Inhalt des Schau-Spiels.

[102] Der vorredende Thracische Bosphorus verdammet die Unzucht des Türckischen Sultan Ibrahim / erhebet die keusche Vermählung deunüberwindlichsten Käysers LEOPOLDS / mit der Allerdurchläuch, tigsten Ertz-Hertzogin von Oesterreich CLAUDIA FELICITASs wahrsaget jenem den Untergang / diesem die Vermehrung des Reichs.


Die erste Abhandlung.

Ibrahim der zwölfte Türckische Käyser wil seines verstorbenen Bruders Käyser Amuraths IV. Wittib Sisigambis nothzüchtigen / die sich aber mit einem Messer schützet. Hierzu kommt seine Mutter Kiosem /verweisets ihm heftig / fähret auch des Ibrahims Kuplerin Sekierpera ehrenrührig an; weil sie den Käyser zu solchen Üppigkeiten verleite. Hingegen wirft diese jener für: daß sie die grosse Armenerin / eine Buhlschafft des Ibrahims mit Gifte hingerichtet habe. Darüber Ibrahim heftig ergrimmet; und nachdem inzwischen Sisigambis sich flüchtet / befiehlet er dem Groß-Visir Achmet die Mutter ins alte Seral oder Schloß einzusperren. Sekierpera besänftigt hierauf den Käyser / und lobet ihm die übergrosse Schönheit der Ambre des Mufti Tochter.

Mufti, der Bassa Mehemet und Bectas der Janitscharen Aga reden von dem unglückseligen Kriege in Candien / wider die Venetianer / und des Ibrahims böser Regierung / wollen ihnen auch den nahen Untergang des Türckischen Reichs vorbilden. Der hierzu kommende Ibrahim entschleust sich in Person nach Candia zu ziehen; begehret hierauf an den Mufti ihm seine Tochter zu übergeben; welcher ihme zum Scheine gute Vertröstung thut.

Im Reyen verhänget die Göttliche Rache auf Flehen der Stadt Byzantz: daß die Geilheit den Sultan Ibrahim stürtzen solle.


Die andere Abhandlung.

[103] Ambre erzehlet ihrer Mutter Lalpare einen unglückseligen Traum. Der Mufti eröfnet hierauf seiner Tochter des Sultans Liebe und Begehren; sie hingegen verschwert sich: nimmermehr nach seinem Willen zu leben. Diesen Schluß eröfnet sie auch dem Bassa Mehemet, und verspricht ihm auf den Fall ihrer Erhaltung die Ehe.

Der Mufti berichtet dem Ibrahim die Widerspenstigkeit seiner Tochter; weil sie keine Kinder des Todes gebehren wolte; darüber er sich heftig erzürnet / und dem Mufti ihm auß den Augen zu gehen /dem Achmet aber Anfangs seinen Kopf zu holen / hernach: daß er dem Käyser nicht mehr ins Gesichte kommen solte / anzusagen befiehlet. Sekierpera aber schickt er / sich umb der Ambre Liebe in Güte zu bewerben. Der Mufti erzehlt der Lalpare und Ambre des Käysers Ungnade und beräthet sich mit ihnen wegen ihrer Sicherheit. Achmet sagt hierauf dem Mufti den Befehl des Sultans an.

Ambre seufzet über der ihr vorstehenden Gefahr. Sekierpera bemühet sich mit Bitten und Dreuen die Ambre zur Liebe des Käysers zu bewegen; diese aber beweget jene durch Verehrung eines köstlichen Ringes dahin: daß sie der Ambre verspricht / dem Sultan seine geschöpfte Liebe außzureden.

Im Reyen kämpfet die Wollust mit der Begierde /Schönheit/ Geitze / Ehrsucht / Schande / und Gewalt /wider die Keuschheit und ihre Gefährten / als die Mässigkeit / die Vernunft / die Großmüthigkeit / die Demuth / Hoffnung und Gedult. Die Keuschheit aber behält den Sieg.


Die dritte Abhandlung.

Der Bassa Mehemet bittet bey dem Käyser für seine Mutter Kiosem und erbittet ihre Befreyung. Sekierpera erzehlet dem Sultan ihre vergebene Verrichtung /mühet sich auch durch der Ambre Verkleinerung ihm / aber vergebens / die Liebe außzureden.

[104] Fatima, Alima und Hagar des Ibrahims Weiber erzehlen der loßgelassenen Kiosem und Sisigambis ihre bösen Träume / und alle zusammen einander ihren gefährlichen Zustand; in welchem sie Kiosem tröstet.

Hierzu kommt der halbrasende Käyser / und wil seine fünf Söhne hinrichten; damit Ambre keine Uhrsache mehr habe / ihme die Liebe zu weigern. Hier widersetzen sich die gesammten Sultaninnen / theils mit Thränen / theils mit Gewalt / können aber nicht verhindern: daß er nebst Schatradel Agasi den jungen Murat durchsticht. Endlich kommt Achmet, kündigt ihm den Aufstand der Leib-Wache an / und verspricht ihm die Ambre mit Gewalt zu rauben und zu bringen.

Sekierpera bemühet sich den Käyser von Nothzüchtigung der Ambre abzuhalten. Ibrahim setzet der Ambre mit den süssesten Worten zu; als sie sich aber von ihm nicht wil küssen lassen/ befiehlet er sie/ ungeachtet ihrer Thränen umb Ermordung / hinweg zu nehmen und nackt in sein Bette zu werffen.

Die badenden Frauen loben die ehliche Liebe und Wollust / rühmen auch die Glückseligkeit der Ambre. Die badenden Jungfrauen aber loben die Keuschheit /verdammen die Uppigkeit.


Die vierdte Abhandlung.

Der Mufti, Bassa Mehemet, Bectas und andere verfluchen den vom Achmet begangenen Raub der Ambre, beschlüssen den Achmet durch Aufruhr von Würde und Leben zu bringen. Achmet bringet die geschändete Ambre in Huren-Tracht mit schimpfflichen Worten dem Vater nach Hause.

Ambre muntert sie beweglich zur Rache wider den Ibrahim auf / und ersticht sich. Worüber der Mufti sich ebenfals zu tödten vor-hat / der aber hievon abgehalten und endlich beschlossen wird / nach dem Achmet auch den Ibrahim zu stürtzen. Und verspricht der Mufti, des Käysers Mutter Kiosem selbst mit in ihr Bündniß zu bringen.[105]

Käyser Amuraths IV. Geist verweiset der schlummernden Kiosem: daß sie wider seinem auf dem Todbette gethanen Befehl dem Ibrahim auß dem Kercker auf den Thron geholffen / und deutet ihr grosse Gefahr vom Ibrahim an. Darüber sie sich heftig entsetzet. Hierzu kommt der Mufti und beredet sie: daß sie so wohl in ihres Sohns Ibrahims (doch daß er beym Leben bleibe) als des Achmets Absetzung stimmet /und hierzu zu helffen angelobet.

Im Reyen verkleidet auf Begehren der Mord-Lust die List die drey Furien in ein Liebes-Kleid / in Mantel des gemeinen Besten / in einen Priester-Rock / und schicket sie wider den Sultan Ibrahim auß.


Die fünfte Abhandlung.

Kiosem bittet beym Ibrahim: daß er den Mufti wieder begnädigen solle / aber ohne Frucht. Hierüber dringt der Mufti nebst den Cadileschieren und Janitscharen mit Gewalt in das Käyserliche Gemach / und nöthigen nebst Kiosems Zuredung den Käyser: daß er den Achmet vom Ammte absetzen / den Bassa Mehemet aber zum Groß-Visir machen muß.

Bectas eröfnet denen in des Mufti Hause versammleten Janitscharen die Schändung der Ambre, und bewegt sie des Ibrahims und Achmets Untergang zu beschlüssen. Und / als inzwischen der abgesetzte Achmet sich in des Mufti Haus / bey diesem Schutz zu suchen / flüchtet / wird er in die Versamlung des Mufti, der Cadileschier und Janitscharen geführet und erwürget.

Ibrahim bejammert des Achmets Ermordung / wird hierauf dreymal für den Divan / dem Volcke wegen seiner Regierung Rechenschafft zu thun / bey Verlust der Käyserlichen Würde gefodert. Nachdem er aber der Kiosem Rath: daß er sich dahin gestellen solle /verwirfft / die Forder-Zettel pochende zerreisst und den Mehemet, welcher sich dem Käyser zu gehorsamen und sich wider den Divan zu setzen verweigert /tödten wil / dringt der Mufti, Bectas, die Cadileschier und Janitscharen zum Käyser ein; stellen sich an ihn hinzurichten / und nachdem sie[106] ihm auf Bitte der Kiosem das Leben versprechen / zwingen sie ihn / sich des Regiments zu enteusern. Welches er so viel leichter willigt / weil ihm Kiosem seiner Wieder-Einsetzung halber noch einige Hoffnung macht. Worauf Ibrahim in Kercker geführet / sein Sohn Machmet aber zum Türckischen Käyser gekrönet wird. Ibrahim wird im Kercker gantz wüttend / laufft mit dem Kopfe/ umb sich in Ermangelung anderer Waffen selbst hinzurichten / wider die Mauer. Hierüber erscheinet ihm Ambrens Geist / dreuet ihm Untergang und Höllen-Pein an. Worauf er von vier Stummen erwürget wird.

Im Reyen wird Sultan Ibrahims unglückselige Geilheit gescholten / und in die Hölle gestürtzet / die glückseligste Liebe beyder Käyserlicher Majestäten Käyser LEOPOLDS / und der Ertz-Hertzogin CLAUDIA FELICITAS aber in Himmel erhoben.[107]


Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Türkische Trauerspiele. Stuttgart 1953, S. 102-108.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Horribilicribrifax

Horribilicribrifax

Das 1663 erschienene Scherzspiel schildert verwickelte Liebeshändel und Verwechselungen voller Prahlerei und Feigheit um den Helden Don Horribilicribrifax von Donnerkeil auf Wüsthausen. Schließlich finden sich die Paare doch und Diener Florian freut sich: »Hochzeiten über Hochzeiten! Was werde ich Marcepan bekommen!«

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon