preißt ihr für ein Gelücke /

Wenn reiner Keuschheit Einfalt fällt

Ins Wollust-Garn / in geiler Jäger Stricke?

Die Keuschheit ist der Schatz der Welt /

Die Jungfrauschaft gantz unbefleckte Sonnen /

Die Lieb Irrwisch / der auß Tacht[173]

Unreiner Seel- und Hertzen wird gesponnen;

Ein Wurm / der nur gläntzt bey der Nacht.

So laßt uns denn von gantzem Hertzen /

Der Ambre Raub und Fall beschmertzen.

DIE FRAUEN.

Einfältige! die ihr auß leeren Krügen

Nur Luft statt unsers Nectars trinckt;

Was nützt ein Feld / das stets muß brache liegen?

Ein Kwäll / der in den Sand versinckt?

Ein Balsam / der in Wüsteney verrauchet?

Die Rose / die der Wind verheert?

Wenn Eisen nicht und Schönheit wird gebrauchet /

Verlieren sie durch Rost den Werth;

Und Schätzen / die vergraben bleiben /

Kan niemand Ruhm und Preiß zuschreiben.

DIE JUNGFRAUEN.

Die Jungfrauschaft ist von so edlen Steinen /

Die kein geil Auge schätzen kan.

Die Sternen / die am allermeisten scheinen /

Stehn in den Himmel oben an.

Der Sonne Gold / für der sich Stern' entröthen /

Heckt mehr / als des Saturnus Bley /

Geschwäntzte Stern123 und schädliche Cometen.

Und Schönheit schläfft mehr Lastern bey /

Ja ihr' auch Schwanen-reinen Wangen

Gebehren Feuer / hecken Schlangen.

DIE FRAUEN.

Ein Mund / der nie hat Wein und Milch geschmecket /

Kan leicht als bitter sie verschmehn.

Geht schaut: wie sie so Gold als Purper decket /

Wie sie beym Sultan ist gesehn;

Wie seine Seel auf ihre Brust zerrinnet /

Und sie mit Balsam überthaut /

Wie er sich als ein Seiden-Wurm verspinnet /[174]

Und in sein Hertz Altar ihr baut.

Denn Schönheit kriegt auch Käyser-Hertzen

Zum Opfer / und zu Liebes-Kertzen.

DIE JUNGFRAUEN.

Verdammte Lust! geküsseten Irenen

Muß endlich's Schwerdt ein Brautschatz seyn;124

Ja Liebe schleust als Sclavinnen die Schönen

In ein vergüldet Keficht ein /

Auß denen stets die Hirnsen Honig saugen:

Daß der Gestalt gemahlter Dunst

Nur bleibt leer Wachs / ein Zunder geiler Augen /

Ein Talg zu Fackeln böser Brunst.

Wohl uns! die wir in rauen Schalen

Mit Perlen reiner Keuschheit pralen!

DIE FRAUEN.

Der Wahnwitz hat euch Prillen fürgerücket /

Daß ihr für Perlen Grauß seht an.

Der Einfalt Eiß hat euer Hertz bestricket:

Daß euch kein Liebreitz ziehen kan.

Doch wenn euch wird des Witzes Licht aufgehen /

Wird Traum und Irrlicht seyn vorbey;

Denn werdet ihr recht schmecken und verstehen:

Was Liebe für ein Labsal sey;

Ja! daß entzünden und selbst brennen

Des Himmels Vorschmack sey zu nennen.

DIE JUNGFRAUEN.

Laßt / Schwestern / uns für den Sirenen fliehen /

Eh uns ihr Zauber-Lied schläft ein.

Wir werden Brand auß diesen Kwällen ziehen /

Die von den Schlangen giftig seyn.

Wir werden uns besudeln durch diß Waschen /[175]

In geile Würmer uns verkehrn.

Weil / sichert euch / der Keuschheit Fenix-Aschen

Nur Nacht-Euln ärgster Schmach gebehrn;

Die Jungfraun aber hier auf Erden

Solln's Paradises Schwanen werden.

Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Türkische Trauerspiele. Stuttgart 1953, S. 157-176.
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