Gewalt und Liebesstreit der Schönheit und Freundlichkeit

[111] Schönheit.


Die güldnen Rosen sind die Sonnen grüner Felder;

Die Sonn' hingegen ist des Himmels Kaiserblum';

Die Lorbeerbäume sind der Königsschmuck der Wälder;

Ich Schönheit aber bin der Seelen Heiligthum.

Die Götter opfern mir, die Welt dient meinem Rechte,

Die Menschen sind mein Volk, die Fürsten meine Knechte.


Freundlichkeit.


Dem Demant weicht Rubin, den Perlen die Korallen,

Dem Balsam weichet Oel, dem Bisame Zibeth;[112]

Das Gold sticht Silber aus, Glas schämt sich vor Krystallen;

Man weiß, daß Purpurblut vor allen Farben geht;

Des Mondes Silber muß vor Sonn' und Gold erbleichen;

So muß der Freundlichkeit auch schönste Schönheit weichen.


Schönheit.


Der Mensch, die kleine Welt, beherrscht der großen Grenze;

Mein Königsstab beherrscht die klein' und große Welt.

Dem Helden windet man bepalmte Siegeskränze;

Von mir wird selbst der Sieg zum Schauspiel dargestellt.

Der Königspurpur weicht der Röthe meiner Hirten,

Der Helm der Frauenhaut, der Zepter meinen Myrten.


Freundlichkeit.


Vor Feuer schmilzt Metall, das Glas muß Demant schneiden;

Den Demant aber zwingt kein Stahl nicht, sondern Blut;[113]

Die Tyrannei muß selbst dich zum Tyrannen leiden;

Das Eisen und das Eis schmilzt vor der Schönheit Gluth;

Hält dir die Wage Nichts, so überwieg' ich Alles;

Denn meine Perl' ist das Gewichte deines Balles.


Schönheit.


Das Gift dringt bis in's Herz, der Blitz durch Mark und Beine,

Die Sonne blendet nur der Augen blödes Licht;

Die Schönheit aber blitzt durch Felsen, Erz und Steine,

Den Augen der Vernunft entzeucht sie das Gesicht.

Die Seele selbst, die sonst noch Strahl noch Blitz empfindet,

Wird durch die Schönheit stets mit Liebesbrunst entzündet.


Freundlichkeit.


Der Sinne Reich beruht nicht ganz in deinen Händen;

Denn du läss'st über dich die Augen Urtheil fäll'n;[114]

Ich aber kann Vernunft und Augen so verblenden,

Daß ich die Raben auch in Schwäne kann verstell'n.

Der Schönheit Schnee zerschmilzt vor meiner Anmuth Hitze,

Ihr Scharlach krieget Fleck', ihr Alabaster Ritze.


Schönheit.


Mein Wesen ohne Mahl braucht Spiegel ohne Flecken,

Braucht Richter ohne Falsch und Augen, die nicht blind.

Du mußt dein farbig Nichts in meine Seide stecken;

Mein Glanz ist wesentlich; dein Prangen ist ein Wind.

Daß schön du scheinest, ist dein größtes Meisterstücke,

Und daß ein Nackter sich mit meinen Federn schmücke.


Freundlichkeit.


Es ist viel größ're Kunst, aus Nichts nicht Etwas machen,

Als Solchem, das schon ist, zu setzen Etwas zu.[115]

Schmähst du die Häßlichkeit, so muß ich deiner lachen,

Weil sie durch mich oft wird so schön, als immer du.

Solch Schminken geht wohl hin, wo die gefärbten Strahlen

Nur schöner, als fast selbst der Schönheit Pinsel, malen.


Schönheit.


Mein ird'scher Himmel ist ein Irrsal der Gedanken,

Mein Lebensgarten ist ein Paradies der Lust;

Der Geist verschlinget sich in den umgarnten Schranken,

Den Seelen ist so Flucht als Ausflucht unbewußt.

Die Sinne sind durch mich bezaubert und entsinnet;

Kein Mensch, kein Adler ist, der meinem Garn' entrinnet.


Freundlichkeit.


Die Schönheit freilich ist ein Himmel, ich die Sonne;

Ein Garten, aber ich das Blumwerk, das ihn schmückt[116]

Der Schönheit Lusthaus ist ein Kerker, meine Wonne

Das Netz, in welches Geist und Seele wird berückt.

Der Schönheit Zaubergeist kann Sinn und Herz bethören;

Sie aber flößt ihr Gift durch meine Zuckerröhren.


Schönheit.


Die Gluth steigt in die Höh', aus der sie ist geronnen;

Des Eisens Unart kehrt sich immer zum Magnet;

Die Sonnenwende folgt der angenehmen Sonnen;

Ich bin der Flammenquell, daraus die Lieb' entsteht,

Der Stein, der nach sich zeucht die allerhärt'sten Herzen,

Das Oel, von welchem glühn die lichten Himmelskerzen.


Freundlichkeit.


Das Lieben ist das Kind der Schönheit, ich bin Amme;

Sie saugt die Muttermilch aus meiner Honigbrust.

Sie ist der Feuerquell, ich aber bin die Flamme;

Aus meiner Wirkung rührt die Folge süßer Lust.[117]

Die Schönheit muß nach mir das Steuerruder lenken,

Die Lieb' ihr Segeltuch nach meinem Winde schwenken.


Schönheit.


Ich bin ein Meisterstück des Himmels, Gottes Spiegel,

Ein Schooßkind der Natur, des Schöpfers Ebenbild.

Mein schöner Pinsel malt der Morgenröthe Flügel,

In meinen Purpur ist stets Tugend eingehüllt.

Ein Phönix nistet nicht, wie Fledermäus' in Höhlen;

Ein wohlgestalt'ter Leib bewirthet edle Seelen.


Freundlichkeit.


Du und die Tugend selbst wird ohne mich zum Laster.

Wo euch mein Licht und Geist nicht anblickt und beseelt,

Ist euer falscher Schein ein todter Alabaster,

Den sich ein Künstler hat zum Götzen ausgehöhlt.

Ob auch die Schönheit zwar mit Zucker speist die Augen,

So pflegt die Seele selbst doch meine Milch zu saugen.


[118] Schönheit.


Ich bin der Wollust Brunn, die Mutter aller Zierde –

Mein Glanz bepurpurt selbst der Sonne Augenbran –,

Der Götter Heiligthum, ein Abgott der Begierde;

Zum Opfer zündet man mir tausend Seelen an.

In meinen Blumen hat Cupido seine Wiege,

Den Rennplatz seiner Macht, die Wahlstatt seiner Siege.


Freundlichkeit.


Ich bin ein Himmelszweig, im Paradies erzogen

Und durch ein Anmuthsreis gepfropft dem Menschen ein.

Bist du der Liebe Quell und der Begierde Bogen,

So muß mein Salz dein Kern, mein Strahl die Sehne sein.

Cupido leidet Durst, die Liebe muß verwelken

Sammt dir, wenn nicht mein Thau beperlet deine Nelken.


[119] Schönheit.


Die Schönheit ist der Grund, ein angebornes Wesen,

Darauf die Freundlichkeit nur ihre Schminke streicht,

Ein Buch, in dem man kann auf tausend Blättern lesen,

Daß die Natur in mir den Gipfel hat erreicht.

Des Himmels Vorschmack rinnt von meinen Balsamstauden,

Kein Nektar aber träuft von Senden, Schilf und Fauden.


Freundlichkeit.


Die Schönheit braucht mich zwar anstatt Tapezereien;

Sie schmückt ihr Zimmer auch mit meinen Blumen aus,

Ich muß ihr leeres Feld mit Blumen überschneien,

Ich throne meinen Stuhl oft in ihr güldnes Haus;[120]

Jedennoch kann ich auch aus kleinen Augen blitzen,

Auf bleicher Wange spiel'n, auf kranken Lippen sitzen.


Schönheit.


Sobald ein Hauch vergeht, wenn man sich schlafen leget,

Ist stracks der Freundlichkeit beliebter Westwind hin;

Mein Siegel aber bleibt den Augen eingepräget,

Wenn ich, in Schlaf versenkt, ein Bild des Todes bin.

Wie Sonnen nicht vertilgt von Dunst und Nebel werden,

So wird mein Glanz beschämt von keinen Ungebehrden.


Freundlichkeit.


Gleichwie die Augen nicht nur meine Kraft empfinden,

So sind die Augen auch nicht nur mein Sühnaltar,

Wo Geist und Sinnen sich, zu widmen mir, entzünden;

Jedweder Sinn und Glied nimmt meine Wirkung wahr.[121]

Ein kräft'ger Seufzer ist ein Werkzeug meiner Stärke;

Ein Blick, ein lächelnd' Mund thut hundert Wunderwerke.


Schönheit.


Wenn Ruh' den Leib bezwingt und Mattigkeit die Glieder,

Wenn die Vergessenheit der Sinne Uhrwerk stillt,

Der Schlaf das Ohr verschließt, die Nacht die Augenlider,

Wenn die Vergessenheit um die Vernunft sich hüllt,

Bleibt doch der Schönheit Bild im Herzen unverrücket,

Weil es jedweder Traum ihm in's Gedächtniß drücket.


Freundlichkeit.


Du magst ja deinen Traum mit Traumesfarben malen;

Bei düstrer Sinnennacht ist schlechter Sonnenschein.

Denn ob mein Freudenstern zwar könnte seine Strahlen[122]

Den Seelen durch das Rohr der Träume gießen ein,

So soll sich doch mein Licht mit Nebel, Dunst und Schatten,

Kein flüchtig Irrlicht sich nicht mit mir, Sonne, gatten.


Schönheit.


Ihr schwarzen Sonnen, ihr, im Himmel des Gesichtes!

Ihr Schönheitsherolde! seid Zeugen meiner Macht;

Ihr Augen seid der Brunn des hellen Seelenlichtes;

Die Liebe schöpft die Gluth aus eurer kalten Nacht;

In euren Wolken muß sie ihren Blitz entzünden,

Ja, einen Herzensweg durch eure Fenster finden.


Freundlichkeit.


Was seid ihr Sterne wohl, wenn nicht die Strahlen schießen?

Ein Köcher ohne Pfeil, ein Uhrwerk ohne Gang!

Wenn sie nicht ihr Metall in meine Formen gießen,

Erweckt der Augen Thron geringen Liebeszwang.[123]

Ihr Augen mögt ja wohl der Liebe Zeughaus bleiben,

Nur daß die Waffen sich aus meiner Schmiede schreiben.


Schönheit.


Es mag der Perlenmund, den Nelken rings umblümen,

Der Becher aus Rubin, der voller Zucker schwimmt,

Durch eigne Wirkungen der Schönheit Palmen rühmen,

Weil ja die Liebe selbst in seinem Purpur glimmt.

Cupido muß sein Garn in seine Rosen stellen,

Dafern er einen Geist will in sein Netze fällen.


Freundlichkeit.


Die röthsten Lippen muß mein Honigseim besüßen

Und den Zinnobermund mit Lächeln zuckern ein;

Der Küsse Balsam muß auf die Korallen fließen,

Soll er der Liebe Burg, der Seele Garten sein;

Der Mund bleibt unbeseelt, die Herzen ohne Fühlen,

Wenn meine Winde nicht durch ihre Blätter spielen.


[124] Schönheit.


Des Kinnes weiche Perl', der Hals aus Marmelsteine,

Der Achseln blanke Milch, der Stirne Schneegestalt,

Der Adern Türkise, der Leib aus Elfenbeine

Sind Tempel süßer Lust, der Seelen Aufenthalt,

Die durch der Augen Thor unlöschbar Feuer fangen

Von Rosen, welche blühn auf weichen Sammetwangen.


Freundlichkeit.


Als jüngst die Liebe sich von ihrem Sohn ließ malen,

Macht' er des Mondes Horn von seinem Silber leer;

Die Sonne gab ihr Gold, die Venus ihre Strahlen,

Der Morgen den Rubin zu seinen Farben her.

Der Pinsel war sein Pfeil, mein' Anmuth das Gemälde;

Dich, Schönheit, braucht' er nur zum Grund' und untern Felde.


[125] Schönheit.


Es muß die ganze Welt der Schönheit sich bedienen;

Die Sterne borgen Gold, der Himmel borgt Sapphir,

Die Erd' entlehnt Smaragd, das Feuer braucht Rubinen,

Krystall und Perlen sind des Wassers höchste Zier.

Wenn die Natur die Welt mit Liebe will besämen,

Muß sie das Pfropfungsreis von meinen Aesten nehmen.


Freundlichkeit.


Wenn meine Knospen gleich noch in der Blüthe stehen,

Hat doch mein Sommer schon die Liebe reif gemacht.

Eh' als die Pfeile noch von meiner Sehne gehen,

Vollführen Lieb' und Herz schon ihre Seelenschlacht.

Ich bin die Liebe selbst, ihr Kern, ihr fünftes Wesen;

Was Schönheit machet krank, das muß durch mich genesen.


Quelle:
Auserlesene Gedichte von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Daniel Caspar von Lohenstein, Christian Wernike, Friedrich Rudolf Frhr. von Canitz, Christian Weise, Johann von Besser, Heinrich Mühlpforth, Benjamin Neukirch, Johann Michael Moscherosch und Nicolaus Peucker, Leipzig 1838, S. 111-126.
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