Die fünffte Abhandlung.


[67] Der Schau-Platz ver-ändert sich in der Isabellen Zimmer.

Ibrahim. Isabelle.


IBRAHIM.

Ie finsterer die Nacht / ie häller ist das Liecht;

Je öfter man die Hand an spitzge Dörner sticht

Ie mehr bekräntzt man sich mit Blut-bemilchten Rosen:

Je mehr die Mittags-Hitz uns sticht / ie süsser kosen

Die feuchten Abends-Lüft: Ist Wetter / Sturm und Well

Und Wolke trüb und schwarte / so dünkt uns noch so hell

Und luftig Sonn und Port. Die steinern-harten Ketten

Die Felsen-Last / die uns zu Boden schier getretten /

Des Lebens steter Tod der ieden Blikk uns schrökt

Das dunkel-grause Loch in das wir eingestökt /

Der Trauer-Rauch hat sich verkehrt in sanfte Wonne;

Die Nacht hat sich verhellt in eine lichte Sonne.

ISABELLE.

Wo diese Sonn uns nur ist anders wider nicht

Zu einer dunklern Nacht ein Weg-weis und ein Licht.

Wie manchmal ist die Luft uns worden schon verbittert!

Wenn es nach langem Blitz so plötzlich helle wittert

Ist meist ein neuer Sturm auf frischer Fahrt bereit

Der ärger als zuvor.

IBRAHIM.

Es hat ja lange Zeit

Geblitzt / gewölkt genug / genug gewetter-leuchtet.

Der tapfre tugend-Sinn des grossen Sulthans däuchtet

Uns noch nicht gantz verzehrt. Ein räger Helden-Muth

Dem die Geburths-Ahrt selbst die frohe Tugend-Glutt

Hat würklich eingepflantzt / den nur frembd Miß-begönnen

Und häftge Leidenschaft und An-trieb ärgern können

Kehrt auf den gutten Weg in einem Augen-Blik /

Wenn nur ein Tugend-Funk Ihn leutet / straks zurükk.

ISABELLE.

Wie oft / wie oft / mein Hertz / hat sie Ihn schon geleutet!

Wir wissens / was dis Licht uns für Gefahr bedeutet /

Aus viel Erfahrung schon. Die häftige begier

Mit der Er unser Hertz als ein erhitztes Thier[68]

Blut-dürftig an-gefalln / wird nicht so bald verglommen

Zu todter Aschen sein.

IBRAHIM.

Ein Pfeil fällt wenn Er kommen

Zum höchsten Gipfel ist. Sein heisser Liebes-Brand

Zur Axiamire / wie heis Er war / verschwand

Als er am sehrsten glam. Wie nimmt Sie ihr zu Hertzen

Mein Hertze / was sie kränkt / die itzt verschwundnen schmertzen!

Sie schlage / was Sie so bekümmert / aus der acht?

ISABELLE.

Das Hertze wallet noch mit ängstigem Bedacht

Weil die erschröklich Angst uns übel läst vergässen

Was so gewurtzelt ein; seit wir allhier gesässen

Voll Schwer-muth und voll Furcht / seit uns der Soliman

Als eine Hinde / die schon vor begarnt / fiel an;

Seit wir den stoltzen Trotz und das bedräute Bitten

Zwar sonder Schwachheit nicht doch mit bestand gelitten

Seit man von Ihm / mein Hertz / uns zu verstehen gab /

Daß Ihn die Hänkers-Rott gehöhlt zur Follter hab /

Und auf den Saal geführt / der umb und umb bekleidet

Mit schwartzem Sammet ist / wenn ein Verdammter leidet /

Und Strang und Tod aus-steht. Doch furcht ich / das der Geist so

Für etwas sich entsätzt was sich Ihm künftig weist

Und ärgern zu-fall dräut.

IBRAHIM.

Ein schrekken-volles Hertze

Steht oft / wenn es umbsonst in Furcht für neuem Schmertze.

ISABELLE.

Gleich so begegnets uns / als die Gefängnüs-Thür

Zu knarrn fieng plötzlich an / und Achmats Auge mir

Eh Er ein Wort noch sprach die frohe Botschaft brachte.

IBRAHIM.

Ich weis / daß Sie von Mir Ihr schweren Kummer machte.

ISABELLE.

Nachdem Ich kurtz vor-her das Mord-getümmel hört

Und Mich ein Wächter hier den trauer-Auf-Zug lehrt'/

Meint ich / daß ihr mein Licht schon würdet sein erblichen;

Und daß man / würd ich nicht in Ossmanns Schand-Bett krichen / l

Nachdem man seine Leich und schröklichen Ver-lust

Gezeigt würd haben uns / mir auch durch diese Brust

Das von Blutt fette Schwerd und scharffe Säbel winden.

IBRAHIM.

So kan man oft den Port bei trübstem Wetter finden.

ISABELLE.

So ists / mein Lebens-Licht / der Ausgang übertraf

Die Hoffnung und den Wunsch. Der matten Seelen Schlaf[69]

Das stets-gehäuffte Weh / und der Verdruß zu leben

Verboth mir / zu begehrn: Mich des zu über-häben

Was wegen des Verlusts des liebsten Ibrahms Mir

Mehr Vor-theil schien als bürd. Ich wünschte für und für

Den Hafen meiner Noth und Jammers / nur zu stärben:

Daß Ich aufs minste nicht sein klägliches vertärben /

Mein Hertze / dörfte sehn.

IBRAHIM.

Wir –

ISABELLE.

S't / wer kömmt herbei /

Welch ein gepolter? S't.

IBRAHIM.

Man wird zur Gasterei

Zu der der Fürst uns lud vielleicht uns hohlen sollen.

ISABELLE.

Es ist schon ziemlich späth. Wer weis / was sie erst wollen.

Wer weis / welch neuer Schmertz sich rägt vons Sulthans Grimm

Hilf Himmel! Rustahn ists! Ich kann ihn an der Stimm.


Rustahn. Ibrahim. Isabelle. Die Trabanten.


RUSTAHN.

Dv solst aufs Keisers Wort in sein Gemach dich ställen /

Und du gefangen sein.

ISABELLE.

O Frucht der schwartzen Hellen.

IBRAHIM.

Wer heist es / wer befiehlts?

RUSTAHN.

Der Keiser.

ISABELLE.

Du für dich.

IBRAHIM.

Sein Wort versprach uns erst was bessers.

RUSTAHN.

Er hat sich

Auf einen sndern Schlus vernünftiger besonnen.

IBRAHIM.

Nun du / und Roxelan auf uns dis Garn gesponnen.

RUSTAHN.

Fort fort!

IBRAHIM.

Ach Schandflek! ach der Zeit!

RUSTAHN.

Kom folg uns nach.

ISABELLE.

Ach Hänker!

RUSTAHN.

Ihr / führt sie in ersten Kärker!

ISABELLE.

Ach!

IBRAHIM.

Steht / Schelmen / steht! und Last sie mir un-angegriffen /

Sonst sol des ersten Blutt an diser Säbel triften.

RUSTAHN.

Was trotzstu? greift Ihn an / den widerspänstgen Hund.

IBRAHIM.

Ich wil euch Folge thun; wofern dis Handeln Grund

Auf Oßmanns wortten hat. Sie aber Last zu friden.

ISABELLE.

Ach! hat uns der Tirann auf disen Dank beschiden?

Ist dis das schöne Mahl / auf dem man unser Blut

Vermischt mit Speiß und Wein in die Christallen thut?

Wol! reist uns auch mit Ihm / erwürgt / kocht Hertz und Lunge /

Verbrennt und läscht mit mir den Blutt-durst eurer Zunge!

Ich wil viel liber todt / als im Gefängnüs sein.

IBRAHIM.

Nicht also / nein / mein Hertz.

ISABELLE.

Es ist ja Trost / nicht Pein /[70]

Wenn zwei / die nur ein Hertz / zwar in zwei Leibern leben /

Zusammen Seel und Geist und traue Lib aufgeben.


Der Schau-Platz verändert sich in des Keisers Schlaff-Gemach.

Soliman. Rustahn. Ibrahim. Die Trabanten.

Die Stummen. Die Sänger.


SOLIMAN.

Denn thu / was dir befohln / wenn uns der Schlaff gebracht

Wird haben zu der Ruh. Gib anders fleissig acht

Daß uns die Hänker nicht / wenn wir noch schlummernd wachen

Verbrechen halfen auf / und Ihm sein Letztes machen.


Reien der Sänger.


Der grosse Fürst / auf Ossmanns Stul und Reich /

Des Auf-gangs Sonn und Blitz / die Furcht der Welt /

Der Sud und Ost / und was der Tiger gleich

Und Phrath und Nil umb-schweift / im Zaume hält.

Schrökt / und erschrökt / fällt ihn der Schlaff gleichen

Mit seines Eifers hartem Donner-Strahl /

Den Tarter / Mohr / und Christ und Indian

Den Szith und Reuß / die Persen allzumal.

Der Ossmans Reichs-Stul an den Himmel hat

Mit Demant-Ketten selbst gebunden an /

Der Mahometh / des Keisers Hülff und Rath /

Kämpft / siegt und wacht für unsern Soliman.

Wer sich auf den / den Gott und Himmel schützt

So frech erbost / und Grub und Nätz Ihm ställt /

Macht das er in der Brunst selbst schmältzt und schwitzt /

Im Strom er-säufft und in die Klinge fällt.

Der grosse Fürst der unterm Sulthan zwar /

Doch über die / die nächst des Keisers Macht

Beim Pöfel sind in höchstem An-sähn / war /

Fühlt wie sein Grimm auf die Verbrächer kracht.

Lernt / die ein Fürst durch Wohl-that ihm verknipft /

Wenn ihr ihm Schimpff und manchen Fuchs verkaufft[71]

Wie bald auf die des Löwen Rach aufschlipft /

Und sie verschlingt / die ihn gezöft / geraufft.

So spigelt Euch / wie einer der durch Püsch

Und öden reift / der / wenn der Donner Wehn

Ihm an der Seit erschlägt / bleibt er gleich frisch

Für schrökken zitternd nicht kan hörn noch sehn.


Mustaffens Gespänste. Soliman auf dem Bette.

Das Gespenste.


Welch schräkklich Jammer-galm

Welch höulend Todten-ruff / welch Geist-ausblasends Mord-gekräusche /

Welch kochend hertzen-schaum / welch zischend Blutt-Jäscht in dem Fleische

Tagt aus dem tiffen Kwalm

Aus der mit Finster und schräkken bedäkketen Höle

Die in der bluttigen Strängel erstikkete Seele?

Welch fäufzend schweres ach

Stört die mit eignem Leben theur erkauffte ruhe-Stelle?

Welch donnerndes gekrach

Bricht und zerrüttet der verdammten Geister sterbe-Schwelle?

Ach greuel ach! wer irret neben mir

Welch zitterndes Gespänst schleicht ein in Schloß und Kammer?

Bistu es nicht / vertrautster Bruder? ach! ach Jammer!

Ist die durchs Hertz gedrungne Säbel dir

Noch nicht aus deinen blutt-besprützten Händen

Zum Zeichen verbittertes Eifers gefalln?

Wie? oder bistu auch verkracht in branden

In welchen nach uns auch noch andere walln /

Die das un-menschlich-vertärbende Rasen

Ihm über Kinder und Kinds-Kind geblasen.

Schaut / wie der Geist erbebt! schaut / wie erschüttert sich

In gliedern blaße Furcht! schaut / kalten Angst-schweiß schwitzen![72]

Schaut wie die Wunden noch gefärbte Ström ausspritzen!

Du bists / Giangir? ja! mich dünkt ich sehe dich

Noch über meinen todten Leib bethränend deine Glieder sträkken /

Und in dein mir eröfnet Hertz die ungeheure Klinge stäkken.

Ach ärgster Greuel! ach! ach jammriches Gesicht!

Wer ist das blasse Weib?

Ist es Saraide mit unserm Sohne nicht?

Schaut / schaut! wie sie den Leib /

Wie sie die brüste schlägt / schaut doch / wie sie zum Himmel

Mit kläglichem geschrei und winselndem getümmel /

Die nakten Armen sträkt / die Hände schränkend windt!

Schau / Vater Mustaffe! schau / Mustaffen dein Kind /

Erbärm-erbärmlich zugericht!

Den krumb-verdrehten Halß an den verdammten Hänker-Strängen

Erblast; und im Gesicht

Von dem erstökten Blute braun und blau darnider hängen.

Weh! weh! weh!

Hastu / du Drachen-geahrteter Vater / du von den Tigern gesäugeter Wurm

Von Schlang und Nattern genähreter Blutt-hund / über mich einen so häfftigen Sturm

Solche See

Solche trübe Well ergossen?

Daß mit meines Bluttes Flutt /

Meines Stammes Stärk und Blutt

Auf ein-mahl in Sand geflossen.

Mir selber graust vor diser Einsamkeit allhier;

Das Haar steht mir zu Berg; ich werd erschrökket und erschrökke;

Weil dieser Mord-Palast nur eine dunkel-grause Hekke

Ein stränger Hänkers-Platz / ein Mord-loch wilder Thier'/

Erhitzter Löwen Auffenthalt

Ein Irr-Saal blasser trauer-Geister;

Wo Rach und Rach-gier und Gewalt

Für rechtem Rechte spilt den Meister.

Erde brich / Erde brich schütternd ent-zwei /[73]

Blitz und erkrache du wölkichte Feste der Lüffte!

Öffne dich finsterer Abgrund verschränketer Klüffte /

Lasse den stürmenden Zwirbel-Wind frei /

Bosphorus Meer-schlund / schwälle die Wellen

Über die ufer / über die Gräntzen / über die Stad!

Daß sie dis Mord-haus gründlich umb-fällen /

Zwischen dem dieses Vn-thier der Wohnung Auffent-halt hat.

Verruchter Blutt-hund; wohnt ein Tiger

Der von so grimmer Vh-ahrt ist

In öder wildnüs an dem Niger

Der seine Leibes-Frucht auf-frist?

Blutt-dürstger Blutt-hund; dessen Rache

Auch noch in tiffstem schlaff ist wache.

Blutt-dürstger Blutt-hund! ach! das Unschuld-reiche blutt

Des tapfern Ibrahims / das du als epp und flutt

Als schwäm' hältst und als schilff / das seine Zunge mus auf-läkken

Schreibt an die wänd / und mahlt auf die beflekten Todten-däkken /

Höult / winselt / bittet / schreit umb Rach:

Wehmuth / Angst / Schrökken / Betrübnüs und Räue / böses Gewissen / Furcht / Zittern und zagen

Müssen den Mörder / den teuffels-Tirannen / peinigen / züchtigen / martern und nagen.

Ach! Zetter! Zetter! Zetter! ach!


Soliman. Rusthan. Achmat. Hali.


SOLIMAN.

Mein Sohn! mein Mustaffe! mein Mustaffe! verzih;

Verzih / verzih! hilf Gott! was ists? hilf Himmel! wie

Schrökt' Euch hier kein Gespänst? Er ist ja noch bei Leben

Der Ibrahm? wo ist er?

RUSTAHN.

Dar wo er nicht mehr streben

Nach Ossmanns Zepter kan.

SOLIMAN.

Was sagstu?

RUSTAHN.

Er ist todt.

Es hat / Gott Lob / nunmehr mit Stambul keine noth.

SOLIMAN.

Ha! ärgster Galgen-dieb! verruch-verruchter Hänker /

Vermaledeiter Hund; verfluchter Hertzens-Kränker /

Mus Ossman denn durch dich / betrübster Schelm / vergehn?

Mus Ossman denn durch dich so raue Pein ausstehn?

Verfluchter Hund! kein Mensch!

RUSTAHN.

Ich bin dem / was er schaffte[74]

Mein Keiser / kommen nach.

SOLIMAN.

Wie? daß auch hier nicht schlaffte

Dein fleis / wie anderwerts? o das ich nicht als-bald

Dir sol den Hals verdrehn?

RUSTAHN.

Wer braucht sich der gewalt

Daß er des Keisers heisch nicht in dem nu verrichte?

SOLIMAN.

Geh / pak dich uns du hund / pak dich aus dem Gesichte

Und kom uns nimmer nicht für unsre Augen mehr;

Eh ich / du ertz-dieb / dich des Keisers Donnern lehr;

Geh / schaff uns bei verlust des Kopffs / des Ibrahms Leiche

Hier Augen-bliklich her! laufft / wenn mit Ossmanns Reiche

Ihm noch gedihnt ja war! laufft / rettet / laufft / laufft kühlt

Laufft / ob ihr ja bei Ihm noch einen Athem fühlt /

Ob sich ein Glid noch rägt! Wer hats den Dieb geheissen

Von hier Ihn weg-zu thun? Wo lies er ihn hinschmeissen?

ACHMAT.

Den Leichnam warf er hin in der Erwürgten Ort

Den ab-gehakten Kopf stäkt' Er auf auf die Pfort.

SOLIMAN.

Ach! hat der Teuffels-Hund so schäutzlich dich zerfleischet

Vertrautster Ibrahim! Hat Ossmann je geheischet

Dis Hänker-stükk von dir? habt Ihr der That gekönt

Geduldig schauen zu? hat uns noch Ruh gegönt

Der Himmel / wo auch Ruh solch schröknüs recht zu nennen?

Könt uns des Ab-grunds Rach auch ärger Wunden brännen?

Lauf Hali / lauf lauf straks und bring uns bei Verlust

Des deinen / Rustahns Kopf / und aus der schwartzen Brust

Sein aus-geschnittens Hertz in sein noch warmem Blutte.

Und du entschuldige / was in erbostem Muthe

Uns Grimm und Feind ein-gab / bei seiner Isabelln;

Auch sprich! daß wir nun-mehr auf freien Fus sie ställn

Mit allen / die mit Ihr in Band und Kärker stäkken.

Beinebenst / möcht es Ihr nur nicht mehr Leid erwäkken /

Verehr ihr Ibrahms Haupt zum trüben traur-geschänk

Und daß sie noch an Ihn zu gutter letzte dänk.


[75] Der Schau-Platz verwandelt sich in der Isabelle Gefängnüs.

Achmat. Isabelle.


ACHMAT.

O daß / Durchläuchtigst / Ich auch dis-mal überhoben

Der Bottschaft / die Befehl mir auf den Hals geschoben /

Doch hette mögen sein; wenn ja nichts bessers mir

Der große Soliman zu ver-gewissern Ihr

Ent-bitten hätte wolln.

ISABELLE.

Was hat er zu befählen?

Wir wissens schon / Er woll uns nur nicht länger kwälen

Mit Auf-zug unsersTods.

ACHMAT.

Die Fürstin / bitt ich / lag

Auf disen nicht die Schuld / der solche Donner-schläg

Ihr kurtz entdäkken sol.

ISABELLE.

Wir wissens / wer uns tödtet /

Wir wissens / wer die Faust mit unserm Bluthe röthet /

Wer Narb' und Wunden schlägt! Er / ja / wir wissens wol /

Ist ausser aller Schuld; nur sag Er / wie man sol

Durch was für Pein vergehn. Wir sind der Noth gewohnet

Die uns nicht seltzam ist / und seiten unser schonet.

ACHMAT.

Der Fürstin Wahn ist falsch. Nein; Ossman spricht / daß Sie

Noch heinte / wo Sie wil / samt den Gefangnen zih

Heim in ihr Vaterland: Er spricht Sie für gefänglich

Itzt los / kwit / frank und frei.

ISABELLE.

Er macht uns arg-gedänklich

Und furchtsamer als vor.

Achm.

Wahr ists zwar; aber ach!

Ach! das ich schweigen möcht!

ISABELLE.

Sein schmertz lehrt das die Rach

Auf uns noch wilder haußt als furcht und arg-wohn meinte.

ACHMAT.

Ich schweige! dieses Haupt ist Vhrsach das ich weinte.

ISABELLE.

Ach Gott! ach weh! ach weh! wo bin ich? wie ist mir?

Ach! wie geschicht mir? ach! O das der Blutt-hund dir

Den ernsten Spruch ertheilt uns / ihn nicht / auf-zureiben!

O das der Blutt-hund dir die Kling ins Hertz zu treiben

Durch unser Brust / befohln! du soltst ein werther Both

Als mit der Freiheit sein! O freiheit / der der Tod

Noch gar ver-zukkert ist! Auf! heist mich auch erbleichen!

Auf! Last mich auch den Strang / sein bluttig Beil erreichen

Uns dient die Freiheit nicht! O höchst-beschimpstes Haupt

Von dieses Panthers Klaw! das dich des Schmuks beraubt[76]

Des Ansehns freier Stirn / des fremdlichen Gesichtes

Mit unter-mengtem Ernst! des langsamen gewichtes

Des stoltzen Augen-throns. O werthes Haupt! dem vor

An Zierath wenig gleich / eh es den Leib verlohr;

Itzt nichts an Schäutzligkeit! läst er zum libes-Zeichen

Für die verdihnste dich also der Libsten reichen?

Heist dis mit dem gekrönt / was Wolthat und was Ruhm

Und Helden-Muth verdihnt / solch eine Tugend-Blum?

Ist dis der Abschieds-dank die schöne Morgen-Gabe

Du Hund / du Blutt-hund du? schik uns nur bald zu Grabe

Du schäutzlicherTirann; plag uns nur länger nicht

Du blutt-begierger Löw! wir wissens / was dich sticht /

Du Schlangen-Zucht / du Wurm! wir kännen deine tükke

Du Drach und Tiger-thier! du hohlst uns doch zurükke

Auf deine Folter-Bank!

ACHMAT.

Sie gäbe sich zur Ruh /

Und minder' ihr gros Leid. Sonst trau sie mir es zu;

Der Keiser hat den Mord erbärmlich selbst beräuet /

Und dem / der ihn vollbracht den Vnter-gang gedräuet

Bei seines Kopfs verlust. Ja / wo sie sich wil kühin

Am Mörder / sol sie bald mit Rusthans Kopffe spieln.

Auch daß sie sich nichts mehr vom Keiser zu befürchten /

Wil ich ihr Bürge sein

ISABELLE.

Was können die Verbürgten

Uns hälffen? dein und ihr und unser aller Blutt

Ist dem Tirannen nicht so viel als schaum und flutt.

Arm-seeligst Isabell / wünschstu dir auch zu leben?

Wünschstu dir auch den Fuß aus der Türkei zu haben?

Wünschstu / nun er mein Hertz mein halbes leben hin /

Armseelge Isabell armseelge! weg-zu zihn?

Nein nein! laß es nur auch laß es den Blutt-hund wissen /

Daß wir auch dar wo er wolln unser Blutt vergissen;

Daß wirs verkauffen wolln / dafern ihm auch vielleicht /

Mit unserm Blutt gedihnt / und's ihm zu Nutzen reicht!

Doch ach! was sinnen wir? ja! Last uns immer scheiden /

Ja Last uns immer / ja / dis Hänker-Mord-Haus meiden /[77]

Weil hier nur Nattern-Zucht und Drachen wohn-haft sind.

Dis Mord-haus ist nicht werth daß man sein Grab hier findt /

Auf! Last uns weit von hier! Last Schiff' und Segel fligen!

Ziht Port und Anker auf / Last alles stehn und ligen!

Das in Sud West und Nord dis Haupt aus-sprächen kan /

Was der verdammte Türk für gräulich Ding gethan.

Sonst wünsch Ich: daß sein' Asch in lichte Flamm entglimme /

In der Stambuldens Burg und ihr Tiranne schwimme l

Daß aus des Ibrahms Blutt ein Rächer wachs' herfür

Durch den des Bosphors Fürst so Kron als Grimm verlier.


Ende.


Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Türkische Trauerspiele. Stuttgart 1953, S. 67-78.
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