Die vierdte Abhandlung.


[55] Der Schaw-Platz verändert sich in der Keiserin Zimmer.

Rustahn. Roxelane.


RUSTAHN.

Dis ists / was mich und Sie bißher so sehr bekümmert!

ROXELANE.

Ist Ibrahm todt?

RUSTAHN.

Ja todt! dem wir das Grab gezimmert

Dem baut der Keiser Kron und Reich.

ROXELANE.

Was redestu?[55]

RUSTAHN.

Was mir solch Vn-lust macht.

ROXELANE.

Sag uns gerade zu.

RUSTAHN.

Der Ibrahm lebt und herscht!

ROXELANE.

Träumt dir?

RUSTAHN.

Wie ich erzähle

So ists.

ROXELANE.

Du irrst dich.

RUSTAHN.

O daß meine Rede fehle!

ROXELANE.

Ich selbst ja sah Ihn erst zum Hals-Gerichte führn.

RUSTAHN.

Dis glaub Ich; half Ich ihn doch gar zum Tode zihrn.

Wir waren neben Ihn zur Mahl-Zeit schon gelassen

Man sah einander an / es wolle nimand essen /

Die Taffel war voll-aus mit frembder Kost bedäkkt

Kein einger redt' ein Wort; Er bloos saas un-erschräkkt

Vihr Stumme dihnten Ihm auf mit schwartz-feidnen Strängen

Uns ward die Zeit zu kurtz / Ihm wolt sie sich verlangen.

Er stand zu erst auch auf und ging den sauern Gang

Des Todes / als Ihn rief der Mord-Trompeten Klang.

Er lag die länge schon zur Erden aus-gesträkket

Er hatte schon den Halß ein in den Strang gestäkket

Die Hänkker dorften nur die Schlinge zihen zu

Als unser Sulthan gleich – –

ROXELANE.

O der verdammten Ruh

Der langsamen Fasalln?

RUSTAHN.

Geplatzt kam in das Zimmer /

Vnd uns zu-winkend rief:

ROXELANE.

O könt uns etwas krümmer

Begegnen.

RUSTAHN.

Hali / verzieht! Er fuhr Mich trotzig an /

Ich sagte nur ein Wort.

ROXELANE.

O närscher Gütte Wahn!

RUSTAHN.

Ich starrt und hätte gern mein Wort gehabet wider.

ROXELANE.

Sah der verdammte zu?

RUSTAHN.

Der Hund fihl vor ihm nider

Doch Achmat hob Ihn auf: die Bassen lägten Ihm

Den Purper wider an.

ROXELANE.

Als wenn Er ihm geziem!

RUSTAHN.

Der Keiser nahm Ihn selbst mitleidend in die Armen /

Und reicht Ihm Kuß auf Kuß.

ROXELANE.

Ha Weibisches Erbarmen!

RUSTAHN.

Dem Hali gab Er auch aus-drüklichen Befähl

Daß Er die Fürstin straks frei vom Gefängnüs zähl.

ROXELANE.

Die Fürstin? nein die Magd / die Magd die wir verlachen.

Wie? oder wil Er sie zur Keiserin Ihm machen?

Nein allzu weit gefehlt. Wo dise Sklafin nicht[56]

Wird disen Abend noch sein schmählich hingericht't /

Wo wir für Mitternacht nicht noch den Ibrahm stürtzen

So mus der Himmel uns der Jahre Rest verkürtzen /

So müssen wir verhöhnt / ent-sätzet unsrer Würd /

Verstoffen aus der Burg / belästigt mit der Bürd

Der harten Dihnstbarkeit / und von der Ehren-Staffel

In Grund gedrümert sein.

RUSTAHN.

Er hies ihn auch zur Taffel

Erscheinen.

ROXELANE.

Daß Ihr bund ja bald bekräftigt ward.

RUSTAHN.

Man feier länger nicht. Wenn uns ein Ast entfährt

Den man vom Wipffel hat gebeugt zur Erden nider /

So schnellt er aus der Hand empor vihl höher wider

Als er zu erste wuchs. Entwischt der tolle Hund

Uns anders disesmahl so drükt er uns zu grund

Und wächst uns mehr zu Hals / als da Er an der Spitze

Der Ehren-würden stand.

ROXELANE.

Der Kummer ist nichts nütze.

Wird der / die durch Vernunfft und Arglist und Verstand

Den Vater Bajazet / wie weit er weg verbannt

Aus Stad und hoffe war voll-kömlich eingelibet /

Die dem was Ossmann schleuft / kraft / Würkung / ausschlag gibet /

Die aus Leib-Eigenschaft sich künstlich eingespielt

Ins Keisers Bett und Thron und ihren muth gekühlt

An seinem Mustaffa / dis schwer sein zu verrichten?

RUSTAHN.

Ich zweifel an der Macht der Sulthanin mit nichten /

Auch weiß Ich: Frauen-List sei schärffer als der Blitz

Der durch das trächtge Tuch der Wolkken einen Ritz

Mit hellen Flammen macht. Doch wenn sie gegen-wärtig

Besichtigt den Verlauff / wie freudig / fiks und färtig

Der Keiser ihn umbarmt / begnadigt angeredt /

Und wie er vorgab / ihm sein Heil beeidet hätt /

Die Fürstin würds ihr selbst so leichte schwerlich machen.

ROXELANE.

Noch leichter!

RUSTAHN.

Ist ein Feind doch nicht wol zu verlachen

Der schon halb unten ligt.

ROXELANE.

Es ist uns umb ein nein

Und umb ein Wortt zu thun.

RUSTAHN.

Was ging er vor erst ein

Auf unser bitt und Wunsch und stösts doch über hauffen.[57]

ROXELANE.

Wir wissens mit was wir solln seine langmuth kauffen.

Es ging noch langsamer mit seiner Zusag her

Es machtens ihm sein Sohn und Reichs-Verordnung schwer

Eh er an beischlaffs-statt uns ihm zur Eh empfinge.

Du weists / wie scharf allzeit wie schlecht und wie geringe

Gleich das Gelatze war / er über selbem hilf

Doch gleichwol brach ers uns.

RUSTAHN.

Sie weis was Ibrahm gilt

Beim Keiser.

ROXELANE.

Auch was wir. Er wirds uns nicht versagen /

Gesätzt / er solts uns auch ab wieder hoffen schlagen /

Du weist was Muffti kan. Vnd ist uns dieser nicht so

Nach unserem begehr zu willfahrn hoch verpflicht?

Den unsre vor-bitt hieß zum Prister-Ampt erhaben.

RUSTAHN.

O hat der Mahumeth den Rath ihr eingegäben.

ROXELANE.

Die Sache wie wir sehn erduldet nicht Verzug

Wir haben gleich ietzund den Keiser guten fug

Zu sprächen.

RUSTAHN.

Sie kan sich / als wenn Ihr seine gnade

Unwissend / nähmen an.

ROXELANE.

Wol! wir gehn schon gerade

Aufs Keisers zimmer zu. Beställ uns du hieher

Den Muffti / sprich / daß sein die Keiserin begehr.


Der schau-platz verändert sich in des Solimans zimmer.

Roxelane. Achmat. Soliman. Hali.


ROXELANE.

Ist nicht der Keiser hier?

ACHMAT.

Er ging un-längst in Garten

Uns hieß er seiner hier in disem Zimmer warten.

ROXELANE.

Ging er alleine?

ACHMAT.

Nein. Er trat den blauen Steig

Mit dem Visier hinab zur Sommer-laube.

HALI.

Schweig

Der Keiser.

ROXELANE.

Wo gewest mein Fürst / mein Schatz /

mein Hertze?

SOLIMAN.

Wir gingen unsrer Sorg und kummer-reichem schmertze

Zu hälffen ab / als schon die Sonne nicht mehr stach

Und gleich zu Golde ging / in Lust-gang / vom Gemach /

In welchem sich uns hat was seltzams zugetragen.

ROXELANE.

Wil seine Hoheit uns nicht ihren Zufall sagen?

SOLIMAN.

Wir gingen / wie erwähnt / im Garten ohngefähr

Nach-hängend unserm Weh und Schwermuth hin und her[58]

Wo sich der Erden Schos mit tausend Blumen schwängert.

Besonders einer war ihr blättricht Haupt verlängert /

Die lacht' uns bevoraus gleich einem Lib-Reitz an /

Biß unser Aug ihr sich zu nähern kurz besan.

Je näher wir auch ihr mit unsern Augen kamen /

Und die vollkommne Pracht in das Gesichte namen

Ie schöner daucht sie uns / sie war breit aus-gesprist

Doch hatte sie bereit zwei Blätter eingebüst;

Zum Vber-flusse hilt sie noch ein andre wider

Die nicht viel minder schon / das sie nicht sank darnider:

Doch augen-bliklich ward die stützende zerdrükt

Von diser die sie hielt; auch kurtz darnach zerknikt

Ent-blättert / dürr und welck der hohen Blume Krone

Und stoltze Keiserin.

ROXELANE.

Mein Hertz / es ist nicht ohne

Daß oft des Himmels Schluß / durch Zeichen gleicher Art

Verborgne Zufall hat die künfftig offenbahrt.

Doch daß man dis und das was ohn-gefähr geschihet

Nach seinem Sinn und Kopff zu deuten sich bemühet

Ist Arbeit sonder Frucht. Der Keiser steht in Ruh

Und siht dem Zischen nur der Todten-Flamme zu /

Er lebe wol mit uns mit Reich und Stad vergnüget

Nun nur der Ibrahim der Hund gesträngelt liget

Der nach gepochter gunst den ihm erhohlten Lohn

Bekommen seinen Rest.

SOLIMAN.

Er hat die Tugend-Kron

Und unsre Gnad erlangt.

ROXELANE.

Was fagt mein Fürst?

SOLIMAN.

Wir lassen

Ihm Gnade widerfahrn.

ROXELANE.

Dem den der Fürst erblassen

Erst noch für abends hies? den Ibrahm unsern Feind?

Den Ibrahm der uns hast.

SOLIMAN.

Nein / unsren träusten Freund.

ROXELANE.

Ist dis ein Freund der uns nach Stul und Reiche trachtet?

SOLIMAN.

Nein der / der unser Heil mehr als sich selbst geachtet.

ROXELANE.

Der unsern Vntergang und gantz Verdarben sucht?

SOLIMAN.

Nein der uns noch beschützt.

ROXELANE.

Der uns in Abgrund flucht

Wie ists / wo dankt er hin? wie? läst mein Fürst zerplatzen[59]

Den End-Spruch? oder wie / wil er uns überschwatzen

Zu glauben was er spricht? Es red uns niemand ein

Wir müsten denn nicht klug nicht wol gescheuet sein /

Daß Soliman so bald den ersten Vorsatz änder.

Nein / er hat umb ein Wort Leib / Leben / Glük und Länder

Oft in den Stich gesätzt. Wie vihlmal haben wir

Selbst ihrer Hoheit Mund groß-müttig bringen für

Den tapfern Spruch gehört; das Widerruff und Räue

Nur blosse Schwachheit sei / der Hertzen welche schäue

Begleitet für Gefahr.

SOLIMAN.

Nein nein / es räut uns nicht /

Es räut uns nicht / nein nein! denn dis was itzt geschicht

Sol uns der Abweg sein aus den verzagten Schranken

Der Räw und Wiederruffs.

ROXELANE.

Von was wil er nicht wanken?

SOLIMAN.

Von dem was Gott noch ich noch Tugend brächen läst.

ROXELANE.

Mein Hertz entdäkk uns doch was diese Glutt ausbläst?

SOLIMAN.

Der Eid-Schwur welcher ihm mit uns versprach das Leben.

ROXELANE.

Der Keiser ist des Schwurs gar leicht zu überhaben.

SOLIMAN.

Wer billigt ausser ihr uns den ertheilten Rath?

ROXELANE.

Dis / daß der Hund den Eid zu erst gebrochen hat.

SOLIMAN.

Er hat nicht weniger als wir den Eid gehalten.

ROXELANE.

So pflägt man dieses Loch zu richten in die Falten.

SOLIMAN.

Heist uns die Keiserin so mit dem Eide spieln?

ROXELANE.

Nein / den der sie verdihnt die Rache lassen fühln.

SOLIMAN.

Kurtz / Osmann hats geschworn der nie den Eid gebrochen.

ROXELANE.

Der Osmann welcher stets den Eifer scharf gerochen.

SOLIMAN.

Ein Narr schleust heute dis und häbt es morgen auf.

ROXELANE.

Ein Fürste läst der Zeit und Rechte seinen lauf.

SOLIMAN.

Wir wolten ihm das Reich / wenn wirs versprochen / gäben.

ROXELANE.

Der Fürst schwur ihm den Tod / itzt wil er ihn aufhäben.

SOLIMAN.

Der erste Schwur zerreist was erst der ander spricht.

ROXELANE.

Der ander Eidschwur macht das erste Wort zu nicht.

SOLIMAN.

Das ander war kein Schwur. Dis hängt an dinner seide.

ROXELANE.

Der Fürsten ides Wort gilt eben viel als Eide.

SOLIMAN.

Die Räue würd in uns ein Hänker ewig sein.

ROXELANE.

Denn erst / wenn Er uns wird die lang-Muth bringen ein.[60]

SOLIMAN.

Mit seinem Helden-Muth?

ROXELANE.

Und unserm Vntergange.

SOLIMAN.

Der Blumen Fall entdäkkt uns / was wir mit dem Strange

Für Vnheil abgethan.

ROXELANE.

Wie lägts der Fürst ihm aus

SOLIMAN.

Vns dünkt / als wenn wir wärn bedäutet durch den Straus

Der hohen Sonnen-Blum: und Ibrahm durch diselbe

Die zwar was nidriger; Doch mit roth-dunkler Gelbe

Nicht minder schön als wir. Wir hätten auch vielleicht

Doch künftig / wo nicht schon / den harten Strang erreicht

Und warn aus unserm Pracht / verwälkt / verdorrt / zerknikket

Ins schlechte Gras gefalln / so bald wir ihn erdrükket

Der unsre Schwerd auf-hilt: mit Ibrahm blüht und fällt

Das glükke Solimans. Was uns der fall fürställt

Des walken zwifach-Blats / ist un-schwer auszulegen.

Dis nemlich / was uns muß das Vater-Hertze rägen /

Des trauten Mustaffen / und des GiangirsTod /

Der beiden Kinder / ach!

ROXELANE.

Der Fürst zeucht sonder Noth

Zu Hertzen ihm dis Ding / und spielt mit diser Welle

Bis sie uns gar ersäufft.

SOLIMAN.

Die Räu hat keine stelle

Gefunden noch in uns. Wir wolln / wir wolln / ja wol!

Daß Er den ärgstenTod noch heute stärben sol.

Wir wolln! alleine Nein wir dörffens nicht gedänkken. /

Wir würden uns sonst an den höchsten Meineid hänkken.

Wir wolln! ja wenn uns nicht die Hand gebunden war

Die ihn erwürgen sol.

ROXELANE.

Mein Fürst machts Ihm zu schwer.

Doch kan mein Keiser sich beim Muffti Raths erholen

Dem die Gesätze sind vom Mahumeth befohlen.

SOLIMAN.

Wir wolln zwar / was sie wil in disem Falle thun;

Doch schwerlich wärden wir auf anderm Schlus beruhn.


Der Schau-Platz verändert sich in der Keiserin Zimmer.

Rusthan. Mufti. Roxelane.


RUSTAHN.

Ia sie hies unterdes im Zimmer uns verzihen.

Sie wolte nur zuvor beim Keiser sich bemühen[61]

Umb dis was ich erzählt.

MUFTI.

Die grosse Sulthanin

Vermag hirbei sehr viel. Sie hat des Keisers Sinn

Des Keisers Hertz / ja selbst den Keiser in den Händen.

Rustahn. Doch gleichwol kan sie schwer Ihn auf die seite wänden.

MUFTI.

Hirinn ist vil versähn das man mit diser That

Als ers schon einmahl sprach so sehr gekünstelt hat.

RUSTAHN.

Wer hätt es Ihm gedacht was er so deutlich wolte

Daß Er im Augenblikk es widerruffen sollte.

MUFTI.

Ein Mensch der nach Vernunft bald nach begihrden thut

Ist wie auf stürmer See die auf-geschwöllte Flut /

Die bald der West hieher bald dort der Nord hinschläget.

RUSTAHN.

Am klügsten wird ein Ding nach Ausgang ausgeläget.

MUFTI.

Ein vor bedachtes Werk schlägt seiten übel aus.

RUSTAHN.

Wir sind hir im Palast; weis man ob dises Haus

Noch heut einbrechen wird?

ROXELANE.

Ist Mufti denn erschinen?

MUFTI.

Ja jhrer Majestät nach Wünschen aufzudihnen.

ROXELANE.

Nein nicht zu dihnen / uns zu helfen. Den bescheid

Des Werks / warumb hiher uns deine Heiligkeit

Erschinen auf der Burg / wird unser Rustahn haben

Dir hoffentlich entdäkkt. Der Anschlag / den wir gaben

Dem Keiser / schlägt uns fahl. Das Werk beruht auf dir.

Kömpt deine Heiligkeit nicht diesem Vnheil für

So wird der freche Hund / der mit den Christen-Hunden /

Den'n er beim Keiser stets gelibkost hat / verbunden

Auf Osmanns Erb und Reich; der ein vermumter Christ

In einer Türkschen Larv und kein Musulman ist;

So wird der / der den Arm des Keisers hat gehöhnet

Der Kopf und Halß verwürgt / noch endlich gar gekrönet.

Wir flehn bey unserm Gott beim Mahumeth dich an /

Wo deine Heiligkeit dem Vnheil stewern kan /

Wie sie denn / wie man weis / gar wol kan / hilf der Sachen /

Es ist dem Reich und uns / der Kirche / daß wir wachen

Ihr Heil gelegen dran. Stünd es in unser Macht

Es war kein Kummer nicht daß er nicht umgebracht.[62]

MUFTI.

Wenn ich der Sulthanin durch welcher gunst ich funden

Dis hohe Prister-ampt / zu willfahrn hoch verbunden

Und nicht schon schuldig war / so würde mich der Eid

Die Wohlfarth dises Reichs / der Insel Heiligkeit

Des Mahumets Gesätz und Wort dahin vermögen

Was ihre Hoheit heischt. Er mag uns gleich entgegen

Sich sätzen wie er wil. Wir haben Rath und Krafft

Die was der Keiser nicht wil eingehn / künlich schafft.

Des Mahumeths Gesätz und Ausspruch spricht ausdrüklich;

Die iemals einen Christ verschonet / augen-bliklich

Verflucht / verdammt / erwürgt. Er wärff uns etwas ein

Ich weiß schon wie auch dem wird zu begegnen sein.

ROXELANE.

Wol! du machst dir hierdurch uns ewig hoch verpflichtet.

Itzt / das es wärd ie eh ie besser ausgerichtet

Eh auch in Stad und Hoff ein Auf-ruhr mög entstehn /

Last uns in Solimanns geheimes Zimmer gehn.


Der Schau-Platz verändert sich in des Solimanns geheimes Zimmer.

Soliman. Mufti. Roxelane. Rustahn.


SOLIMAN.

Dv kennst / den Bosphors Sonn gemacht zum Monden hatte

Am Himmel unsers Reichs / den Ossmanns Vngunst-schatte

Itzt gantz verfinstert hat / weil unser Gegen-schein

Ihm wol zu dunkel daucht und nur geborgt zu sein /

Dem waren wir und sinds auch noch durchaus entschlossen

Zu brächen Kopf und Halß / der unsrer Hold genossen

Mit blossem Ekel hat: Doch als die Seel ihm gleich

Schon auf der Zunge saaß alsbald zu werden bleich

Erinnerten wir uns was wir so hoch geschworen /

Ihm bei dem Mahumeth in beisein seiner Ohren /

Diß nehmlich was wir ihm zu nähmen gleich gesinnt.

Ob Ossmann nun den Eid so schlechts hin brächen könt

Und stränges Halß-gericht auf den verdammten hegen /

Wird deine Heiligkeit gerathfragt auszulägen:[63]

Doch zweifeln wir sehr viel / das solche teure Schwühr

Ohn unsers Gottes Zorn zu brächen uns gebühr.

MUFTI.

Des Keisers Frömigkeit läst sich aus Red- und werkken

Wie sehr er über all Gewissenhaftig märken.

Wahr ists und ewig fest / wie ihre Hoheit spricht /

Daß schlechter dings ein Eid wol sei zu brächen nicht /

Auch daß unfehlbar Gott den Meineid lasse büssen.

Doch bitt Ich / lasse Mich nur etwas klärer wissen

Der Keiser seinen Eid zu sähn ob nicht hierbei

Nach Machmets Satzungen was auszunähmen sei.

SOLIMAN.

Ja / ja! du kanst den Schwur von uns gar leicht erfahren

Wir wissen eigentlich noch / was die Wortte waren /

Der Ort war eben der wo diser Fuß steht hier.

Ich schwör es teur und hoch bei unserm Gotte dir

Daß Ibrahim den Geist weil Soliman wird leben

Nicht sol gewaltsam auf dem bittern Tode gäben.

MUFTI.

Der Eid ist gros und schwer! Er kan nicht klärer sein!

Doch / Himmel! was gibt uns für einen Rathschlag ein

Der große Mahumeth / der unser Gotts-befleissung

Viel dunkel Ding entdäkt? Ists wahr / daß die Verheißung

Die er dem Ibrahm thät / nicht weiter sich ersträkt

Als weil der Sulthan lebt?

SOLIMAN.

So ists wie wir entdäkt.

MUFTI.

Nun wol! so sol mirs ihn nicht schwer falln zu vergnügen.

Er Ibrahm wird gar wol die Achsein können schmügen

Ins strängen Hänkers Joch / wenn Soliman den Eid

Gleich kräftig halten wird. Weil täglich eine Zeit

Und wenig Stunden sind / in den er Mensch nicht lebe.

SOLIMAN.

Wir fassens nicht / was uns für Antwort Mufti gäbe.

MUFTI.

Weis ihre Hoheit nicht das man der Sorgen End

Das Kind der Nacht den schlaff des Todes Bruder nennt:

Und warlich hat der Mensch / in dessen müde Glider /

Die Ruh des lauen schlaffs sich hat gelassen nider

Kein rechtes Leben nicht: weil sein sonst weises Haupt

Der Würkung des Verstands auch alles sinns beraubt

Und was den Menschen macht. Ich wils nicht widersträben /[64]

Daß er der Stauden Seel und grüner Pflantzen Leben

Und frisches Wachsen hab / alleine dessen nicht

Was ein vollkommen Mensch durch die Vernunfft verricht.

Die Fürsten sind so wol als die geringen Schäffer /

So wol die Haar und Stroh als Purpur tragen / Schläffer.

Der Schlaff fällt Kron und Stab so wol als Insel an

Die die so wol dem Glükk als Vnglükk unterthan.

Wol an denn / weil der Schlaf ein kurtzer Tod zu achten

Der Tod ein langer Schlaff / weil weißlich zu betrachten

Ein Schlassender noch eh todt / als lebendig Heist

So schließ ich kurtz so viel: So bald den matten Geist

Des großen Solimanns und die entsinnten Sinnen

Die Schlaff-Sucht wird umbhülln; Wird Er am Ibrahm können

Gar wol den Muth abkühln / und seinen Spruch vollzihn

Durch den verdihnten Strang / wiewol der Meineid Ihn

Mit nichts besudeln wird.

SOLIMAN.

Man kan sich zwar bemühen /

Der Wortte Klang und Sinn bald hin bald her zu zihen /

Doch gibt nur Gott aufs Hertz und die Gedanken acht.

MUFTI.

Das Hertz ist nur verpflicht dem / was der Mund fürbracht.

SOLIMAN.

Der Mund verhies so vihl als wir Ihm konten gäben.

MUFTI.

Nur bei der Lebens-Zeit des Solimanns das leben.

SOLIMAN.

Wir leben auch / wenn uns der süsse Schlaff verläst.

MUFTI.

Denn aber lebt Er nicht wenn Er die See! ausbläst.

SOLIMAN.

Er darf nicht gantz / weil wir nicht gantz gestorben / stärben.

MUFTI.

Sein Nahme / Lob und Schmach darf nimmermehr verdarben.

SOLIMAN.

Des Nahmens leben ist kein rechtes leben nicht.

MUFTI.

Auch dis nicht / wenn ein Mensch nicht dankt / nicht sinnt / nicht spricht.

SOLIMAN.

Ein schlaffender dänkt sinnt und spricht auch wenn ihm träumet.

MUFTI.

Der schläfft nicht recht / der Platz der Träume Dunst einräumet.

SOLIMAN.

Wie wenn uns denn im Schlaff ein leichter Traum einhüll'.

MUFTI.

Ob schon / wenn man es nur in Meynung des erfüll'.

SOLIMAN.

So würden wir uns hoch an Gott und ihm verbrächen.

MUFTI.

Nicht höher als wenn sie ihn un-gestrafft los-sprächen.

ROXELANE.

Die Vorsorg über uns des Ertz-Propheten hat[65]

Des Muffti Heiligkeit entdäkket disen Rath.

Des Keisers Hertze macht ihm allzu viel Gewissen.

Weis ihre Hoheit nicht wen sie hie folgen mussen?

Es redet Mahometh mit uns durchs Mussti Mund

Und thut uns sein Gesätz und seinen Willen kund.

SOLIMAN.

Wir gehn es endlich ein; doch schiben wir die Sache

Wofern Sie uns beflekt / auf den / der uns zur Rache

Gibt Vhrsach an die Hand.

MUFTI.

Der Keiser lägs auf mich

Schlägt etwas übel aus.

SOLIMAN.

Geh Rustahn hin / und sprich

Daß Er auf unser Wort sich wider lasse binden:

Daß Sie auch wider sich mög ins Gefängnüs finden /

Auf weiteren Bescheid. Wenn uns die kühle Nacht

Wird haben sanffte Ruh in Sinn und Augen bracht /

So mag der harte Stand des grimmen Eifers springen /

Den weder wir noch Er zum beugen können bringen.


Reien der Sinnen und des Schlaffes.


Das Gehöhre.

Der grosse Mensch der Auß-zug diser Welt

Hat nichts das Ihm mehr nützet und gefält;

Als das Gehöhr und die geschwinden Ohren.

Sie sind die Pfort in Himmel der Vernunfft /

Sie sind der Weg wenn Wonn und Lust verlohren

Durch süssen Klang zur Freude wider-kunfft.


Das Gesichte.

Der Augen Blitz das strahlende Gesicht

Hat in der kleinen Welt seins gleichen nicht.

Sie sind die schnellen Bothen der Gemütter /

Durch die die eingeschlosshen Hertzen schaun

Als durch ein weit-eröffnetes Gegütter

Was der Natur geschikte Hände baun /

Sie sind das helle Licht des süssen Leben-Lichtes /

Der Farben Schau-glas / das Gesichte des Gesichtes.[66]


Der Geruch.

Ist etwas süsser / wenn das Hertz erschrikt

Als der Geruch der ides Glid erkwikt?

Er ist der Balsam der Luft-vollen Nasen /

Des Athems Würtz und Kraft / der Säffte Safft.

Er läst den ab-gematten Geist verblasen

Wenn Er die flüchtgen Sinnen zu sich rafft.


Der Geschmak.

Ist etwas das den Mensch ergätzen mag /

Und das mehr nöthig ist / als der Geschmak?

Er ist das süsse Mittel daß man lebet /

Der Zukker-Taw die scharffe Libligkeit

Die in dem Gaumen / Mund und Zunge schwebet;

Durch die des warm und kalten Unterscheid

Die Kost des sauer-bitterns und des Zukker-süssen

Die Speiß und Trank des naß- und truknen zu genüssen.


Das Fühlen.

Das Fühlen hat mehr Nutz / auch Kräffte mehr /

Als der Geschmak / Geruch / Gesicht / Gehöhr.

Es ist der Grund und Pfeiler aller Sinnen

Und hat (da sonst die andern nur ein Glid)

Die Sinnen all und alle Glider innen.

Es fühlt was schmäkt / was reucht / was höhrt / was siht.


Der Schlaff.

Am stärksten ist der Schlaff / der dis was lebt

Und fühlt und sinnt in sein Gemach vergräbt.

Er ist des Todes Bruder / Bild und Schatten /

Der Glider Band / und aller Sinnen Grufft /

Das Kind der Nacht / mit dem sich Träume gatten

Doch auch / durch den die Sorgen schöpffen Luft.


Sinnen und der Schlaff.

Je mehr wer / weil er lebt / dem schlaffen ist ergäben /

Je weniger ist Er lebendig in dem Leben.

Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Türkische Trauerspiele. Stuttgart 1953, S. 55-67.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Flucht in die Finsternis

Flucht in die Finsternis

Robert ist krank und hält seinen gesunden Bruder für wahnsinnig. Die tragische Geschichte um Geisteskrankheit und Tod entstand 1917 unter dem Titel »Wahn« und trägt autobiografische Züge, die das schwierige Verhältnis Schnitzlers zu seinem Bruder Julius reflektieren. »Einer von uns beiden mußte ins Dunkel.«

74 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon