Die dritte Abhandlung.


[43] Der Schau-Platz verändert sich in der Isabelle Gefängnüs.

Isabelle.


Bestürtzte Sterblichen / die Ihr die band voll Jahre

In Lust und Jammer theilt / eh Ihr Sie auf der Baare

Nach Schuldigkeit lägt ab / Elende / schaut uns an /

Ob der geängstigste sich uns vergleichen Jean!

Schaut / urtheilt ob ein Mensch im Schau-Platz diser Erden

Durchs Himmels Haß und Neid mehr kan geängstigt wärden;

Schaut urtheilt / ob ein Mensch der sich durch herben fall

In gleichem Elend weis; schaut ob des glükkes Ball

Mit imand trüber spilt! schaut urtheilt meine Schmertzen!

Ob Euch ein Donner-Keil des Trübsaals mehr die Hertzen

Gerührt / zerschmettert hat! Die Thränen rühm Ich nicht

Die dis gesicht benätzt / seit Ich das Tage-Licht

Bestrahlet von Kind auf; was uns für Vnglüks-Fälle

Zur Hand gestossen sind. Die erste Jammers-Kwälle /

Die erste Schif-bruchs-Flut die uns durch ernste Noth

Fast gar zu Scheitern schmiß / und uns die Waffen both

War der Grimbalder Haß zu den Justinianen

Die bis zun Eltern sich von den uhralten Ahnen

Schier un-versöhnlich span. Als diser Sturm verging

Zog ein new Wetter auf das Luft und Krafft empfing

Von dem versöhnungs-Wind der uns zwar einen Hafen

Doch auch neu Vnglük wieß: als die mehr schlechte Sklafen

Als edlen Spinoler den Rudolf bei der Nacht

Mit stürmer Hand fieln an / und einer umbgebracht

Durch Ibrahms Spitze fiel / der sich aufs Vaters seite

Straks aus dem zwei-Kampff gab. Wiewol nun von dem Streite

Der Väter Haß hört' auf / so ward aus Stad und Land

Doch mein Justinian von unserm Rath verbannt.

Die tiffen Säufzer sind von nimand zu ermässen[44]

Die als Ich zu Monahk hab oft bethränt gesässen

Mein jammernd Hertz aussties / wenn Ich die Briffe schrieb

Dem Libsten / ohne den ich Lib und Zeit vertrib!

Doch was erzähl Ich dis? was war es / was beklaget

Zu schätzen gegen dem / als Mir an ihm verfaget

War schriftlicher besuch / und uns die Julie

Dem Printz von Massarahn zu gäben zu der Eh

Durch-aus entschlossen war: Bis daß des Himmels gütte

Des Hertzogs Lib auf-hob / aus Juliens Gebitte

Und stränger Aufsicht nam: Doch bald ward dise Lust

Mit neuer Pein vergällt. Es war uns nichts bewust

Als das Justinian Bestallung sollte haben

Ins Deutschen Keisers Heer / doch erste Briffe gaben

Uns Nach-richt / daß Er längst dem Krigs-Ampt ab-gedankt;

O Nach-richt! Wie hat uns die lange Zeit verlangt

Zu wissen / ob mein Fürst schon todt sei / oder lebe.

Die Hand war stets geschikkt das sie dem Jammer gäbe

Ein Ende durch den Tod. Doch nach so rauer Pein

Schien einen Augen-Blikk des Glükks geschminkter schein /

Als meinen Ibrahim mit Frewd und Ehrn-Gepränge

Gantz Genua nahm an / den Ossmann nach der länge

Begnadigt heim zu zihn. O trauriger Verlust

Als Er nach kurtzer Zeit uns lassend zihen must

Ins Türkschen Blut-Hunds dihnst. Doch wie bei kühlem Mertzen

Des Himmels Angefleht bald finstre Wolken schwärtzen

Bald auch die Sonne scheint: so handelt' uns die Noth

Als Rustahns nützlich Raub nach Solimans Geboth

Uns nach Stambulden bracht'/ und uns nach Wunsch ergätzte

Mit Ibrahms Gegenwart. Doch ach! was ich mir schätzte

Für günstigstes Gelükk / das hat / ach ach! ach Weh

Uns in den Jammer-Schlund / uns in die Thränen-See

Uns in dis Schiff-bruchs-Meer / uns in dis trübfals-Feuer

In disen Tod gestürtzt / wo wir so schwer so teuer

Bezahlen was erkwikt'/ hat uns ein Tag ergätzt /

Seit Ibrahim den Fuß in Persens Krig gesätzt!

Mit was erschröknüs hab Ich die erboosten Wellen[45]

Die mächtiger / als mich mich schwaches Weib zu fallen

Erduldet auf der Brust? Mit was Bestand hab Ich

Die Brunst zurükk gedrükt / durch welcher Flamm an mich

Der tolle Sulthan sätzt'! Ach! Hänkker unsers Lebens!

Ach Blut-Hund! ach Tiran! hat Ibrahm dir vergebens

Geleistet treue dihnst? hat Ibrahm dir so viel

Zu Lib und nutz gethan? daß wir ein Zwek und Ziel

Itzt deinem wütten sein! Gott / mächtigster Erretter

Printz aller Printzen Printz / laß uns dis Vnglüks-Wetter

Nicht gar in nichts verkehrn; wo nicht / hilf / das der Nacht

Des Kerkkers / uns der Tod geschwind ein Ende macht.


Soliman. Isabelle.


SOLIMAN.

Wir fragen noch einmal ob sie noch un-verrükket

Harr auf dem alten Kopff / ob sie noch nicht geschikket

Zu dem / worzu wir Ihr bedänk-Zeit lissen zu?

ISABELLE.

Bedänk-Zeit ändert uns nicht die Gewissens-Ruh.

SOLIMAN.

Was nicht bedänk-Zeit kan wird Schärff und Eifer wenden.

ISABELLE.

Wir wünschen aus der See in Tods-Port ein-zuländen.

SOLIMAN.

Dünkkt Klipp und Strudel sie ein froher Port zu sein?

ISABELLE.

Ja wol! wir fahrn zur Ruh aus disen Banden ein.

SOLIMAN.

Sie kan ein besser Wind zum Ehren-Hafen führen.

ISABELLE.

Wenn wir durch disen Port nur nicht den Port verlieren.

SOLIMAN.

Wie daß Sie flüchtig Ihn / ist er ein Port / umbfahrn?

ISABELLE.

Weil die Gedanken uns auf einem bessern warn.

SOLIMAN.

Wie daß Euch der nicht taug der besser ist als alle?

ISABELLE.

Ich wil Ihn wo Ich kan umbsegeln: Er gefalle

Wem Er gefallen wil!

SOLIMAN.

Wie wenn er euch denn mus?

ISABELLE.

Er mus nicht / dem es nicht zu sterben ein Verdrus.

SOLIMAN.

Bedänkt wol was ihr thut / bedänkts wo euch zu rathen!

ISABELLE.

Es dünkt uns wol gethan was wir zuvor schon thaten.

SOLIMAN.

Bedünkts euch wol gethan wenn ihr den Keiser höhnt?

ISABELLE.

Nein / wenn wir ihn verehrn.

SOLIMAN.

Wenn ihr den der euch krönt

Mehr als zum Sklafen macht?

ISABELLE.

Der uns in Kerker stäkket?[46]

SOLIMAN.

In der nur gifftgen Haß des Keisers lib erwäkket?

ISABELLE.

Der Keiser feindet uns nur durch sein liben an.

SOLIMAN.

Der unser Demuth nur mehrt ihren hoch-muths-wahn?

ISABELLE.

Des Keisers Demuth schrökkt uns mehr als wenn er krachet.

SOLIMAN.

Die unser bitt und flehn nur unerbittlich machet!

ISABELLE.

Des Keisers bitt und flehn ist rauer als ein Schwerd.

SOLIMAN.

Der unser thränend Aug das Hertz in stein verkehrt!

ISABELLE.

Des Keisers Thränen dräun uns mehr als schwerdter-schleiffen.

SOLIMAN.

Wol! so last strang und Pfal und schwerdter uns ergreifen.

Wol / so last unsre Thrän abwaschen euer Blut

Weil / wie ihr fagt der Tod euch so gelinde thut.

ISABELLE.

Wir finden uns geschikkt. Vnd wo wir ja den wissen

So laß mein Fürst allein uns für den Ibrahm büssen

Der nichts an dem hat schuld / was Isabell begeht.

SOLIMAN.

Nichts schuld hat / der der uns allein im Wege steht

Und einen Ein-trag thut?

ISABELLE.

Was hat er ie begangen?

SOLIMAN.

Auf was für einer That ward er mit Euch gefangen?

ISABELLE.

Auf der zu der ihn Noth und Recht gedrungen hat.

SOLIMAN.

Fand Wollust mehr bei Ihm als der gehorsam statt?

ISABELLE.

Bei Schiffbruch und gefahr ergreifft man zu entkommen /

Brett / Holtz und was man kan.

SOLIMAN.

Es ist denn fürgenommen /

Daß sie mit einem Wortt sich rund ent-schliessen sol.

ISABELLE.

Wir thun was Tugend heist.

SOLIMAN.

Bedänkts bei zeite wol

Daß Ossman der sie bitt ihr Macht hat zu gebitten.

ISABELLE.

In dem nicht / wo er wil recht handeln / und nicht wütten.

SOLIMAN.

Daß Ossman der sie übt der übe würdig sei.

ISABELLE.

Libt uns der Keiser denn so mach Er uns doch frei.

SOLIMAN.

Sie sol den Keiser selbst Ihr zum Leib-eignen haben.

ISABELLE.

Dis heist mit Ketten / nicht mit Freiheit uns begaben.

SOLIMAN.

Kan ihr der / der so bald sie zu Monak verlies

So vihl am Wäge stehn?

ISABELLE.

Selbst ihre Hoheit prieß

Den der auch Preisens werth / daß Er die nach-gesätzet /

Die er doch mehr als sich mehr als die Welt geschätzet /

Der Zu-sag und dem Eid.

SOLIMAN.

Wir prisens zwar als gutt[47]

Für uns / doch nicht vor sie.

ISABELLE.

Wenn er mir unrecht thut /

Dem Keiser wol / warumb strafft er ihn unsert-wägen?

SOLIMAN.

Weil auch der Keiser wil der Fürstin Wolfarth pflägen.

ISABELLE.

Ach / dis ist nicht gepflägt / wenn den mein Fürst betrübt

Den Isabelle mehr als selbst ihr Leben übt?

SOLIMAN.

Libt sie den Ibrahim mehr als ihr eigen Leben /

Wol / so kan sie hirdurch ihm straks die Freiheit gäben.

ISABELLE.

Die Freiheit? wie! durch was?

SOLIMAN.

Wenn sie den Keiser übt

ISABELLE.

Was nützt es / wenn man dis für ihn zur Beute gibt

Daß wir so gerne nicht als seel und Geist entbehren /

Und ohne das ihm nicht wird Ibrahim begähren

Zu leben / frei zu seyn.

SOLIMAN.

Sol denn der Keiser eh

Sich selber bringen umb / als das sein knecht vergeh?

Der Keiser kan sich selbst mit samt den knecht erhalten.

SOLIMAN.

Nein / Ossmann mus wo sie nicht libet straks erkalten.

ISABELLE.

Und Isabelle wil eh sie ihn übt vergehn.

SOLIMAN.

Itzt wird ihr Ibrahim den schwartzen strang ausstehn.

ISABELLE.

Es geh nun wie es geh / Er wirds erfreuter leiden

Als uns aus seiner Lib ins Keisers Dihnst sehn scheiden /

Doch ach! wo dänkk ich hin. Ich führ ihn in die Noth

Auf diese Schiffbruchs-klipp in Marter Angst und Tod /

In diese Donner-Wolkk / die über ihn ergrimmet.

Wo noch ins Keisers Hertz ein Freindschaffts-funkke glimmet

Wo Ibrahm ihm nur noch mein Fürst im träum kompt ein

Wo Ibrahms Thaten ihm nur nicht ein ekel sein

Wo meine Thränen noch mein Fürst so viel verfangen /

So laß Er seine Magd die jüngste bitt erlangen /

Die jüngste bitt / mein Fürst / mein Keiser / er gesteh

Das die die es verdihnt / nicht Unschuld untergeh.

Was hat hier Ibrahm schuld wenn Isabelle sündigt

Warumb denn das man Ihm nicht Ihr den Hals ab-kündigt?

Muß anders Rach und Grimm auf seinem Kopf beruhn

So laß uns auch mit ihm.

SOLIMAN.

Wir wissen was zu thun.


[48] Der Schau-Platz verändert sich in den Keiserlichen Richt-Saal.


Ibrahim. Hali. Achmatb. Rustahn.

Etliche andere Bassen / die Stummen.

Der Aufzug zu der Todten-Mahlzeit.


RUSTAHN.

Nachdem die Majestät die Rach und Recht befästigt

Des großen Solimans / vom Ibrahim belästigt

Gereitzt durch deine Schuld verlätzt durch deine Flucht /

Durch deinen Vnter-gang des Reiches bestes sucht;

Heist seine Hoheit mich den Ich in Demüth ehre

Dir reichen diesen Rokk.

IBRAHIM.

Mein itzigs Beispihl lehre

Den Rustahn / daß sein Fall so nah ihm sei als mir.

RUSTAHN.

Ich thus vom Soliman nicht von mir selber dir.

IBRAHIM.

Wir wissens / was dein Maul uns fälschlich angedichtet.

RUSTAHN.

Weistu nicht das dich selbst dein Schelmstükk hingerichtet.

IBRAHIM.

Die Tugend wird durch Neid zum Laster oft gemacht.

RUSTAHN.

So spricht der / der sich selbst zu seinem falle bracht:

Der Neid kan keinen nicht ohn Vrsach überschütten.

IBRAHIM.

Wie kan ich als ein Mensch was menschlich ist verhütten?

RUSTAHN.

Steigt eine Flamm empor wenn sie nicht Nahrung findt?

IBRAHIM.

Des schelen neides Aug ist des Gelükkes kind.

RUSTAHN.

Mißhandlung darf allein dem neide Platz gestatten.

IBRAHIM.

Wem Glükk und Sonne scheint / den däkt auch neid und Schatten.

RUSTAHN.

Der Geier rücht ein Aaß / leb-haffte Leiber nicht.

IBRAHIM.

Manch Hund billt wenn ihm gleich oft gar kein leid geschicht:

Der neid blüth nirgends mehr als wo die Tugend grünet.

RUSTAHN.

Der neid körnt nicht so hoch der bloßer mißgunst dihnet.

IBRAHIM.

Manch starkes Last-Schiff geht zu Scheittern durch den Wind.

RUSTAHN.

Doch weis man / das ein Kahn noch seltener entrinnt.

IBRAHIM.

Genung hirvon! genung / weg schlechtes Wort-rgezänke!

Wir nähmen disen Rokk dis grimme traur-geschänke /

Zwar unerschrokken an / und scheun dis Mordgericht

Und schmäliche vergehn mit keiner Ader nicht.[49]

Weil unschuld und Verdihnst und unbeflekkt gewissen /

Die Marter / denen die sie nicht verdihnt / versüssen.

Uns graust nicht vor dem Tod und harten Hänker-strang

Weil unser Ehren-Ampt noch niemals bessern Dank

Noch bessern Lohn verdihnt. Die roth-bespritzten Wände

Vons Kassa Bassen blut / in welchem seine Hände

Der dürstge Sulthan wusch / erinnern uns im Schlaff

Daß dis uns heute triff was jenen gestern traff.

Doch schmertzt michs minder nicht / daß Osmann unserthalben

Mit disem Schand-flek ihm wird seinen ruhm besalben /

Daß unser blut ihm wird ein Brand-mahl brännen ein /

Dem wir ob dieser Rach dennoch nicht ab-hold sein.

Noch schmertzlicher fällts uns / wenn wir die Neider sehen /

Die auf uns dieses Gifft mit steiffen Bakken wehen /

Frolokkend über uns / wenn unser Tods-seind kan /

Die Seel uns sprächen ab die strängel kündgen an.


Die stille Mahlzeit.


IBRAHIM.

Wol an / denn laßt uns gehn die rauen todes-gänge

Uns wird die saure frist des lebens nicht zu enge /

Weil Rustahns Vngedult uns zu verstehen gibt /

Daß Stund und Tod sei dar. Ist daß uns Ossmann libt

Dis unser Bürg und Pfand? dem wir mit Lib und Traue

Bis auf den Tag gedihnt / dem wir mit Stein und Bleie

Und schwerem Stahl belägt erhilten Leib und Geist /

Als Ihn der Feind mit Tartsch und Spiß und Schild umbkreist:

Vns? die wir gantz bedekkt bei den Nifaten Steinen

Das fändicht harte Land / mit Leichen / Hirn und Beinen;

Die wir mit Eisen / Helm und Harnisch / stein und Schwerd

Der Parten Feld gepflügt / des Sofi Kron gewehrt

Dem der uns hir erwürgt mit den gedrangen Strikken /

Daß wir in eignem schaum geronnen Blutts erstikken.

Wiewol ist Wund und Zeit umb dieses schwartze band

Umb diesen Todten-Rokk so traulich angewand![50]

O hette ja mein blutt des Sinans durst gestillet!

O hett ich meine Seel im strängeln aus-gebillet!

O wär ein gifftig Pfeil durch lung und Hertz geschlipfft;

O hett ein Persisch beil mir nakk und Stirn zerkipfft.

Doch Last uns gehn! wol an! du schau-Platz meiner Sige

Du Zuflucht / Schirm und Trotz der Keyserlichen Krige

Du aller Städte Stad / und du / ihr Keyser auch /

Ade! dein Siger stirbt; du du durch mich in Rauch

Und in umb-schwermend Asch und graus verkehrtes Persen

Ade! dein schrekken liegt! mein siegs-Lob wird doch herschen

Und meiner Palmen Ruhm wird eingeetzet seyn

Den halben Marmeln / die von mir geäschert ein;

Dem Sande / der noch naß von unser Feinde blutte

Das unsre Faust vergos dem Soliman zu gutte

Ihr Freunde gutte Nacht! Ihr / die Euch Mund und Hand

Und Hertze mir verknipft! Ade! mein Vaterland!

Vertraute Fürstin / Ach! zu gutter Nacht / mein Leben /

Der wir dis letzt Ade mit schweren Säuftzern gäben /

Mit schweren Säuftzern / ach! man lasse dise Glut

Des Sulthans läschen aus / allein durch unser Blut /

Und lasse sie nicht des was Ibrahm büst / entgälten /

Sol der erblaste Geist nicht eure Mord-Lust schälten /

Den strenges Blut-Recht tagt aus seiner Grufft herfür.

Ihr alle / die Ihr Mich bestürtzt schaut / und was Mir

In eurer Gegenwart für Jammernüs begegnet /

Seid von Mir zum Ade! zu gutter Nacht gesegnet!

Ihr legt den Rokk uns umb: hier ligen wir gesträkt!

Schlingt uns die strängel an. Wenn wir den Kopff gestäkt

Zur Erden / denn ziht zu / daß wir im eignen Bade

Ersauffen unsers Blutts.


[51] Trompeten.

Soliman. Ibrahim. Rustahn. Die Bassen.

Die Stummen.


SOLIMAN.

Halt halt verziht Genade!

Verziht halt inne halt / verziht! Es ist geschehn

Es ist geschehn / daß Er noch nicht den Tod sol sehn.

Was starrt Ihr? hebt Ihn auf / bald macht ihm los die Strikke /

Ziht Ihm das Tods-Kleid aus!

RUSTAHN.

Zeucht Soliman zurükke

Was erst sein Aus-spruch war?

SOLIMAN.

Thu was dein Keiser heist.

IBRAHIM.

Wo bin Ich? Himmel hilf! welch Blitz welch Donner reist

Den harten Strang entzwei?

SOLIMAN.

Pakt euch aus dem Gesichte /

Geht Hänkker!

IBRAHIM.

Wie mein Fürst? hebt Er das Blut-Gerichte

Von Ibrahms Nakken auf?

SOLIMAN.

Ziht Ihm den Purper an.

IBRAHIM.

Den Purper / wie? wem / Mir? Mir? Keiser.

SOLIMAN.

Ossmann kan

Dich nicht verdammen.

IBRAHIM.

Er mein Keiser?

SOLIMAN.

Wir begnaden

Den Ibrahm / daß Er frei.

RUSTAHN.

Was mag dem Keiser schaden?

SOLIMAN.

Schweig Hund! Es ist geschworn / befästigt durch den Eid

Daß Ibrahm leben sol.

IBRAHIM.

Ach glüklicher Bescheid /

O meines Keisers Gunst / ach meines Keisers gütte!

SOLIMAN.

Die Tugend Ibrahims dein redliches Gemütte

Der hoch-betheuert Eid der erst gefaste Schlus

Bezwingt den Soliman. Er Ibrahm Ibrahm mus

Noch leben! trit herbei / mein Ibrahm / trägstu schäue

Uns zu umb-armen? komm! die uns sonst fremde Räue

Vertilgt den grimmen Haß / die Gunst verneuert sich

In der verhasten Seel / und Ossmann übet dich

Der dir vor spinnen-Feind. Des Ibrahms Freundschafft findet

Den alten Sitz in uns: der Libes-Dunst verschwindet /

Der uns umb-nebelt hilt / durch den erneuten Glantz

Der würkenden Vernunfft. Wir schaun den grünen Krantz

Des kräfftigen Bestands / die tapfermüthge Tugend

Der Isabellen an: nicht ihre schöne Jugend

Nicht ihres kinnes Perl nicht ihrer Augen Schein /

Die Marmel-Brüste nicht / der Stirne Helffenbein

Nicht den Korallnen Mund und die Milch-rothen Wangen;[52]

Wir sind verwundernd zwar doch itzt nicht mehr gefangen /

Wir wünschen sie zu ehrn doch nicht ihr Eigenthum.

Wir wünschen den Geruch nicht selbst die Ros' und Blum.

IBRAHIM.

O itzt erkänn Ich erst des Keisers eigne Stimme!

Itzt lern Ich daß so sehr noch Ossmanns Tugend glimme!

Itzt hör Ich / daß er noch der alte Sulthan sei /

Der den nicht tödten kan der vom verbrechen frei.

Es ist nicht Soliman nicht meines Keisers Wille

Gewesen / was verdammt. Die falsch-beschönte hülle

Der Wahrheit die den Sinn mit scheinbarm Dunst verbländt

Der Neid-Sturm der sein Hertz auf disen Schlund gewändt

Hat über uns geblitzt; der Auf-hatz hat die Säbel

Auf unsern Kopff geschärft. Itzt werden Dünst und Nebel

Verstäubt / zertrennt / erhellt / wenn Ossmanns Sonn aufgeht

Mit seiner Tugend Glantz. Mein Kärker wird erhöht

Wenn Oßman freundlich siht. Begihrde kan zwar sätzen

An Oßmanns gros Gemütt allein es nicht verlätzen:

Wie der erhitzte schaum zwar an die Fälsen schlägt /

Auf Klippen rawer Wind / doch beides nicht bewägt.

Scheint auch zwar der Vernunfft begihrd oft obzuligen /

So scheints nur: Wie ein Pfeil vom Bogen hoch zu fligen

Bis an den Himmel scheint / ob Er das Mittel-Theil

Der Luft gleich kaum erreicht. Nun trag Ich wider feil

Mein Leben für den Nutz und Wol-stand meines Fürsten /

Das Ich sätzt in die Schantz als ide Waffen knirschten

Zu trotze Stambuls Burg; dein Ibrahm steht geschikt

Daß Er was Oßman feind gewaffnet unterdrükt.

Ich schwer' es teur und sehr daß Ibrahim die Glider

Daß Ibrahim sein Haupt nicht sanffte lägen nider

In Stambuls Gräntzen wil / es sei daß der verlauff

Des Krigs / durch den der Feind sich wider dich lehnt auff

Durch disen Arm erlägt.

SOLIMAN.

Wir kennen dein Gemüte

Und dein gut-hertzicht Hertz.

IBRAHIM.

Begnadigt seine Gütte

Mit diser Freiheit auch / mein Keiser Isabelln?

SOLIMAN.

Wir heissen / ja! mit dir auf freien Fuß sie ställn.[53]

Geht / laßt im Kärker bald die schöne Fürstin wissen /

Daß unsre Gnade sie der Freiheit läst genissen /

Das Ossmanns Ehr / und ihr Bestand / und Ibrahms preis /

Den Kärkker ihr eröffn und aus den Fässeln reiß.

IBRAHIM.

Was wünsch Ich mehr mit Ihr als daß Ich Ossmanns Füsse

Mit tifstem Dehmuths-dihnst und Ehr-erbittung küsse /

Als das Ich – –

SOLIMAN.

Hebt ihn auff.

IBRAHIM.

Mein dankbar Hertz erweist:

SOLIMAN.

Wir: daß ihr heute noch mit uns zur Taffel speist.


Reien der Sarazenischen Pfaffen.


1. Satz.

Heinte wenn die kühle Nacht wird ihr Haupt mit Maah bekrönen

Und Bizanz mit Schatten däkken / fällt der heilge Neu-Mond ein /

Und in Jetti-Gula Burg wird bei den Musulmans-Söhnen

Des berühmten Bujuk-Weiram grosse Fest-Begehung sein.

Nun dem Mahumeth zu Ehrn

Auf Befehl der Kadi-Orden

Die uns Recht und Gotts-Dihnst lehrn

Heilig schon gefasset worden.


1. Gegen-Satz.

Unser Ramadam fällt ein / aber wird den Ertz-Propheten

Unser Feier auch versöhnen? Weil sich Soliman beflekt

Und den grossen Ibrahim lässet durch die Hänker tödten /

Der mit Kiful-Bassens Kronen unsers Sulthans Haupt bedäkkt /

Der des Roth-Kopffs Trotz versehrt /

Die Kalenders überwunden /

Stambuls Türksches Reich vermehrt

Und den edlen Friden funden?


2. Satz.

Freilich ist zu fürchten uns daß uns Mahumeth nicht hasse /

Weil der Sulthan der Musulman nicht der Christen blutt vergeust /[54]

Weil von Padi-Schach erwürgt bald wird der bald jener Basse /

Daß der Bosphor auch beschäumt roth von Türkschen blutte fleust

Seit der Kaimekam starb

Mustaffa verging durch Stränge /

Kassens Rath den Strik erwarb /

Ists wol eines Menschen Länge?


2. Gegen-Satz.

Heilger Sohn des Abdala / Ertzt-verkündger unsrer Zeiten /

Wende dises Vngewitter von des Ibrahms Nakken ab /

Daß er deine Lehre könn in den gantzen Aufgang breiten /

Biß der Ketzer Hali selber Wahl-farth geh in Mechchens Grab /

Biß der Christ und Indian

Sei bekehrt zu unser Lehre

Biß der Adler Ossmans Fahn

Und Stambuldens Monden ehre.


Ab-Gesang.

Dem Mahumeth sei Dank

Er hats dem Padi-Schach vom Himmel eingegäben

Daß er den Ibrahim ihm läst zum besten leben /

Wiewol ihm schon der Strang

Ihn zu er-würgen lag geschlingt umb seinen Halß.

Er leb er leb / er lebe!

Des Schöpffers Hülffe gäbe

Daß Ossmans gnade nicht sei Vrsach seines Falls!

Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Türkische Trauerspiele. Stuttgart 1953, S. 43-55.
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