Vierdtes Buch.

[564] Das Hertze ist das erste / was am Menschen in Mutter-Leibe zu leben anfängt / und am letzten stirbt. Die Augen aber kriegen am längsamsten Wesen und Leben / sterben aber am ersten. Dieser widrige Unterscheid ist so viel merckwürdiger / weil die Augen nach dem Hertzen mehr Geister als kein ander Theil des Leibes haben / weil alle Gemüths-Regungen als in einem Spiegel der Seele darinnen gelesen werden; ja die Seele selbst in ihnen lebendig abgemahlt steht /und sie eine warhaffte Wohnstadt des Gemüthes / und eben dis in der kleinen Welt nemlich dem Menschen sind / was die Sonne in der grossen; welche mit Rechte das Auge und das Hertze der Welt heist. Weil die Natur aber das geringste nicht ohne erhebliche Ursache und wichtiges Absehn stifftet; ist schwerlich ein anderes zu ergründen / als daß das Hertze als der Brunn aller Lebens-Kräffte den Augen solche am längsamsten mittheile / und am geschwindesten entziehe / weil diese so wol das eigene als frembde Hertzen so fälschlich betrügen / und so offt mit einem reicheren Strome unsäglicher Schmertzen überschwemmen / als selbtes den Gliedern mit dem Blute Lebens-Oel einflößt. Denn saugen die Augen nicht wie Feuer-Brunnen den Schwefel der Liebe an sich / damit sie mit diesem höllischen Zunder das ihnen wolthätige Hertz in Brand stecken? Spielet sich nicht aus ihnen wie aus Basilisken Augen durch anderer Augẽ wie durch ein Fenster oder Pforte das Gifft der Begierden in unschuldige Seelen? sintemal die Augen der Schönen beredsamer als die Zungen der Redener sind / und die Liebhaber ärger als Beschwerer die Schlangen bezaubern. Sie sind nicht so verschämt / wie die allzeit mit Schamröthe gefärbten Lippen; haben also nicht weniger das Hertze als das Vorrecht Herolden der Liebe / und Ankündiger menschlicher Neigungen mit ihren stummen Blicken zu seyn. Sind sie nicht Meckler zwischen dem Hertzen und der gesehenen Schönheit umb einen Kauff mit der so schädlich als thörichten Wollust zu treffen? Wann dem Munde die Zunge gebunden / dem Willen ein Riegel vorgeschoben ist /geben sie geheime Werber der Liebe ab; ja sie sind selbst gleichsam unsere einige Liebe und gantze Wollust. Diesemnach sich nicht zu verwundern ist; daß nicht weniger Menschen diese süsse Flammen im Hertzen / als Augen an der Stirne tragen / ja daß diese Schwachheit so gemein / gleich als wenn sie wie das Feuer ein gemeines Element in der Welt wäre. Zu welchem Ende denn die Natur sonder Zweifel die Augen so wol zu Quellen der Thränen als der feurigen Liebe gemacht hat; damit sie mit ihrem Saltze solche Vergehung bereueten / als mit ihrem Wasser so schädliche Brände ausleschten.

Diese Schmertzen empfanden zwar unterschiedene an dem Cheruskisch- und Cattischen Hofe / niemand aber nunmehr ärger / als Flavius / welcher zwar auf dem Kampff-Platze die unvermuthete Enteuferung der Königin Erato mit unaussprechlicher Bestürtzung erfahren hatte / aber fast in Verzweifelung gerieth / als sich Erato in eine solche Einsamkeit verschloß / daß sie / außer Saloninen / keinen Menschen[565] vor sich ließ. Ja Thußnelden selbst / welche sie besuchen und wieder nach Hofe bringen wolte / mit Entschuldigung /daß ihr Kummer keines Menschen Antlitz vertrüge /abzuweisen kein Bedencken hatte / vom Flavius aber gar nichts mehr hören wolte. Sein Bekümmernüs war desto empfindlicher / weil er durch kein Nachdencken die Ursache einer so plötzlichen und heftigen Veränderung aussinnen konte / er sich auch schon in der Königin Gewogenheit und in der Schoos des Glückes gesehen hatte. Denn ungewisse Dinge / wie sehnlich man sie gleich verlangt / lassen sich noch leichter vergessen / als die / von derer Süßigkeit man schon einen Vorschmack genossen / entpehren. Alle Härtigkeit Saloninens / welche ihre Königin wie ein hundert-äugichter Drache bewachte / war so vermögend nicht /den Hertzog Flavius von der Wüsteney / in welchem das die Erato beherbergende Jägerhauß lag / zu entfernen / ungeachtet er sich einiger Ungedult und Wegzuges annam. Denn er konte ihm die Rechnung leicht machen: daß Erato in dieser Einöde keine immerwährende Wohnung aufschlagen würde / sondern weil sie mit der wolthätigẽ Thußnelde und dem so beliebten Hofe mehr keine Gemeinschafft pflegen wolte / einen heimlichen Wegzug im Sinne führete. Er blieb daher unvermerckt in selbiger Gegend / und übernachtete in einer nahe dabey gelegenen Kohlen-Hütte / gleich als wenn der Unstern seiner Liebe keine Herberge von ander Farbe vertrüge. Er hatte bey sich nur Gladebecken einen mit ihme lange gereiseten Edelmann / welcher des Tages das Jägerhauß / wie er selbst des Nachtes beobachtete. Entweder weil er dergestalt desto besser seine Anwesenheit daselbst zu verhölen getraute / oder die gefährliche Zeit / da Erato entkommen könte / selbst beobachten wolte. Denn es kam ihm nach der Zeit immer für / als wenn Zeno eben so wol sein Gemüthe von Ismenen ab / und ihr wieder zugewendet hätte; und sie daselbst ihre Abholung erwartete. Westwegen er auch mit einem denen vom Hertzog Arpus zu ihrem Dienste bestellten Jäger ein geheimes Verständnüs machte / ihm / wenn er vom Aufbruche das wenigste merckte / davon Wind zu geben. Außer dem entschlug sich Flavius zu Vermeidung Verdachts / aller Gesellschafft / und muste ihm sein Wirth der Kohlmann die tägliche Nothdurfft zubringen. Wiewol er sich mehr mit dem traurigen Andencken seiner Erato / als mit andern Lebens-Mitteln speisete. Denn weil seine Liebe nicht nur aus ihrer Schönheit / sondern aus ihrer Tugend den Ursprung hatte / war sie so viel hefftiger. Sintemal diese über die Gemüther eine übermenschliche Krafft hat / und über unsere Seele die gewaltigste Oberherrschafft führt. Es war schon die siebende Nacht / da er umb Mitternacht auf seiner Wache in der Ferne des Waldes ein Licht erblickte / welches er anfangs für den aufgehenden Mohnden hielt. Es näherte und vergrösserte sich aber je länger je mehr / bis er eine Anzahl mehr als hundert Fackeln erkiesete. Endlich nam er / dem doch vorhin noch nie kein Schrecken in sein Hertz kommen war / nicht ohne Gemüths-Veränderung wahr / daß alle Fackeln von rauchen Wald-Göttern getragen wurden / welchen ein von vier Hirschen gezogener aber leerer Wagen / und drey von Fuß-auf geharnschte Ritter folgten. Flavius hielt dis Gesichte anfangs für ein Gespenste / sahe aber mit Schrecken /wie bey dem Jägerhause der gantze Aufzug stille hielt / und als die Wald-Götter mit ihren Jägerhörnern ein grausames Gethöne machten / die Königin Erato wie Diana aufgeputzt mit der als einer Jägerin angekleideten Salonine heraus kam / auf den Wagen stieg / und /weil Flavius mit sich selbst zanckte / ob ihm träumte /oder wachte / mit unglaublicher Geschwindigkeit davon rennte. Als er sich wieder besaan / mühte er sich diesem Aufzuge nachzueilen.[566] Aber er watete gleichsam im Sande / daß er wenig oder nichts von der Stelle / ihm aber seine flüchtige Diana wie ein Irrlicht aus dem Gesichte kam. Denn wie die Furcht einem Reh-Füsse macht / also bindet uns ungemeines Schrecken alle Glieder / und hencket uns schwere Bley-Klötzer an die Fußsohlen. Also muste er nur seiner Verfolgung vergessen / und in seiner rauchichten Hütten den in tieffen Schlaff versunckenen Gladebeck aufwecken. Dieser ward so bald nicht munter / als er dem Flavius eine heftige Bestürtzung ansah / aber /ohne Erkundigung der Ursache / auf seinen Befehl zwey Pechfackeln anzündete / und mit seinem Herrn gerade dem Jägerhause zugieng. Dasselbe fanden sie offen / das Zimmer der Erato und Saloninens unverschlossen / die darinnen sonst wohnenden drey Jäger zwischen dreyen brennenden Lichtern schlaffend. Wie sehr sie nun an selben rüttelten / war doch keiner zu erwecken / also / daß wenn sie nicht alle starck geschnarcht hätten / sie selbte für Leichen würden gehalten haben. Gladebeck fieng hierüber an. Diese Lichter sind den Schlaffenden nicht ohne Ursach angesteckt; und ich wil nicht schweren / daß diese Jäger nicht erwachen / so lange diese Lichte brennen. Flavius sagte; ich weiß wol / daß etliche Menschen wider alle Vernunfft fest und lange / und zwar Mecenas drey / Nizolius zehn Jahr geschlaffen haben sollen / auch /daß man einen durch Mahsafft einschläffen kan / daß er so bald und leicht nicht erwache; aber durch was für Krafft solten wol diese Lichter der Schlaffenden Siñen binden? Gladebeck antwortete: Er wüste zwar nicht / ob durch natürliche Kräfften ein einschläffendes oder das Erwachen hinderndes Licht gemacht werden könte; dieses aber wäre gar gewiß: daß boßhaffte Leute durch Anzündung überpechter Menschen-Hände solches auszurichten wüsten. Dahero der Zauberey vielleicht auch nicht unmöglich fallen dörffte / aus Menschen-Fett / oder gewissen mit Kräutern vermischten Hartzte eben so kräfftige Lichter zu fertigen. Flavius fiel ein: Erato wäre viel zu tugendhafft /daß sie sich mit Zauberey beflecken / und derogestalt ihre Flucht zum Laster machen solte. Gladebeck entschuldigte sich: daß ihm diese Auflage nie in Sinn kommen wäre; zumal er auch von ihrer Flucht nichts wüste; und könten vielleicht andere die Hand mit im Spiele haben. Alleine die Erfahrung wäre der beste Prüfungs-Stein der Warheit; daher wolte er es mit eines Lichtes Ausleschung versuchen. Mit grosser Müh leschte er endlich eines aus; da denn selbigen Augenblick der darbey liegende Jäger mit Ungestüm auffuhr / und den Hertzog Flavius / welchen er aber nicht kennte / umb Schutz anflehete. Flavius fragte; wer ihm einiges Leid anthun wolte? der Jäger antwortete: die Bock-Menschen. Flavius urtheilte hieraus selbst: daß es mit Kräutern zugienge; gab sich also dem Jäger zu erkennen / und fragte / was ihm geträumt hätte? der Jäger kam hiermit zu sich selbst /und erzehlte; daß ihn im Traume eine grosse Menge wie rauche Böcke gebildete Menschen überfallen /und / weil er ihnen nicht ein zahmes Reh wollen folgen lassen / zu ermorden getrachtet hätten. Flavius antwortete: du hast das dir anvertraute Reh übel bewacht. Denn die Königin Erato ist nicht mehr hier. Der Jäger rauffte ihm hierüber die Haare aus dem Kopffe / und betheuerte: daß er die wenigste Anzeigung einiger Flucht gemerckt / darzu alle Nacht von ihnen ein Jäger Wechsels-weise gewacht hätte. An dem neben ihm liegenden wäre die Reye gewest / also müste er dafür Red und Antwort geben. Er mühte sich auch / aber vergebens / seinen Nachbar zu erwecken /bis Gladebeck das neben ihm stehende Licht ausleschte; worauf auch dieser Jäger noch ungestümer aufsprang / seinen Hirschfänger entblöste; und / wenn ihm nicht[567] in die Armen gefallen wäre / umb sich gehauen hätte. Nach seiner Ermunterung aber fiel er dem Hertzog Flavius zu Fusse / und nach dem dieser Rechenschafft forderte; wo die ihm zu bewachen anbefohlne Königin hinkommen wäre / erzehlte er: daß er an der Pforte die Wache gehalten / es wäre aber Salonine mit einem Lichte aus der Königin Zimmer ko en / hätte ihm unter Augen geleuchtet und gefragt: Ob er nicht schlieffe? hiervon wäre er so bezaubert worden: daß er sich keines Dinges mehr erinnerte / auch nicht wüste / wie er zu seinen Gesellen / und woher diese frembden Lichter ko en wären. Im Schlaffe aber wäre ihm vorkommen; als wenn eine Menge böckichter Menschen einbrächen und Gewalt übten. Nicht viel anders berichtete der dritte auf eben solche Art erweckte Jäger. Hertzog Flavius ward je länger je mehr hierüber bestürtzt / und sagte: Ich muß euren Worten Glauben geben; weil ich selbst mit Augen gesehen: daß eine grosse Menge Satyren die Königin mit einem so grossem Gethöne / welches auf eine Meilweges die Schlaffenden zu erwecken starck genung gewest wäre / auf einem mit Hirschen bespañten Wagen weggeführt hätten. Gladebeck schüttelte den Kopff / und sagte: Er hielte diesen Raub für eine Bländung / und käme ihm so unglaublich für / als daß die Hexen durch Böcke auf den Blocksberg / und die umb das Nordliche Vorgebürge Ruben wohnenden Finninger von den Rennthieren an den Ort / den sie ihnen ins Ohr sagten / geführet werden sollen. Ich glaube auch nicht; daß ein Satyr in der Welt / weniger in diesen Wäldern zu finden sey. Flavius begegnete ihm: was er mit Augen gesehen / ließe er ihm nicht ausreden / noch für Bländung verkauffen; an dem /daß Satyren wären / dörffte auch niemand zweifeln. Sylla hätte bey Apollonia in einem heiligen Heyne einen gefangen bekommen / dessen unartige Sprache aber kein Mensch verstanden. Osiris hätte ihrer eine grosse Anzahl in Mohrenland gefunden / und in Indien würde das Gebürge Coruda von so vielen bewohnet / daß sie mit Abstürtzung der Steine die Jäger aus den Thälern vertrieben. In Africa hätte man ihn versichert; daß es ihrer auf dem Berge Atlas nicht wenig gäbe / welche mit ihrem Gepfeiffe und Getümmel viel Wesens machten / und im grossen Meere bey Africa lägen gewisse Eylande / die von ihrer Mänge die Satyrischen genennet würden. Gladebeck brach ein: weil Africa ein rechtes Wohnhauß der Mißgeburten wäre /glaubte er / daß derogleichen Ungeheuer aus Vermischung unterschiedener Art Thiere zuweilen entsprüßen / oder aber die abergläubische Schiffer aus der Ferne vielmal Affen und Katzen für Satyren ansehen; welche aber keines weges für Menschen / am wenigsten aber mit den alberen Griechen für Halb-Götter zu halten wären. Flavius versätzte: Ich begehre die Satyren nicht zu vergöttern / noch alle mit ihnen vorgegangene Irtthümer zu rechtfertigen; aber wären sie nur unvernünfftige Thiere; wie kan denn der mit dem weisen Midas in so grosser Verträuligkeit gestandene Silenus für einen der Natur und des Alterthums kündigen Mañ gerühmet werden? Soll nicht das schlaue und mächtige Volck der Hunnen in Scythien von Satyren entsprossen seyn? Wie hätten die Griechen ihren Pan / die Garamanter ihren Ammon / die Egyptier ihren Monde als einen Gott in Gestalt eines Bockes oder vielmehr eines hörnrichten Satyrus bilden können? Gladebeck antwortete: haben diese abergläubischen Völcker ihnen nicht Hunde / Mäuse und Katzen zu Göttern auffgeworffen? die Hunnen wären seinem Bedüncken nach so wenig Kinder der Satyren / als die Cimbern der Beeren. Midas wäre allen Umbständen nach ebenfals ein Zauberer und entweder gar kein Silenus / oder mehr ein Gespenst als Mensch gewest. Der älteste unter diesen Jägern[568] fiel ein: Er könte gleichwol auch nicht verschweigen / daß er in denen Hercynischen Gefülden ein und andermal solche Wunder / welche oben Mensch unten Böcke gewest /und wie sie ihn diese Nacht gequälet / gesehen hätte. So wenig sie sich nun hierüber vercinbaren konten /so wenig wuste sich Flavius zu entschließen / was er bey so seltzamen Ebentheuer zu thun hätte. Die Königin in einer solcher Wildnüs zu verfolgen / würde nicht nur wegen eines so grossen Vorsprungs und so vieler Irrwege vergebene Müh / sondern auch gegen eine solche Menge Räuber / sie wären gleich Gespenste / Menschen / oder was anders / gefährliche Verwegenheit seyn. Daher muste er sich nur entschlüßen wieder dem Hofe zu folgen / welcher sich nunmehr beym Hertzog Arpus an der Fülde in der vom Drusus gebauten Festung und Stadt aufhielt. Sein Gemüthe aber war über dem Verluste der Königin derogestalt niedergeschlagen / daß er ihm selbst in seinem Hertzen gram / und in anderer Augen unähnlich war. Er schalt seine Thorheit / daß er sich Saloninen mit bloßen Worten abweisen / und den Betrug ihrer Entführung unverhindert karten lassen. Kein verzagter Liebhaber hätte jemals den güldenen Apffel der Vergnügung überkommen. Er schämte sich; daß er die Augen zwar im Vorder-Haupte / aber nicht im Hertzen gehabt hätte / und sich nur nicht wie jene Vögel durch gemahlte Trauben / sondern durch gemahlte Worte Saloninens hätte betrügen lassen. Seine Einfalt wäre grösser als derselben Leute / welche in die Ferne sehende / ihnen einbildeten / daß die Schwiebogen des Himmels mit der flachen Erde vereinbart wären; wenn sie aber auf solch ihr Augen-Ziel kämen / wäre der Himmel von ihnen und der Erde so weit entfernet / als vorher. Also hätte ihm seine Eigen-Liebe geheuchelt: daß er mit der himmlischen Erato unauflößlich verbunden wäre / nun aber sehe er sich von ihr weiter entfernet / als niemals vorher. Er verdammte seine Trägheit und Kleinmuth / daß er die Räuber der Königin / welche vielleicht mehr Schatten als wesentliche Dinge gewest wären / nicht angefallen / oder / weil ohne dis sein Leben ohne sie nur ein langer Tod seyn würde / solches nicht mit mehr Ruhme ihrer Liebe aufgeopffert hätte. Diese seine Klage schüttete er bey niemanden offenhertziger aus / als bey Rhemetalcen und Zirolanen; weil außer ihnen wenig seine Liebe billigten. Zirolane aber wuste ihm mehr als weiblich einzureden / und sagte ihm: Er wäre ein allzu verzärtelter Liebhaber. Der Himmel hienge nicht immer voller Geigen; Er hätte / wie der andere / zwar seine anmuthige Lust- aber auch seine schwartze Unglücks-Sterne / welche Donner und Blitz / Hagel und Ungewitter / Mißwachs und Schiffbruch verursachten. Wer nicht wüste zu leiden / solte oder könte nicht lieben. Denn diese wurtzelte erst recht von Widerwärtigkeit /wie die Eichen von Sturm-Winden: Unter diesen wäre zwar am empfindlichsten die Kaltsinnigkeit der geliebten Seele; aber auch am nützlichsten. Denn diese machte die Liebe allererst reiff und vollkommen / wie der Reiff den Kohl. Je kälter es wäre / je kräfftiger wäre das Feuer / und die Flamme fräße im Winter mehr und geschwinder das Holtz / als im Sommer. Also wäre keine Liebe feuriger / als welche auf eine unempfindliche Schönheit anträffe. Wie uns dis / was uns selbst in die Armen laufft / bald Eckel erweckt /also macht die Weigerung dessen / was man liebt /unsere Begierde unersättlich. Sie gleichet dem Zitron-Saffte / der mit seiner Schärffe unsern Gaumen so lieblich kitzelt / und den Geschmack auf der Zunge verzuckert / daß die / welche ohne Hunger zur Taffel sitzen / sich kaum ersättigen könten. Diesemnnah müste es ihm Flavius nicht lassen so seltzam fürkommen / sondern / umb seine Liebe vollkommen zu machen / ihm[569] lassen lieb seyn / daß das Verhängnüs durch derogleichen Hindernüsse seine Treue prüfete /welches öffter Hertzhafften durch Sturm / als Weichlingen durch eine gäntzliche Windstille in Hafen verhülffe.

Als es derogestalt mit dem Flavius witterte / schien dem Hertzoge Catumer und Adelmunden die Sonne. Sie liebkoseten ihnen nun nicht mehr mit ihrer eigenen Hoffnung / sondern das Glücke schien alle Winde in ein Ende bezaubert zu haben / daß sie in die Segel ihrer Begierden blasen musten. Denn nach dem der Feldherr nicht weniger mit seiner Aufrichtigkeit ihm Freunde zu machen / und durch seine Holdseligkeit ihre Gemüther an sich zu ziehen / als mit seiner Tapfferkeit seinen Feinden schrecklich zu seyn wuste / fiel es ihm nicht schwer dem Hertzoge Arpus glaublich zu machen: daß weder Ismenens Schwerigkeiten von ihm herrührten / noch auch Ismene selbst aus Verachtung des Cattischen Hauses oder seines Sohnes sich der Vermählung widersetzt hatte. Sie war durch die wunderbare Ausführung ihrer Unschuld bey jedermann in ein solch Ansehn ko en / daß Arpus selbst glaubte; was ihr / müste zugleich dem Himmel zu wider seyn. Also muß das Gefieder von denen auf die Unschuld geschossenen Pfeilen ihr selbst zu Schwungfedern dienen. Hertzog Arpus sahe es auch so wenig den Catten für gut / als ihm anständig an / seinen einigen und so tapfferen Sohn mit einem so harten Gesätze zu belästigen / als die Aufnöthigung einer unbeliebten Gemahlin ist. Also ward mit beyder Hertzoge gutem Willen / und mit grösserer Vergnügung Catumers und Ismenens ihr Heyraths-Schluß zerrissen / als vielleicht hundert andere getroffen werden. Derogestalt gehet es mit den Zufällen wie mit der Zeit her. Einen lachet offt mehr der Abend mit seinen braunen und traurigen Hiacynthen / als der Morgen mit seinen frischen und freudigen Rosen an. Weil dis letztere nun Arpus an seinem Sohne / Hertzog Ganasch an seiner Tochter Adelmunde wahrnahmen; Eltern aber mehr Freude aus ihrer Kinder / als aus ihrer eigenen Vergnügung schöpffen / konte sich auch in Mangel wichtiger Ursachen ihr Wille von derselben Belieben schwerlich entfernen. Die Hertzogin Erdmuth / welche aus dem Chaucischen Hause ohne dis entsprossen war / hatte fürlängst ein Auge auf Adelmunden gehabt / und also stritte sie nunmehr gleichsam in Zuneigung gegen diese vollkommene Fürstin mit ihrem eigenen Sohne. Weil nun beyde einander an Geschlecht und Tugend gleich waren / und überdis Schönheit und Freundligkeit Adelmunden / Tapfferkeit und Anmuth Catumern das Wort redeten / dorffte es keiner Werber und Meckler. Nichts desto weniger verstunden es der Feldherr und Thußnelde wol; daß diese Heyrath ein der Deutschen Eintracht sehr dienliches Band seyn würde; daher halffen beyde mit Händ und Füssen dazu; ja der Adel und das gemeine Volck der Catten gaben mit Wünschen und Freuden-Zeichen ihr Verlangen nach diesem Bündnüsse zu verstehen; und ward die Verlobung in kurtzer Zeit mit allgemeinem Frolocken geschlossen. Die kluge Ismene / welche dieses Werck zu befördern alle ihre Kräfften angespannt hatte / meinte ihrer Schuldigkeit zu seyn dem für ihre Unschuld fechtenden Catumer ein Merckmal ihrer Freundschafft und Gewogenheit abzuliefern / weil es in ihrer Gewalt nicht gestanden hatte sich ihm als ein Opffer der Liebe zu liefern. Wie nun Hertzog Arpus an dem Verlobungs-Tage allen Fürsten und dem gantzen Hofe ein köstliches Mahl ausrichtete; darauf die deutsche Verträuligkeit offenhertzig mit einem reichen Uberflusse des bey dem Altare des Bacchus gewachsenen Weines verneuert ward; also brachte Ismene ihnen auf einem dazu bequämen Saale einen zierlichen Tantz. Aus den Wolcken ließ sich auf den darzu[570] bereiteten Schauplatz bey annehmlichen Säitenspielen ein überaus grosses Ey / wie dieses aussiehet / wormit Zoroaster die gantze Welt fürgestellet hat / welcher Ebenbild auch warhafftig ein Ey ist / indem das Erdreich durch die Schale / das Wasser durchs Weiß-Ey / die Lufft durch desselben geistige Bewegung / das Feuer durch den Toter fürgebildet wird. Wie denn auch nach der Stellung die Schale das Gewölbte des Himmels / das Weiß-Ey die Lufft / der Toter die Erdkugel entwerffen kan. Wiewol Ismene durch dieses Ey mehr die allgemeine Fruchtbarkeit vorhatte anzudeuten. Sintemahl nicht nur das Geflügel / Krebse / Fische / sondern auch Menschen und durchgehends alle Thiere aus Eyern ihren Ursprung haben sollen. Dieses Ey ward vom Himmel durch einen Strahl gerühret / wovon es sich öffnete /und kamen daraus viererley Liebes-Göttinnen. Die erste hatte eine Krone von Diamanten / einen Rock von Goldstück / am Rücken und an Füssen Flügel /damit sie stets in der Lufft schwebte und die Erde nicht berührte. In der rechten Hand führte sie zum Zeichen der Ewigkeit einen güldenen Rincken; in der lincken Hand den Vogel Phönix. Durch diese ward abgebildet eine nur GOtt liebende Seele. Die andere hatte einen Krantz von Rubinen / einen Rock von Silberstück / sie war nur am Rücken / aber mit kleinern Flügeln gefiedert. Sie berührte die Erde / aber niemals mehr als mit einem Fusse / und zwar nur mit den Zehen. In der rechten Hand hatte sie eine Kristallene Lampe mit brennendem Oel; in der lincken einen in und von der Lufft lebenden Paradiß-Vogel. Durch diese ward eine nichts als die Tugend liebende Seele abgebildet. Die dritte hatte einen Krantz von Saphier /einen Rock aus blauem Atlas / und nur auf der einen Seite einen Flügel; durch welchen sie sich doch zuweilen von der Erde erhob. In der rechten Hand führte sie ein brennendes Hertze / in der lincken eine Turtel-Taube. Diese stellte die ehliche Liebe für / welche eine Vereinbarung der Hertzen und Leiber / und zum Theil geistig / zum Theil irrdisch ist. Die vierdte hatte einen Krantz von Schmaragd / einen Rock von grünem Damast als der allein irrdischen Farbe mit darauf geflückten Thieren / und verbundene Augen. Ihre Schuch waren von Bley. In der rechten Hand hatte sie eine Fackel aus Wachse der aus einem Ochsen-Aaße gezeugter Bienen; auf der lincken Hand einen Raben. Diese stellte die gantze irrdische Liebe der Leiber für / welche allein dem Viehe / oder wollüstigen Menschen eigen ist. Jede unter diesen tantzte Wechsels-weise nach ihrer Eigenschafft; die erste nach den lieblichsten Sängerinnen / die andere nach eitel Lauten /die dritte nach Geigen / die vierdte nach Flöten. Hierauf erschienen die vier Elementa. Das Feuer gesellte sich zu der göttlichen Liebe / weil das Feuer vom Himmel den Ursprung hat / und ein Bild des grossen GOttes ist; die Lufft zu der Tugend-Liebe / welche /wie die Lufft / zwar nicht den Himmel übersteiget /aber sich auch nicht unter die Erde versäncket; gleichwol aber sich von dem reinsten Lichte der Seelen speiset. Das Wasser gesellte sich zu der ehlichen Liebe / welche wie das Wasser zwar ihre Schwerde und Fruchtbarkeit hat / aber doch ihre Klarheit nicht verlieret. Die Erde erwehlte die fleischliche Liebe zur Gefärthin; welche wie die Erde so schwer als finster /und kaum eine Liebe genennet zu werden würdig ist. Des Feuers und der göttlichen Liebe Tantz war nichts / als ein künstlicher Flug / durch welchen sie sich endlich zusammen in die Wolcken empor schwungẽ und verschwanden. Die Lufft und die Tugend-Liebe flohen bald wie geschwindes Geflügel in der Lufft herumb / bald tantzten sie am zierlichsten auf dem Bodeme. Zu letzt kam die Göttin des Nachruhms auf einem mit Adlern bespannten Wagen / reichte dieser Liebe die rechte / der Lufft die lincke Hand / wormit sie beyde von ihr in die Wolcken geführet wurden. Die Erde gestellte[571] sich zu der fleischlichen Liebe /welche zu bedienen nun zwölff kohl-schwartze aber ungeflügelte und nur mit bleyernen Pfeilen und Pech-Fackeln gewaffnete Liebes-Knaben aus der Erde herfür krochen. Nach einem zusa en gehegten ziemlich frechen Tantze ward die Liebe / wie Actäon / in einen Hirsch / die Liebes-Knaben in Hunde verwandelt /welche ihn zerrissen und zerfleischtẽ. Zu letzt ward die Erde zu einem Drachen / und verschlang zusammen Hirsch und Hunde. Also behielten das Wasser und die ehliche Liebe den Schauplatz alleine sich zu breiten. Welcher denn zwölf geflügelte mit güldenen Bogen / Köchern und Pfeilen gerüstete Liebes-Götter zuflogen / und mit ihr einen künstlichen Fackel-Tantz hegten. Bey dessen Beschluß erschien auf einem von vier weissen Kühen gezogenen Wagen die Fruchtbarkeit. Sie hatte auf der Stirne einen vollen Monden / im lincken Arme ein Horn des Uberflusses. Sie reckte der Liebe die rechte / dem Wasser die linke Hand / und führte sie durch eine Ehren-Pforte / über welcher die Worte: Die Unvergängligkeit der Natur / zu lesen waren / zwischen dem Frolocken der Liebes-Götter vom Schauplatze. In dem andern Aufzuge dieses Tantzes erschien die ehliche Liebe allein und gab nach dem Falle der süssesten Säitenspiele in einem zierlichen Tantze ihre Sehnsucht nach etwas Liebes-würdigem zu verstehen. Hierauf fanden sich auf dem Schauplatz die Wollust / die Ehrsucht / der Geitz /und die Vernunfft. Die erste stellte in einem üppigen Tantze ihr die Schönheit / in Gestalt der annehmlichen Phryne / die andere in einem hochtrabenden die Ehre / in Gestalt einer gekrönten Königin / der magere Geitz in einem langsamen das Reichthum in Gestalt eines mit Gold und Perlen behangenen alten Weibes in einem Affen-Tantze / die Vernunfft aber die Tugend in einem ernsthafften für Augen. Als keines aber dem andern weichen wolte; gab ihnen die ehliche Liebe zu verstehen; daß jedes einen Schiedes-Richter erwehlen solte. Die Schönheit erkiesete hierauf die Jugend / die Ehrsucht das männliche / der Geitz das greise Alter / die Vernunfft die Klugheit. Diese erschienen und vermischten sich mit denen Tantzenden. Jedes aber stritt für seinen Kührmann /konten sich also nicht mit einander vergleichen / ob es am rathsamsten sey der Schönheit / der Ehre / dem Reichthume oder der Tugend zu heyrathen. Die Ehrsucht meinte / die Bauren heyratheten nur nach Schönheit / edle Gemüther aber nach Ehren; der Geitz urtheilte: die auf Ehre sähen / speisten sich mit Schalẽ / er aber mit Kernen; die Schönheit hingegen: die nach Reichthum freyenden vermählten sich mit einem todten Aaße / die nach Schönheit aber mit Engeln. Die Klugheit erkennte: wer nach Schönheit strebte /sättigte sich mit Eitelkeit / wer aber nach Tugend /vermählte sich mit GOtte. Diesen Zwist beyzulegen erschien auf dem Schauplatz das Glücke / wormit den Deutschen die absondere / wie durch die Natur die ordentliche Schickung Gottes für gebildet wird. Diese gab mit Gebehrden in einem annehmlichen Tantze zu verstehen; daß eine gewünschte Eh nicht von menschlicher Wahl / nicht vom Einflusse der Gestirne / sondern von Göttlicher Versehung herrührte. Sie stellte zu derselben Muster die glückseelige Verlobung des Fürsten Catumers mit Adelmunden für / als welche beyderseits Schönheit / hohen Stand / Reichthum und Tugend zum Heyrath-Gute mitbrächten und empfiengen. In dem dritten Aufzuge kam die Liebe der Bluts- Verwandten / der Freunde und die Liebe der Ehleute auf den Schauplatz. Die erste war in blutrothen Damast gekleidet / und mit Rosen gekräntzt. Die andere hatte einen schwartz-seidenen Rock mit weiß eingewürckten Todten-Köpffen / und einen Krantz von unverwelcklichen Amaranthen. Die dritte war mit grünem Atlas angethan / und mit Oel- und Lorber-Zweigen gekräntzt. Jede Liebe meinte es im Tantze der andern an Zierligkeit vorzuthun / und mit Gebehrden ihre Stärcke und Vortreffligkeit abzubilden.[572] Die Liebe des Geblütes gab zu verstehen: das Hertz wäre der Sitz der Liebe und zugleich der Brunn des Blutes /also müste das Blut auch die Wurtzel rechtschaffener Liebe seyn. Was wäre brünstiger als die Liebe der Eltern gegen ihre Kinder? was eivriger als die Liebe der Kinder gegen Vater und Mutter? was zärter als die Liebe der unter einem Hertzen gelegenen Geschwister? Ihre Mutter wäre die Natur / der andere aber die Gewohnheit. So viel stärcker nun die Natur wäre als die Einbildung / so viel mächtiger wäre die Geblüts-Liebe / als andere. Die Freundschafft zeigte an: Die Neigung des Geblütes würde mehrmals durch Rache und Ehrsucht in Gifft und Galle verwandelt. Es haßte niemand ärger einander als Brüder; und die Feindschafft der Kinder und Eltern endigte sich niemals als mit dem Tode; ja es steche ein Sohn wohl ehe seinem erblaßten Vater die Augen aus / und eine rasende Tochter sprengte frohlockend mit Pferd und Wagen über die Leiche ihres Vaters. Die Freundschafft aber thäte es allen andern Verbindungen zuvor. Sie machte aus zwey Hertzen eines. Zweyer Wille gleichte sich eines Menschen zwey Augen; wo eines hinsähe /müste das andere folgen. Ja das Grab und die Todten-Asche behielte noch in sich treuer Freunde Gedächtnüß und Zunder. Alle andere Liebe gleichte einer überlauffenden Hitze / oder einem Feber / welches bald kalt / bald heiß machte. Die Beständigkeit aber wäre die Seele der Freundschafft / sie liesse ihren Freund niemals aus den Gedancken / ihre Neigung niemals aus dem Hertzen; wie ein Steuer-Mann den Compaß niemals aus dem Gesichte. Die Liebe wäre meistentheils einseitig; sie liebte ins gemein Dinge /die nicht wieder lieben könten / und der Liebe nicht werth wären; oder Menschen / welche nur von der Liebe / wie jener Africanische Brunn von den Sonnen-Strahlen kalt würden. Die Freundschafft aber wäre eine verwechselte Liebe zweyer Hertzen / und sie also im Leben diß / was die zwey Angel-Sterne in der Welt / welche die Hertzen / wie diese zwey unbewegliche Sterne den gantzen gestirnten Himmel an einander verknipfte. Sie liebte nicht alleine diß / was der Verstand ihr zu lieben würdiges riethe; und also ins gemein die Tugend. Die Geblüts-Liebe wäre nur ein einfacher Thon; die Freundschafft aber eine vollkommene Zusammen-Stimmung / von welcher die Glückseligkeit des Menschen / wie von der Sonne der Wohlstand der Welt herrührte. Das Bündnüß des Geblütes wäre nur was zufälliges / Freundschafft aber rührte aus wohlbedachtsamer Wahl ungezwungenen Willens her. Bluts-Freunde wären uns vielmal ungleich / und also unanständig. Niemand vernünftiges aber erwehlte ihm was ungleiches / dahero wäre es verantwortlicher eines Bruders / als eines Freundes sich zu enteusern. Jenes wäre zum höchsten nur eine Leichtsinnigkeit; diß zum wenigsten ein Unrecht /oder vielmehr eine schwartze Untreu. Keine Neigung in der Welt wäre auch so tauerhaftig / als wahrhafter Freunde. Alle Liebe gleichte dem Helffenbeine /Freundschafft aber dem Marmel. Denn jene hätten /wenn sie neue / diese aber / ie älter sie wären / den schönsten Glantz. Wein und Freundschafft / ie älter sie wären / ie stärcker würden sie. Die ehliche Liebe drückte mit ihren Geberden aus: Die Geblüts-Liebe wäre die Liebe wilder Thiere / die Freundschafft eigentlich nur der Geister / und daher in der Welt so ungemein oder so unvollko en; die ehliche Liebe aber die eigentliche Liebe der Menschen. Diese wäre die Mutter der Geblüts- und die Tochter der Freundschaffts-Liebe; also hätte sie ihr heiliges Feuer zum Ursprunge; und aus ihrem Quelle rinnte nichts als Flammen / dahero schmeltzte die ehliche Liebe zwey Hertzen gleichsam als Wachs zusammen / daß sie schwerer als Silber und Zien von einander getrennt werden könten. Wenn die Freundschafft auch vollkommen seyn wolte / müste sie ihr darinnen gleich[573] werden / daß sie nicht zwischen mehrern als zweyen Seelen unterhalten würde. Daher die Scythen eine Freundschafft mit vielen für so verächtlich hielten /als eines geilen Weibes mit vielen Männern pflegende Gewohnheit. Weil aber kein Nachdruck niemals dem wahren Bilde gleich käme / erreichte keine Freundschafft iemals die Vollkommenheit der ehlichen Liebe. Aufrichtige Freundschafft wäre über diß in der Welt so seltzam / daß man nicht ohne Ursache zweifelte: ob iemals ein Beyspiel nach allen Gesetzen der Freundschafft in der Welt befindlich gewest wäre. Da sie aber ie gewest / liessen sie sich wie die in Arabien gesehenen Phönixe zehlen. Zuweilen hätte es ja einen Schein gehabt: daß ein Freund für den andern sein Leben in die Schantze gesetzt; aber man wäre doch niemals versichert gewest: ob er mehr aus Liebe seines Freundes / als aus Ehrsucht sich in Tod gestürtzt. Der Eigen-Nutz mischte sich in alle Freundschaften /wie das Queck-Silber in alles Ertzt / und daher wären sie auch wie jenes ins gemein kaltsinnig und durchsichtig / schwer / und gleichwohl beweglich und unbeständig. Die ehliche Liebe aber / welcher Gesetze zweyen Menschen die Unzertrennligkeit der Leiber und Seelen biß in Tod aufbürdete / machte aus zweyen Menschen gleichsam nur einen / und also wäre sie fast aller Mängel und Gebrechen der Freundschafft entübrigt. Ja wenn ihr nicht von der Vernunfft eingehalten würde; daß ein Ehgatte seinem verstorbenen kein lieberes Opfer als sein unaufhörliches Andencken liefern könte; würde man einen treuen Ehgatten niemals beerdigen; daß sich nicht der andere mit ins Grab legte. Welche tugendhafte Frau würde nicht mit der vortrefflichen Alcestis mit ihrem freywilligem Tode ihrem Ehmanne / wie sie ihrem Admetus das Leben erhalten? Welch tapferer Ehmann würde nicht wie Gracchus sich gerne eine Schlange tödten lassen /daß er seine Cornelia errettete? Welche treue Frau würde nicht nur mit Artemisien sich zum Sarche ihres Ehmannes machen / mit Hipsicrateen ihrem Mithridates über Gebürge und Meere durch Eiß und Schweiß folgen / sondern wie Julia bey Erblickung des grossen Pompejus ihres Ehmanns blutigem Rocke ihren Geist aufgeben? mit Porcien wegen ihres umbgebrachten Cato glüende Kohlen verschlingen / und mit denen Indianischen Eh-Frauen sich für unehrlich schätzen; welche sich nicht in die glüenden Holtz-Stösse ihrer lodernder Ehmänner stürtzte? Welch Ehmann würde nicht seiner treuen Ehgattin / wie Cajus und Marcus Plautius seiner Orestillen Todten-Asche mit seinem Blute bespritzen? umb mit ihnen den Ruhm zu haben in einem Grabe mit der Uberschrifft: der Geliebten /zu ruhen. Nachdem aber keine dieser dreyfachen Liebe der andern ein Vorrecht enthängen wolte; bezohen sie sich aufs Recht. Die Geblüts-Liebe schlug den Leib / die Freundschafft die Seele zu Schiedes-Richtern für. Beyde erschienen / und hegten wiewohl tantzende ihr Gerichte. Der Leib / aus dessen Adern als aus ihrem Brunnen die Geblüts-Liebe entspringt /gab für sie den Ausschlag; die Seele aber / welche nach dem Gutachten ihres Verstandes aus freyem Willen ihr erkieset / wen sie zu lieben würdig schätzt / urtheilte für die Freundschafft. Hierauf erwehlte die ehliche Liebe beyde den Leib und die Seele zu ihren Richtern / gab auch mit ihren stummen Geberden sehr verständlich zu verstehen: daß sie alleine eine wahrhafte Vereinbarung beydes der Leiber und der Seelen wäre / iedes ihrer Gegentheile nur an einem einfachen Bande hienge. Sie beruffte zum Zeugen die fünf Sinnen / und fünf Tugenden / nemlich / die Klugheit / die Geduld / die Beständigkeit / die Mässigkeit / und Hertzhaftigkeit. Jene stellte sie dem Leibe / diese der Seele für Augen. Jene suchten in einem besondern Tantze den Leib zu bereden / daß er von keiner Liebe so viel Ergetzligkeit genüsse / als von der ehlichen /welche alle Sinnen aufs höchste anspannete / umb seinen[574] Eh-Schatz zu vergnügen / ja diese Liebe wäre gleichsam die Seele aller Sinnen / und die erste Regung des Leibes. Die Tugenden hielten in ihrem Tantze der Seele für; daß die Klugheit aus nichts mehr /als in Erwehlung eines Ehgatten zu prüfen wäre; daß kein Unglück in der Welt zu finden / welches die ehliche Liebe nicht durch Geduld verdauete / das Erzt am Marmel und Diamant gegen ihre Beständigkeit zerbrechliche Banden wären; daß sie die heftigsten Gemüths-Regungen mit einem annehmlichen Blicke /wie die Sonne mit ihren Strahlen den Nebel zu Bodem schlüge. Daß sie stärcker als der Tod / und mächtiger als die Einflüsse des Gestirnes wäre. Leib und Seele gaben hierauf durch einmüthiges Urthel zu verstehen: daß die Geblüts-Liebe fast nur die Leiber / Freundschafft nur Gemüther / ehliche Liebe aber Leiber und Seelen zugleich miteinander vereinbarten; also auch dieser der Siegs-Preiß gebührte. Die Sinnen und Tugenden hielten hierauf einen vermengten Tantz; darinnen sich allezeit bey iedem Schlusse das Gesichte mit der Klugheit als dem Auge des Gemüthes / das nur allzeit leidende und nie nichts würckende Gehöre mit der Geduld / das tauerhafte Fühlen mit der unempfindlichen Beständigkeit / der zum Eckel geneigte Geschmack mit der annehmlichen Mässigkeit / der kräfftige Geruch mit der Hertzhaftigkeit paarte / welche auch die Asche ihrer Liebhaber mit der edlen Würtze unsterblichen Nachruhmes einbalsamet. Nach dem Ende dieses Tantzes fiengen die drey Lieben einen neuen an / darinnen die Geblüts- und Gemüths-Liebe / nemlich die Freundschaft der ehlichẽ Liebe ihre zwey Kräntze aufsetzten. Diese aber näherte sich denen für dem Schauplatze sitzenden schauern / und setzte den Rosen-Krantz auf Adelmundens / den Amaranthen-Krantz auf Catumers Haupt / und endlich zertheilte sie ihren eigenen zweyfachen Oel- und Lorber-Krantz entzwey / und satzte jenen dem Hertzog Arpus / diesen dem Feldherrn Herrmann auf. Welches nicht nur die spielendẽ Sinnen und Tugenden / sondern auch alle Zuschauer mit einem grossen Freuden-Geschrey billigten / und niemand war / der nicht diese Erfindung der sinnreichẽ Ismene lobte.

Höret aber / was in einem so heitern Himmel sich aus einem geringen Dampfe für Sturm-Wolcken zusammen ziehen können? Adgandester / welcher ihm eingebildet hatte ein unbeweglicher Stern im Himmel des Cheruskischen Hofes zu seyn / machte nicht nur sein unvermutheter Fall verzweifelt; sondern auch desselben glücklicher Lauff gleichsam rasend. Denn die / welche eine Weile das Steuer-Ruder des gemeinen Wesens geführt / lassen ihnen ins gemein träumen: daß mit ihrer Hand-Abziehung alles würde zu Grunde gehen. Hierinnen heuchelten ihm ihrer viel /theils weil auch die ärgsten Ubelthäter bey Ausstehung ihrer Straffe mitleidende Augẽ zu Zuschauern beko ẽ; theils weil solche grosse Diener / ungeachtet sie nur von ihrem Fürsten / wie der Monde von der Sonne ein geborgtes Licht haben / doch viel unter ihnen stehende mit ihrem wohlthätigen Einflusse betheilen / und daher ihnen auch viel Gemüther verbinden. Diese Gewogenheit war bey vielen so viel mehr eingewurtzen; weil Adgandester nicht nur etwan durch euserliche Geschickligkeit / wohlgestalte Bildung / welche allein die Augen des Fürsten füllen /und mit der Zeit abnehmen / weniger durch an die Hand gegebenen Wollüste und Laster / welche doch endlich einem Fürsten zur Abscheu werden; sondern durch seine fürtreffliche Gaben des Gemüthes und nicht wenig Tugenden; ja grosse Verdienste die Gewogenheit des Feldherrn erworben hatte. Diesemnach fielen gantz unterschiedene Urthel über Adgandesters Fall; und ob wohl desselben Ursache am hellen Tage lag; daß er nehmlich Ismenen so hoch beleidiget hatte / hielten solches doch die meisten nur für einen Vorwand; Gleich als wenn es so viel nicht zu bedeuten hätte / seines Fürsten Schwester nach Ehre und[575] Leben zu strebẽ. Die Bescheidensten giengen in ihrem Urthel nicht zu weit / sondern bliebẽ nur in dem Schranckẽ gemeiner Zufälle / und woltẽ weder dem Feldherrn noch Adgandestern alleine die Schuld beymässen / sagten also: Es wäre sich über dem Falle eines so grossen Dieners so wenig zu wundern / oder nach absonderen Ursachen zu fragen / als warumb der Blitz meistentheils in hohe Spitzen der Berge und in die Gipfel der gestracksten Eichen einschlüge: das Verhängnüß hätte eine besondere Lust daran / wenn es die / welche sich gleichsam über ihre Fürsten empor schwingen / in Staub treten sähe. Ein Fürst wenn er einem Diener alles / was er geben und der Diener verlangen könte / zugeeignet hätte / würde /umb nicht müssig zu seyn / fast genöthigt auf einmal ihm alles zu nehmen; damit er theils wahr machte: Fürsten könten aus Staube Gold / und aus Golde nichts machen; theils seinen in Ungnade fallenden Diener durch gäntzliche Stürtzüng zu entkräfften /daß er ihm nicht schaden könne; wie / wenn er ihm nur ein und andere Feder ausropfte / der Fürst nicht ohne Ursach zu besorgen hätte. Fürsten würden alter Diener / wie die Magen zu oft genossener Speisen überdrüssig / und ihre Gemüther wären nichts minder als andere zur Neuigkeit / und fürnemlich zu Gebährung neuer Brutten begierig. Diese wären auch unaufhörlich mit Neid und Eiversucht belägert; dahero die /welchen ein Fürst wohl wolte / stets in Kummer stünden; des Fürsten Schoßkind beschnitte ihnen seine Gnade: die in Ungnade stehenden aber bildeten ihnen ein: Er wäre Ursache des Fürstlichen Hasses. Also schriebe man so hohen Dienern alles böse / wie dem Gestirne Hagel und Mißwachs zu. Ja es wäre noch an keinem Hofe ein so grosses Licht / wie an dem Himmel kein berühmtes Gestirne gewest / dem man nicht die Gestalt eines ungeheuren Thieres gegeben / und ein grosses Laster zugeschrieben hätte. Das Glücke wäre alle Augenblicke zur Veränderung geschickt /nirgends aber mehr als bey Hofe / bey welchem es ein Irr-Stern bleiben würde / wenn es gleich anderwerts einen festen Stern abgeben könte. Mit einem Worte: Wer dem Fürsten eivrig diente / beleidigte den Hof. Wer dem Hofe zu gefallen lebte / thäte seinem Ampte keine Ausrichtung / dem Fürsten kein Vergnügen. Also müste er unvermeidlich an ein oder der andern Ecke austossen / und sein Schiff zerscheitert oder verschlungen werden; wenn er nicht für seinem Ziele des Untergangs / entweder an das Ufer des Todes anlendet / oder die Segel selbst einzeucht / und sich so wohl seiner hohen Würde / als des Neides durch zeitliche Abdanckung entschlägt. Die aber / welche für eine Scharffsichtigkeit halten Herrschern Mängel auszustellen / oder auf Adgandesters Seite hiengen / beschuldigten die erstern / daß sie mit ihrem Urtheile auf beyden Achseln trügen / liessen sich also verlauten: Hertzog Herrmann hätte Adgandesters Verstand und Tapferkeit nicht mehr vertragen können; weil er durch derselben Licht seinen Glantz zu verdüstern geschienen. Adgandester wäre in seinen Diensten zu wachsam / in seinem Gottesdienste zu eivrig gewest /weil er nicht gewüßt: daß ein Staats-Diener auch in Dingen / die Gott angiengen / den Mantel nach dem Winde hengen muste / und bey aufgeweckten Fürsten Schlafsucht eine Klugheit / und Nachlässigkeit ein grosses Verdienst wäre. Unter andern hätte er dem Feldherrn in einer Schlacht das Leben errettet; dieser Verdienst überstiege das Vermögen aller Vergeltung /und daher / weil Hertzog Herrmann allzu großmüthig wäre / sich seines Dieners Schuldner / sich aber unvermögend zur Zahlung zu wissen / hätte diese und andere grosse Wohlthaten mit nichts als seinem Falle ausgetilget werden können. Des Feldherrn Eiversucht wäre schon damals abzunehmen gewest / als er Adgandestern unter dem Scheine einer Stadthalterey zu Hause[576] gelassen / und ihm die Ehre sich in dem letzten Kriege wider die Römer sehen zu lassen nicht gegönnet hatte; gleich als wenn eines Fürsten Ruhme so viel abgienge / als ein Diener durch tapfere Thaten erwürbe; und einem Herrscher nichts verkleinerlicher wäre /als wenn eines Unterthanen Nahme für seinem bekandt und von denen Unterthanen oder dem Ruffe der Nachbarn einem Diener ein Bild aufgerichtet würde; welches seinen Schatten nur biß zu den Fuß-Sohlen seines Herrn würffe. Andere schalten hierbey zum Scheine Adgandesters Unvernunfft / oder vielmehr des Feldherrn Mißgunst / indem sie ihm für Mangel ausstellten: daß er nicht ein und andern Fehler mit Fleiß begangen hätte / damit der Fürst diese seinem Diener / ihm aber alle glückliche Ausschläge hätte zueignen können. Welches seinem Ansehen nichts entzogen haben würde; weil die Klugen wohl wüßten: daß ruhmsichtige Fürsten grosser Diener Irrthümer gerner sähen / als strafften. Kluge wüßten / daß Dienern auch blosse Zufälle und Schickungen der Natur als Fehler beygemessen würden; der Pöfel aber verstünde nicht selben Fehler von klügsten Verrichtungen zu unterscheiden. Bey dieser Trennung der Gemüther und Urtheile fehlte es Adgandestern weder an Freunden / noch auch an andern Leuten / welche theils aus Neigung zu ihm / theils aus anderm Absehen /entweder unter dem Scheine der allen Menschen anklebenden Schwachheiten / oder einem Eiver für die gemeine Wolfarth den Feldherrn mehrmals umb die Begnadigung Adgandesters behelligten / und anführten: Weil allen Menschen gewisse Schwachheiten angebohren würden / müste man von keinem lauter Vollkommenheiten fordern. Jene erkieseten wir nicht selbst / sondern die Gestirne oder eine höhere Gewalt drückten sie unserm Geiste ein; oder in unserm Fleisch und Blute steckte auch offt eine Eigenschafft /welche die Seele befleckte / man aber so wenig als die Adern aus dem Leibe reissen könte. Dieser Hertzog /welcher die Vergessenheit einer Beleidigung einem Fürsten für so eigenthümlich hielt / als den Thau im Meyen fruchtbaren Wolcken; hätte Adgandestern mit der allzu gütigen Ismene Belieben unschwer begnadigt / oder gar wieder auf seinen ersten Gipfel gethürmet; wenn nicht andere Räthe / welche entweder den Feldherrn und das gemeine Wesen eivrig liebten /oder von Adgandestern gäntzlich unterdrückt zu werden fürchteten / hierwider sorgfältig eingewendet hätten: Verstand und Tapferkeit rührtẽ zwar nicht von des Menschẽ eigner Wahl / sondern wie die Gesundheit und gute Bildung vom Hi el her. Alleine wenn man gleich mit so herrlichen Gaben nicht vermöchte dem gemeinen Wesen zu dienen / wäre doch so wohl uns möglich als wir verbunden in unserm Thun unschuldig und unserm Herrn treu zu seyn. Adgandester aber wäre zweyfach strafffällig / weil die Natur ihn zu so viel gutem fähig gemacht; sein böses Gemüthe aber alles diß in Gifft und Galle verwandelt hätte. Er hätte sich über seinen Fall nicht zu beklagen / denn unsere eigene Fehler wären das einige Unglücke / das uns begegnete. Der Feldherr aber hätte zu bedencken /daß zu grosse Gunst und Barmhertzigkeit eine Tochter wäre / welche offt ihre eigene Mutter tödtete. Ein gefallener Staats-Diener taugte so wenig an Hof / als der von denen sich reinigenden Lufft-Sternen abgeworffene Unflat im Himmel. Unter tausenden wäre nicht einer / der die Begnadigung seines Fürsten nicht mehr für eine Erkantnüß eigenen Undancks / als für eine Wohlthat achtete; also die Gelegenheit sich zu rächen so wenig als eine einmal getretene Natter vergessen würde. Adgandesters Boßheit wäre am Tage. Ein Fürst aber solte so wenig sich lasterhafter Diener / als ein Bau-Meister schlimmen Werckzeugs gebrauchen. Sintemal wenn was in der Herrschafft versehen würde / man nicht sagte / daß es der Diener / sondern[577] der Fürst gethan hätte. Seine neue Erhöhung könte auch weder ohne des Feldherren Verkleinerung / noch ohne seiner andern Diener Unterdrückung geschehen; gleich als jener ihn nicht entrathen / diese nicht seinen Abgang ersetzen könten / und alleine von seinem Einflusse geregt werden müsten. Damit auch dieser Rath so viel mehr Nachdruck hätte / mangelte es nicht an Leuten / welche dem vorhin gleichsam angebeteten Adgandester tausend Fehler und hundert Laster auszustellen wusten / denn ie grösser ein Licht / ie mehr gibt es bey seinem Ausleschẽ Rauch und bösen Geruch von sich. Sie führten an: daß er zwar mit Demuth / Gehorsam und Treue sich in die Gnade des Feldherrn eingespielet / hernach aber durch Hoffart /Eigen-Nutz und arglistige Rathschläge verrathen hätte: es wären solches nicht Tugenden / sondern nur derselben Larven / oder auf eine Zeitlang entlehnt gewest. So bald Hertzog Herrmann seine Gewogenheit gegen ihm blicken lassen / hätte er seiner selbst vergessen; und die Glückseligkeit seine Laster verrathen. Seine Vernunft verwirret / und nachdem er als ein Diener nichts grössers werden können / sich des Feldherrn Reichs-Gefärthe zu seyn eingebildet / oder wohl gar Hertzog Herrman des blossen Nahmen eines Fürsten zu lassen; Ihm aber das Hefft der Herrschafft zuzueignen sich erkühnet. Zwar hätte Adgandester in zwey oder drey gefährlichen Läufften sein Leben für den Feldherrn in die Schantze geschlagen; aber es wäre nicht so wohl aus so grosser Liebe und Treue gegen ihn als aus Triebe seines Ehr geitzes geschehen. Sintemal einer ihm anfangs wehthun / und durch etliche kecke Thaten einen Nahmen machen müste /der eines Fürsten Schoß-Kind / oder sein Gebieter werden wolte. Hernachmals aber hätte er seinen Herren durch Freundligkeit und Freygebigkeit aus frembdem Vermögen die Hertzẽ der Unterthanẽ und sein Ansehn gestohlen; indem er die beliebten Geschäffte über sich genommen / die verhaßten aber dem Fürsten auf dem Halse gelassen. Durch welcherley Verdienste ein Diener mehr sündigte / als durch offentliche Beleidigung seines Fürsten. Ihrer viel gaben ihm auch Schuld: Er hätte zwischen dem Feldherrn und Segesthen nach erfolgter Versöhnung Oel ins Feuer zu neuer Zwietracht gegossen / und durch allerhand Erfindungen dem Hertzog Inguiomer / als wenn er mit dem Könige Marbod sich in ein geheimes Verständnüß vertiefft hätte / verdächtig zu machen sich bemüht; wormit er bey Vertreibung aller Fürsten des Geblütes alleine den Meister über Deutschland und den Feldherrn spielte. Er wäre ein gebohrner Catte / welche es niemals mit den Cheruskern recht verträulich meynten. Dahin hätte er auch allezeit den Mantel gehenckt / und aus dem so blutigen Kriege ihnen den meisten Nutzen zugewendet. Hingegen die Cherusker wie Knechte / und so verächtlich als Frembde gehalten. Durch scheinbarẽ Fürwand / daß ja dieses unverantwortlich und höchstschädlich wäre die tapferen Sicambrer alleine baden zu lassen / die getreusten Leute des Landes / und die ältesten Diener des Fürsten durch Verleumdung aus dẽ Sattel gehobẽ / oder durch angethanẽ Verdruß den Hof und ihre Aempter zu verlassen genötigt. Uber diß hätte Adgandester den Feldherrn anfänglich mit Geschäfften überladen / damit er darüber verdrüßlich würde / hernach ihn durch die Süssigkeit der Jagt / der Ritter-Spiele / und andere Belustigungen von der beschwerlichen Herrschafft abzuziehen getrachtet / damit nur alles durch seine Hände gehen möchte. Ja er hätte schon mehrmals den mit den Römern gemachten Frieden zu untergraben Anstalt gemacht / nicht so wohl dem Hertzoge Melo zu Liebe / als daß gantz Deutschland wieder in Unruh geriethe / er bey erregtem Sturme für einen desto nöthigern Steuer-Mann gehalten werden müste / und er seine Geschöpfe desto füglicher ans Bret bringen[578] könte. Also wäre ihm nichts weniger bedencklich; als daß er hundert tausend Cherusker seinem Ehrgeitze und die Ruhe des Vaterlandes seiner Vergnügung aufopferte. Er würde auch in weniger Zeit gar die Klauen an seinen Fürsten einzuhauen / und sich nach ausgerotteten Fürsten des Geblütes die Herrschafft an sich zu reissen nicht gemässigt haben / nachdem er schon die Vermässenheit gehabt seines Herrn Schwester ihm zur Buhlschafft auszusehen / und nachdem diese eines frechen Dieners unverschämte Liebe verschmähet / sie durch die schwärtzeste Verläumbdung umb Ehre und Leben zu bringen sich bemühet / also seine vermeynte Freyheit zu sündigen nach der Grösse seines Glückes abgemässen / und alles ihm gefällige für zuläßlich geschätzt hätte. Diese Beschuldigungen / weil sie grossen theils wahr und dem gemeinen Volcke angenehm waren / auch von den mächtigsten am Hofe herrühreten / hatten mehr Nachdruck als diß / was für Adgandestern geheim / und von Tag zu Tag immer furchtsamer geredet ward. Ja seine Vertheidiger verschwanden fast auf einmal / als der Feldherr dem Grafen von Nassau / welcher ihm von Adgandestern eine Bitt-Schrifft einhändigen wolte / in Beyseyn vielen Adels sagte: Es wäre nichts gefährlicher als einer sinckenden Wand seine Achseln unterstützen. Diese Empfindligkeit rührte fürnehmlich daher: daß sich Adgandester in seinẽ Fall nicht mit Bescheidenheit zu schicken wußte / sondern daß ihm zu viel geschähe / und sein einiger Fehler für schwerer / als tausend seiner Verdienste geachtet würde / sich beklagte. Sintemal in solchen Fällen die demüthige Erkäntnüß seiner Schuld einen gefallenen Diener die einige Staffel zur Erhöhung / die Rechtfertigung aber / wie viel mehr also die Klage erlittenen Unrechts ein neues und grösseres Laster / und der gerädeste Weg zum völligen Untergange ist. Denn wie soll ein Fürst den nicht als einen Unwürdigen in Koth treten; der ihm für genossene Ubermasse der Gnade noch Undanck aufhalsen wil? Hiemit verschwand auf einmal alles Mitleiden gegen Adgandestern. Die besten seiner Freunde zohen von ihm seine Hand ab / und vergassen seiner als eines nie gewesenen. Welche aber am klügsten seyn wolten / mühten sich ihn vollends gar zu vertilgen /und gaben mehrmals dem Feldherrn zu verstehen: Man hätte sich für einer getreten-aber nicht ertretenen Natter sehr wohl fürzusehen; aber für keinem todten Löwen nicht mehr zu fürchten. Denn wenn eine grosse Säule baufällig ist / meinen alle ihres Amptes zu seyn / daß sie sie niederstürtzen helffen / womit sie ihnẽ nicht selbst auf den Hals falle. Niemand wolte fast für so unwissend angesehen seyn / der nicht ein absonderlich Laster Adgandestern nachzusagen wuste; gleich als wenn die ihn abmahlenden Kohlen Zinober wären ihre Tugenden sichtbar zu machen. Diesemnach sich der Feldherr fast schämte / daß er sich eines so boßhaften Menschen so lange gebraucht hätte / und nun allererst gleichsam durch seine Verstossung zum Fürsten worden wäre. Westwegen er verbot / daß in seiner Gegenwart niemand Adgandesters mehr gedencken solte. So veränderlich sind der Menschen Gemüter / daß wir oft von dem nicht mehr hören können / ohne den wir vorher nicht zu leben vermochten. Adgandester erfuhr gleichwohl alle diese Veränderung des Hofes und der Gemüther / und nachdem er erfuhr; daß er durch seine Ruhmräthigkeit seine Sache gewaltig verschlimmert hatte / schlug er die Segel auf die andere Seite / und ließ sich vernehmen: Er hätte nun allererst / was es für eine Herrligkeit wäre / keines andern Diener zu seyn / schmecken lernen. Daher eckelte ihn der Hof an / und gelüstete ihn nichts weniger / als in vorigem Stande zu seyn /und nichts mehr / als in Einsamkeit nur Gott und ihm zu leben. Ein vergnügter wäre ihm die gantze Welt /wie Cato ihm selbst die gantze Stadt Rom. Von[579] niemanden als nur von sich selbst den Hang haben müste die gröste Glückseligkeit seyn / weil man auf diese Art dem höchsten Wesen nemlich Gott am nächsten käme. Wer sich derogestalt selbst begrieffe / wäre der gröste Herrscher / und wer ohne andere zu leben wüste / hätte nichts mit dem Vieh / alles von einem Weisen / und viel mit Gott gemein. Er nam sich auch einer solchen Lebens-Art an / daß er nicht wenig Einfältige beredete: Es gelüstete ihm nach nichts weniger als nach Hofe. Aber keine Bländungen halten beständig die Farbe / und der Ehr-Geitz / wenn er einmal in ein Hertz eingewurtzelt ist / läßt sich schwerer als Saal-Weiden aus Wiesen ausrotten. Weil nun Adgandestern der Kützel unaufhörlich nach der Herrschafft stach / untersuchte er hundert Künste / weil es ihm beym Feldherrn unmöglich zu seyn schien / sich beym Hertzog Arpus ans Bret zu bringen. Denn so vielmal sich ein Antlitz in den Stücken eines zerbrochenen Spiegels durch seine Bildung vervielet / so viel Entschlüssungen gebieret das Unglück in unserm Gehirne. Nach vielem Nachsinnen und mancherley Anstalt gewan er etliche beym Hertzog Arpus wohl-gesehenen Räthe / welche anfangs Adgandesters nur schlechterdings erwehnten / und nach dem Arpus keine Empfindligkeit hierüber spüren ließ / ihn nach und nach zu loben anfingen / endlich sagten: Adgandester wäre gleichwohl ein Fürst aus Cattischem Geblüte / ein in Staats-Sachen erfahrner Mann / und im Kriege ein tapferer Held / welcher durch seine kluge Rathschläge und hertzhafte Thaten ein grosses zu der gegenwärtigen Höhe des Cheruskischen Hauses beygetragen hätte. Er wüßte alle seine Geheimnüsse / welche Wissenschafft mit der Zeit dem Cattischen Hause ein Licht zu grossem Glücke anzünden könte. Sintemal ietzige Verträuligkeit zwischen den Cheruskern und Catten mehr durch Furcht für den Römern / als aus eigentlicher Zuneigung zusammen geknüpft wäre. Die festesten Bündnüsse der Fürsten hienge an dem Fademe des Eigen-Nutzes / wenn dieser zerriesse / wäre weder Eyd / noch Geblüte / noch Ehre / noch Wohlthat so mächtig / daß sie nicht zu Grunde gienge. Es wäre nicht ohne / Adgandester hätte sich vergangen /und Hertzog Herrmann / welcher in seiner Schwester beleidiget worden / hätte / wie er aus Staats-Klugheit vielleicht gerne gethan sich mit Ehren nicht entbrechen können ihn aus seiner Gnade zu lassen. Ein Fürst würde eben so wol bißweilen gezwungen wider seinen Willen ausser dem Schrancken seiner Gütigkeit / als ein Diener aus der Gräntze seiner Klugheit zu schreiten / wider sein ihm gesetztes Absehn zu handeln; ja was Böses zu erkiesen; welches sie in ihrem Gemüthe verdammen und nimmermehr thun würden / wenn sie eine Bothmässigkeit über die Geschäffte und das allzu gewaltige Verhängnüß hätten. Diesen Nothzwang unterschieden ihrer wenig von dem Vorsatze böses zu thun; und ins gemein wüßte so grossen Staats-Dienern niemand mehr als der unvernünfftige Pöfel / wie die Nachen-Fahrer auf kleinen Flüssen denen Schiffleuten auf dem unzähmbaren Meere / die grösten Mängel auszustellen. Alleine Adgandester wäre auch noch keines Fehlers wider sein Ampt überwiesen; sondern die Wurtzel seines Verbrechens wäre die Liebe; von welcher sich kein Weiser rühmen könte / daß sie ihn nie bethöret hätte. Diese wäre das gemeine Fallbret in der Welt / und Ismenens Schönheit redete seinem Falle selbst das Wort. Denn diese bemeisterte zum ersten und in einem Augen-Blicke den Kopf / wie der Wein die Füsse. Die Vergessenheit seiner selbst wäre der tieffste Schlaf; niemand aber vergeßlicher als ein Liebhaber. Ismenens gegen ihm als einem Cattischen Fürsten gleichwohl allzu strenge Verachtung aber hätte ihn vollends gar der Sinnen beraubt. Weil nun bey ihm sein niedriges Theil wider die Vernunfft aufrührisch worden / und die Begierden der Seele zu Kopfe gewachsen / was hätten für andere / als[580] Miß-Geburten verzweiffelter Anschläge können ans Licht kommen? Nunmehr aber hätte er sich an dieser Flamme so verbrennt; daß er nicht so bald die Hand wieder hinein stecken würde. Es wäre eine grosse Wissenschafft /wenn ein Mensch in seiner Erkäntnüs so weit käme; daß er den König unter seinen Schwachheiten kennen lernte. Denn dis wäre schon so viel / als ihn halb überwunden haben. Niemand gienge hernach vorsichtiger / als der zuvor gefallen wäre; daher würde Adgandester nach der Zeit durch Behutsamkeit vorige Scharte auszuwetzen so viel mühsamer seyn. Er hätte niemals mehr / als bey und nach seinem Falle seine grosse Fähigkeit gezeugt; und wie ein aus der Höhe in ein tieffes Thal gefallener Colossus nichts von seiner Grösse verlohren. Das Unglück wäre die beste Streich-Nadel eines Menchsen Tugend zu prüfen; Welche guten Theils zu keiner andern Zeit / als wenn es stürmet / geübt werden könten. Wer niemals unglücklich gewest / verstünde sich nur auf die Helffte des Lebens / und wer allezeit den Wind hinter dem Schiffe und ein ruhiges Meer gehabt / dörffte sich keinen Steuermann rühmen. Wie wenig Sachen nun wären / die beym Tage und beym Nachtlichte einerley Farbe / und wie wenig Menschen / die beym Sonnenschein und Gewitter einerley Gesichte behielten; so müste doch jederman Adgandestern nachrühmen; daß sein Fall sein Gemüthe so wenig niedergeschlagen /als sein Wolstand es vorher aufgeblasen / sondern er in allem seinem Thun eine kluge und behertzte Gleichheit bezeigt hätte. Diesemnach wäre es ja ewig Schade / wenn dieser Fürst / dem das Unglück nichts hätte anhaben köñen / ungebraucht bleiben / oder gar zur Verzweiffelung gebracht / und sich bey denen Römern einzulassen verursacht werden solte. Einem zu dienen geschickten Manne wäre der Tod nicht so empfindlich / als wenn man sein nicht achtete; und sein erster Eyver dem Vaterlande zu dienen verwandelte sich hernach in eine feurige Begierde selbtem zu schaden. Jenen hätte er durch viel dem gemeinen Wesen Deutschlandes geleistete nützliche Dienste fürlängst bewehret. Wie viel embsiger würde er ihm nun die Wolfahrt der Catten angelegen seyn lassen /weil er ja als ein Fürst Cattischen Geblütes mehr Verbindligkeit empfinde seinẽ Landsleuten treulich zu dienen / als denen alten Feinden der Catten / nemlich den Cheruskern. Hertzog Herrmann hätte es auch nicht übel aufzunehmen / daß ihn Arpus in seine Dienste züge; weil er gegen ihn nicht als ein Diener /sondern als ein Mensch gesündigt / auch über die Verstossung seine Ungnade auf keine andere Straffe erstreckt hätte. Zudem wäre es besser / daß ein verstossener Diener einem Freunde diente / als daß er sich zum Feinde schlüge. Jenes wäre ein Kennzeichen: daß er keine Rache im Schilde führte; dieses aber wäre das ärgste Mittel zu schaden. Adgandester wäre auch viel zu großmüthig Rache zu üben / welcher Begierde nur eine Schwachheit niedriger Gemüther wäre. Mit diesen Fürbildungen brachtẽ sie es so weit: daß Adgandester sich nicht nur in dem Cattischen Gebiete aufhalten / sondern auch zuweilen nach Hofe ko en dorffte. Der Feldherr erfuhr dieses zeitlich genung /jedoch ließ er es geschehen / sonder darüber ein Unvergnügen mercken zu lassen; als welcher die Erhaltung guten Verständnüsses mit den Catten für den Grundstein der Deutschen Wolfahrt hielt. Bey dieser Nachsicht ließ Hertzog Arpus sich endlich beredẽ: daß er Adgandestern vor sich ließ; welcher die Gabe sich bey andern einzulieben in höchster Vollkommenheit besaß. Seine Beredsamkeit war ein geschickter Pinsel allen Dingen eine annehmliche Farbe anzustreichen / und daher nicht zu verwundern: daß Hertzog Arpus seinen Schein für Tugenden / wie jene Vögel das Mahlwerck für wahrhaffte Trauben anzuschauen verleitet ward. Es war schon an dem / daß Adgandester in den Cattischen Rath[581] eingeführet werden solte / als Hertzog Ganasch durch den Fürsten Catumer / welcher hierüber als einem zu seiner höchsten Verkleinerung gereichenden Fürhaben seinen grösten Unwillen ausschüttete / hiervon Wind bekam / und aus Beysorge: daß Adgandester aus Ehrsucht seinen künfftigen Eydam verdüstern oder gar unterdrücken / aus Rache aber gegen das Cheruskische Hauß die Catten von dem Bündnüsse abziehen / oder doch der Feldherr hierüber Argwohn und Unwillen schöpffen würde / sich solches zu hindern entschloß. Er verfügte sich diesemnach zum Hertzoge Arpus /und nachdem er ihm durch allerhand andere Unterredungen den Weg auf Adgandestern zu kommen gebähnet hatte / stellte er sich / als wenn er von dem Vorhaben des Cattischen Hertzogs nichts wüste / sondern brauchte das Meisterstücke an Segesthens Beginnen / auch des Arpus Fehler zu schelten. Denn er wuste wol: daß wie die Sonnen-Finsternüsse am Himmel nicht ohne Versehrung der Augen / in Wasser und Gegenscheine aber ohne Schaden betrachtet / also der Fürsten Vergehungen an ihnen vergebens und gefährlich / an drittern aber klüglich gestrafft und sie durch anderer Blindheiten am ehsten auf den rechten Weg geleitet würden. Ganasch entdeckte diesemnach seine grosse Bekümmernüs über dem / daß Segesthes / der doch kaum etliche mal mit dem Feldherrn hätte ausgesöhnet werden können / mit dem seines Verbrechens wegen gar billich verstossenẽ Adgandester so grosse Verträuligkeit machte / welche deswegen so viel verdächtiger zu halten / weil Adgandester vorhin dem Segesthes in allem zu wider und Spinnenfeind gewest wäre. Ihr geheimes und zu Schaden des Cheruskischen Hauses angesehenes Verständnüs liesse sich daraus schon urtheilen; daß sich Segesthes selbst und der mit den Römern unter dem Hüttlein spielende Hertzog der Bataver Cariovalda sich in den Kampff für den verläumbdischen Druys wider die unschuldige Ismene hätte in Kampff einflechten lassen. Daher besorgte er / Segesthes und der rachgierige Adgandester würden aufs neue in Deutschland ein Feuer anzünden / welches mit vielen Strömen Blut nicht würde zu leschen seyn. Hertzog Arpus fieng an: Er wäre darüber gleichfals bekümmert / und destwegen hätte er auf ein Mittel gesonnen Adgandestern von Segesthen abzuziehen; nemlich / er wäre entschlossen ihn in seine eigene Dienste zu nehmen. Hertzog Ganasch antwortete: diese Artzney wäre gefährlicher als die Kranckheit selbst. Deñ die Freundschafft zwischen Adgandestern und Segesthen wäre so feste / daß seine Dienste selche nicht trennen; also Segesthes von ihm alle Heimligkeiten des Cattischen Hofes erfahren / und / so lange die zaubrische Sentia lebte / seinen gifftigen Haß wider die Catten und Cherusker nicht ablegen würde. Wenn aber auch diese grosse Gefahr seine andere Erhöhung nicht widerriethe / wäre doch seine wider Ismenen und den Feldherrn verübte Verläumbdung und Untreu am Tage liegende Laster; ein lasterhaffter Mensch aber ein so gefährlicher Staatsdiener /als der gifftige Scorpion ein schädlicher Stern / also selbten erheben so viel als die Boßheit ausrüsten /daß sie so viel mächtiger werde Arges zustifften. Denn ein lasterhafter Bürger könte nur etlichen ihres gleichen / wie eine Ziege wenigen Bäumen / ein solcher hoher Diener aber gantzen Völckern Schaden thun; wie die gestirnte Ziege im Himmel bey ihrem Aufgange alle Wein-Gärte / die sie bescheinet / beschädigte. Es wäre sehli genung / daß in hohen Aemptern auch ehrliche Leute / wie die aus Thälern auf die Spitzen der Gebürge versätzten Gewächse vertürben / wie viel mehr müste sich nun die Boßheit in einer so anfälligen Gegend verärgern. Wer würde sich mehr befleissen mit beschwerlicher Tugend zu überladen; Wenn jedermann offenbaren Lastern die Pforten der Ehren / welche zu Rom den Tempel der Tugend zum Vorgemache hätte / aufsperren / sie in Gold und Purper prangen / und der[582] Unschuld zu Kopffe wachsen sähe. Diesemnach möchte sich Hertzog Arpus wol fürsehen: daß er ihm mit Adgandestern nicht eine Schlange in Busen sätzte / welcher darumb nicht mehr zu lieben / sondern mehr für verdächtig geachtet werden müste / daß er ein abgefundener Fürst des Cattischen Hauses wäre. Denn die Laster behielten ihre knechtische Ungestaltnüs / wie die Kefer und Raupen ihrẽ Unflat / wenn jene gleich am Adel / diese an wolriechenden Bäumen klebten. Sie könten wol erhöhet /aber niemals zu Würden werden. Uberdis könte Adgandester sein Recht der Anwartschafft leicht in Lüsternheit sätzen etwas bald lieber zu besitzen / als ungewiß zu hoffen. Der Ehrsucht stünde weder Wolthat noch Geblüte im Wege undanckbar und grausam zu seyn / welcher er Füsse und Flügel durch Erhöhung Adgandesters ansätzen würde; da doch die fürsichtige Natur die allergifftigsten Thiere weder geflügelt noch mit Füssen / sondern kriechende geschaffen hätte /damit sie desto längsamer und ohnmächtiger zum Schaden wären. Er gestünde es: daß Adgandester an Scharfsinnigkeit und Streitbarkeit wenig seines gleichen hätte. Aber diese Fähigkeit gäbe der Boßheit /wie der sonst heilsame Wein dem eingenommenen Giffte so vielmehr Nachdruck. Er solte behertzigen: daß ein Staatsdiener eines Fürsten / wie der Monde der Sonne Ebenbild wäre / und weil beyde nicht stets allenthalben seyn könten / ihre Stelle verträten. Wer aber würde zu bereden seyn: daß ein fleckichtes Nachgemälde ein reines Vorbild haben könte? und also würde Hertzog Arpus seinen bisherigen Ruhm durch ein so übel rüchendes Gesäße stinckend / seine Unterthanen aber entweder unwillig oder böser machen. Deñ die Tugendhaften würden ihrẽ Gehorsam einem so schli en Vorsteher nicht ohne scheinbares Recht entziehen; und die Herrschaft leicht in Verwirrung bringen. Sintemal offt auch ehrliche Diener ihnen verdächtig sind / und ein Fürst genung zu thun hat selbtem sein Ansehn zu behalten / weil Unterthanen einen Zug zum Mißtrauen und zu Scheltung ihrer Verrichtungen hätten / ja aus Zufällen Laster oder Fehler machten. Die zum bösen geneigten aber / welche Zeither zu sündigen für einem so guten Fürsten sich geschämet / würden nu spornstreichs in Adgandesters Laster rennen / welche die Heucheley bald auf den Stul der Tugend setzen würde. Sintemal von Vorgesetzten nichts so schli es gethan werden könte /welches sie ihren Untergebenen nach zu thun nicht zu gebieten schienen. Ihr Beyspiel hätte eine gar zu grosse Beredsamkeit / daß sie einem auch die Heßligkeit einlobte. Daher wäre die Nach-Affung auch in Lastern eine Art heiligen Gehorsams beym Volcke / und also Fürsten und ihre Augen / nemlich die Diener vorleuchtende Tugend-Fackeln seyn solten; welchen zu dessen Anzeigung in Persien allemal brennende Lichter vorgetragen würden. Weil nun derogestalt eben so wol blühende Boßheit als Tugend Leute findet / welche andere darinnen zu übertreffen bemüht sind / meinet sie / es wäre ihr eine Schande / wenn sie nicht bis zum höchsten Gipffel stiege / und ein Diener meinet /er zeugte eine grosse Schwäche / wenn er nicht einem jeden wiese / wie hoch sich auch in bösen seine Gewalt und Vermögen erstreckte. Bey welcher Beschaffenheit es dem gemeinen Wesen viel schädlicher wäre einen guten Fürsten und schlimme Diener / als einen schlimmen Fürsten und gute Diener haben. Denn jene mißbrauchten nur seine Gütigkeit / diese aber wendeten seine Vergehungen eben so zum besten / wie die niedrigern und gütigen Irrsterne des wilden Saturns schädliche Einflüsse verbessern. Der klügste Fürst wäre nicht allemal mächtig seiner Diener Boßheit zu steuern / weniger sie zu straffen; wiewol es unvergleichlich besser wäre nicht sündige zu erwehlen / als nach Vergehungen die Erwellten zu verdammen. Wann aber auch gleich Adgandester am Cattischen Hofe tugendhafft / wie die Feygs-Bohnen im Wasser süsse würden / könte ihm doch Arpus leicht die[583] Rechnung machen; daß dis dem Feldherrn nicht nur sehr nahe gehen / sondern auch grossen Argwohn erwecken müste. Denn es lieffe wider die Gesätze der Freundschafft einen verstossenen Knecht in Dienste ziehen; also noch vielmehr wider Verträuligkeit hoher Bunds-Genossen. Es wäre so unrecht als schädlich eines andern Fürsten Diener zur Untreue verleiten /ihrer Untreue halber verstossene aber an sich locken eine unläugbare Billigung ihres Verbrechens / eine Anreitzung zur Verrätherey / und eine öffentliche Ankündigung der Feindschafft. Was könte aber bey jetzigen gefährlichẽ Läufftẽ / da die Römer an einer /Marbod zur andern Seite auf der Deutschẽ Bundsgenossẽ Zweytracht Schildwache hieltẽ / dem Cattischen Hause nachtheiligers begegnen / als mit dem Feldherrn in Zwyspalt gerathẽ? Ein solcher Freund wäre einem alles mit einander der sicherste Schild wider das widerspenstige Glücke / der herrlichste Werckzeug einer guten Herrschafft / und ihn wissen zu erhalten mehr / als ihrer viel zu erwerben. Diesemnach solte er wol überlegen: ob es nicht rathsamer sey Adgandestern nicht in Diensten / und den Feldherrn zum Bunds-Genossen / als Adgandestern zum Diener / und den Feldherrn mit den Cheruskern zum Feinde zu haben. Mitleiden wäre rühmlich / aber vernünfftige Liebe fienge bey sich selbst an. Daher müsse man einer verwundeten Schlange vollends den Kopff zertreten / sie aber nicht in Busame wärmen. Grausamkeit wäre leichter zu entschuldigen als unzeitige Barmhertzigkeit. Denn jene tödtete andere / diese sich selbst. Durch diesen nachdrücklichen Einhalt brachte es Hertzog Ganasch so weit: daß Hertzog Arpus ihn nicht allein versicherte sich Adgandesters gäntzlich zu entschlagen / sondern ihm an eben selbigem Tage / da er das Hefft über ein gantz Volck wieder in die Hand zu bekommen die gröste Hoffnung hatte / sich des Hofes zu enteusern andeuten ließ.

Adgandester / welcher sonst eine ungemeine Geschickligkeit hatte Verwückelungen zu verrichten /stand hierüber so betäubt / als wenn er von einem unversehenen Donnerstrahle gerühret wäre. Denn wenn auch das allergrösseste Gemüthe sich durch eine fest eingebildete Hoffnung allzu hoch empor heben läßt; fället es bey derselben Fehlschlagung / wie ein empor geworffener Stein / viel tieffer / als es vorher in die Höhe gestiegen. Seine Bestürtzung verwandelte sich in die heftigste Ungedult / weil er sich allemal selbst beredet hatte: daß das Glücke nur niedrige Gemüther zu Bodem treten / mit Edlen spielen / aber Hohen nicht gebieten könte. Aus solcher Ungedult aber konte nichts linders wachsen / denn die giftigste Rachgier /welche also bald in verzweiffelte Entschlüßungen ausgebrochen wäre; wenn sie nur gewüst hätte / auf wen sie ihre meiste Galle auszuschütten Ursach hätte. Also wandelte sich dieses Feuer abermals in eine Sorgfalt / von wem eigentlich die Hindernüs seiner Beförderung herrühren müste. Sintemal ihn weder die dem Hertzog Arpus angebohrne Güte noch seine Beständigkeit in Entschlüssungen ihn glauben ließ: daß diese Veränderung aus des Cattischen Hertzogs eigenem Gehirne herrühren könte. Weil nun Argwohn die Gemüther / wie Gifft die Magen aufrührisch macht /schlug er sich in einem Augenblicke mit zehnerley Gedancken; welche ihm so viel Hinderer seines neuen Glückes fürbildeten / als kluge Leute an dem Cattischen / Cheruskischen und Chaucischen Hofe sich nunmehr wieder zu Mattium befanden / dahin alle Fürsten sich wegen des nähernden Frühlings / und des vermutheten Römischen Krieges wider die Sicambrer verfügt hatten. Adgandester erforschte durch seine Vertraute alle Begebnüsse des Cattischen Hofes /welche zwischen seiner ihm vom Arpus gegebenen Hoffnung und seiner schlechten Abfertigung fürgegangen waren / konte aber doch nichts in den Kram deines Verdachts dienendes erfahren; als daß Hertzog Ganasch etliche[584] Stunden mit dem Hertzog Arpus geheim geredet hätte. Dieses war dem argwöhnischen Adgandester schon genung diesen Schluß zu machen; daß niemand als der Chaucische Hertzog auf Anstifftung des Feldherrn ihm ein Bein untergeschlagen hätte. Und / weil die Rache keine Augen hat / verfiel er hiermit auf den blinden Vorsatz sich an allen dreyen Fürstlichen Häusern auf so grimmige Weise / als es ihm möglich seyn würde / zu rächen. Hierüber Rath und Einschlag zu bekommen / wuste er niemanden geschickters als Segesthen oder vielmehr seine gifftige Sentia; welche alsbald nach Adgandesters Falle ihn zu einem Werckzeuge der deutschen Bündnüs zu zerreissen bestimmet / und ihn dem Könige Marbod zu einem Staats-Rathe fürgeschlagen hatte /und zwar fürnemlich darumb / weil er nimmermehr keinen tauglichern seinẽ Feinde Herrmann Abbruch zu thun bekommẽ könte. Denn die Zähne / welche durch ihre Liebes-Bisse anlockten / wären tödtlich /wenn sie hernach die Rache vergifftete. Adgandester verlohr sich nach wenigen Tagen in der Stille aus dem Cattischen Gebiete / und reisete nur mit einem Cassuarier verkleidet zum Segesthes; daß niemand wuste oder erfahren konte / wo er hin verschwunden war; entweder weil er besorgte; daß man aus Mißtrauen ihn gar in Hafft ziehen würde / oder weil die Heimligkeit eine Eigenschafft bitterster Rachgier ist. Er ward von Segesthen und Sentien aufs freundlichste bewillkommt; welche eine Meisterin war angli endes Feuer der Gemüths-Regungen aufzufachen. Segesthes goß gleichfals Oel ins Feuer / weil er entweder als bezaubert oder gantz nach ihrem Willen hängende / nach Art der Zug-Uhren so offt zu ihrem Vorhaben einstimmen und schlagen muste / so offt sie den Strick zoh. Bey solcher Bewandnüs muste Segesthes mit ihr und Adgandestern ohne einige Zeit-Verlierung auf sein / und auf umgewechselten Pferden sich an des Königs Marbods Hof verfügen. Alldar machte sie mehr denn zu sehr wahr / daß nichts betrüglicher als die Zunge eines arglistigen Weibes sey / als welche auch die Lufft in Bertrug verwandeln kan. Sie wuste Hertzog Herrmanns unschuldigstes Thun zu grössern Beleidigungen zu machen / als sie Marbod jemals selbst in dem ersten Eyfer aufgenommen hatte / und von seiner meist verglommenen Eyversucht die vor der Zeit darüber gestreute Asche so künstlich wegzuwehen / daß er zu einem hellodernden Feuer der Rache ward. Hingegen hätte kein Mahler Adgandesters Tugenden so abzubilden gewüst / als sie mit lebendigen Farben ihn als den einigen Grundstein /worauf der Feldherr Zeither seine glücklichen Rathschläge gethürmet hätte / herauszustreichen. Was Herrmann gethan / hätte Adgandester vor erfinden müssen. Dieser wäre die Unruh / jener der Weiser in der Uhr seiner Herrschafft gewest; und es würde sich im kurtzen ausweisen / wie unrecht sie gehen würde /nach dem sie mit dieses Helden Klugheit und Tapfferkeit den besten Drat und das Gewichte verlohren hätte. Marbod hätte für ein groß Glücke zu achten; daß ihm der Himmel eine so herrliche Gelegenheit /und zugleich den Verstand die Gemüther auszunehmen und das beste zu erwehlen gegeben hätte. Solche Wahl wäre ein Werck vollkommenster Klugheit; darinnen ihrer viel / die gleich an Tiefsinnigkeit fruchtbar wären / und ein scharffes Urtheil hätten / verstießen /sich mit dem schlimmsten überladetẽ / und gleichsam zu irren nöthigten; daß er aber Adgandestern keinen bloßen schlagen / sondern einen seinem grossen Reiche gemäßen Staatsdiener haben würde / der es durch seinen nicht kleinern Geist zu beseelen vermöchte /wolte sie mit Segesthen Bürge seyn. Marbods selbst eigene Ehre erforderte auch Adgandesters Aufnehmung. Denn Fürsten müsten die Eigenschafft der Elemente haben; was eines verdrückt und verfolgt / das nehme das andere auf / und beschirmte es. Weil nun[585] Adgandestern an Vermögen sich zu zeigen / was hinter ihm steckte / nichts abgieng; man auch für Königen in dem besten Aufputze zu erscheinen gewohnet und der kein vollkommener Staats-Diener ist / der nicht anderer Gemüther zu bezaubern weiß / fand König Marbod am Fürsten Adgandester mehr ihn in seinem Dienste zu ziehen / als daß es vieler Beredsamkeit dorffte ihn darzu zu bereden. Seine hohe Ankunfft dünckte Marboden zu Vermehrung seines Ansehns / die Wissenschafften um die Cheruskischen Heimligkeiten zu Befestigung seiner Herrschafft keine geringe Pfeiler; und daß er verstossenen Leuten zur Zuflucht diente / Flügel seines Ruhmes zu seyn; Sintemal die Kricken eines geheileten Krippels einem heiligen Bilde mehr Ehre zueigneten / als die Anbetung vieler Gesunden. Uberdis war Marbod so wol als Adgandester eines sehr hohen Gemüthes / welche Aehnligkeit die einige Ursache verborgener Zuneigungen ist; und weil Fürsten von grossen Gedancken Steuer-Schiffleute / welche in andern Meeren geseegelt haben / höchstbegierig suchen / ward Adgandester vom Marbod allen seinen andern Staatsdienern vorgezogen / alsobald mit recht Königlicher Freygebigkeit verbunden / und bald darauf in Bothschafft an die sämptlichen mit einander im Bunde stehende Fürsten abgeschickt; allwo er / Sentiens Gutachten nach /für Königs Marbods Nutzen Wunder thun würde. Alles dis gieng so geschwinde her: daß ehe der Feldherr / Arpus und Ganasch vom verschwundenen Adgandestern die wenigste Kundschafft kriegten / er an dem Cattischen Hofe als ein Bothschaffter des Königes Marbods mit sehr grossem Gepränge ankam. Denn ob zwar die Bothschafft zeitlich genung dem Hertzog Arpus / als sie seine Gräntze berührte / angekündigt ward / so gab sich doch Adgandester allererst bey seinem Einzuge in Mattium zu erkennen. Der Feldherr und Hertzog Ganasch / so bald sie hiervon Wind kriegten / liessen zwar den Hertzog Arpus ersuchen; er möchte Adgandestern für keinen Bothschaffter erkennen. Sintemahl das Recht der Völcker jedem Fürsten die Gewalt einräumte / die ihnen entweder nicht anständigen oder beliebigen Gesandten ab- und zurück zuweisen. Am meisten aber wären sie dessen befugt / wenn einem ein verstossener Unterthan / oder der gegen uns vorhin sein feindlich Gemüthe bezeigt hätte / über den Hals geschickt würde. Weil nun beydes Adgandestern anklebte / könte Marbod / wenn er mit seiner Bothschafft was gutes anzielte / für kein Unrecht annehmen / weñ Arpus und andere verbundene Fürsten sich disfals ihres Rechtes gebrauchten. Arpus aber möchte auch hierbey wol behertzigen /daß nichts mehr eine böse Meinung verriethe / als schlimme Werckzeuge. Keine als die selbst unflätig wären brauchten unreine Tücher zu Wischung ihrer Angesichter. Allein Arpus konte sich zu seiner Verstossung nicht entschlüssen / weil es seine Adgandestern entgegen geschickten Räthe schon versehen / ihn aufs höflichste bewillkommt / und offentlich in Mattium eingeführt hatten. Uberdis drückte Marbods an Hertzog Arpus geschriebener Brief sehr nachdrücklich seine Neigungen zu dem Cattischen Hause aus /vertröstete / daß Adgandester mit selbtem sich fester zu verbinden / und zwischen den Römern und Sicambern vollends einen der Deutschen Tapferkeit und Freyheit anständigen und sichern Frieden zu vermitteln so viel Begierde zeigen würde / als er von ihm Befehl hätte. Diese Gütigkeit würde nun gleichsam mit Füssen weggestossen / und Marboden solche in Rache zu verwandeln Ursache oder zum wenigsten ein scheinbarer Vorwand an die Hand gegeben werden / wenn er Adgandestern derogestalt beschimpffen würde; welcher endlich noch mehr dörffte erhärtet /und gar zu denen noch verdächtigen Römern sich zu schlagen genöthiget werden. Also ward Adgandester zur Verhör gelassen / welcher nicht nur vom Marbod viel[586] güldene Berge versprach / selbtem ein festes Bündnüs wider alle Feinde der Catten zu Beschirmung der Deutschen Freyheit anbot / sondern auch für sich den Hertzog Arpus versicherte: Er könte es GOtt nimmermehr verdancken; daß er ihn zum Werckzeuge dieser Bothschafft erkieset hätte; damit er gegen die Catten seine zum Vaterlande tragende Liebe / gegen die Cherusker seine Danckbarkeit für so viel genossene Wolthaten durch seine treue Dienste bezeugen könte. Dieses wäre sein unverrücklicher Vorsatz / die einige Richtschnur seines Thuns / welche ihm keine Gemüths-Regung / kein eigen oder frembder Nutz nimmermehr verrücken würde. Dieses wäre so wol seine Art / als seine und eines jeden ehrlichen Mannes Verbindligkeit; welcher ihm niemals weder dem Wesen / noch dem Scheine nach unähnlich werden /sondern in allem guten stets der bleiben müste / der er vorher gewest; wenn ihn schon gewisse Zufälle oder auch anderer Gemüths-Veränderungen auf einen widrigen Pfad locken wolte. In Treue und Klugheit wäre alle Veränderung so wol des Verstandes als des Willens heßlich; welche ohne ärgste Verstellung heute nicht für schwartz schelten könten / was gestern das weisse in der Scheibe gewest wäre / darnach sie gezielet hätten. Der Feldherr und Hertzog Arpus würden allezeit in seinẽ Ohren heilige Nahmen / und so lange ihm die Augen offen stünden / seine zwey irrdischen Götter seyn / welche er mit gröster Ehrerbietigkeit anbeten / und ihrem Heile sein Blut opffern würde /wenn sie ihn schon beleidigten; welches er von keinem mit Warheit sagen / sondern vielmehr in seiner erholeten Verwerffung ihre Gnade preisen müste. Deñ der wäre keiner Wolthat werth / der wegẽ eines darauf empfangenen Unrechts des ersten vergessen / das letzte rächẽ wolte. Er wäre nun zwar dem Könige Marbod verpflichtet / aber er würde selbigen Tag seinẽ Dienst niederlegen / da ihm der König etwas dem Catt- uñ Cheruskischen Hause nachteiliges auftragen wolte. Selbter aber meinte es mit Deutschland nunmehr so gut; daß er alle seiner Kräfften wider ausländische Gewalt und innerliche Zwyspalt zu seiner Ruhe und Freyheit anspannen würde. Adgandester wuste diesem allem eine so schöne Farbe anzustreichen / daß Hertzog Arpus das gröste Theil seines wider ihn habenden Argwohns fahren ließ / bey der andern Verhör ihm halben / bey der dritten fast völligen Glauben gab / mehr / weil aufrichtige Leute alle andere nach ihrer Elle mäßen / als aus Unverstande: daß die meisten einen grössern Zug haben auch nur eingebildetes Unrecht / als warhaffte Wolthaten zu vergelten. Weil dis für eine Beschwerligkeit / jenes für Gewiñ gehalten wird. Hierbey war er nicht weniger ein Meister durch Geschencke und Höfligkeit dem Hof / und sonderlich die zu gewinnen / von welchen er doch wuste: daß sie ihm waren am meisten zu wider gewest. Er machte keinem Menschẽ ein übel Gesichte / und ließ bey seiner Bothschafft zwar den Glantz aber niemals einen Blick seiner Würde sehen /sondern wuste bey Erhaltung seines Ansehns jedermann als seines gleichen zu unterhalten; also daß ihm nunmehr auch seine vorigen Feinde das Wort redeten / und ihn hoch hielten. Denn je weniger sich einer befleißet hoch angesehen zu seyn / je ansehnlicher wird er. Hierbey aber war er noch so vorsichtig / daß er seine Pfeile nicht alle auf einmal verschoß / sondern sich so wol in Angewehrung seines Verstandes als Vermögens mäßigte / und weñ er ein Gemüthe gleich mit was gewaan / doch selbtes stets mit Erwartung eines bessern speisete / und seiner Verbindligkeit immer zuvor kam. Nach dem nun Adgandester mehr als einen guten Stein bey den Catten am Brete zu haben meinte / ließ er bey des Feldherrn Obersten Hofemeister dem Grafen von Nassau durch den Ritter Zierotin anmelden: daß er vom Könige Marbod an den Feldherrn Schreiben und Befehl Verhör zu suchen erhalten hätte. Hertzog Arpus bat auch[587] selbst den Feldherrn ihm solche zu verstatten. Aber dieser war hierzu nicht zu bereden; sondern ließ Adgandestern großmüthig zu entbieten. König Marbods Briefe und alle seine andere Gesandten würden ihm allemal annehmlich seyn. Adgandester aber würde bey ihm wol gelernet haben: daß es ihm anständiger wäre zu Grunde zu gehen / als sein Wort zurücke zu nehmen. Weil er nun wol wuste: daß er ihn niemals für sich zu lassen einmal geredet hätte / solte sich Adgandester nur selbst bescheiden. An statt / daß Adgandester sich über dieser Antwort als einer Beleidigung seines Königs hätte beschweren können / bedanckte er sich gegen den Grafen von Nassau / meldende: Sein König würde mit des Feldherrn Erklärung wol vergnügt / er aber bey ihm bemüht seyn; daß Marbod den Feldherrn mit einem beliebtern Bothschaffter verehren möchte. Denn Fürsten hätten auf sich nicht zu ziehen / was nur die Person nicht das Ampt ihrer Gesandten angienge /und Gesandten nichts zu empfinden / was nicht zum Schimpffe ihrer Fürsten angezielt wäre. Uberdis hätte der Feldherr eben so viel Recht als Gewalt ihn von seinem Gesichte zu verbannen; doch wäre sein Trost: daß seine Macht nicht zu hindern vermöchte / daß er nicht dem Feldherrn Gehorsam / und den Cheruskern treue Dienste leisten solte. Alle Cherusker / ja der Feldherr selbst musten diese Entschlüßung Adgandesters rühmen / und ihn für einen gescheuten Bothschaffter gelten lassen; sonderlich / da er noch selbigen Tag einen seiner Edelleute Tschirnhauß an den König Marbod abfertigte / und ihm einrieth an den Feldherrn einen andern Bothschaffter zu senden. Nach dem auch Hertzog Melo an Feldherrn / an Hertzog Arpus und Ganasch durch den Grafen von Meppen berichtete; daß Cöcina nicht allein an der Mosel sich zu einem frühen Feldzuge rüstete / sondern auch Cajus-Silius die an der Sare und Maaß vertheilten Legionen allgemach sich den Sicambrischen Gräntzen nähern ließe / schickte er alsobald den ihm zugegebenen Grafen Kinsky an den Germanicus nach Maßilien / dahin er von Rom bereit umb zum Sicambrischen Kriege Anstalt zu machen ankommen war / und den Ritter Laschansky an den Cöcina / umb im Nahmen des Königs Marbod Ansuchung zu thun / sie möchten mit den Waffen sich nicht übereilen / weil er noch zwischen den Römern und Sicambern einen Frieden zu vermitteln getraute. Hiermit verdiente Adgandester das allgemeine Lob / daß er nicht nur sinnreich reden könte / aber noch besser in Wercken wäre / und mit jenem die Vollkommenheit eines guten Kopffes / mit diesem des Hertzens besäße / worinnen die gantze Oberherrschafft des Gemüthes bestehet. Tiefsinnige Reden sind dis im Leben / was im Mahlwercke der Schatten / Thaten aber die lebhafften Farben; jene eines Menschen Zierath / diese sein rechtes Wesen; jene vergehen und sind leichte / diese aber sind schwer und lassen grossen Nachdruck nach sich / jene sind Blüten der Weißheit / diese Früchte der Tugend. Bey so gestalten Sachen ward Hertzog Ganasch gewonnen / daß er Adgandestern auch bey sich für Marbods Gesandten aufnam und ihm Gehöre gab; sonderlich / weil Hertzog Arpus ihm einhielt: daß er / wie der Feldherr / Adgandestern keine Beleidigung fürzurücken hätte / und würde der Feldherr Zweifelsfrey mehr von seinem Worte und seiner Schwester Ismene gebunden / daß er ihn nicht vor sich ließe; welcher deßwegen auch verhienge und ein Auge zudrückte; daß sein Bruder Flavius mit ihm umbgieng. Diesen auf seine Seite zu bringen brauchte er alle Meisterstücke kluger Leute. Er gab ihm im Nahmen seines Königs zwölff auserlesene Pferde / drey grosse Acarnanische Wallachen / drey feurige Armenische und drey leichte Arabische Hengste / drey Scythische und drey Cappadocische[588] Stutten / vier Arcadische Maul-Esel / eine lange mit Opalen versätzte güldene Kette bis auf die Füsse / einen solchen Degen / und einen zu Damaskus geschmiedeten Harnisch. Weil nun durch den Hamen der Geschencke nicht nur die Gemüther der Menschen insgemein gefangen / ja GOtt selbst versöhnet wird / sondern auch die Deutschen sonderlich für grosse Ehre schätzen / wenn sie von benachbarten Völckern öffentlich beschenckt werden; Adgandester auch Ismenen die allerdemüthigste Abbitte-Schrifft / die eine geschickte Feder jemals abfassen konte / und kurtz darauf von der Tochter des Königs Marbod ein Schreiben mit dem kostbarsten Opalen-Schmucke überschickte / sie auch beydes mehr umb ihre Großmüthigkeit zu bezeugen / als ihre Eitelkeit zu vergnügen annam / vergaß Flavius nach und nach Adgandesters Ismenen angefügtes Unrecht / und meinte / daß es besser sey andere durch Wolthaten uns zu verbinden / als von andern verbunden werden /und gegen Empfang entpehrlicher Dinge die viel wichtigere Freyheit des Willens verlieren. Dieses letztere aber geschahe dem Flavius / ehe er es selbst inne ward / und er gerieth mit Adgandestern in ungemeine Verträuligkeit / also daß der Feldherr dieses vernehmende über der Taffel ihm Gelegenheit von Geschencken zu reden / und diesen Schluß machte: die einem als eine Schuld abgelieferten wären anzunehmen / die uns aber zu Schuldnern machen solten / zu verwerffen. Alleine Adgandester gab aller seiner Freygebigkeit den Nahmen einer Bezahlung / sein Thun hatte nichts gezwungenes / und seine Freundschafft schien nichts weniger / als was gleißnerisches in sich zu haben. Seine Aufrichtigkeit hatte mit der Einfalt /seine Klugheit mit Arglist keine Verwandschafft; also meisterlich wuste er alles zu spielen / daß keine seiner Künste / dem Ansehn nach / für was betrügliches gehalten ward / sondern wenn man auch gleich zuweilen auf Spure kam / ward er doch für keinen Betrüger gehalten / sondern damit entschuldigt: daß niemand kluges ohne alle solche Künste leben könte. Ob nun zwar eine solche eingebildete Offenhertzigkeit ein gewaltiger Magnet der Gemüther ist / hätte doch Adgandester weder damit noch mit andern Verbindungen den Hertzog Flavius schwerlich so weit / als es ihm gelückte /bezaubern können / wenn er ihm nicht diese künstliche Angel angeworffen / nemlich einen Vorschlag gethan hätte Königs Marbods Tochter zu ehlichen / welche halb Deutschland zum Braut-Schatze mitzubringen hatte. Denn ob wol seine Liebe gegen der Erato in seinem Hertzen noch lichterloh brennte / so kitzelte ihn doch dieses nicht wenig / daß ihm eines so mächtigen Königs Tochter angetragen ward. Wiewol der unvergleichlichen Erato niemals aus seinen Gedancken ko ende Gestalt / bald diesen Entwurff verwischt hätte. Deñ das Andencken an das / was wir lieben / ist eine lebendigere Fürbildung / als das ähnlichste Gemählde von Farben. Und weil der Pinsel seiner sie in sein Hertz mahlenden Liebe sehr zart gewest war / war auch der Erato Bild seiner Seele so viel tieffer eingeschnitten. Adgandester merckte dis wol / und ob schon Flavius ihm viel von Hefftigkeit seiner unveränderlichen Liebe sagte / unterließ er doch nicht seinen ersten Vorschlag wieder auf den Teppicht zu werffen; hielte zu seinem Nachdencken: Ob er nicht Ursache genung hätte seine Liebe gegen der Erato zu mässigen / welche sich heimlich geflüchtet / und ihre Abneigung gegen ihn öffentlich an Tag gegeben hätte: hingegen stünde ihm zu erwegen: Ob eine Fürstin von fürtreflicher Schönheit / von grosser Tugend / mit einem Königreiche und funfzig Fürstenthümern nicht so liebens werth wäre / als eine verjagte Frau ohne Land und eines Frembdlings Braut / welche ohne Laster nicht den andern Bräutigam lieben könte.[589] Der Pöfel allein vergnügte sich nur die Stirne eines Dinges überhin anzuschauen / einem Klugen aber müste nichts ins Gesichte kommen / worüber er nicht nur ein besonder Nachdencken haben / und mit dem Grunde den Kern eines Dinges erforschen solte. Fürnemlich aber müste ein Fürst die Augen aufthun sein Glücke zu machen / denn nicht alle welche was schauten / hätten offene Augen / oder sich zu rühmen / daß sie sähen. Niemand aber sähe recht / der taub wäre gute Vorschläge zu hören. Flavius hätte Witz genung seine zu prüfen / also solte er sich den Zweifel nicht aufhalten lassen was gewisses zu entschlüssen. Denn es wäre schwer einem den Verstand eines Dinges beyzubringen / der keinen Willen hätte / oder keinen Schluß machen könte / iedoch schwerer einem den Willen einzureden / der ohne Verstand wäre. Als Adgandester diesen Zweifels-Knoten aufzulösen bekam / ereignete sich: daß der Feldherr an statt Adgandesters den Grafen von Nassau zum Hauptmann seiner Leibwache erklärte / welcher Würde in Deutschland iederzeit diese angehenckt hatte: daß er der oberste Staats-Diener gewesen war. Hertzog Flavius wuste dieser Wahl keinẽ Mängel auszustellen; weil der Graf von Nassau an Tapferkeit und Klugheit wenig seines gleichen hatte / auch so wohl Deutschland als den Feldherrn liebte; welche vereinbarte Liebe der Fürsten Stütze / der Länder Wohlfarth ist; da hingegen die / welche den Fürsten allein liebten /den Nahmen abgöttischer Heuchler / die / welche nur auf Wachsthum einer Herrschafft ihre Rathschläge einrichteten / der Verläugner Gottes / und die nur sich liebenden Epicurer gescholten zu werden verdienen. Nur allein gieng dem Flavius nahe / daß der Feldherr über Bestellung dieses wichtigen Wercks ihn gar nicht zu Rathe gezogen / oder vielmehr den Grafen Waldeck / welcher dem Flavius besser anstund / hierzu nicht befördert hatte. Weil nun Adgandester nicht weniger die Regungen aus Gemüthern / als Bergleute das Ertzt aus Bergen zu ziehen wuste / brachte er den Flavius unschwer zu Entdeckung dieser seiner Kränckung. Dieses war das rechte Wasser auf seine Mühle. Daher fieng er an: Ihn wunderte / daß irgendwo ein Fürst des Geblütes einem frembden und niedrigern die Stelle des obersten Staats-Dieners enträumte. Denn /wenn man die Sache beym Lichten besähe / wäre dieser würcklich der Herrscher / ein Fürst aber führte nur den Nahmen. Jener solte der Schatten / der Monde und der blosse Werckzeug / der Fürst das Licht / die Sonne / und der Uhrheber aller Reichs-Schlüsse seyn /ins gemein aber bezeugte die Erfahrung / daß dieser ein Diener seines Dieners / und ein Fürst vom Volcke nur für einen Götzen / sein Diener aber für das im Reiche / was ein Steuermann im Schiffe ist / gehalten würde. Ja wenn ein Diener auch mit der grösten Unschuld das Hefft der Herrschafft in die Hand bekäme /wäre dieses doch so süchtig / daß der allerbeste einen Gran der Begierde bekäme die Gewalt seines Fürsten zu mässigen / und ihn von den Herrschens-Sorgen abzuziehen. Denn / weil der Pöfel und die Heucheley ihres Eigen-Nutzes halber einen solchen erhobenen Menschen alsbald durch Kniebeugen / Weyrauch- und Bilder-Anzündung zu einem Götzen machten / bildete er ihm endlich selbst ein / daß er ein Gott wäre; und daher suchte er alle Mittel herfür die dem Fürsten gehörige Ehre / wie einen Strom durch einen neugemachten Graben aus seinem Wasser-Bette zu leiten. Derogestalt geschehe Fürsten des Geblütes weh /wenn sie fähig eines so hohen Dienstes wären / wie Flavius vorlängst gewiesen hätte / gleichwohl aber übergangen würden. Sie müsten so denn einem ihrer Unterthanen nicht nur in die Hand sehen / oder gar ihn über ihren Köpfen herümb gehen / ja wohl gar über ihr Leben urtheilen und das Fürstliche Blut ihrer Ehrsucht aufopfern sehen; sondern sie erhielten[590] bey Ausländern das schli ste Urtheil / daß sie als Schöpse oder Kälber zu keinen Geschäfften tauglich wären. Da doch die Fürsten von so höher Ankunfft allzeit die Vermuthung für sich hätten; daß sie / wie die Löwen /mit offenen Augen gebohren würden / also in Geheimnüssen der Klugheit mehr Licht als gemeine Leute oder dieselben Thiere hätten / welche / wie die Hunde / lange / oder / wie die Maulwürffe / biß in ihren Tod / blind blieben. Weil nun ein unruhiges Gemüthe wenig eingeflößter Galle bedarff selbtes in völlige Verwirrung zu setzen / fieng Flavius an seine Ubergehung als eine grosse Beleidigung zu empfinden / ungeachtet noch niemals ein Fürst des Geblütes beym Cheruskischen Hause Hauptmann der Leibwache gewest war. So bald nun der Graf von Nassau in Anwesenheit des Flavius seinen ersten Dienst verrichtete / konte dieser seine Empfindligkeit nicht verdäuen / noch sich enthalten dem Feldherrn auf seine Frage: Ob er nicht seine Wahl für gut hielte / mit einer verdrüßlichen Gebehrdung zu antworten: Weil kein Cheruskischer Fürst dazu fähig gewest wäre / könte er und niemand des Grafen von Nassau Herfürziehung tadeln. Der Feldherr empfand diesen Vorruck nicht so geschwind / als er dem Flavius antwortete: Er schätzte sein Haus zu groß und sich zu klein / daß er den Anfang machen solte / Fürsten seines Geblütes für Diener zu gebrauchen: Adgandester hatte so viel Zuträger an allen Höfen / daß er noch selbigen Tag diß erfuhr / daher er bey erster Gegenwart des Fürsten Flavius Anlaß nahm von Künsten der Staats-Klugheit zu reden / unter denen eine der fürnehmsten wäre; daß sie Leuten hohen Ursprungs die vergüldeten Schalẽ grosser aber leerer Titul / geringern aber unter schlechten Nahmen der Diener den Kern meister Gewalt zueignen; und zwar entweder aus Einbildung /daß jene allzu verzärtelt wären sich mit täglichen Bemühungen abzumatten / oder aus Eiversucht: daß wenn die Gewalt mit dẽ Ansehẽ edlẽ Geblütes sich vereinbarte / das Volck so denn ihn allzu groß machte / und also das Hertze und Reich eines Fürstẽ niemals in der Hand eines so grossen Riesen sicher wäre; da doch niemand nach der Herrschafft begieriger stünde /als welcher vom Mist-Hauffen an Hof kommen / und die Süssigkeit des Gebietens einmal schmeckte. Es wäre diß Mißtrauen aber eine grosse Grausamkeit /und edlern Gemüthern die Erhöhung des Pöfels über den Adel / des Adels über Fürsten / so beschwer- und unerträglich / als einem Thiere / wenn man seine Füsse empor / den Kopf gegen den Boden kehrte. Flavius seufzete hierüber / und schüttete nach der Taffel seine Ungeduld in die Schooß Adgandesters aus; welcher aber dem Flavius rieth / daß weil sein Bruder ihn für seinen Diener zu hoch halte / solte er ihn auch an seinem väterlichen Erbe Theil haben lassen / daß er mit Ehren einen Fürsten in der Welt fürstellen könte. Flavius aber antwortete: Es wäre nicht nur aller gescheuten Völcker Gewohnheit / und ihr erster vermuthlicher Wille / daß ihr einem Fürsten anvertrautes Reich auch bey seinen Nachkommen nicht zertheilet /und durch Zerspaltung unter viel Erben entkräfftet /also denen Nachbarn zum Raube ausgestellt werden solte; sondern es hätte auch bey den Cheruskern allezeit der älteste Sohn die Herrschafft über alle Länder alleine bekommen / denen jüngern Brüdern und Schwestern aber eine Abstattung nach seinem Gutbedüncken gemacht. Also stünde ihm nicht zu zum Nachtheil des Cheruskischen Reiches diese durchgehends beliebte Ordnung des Alters und der Natur zu unterbrechen / und die untheilbare Herrschafft zu trennen. Adgandester versetzte: Es wäre das vermeynte Recht der Völcker für das einige Erb-Recht des Erstgebohrnen noch nicht ausgemacht / und hätte solches König Marbod als das gröste Unrecht in allen seinen Ländern unter dem Adel gantz aufgehoben. Wenn[591] aber auch diß schon wäre / hätte zwar der älteste Bruder das Recht der Oberherrschafft ihm alleine vorzubehalten / alleine es stünde ihm doch zu die jüngern mit einem auskommentlichen Theile und so vielen Einkünfften zu versorgen: daß er nicht Noth lidte /und seinen Voreltern zu Spotte leben müste. Hiermit brach Adgandester dißmal mit Fleiß ab; es fand sich aber noch selbigen Tag beym Flavius ein unbekandter und von dem verstossenen Luitbrand angestiffteter Druys ein / und überlieferte ihm eine Ab-Schrifft eines letzten Willens / welchen sein Vater Segimer im Tanfanischen Heiligthume eingelegt haben solte / darinnen er verordnet hatte: es solte Flavius nach seinem Tode das dritte Theil der Cheruskischen Länder zu seinem Erbtheile haben. Flavius war über der Warheit dieses Berichts zwar sehr zweifelhafft / weil wir aber /was wir fürchten oder wüntschen / leicht glauben / der Druys auch viel Umbstände / und insonderheit / daß Segimers letzter Wille mit Griechischen Buchstaben in der Höle unter dem grossen Altare verwahrt wäre /zu erzehlen wuste; ließ er sich etwas zu seinem Besten unschwer bereden; als er es aber Adgandestern vertraute / machte er zum Scheine hierüber allerhand Schwerigkeiten / wolte ihm auch nicht ehe rathen etwas von dieser letzten Ordnung zu gedenckẽ / biß der Druys ihm vorher mit dem kräfftigstẽ Eyde betheuert: daß Segimers letzter Wille an dem bedeuteten Orte des Tanfanischen Tempels befindlich wäre. Dieser Druys war hierzu nicht schwer zu bereden / entweder weil er bey einem Leichtglaubigen mit weniger Furcht und desto grösserer Hoffnung des Gewinns zu sündigen kein Bedencken trug / oder weil er vom Luitbrand allzu sehr eingenommen war. Als Flavius diese Beglaubigung hatte / zeigte er dem Fürsten Inguiomer die Abschrifft der Segimerischen Verordnung mit Bitte / er möchte den Feldherrn zu Aufsuchung der Haupt-Uhrkunde / und hernach zu Vollziehung des väterlichen Willens bewegen. Denn wie leutselig gleich der Feldherr gegen iedermann / und vertraulich gegen seinem Bruder war / verstand doch Flavius gar wohl: daß man Fürsten unangenehme Dinge durch Mittels-Personen / wie saugenden Kindern die Artzneyen durch Einnehmung ihrer Ammen / beybringen müste / umb beyde nicht sehr zu beunruhigen. Hertzog Inguiomer hätte sich auch gerne dieser Verrichtung entschüttet / weil niemand gerne Herrschern verdrüßliche Vorträge thut; daher machte er über der Wahrheit tausend Zweifel / und rieth: Flavius solte vorher die Gewißheit beym obersten Priester Libys erkundigen; aber Flavius war dessen so sehr beredet; daß / wenn er über einer ihm so fest eingedrückten Sache zweifelte / einer Leichtsinnigkeit schuldig werden würde. Als diß ihm nicht auszureden war / warff Inguiomer ein: Diese auf allen Fall befindliche Verordnung Segimers würde doch nicht kräfftig seyn /welche wider die Grund-Gesetze der Cherusker und das Recht des Erstgebohrnen lieffe; Flavius aber antwortete: Er versähe sich zu der Frö igkeit seines Bruders / daß er dem väterlichen Willen nicht widerstreben würde / welchen er in tausend andern Dingen als was heiliges zu seiner Richtschnur erwehlet hätte. Die meisten Völcker pflegten wie die Cherusker zwar durch des ältesten Sohnes Erbfolge ihre Reiche unzertrennt zu behalten; aber diese Gewohnheit hinderte in erblichen Reichen gar nicht / daß ein Fürst seinen jüngern Sohn dem ältern fürziehen dörffte. Also hätte bey den Persen Artaban für dem Xerxes das Nachsehn haben müssen / in Egypten hätte Ptolomeus Lagidas seinen jüngsten Sohn auf den Thron gesetzt / und als Pyrrhus wäre gefragt worden / welche seiner Söhne sein Reichsfolger seyn solte / hätte er gesagt / der /welcher den schärffsten Degen haben würde. Inguiomer setzte ihm entgegen: In Recht-Erblichen Reichen / welche ein Fürst nicht vom freyen Willen eines Volckes / sondern[592] durchs Recht der Waffen bekommen / liesse es vielleicht noch wohl thun; daß er aus seinen Söhnen zum Erben erkiesete wen er wolte /nicht aber in den erstern. Da dennoch die Frage seyn würde / welcher Art das Cheruskische Reich sey. Alleine auch in beyden wäre die Zersplitterung des Reiches hauptschädlich / und also weil das gemeine Heil für das oberste Gesetze zu halten / unzuläßlich. Denn die Gesetze der Natur und der gemeinen Wohlfarth giengen allen letzten Willen für / ja wenn ein Sohn diesen nicht nachlebte / thäte er recht und löblich. Zu dem wäre ein Reich nicht so in eines Fürsten Vermögen / wie andere Güter / oder eine andere Erbschafft. Jenes müste unzertheilt bleiben / sonst hörte es auf ein Reich wie die Theile eines zerspaltenen Schiffes ein Schiff zu seyn. Oder wenn wegen seiner Grösse die Stücke gleich den Nahmen eines Reiches verdienten / würden aus einem zwey oder mehr Reiche / welches weder das Volck noch der Reichs-Gründer von Anfang gewollt hätte. Denn wenn schon die Theilung mit dem Bedinge geschehe; daß alle für einen Mann stehen; und die Erhaltung des Reichs befördern solten; so würde doch hierdurch die Einigkeit des Reiches nicht erhalten / sondern nur ein Bündnüß oder eine vielköpfichte Herrschafft dadurch gestifftet; welche beyde nichts als Zweytracht und Untergang nach sich zügen. Ein Reich müste nur wie der menschliche Leib von einem Geiste beseelet werdẽ / und daher wären alle andere Kinder auser einem / aus der Eigenschafft eines ieglichen Reiches / und aus dem Willen dessen / der es zum Reiche gemacht / es sey gleich ein Volck oder Fürst / so weit ausgeschlossen; daß der Reichsfolger nicht aus Schuldigkeit / sondern aus blossem gutem Wollen und blosser Billigkeit ihnen aus dem Reichs-Vermögen ihren Unterhalt und Abstattung / iedoch daß das Reich am wenigsten entkräfftet werde / verschaffen / auch die vorher gemachten Schulden nicht zahlen dörffte. Flavius versetzte: Das Cheruskische Reich wäre sonder Zweifel ihres Fürsten Erb- und Eingethum; weil es vom Tuiscon gegründet / und keiner unter dem Cheruskischen Volcke seine Erbligkeit widerspräche. Daß es auch theilbar wäre / erhellete daraus / daß ietzt so viel vom Tuiscon herstammende Fürsten der Catten / der Chaucen / der Alemänner / der Sicambrer der Hermundurer besässen / was des einigen Tuiscon Eigenthum gewest wäre. Ja Inguiomer wäre ihm selbst Beweises genug / welcher ohne Widersprechung seines Bruders Segimers das Hertzogthum der Bructerer zu seinẽ Erbtheil bekommen hätte / und durch seine vermeynte Unzertrennligkeit der Reiche ihm selbst einen schwerẽ Anspruch auf sein Land erwecken würde. Auch hätten sie zum Beyspiele das benachbarte Britannien / darinnen so gar die Töchter mit den Söhnen am väterlichen Reiche Theil hätten: Also hätten die Römer Laodicen so wohl / als ihrem Bruder Alexander Asien zuerkennt / und Cleopatra hätte mit ihrem Bruder Ptolomeus in Egypten zu Theba die zwey Brüder Zethus und Amphion /in Attica Pandionis Kinder / auf Rhodus Camirus /Jalysus und Lindus / zu Argos vier Söhne des Perseus / zu Troja Dardanus und Loesius / auf Creta Minos und Rhadamantus / zu Alba Numitor und Amulius die Herrschafft mit einander getheilet. Warumb solte denn er wider den Willen seines so klugen Vaters Segimers / welcher so wohl die alten Rechte der Cherusker / als was seinem Reiche und Nachkommen heilsam wäre / verstanden hätte / schlechterdings von dem ihm vermachten dritten Theile der Cheruskischen Länder ausgeschlossen seyn / und allein seines Bruders Gnade leben: Ob er ihm zu seinem Unterhalte oder Abstattung was oder nichts geben wolte? Inguiomer begegnete ihm: Was Flavius aus dem Alterthume Thuiscons anführte / steckte in einem so tieffen Finsternüsse der Vergessenheit; daß niemand sagen könte / ob Deutschland durch brüderliche Erbtheilungen / oder durch Gewalt[593] der Waffen so wäre zergliedert worden / wiewol nicht ohne augenscheinlichen Schaden der gemeinen Wohlfarth. Sintemal wenn es unter einem vollmächtigen Haupte stünde / die Römer gerne von ihm Frieden kauffen / und es kühnlich allen Kräfften der Welt die Stirne bieten könte. Das ihm verordnete Hertzogthum der Bructerer wäre kein altväterliches / sondern ein vom Feldherrn Segimer neu-erworbenes Gut / auch von ihm nie dem Cheruskischen Reiche einverleibt worden. Solche Landschafften aber wären den letzten Willen und Erbtheilungen eben so wohl als andere bewegliche Dinge unterworffen / wenn kein Reichs-Gesetze / wie in Gallien verordnete: daß alle neu-erworbene Länder dem Reiche unabsonderlich zuwüchsen. Uberdiß hätte auch sein Vater dem Herrscher der Cherusker die oberste Gewalt der Bructerer vorbehalten / derer sie und er sich gegen dem Feldherrn Herrmann noch nicht entäuserten. Daß die Britannier durch Zerspaltung ihrer Länder und ihre daraus erwachsene bürgerliche Kriege den Käyser Julius und August auf den Hals gelocket; andere angezogene Reiche in Asien und Africa aber dadurch sich zu Knechten der Römer gemacht hätten / läge am hellen Tage; also möchte doch Flavius durch Verlangung eines sehr zweifelhaften Dinges seinen Bruder / der zugleich sein Fürst wäre / nicht in Verdruß / und sein so liebes Vaterland nicht in Gefahr setzen. Es wäre eine grosse Klugheit wissen / was man andern abschlagen / eine grosse Tugend aber verstehen / was man ihm selbst versagen solte. Insonderheit aber solte niemand die Gewißheit seines mittelmässigen Glückes für den Schatten eines grössern aus den Händen fahren lassen. Flavius aber blieb auf seinen Gedancken / und versetzte: Mit seinem Zustande unvergnügt seyn / wäre zwar eine Dürfftigkeit des Gemüthes; aber sich damit völlig sättigẽ eine Thorheit. Wer gar auf keine Verbesserung sinnte / verstünde entweder nicht sein Glücke / oder wäre von einem knechtischen Geist niedergeschlagen. Er vergnügte zwar sich / wäre aber nirgends in Ansehen / auch so gar bey demselben nicht / welchem seine armselige Vergnügung zum Vortheil gereichte. Er hätte zwar von seinem Bruder allen guten Willen zeither genossen; es wäre aber gleichwohl eine grosse Beschwerligkeit von eines andern Gnade leben und diß genüssen / was man mit Rechte besitzen könte. Vermöge der in seinen Händen habender Abschrifft hätte er für sich den Willen ihres gemeinen Vaters. Ob dieser über die Schnur seiner Macht geschritten sey / müste künftig untersucht und erkennt / nun aber nur die Wahrheit dieses Willens erkundigt werden. Westwegen er sich iedem gerechten Richter willigst unterwerffen würde. Inguiomer sahe wohl / daß dem Flavius dieser Anspruch nicht auszureden / niemanden aber sein wohl-gemeyntes Gutachten aufzunöthigen wäre. Denn eine Rathgebung gleichte dißfalls einer Artzney; beyde müsten unvermerckt beygebracht werden /wenn sie was würcken solten; wenn man sie aber einem eckelen Munde mit Gewalt einzwinge / wären sie mehr schädlich als nütze. Also übernam Inguiomer lieber selbst dem Feldherrn des Flavius Verlangen zu entdecken / als daß es ihm durch iemanden verdrüßliches vorgetragen / und die brüderliche Neigung etwan durch Unbescheidenheit oder unzeitigen Eiver zerstöret werden solte. Der Feldherr sahe die ihm überbrachte Abschrifft mit Verwunderung / hörte aber Inguiomers Vortrag / darinnen er des Flavius Verlangen mit grosser Behutsamkeit verzuckerte /ohne einige Entrüstung an. Inguiomer hatte auch nur geschlossen / als er sich aus dem Steigereiffen erklärte: Er wolte ein paar ehrliche Leute in den Tanfanischen Tempel zu Aufsuchung des vermeynten[594] väterlichen Willens abfertigen / und er stellte seinem Bruder frey / umb allen Verdacht der Vertuschung zu verhüten: daß er / wen er wolte / dahin senden möchte. Wenn er auch durch einen unverdächtigen Beweiß erhärten könte: daß sein Vater Segimer ihm die gantze Herrschafft über die Cherusker zugeeignet hätte /wolte er sie ihm freywillig auch wider seines Volckes Meynung abtreten. Bey so einstimmiger Meynung ward die Abfertigung in Tanfanischen Tempel folgenden Morgen beschleunigt. Der Feldherr schickte den alten Grafen von Mannsfeld und den Ritter Burg /welche beyde noch in Hertzog Segimers Diensten gewest waren / Flavius aber den Grafen Stolberg und Ritter Schöneiche dahin. Diesen letztern aber war ins geheim und verkleidet der Druys zugegeben / welcher dem Flavius die Abschrifft gebracht hatte. Sie lendeten in vier Tagen im Tanfanischen Tempel an / über gaben dem obersten Priester Libys ihre Vollmachten /und verlangten: daß das Altar eröffnet / und Segimers letzter Wille daraus aufgesucht werden möchte. Nachdem der Priester Libys nach der End-Ursache dieses Begehrens gefragt / auch die ihm eingehändigte Abschrifft überlesen hatte / fieng er an: Ich bin wohl versichert / daß dem klugen Feldherrn Segimer diß zu verordnen nie in Sinn kommen sey; als von welchem ich viel ein anders denselben Tag gehöret habe / als er von dem vergifteten Briefe seinen Geist aufgab. Ich kan auch gar nicht ergründen / wie diese Schrifft ohne mein als damals schon gewesten obersten Priesters Wissenschafft in diß Heiligthum hätte verborgen werden können. Die Deutschen pflegten zwar wie andere Völcker in ihre Heiligthümer / wie die Römer in Tempel der Vesta ihren letzten Willen / Bündnüsse / Frieden-Schlüsse und Schätze beyzulegen / aber nicht heimlich zu vermauern. Denn zu was würde ihre Verbergung nütze seyn. Uber diß hatte Libys nicht wenig Bedencken an dieses Altar die Hand zu legen / weil ins gemein so wohl dieser als der Gräber Oeffnung denen Eröffnern zu grossem Unglück ausgeschlagen; so drangen doch beyder Theile Abgeschickte darauf; weil solche Oeffnung nicht aus Vorwitz und zur Entweyhung / sondern zu Ergründung der Wahrheit angesehen wäre. Westwegen Libys sieben der ältesten Priester erforderte und mit ihnen darüber rathschlagte; welche alle denen Abgeschickten ihre Beysorge des daraus erwachsenden Unheils für Augen stellten. Weil aber die des Feldherrn nicht gerne einen Argwohn erwecken wolten / als wenn sie etwas verdrücken wolten / die des Flavius aber ihres Herren Wohlfarth daran gelegen zu seyn glaubten / waren sie beyderseits hierinnen einmüthig: daß des Feldherrn Segimers letzte Verordnung darinnen aufgesucht werden müste. Sie führten an: daß so wohl die oberste Gewalt eines Fürsten / als das Recht des Siegers Heiligthümer entweyhen / und zu weltlichen Dingen machen könte. Denn kein Ding würde durch seine Einweyhung schlechterdings dem menschlichen Gebrauche entzogen; ob es schon zum gemeinen Nutzen besti t würde. Diesemnach wäre der Feldherr so wohl berechtigt ein Altar abzubrechen / als Sthenelus befugt wäre gewest aus dem eroberten Troja das Bild des Herceischen Jupiters / dem Fabius das Bild des Hercules von Tarent nach Rom / dem Sylla aus den Heiligthümern zu Olympia / Epidaurus / und Delphis viel heilige Gefässe wegzuführen / und dem Portius Cato den Göttern gewiedmete Bäume und Haynen auszuhauen / und dem grossen Pompejus nicht allein in das heiligste des Jüdischen Tempels zu gehen / sondern auch den Römischen Adler darein zu setzen. Ja alle von den Römern bezwungenen Städte und Länder müsten nicht nur Menschen und Vermögen / sondern auch ihre Götter und Tempel übergeben / derer Bilder sie ins gemein mit in Siegs-Geprängen einführten. Der eine Priester antwortete: Ihres Feldherrn Frömmigkeit wäre viel zu groß / daß er über den von ihm offt so andächtig[595] beschrittenen Tempel das Recht der Waffen ausüben solte / dessen sich ohne dis nur solche Sieger ohne Unrecht gebrauchen könten / die der überwundenen Gottesdienste nicht beypflichteten /und in Heiligthümern nichts göttliches zu wohnen glaubten. Mannsfeld aber sätzte ihm entgegen: Eines Siegers Recht und Gewalt erstreckten sich nicht weiter als eines Herrschers. Jener erlangte solches eben dadurch / daß er durch den Sieg dieses würde; ja eines rechtmäßigen Fürsten Gewalt erstreckte sich / was den Gehorsam des Volckes anreichte / disfalls noch ferner / als eines Uberwinders / weil dieser insgemein / um nur seine Rache zu kühlen / zu weit gienge /jener aber seine Bothmäßigkeit zum gemeinen Besten ausübte. Daher könten beyde wie Pericles zu Athen /Mago in Hispanien / die Syracuser zur Zeit Tincoleons / die Schätze ihrer Tempel zum Nutzen des gemeinen Wesens verwenden. Insonderheit hätten sie sämptlich als Deutsche ihnen über der Oefnung dieses Altares so viel weniger kein Gewissen zu machen / weil sie noch besser / als die der Sonne alleine dienende Persen verstünden / daß der unbegreifliche Gott in kein Altar oder Tempel vermauret werden könte. Westwegen die aufs ärgste verbitterten Griechen selbst nachgeben musten / daß er mit Zerdrü erung ihrer heiligen Bilder nichts wider das Völcker-Recht gesündigt hätte. Am allerwenigsten aber wäre die Verletzung der Heiligthümer auf derselben bloße Eröfnung zu ziehen. Alles Beginnen wäre nach unser Meinung und nach Beschaffenheit unsers Absehns auszulegen. Die Güte der End-Ursache machte eine sonst bedenckliche Sache zuläßlich / wie das Weisse in einer schwartzen Scheibe das Ziel sichtbar. So wenig als es sündlich wäre ein baufälliges Heiligthum abtragen und ergäntzen; so wenig wäre auch die Oefnung dieses Altares scheltbar / welches der Feldherr köstlicher ergäntzen lassen würde / als es jetzt beschaffen / und von dem Alterthume schon etlicher maßen beschädigt wäre. Weil der Feldherr nichts fester glaubte / als daß der Gottesdienst die Litte der menschlichen Gesellschafft / die Stütze der Gerechtigkeit uñ der Grundstein der Reiche wäre; Hielte er es auch die vornehmste Pflicht seines Amptes zu seyn /daß der Gottesdienst keinen Schiffbruch und Heiligthümer keinen Abbruchlitten; also möchten sie doch glauben: daß der so gewissenhaffte Feldherr / welcher ein Vater des Volcks und ein Pfleger der Priester wäre / ihnen nichts ungebührliches zumuthen würde. Der Priester Libys / welcher an den redlichen Absehen des Feldherrn am wenigsten zweifelte / und solcher Fürsten Wort selbst für ein groß Heiligthum hielt / war hierdurch leichte zu gewinnen / nicht allein diese Oefnung zu verwilligen / sondern auch die andern Priester zur Beypflichtung zu bewegen. Sie musten selbst an das von eitel viereckichten Steinen zusammen gesätzte Altar die Hand anlegen / weil keine ungeweihte es anrühre dorffte. So bald sie aber das oberste aus einem ganzen Steine gehauene Blat nur recht angrieffen / wurden sie gewahr: daß sich selbtes ohne grosse Müh auch von einem Menschen wegschüben ließ. So bald es nun die Priester abnamen / wurdẽ sie an dessen unterster Seite dieser alten eingegrabenen Schrifft gewahr: Künfftige Oeffnung dieses Altares wird ein Vorbote gäntzlicher Zerstörung dieses Heiligthums seyn. Hilf Hi el! fieng der eine Priester laut an zu ruffen: Sollen wir / die wir zu diesem Heiligthum gewiedmet sind / die Werckzeuge oder Verursachung seiner Einäscherung seyn? Sollen wir dem Vaterlande durch unsern Aberwitz so viel Unheil auf den Hals ziehen; weil dieser Tempel ohne vorhergehenden Fall der Cherusker schwerlich zerstöret werden kan? Gerechter GOtt / straffe an uns unser Verbrechen umb dieses dein Heiligthum zu erhalten / oder lasse zum wenigstẽ uns diesen Greuel der Verwüstung ni ermehr erleben. Deñ auch der Verzug dieses Unglücks ist eine Gnade / weñ solches ja nicht gar[596] abzuwenden ist. Oder lasset uns vielmehr der Göttlichen Rache auf diesem Altare unser Blut opffern / wormit sein dadurch ausgeleschtes Zorn-Feuer dieses Heiligthum nicht zermalme. Der oberste Priester war zwar hierüber gleichfals bekümmert / jedoch zeigte er keine Kleinmuth / und sagte: da wir GOtt dadurch beleidiget / lasset ihn uns nicht mehr durch Verzweifelung verbittern / sondern durch demüthige Andacht versöhnen. Deñ nichts als der Rauch eines hertzlichen Gebetes kan die Sturm-Wolcken göttlichen Eyvers zertreiben / und die von Missethat angesteckte Lufft reinigen. Ein ander Priester fiel ihm bey / und hielt vor nöthig / daß das Altar unverzüglich mit dem Blatte wieder bedeckt würde. Graf Stolberg aber widersätzte sich / und sagte: die Eröffnung dieses Altares würde irrig für eine Ursache künfftiger Zerstörung des Tanfanischen Tempels gehalten / da sie vielmehr eine nützliche Nachricht / und eine Erinnerung vorsichtig zu seyn diente. Der diese Wahrsagung eingeetzt /hätte dis zu dem Ende aufgeschrieben / daß man vorher von diesem Falle Wissenschafft kriegte / und dieses Verhängnüs uns so viel weniger seltzam vorkäme. Dieses wäre die Ursache der Weissagung / nicht die Weissagung des Verhängnüsses. Nach dem sie nun schon so weit kommen wären / könte er nicht verantworten: daß er ohne Aufsuchung dessen / westwegen die Oefnung geschehen / die Verschlüßung geschehen ließe; weil jeder Macht man aufs genaueste an die Schnure seines habendẽ Befehls gebundẽ wäre. Voriger Priester antwortete ihm: wenn Herrmann und Flavius selbst zur Stelle wärẽ / und diese Schrift sähen /würden sie sonder Zweifel sich ferner Nachsuchung enthalten. Es könte wol seyn / sagte Stolberg; ein Fürst könte nach Belieben wol seinen Vorsatz / aber ein Machthaber nicht des Fürsten Befehl ändern. Ein anders erlaubet die Macht eines Gebieters / ein anders die Vollmacht eines Dieners; welcher / wenn er auch aus Hofnung des Sieges und Nutzes für seinen über die Schrancken schritt / sich der obern Gewalt strafbar anmaaßte. Der Priester begegnete ihm: Wer einen andern zu gewisser Verrichtung erkiesete / sätzte auf seine Treue und Klugheit ein absonderes Vertrauen /er verwandelte ihn gleichsam in sich selbst / also daß der Machthaber kein eigenes / sondern sein eigenes Werck zu befördern schiene / und also auch über ja wider den habenden Befehl den Machtgeber verbindlich machte / daher steckte allezeit in der Vollmacht eine geheime Zulassung bey verändertem Stande eines Dinges / oder bey sich herfür thuender Schwerigkeit und Gefahr eines Werckes nach seiner Weißheit aus den Gräntzen des Befehls / dem Machtgeber zum besten zu schreibẽ / wie einem Schiffer bey umschlagendem Winde oder herfür blickender Klippen die gerade Schnur seines Lauffes zu ändern / damit man an statt gehofften Vortheils nicht scheutere oder eine selten wiederko ende Gelegenheit nicht aus den Händen gehe. Stolberg aber versätzte: der / welchem alleine aus bloßem Vertrauen zu seiner Treue eine Verrichtung befohlẽ würde / möchte vielleicht noch sich etlicher maßen entschuldigen köñen / weñ er seinem Machtgeber zum bestẽ das anvertraute Werck auf die Wagschale seiner Vernunfft legte / und etlicher maßen über die Schnur schritte. Deñ dis wären meist Sachen von geringer Wichtigkeit / und gereichten nicht zu so bösem Beyspiele. Wiewol auch solche Vollmächtiger / die nur aus Willkühr einem ihres gleichen ihren Treu und Glauben verpflichteten / auch das geringste Versehen vertreten wüsten / und schlechte Unfleiß für ein Laster gehalten / ja wie ein Diebstal mit Unehre gestrafft würde. Viel andere Bewandnüs aber hätte es mit denen Befehlen der Gebieter und Obrigkeit. Dieser Befehle wären Gesätze / welcher Meinung niemand anders / als der Buchstaben fürschriebe / auslegen könte. Denn wenn Unterthanen über empfangenen Befehlen grübeln und / daß selbter entweder einen andern Verstand gehabt hätte / muthmaßen / oder / daß solcher durch eine andere nichts minder nützliche Art[597] ausgeübt werden könte / urtheilen möchten / würde unter so scheinbarem Vorwande das Band des gemeinen Wesens nemlich der Gehorsam / und darmit auch die Herrschafft verschwinden / und die / welchen nur die Ehre des Gehorsams übrig blieben / zu Gefährten der Herrscher werden / also in die Straffe der Widersätzigen fallen. Der Priester brach ein: die Zufälle wären so seltzam und so verkehrt / wie gegenwärtige Wahrsagung zeigte / daß keine menschliche Vernunfft alle vorsehen / und seine Maaßgebung ausko entlich einrichten könte. Daher / wenn die Vollmacht zu allgemein wäre / müste ein Gesandter aus der Sache und derselben Umbständen einen Schluß machen. Weñ sie aber noch so genau abgefaßt wäre / schiene doch dieser Beysatz dessen / was Zeit und Klugheit einriethe /unverboten und allezeit mehr darunter verstanden als geschrieben zu seyn / zumal es etwas wäre / welches kein weiser Mañ nicht thun / weniger verdammen könte: Stolberg antwortete: Es ließe sich dis leichter sagen als thun; und wäre eben so gefährlich eines Fürsten Befehl ausdehnen oder enger einspannen / als desselben Geheimnüsse / und wohin er mit diesem oder jenem ziele / ergründen wollen. Diener wären nur Schatten / also müsten sie sich nicht weiter ausdehnen / als ihre Bilder. Etliche Sachen schienen wie die unbeweglichen Sterne Kleinigkeiten zu seyn / und hätten doch hinter sich eine unsägliche Größe und einen gewaltigen Nachdruck. Wer wolte nun auf eine so gefährliche Brücke treten / die Verantwortung so wichtiger Dinge auf seine Hörner zu nehmen? denn alle Rathschläge / also auch dis / was ein Befehlhaber für sich selbst thäte / würde / nach dem es geriethe /gelobt oder gescholten. Der Hof sähe mehr auf den Ausschlag einer Verrichtung / oder urtheilte mehr nach seiner Neig- und Einbildung / als daß es den Grund der Dinge untersuchte / und dem / der sich in seiner Hofnung betrogen befinde / beypflichtete. Daher kriegte einerley thun einmal den Nahmen der Klugheit und Tapferkeit / das andermal der Unvernunfft und eiteler Vermessenheit. Also wäre niemand besser dran / als der entweder sich an den todten Buchstaben seines Befehls / oder an grosse Pfeiler des Hofes hielte / und also sicherer durch übermäßigen Gehorsam seinem Fürsten schaden / als durch angemaaßte Freyheit Nutzen thut; weil auch Väter ihre Söhne am Leben gestrafft / die wider Kriegs-Ordnung gesieget / und Käyser Julius den Sulla gelobt / daß er lieber ihm genau gehorsamet / als es mit den Galliern gar ausgemacht. Der Priester wolte sich hiermit noch nicht beruhigen / sondern wendete ein: Kein Befehl hätte die Krafft eines Gesätzes wider dis / was entweder die Natur oder die Tugend für unmöglich erklärte. Denn jene wären die Richtschnur menschlichen Willens und der Gemeinschafft. Daher könte man einem dis / was unerbar / ungezühmend oder unmöglich wäre / durch keinen Nothzwang aufbürden: Weil nun aber GOtt und das Verhängnüs allem Ansehn nach wolte / daß die verborgenen Geheimnüsse dieses Altars keines weges an Tag kommen solten; erforderte ihre Bescheidenheit die Ergrübelung als ein unmögliches und unehrliches Fürhaben zu unterlassen. Denn wie es straffbarer Vorwitz wäre / wenn man in alles Verborgene zu schauen gelüstete / also wäre in gewissen Fällen eine beflissene Unwissenheit eine rühmliche Gemüths-Mäßigung. Altäre wären sonder Zweifel grössere Heiligthümer als Gräber / gleichwol aber wäre dieser Verunehrung vieler Verterb gewest. Nach dem Cambyses zu Saim des Amasis Grab geöffnet /und die geprügelte Leiche verbrennt / hätte er von Mohren und Ammoniern / und Xerxes / weil er des Belus Grab aufgemacht / und den gläsernen Todten-Topff nicht mit Oele füllen können / in Griechenland grosse Niederlagen erlitten. Hannibal wäre wegen[598] abgebrochener Grabstädte in Belägerung der Stadt Agrigent mit vielẽ Carthaginensern durch die Pest umbko en. Das nur zufälliger Weise eröffnete Grab des Capys hätte dem Käyser Julius seinen gewaltsamen Tod und Italien viel Elend zugezogen. Ja wenn es am erträglichsten abgelauffen / wären die Eröffner / wie der in der Semiramis Grabe viel Schätze suchende Darius / mit der langen Nase abgewiesen worden. Dieses dörffte ihnen auch besorglich begegnen / und sie sich also andern zum Gelächter machen. Stolberg aber brach ein: Wir finden gleich was oder nicht /können wir nicht irren / denn beydes wird zu steuer der Warheit dienen / und weil GOtt die Warheit selbst ist / sie uns auch ihm ähnlich macht / kan unsere dafür habende Sorgfalt weder als unmöglich verworffen / noch als unehrlich gescholten werden. Democritus hat der Warheit ihre Wohnung in einen tieffen Brunn zugeeignet; also ist es nichts seltzames; daß wir sie in der Tieffe dieses Altares suchen. Wie GOtt nicht der Bau aller Altäre gefällt / also kan ihm nicht alle Versehrung derselben mißfallen. In Griechenland hätte er unterschiedene Altäre aus bald zerfließendem Opffer-Blute / oder aus leicht verfaulendem Holtze / etliche auch zwar aus Steinen aber nur auf ein Jahrlang aufrichten sehen. Der grosse Alexander hätte des grossen Cyrus / August des grossen Alexanders / Cicero Archimedens Grab / zu Syracusa aus gutem Absehen / und also auch ohne das wenigste Nachtheil eröffnet; ihres aber wäre allhier noch viel besser / und also noch weniger Unheil zu besorgen. Des Feldherrn Abgeschickte stimmten diesem bey /und die des Flavius wolten nicht einst willigen: daß die Durchsuchung auf wenige Tage / bis man beyde Hertzoge vorher darüber vernehmen könte / aufgeschoben würde. Libys selbst meinte: daß da die Wahrsagung dieses Steines mit dem Schlusse des Verhängnüsses übereinstimmte / würde die nachbleibende Aufsuchung des Segimerischen letzten Willen selbten zu hintertreiben viel zu ohnmächtig seyn. Daher grief er selbst in die Tieffe des holen Altares und brachte heraus ein seiden Parthisch Tuch / worinnen Persische Schrifft gewürckt war. Als sie dieses aufwickelten / fanden sie darinnen eine Rolle von dem Blaster der Egyptischen Papier-Stauden; und ein daran gehencktes Siegel mit dem Cheruskischen Pferde. Auf diesem waren folgende Worte zu lesen: Mein Sohn Herrmann soll zwar die oberste Herrschafft über alle Cheruskische Länder / mein Sohn Flavius aber das Eigenthum und den Genüß des dritten Theiles aller meiner Länder und Güter haben. Darunter stund mit einer andern Hand geschrieben: dis ist mein letzter Wille. Segimer. So bald des Flavius Abgeschickten dieses gelesen hatten / zeigten sie eine überaus grosse Vergnügung / und verlangten / daß dieses Papier mit dem Partischen Tuche von allen Anwesenden versiegelt / und nach Mattium gebracht werden solte. Weil nun niemand mit rechtschaffener Ursache solches widersprechen konte; ward dieses Verlangen erfüllet; und reisete der Priester Libys eigenbeweglich mit dahin. Zu Mattium ward dis Geheimnüs mit des Feldherrn und des Hertzog Flavius Belieben in Anwesenheit ihrer / Hertzog Ingviomers / Jubils / Marcomirs / des Grafen von Nassau und des obersten Priesters Libys eröffnet. Ehe aber noch das Parthische Tuch aufgehüllet ward /fieng Ingviomer an: Es mag in diesem Tuche verborgen seyn / was da wolle / so hat nichts bey Lebzeiten Segimers darein gehüllet / oder in Tanfanischen Tempel eingelegt werden können. Denn dieses neben viel andern von Asblasten mit aus Persien gebrachte Tuch / darein in Parthischer mir zwar nicht bekandten Sprache[599] Sprache diese Worte gewürcket seyn sollen. Die Sonne ist der Schatten GOttes / das Licht der Welt /und des Menschen Leitstern zu Gott / ist nach Segimers Tode noch in seinem Zi er / und darein Asblastens helffenbeinernes Bild eingewickelt / und von mir selbst Adgandestern zur Verwahrung anvertrauet worden. Flavius röthete sich hierüber / und fieng an: Kan nicht aber meine Mutter Asblaste oder mein Vater Segimer mehr als ein so beschriebenes Tuch aus Parthen mitgebracht haben. Ingviomer war fertig gewisse Kennzeichen anzudeuten / daß eben sein berührtes wäre; aber der Feldherr fiel ein: Lasset uns nicht die Schale / sondern den Kern wahrnehmen; hüllete damit das Tuch auf / und reichte die Innlage dem obersten Priester Libys. Dieser laß allen Anwesenden den Innhalt / und bekennte / daß die Unterschrifft Segimers Hand sehr ähnlich / aber die erste Schrifft Luitbrands selbsteigene wäre / welche er aus gewissen Merckmalen unter tausend andern erkennen wolte. Ingviomer fügte hierbey: daß das Egyptische Papier zu Zeiten des Feldherrn Segimers in Deutschland eine nie gesehene Sache / und vom Hertzog Herrmann zu erste dahin gebracht / vorher aber Wachs und Baum-Rinden zu Schreiben gebraucht worden wären. Uberdis wäre dieser letzter Wille mit Gothonischen Buchstaben geschrieben / da doch Segimer nicht nur selbst / sondern auch seine Schreiber durchgehends Griechische hätte brauchen lassen. Hertzog Flavius ward hierüber in sich selbst derogestalt entrüstet / daß Antlitz und Gebehrden solches nicht verbergen konten. Weil er nun durch diese sich schon verrathen sah /hüllete er selbst die Schrifft in ihr Tuch / steckte sie ein / und sagte: Er wäre kein Erfinder unwahrhaffter Schrifften / also wüste er bedacht seyn entweder die Warheit / oder die Verfälscher an Tag zu bringen. Hertzog Herrmann hätte zwar Ursache gehabt darüber empfindlich zu seyn; aber es hielt ihn so wol seine brüderliche Zuneigung als seine grosse Vernunfft von aller Verstellung zurücke; welche wie mit dem abwechselnden Glücke sein Gesichte veränderte / noch seine Hertzhafftigkeit ihn mit allzu hitzigen Entschlüßungen übereilen ließ. Als nun gleich Flavius im Eyver davon gieng / beschwur doch der Feldherr die Anwesenden / daß sie ohne einiges Absehen auf seiner Würde bey ihrem Gewissen sagen solten: Ob sie die aufgefundene Schrifft für was unverfälschtes und für eine kräfftige Verordnung seines Vaters halten könten. Alle aber betheuerten das Widerspiel / und Libys hielt dafür: daß diese Verfälschung eine Erfindung Adgandesters und ein Gemächte des meineydigen Luitbrands wäre / jener / welcher alle Handschrifften nachzumahlen wüste / Segimers Nahmen unterschrieben / das Parthische Tuch und das Siegel darzu hergegeben; Luitbrand aber es in das Altar /worzu er als ein Priester hundertfache Gelegenheit gehabt / verborgen / und dem Flavius eine Abschrifft davon zugestellt hätte / welche / woher sie sonst hätte kommen können / nicht zu ersinnen wäre. Der Feldherr erklärte sich hierauf ferner weit disfalls allen Richtern sich zu unterwerffen / Hertzog Ingviomern aber klagte er: Es wäre ihm nicht so leid / daß sein Bruder durch Adgandesters Boßheit und Leichtgläubigkeit zu einem so ungegründeten Anspruche hätte verleiten / als seine Schwachheiten des Gemüths durch seinen Eyver blicken lassen / unwissende: daß die Gemüths-Regungen Flüsse des Gemüthes wären /und grössere Unordnung in der Klugheit / als die des Kopffes im Leibe machten / wenn sie aber gar in Worte ausbrächen / dem Ansehen abbrüchig wären. Hierbey ersuchte er ihn dem Flavius die handgreifliche Falschheit dieser Handschrifft für Augen zu stellen / ihn von der Gemeinschafft des arglistigen Adgandesters und des nunmehr nach seiner Verstossung in seinem Brodte lebenden Luitbrands abmahnen und erinnern möchte: daß[600] wie einem die anfangs zu Gesichte kommende Heßligkeit abscheulicher Mißgeburten ein Grausen und Schrecken verursachte / die Gewonheit aber nach und nach ihnen ihre Ungestalt benähme / und endlich sie gar unsern Augen beliebig machte; also es auch mit den Lastern derer / mit denen man umgienge / beschaffen wäre. Zuerst hätte man dafür einen Abscheu / hernach drückte man ein Auge bey ihnen zu / bald vertrüge man sie mit unverwendetem Gesichte / endlich verliebte man sich in selbte /und vermählte man sich mit ihnen gar. Diese zwey Werckzeuge der Hölle würden umb ihre brüderliche Eintracht zu treñen ihm Zweifels frey viel blauẽ Dunst für köstliche Reichthümer für die Augen mahlen / und ihre Verläumbdung ihm noch mehr Unwarheiten unter den Fuß geben. Aber die Zeit klärte doch endlich die Warheit von Lügen / wie die empor kommende Sonne die Lufft von Dünsten aus. Daher möchte er sich doch nicht ihre gezwungene Verehrung und übermäßige Versprechen bethören lassen. Wer alles oder allzu viel zusagte / verspräche im Hertzen wenig / und hielte im Wercke nichts. Die einen mit Strömen ihrer Höfligkeit überschütten / wären falsche Müntzer /welche es schon so zu spielen wüsten / daß ihre Waare niemals zur Prüfung käme. Die ihm untergesteckte falsche Schrifft diente ihm schon genung zur Warnigung mit was er für Leuten zu thun hätte / und zur Wahrsagung / was er vor gutes und redliches sich zu versehẽ hätte. Einmal irren ließe sich entschuldigen / zweymal züge den Verlust unsers Ansehns /dreymal unser Wolfahrt nach sich. Er wolte ja nicht hoffen / daß sein Bruder derselben Art Menschen nachschlagen würde / welche ihr Lebelang mit ihren Fehlern zu thun haben wolten / und weil sie einmal geirret / der Verfolg ihres Irrthums für die Tugend der Beständigkeit hielten / ja / ob sie schon in sich selbst ihr Vorhaben verdammten / ihm doch bey andern das Wort redeten. Niemand wäre an sein irrsames Versprechen oder an eine übereilete Entschlüßung gebunden. Ungeachtet sich auch Flavius gegen ihn vergangen hätte / wolte er es doch nicht ihm / sondern seinen Verleitern zuschreiben / und wenn er es vor eine Unverbindligkeit erkennen wolte / ihm den Strich Landes zwischen der Elbe und dem Flusse Luno nebst denen daran liegenden Saltz-Brunnen auf sein Lebtage zum Genüß abtreten. Der über dieser brüderlichen Zwytracht nicht wenig bekümmerte Hertzog Ingviomer übernam diese beschwerliche Verrichtung nicht mit grösserer Willfährigkeit / als sein Glimpff und Verstand bey derselben Ausübung hervor leuchtete. Er überwand des Flavius Einbildung mit so durchdringenden Schlüssen / daß er sich fast selbst gefangen geben / und des Segimers Schrifft als etlicher maßen verdächtig erkennen muste. Insonderheit drang Ingviomer starck darauf daß er ihm den / der ihm die Abschrifft zugebracht / und den Ort der Beylegung eröffnet hätte / nennen möchte / so würde vielleicht heraus kommen: daß seine und anderer Muthmaßung wider den boßhafften Luitbrand und Adgandestern des Zwecks nicht weit gefehlt hätte. Flavius aber blieb disfalls gantz verschlossen / und weil entweder die /welche am meisten irren / es am wenigsten inne werden / oder weil man insgemein für Schande hält von einer Meinung allzu bald abzuweichen / gleich als wenn die Hartnäckigkeit zur Entschuldigung der Fehler diente / nam er des Feldherrn gutwilliges Anbieten zum Bedencken / und zu Untersuchung der Segimerischen Verordnung eines Tages Befristung. Ingviomer konte ihm weder eines noch das andere versagen / bat ihn aber / er möchte hierüber zwar andere unverdächtige Freunde / aber zugleich seine Ehre und Vernunfft mit zu rathe nehmen. Er solte behertzigen / daß er sein so naher Vetter / als Herrmanns / die auch / welche die Schrifft vor falsch hielten / seine treue Freunde wären. Der[601] Eigennutz wäre eine Mutter vieler Schein-Gründe / und überwiege nicht selten das Recht und die Klugheit; oder gebühre die Einbildung / daß beyde auf ihrer Seite stünden; da doch keines auf beyden Achseln tragen könte. Daher müste der / welcher ihm der Warheit beyzupflichten vorgesätzt hätte /nicht nur Ursachen herfür suchen sich in seiner Meinung zu stärcken / sondern sich eine Zeitlang auf die widrige Seite schlagen / und seines Gegentheils Einsagen überlegen; so würde er auf der Wage der Vernunfft leicht den Ausschlag finden / also auch Flavius unschwer sich bescheiden: daß er ihm wol riethe und Hertzog Herrmann ihn brüderlich liebte. Flavius schlug sich die gantze Nacht mit seinen Gedancken /und war nun grösten Theils schlüssig gegen des Feldherrn Anbieten seinen Anspruch fahren zu lassen. Adgandester aber / welcher von dieser Handlung Wind beko en hatte / schickte ihm noch etliche Stunden für Tage König Marbods Bild reich mit Diamanten versätzt / welches ihm einer seiner Edelleute zwar in einem goldgestückten Beutel überbrachte / solches aber war in ein Papier eingehüllt / darauf diese Worte sauber geschrieben waren: Niemand soll in wichtigen Dingen alleine mit sich zu rathe gehen / noch selbte über das Knie zerbrechen. Zwey Augen sähen mehr als eines / und die allzu zeitig reiffende Früchte verfaulten am ersten. Die Unwissenheit ist mit der Welt /und die Thorheit mit jedem Menschen jung worden. Alle / die ihnen einbildeten für sich selbst weise zu seyn / sind Thoren / und die Helffte derer / auch die sich nicht klug zu seyn däuchten. Wer was alleine auf seine Hörner nimmt / scheint zwar dem Pöfel weise zu seyn; Aber es ist zur Weißheit nicht genung / wenn andere / weniger wenn einer sich selbst für weise hält. Der klügste aber ist / der ob er gleich sieht / was andere nicht sehen / dennoch sich weder für sehend noch einen Weisen hält / sondern eines andern Achsel zu Gehülffen seiner Schultern und Vergrösserungs-Gläser zu Schärffung seiner Augen brauchte. Wer nicht weiß / muß andere Wissenden hören. Ohne Verstand ists unmöglich / daß jemand glücklich sey; daher /wenn man ihn selbst nicht hat / muß man ihn entlehnen. Die aber sind am übelsten dran / welche nicht wissen / daß sie nichts wissen / also sich nicht bekümmern umb dis / was ihnen mangelt. Jedoch verstossen die noch ärger / welche ob sie zwar nichts verstehen / ihnen doch grosse Weißheit einbilden. Ja etliche wären weise / wenn sie nicht wüsten / daß sie es wären. Diesemnach ist die gröste Klugheit sich mit der Vernunfft / und nicht mit dem Glücke zu überwerffen. Hertzog Flavius hielt dieses Papier für etwas / welches zwar nur ungefehr und zu Einhüllung dieses Kleinods gebraucht / von dem Verhängnüsse aber mit Fleisse zu seiner Unterweisung in seine Hände gespielet worden wäre. So verbländet Heucheley / und unsere eigene Neigung die Augen unsers Verstandes. Daher fügte er sich ohne Aufschub zu Adgandestern ihm für die Freygebigkeit König Marbods Danck zu sagen. Adgandester aber gab dem Flavius zu verstehen / daß seine Dancksagung für so geringschätzige Dinge so wol seiner als Marbods Hoheit verkleinerlich wäre / weil diesem mehr zu geben obläge / Flavius aber viel grössere Wolthaten verdiente / mit Versicherung: daß / wenn sein König nicht zwischen dem Flavius und Feldherrn Mißträuligkeit zu erwecken besorgte / er zum Kennzeichen / wie hoch er das Cheruskische Hauß und des Flavius Verdienste schätzte /ihm mehr / als eine Helffte des Cheruskischen Gebietes austrüge / an Landschafften zueignen würde. Dieser Vortrag kützelte nicht wenig des Flavius Ohren /gleichwol aber wendete er ein: Er wüste nicht zu begreiffen / woher des Königs Marbods so grosse Freygebigkeit entsprissen müste / welchem sein Bruder so viel Leid / er aber niemals was gutes gethan hätte /noch zu leisten vermöchte. Adgandester aber wuste einen grossen Sack voll[602] Lobsprüche / welches die ärgstẽ Art zu betrügen ist / über den Flavius auszuschütten. Er sagte: es wäre kein so geringes Kraut auf dem Felde / kein so schlechtes Laub in dem Walde /welches man des Jahres nicht unterschiedene mal brauchte / und in dem grossen Hause der Welt von nöthen hätte / also / daß wie schlecht es gleich geschätzt würde / man doch ohne Ungelegenheit dessen nicht entpehren könte; wie solte denn der kluge König Marbod so unverständig seyn / daß ihm ein so hoher und fürtreflicher Fürst nicht zu Befestigung seines neuen Stules viel solte dienen können? Der verstünde wenig oder nichts von der Herrschens-Kunst / welcher sich vergnügte Recht und Verstand auf seiner Seite zu haben; Freunde und der Nachbarn Wolwollen müsten die mächtigsten Stütze der Reiche seyn / was könte Marbod ihm aber für bessere Freunde als die Cheruskischen Fürsten machen / welche von undencklicher Zeit das Hefft in Deutschland geführet / für allen Häusern den unstrittigen Vorzug hätten / und auch von ihren Feinden hochgeschätzt würden? weil nun Heucheley und Freygebigkeit zwey Eymer sind / welche das Wasser der Gedancken aus den verschlossensten Hertzen empor zu ziehen wissen / zeigte Flavius Adgandestern die aus dem Tanfanischen Tempel empfangene Verordnung des Feldherrn Segimers / und eröfnete ihm treuhertzig / was so wol wider selbte eingewendet / als ihn durch den Hertzog Ingviomer wäre angeboten worden / mit Verlangen / er möchte ihm in dieser Sache / welche seinen Wolstand machen solte /mit gutem Rathe an der Hand stehen. Adgandester nam mit grosser Ehrerbietung das zu ihm habende Vertrauen danckbar auf / lobte seine Klugheit / daß er ein so wichtiges Werck nicht ohne frembden Rath entschlüßen wolte. Denn Gott allein dörffte in seiner vergnügten Einsamkeit keinen Rathgeber / dem Menschen aber hätte er fürnemlich zu dem Ende Vernunfft und Sprache gegeben / sich durch diese Werckzeuge anderer Rathes zu gebrauchen / nicht aber / wie unvernünfftige Thiere ihrem geschwinden Triebe zu folgen / und sich mit dem ersten besten Dinge zu vergnügen. Der Mensch hätte so wol aus zwey Ubeln das kleinste / als aus zwey Vortheiln den grösten zu erkiesen / und aus dem vergangenen das gegenwärtige zu überlegen / und aus dem künfftigen Ausschlage zu entschlüßen. Daher wäre die Berathung das grosse Rad / welches die Mühle des bürgerlichen Lebens treiben müste / und also eben so nöthig als Feuer und Wasser. Weil ein Rathgeber aber den / welchen er umb Rath fragte / gleichsam zu seinem Oberherrn und Richter seiner Gedancken erhiebe / und ihn lieber / als sich selbst hätte / könte dieser durch keine grössere Untreu sich besudeln / als weñ er jenem nicht redlich und vorsichtig riethe. Hierauf besahe Adgandester Segimers Schrifft so sorgfältig / als wenn er sie niemals in Händen gehabt / versicherte hierauf den Flavius /daß die Unterschrifft Segimers warhaffte Handschrifft wäre / welche wegen gewisser ihm am besten bekandter Merckmale der allerkünstlichste Verfälscher in der Welt nicht nachmahlen würde. Des Egyptischen Papiers hätte Segimer einmal bey Wegnehmung etlicher mit des Drusus Geräthe beladener Maulesel viel Rollen erobert / und wenn er gar was wichtiges zu schreiben gehabt / dasselbe gebrauchet. Zu geschweigen /daß die Friesischen Kauffleute selbtes ins gemein zu Schiffe / und die von Carnutum hauffenweise in Deutschland führten / also ein grosser Irrthum wäre /daß Hertzog Herrmann es zu erst in sein Vaterland gebracht haben solte. Libys könte weder von Einlegung dieses letzten Willen in den Tanfanischen Tempel / weil er damals noch nicht oberster Priester gewesen / was wissen / noch von einer widrigen Meinung Segimers dem Flavius zu Nachtheile was zeugen. Denn wenn er schon nach der Zeit Siñes worden wäre seinem Sohne Herrmann alle Länder[603] zuzueignen /hätte doch diese im Gemüthe behaltene Aenderung keine Krafft eine in ein Heiligthum beygelegtes und bis an seinen Tod gelassene Verordnung aufzuheben. Das vom Hertzog Herrmann ihm gethane Erbieten gebe auch gnungsam an Tag / daß er sich durch den väterlichen Willen verbunden fühlte. Aber das angebotene hätte mit dem / was er haben solte / keine bessere Gleichheit / als ein Schnee-König gegen einem Adler. Daher hielte er dafür / daß dem Flavius sich damit zu vergnügen so wol verkleinerlich als schädlich wäre; Weil er davon schwerlich seinen Fürstenstand führen könte / und jedermann urtheilen würde /daß er dis / was ihm von Gott und Rechtswegen gebührte / nicht zu behaupten wüste / welches doch die erste Tugend eines Fürsten wäre. Wenn er aber sich mit einer solchen Kleinigkeit zu vergnügen / und gleichwol sich seinem Bruder als Oberherrn zu verpflichten gezwungen werden solte / riethe er ihm mit Verachtung dessen sich unverbindlich zu halten; auf welchen Fall er ihm nachmals nicht nur dreymal so viel Landes vom Könige Marbod verspräche; wordurch ihm der Weg zu der anfangs schon vorgeschlagenen grossen Heyrath so viel mehr gebähnet würde. Der sonst so kluge Flavius ward durch Adgandesters grosse Versprechungen gleichsam wie durch überzuckerte Zauber-Kräuter so eingenommen / daß / ob er zwar wegen selbter keinen andern Bürgen als Adgandesters Wort hatte / er sich doch zum Ingviomer versügte / und sich gegen ihm ausließ; Es könte ohne seine und des Feldherrn Segimers Verkleinerung nicht geschehen: daß dessen letzter Wille als eine untergesteckte Schrifft verworffen / oder ihm / als wenn es über etwas nicht in seiner Gewalt seyendes unkräfftig verordnet hätte / beygemessen werden solte. Daher könte er weder mit Ehren noch ohne Verlust seines Wolstandes von dem etwas enthengen / was ihm sein holder Vater zugedacht hätte. Ingviomer suchte alle ersinnliche Ursachen herfür ihn von einer so hochgespannten Anforderung / welche nicht wenig die Cheruskische Macht zerspalten und ihr Ansehn verkleinern würde / abwendig zu machen. Es wäre rühmlicher und sicherer was mittelmäßiges mit anderer gutem Willen und Tittel besitzen / als zehnmal so viel mit Gefahr und übeler Nachrede erobern wollen. Die Zeiten und der Zustand des Cheruskischen Hauses widerriethen dem Flavius Ursach zu einigen Spaltungen zu geben. Denn die Herrschafft gleichte denselben Bäumen / welche verdorrten / oder zum wenigsten nicht höher wüchsen / wenn ihre Gipfel abgehauen würden. Also solten lieber alle Aeste etwas dem Gipfel zu Liebe entpehren / als mit desselbten Beschädigung ihnen selbst den gäntzlichen Untergang zu ziehen. Aber Flavius blieb auf seiner Forderung gantz verhärtet / jedoch wolte er des Feldherrn endliche Meinung darüber vernehmen / und dem Flavius unverlängt entdecken. Ingviomer / welcher niemals seiner guten Vernunfft bey anderer Schwachheiten vergaß / trug des Flavius Begehren dem Feldherrn mit einer solchen Art für / wie die Aertzte Aloe und andere bittere Kräuter ihren Krancken / nemlich mit einem süssen Beysatze eingeben. Aber Herrmann war allzu verständig das Wesen vom Umbschlage zu unterscheiden / sagte daher: Ich sehe wol / daß mein Bruder seinen Glücksstern nicht kennet / und daß ihm ein schädliches Schwantz-Gestirne annehmlicher in die Augen leuchtet / als dasselbe / welches ihn täglich wärmet und nähret. Ich ziehe meine vorige Gutwilligkeit zurücke / damit er ihm nicht einbilde: ich habe mich dazu als aus einer Schuldigkeit erboten. Ingviomer erschrack über dieser Erklärung / weil er wol sahe: daß derogleichen entfernte Entschlüßungen zwischen beyden Brüdern einen unversöhnlichern Haß /als unter Frembden / verursachen würde: daher redete er dem Feldherrn beweglich zu / und gebrauchte sich aller[604] Gründe / welche ihm die Nähe des Geblütes und die Staats-Klugheit an die Hand gaben umb ihn zu was mehrern zu bewegen / als sein erstes Erbieten in sich begrieffen hätte. In Vergleichen gewäne es den Schein einer Zurückziehung des Erbietens / weñ man auf dem ersten Gebote stehen bliebe. Flavius wäre nicht nur sein Bruder / sondern ein bey den Römern hochgesehener Fürst / welchen es an Lock-Beeren nicht mangeln würde. Also solte der Feldherr lieber ein übriges thun / als durch Sparsamkeit ein mehrers /nemlich seinen Bruder und eine Stütze der Cherusker verlieren. Es wäre rühmlicher nicht einmal fehlen / als hundertmal den Zweck treffen. Denn wie man die Sonne in ihrer Verfinsterung fleißiger als in ihrer höchsten Erhöhung betrachtete / also wären der Fürsten seltene Irrthümer durch Beschwerden keñtbarer /als ihre Verdienste durch Ruhmsprüche. Je heller ein Spiegel wäre / je klärer zeigte sich darinnen der kleinste Fleck. Er wüste gar wol / daß der Feldherr hierinnen so viel Recht als Gewalt hätte. Aber die Anmaßung höchster Gewalt / und die Ausübung schärffster Rechte wäre der Fürsten Fallbrett / und der Reiche Verterb. Die Freygebigkeit gegen Brüder erforderte ein ander Maas / als gegen Frembde; und sie hätte durchgehends diese Belohnung: daß sie durch Beschenckung eines eintzelen Menschen ihr ihrer hundert verbindlich machte. Alleine der Feldherr war weiter nicht zu bringen / als zu Verwilligung der Helffte dessen / was er ihm vorher angeboten hatte. Ingviomer machte sich aufs neue an Flavius / und meinte ihn zu Annehmung des erstern zu bereden / in Meinung /daß so denn der Feldherr wol zu Einhaltung seiner ersten Erbietung würde zu bewegen seyn. Nach dem aber Flavius inzwischen von Adgandestern mehr verbezt / also von seiner hartnäckigen Begierde des Cheruskischen Gebietes Drittel zu haben nicht gebracht werden konte; sagte ihm Ingviomer aus Verdruß über seiner so übel angewehrten Vermittelung: Es wäre ihm leid / daß Flavius durch seine Härte sich bereit umb die Helffte dessen gebracht hätte / was ihm der Feldherr anfangs ohne Verbindligkeit gewilligt. Wenn er ihm aber seine itzige schlechte Verrichtung zu wissen machte / würde der Feldherr Zweifelsfrey vollends seine Gutwilligkeit zurück ziehen. So höre ich wol / versätzte der hierüber entrüstete Flavius /mein Bruder bilde ihm ein / daß er allein vom Feldherrn Segimer / ich aber von einer Eiche entsprossen /und wie ein Maulwurff mit weniger Erde zu vergnügen sey. Ich dancke aber meinem Vater / daß ich von ihm sein Hertz und den Degen geerbet / wormit ich mir eine Herrschafft zu erwerben getraue / welche hoffentlich meiner Freyheit und dem Gemüthe wird auskommentlicher seyn / als die wenigen Spañen Landes / welche man mir noch aus Gnaden mehr einzuräumen als zu lassen gedacht hat. Hiermit entbrach er sich des Fürstẽ Ingviomers / und weil die Begierden Mütter der Vorsichtigkeit sind / verfügte er sich unverwendeten Fusses zu Adgandestern / welcher sich über seiner Zerfallung mit dem Feldherrn und Ingviomern so sehr erfreute / daß er Noth hatte solche mit angemaaßtem Mitleiden über seine so wenige Werthhaltung zu verhüllen. Er vergrößerte seine vorige Vertröstungen: damit er aber bey den Catten und Cheruskern nicht verdächtigt / noch ihm seine habende Verrichtungen schwer gemacht werden möchten / rieth er dem Flavius sich für seiner Abfertigung nicht zum Könige Marbod / sondern zu dem nun wieder zu Trier angeko enen Germanicus zu verfügen / welcher ihn mit offenen Armen bewillkommen / und in aller Vergnügung unterhalten würde. Weil nun Adgandester ihn schon einmal gekirret hatte / ließ er sich wie die gezähmten Löwen / wohin er winckte / gleichsam an der Schnure führen / reisete also folgenden Morgen /sonder von jemanden Abschied zu nehmen / mit wenigen Edelleuten gerade nach Meintz zu. Der Graf von Nassau kriegte zwar hiervon Wind / und rieth dem Feldherrn: er solte den Flavius /[605] weil er gegen Inguiomern sich bedraulicher Worte vernehmen lassen /mit Adgandestern geheimes Verständnüß gepflogen hätte / in Mattium oder unterweges anhalten / und verhindern: daß er ihm nicht irgendswo ein böses Spiel machte. Ein versperrtes Feuer müste in sich selbst ersticken / wenn es aber Lufft kriegte / wäre es mit möglichster Zuthat vieler Hände nicht zu dämpfẽ. Der Feldherr aber verwarf diesen Rath und sagte: Er könte sich an seinem unvergnügten Bruder nicht wie an einem lasterhaften vergreiffen. Er traute seinem Bruder nichts feindliches zu / solte er sich aber seine Begierden überwinden lassen / wolte er doch die Ober-Herrschafft über seine behalten / worinnen die gröste Hoheit der Gemüther bestünde / sonderlich bey Fürsten / welche wenn sie gleich einige Entrüstung in ihrem Hertzen fühlten / doch solche nicht biß an ihr Ampt solten steigen lassen. Er wünschte / daß sein Hof die Eigenschafft seines Hertzens und des Meeres hätte / und wie das erste keine Zagheit / das andere keine Leiche / also der Hof keinen ihm Ubelwollenden in sich lidte / sondern diese als todte Dinge auswürffe.

Adgandester ward über Stiftung dieser brüderlichẽ Zwytracht so vergnügt / daß er durch einẽ Edelmann solches als einen herrlichẽ Sieg dem Könige Marbod /und durch einen andern dem Germanicus zu wissen machte. Gleichwohl aber stellte er sich allenthalben an / als wenn er weder von der eigentlichen Ursache noch dem Vorhaben des Fürsten Flavius das wenigste wüßte / ja er erbot sich gegen Inguiomern dem Flavius nachzuschicken / und das Unvernehmen zu vermitteln. Nachdem auch der Feldherr seines Bruders hinterlassenes Geräthe aufmercken und verwahren ließ /ward darinnen ein Schreiben Adgandesters gefunden /darinnen er dem Flavius rieth mit dem Feldherrn nicht zu brechen / sich auch erboth / da er ihm die eigentliche Beschaffenheit ihres Streites eröffnen wolte / er den neuen Botschaffter seines Königs bewegen wolte solchen brüderlichen Zwist zu vermitteln / oder er möchte belieben den Hertzog Arpus und Ganasch zu Schieds-Richtern zu erwehlen. Aber der Feldherr war viel zu nachdencklich / daß er ihm diesen blauen Dunst solte für die Augen machẽ lassen / als wenn Adgandester nicht der Rädelsführer dieser Treñung wäre / und daher sagte er Inguiomern / es würde ihm lieb seyn / wenn er sich aller Gemeinschafft Adgandesters gäntzlich entschlüge / als welcher durch das Gift seiner Bosheit das Blut der nechstẽ Anverwandtẽ und den Honig der reinesten Liebe und Freundschafft zu vergällen wüßte. Er wolte auch allen Cheruskern und seinen Hofe-Leuten derogleichen bey hoher Straffe verbieten. Ob nun zwar Inguiomer nicht umbsehen konte / daß der Feldherr zu solchem Verdacht / und /weil die Boßheit anfälliger als die Pest ist / zu vorhabendem Verbothe mehr denn zu viel Ursache hatte /so lag doch Inguiomern ein grosser Stein seiner heimlichen Liebe auf dem Hertzen / welcher ihn zurück hielt Adgandestern zu beleidigen. Daher ließ er sich gegen dem Feldherrn heraus: Er thäte recht klug / daß er einem Menschen / wie Adgandester wäre / nichts glaubte. Denn weil Heucheley und Lügen so gemein wäre / müste die Leichtglaubigkeit desto ungemeiner seyn. Alleine man müste seinen Unglauben / so viel möglich / nicht mercken lassen / denn diß wäre nicht viel besser / als daß man denselben / dessen Worte man nicht für Wahrheit anni t / einen Betrüget oder einen Betrogenen hält; Hertzog Herrmann aber versetzte: Wenn Adgandesters Lügen nur in Worten bestünden / könte man vielleicht noch derselben Wahrnehmung verstellen / so aber steckte sein Betrug in Wercken / zu welchen man mit Ehren und ohne unverwindlichen Schaden kein Auge zudrücken könte. Er wäre ein solcher Ertz-Feind des Cheruskischen Hauses / daß er es ärger nicht werden könte. Solchen aber müste man nicht Pflaumen streichen / sondern ihnen ihre Boßheit umb ihnen die Scham-Röthe[606] abzujagen / in die Augen sagen / und damit ihnen ihr Hertze nicht so groß wüchse als ihre Galle ist / den Kopf bieten. Zumal ein offenbarer Feind nur einer Schlange / ein verborgener aber einem Basilisken zu vergleichen wäre. Er hielte es für keine Klugheit sich ohne Anthung beleidigen lassen / sondern vielmehr für eine Kleinmuth / durch welche ihrer viel zu Grunde giengen / welche wenn sie mehr dem Einrathen ihres Hertzens als denen künstlichen Räncken der Vernunfft folgen / ihre Feinde würden vertilget haben / derogestalt würde der Feldherr noch selbigen Tag sein Verbot bewerckstelliget haben / wenn nicht gleich vom Könige Marbod ein neuer Botschaffter der Graf von Windisch Grätz ankommen / und zugleich vom Germanicus die Erklärung eingelauffen wäre: daß er dem Könige Marbod zu Liebe biß zum Anfange des Mayen mit den Römischen Waffen gegen die Sicambrer und Chaucen stille halten wolte / wenn sie mit gehörigem Nachdrucke einen billigen Frieden zwischen ihnen vermitteln wolten. Bey welcher Ereignung sich denn auf Inguiomers Veranlassung Hertzog Arpus und Ganasch euserst bemühten den Feldherrn zu besänften /und ihn zum Verschube seines Eivers gegen Adgandestern zu bereden. Der Feldherr ließ dem gemeinen Wesen zum besten sich hierinnen zwar überwinden /iedoch gab er den Fürnehmsten des Hofes durch den Grafen von Nassau; welcher es aber als für sich selbst thät / zu verstehen / daß wer von ihm ein gutes Auge bekommen wolte / müste sich nicht bemühen in Adgandesters gesehen zu seyn. Hingegen empfieng er den Grafen Windisch Grätz mit desto grösserer Freundligkeit / und unterließ nichts / was zwischen ihm und Adgandestern Eiver-Sucht zu erwecken dienlich war. Alleine dieser bekümmerte sich mehr umb nach erst gelungenem Streiche sein übriges Gewebe auszuwürcken / als mit iemand andern zu eivern /gleich als wenn auch eine knechtische Unterwerffung /wenn selbte nur zur Herrschafft den Weg bähnete /nicht unanständig wäre. Der Feldherr / Hertzog Arpus und Ganasch hielten täglich Unterredungen mit dem Windisch Grätz / wie und wo der Friede mit dem Hertzoge der Sicambrer am besten vermittelt werden könte. Die ersten schlugen Bingen zur Zusammenkunfft vor / Marbods Bothschafter aber meynte es rathsamer zu seyn diß Werck in Mattium zu versuchen / wo ohne diß so viel deutsche Fürsten versa let wären / entweder / weil Adgandester ihm daselbst schon mehr Werckzeuge seine Anschläge durchzutreiben ausgearbeitet hatte / oder weil er und Windisch Grätz die Näherung dem Sicambrischen Gebiete / wo das Kriegs-Feuer zum Schwunge kommen solte / für eine Gelegenheit hielt die so nahen Cherusker und Catten durch dessen Funcken anzustecken. Hertzog Arpus und Ganasch liessen diesen Vorschlag ihnen auch so viel leichter gefallen / weil jenem es in seinem Eigenthume bequämlicher fiel / beyde aber ihrer Kinder Beylager auf den April oder Oster-Monat / in welchem die Deutschen Gotte / wegen Befruchtung der Erde ein grosses Feyer zu halten pflegen / besti t hatten. Unter dem Scheine dieser Friedens-Handlung nam ihm auch Segesthes mit seiner Sentia Anlaß nach Mattium zu kommen. Wegen der Römer fand sich auch Cäcina / und wegen des Hertzogs Melo sein Sohn Franck zu Mattium ein. Die Zusammenkunfft Adgandesters und Sentiens gleichte sich der Vereinbarung zweyer schädlicher Sterne / welche ihren schädlichen Einflüssen einen zweyfachen Nachdruck giebt. Die Ursache ihrer Ubereinstimmung in der Begierde Deutschlande zu schaden ist nicht nöthig zu erforschen / weil die Gemüths-Verknipfung allezeit aus der Gleichheit der Neigungen den Ursprung hat / Sentia aber solche Begierde mit der Mutter-Milch an sich gesogen / und Adgandester mit seinen Lastern eingeschluckt hatte. Nachdem nun beyde ihrem Vorhaben nichts vorträglicher[607] zu seyn hielten / als Catumers und Adelmundens Heyrath zu hindern schlug die mit allen Boßheiten schwanger gehende Sentia für / Adelmunden durch gewisse Artzneyen unfruchtbar zu machen. Denn / wenn diese Unfruchtbarkeit offenbar würde /welches sie zu entdecken riethe / würde weder Catumer Adelmunden verlangen / noch Arpus ihre Heyrath zugeben. Bliebe sie aber verschwiegen / hätte Adgandester zum wenigsten Hoffnung / daß wenn Catumer ohne Erben stürbe / er oder seine Kinder grosse Hoffnung zur erblichen Herrschafft über die Catten bekämen. Adgandester ließ ihm diesen Vorschlag leicht gefallen / und machten sie eine Gemeinschafft in dieser Boßheit zusammen / daß Adgandester die Unkosten / Sentia ihre Müh beytragen solte. Und wie schwer gleich Segesthes dazu kam / muste er doch zugleich mit in ihr Horn blasen / und einen Handlanger ihren Lastern abgeben. Also gleichet nichts besser einer Aegel / als ein Weib / welche zwar zuweilen unser Gesundheit zum Besten unser böses / aber mehrentheils zu unserm Verterb unser bestes Blut / nemlich die Liebe zur Tugend aussauget. Sentia maaßte sich ihres übernommenen Wercks schlau und vorsichtig an / und / weil der Werckzeug dem Werckmeister gemäß seyn muß / erkiesete sie eine aus Thessalien bürtige Griechin Astree / welche von einem in Asien dienenden Chauzen geheyrathet / und auf den Friesischen Schiffen von Smyrna in sein Vaterland gebracht / hernach vom Hertzoge Arpus Adelmunden ins Frauenzimmer gegeben worden war / daß sie ihr die Fertigkeit der Griechischen Sprache beybringen solte. Diese hatte mehr Witz / als ihr gut war. Denn wenn Weiber allzu verschmitzt / Melonen zu reiff werden / taugen sie beyde nichts. Sie hatte durch ihr Singen und Lauten-Spiel ihr alle Höflinge geneigt /durch ihre Heucheley und Dienstfertigkeit / welche hey dem Volcke den Nahmen einer Zauberey / bey der Fürstin aber ihre Würckung hatten / Adelmunden sehr angenehm gemacht / und durch ihre verschmitzte Erfindungen sich über ihr Geschlechte und beym Hertzog Arpus in grosses Ansehn gesetzt; so gar daß sie endlich die Vermessenheit hatte sich in die wichtigsten Geschäffte der Herrschafft einzuflechten. Weil nun ein Fürst der Bataver Cariovalda durch allerhand Erfindungen sie gewonnen hatte / war sie bemüht gewest zwischen ihm und Adelmunden eine Heyrath zu stifften / hätte auch sie beynahe dazu beredt gehabt /wenn nicht Hertzog Ganasch Cariovaldens Anschlag bey Zeiten erfahren / und solchen unterbrochen hätte /wiewohl Astree sich so rein zu brennen wuste / als wenn sie selbten mehr verhindert / als befördert hätte. Unterdessen hieß sie es im Hertzen nicht wenig / entweder weil sie weniger Macht am Hofe zu haben erfuhr / als ihre Vermessenheit ihr eingebildet hatte /oder weil sie den vom Cariovalda verhofften Vortheil zu Wasser werden sahe. Denn die / welche ihnen allzu viel zutrauen / halten alle ihre wiewohl thörichte Anschläge schon für ein Theil ihres Vermögens / und daher alle Mißlingungen für grossen Verlust. Sentia war hiervon nichts verborgen / weil sie mit Cariovalden in grosser Verträuligkeit lebte / und die Hand selbst mit im Spiel gehabt hatte. Weil sie nun wohl verstand / daß Rache und Geitz mächtig wären / auch sonst nicht böse Leute in Unmenschen zu verwandeln / dieser Astree Gemüthe zu ergründen / und ihr Vorhaben durch sie auszurichten. Weil die Boßheit aber in ihrem Thun allezeit mißträulich ist / und die ärgsten für tugendhafft angesehen seyn wollen / traute sie ihr nicht selbst iemanden ein so grosses Laster zuzumuthen. Einem boßhaften Weibe aber mangelt es niemals an Werckzeugen ihres gleichen. Sentia erkiesete hierzu einen Bataver / welcher der Astree in Cariovaldens Nahmen ein falsches[608] Schreiben mit einem paar kostbaren Ohrgehencke von Opalen / einhändigte /darinnen er von ihr nichts anders verlangte / als dem Uberbringer in allem völligen Glauben zu geben. Die Geschencke sind eine Mutter der Leichtgläubigkeit /und dieses bländete Astreen so sehr die Augen / daß sie nichts weniger als Cariovaldens Hand und Siegel prüfete. Als dieser Bataver sich von Astreen so bewillko t sah / sagte er ihr / die übergebene Kleinigkeit würde ein geringer Vorschmack gegen der Nachfolge seyn / wenn Cariovalda Astreen noch für seine alte vertraute Freundin schätzen möchte. Diese ließ sich hingegẽ nicht nur mit Betheur- und Anbietung grosser Dienste / sondern alsbald ihren Unwillen aus; daß es ihr mißgelückt hätte Cariovalden die Fürstin Adelmunde zuzuschantzen / und sie wüste nicht /ob sie für Grämung ihr bevorstehendes Beylager mit Hertzog Catumern überleben würde. Diese Offenhertzigkeit war dem Bataver rechtes Wasser auf Sentiens Mühle / daher hielt er nicht rathsam mit seinẽ habendẽ Befehle lange hinter dem Berge zu haltẽ / sonderlich weil die Geschwindigkeit böser Rathschläge Steuerruder ist. Er sagte daher / ihre Bekümmernüß wäre eben der Stein / welcher Cariovalden auf dem Hertzen läge / also die Ursache seiner Dahinkunfft umb von der klugen Astree Rath zu holen / was für ein Mittel seiner Verzweifelung abhelffen solte / weil seine vergällete Liebe und verletzte Ehre ohne vorhergehende Rache Adelmunden unmöglich vergnügt in frembden Armen sehen könte. Seine Zuneigung wäre zwar verloschen / und er sehnete sich nach einem widrigen Sterne nicht; aber hingegen brennte in seiner Seele die Rachgier lichterloh / und die Eiversucht fienge nun schon auch an zu lodern. Hierauf zohe er noch eine lange Schnure Bohnen- grosser Perlen herfür / und meldete; daß diese auf Adelmundens Beylager zu einem Sieges-Zeichen dienen solten. Astree antwortete: Sind sie so starck vergifftet; daß ihre Umblegung tödtlich ist? Der Bataver sagte: In keinerley Weise / weil diß Geschencke für Astreen / nicht für Adelmunden besti t wäre / welche Cariovalda auch nicht zu vergiften oder zu tödten verlangte. Was für ein ander Leid ausser dem Tode meynt er denn zu Abkühlung seiner Rache auskommentlich zu seyn? Ihre Meynung wäre: daß Rache / welche seines Feindes Tod überlebt / und sich nicht wil mit in seinen Sarch versperren lassen / unmenschlich / welche aber sich mit weniger als des Feindes Tode vergnügte / keine Rache / sondern nur eine Neckerey sey / welche den Beleidigten reitzete uns Schaden zu thun. Der Bataver schützte für: Cariovalda würde vergnügt seyn / wenn Adelmunde nur durch Astreens Beystand unfruchtbar gemacht würde. Denn diese Rache würde ihrer langsamen Würckung halber schwer zu ergründen / Adelmunden aber ein geschwinder Tod weniger / als die Grämung über ihre Unfruchtbarkeit empfindlich seyn; weil sie bey den fruchtbaren Deutschen für eine grosse Schande gehalten würde. Wenn Astree nun dieses ihrem hohen Verstande nach ausrichten könte / versicherte er sie / daß Cariovaldens bekandte Freygebigkeit gegen sie reichlich überströmen solte. Astree er klärte sich: Diese Kunst hätte sie schon längst an Schuhen zerrissen / und wenn diese Verrichtung ihr nicht ein Kinder-Spiel wäre / würde sie ihres Vaterlandes Thessalien nicht würdig seyn / wo die Zauberey eigentlich zu Hause wäre / und die giftigen Kräuter gantze Berge überschatteten. Der Bataver möchte sich den siebenden Tag bey ihr wieder angeben / so hoffte sie Cariovaldens Begehren schon erfüllet zu haben. Astree sparte inzwischen weder Kunst noch Mühe ein Wasser zu bereiten / welches die allerfruchtbarste Frau unfruchtbar zu machen vermocht hätte. Wie sie es nun auf den Morgen und so fort nach und nach Adelmunden unter dem Brunnen-Wasser /damit sie bey Tische ihren Wein zu[609] mischen gewohnt war / beyzubringen vorhatte / traumte ihr die Nacht vorher sie wäre in Thessalien / sa lete daselbst allerhand giftige Kräuter / und vergiftete einen Brunn; über dieser Beschäfftigung aber käme zu solchem Brunnen eine überaus schöne Schlange / welche auf dem Rückẽ gleichsam mit Perlẽ überstückt war / und am Kopfe zwey Ohrgehencke trug. Diese streichelte Astree / und weil sie so kirre war / hieng sie selbte umb den Hals; von welcher sie aber im Augenblicke erwürgt ward. Astree fuhr über diesem Traum mit Schrecken auf / und hatte darüber allerhand Nachdencken. Bald kam ihr in Sinn / daß weil einem in der Nacht ins gemein träumte / was man des Tages dächte oder thäte / hätte dieser Traum wenig auf sich weil sie etliche Tage und Nächte sich ihres Wassers halber mit vielerley Gedancken geschlagen hätte. Wie nun in Africa kein Wunder wäre / daß weil wegen Sparsamkeit des Wassers so viel unterschiedene Thiere an wäßrichten Orten den Durst zu leschen zusammen kämen / daselbst so seltzame Vermischungen erfolgten / und so abscheuliche Mißgeburten geboren würden; also hätte sie auch dieser ungemeine Traum nicht zu befrembden. Sintemal im Schlaffe die vielen Gedancken in das enge Gewölbe des Gehirns / wie die Dünste der Erden in die Lufft empor stiegen / und wenn sich ein Gedancke an den andern stiesse / so seltzame Träume gezeugt würden. Bald aber erinnerte sie sich / daß Gott ihrer vielen grosse Geheimnüsse im Traume entdeckt / und sie von gefährlichen Vorhaben abgemahnet / oder auch was heilsames entdeckt hätte. Insonderheit fiel ihr ein / daß der grosse Alexander im Traume das Kraut / wormit hernach Ptolomeus geheilet ward um Rachen eines Drachens gesehen hätte. Daß der noch sehr junge Sophocles im Traume vom Bacchus ein Trauer-Spiel zu schreiben war erinnert worden / welches ihm über seine Einbildung wohl gerathen. Ja daß Minerva im Traum seines Artztes den krancken Käyser August ermahnet der Schlacht bey Philippis beyzuwohnen / welcher sonst im Läger verlohren gegangen wäre. Ihr kam auch für / daß ein Traum dem Sylla seinen Tod angedeutet / und dem Pompejus die Pharsalische Schlacht zu liefern dadurch deutlich widerrathen hätte / indem ihm fürgebildet vorkam; wie er den Tempel der siegenden Venus /von welcher der Käyser seinen Ursprung herführte /mit allerhand Beuten ausputzte. Ja es klang der Astree stets in ihren Ohren die vom Sylla dem Lucullus gegebene Warnigung: Er solte von niemanden einen treuen und mehr den Stich haltenden Rath erwarten /als was die Götter ihn im Traume erinnerten. Hierbey erinnerte sie auch ihr Gewissen / dessen Regung sich in Boßhaften nicht bald auff einmal verlieret / daß die Verursachung der Unfruchtbarkeit so viel Todschläge in sich begrieffe / als die Unfruchtbare sonst hätte gebehren können. Denn es wäre im Wercke einerley /das lebende tödten / oder hindern / daß es nicht lebte /ja es wäre eine unmenschliche Grausamkeit / das ungebohrne / welches uns nie beleidiget hätte / ermorden. Nichts desto weniger leschte die Gewinn-Sucht bey Astreen alle diese Gedancken aus / ihre Scharffsinnigkeit heuchelte ihr mit dieser Beredung: Wie die Natur uns des Tages mit wahren Bildern ermunterte /damit wir nicht einschlieffen; also unterhielte sie uns des Nachts mit falschen Erscheinungen / womit man nicht zu zeitlich erwache. Zu dem könte man an dem /was kein Mensch wäre oder nicht lebte / ja gar nicht in der Natur wäre / keinen Todschlag begehen. Wenn aber ein Weib gleich schon empfangen hätte / wäre das empfangene noch lange kein Mensch / sondern[610] anfangs Blut / hernach so viel als eine Pflantze / denn erst ein Vieh / und endlich machte es die Vernunfft allererst zum Menschen. Diesemnach lehrten die Welt-Weisen / daß Eh-Leute / welche mit mehrern Kindern / als ihr Vermögen oder die Gesetze zuliessen / überlegt würden / solche abzutreiben befugt wären. Ja die Gesetze selbst strafften mit einer schlechten Geld-Busse diesen schlechten Fehler / oder vielmehr Fürsichtigkeit. Wie viel weniger könte scheltbar seyn /wenn sie die blosse Empfängnüß bey Adelmunden hinderte / und ihr nur diß / was viel Weiber ihnen selbst anthäten / welche sich unfruchtbar machten /daß ihre Bäuche nicht runtzlicht / ihre Brüste nicht aufgeschwellet / und ihre Antlitzer nicht entfärbet würden / sie auch so viel mehr ohne Hindernüß ihrer Geilheit abwarten könten. Eine solche verfluchte Unterredung hielt Astree mit sich selbst / und hiermit schlug sie alle vorige Furcht zu Bodem / also daß sie ihr folgenden Tag das vorgeno ene Laster auszuüben festiglich fürsetzte. Ihr träumte aber selbige Nacht /daß sie ihres Nahmens: Α᾽ΣΤΡΗΗ güldene Buchstaben versetzte / und daraus das Griechische Wort: ΑΡΤΗΣΗ welches heisset: du wirst gehenckt werden / heraus brachte. Dieser Traum schreckte sie derogestalt / daß sie ihren höllischen Vorsatz Adelmunden unfruchtbar zu machen gäntzlich änderte. Weil sie aber entweder für Schande hielt auch in Lastern unbeständig zu seyn / oder weil sie die empfangenen und noch zu erwarten habenden Geschenke sonst nicht mit Ehren zu behalten oder ferner anzunehmen getraute / schrieb sie an Cariovalden einen Brief / darinnen sie seine Freygebigkeit wegen überschickter unschätzbarer Perlen und Opalen / hingegen ihren Gehorsam in seinen Befehlen rühmte / und hierbey erzehlte; daß sie aus dem Harne eines Wieders / aus Weine / in welchem ein Meer-Barbe wäre erstickt worden / aus Eppich / Hirsch-Zunge und Farren-Kraute / ein so kräfftiges Wasser bereitet / und der Adelmunde zubereitet hätte; daß sie ihr Lebtage nicht schwanger werden könte. Wormit sie auch diesen Betrug so viel mehr bescheinigte / händigte sie dem Bataver eine ziemliche Flasche dieses verda ten Wassers ein; dessen Kräffte er an einem vorher fruchtbar gewesenen und zeitlich gebehrenden Thiere prüfen möchte / da er es denn bewährt befinden würde. Der Bataver brachte den Brief / und das Wasser Sentien /diese es Adgandestern / der Bataver aber machte sich aus dem Staube. Adgandester / dessen Boßheit / Sieg und Glücke gleichsam auf ihren Flügeln trugen / ward hierüber so hochmüthig; daß er mit sich selbst rathschlagte: Ob es für ihn dienlicher wäre; daß Catumer eine unfruchtbare Gemahlin heyrathete / und er da durch Hoffnung bekäme mit der Zeit zur Cattischen Herrschafft zu gelangen; oder daß durch Entdeckung dieses Lasters die Heyrath zwischen Catumern und Adelmunden / und zugleich die Freundschafft zwischen den Catten und Chaucen unterbrochen würde. Er schlug sich hierüber eine gantze Nacht mit seinen Gedancken / wie das Meer mit seinen eigenen Wellen / endlich aber gab seine Beysorge; daß der jüngere Fürst Catumer ihn aller Vermuthung nach überleben /und damit die Hoffnung seiner Erbschafft zu Wasser machen würde / den Ausschlag; daß gegenwertige Mispeln besser als künftige Datteln waren / also er ihm lieber aus alsbaldiger Zwytracht / denn aus künftiger Herrschafft Nutzen schaffen solte. So bald es tagte / verfügte sich Adgandester zum Grafen von Hohenstein / durch[611] welchen Hertzog Arpus Zeither das meiste mit ihm hatte handeln lassen. Diesem gab er zu verstehen: König Marbod hätte ihm Befehl zugeschickt dem Fürsten Catumer seine Tochter und einige Reichs-Erbin zur Gemahlin anzutragen. Hohenstein warff ein: Ihm wäre bewust: daß Adgandester ja dem Hertzog Flavius hiervon Hofnung gemacht hätte; dazu wäre ja Catumer schon mit Adelmunden verlobet / und der Tag zum Beylager bestimmet. Adgandester versätzte: beydes wäre wahr; aber keine Hindernüs seines Vorhabens. Denn weil bey seiner Ankunfft Catumer schon mit Adelmunden wäre vertiefft gewest; hätte er nicht ihm / sondern dem Flavius seines Königs Tochter antragen können; welcher aber an der ihn verlassenden Königin Erato so angefässelt wäre: daß er sein Glücke zu begreiffen / und sich eines gewissen zu entschlüßen nicht wäre mächtig gewest. Uberdis hätte sein König durch solche Heyrath nichts mehr gesucht / als mit dem gantzen Cheruskischen Hause in verträuliche Freundschafft zu gerathen; nach dem aber Flavius / seines Einrathens ungeachtet / mit dem Feldherrn öffentlich gebrochen und sich zu den Römern geschlagen hätte; wäre seinem Könige / welcher wider die Römer die deutsche Freyheit bis aufs Blut vertheidigen würde / die Verbindung mit dem Flavius nicht mehr anständig. Wegen Adelmunden aber hätte er ein solch Geheimnüs auf seinem Hertzen / welches sich niemanden / als dem Cattischen Hertzoge offenbahren ließe. Diesem Vortrage gab er durch Geschencke und Vertröstungen einen solchen Nachdruck / daß Hohenstein solchen alsbald / und ehe er noch die Hindernüs der mit Adelmunden geschlossenen Vermählung erfuhr / seinem Hertzoge als eine zu überlegen nöthige Sache vortrug. Hertzog Arpus sahe anfangs den Grafen von Hohenstein sauer an / so daß er ihm sagte: Wer Fürsten was riethe / müste nicht irren; Fürsten aber in Sachen / die ihre und der Ihrigen eigene Person angiengen / niemanden als ihre eigene Ehre zu rathe nehmen Hohenstein konte ohne Undanck Adgandestern diese schlechte Abfertigung nicht verschweigen / welcher sich aber in seinem Vorhaben dadurch wenig irre machen ließ. Denn er wuste bey Fehlschlagung eines Streiches / aus dem Steigereiffen bald eine ander Fahrt zu finden. Weil Hertzog Arpus ihm nun allzu männlich war / machte er sich an das Geschlechte / welches von der Natur mehr Schwachheit des Verstandes / aber mehr Kräfften der Begierden empfangen haben soll. Er hatte vorhin schon durch seine Freygebigkeit die Gräfin von Regenstein gewonnen / welche in dem Cattischen Frauen-Zimmer bey der Hertzogin Erdmuth den meisten Stern hatte. Durch diese brachte er der Hertzogin bey / daß er ihr ein Geheimnüs zu entdecken hätte / daran ihres gantzen Stammes Wolfahrt und Untergang hienge. Weil nun die Neubegierigkeit ein solch Verlangen auch nach bösen Zeitungen hat / als schwangere Weiber an Kreide und andern Dingen Geschmack finden /worvor gesunde Magen Abscheu haben; kriegte er noch selbigen Abend bey der Hertzogin Erdmuth Verhör. Dieser reichte er alleine Astreens an Cariovalden geschriebenen Brief mit dem dazu gehörigen Wasser /mit Bitte selbten zu lesen; und hierauf zu urtheiln: Ob er als ein Fürst und Freund des Cattischen Hauses ferner gehört zu werden verdiente. Erdmuth erblaßte und erstaunete bey Uberlesung dieses Schreibens so sehr /daß sie die empfangene Flasche Wassers aus der Hand fallen ließ. Welche aber Adgandester auffieng /und sich beklagte / daß durch Verwahrlosung dieses zauberischen Wassers ein grosser Abbruch der Warheit und seiner Aufrichtigkeit geschehen seyn würde. Erdmuth hatte inzwischen die Gedult nicht den Brief auszulesen / sondern rauffte ihr die Haare aus / und stellte sich so ungeberdig / daß ihr Frauen-Zimmer aus dem[612] Neben-Zimmer zugelauffen kam. Adgandester suchte sie möglichst zu besänfften / und sagte ihr: Ungedult wäre keine Artzney / sondern eine Verärgerung des Ubels. Dieses würde auch unheilbar werden / wenn es die Hertzogin nicht mit dem Pflaster der Geheimhaltung zu verbinden wüste. Er wolte aber ihrem Schmertzen Zeit / und ihrer Vernunfft sich zu erholen Lufft lassen / und so deñ hoffentlich dieser Kranckheit noch eine lindernde Artzney an die Hand geben. Erdmuth lief mit thränenden Augen und schlagendem Hertzen zum Hertzog Arpus / und weil sie der Schmertz stumm gemacht hatte / muste Astreens Brief Redner für sie seyn. Arpus ward hierüber gleichfals wie von einem Donnerstrahle gerührt. Er stand eine gute Zeit ohne Bewegung / und die erste war ein aus dem innersten Hertzen geholeter Seuffzer. Hierauf brach er in diese Worte aus: Ist es möglich /daß der Himmel so verteufelte Gemüther einen Tag Lufft schöpfen läßt / welche der Natur Gewalt anthun? Warumb lässet diese zu ihrer eigenen Entkräfftung so schädliche Kräuter wachsen? Welch höllischer Geist hat der menschlichen Boßheit so schädliche Geheimnüsse entdeckt? Welches wird uns anständiger seyn; unsere Zusage zu brechen / oder unser Geschlechte vergehen zu lassen? Noch viel kläglicher gebehrdete sich Erdmuth / also / daß ob zwar Arpus ihr einen ihm selbst nicht hertzlichen Trost zusprach / sie nicht zu besänfftigen war / und er sie also zur Ruh zu bringen befehlen muste. Er selbst verschloß sich in sein innerstes Zimmer / sonder einigen Menschen fürzulassen: Seine Einsamkeit aber war mit etlichen tausend Gedancken und Rathschlägen beunruhigt. Bald schien ihm Astreens Laster /welche er und Catumer nie beleidigt / ihr aber offt Wolthaten erzeugt / unglaublich / und Adgandesters Angeben verdächtig zu seyn. Aber Astreens ihm mehr als zu wol bekandte Hand verstrich leicht dieses Bedencken. Er konte Cariovalden als einem Fürsten eine so schwartze Boßheit nicht zutrauen / aber weil er von seiner zur Adelmunde getragenen Liebe gute Wissenschafft hatte / schien ihm nichts zu abscheulich zu seyn / was die Eyversucht nicht gebehren könte. Mit Adgandestern wäre zwar vorsichtig umbzugehen; aber seiner Offenbarung Aufrichtigkeit zu prüfen / welcher aus einer unfruchtbaren Eh des Fürsten Catumers so viel Vortheil zu hoffen hätte. Ein Gran Mißtrauens wäre wol gut / aber mehr eben so wol als Gifft in Artzneyen schädlich. Nach dem nun Arpus lange mit sich selbst gestritten / aber sich nicht zu vergleichen vermocht hatte; berief er den Grafen von Hohenstein / ob er gleich verstand: daß Fürsten bey grossen Gemüths-Regungen sich niemanden sollen sehen lassen. Diesem wieß er Astreens Schreiben /und sagte: dieses ist das vermuthete Geheimnüs Adgandesters. Hohenstein laß selbtes mit grosser Entsetzung / und ob wol kluge Räthe ihrer Fürsten / was sie wollen / an den Augen ansehen sollen / wuste er ihm doch aus des Hertzogs Anzeigungen nichts zu nehmen. Hohenstein aber / welcher nicht weniger Hertze als Vernunfft hatte / fieng zum Hertzoge Arpus an: Es ist in Warheit dieses ein so unvermuthetes Unglück /welches einem bey klarer Lufft sich ereignendem Donnerschlage zu vergleichen; bey welchem es auch hertzhafften zu verzeihen ist / wenn sie darüber auffahren. Alleine ein Weiser muß doch solche Veränderungen sich nicht gantz aus den Angeln seines gesätzten Gemüthes heben lassen / sondern bey Epp und Flutt der menschlichen Zufälle ein so gleiches Gesichte und einen unerschrockenen Geist behalten als ein Schiffer beym Sturme / welcher das Steuer-Ruder nicht aus der Hand fallen / noch selbtes der Höfligkeit der Wellen überläßt / sondern des Ungewitters Meister zu werden sich bemühet. Die schleichenden nicht die mit grosser Hefftigkeit ansätzenden Kranckheiten wären die gefährlichsten; und in diesen verführte uns auch öffter[613] Verzweifelung als Hoffnung. Die / an welchen man stürbe / und daran man genesete / hätten einerley Ursprung. Daher / wenn man alle mögliche Mittel angewendet / wäre am rathsamsten Gott ohne knechtische Zagheit den Ausschlag heimzustellen /und sich in gutem Vertrauẽ in die Hände des Verhängnüsses zu werffen. Fürnemlich hätte Hertzog Arpus in diesem nicht aus seiner Schuld / sondern frembde Boßheit herrührendem Ubel guten Muth zu schöpffen Ursache. Denn nichts als unsere Fehler wären unser Unglück. Wer durch anderer Arglist nicht durch eigene Unvernunfft umb etwas käme /wäre viel glücklicher / als der durch Laster grosse Dinge ausübte. Zu geschweigen / daß offt was die Stirne keines geringen Unglücks hätte / uns zum besten gereichte. Daher müste man nicht allemal das Glücke rechtfertigen / aus was Ursachen sie dis oder jenes schickte. Weiter wolte sich der Graf von Hohenstein dismal nicht vertieffen / sondern die ersten Gegungen durch die Zeit ein wenig abkühlen / wie auch des Hertzogs und des Hofes Neigungen besser herfür kriechen lassen. Weil nun Hertzog Arpus der Sache nachzudencken / und folgenden Morgen mit ihm Rath darüber zu halten sich vernehmen ließ / bat er den Hertzog; er möchte zum wenigsten den klugen Fürsten Jubil / welcher wegen der ihm verlobten Fürstin Catta an dieser Sache nicht wenig Theil hätte / dazu ziehen; theils weil er ein so wichtig Werck / und damit alle Gefahr nicht allein seinen Schultern aufzuhalsen / theils den Fürsten Catumer zu dem / wohin er zielte / ohne grosse Zuthat zu bringen getraute. Die Nacht hatte Hertzog Arpus und die fürnehmsten des Frauen-Zimmers mehr denn zu viel mit der Hertzogin Erdmuth zu schaffen / umb die heftigen Aufblehungen ihres Unmuths nur ein wenig zu besänfftigen. Welches diesen desto schwerer fiel / weil sie die Ursache einer so ungemeinen Bestürtzung weder wusten / noch darnach fragen dorfften. Daher wusten sie der mehrmals in Ohnmacht fallenden Hertzogin wenig anders einzuhalten; als daß der neue Schmertz zwar wehklagens würdig wäre / uñ die Trauernüs endlich zum Troste diente / gleichwol aber auch bey eusersten Ubeln das Gemüthe zu befestigen / insonderheit aber von Fürsten ein Unglück viel hertzhaffter als von gemeinen Leuten aufzunehmen wäre. Hertzog Catumer kriegte von diesen Verstellungen zwar Wind / weil aber der Graf von Hohenstein gegen ihn seine Unwissenheit fürschützte / wuste ihm keine Seele die Ursache zu sagen. Früh als sich Hertzog Arpus mit dem beruffenen Jubil und Hohenstein in der Hertzogin Gemache mit einander verschlossen / ward ihm die Sache / daß sie ihn angehen müste / weil er wider Gewonheit von dieser Heimligkeit ausgeschlossen würde / ihm auch von etlichen Tagen her das Hertze sehr schwer gewest war / desto verdächtiger; daher er sich mit tausenderley Gedancken zu schlagen anfieng. Unterdessen wieß Hertzog Arpus dem Fürsten Jubil der Griechin Brief und Wasser. Es ist unschwer zu ermäßen / was dieser Fürst / welcher mit der Tugend in festem Bündnüsse stand / und die Fürstin Adelmunde überaus hoch hielt / hierüber für Empfindligkeit fühlte. Seine erste Frage war: Ob eine so schwartze That möglich zu glauben wäre / woher dieser Brief käme /und ob auch dis die wahre Handschrifft der Griechin wäre. So bald er nun vernam / daß er aus Adgandesters Händen käme / sagte er: es wäre dis sonder Zweifel eine Verfälschung dieses betrieglichen Feindes aller redlichen Leute. Aber die Hertzogin Erdmuth brachte mehr als zwantzig von dieser Griechin an sie abgelassene Briefe herfür / welche an Schrifft und Siegel mit dem ihr Laster bekennenden Schreiben auf ein Haar überein kamen / also daß Hertzog Jubil daran zwar nicht zweifeln konte / aber urtheilte: die Erfindung dieses Schelmstücks rührte sonder Zweifel von Adgandestern her / welcher[614] die Boßheit erfunden / welche jene ausgeübt. Hertzog Arpus mühte sich ihm dis auszureden; weil Adgandester selbst der Entdecker dieses Bubenstücks; niemand aber so unsinnig wäre sein eigenes Laster zu verrathen. Alleine Jubil antwortete: es wäre nichts neues sein eigenes Laster mit anderer Beschuldigung verhüllen / und seinem Werckzeuge vom Brodte helffen. Hertzog Arpus fieng an: dieses würde nielleicht die Zeit und das peinliche Gerichte über die Griechin eröffnen; nun aber wäre zu berathschlagen / was zu thun; ob beyzeite nach der Griechin zu greiffen / und Catumern dis Geheimnüs zu entdecken wäre? Sie waren im ersten leicht einig sich alsbald der Ubelthäterin zu versichern; weil einer Ubelthat ihnen bewuste Leute stets furchtsam / und bey jedem sich rührenden Winde argwöhnisch wären /also sie leicht entkommen / und dardurch die Warheit dieses Lasters zu unsäglichem Nachtheile des Cattischen Hauses streitig machen könte. Hertzog Jubil übernam auch selbst beym Hertzog Ganasche ihre Bestrickung zu verschaffen; und diesem Laster auf den Grund zu kommen. Ob nun wol Hertzog Arpus dis /was er auf erwiesenen Fall solcher Unfruchtbarkeit zu entschlüssen willens wäre / nicht mercken ließ; so spürete doch Hohenstein zum theil seine Neigung aus. Denn wie ein Fürst wissen soll sein Gemüthe zu verbergen / also ist der kein kluger Diener / der es nicht zu ergründen weiß. Diesemnach warf Hohenstein inzwischen alsbald zu überlegen auf / ob es nicht rathsam wäre / dieses wichtige Ding dem Fürsten Catumer alsbald zu entdecken / und dafern das Laster wahr gemacht würde / ihn beyzeite zu gewinnen von dieser Heyrath abzustehen; ehe er durch andere Meinung eingenommen würde. Denn die erste / wie irrig sie gleich wäre / meinte stets im menschlichen Hertzen ein Vorrecht zu haben / und wäre so schwer als der Geruch aus einem mit was angemachten Gefäße zu bringen. Insonderheit wäre nichts hartnäckichter als die einem zarten Hertzen eingedrückte Liebe /welche sich insgemein so schwer aus dem Gemüthe /als ein Geburtsmaal aus dem Gesichte bringen ließe /und öffter verdeckt als vertilgt würde. Erdmuth / welche nicht nur wuste / wie hefftig ihres Sohnes Liebe gegen Adelmunden loderte / sondern auch selbst sie inbrünstig lieb hatte / fieng hierüber an: Was würde durch Zerstörung dieser dem Fürsten Catumer nicht für Hertzeleid / und der unschuldigen Adelmunde nicht für unrecht angefügt werden? Ich gestehe es /antwortete Hohenstein; aber / würde durch Vollziehung einer unfruchtbaren Heyrath nicht dieses Cattische Hauß über einen Hauffen geworffen werden? Dieses zu erhalten / müste man alle vermeinte Vergnügungen zerstören / und alle seine Behägligkeit der gemeinen Wolfahrt aufopffern. Jubil ward dem Hohenstein beyzupflichten gleichsam gezwungen / damit er nicht den Schein von sich gäbe / als wenn er bey ausleschendem männlichen Stamme die Cattische Herrschafft in der Fürstin Catta an sich zu ziehen lüstern wäre. Daher sätzte er bey: Hohenstein riethe hierinnen als ein treuer Diener. Ein Fürst müste ihm weh thun / daß seinem Hause und Reiche wol sey. Und also würde auf allen Fall sich nur auch Catumer bescheiden müssen; daß / weil er der einige Sohn des herrschenden Hauses über die Catten sey / er diesen ihm von GOtt zu geworffenẽ Vortheil nicht zu desselben Untergange mißbrauchen müste. Hertzog Arpus fieng hierauf an: Fürsten sind keinem Gesätze unterworffen als diesem Höchsten; daß er sein Hauß uñ sein Volck erhalte; Er befahl auch dem Grafen von Hohenstein / daß er bey Catumern deshalben das Eiß brechen solte. Ob er nun zwar bey diesen Fürsten einen schweren Stand zu haben vorher sah / verließ er sich doch auf den Befehl seines Herrn / uñ auf sich selbst. Hertzog Jubil verfügte sich geradẽ Weges zum Herzog Ganasch / Hohenstein aber zum Fürsten Catumer. Diesen[615] fand er in seinem Zi er einsam und schwermüthig. Hohenstein hatte nur die Schwelle überschritten / als der Fürst anfieng: Ob er ihm käme das Verbrechen zu sagen: warumb man einen Erb-Fürsten aus dem geheimen Rathe ausschlüße / darein man einem Frembden und einem Unterthanen den Eingang erlaubte! Hohenstein antwortete: Seine Ehrerbietigkeit gegen ihn wäre nicht geringer als sein Gehorsam gegen seinen Herrn; daher würde er sich nimmermehr unterstehen einen so schädlichen Werckzeug abzugeben. Seine Verrichtung aber würde nicht weniger seine Unschuld / als des Hertzog Arpus Vorsicht rechtfertigen / warumb er den Fürsten nicht so bald ihrer Bekümmernüs theilhaftig gemacht; Weil sie ihn am meisten angienge / und daher ihm am empfindlichsten seyn würde. Catumer erholete sich hierüber / und sagte: So solte er ihm denn ohne ferneren Umbweg solches länger nicht verschweigen; weil der verborgene Vorschmack eines Ubels allezeit unleidlicher wäre / als das Ubel selbst. Hohenstein antwortete: Es wäre leider grösser / als die Beysorge es ihm fürbilden könte. Denn es hätte eines zauberischen Weibes Boßheit die unvergleichliche Fürstin Adelmunde in einen solchen Zustand gesätzt / daß sie ihn zuheyrathen nicht mehr fähig wäre. Catumer fuhr hierüber auf: Was für einen blauen Dunst wil man mir für die Augen mahlen? was für ein Laster weiß die Verläumbdung der tugendhaftesten Fürstin in der Welt anzutichten; von welcher ich erst für wenig Augenblicken ein eigenhändiges Zeugnüs ihres Wolstandes und ihrer Treue empfangen habe. Es wäre dis der erste Streich derselben Diener / welche ihrem Herrn zu Kopffe wachsen wolten; daß sie den Lasterhafften die Pforten der Eyre öffneten / für Tugendhafften aber die des Hofes versperrten. Hohenstein aber verhörte dis als eine ihn nicht angehende Beschuldigung / und sagte: Wolte Gott! die tugendhaffte Adelmunde wäre so frey von Gebrechen des Leibes als des Gemüthes. Sie trägt leider ohne ihre und der Natur Schuld was an sich / was sie nicht weiß / und / wenn wir es nicht wüsten / unser und Catumers euserstes Unglück wäre. Wir sind aber dem göttlichen Verhängnüsse hoch verbunden / daß er es uns hat lassen zur Wissenschafft kommen. Catumer konte es gar nicht begreiffen / und daher stieß er nicht ohne Ungedult aus: so lasse man mich doch auch dis seltzame Ubel wissen / welches durch die Wissenschafft seine Schädligkeit verlieren soll; da sonst die Unwissenheit der Ubel und der Gefahr insgemein ein Theil der Glückseeligkeit und ein Mittel des Heiles ist. Hohenstein wolte nicht länger hinter dem Berge halten / sagte ihm also: daß die zaubrische Astree Adelmunden unfruchtbar / und hiermit zu ihrer höchsten Bestürtzung und gantz Deutschlandes Unheile ihrer beyder Heyrath zu Wasser gemacht hätte. Catumer erblaste / erstarrte und verstummte hiermit auf einmal / konte sich auch nicht erholen / sondern ließ Catumern stehen / und verschloß sich in sein innerstes Gemach / in welchem er /nach dem er aus seiner Gemüths-Verwirrung nur ein wenig zu sich selbst kam / mit den Anfechtungen der Liebe und der Staats-Klugheit so viel zu kämpffen bekam / daß er sich aus solcher Verwirrung nicht auszuwickeln wuste.

Mitler Zeit kam der Hermundurische Fürst zum Chaucischen Hertzoge / und sagte ihm: daß die Wolfahrt Deutschlandes und die Ehre seines Hauses erforderte Astreen wegen eines grausamen Lasters / dessen er sie im Augenblicke überzeugen wolte / für sich zu erfordern / und bey ihrer Erscheinung augenblicks Anstalt zu machen all ihr Geräthe zu versiegeln. Dem Hertzoge Ganasch kam zwar dis bedencklich für /weil er aber wegen des mit Cariovalden gepflogenen Verständnüsses Zeither ein argwöhnisches Auge auf Astreen gehabt hatte / und gegen dem Hertzoge Jubil nicht gerne einig Mißtrauen[616] blicken lassen wolte / befahl er alsbald Astreen zu erfordern. Diese war in ihrer Boßheit schon so abgehärtet / daß ihr Gewissen mehr keine Regung fühlte / und daher fand sie sich mit lachendem Munde und freudigem Geiste ins Zimmer ein. Hertzog Jubil fragte sie alsofort: wie lange es wäre / daß sie vom Fürsten Cariovalda das letzte Schreiben bekommen hätte? bey dieser Frage schoß Astreen derogestalt das Blat / daß ihr Antlitz alle Röthe / und ihre Zunge die Sprache verlohr; also dieses ihrer Frechheit sonst ungewohnte Schrecken sie auch beym Hertzog Ganasch eines bösen Gewissens schuldig machte. Nach einem langen Stillschweigen antwortete sie endlich: Sie hätte seit der Zeit / daß Cariovalda dem Chaucischen Hause für unanständig wäre geachtet worden / mit ihm keine Briefe gewechselt. Denn sie hätte allezeit für Klugheit geachtet sich nicht weniger der Unglücklichen zu entschlagen / als im Spiele böse Karte wegzuwerffen / weil das Unglück insgemein ein Kind und Laster der Thorheit /dis aber nicht allein anfällig wäre / sondern auch die Unart hätte / daß mit einem ihrer hundert einschliechen. Jubil hielt für rathsam bey ihrer Bestürtzung mit Nachdruck auf sie zu dringen / und dieser arglistigen Meisterin schlimmer Tücke nicht viel Lufft zu lassen /zohe daher ihren Brief herfür / und fragte: Ob sie solchen nicht für ihre Hand und Siegel erkennte? Astreen war dieses zwar ein Donnerschlag ins Hertz / aber nach dem die erste Heftigkeit des unversehnen Sturmes vorbey war / behielt sie wie die einmal von dem Froste bereifften Gewächse einerley Farbe; Leugnete also mit frecher Gebehrdung beydes Hand und Siegel. Jubil brachte alsbald unterschiedene andere Briefe herfür / und fragte: Ob sie denn auch in diesen ihre Schrifft und Petschafft leugnete? Astree ward hierüber aufs neue blaß; denn ob sie ihr zwar das mit Gefahr begangene Laster mit Hartnäckigkeit auszuleschen vermeinte / stehet doch die Boßheit niemals auf festem Fusse. Insonderheit traute sie in diesen ihre Hand und Siegel nicht zu verneinen / weil die Ausschrifft ihr zeigte: daß sie an die Hertzogin Erdmuth geschrieben waren. Jubil nam ihr Zugeständnüs alsofort für bekandt an / hielt also den ersten Brief gegen diese; und sagte: Ob sie nunmehr ohne euserste Unverschämigkeit nicht bekennen müste: daß eine Schrifft so wie eines Menschen Auge / oder ein Ey dem andern ähnlich wäre! Astree versätzte: die Boßheit der Menschen wäre in Nachmahlung anderer Hände so hoch gestiegen; daß einer selbst eine falsche Schrifft für seine eigene ansehen solte. Jubil aber begegnete ihr: Wenn diese Ausflucht gielte / würde niemand mit seiner eigenen Hand / welche in Rechten der kräfftigste Beweiß wäre / überwiesen werden können. Weil sie aber die Aehnligkeit beyder Schrifften zugestünde / wäre sehr verdächtig / daß sie den ersten Brief geschrieben zu haben geleugnet hätte / ehe sie ihn gelesen. Astree schützte für: weil sie an Cariovalden nie geschrieben / hätte sie den Inhalt zu erforschen nicht nöthig gehabt. Aber / sagte Jubil / hätte sie doch nicht einst die Uberschrifft / daß sie an Cariovalden lautete / gesehen. Astree versätzte: Weil er sie bald anfangs umb die Briefwechselung mit Cariovalden befraget / hätte sie kein anders von dem vorgezeugten muthmaßen können. Jubil fieng hierauf an: Weil denn deine Schrifft dich zu überweisen nicht genung seyn soll; so wollen wir das Siegel durch Aufdrückung deines eigenen Siegel-Ringes prüfen. Astree trug selbten am Finger / und also konte sie sich nicht weigern selbten herzugeben: welcher sich denn in das gedrückte Wachs vollkommen schickte. Sie aber schützte für; daß sie schon für zwey Jahren einen verlohren hätte. Welchen jemand zu ihrem Nachtheile hätte mißbrauchen können. Aber Jubil hielt ihr ein: Was denn dis für ein grosser Künstler gewest wäre /der den letztern dem ersten so gleich hätte[617] machen können; daß er keines Sonnen-Staubes groß vom vorigen verändert wäre! Astree warf zu ihrer Ausflucht ein: Auch das neue hätte ihr niemand nachstechen köñen / weil die Künstler so gar das aufgedruckte Wachs in Ertzt einzudrücken wüsten. Jubil aber hielt ihr ein: Woher sie diese Träume erweisen wolte? die am Tage liegende Warheit ließe sich auf diese Art nicht verfinstern / und alle ihre Glieder würden die Boßheit ihrer Zunge verfluchen; daß sie durch unverschämte Verneinung der Warheit ihnen so viel Pein zuzüge. Hierauf ließ er auch die von ihr gefüllte Flasche Wasser herbringen / mit beygesätzter Frage: Ob dieses nicht ihr Gemächte; und zu was für einem Laster selbtes bereitet wäre? Aber auch dis waren Astreen nie gesehene und gleichsam aus der Höle der Monden Berge hergeholete Dinge. Hertzog Ganasch hatte Zeither allein zugehöret / nunmehr aber konte er seine Begierde Astreens Laster zu erfahren nicht mehr hinterhalten. Welchem denn Hertzog Jubil Astreens an Cariovalda geschriebenen Brief mit diesen Worten einhändigte: Wolte Gott! ich dörffte einen so redlichen Fürsten nicht mit einem so grausamen Bubenstücke betrüben! Hertzog Ganasch erblaßte über diesem Schreiben / und wäre mit den Worten: O höllische Unholdin / Astree! gleich als er vom Schlage gerühret würde / zu Bodem gefallen / wenn ihn nicht Jubil noch gefangen hätte. Weil dieser sich mit jenem armte / schlingete ihr Astree ein Tuch um den Hals /und war bemüht sich zu erwürgen. Also hat nicht nur innerlich das Gewissen / sondern auch in verzweifelten Wercken jedes Laster die Straffe der Boßheit in sich / und sie hält es noch für Gewinn / wenn sie das andern eingeschenckte Gifft auszutrincken das Glücke hat. Aber Jubil / welcher den Hertzog Ganasch auf einen Stul brachte / ward Astree gewahr / und hinderte ihr verzweifeltes Vorhaben / gab auch zugleich ein Zeichen / daß die im Vorgemache aufwartenden Edelleute ins Zimmer kamen. Ganasch hatte inzwischen ein wenig Lufft geschöpfft / befahl / daß man die verfluchte Zauberin Astree mit Händ und Füssen in Fessel schlagen / und den Schlüssel zu ihrem Gefängnüsse ihm selbst zur Versicherung einhändigen solte. Er selbst verfügte sich mit dem Hertzoge Jubil in ihre Zimmer / bey welcher Durchsuchung sie nicht nur die in Astreens Schreiben angezogene Perlen und Opalen / sondern auch gar noch eine gantz gleiche Flasche des verfluchten Wassers fanden. Ganasch konte bey so gestalten Sachen am verübten Laster nicht mehr zweifeln; daher bemeisterte ihn der Schmertz so sehr /daß er ihm die Haare ausrauffte / mit dem Kopffe wider die Wand lief / und von einem unsinnigen Menschen wenig unterschieden war. Bald schüttete er die grausamsten Flüche auf Astreen aus / bald beklagte er das Unglück seiner so lieben Tochter / bald sein eigenes Elend. Bald wandelten seine bösen Wünsche sich in Wüten / seine Ohren waren gegen allen Trost verstopfft / Hertzog Jubil hielte ihm zwar ein: die Verzweifelung als die letzte Raserey der unvernünfftigen Unglücks-Kinder stünden keinem ehrlichen Manne /weniger Fürsten an / und sie hülffe dem Unheile nicht ab / sondern sie vergrösserte es / und machte aus einem zwey. Er solte nicht vergessen / daß er Ganasch wäre / nemlich derselbe Hertzog / der vielen ihr Unglück so kräfftig auszureden gewüst hätte. Es wären aber schlechte Aertzte / die andere nicht sich gesund zu machen wüsten. Das thörichste Genesungs-Mittel aber wäre eine Bestürtzung / die keine Hoffnung hätte. Alleine seine Brust kochte von den holen Seufzern / die Augen aber waren versteinert / daß sie mit dem Schmertze nicht eine Thräne ausschütten konten. Weil nun Hertzog Jubil mit dem Hippocrates einerley Meinung war / daß man verzweifelte Leute nicht mit Artzney übereilen solte; überließ er zweyen seiner vertrautsten[618] Edelleute die Beobachtung des Chaucischen Hertzogs / mit der Erinnerung: daß weil seine Ungedult aus einem grossen Geheimnüsse herrührte /sie niemanden anders keinen Zutritt erlauben solten. Hiermit verfügte sich Hertzog Jubil an den Cattischen Hof / und erzehlte dem Hertzoge Arpus; wie leider! Astree / ungeachtet ihres Leugnens / durch so viel handgreifliche Merckmaale ihres Lasters überwiesen worden / und ihr vorgehabter Eigen-Mord an statt des Bekäntnüsses wäre. Dem Hertzoge Arpus und seiner Gemahlin wurden hierdurch aufs neue ihre Wunden aufgerissen / und diese wolte nun fast in Thränen zerrinnen. Jener aber sagte: Es wäre dieser Zufall leider zwar ein grosses Unglück / aber man müste aus einem nicht ihrer zwey machen. Adelmunde wäre deswegen von aller Welt würdig zu beweinen / wie von denen vollkommensten Fürsten zu lieben / aber von dem /der einen Stamm fortpflantzen solte / nicht zu heyrathen. Liebe wäre zwar das Siegel der Ehren / aber nicht ihre End-Ursache. Daher ersuchte er den Fürsten Jubil / er möchte dem Hertzoge Ganasch vernünfftig vorstellen: daß bey so gestalten Sachen Catumers und Adelmundens Heyrath ihren Fortgang nicht haben könte / und dem Grafen von Hohenstein befahl er Catumern diesen seinen Schluß vernünfftig beyzubringen. Dieser machte die bisher stumme Fürstin Erdmuth redende / daß sie anfieng: Werden wir aber nicht auf solche Weise unsern Sohn aller Vergnügung / die unschuldige Adelmunde aber ihrer Ehre und Lebens berauben? Hertzog Arpus aber antwortete ernsthafft: Es wäre ein Urtheil der Wahnsinnigen ihm lieber an wolschmeckenden Sachen den Tod / als an Rhabarbar sich gesund essen. Erdmuth verlohr hiermit das Hertze was ferner einzuwenden; verfügte sich aber dem Hohenstein zum besten zu ihrem Sohne / und brachte ihm nichts wider die Warheit des Unglücks als den Vorschmack des väterlichen Schlusses bey / durch welchen er so verwirret war / daß er selbigen Tag und Nacht keinẽ Menschen / und darunter auch den Grafen von Hohenstein nicht vor sich lassen wolte. Folgenden Tag ließ er ihn vor / er war aber so verstellt /daß niemand frembdes ihn für den sonst so freudig und freundlichen Fürsten angesehn hätte: Hohenstein gab sein Mitleiden über Catumers Traurigkeit zu verstehen / und ersuchte ihn selbte zu mäßigen. Denn diese wäre eine der gefährlichsten Schiffbruchs-Klippen eines Fürsten. Catumer fragte: Ob es denn gewiß wäre / daß Adelmunde von Astreen wäre unfruchtbar gemacht worden? Hohenstein antwortete: Sie leugnete es zwar / aber Hertzog Jubil hätte mit solchen Gründen sie überwiesen: daß sie sich selbst hätte erwürgen wollen / und Hertzog Ganasch sie in Band und Eisen schlüßen lassen. Hilf Himmel! Ist dieses wahr; wie mag man bey dem grösten Unglücke der Welt meinem Trauren Mängel ausstellen! Es ist ein grosser Irrthum sich über dem nicht bekümmern / was durch kein Mittel zu heilen wäre. Hohenstein versätzte: Hoffnung wäre des menschlichen Lebens Zehr-Pfennig / und er hätte am Hertzoge Arpus einen so holden Vater / welcher alle seine Sorgen zu Verminderung eines so grossen Unglücks anwendete. Catumer fiel ein: Was für eine Verminderung wäre wol in einem so unermäßlichen Ubel auszusinnen! Hohenstein gab zur Antwort: Freylich wol keine andere / als wenn Hertzog Arpus mit dem Chaucischen Hertzoge ein freundliches Vernehmen träffe / daß er mit der unglücklichen Adelmunde die Eh nicht vollziehen dörffe. Catumer fuhr hiermit auf: Was! wil man meine Bestürtzung durch ein so grausames Mittel in Verzweifelung verwandeln! Wil man nach verlohrner Hoffnung und Freude meiner Eh / mir nun auch mit meiner Treue meine Ehre rauben / und mit Adelmunden mir das Hertze aus dem Leibe reissen! Wil man mich[619] unglücklichẽ hierdurch nun auch zu einem Eydbrüchigen machen; welchen Hertzog Ganasch anzufeinden / Adelmunde zu verfluchen / die Welt zu verachten / der Himmel zu verdammen das beste Recht haben würde. Hohenstein begegnete ihm: Catumer möchte doch kein schärffer Richter wider sich selbst seyn; als kein Mensch in der Welt wäre. Das Recht der Völcker stünde auf seiner Seite; die Billigkeit redete ihm das Wort / und alle Chaucen würden bekennen müssen: daß ein Mann so wenig eine wissentlich unfruchtbare Braut / als ein Weib einen unvermögenden Mann zu heyrathen schuldig; ja die zwischen solchen Leuten vollzogene Ehen ungiltig wären / und ein unfruchtbar Weib mit gutem Fug verstossen würde. Dieses wäre Bürgern ja dem Pöfel verstattet / wie solte es denn Fürsten unanständig seyn / da die Fortpflantzung ihres Stammes die Wurtzel der allgemeinen Wolfahrt wäre. Catumer brach ein: dis möchte vielleicht noch verantwortlich seyn / wenn eine schon für ihrer Eh-Versprechung unfruchtbar gewest / und wissentlich diesen Gebrechen verschwiegen hätte. Was aber hätte der vollkommenen Adelmunde bey ihrer Verlobung gemangelt? Wäre diese tugendhaffte Fürstin nicht an diesem Unglücke unschuldig? daher erkennete er sich in seinem Gewissen überwiesen / von der Tugend verurtheilt: daß er Adelmunden heyrathen / oder den Verlust seiner Ehre und Unglücks ihm auf den Hals ziehen müste. Daher solte sich Hohenstein wol bedencken /daß das Hertze seines Vaters / welches er zu besitzen das Glück hätte / ein Siegel-Ring Gottes wäre / welches man durch Einrathung etwas unrechten nicht versehren solte. Es wäre ein Kennzeichen eines untreuen Dieners / wenn er dem Unrechte und den Lastern eine Farbe des Rechtes und der Tugend anstrieche / oder den Fürsten beredete: Weil die Frömmigkeit allzu schwer drücke / wäre es nicht nöthig / daß er so gar fromm wäre / sondern vielmehr genung / wenn er nur nicht euserst böse wäre. Ihm wäre nicht unbekandt /daß wol ehe Diener ihre Fürsten beredet; es gielte gleich: ob sie für sich selbst sich mit der Tugend überladen wolten oder nicht; es wäre genung / daß sie vom Volcke für tugendhafft angesehn / und nur die Unterthanen dazu angeleitet würden; gleich als wenn die Perlen einer Magd anständiger / als einer Königin wären. Er wüste den Grief wol / damit etliche alle gute Gesätze vertilgten / wenn sie nemlich als das oberste Gesätze Fürsten vorbildeten / ihre Hoheit überflüge allen Zwang der Gesätze; und das oberste Königs-Gesätze wäre: daß einem Fürsten alles gefällige zuläßig / hingegen seiner unumbschränckten Gewalt abbrüchig wäre; wenn er von seinem Vorhaben Rechenschafft thun; und mit was anderm als dem Degen seine Schlüsse rechtfertigen solte. Alleine wie solche Leute viel ärger wären / als die / welche in einem Lande Brunnen und Flüsse vergiffteten; Sintemal nichts in der Welt ist / dessen Gewalt zu schaden und zu nutzen sich so weit erstrecket / als ein Fürst; also wäre kein so schmählicher Tod zu ersinnen / den solche Rathgeber nicht verdientẽ / derer keiner auch noch nie der Rache des Himmels / des Volckes und der Hölle entkommen wäre. Hohenstein zohe hierüber die Achseln ein / und sagte: Er hätte sich so böser Diener nicht anzunehmen / welche er selbst so sehr haßte / als er seinem Hertzoge redlich zu dienen und treulich zu rathen sich jedesmals beflissen hätte. Daß Fürst Catumer Adelmunden nicht heyrathen könte /wäre seines Herrn Vaters weise Vorsorge / und er seinen so wolgemeinten Willen fürzutragen befehlicht. Dieses hätte er müssen befolgen / ob er schon die Unannehmligkeit dieses Vortrags vorher gesehen. Denn Diener / welche nichts reden wollen / wordurch sie ihren Fürsten aus der Wiege werffen könten / wären Heuchler / welche für den eitelen Wind der Gewogenheit / des Fürsten und des Volckes Wolstand in die Schantze schlügen. Ihr gantzes Absehen bestünde darauf dem Fürsten zu gefallen; und durch[620] ein geheimes Verständnüs mit seinen Begierden sich bey ihm einzulieben / oder vielmehr seines Geistes sich zu bemeistern. Daß er hernach keinen andern Rathgeber höre / oder auf seinen einmal gefaßten Meinungen feste stehet / und sein selbst nicht mächtig ist; sondern sich dem Willẽ solcher Sachredner der Wollust gänzlich unterwirfft; welche denn wider die Tugend mehr ausrichten / als die Wollust selbst / da sie auf dem Scheidewege den jungen Hercules zu verführen sich vergebens bemühte. Alleine diese Art zu rathen ließe weder seine Ehre noch sein Gewissen zu. Zwar wäre er nicht aus der Schule des Zenon / welcher alle Ergetzligkeit verwürffe / und denen so viel sauere Schleen zu verdäuen habenden Fürsten keine Wollust gönnte. Die Königs-Blume die Rose hätte so viel Anmuth als Dörner; und wäre ein Mensch in der Welt /so wäre er es / der dem tapfferen Fürsten Catumer das Besitzthum Adelmundens wünschte; als in welcher die vereinbarte Schönheit und Tugend dennoch umb die Oberhand kämpfften. Aber er solte nur selbst behertzigen: daß Fürsten schon in Mutter-Leibe eine andere Braut angetrauet würde / nemlich sein Reich. Dieses und der Fürst machten eine richtige Eh. Dieser wäre Mann / jene Frau / gegen welcher seine Gemahlin nur für ein Kebs-Weib zu achten / und wenn sie der ersten im Wege stünde / der Ehscheidung unterworffen wäre. Insonderheit wäre derselbe Fürst nicht für verehlicht zu halten / der seinen Nachfolger nicht wüste / und der nur ein halber Fürst / der keine Erben zu hoffen hätte. Diese wären die rechten Schutz-Gatter einer Herrschafft; ohne welche sich Diener und Unterthanen nach fremder Sonnen für der Zeit umbsähen / und alle Nachbarn auf solch Land Augen und Ohren spitzten. Es wäre arg genung: daß insgemein Fürstliche Häuser mehr / als gemeine Mangel an Erben hätten; oder die sie gleich hätten / gleichsam mehr als der Pöfel dem Gesätze der Sterbligkeit unterworffen wären. Man hätte Beyspiele: daß in drey Jahre sieben / und mehr Reichs-Erben verloschen wären; und in dem doch so fruchtbaren Deutschlande wären in hundert Jahren zehn Fürstliche Geschlechter gar ausgestorben. Wie würde denn Fürst Catumer gegen seine Catten und die Nachwelt verantworten: daß er wissentlich seinen Sta durch eine unfruchtbare Eh erstecken wolte? welcher ohne dis auf so wenigen Augen bestünde. Würde er sich nicht mit der übelen Nachrede belästigen: daß er dem verhaßten Adgandester die Herrschaft über die Catten in die Hände spielen wolte? Niemand würde die Heyrath mit Adelmunden für eine rechtschaffene Eh gelten lassen /welche von der Natur zu Fortpflantzung der Geschlechter gestifftet wäre. Jedermann würde sie als eine unvernünfftige Vergehung schelten. Deñ was wider die Ordnung der Natur lieffe / könte der Richtschnur der Vernunfft nicht gemäß seyn. Catumer seuffzete hierüber etliche mal aus dem innersten Hertzen / und stieß diese Worte heraus: Warum sehnet sich deñ jedermann ein Fürst zu seyn / wenn wir uns den Zahn der Vergnügung ausschlagen müssen / welchen gemeine Leute nach ihrer Lüsternheit sättigen mögen? Nein sicher! es ist vergebene Müh das von dem Verhängnüsse angezündete Feuer gegen Adelmunden in meinem Hertzen auszuleschen; und eine Unbarmhertzigkeit mich zu Verlassung dessen leiten wollẽ / ohne welches ich nicht leben kan. Und wer weiß / ob der gerechte Hi el über die Tugend der Boßheit so viel verhängt habe; daß sie durch ihre Zauberey Adelmunden was habe schaden köñen! Alles bestehet auf bloßen Muthmaßungen. Zumal da Astree ihr Laster leugnet; dessen sich liederliche oder gewinnsichtige Leute wol ehe ohne Grund zu rühmen pflegen. Uberdis hat Frömmigkeit mehrmals Schlangen ihr Gifft / und bösen Kräutern ihre Schädligkeit beno en. So lange nun die Würckung der angegebenen Boßheit nicht völlig erwiesen; so lange wird uns Hertzog Ganasch mit Rechte beschuldigen: daß wir an dem / was wir ihm heilig versprochen / waren Bundbrüchtig[621] wordẽ. Diesemnach solte er dem Hertzoge Arpus vernünftig für Augẽ stellen; daß es so wenig recht als ihm möglich wäre Adelmunden so schimpflich zu verlassen; es liesse sich nicht alles auf Schrauben der Staats-Klugheit bauen / sondern in zweifelhaften Dingen es der Göttlichen Versehung heimstellen / welche durch einen unverhofften Zufall offt Rath schaffte / wo die menschliche Weißheit im blinden tappte / oder alles für verspielt schätzte. Hohenstein nam für dißmal Abschied / und versprach dem Hertzoge Arpus alles Haar-klein vorzutragen; allein es solte auch Fürst Catumer nicht seinen Willen mit der ersten Meynung sich so gar einnehmen lassen; daß er nicht seiner eigenen Wohlfarth und seiner treuesten Freunde Rathe keinen Raum mehr übrig liesse. Beyde schieden mit nicht geringer Schwermuth vonsammen. Denn Gespräche von solcher Wichtigkeit sind Speisen / an welchen die stärcksten Magen genung zu verdäuen haben. Unterdessen ließ Hertzog Jubil ihm angelegen seyn den Hertzog Ganasch in bessere Verfassung zu setzen / welcher inzwischen so ferne zu sich selber kommen war: daß er sein Bekümmernüß / umb selbtes nicht iedermann kund zu ma chen / so viel möglich verhieß; ja es selbst für Adelmunden sorgfältig verhölete. Zweifels-frey aus dem Absehen: daß nicht nur Adelmunde sich hierüber für Leid in die Erde scharren / sondern auch die Entdeckung sein Leid wie aufgerissene Wunden verärgern würde. Denn meistentheils fühlet man die Streiche des Glückes mehr in dem / daß sie andern sichtbar sind /als in den Schmertzen / die man darüber leidet. Solches nun in der Enge zu halten / nam Hertzog Ganasch und Jubil Astreen selbst für umb nicht so wohl die schon fest-gesetzte Wahrheit / als ein Bekäntnüß von ihr heraus zu bringen. Nachdem ihr Jubil alle sie überweisende Umbstände für Augen gestellt / fiel sie auf den Bodem ihnen zu Füssen / und ehe sie ein Wort aufbringen konte / netzte selbten mit einem Strome vieler Thränen; vielleicht in Meynung den durch ihr zauberisches Wasser begangenen Greuel durch das Saltz-Wasser ihrer Augen auszuwischen. Hierauf fieng sie an: Ich gestehe mein Laster / ich habe den Brief geschrieben / diese Kleinodien mich verbländen lassen / dieses schädliche Wasser gekocht / und gebe mich der grausamsten Straffen schuldig /die iemals über Ubelthäter ergangen. Ich begehre nicht zu leben / denn diß würde mir mit Erinnerung meiner Boßheit meine ärgste Straffe seyn. Eines aber habe ich / nicht zu meiner Entschuldigung / weil in so grausamen Lastern der Vorsatz wie die That bestraffet werden muß; sondern zu Adelmundens Wohlstande /zu ihres Vaters Troste / und zu ihres Bräutigams Vergnügung nicht zu verschweigen; daß mir die Götter selbst die Hände gebunden das Wasser Adelmunden nicht zu geben. Diese / weil ich keinen Menschen habe / müssen mir zeugen / daß sie mich durch zwey nachdenckliche Träume von Vollziehung einer so schwartzen That abgeschreckt haben. Hertzog Jubil fuhr sie hierüber scharff an / und sagte; Ihre Hand-Schrifft redete viel ein anders; und betrüge sie sich in ihren Gedancken gar sehr / wenn sie ihr durch ersonnene Träume ihre gerechte Rache zu lindern träumen liesse. Astree aber antwortete: Sie verlangte keine gelinde Straffe / sondern sie wünschte ein denckwürdiges Beyspiel gerechter Grausamkeit zu werden; daß sich die Boßheit der Welt und Nach-Welt an ihr spiegeln könte. Weil sie aber die Wahrheit anders nicht denen Beleidigten bewehren könte / wünschte sie /daß ihre Todten-Asche tausend Jahr in den Lüfften herumb getrieben und nimmer beerdiget würde / daß ihr Geist als ein Schreck-Gespenste ewig herumb schwermen / und ihre Seele aller verda ten höllische Quaal tausendfach ausstehen müste; wo Adelmunde von dem Wasser einen Tropfen in ihren Mund bekommen hätte. Hertzog[622] Ganasch befahl ihr die Träume zu erzehlen / welches sie auch so beweglich that /daß beyde Hertzoge einander ansahen / und weil man ohne diß geneigt das angenehme zu glauben / solches nicht mehr gantz für falsch hielten. Gleichwohl aber schalt Jubil ihre Erzehlung für handgreiffliche Lügen / dräuete ihr mit der Folter die eigentliche Wahrheit heraus zu pressen. Astree versetzte: Sie hätte umb ihre Pein keine Sorge / nur leid wäre es ihr / wenn dadurch ihrer Zunge wider die Wahrheit was ausgepreßt werden solte / welches dem Chaucischen Hause und Adelmundens Verehligung nachtheilig seyn solte. Sie hätte zwar Cariovalden geschrieben: daß sie Adelmunden das Gifft der Unfruchtbarkeit eingegeben; aber nur darumb / daß sie für seine Geschencke etwas gethan zu haben ihn bereden wollen. Es wäre aber die lautere / iedoch die glücklichste Unwahrheit. Darauf wolte sie leben / darauf würde sie sterben. Hiermit ward sie wieder in Kercker gebracht und angefässelt. Sie war kaum weg als die Gräfin von Ortenburg als eine todte Leiche ins Zimmer kam / und dem Hertzoge Ganasch andeutete; wenn er seine Tochter Adelmunde noch einen Augenblick wolte leben sehen / hätte er Zeit zu eilen. Beyde Hertzoge folgten auf ihr Wort /und fanden diese rächelnde Fürstin auf dem Bette ohne Regung und Vernunfft. Alles Kühlen und bestreichen mit stärckenden Wassern war Frucht-loß; biß der von einer edlen Jungfrauen hiervon benachrichtigte Fürst Catumer auch darzu kam. Dieser war einem Todten mehr ähnlicher als einem Lebenden /und fast außer sich. Daher er auch / in Meynung / Adelmunde wäre schon eine Leiche / über sie fiel; sie küssete / und hierdurch seine Seele gleichfalls auszuschütten / und in seine Liebste zu giessen ihm vorsätzte / entweder ihren Leib wieder zu beseelen / oder sich ihr auch durch den Tod einzuverleiben. Wo nun Küsse iemals die Eigenschafft des Geldes haben / daß offt einer für viel / und viel nicht für einen gelten; so traff es gewiß allhier ein. Denn in gar weniger Zeit öffnete Adelmunde ihre Augen / und ob sie ihr gleich wieder zufielen / so ermannete sie doch Catumer noch durch einen Kuß / und bewehrte dadurch; daß küssende Lippen was geistiges aus sich dampfen / welches das geküßte lebhafft macht / und seine Seele wie der Magnet Eisen / und Agstein Spreu an sich zeucht. Sie regete ihren Mund / weil er aber zum reden nicht Kräffte genung hatte / redete sie desto nachdrücklicher mit den Augen / und drückte zugleich gegen Catumern ihre Liebe / gegen dem Hertzoge Ganasch ihr Hertzeleid / gegen dem Fürsten Jubil ihre Schamhaftigkeit wegen empfangener Küsse aus. Uber eine Weile brachte sie doch das halb-verbrochene Wort Astree zuwege; welches dem Hertzoge Jubil und Ganasch schon genung war die Ursache ihres Zufalls zu wissen; weßwegen dieser ausser denen zweyen Fürsten alle Anwesenden aus dem Zimmer zu gehen willigte. Wie er aber Adelmunden umb solche fragte /seufzete sie / und reichte ihm einen in der rechten Hand feste verschlossenen Brief; darinnen er folgende Worte laß: Lasse dich nicht bereden / Adelmunde /daß eine zaubrische Astree einer solchen Gottheit /wie du bist / einigen Abbruch thun könne. Die Hölle selbst ist zu schwach dieselbe unfruchtbar zu machen / welcher die Natur so viel Vollkommenheit beygelegt / und die das Verhängnüß aus einem so edlen Stamme entspriessen lassen. Glaube viel mehr / das weder Verläumbdung / noch Staats-Klugheit / noch einige menschliche Gewalt so vermögend seyn können / den standhaftigen Catumer von der unvergleichlichen Adelmunde und Vollziehung unserer Eh abzuhalten /solte gleich mein Sta darüber zu Grunde gehen. Denn es ist besser mit Ehren zu Grunde gehen / als mit Schande sein Glücke und Geschlechte verewigen. Catumer ward alsbald gewahr / daß diß sein Schreiben wäre / und ihm wurden nunmehr die Augen[623] aufgesperrt / daß eben biß eine so gewaltige Veränderung in Adelmunden verursacht hätte; welche zarte Empfindligkeit in ihm die Heftigkeit seiner vollkommenen Liebe zwar nicht mehr vergrössern konte / ihr Feuer aber doch mehr sichtbar machte. Denn er sahe Adelmunden aufs beweglichste an / und sagte: Glaube / meine Seele / daß dieser mein Vorsatz nicht so wohl mit Tinte auf dis Papier / als mit Blute in meine Seele unversehrlich geschrieben sey: daß Catumer ehe in sich als ein dürrer Ast an einem Baume vergehen / als von Adelmunden sich trennen lassen werde. Adelmunde regte sich hierüber mehr als vorhin / und Catumer bewehrte damit; daß wie das Licht der Sonne alles erstorbene in der Welt lebend macht; alles beseelte fortpflantzet / also auch die Strahlen der Augen in der Liebenden Hertzen unbegreiffliche Süssigkeit und kräfftige Regung erwecke. Adelmunde regte hierüber ihre Hand / ergrieff damit Catumers / und küßte sie so geschwind / daß er es nicht verhindern konte. Weil sie aber die Aufmerckung des Hertzog Ganasch und Jubils gewahr ward / überschüttete die Scham-Röthe in einem Augen Blicke ihre blasse Wangen /als wenn es mit Schnecken-Blute überströmet würde /gleich als wenn ihr Antlitz eine zugleich Perlen und Purpur beherbergende Muschel wäre. Hierüber ward sie noch mehr verwirret / und bemühet ihr Gesichte mit einem seidenen Tuche zu verdecken; aber Catumer fieng an: Sie möchte doch diese schöne Farbe als das Kenn-Zeichen ihrer Lebhaftigkeit und die Ursache seiner Vergnügung nicht so mißgünstig verbergen. Die Tugend gienge ja nie ohne Schamhaftigkeit auf /wie die Sonne nie ohne Morgen-Röthe. Diese wäre eine Heroldin des Tages / jene zarter Regungen und eine Wegweiserin / welche Anleitung gäbe / wo reine Liebe sicher einkehren könte. Denn sie hätte die Erbarkeit zur Mutter und die Ehre zum Vater. Wenn man ihr die Thüre öffnete / folgten ihr alle Tugenden nach / und alle Finsternüsse üppiger Regungen verstüben. Hertzog Ganasch / welcher Adelmunden nun außer Gefahr sah / und wohl wuste / daß die Anwesenheit der Väter ihren Kindern nur eine Hindernüß freyer Unterhaltung wäre; ließ die Gräfin von Ortenburg ins Zimmer kommen / und verfügte sich mit dem Hertzog Jubil in sein Gemach. Gegen diesen ließ er sich heraus: Er sähe aus Catumers Schreiben / und hätte noch mehr aus seinen Worten und Geberden angemercket: daß Hertzog Arpus nicht nur zwischen Adelmunden und seinem Sohne die Heyrath zu vollziehen anstehen / sondern auch diesem deswegen heftig zugesetzt haben müste. Welches bey ihm allerhand Nachdencken verursachte / woher eigentlich die angestiftete Beunfruchtbarung seiner Tochter den Ursprung nehmen möchte. Sintemal ihm fast unglaublich schiene / daß Fürst Cariovalda / dessen Gemüthe ihm ziemlich bekandt wäre / ein so schändliches Laster anzuspinnen fähig seyn solte. Es wäre diß das künstlichste Meister-Stücke der Boßheit / eigene Laster auf frembden Schlag ausüben / und eine der verschmitztesten Arglist / selbte zum Vorwand seines verborgenen Absehens angewehren. Mit welchen Worten Hertzog Ganasch einen Zettel hervorsuchte /darinnen er gewarnigt worden: Es würde am Cattischen Hofe über einer Heyrath zwischen Catumern und König Marbods Tochter und über Auffindung einer Ursache Adelmundens loß zu werden ins geheim gearbeitet / also solte er wohl zuschauen; daß er mit seiner Hoffnung nicht einen blossen schlüge / noch seine Tochter beschimpft würde. Hertzog Jubil erschrack über diesem Vortrage / und sagte: Es wäre auf solche Schmäh-Briefe ungenennter Leute kein Glauben zu setzen / und Hertzog Arpus viel zu redlich und[624] großmüthig / sich so böser Künste zu gebrauchen. Cariovalden begehrte er unverhört nicht zu verdammen; gleichwohl aber wäre sein Brief unter Astreens Papieren gefunden worden / dessen Schrifft Ganasch selbst für Cariovaldens Hand erkennet hätte. Dieses aber könte er freylich nicht leugnen; daß Hertzog Arpus / als er vergewissert worden wäre / Adelmunde wäre unfruchtbar gemacht / sich nach überaus grosser Bestürtz- und Betauerung Adelmundens heraus gelassen hätte: Hertzog Ganasch würde bey so sehr verändertem Stande der Sache Zweifels-frey nicht begehren: daß sein einiger Sohn als Erb-Fürst der Catten eine unfruchtbare Gemahlin etlichen solte. Nachdem aber Arpus hören würde / wie betheuerlich Astree die Beybringung des Giftes läugnete / würde er vermuthlich bald auf andere Gedancken kommen. Ganasch fieng an: Es wären ihm in dieser Verwickelung viel Dinge sehr verdächtig; also ersuchte er den Hertzog Jubil allen ihm verkleinerlichen Entschlüssungen des Cattischen Hofes vorzubauen / und dardurch schädliche Zerfallungen beyder Häuser zu verhindern. Denn er würde nebst seinen Chauzen sich ehe mühen mit ihrem benachbarten Meere alle Catten zu ersäuffen / ehe er einen seiner Tochter angefügten Schimpf nicht biß auf den letzten Blutstropfen rächen würde. Denn die Ehre wäre in seinem und der Chaucen Gemüthern eine grössere Gottheit / als die Römer aus ihr gemacht hätten. Alle tapfere Völcker zügen sie aller Wollust / allem Reichthume / und dem Leben; die Chauzen aber auch ihren Kindern und der gemeinen Wohlfarth für. Diese wäre der Glantz und der Geruch / der aus Ubung der Tugend hervor leuchtete / und wie ein Balsam sich in alle ehrliche Gemüther der Welt zertheilte. In der Ehre bestünde allein das wahre Leben / daran keine andere Thiere Theil / vernünftige Menschen aber zu selbter / umb dardurch ihr Wesen so viel edler zu machen / einen unsäglichen Zug hätten. Weil sie ein unzertrennlicher Anhang der Tugend wäre / würde sie billich über alles geschätzt / was in dem Reiche des Glückes für hoch gehalten würde /und daher hätte der keine Tugend / keine Vernunfft /sondern wäre sein eigener Feind / und wider seine Kinder grausam / der sein Leben nicht für sie aufsetzte / und alles euserste dran wagte. Hertzog Ganasch redete seiner Gewohnheit nach solches mit einem so grossen Eiver; daß Jubil / welcher aus dieser aufziehenden Wolcke viel Ungewitter besorgte / darüber in grossen Kummer verfiel. Hertzog Ganasch erkundigte sich auch alsofort / wo Cariovalda sich zur Zeit aufhielte / und weil er vom Segesthes erfuhr / daß er ihn an seinem Caßuarischen Hofe verlassen / fertigte er noch selbigen Tag einen Edelmann mit denen zwey verschlossenen Briefen des Cariovalda und Astreens /sonder einigen andern Buchstaben an ihn ab. Hertzog Jubil gieng inzwischen mit sich selbst zu Rathe / wie er in diesem wichtigen Wercke das Hefft recht fassen solte. Denn er verstand gar zu wohl / daß meistentheils der glück- und unglückliche Ausschlag daran läge; ob man ein Ding beym rechten Stiele ergreiffe /und ob man was zur Zeit oder zur Unzeit thu. Selbst der Verstand ist einmal thätiger und die Schönheit ansehnlicher als das andere mal; und in einer Stunde lässet sich ein Gemüthe mit einem Worte gewinnen /dessen Hartnäckigkeit in einer andern durch die nachdrücklichsten Gründe nicht von seinem Stande zu bringen / gleich als wenn ieder Augenblick seinen absondern Stern oder Unstern hätte / und es mehr an der Zeit als der Klugheit gelegen wäre glücklich zu seyn. Diesemnach ließ er anfangs nur durch den Grafen von Hohenstein den Hertzog Arpus und seine Gemahlin zur guten Zeitung wissen; daß Astree zwar den Brief für[625] ihre Hand erkennet / aber mit gar glaublichen Umbständen und mit allen nur ersinnlichen Betheuerungen versichert hätte / daß von dem schädlichen Wasser kein Tropfen Adelmundens Lippẽ berühret hätte; umb zu sehen / was dieser Vorschmack für Würckung nach sich ziehen würde. Es gieng aber hiermit / wie mit einem Kraute / aus welchem auf einmal die Biene was süsses / die Natter was bitteres saugt. Denn die Hertzogin Erdmuth hörte diß mit Freuden / und glaubte es so viel leichter; Hertzog Arpus aber sagte zum Hohenstein: Wenn Astree so wohl eine Närrin als eine Zauberin wäre / wolte ich auch glauben; daß sie von der gemeinen Art der Ubelthäter abwieche / nemlich ihr Laster gutwillig bekennte; allein er warff auch einen Argwohn auf den Fürsten Jubil / als wenn er durch Verblümung der Unfruchtbarkeit wegen der ihm verlobten Fürstin Catta einen Weg zum künftigen Erbrechte bähnen wolte. Hohenstein verschwieg dem Hertzoge Jubil zwar das letztere / nicht aber das erstere / iedoch wuste Jubil aus diesem noch das beste zu saugen. Denn er gab dem Chaucischen Hertzoge an die Hand / daß er Astreen in Anwesenheit Hohensteins auf die Folter spannen / und ihre Aussage zu Ablehnung alles Verdachts / als wenn jene nur ein scheinbarer Vorwand wäre / durch Pein erhärten lassen. Hertzog Arpus hatte zwar nicht unbilliges Bedencken / weil die Unerträgligkeit der Schmertzen offtmals nie gedachte /weniger verübte Laster bekennet. Hertzog Jubil aber war der Meynung: Die Natur hätte dem schwächeren Geschlechte ein grösseres Vermögen Pein auszustehen als dem männlichen eingepflantzt / vielleicht daß sie fähiger wären die Geburts-Schmertzen zu überstehen. Insonderheit hätte er es Astreen angesehen; daß sie in der ärgsten Marter eine zehe Wiete abgeben /und eh die Schrauben des Folter-Pferdes brechen / eh alle Bande zerreissen / als sie was mehrers bekennen würde. Ungeachtet nun auf die in der Folter geschehene Bekäntnüsse oder Leugnungen wenig festes zu bauen wäre / weil etlicher Zärtligkeit nach des Philotas Beyspiele mehr sagte / als man verlangte / anderer Verstockung aber sich von gethanen Ubelthaten durch eine hartneckichte Verstummung reinigte; so würde es doch beym Hertzoge Arpus vermuthlich keinen geringen Nachdruck haben / wenn Astree in der scharffen Frage erhärtete / daß sie ihr Laster nicht vollbracht hätte. Wenn sie aber auch über Hoffen gleich was bekennte / würde es doch als ein ausgeprestes Zugeständnüß niemand für eine unzweifelbare Wahrheit annehmen. Diesemnach ward der Graf von Hohenstein und Witgenstein / welche beym Hertzoge Arpus das meiste galten / erbeten / und mit Astreen die Folter fürgenommen. Welcher Hertzog Ganasch / ungeachtet er sonst eine lobwürdige Abscheue hatte Hinrichtungen der Verda ten zu schauen / deswegen beywohnte / daß er durch Schärffe allen Verdacht Astreen zu heucheln von ihm ablehnete. Als Astree nun entblösset war / fieng sie an: Ich habe in meinen Kleidern die nackte Wahrheit gesagt; soll ich nackt sie nun verhüllen? wie sie nun die Scharffrichter auf die Folter-Banck warffen / und daran schwebende ausdehneten / ihr die Huf-Eisen anschraubten / fieng sie an: Es jammert mich meiner nicht / die ich diß / und ein mehrers / als ihr mir anthun könnt / verdienet habe / aber der unschuldigen Adelmunde / die ihr durch meine Peinigung zu einer gebrechlichen Fürstin machen wollet. Hierauf peitschten sie die Hencker mit Ruten / daß alle Glieder von Blute troffen / Astree aber behielt die völlige Gewalt nicht[626] nur über ihre Zunge / sondern auch ihre Seufzer / ob ihre Finger gleich mit Schrauben zerquetscht / und ihre Fuß-Solen mit geschwancken Stecken aufs grausamste geprügelt wurden / ja sie fieng gleichsam als eine schlafende sich zu stellen. Hohenstein fieng hierüber an: Bist du / verstockte Unholdin / ein nichts fühlender Stein / oder eine Zauberin? Sehet nach; ob die verstockte ihr wie Anaxarchus die Zunge abgebissen habe / daß sie nicht reden kan. Astree fieng an: Zu was Ende soll ich reden? Mich kan ich nicht vertheidigen. Denn ich bin aller Tode schuldig; Adelmunden kan ich nichts verkleinerliches aufbürden / denn sie ist die vollkommenste Fürstin in der Welt. Warlich / bildet euch nur ein / daß ich eine Schülerin des Pythagoras bin; und daß das Stillschweigen / wenn es der Wahrheit zum besten ko t / etwas göttliches sey. Hiermit ward befohlen sie mit brennenden Pech-Fackeln zu brennen; worauf sie zu winseln / und über eine Weile zu reden anfieng: Lasset nach / ich wil bekennen. Als diß geschahe / sagte sie: Ist iemand unter euch / der der unschuldigen Adelmunde an Hals wil; so sagt mir / mit was für einem Laster ich sie beschwärtzen soll / wie ihr mich mit diesem schwartzen Feuer zur Kohle macht. Soll sie eine Zauberin /oder eine Ehbrecherin seyn? Denn / wenn ich sie schon der Unfruchtbarkeit beschuldigte; würde doch der neundte Monat nach ihrer Verheyrathung mich zu einer Lügnerin machen. Hertzog Ganasch befahl die Pein zu schärffen; daher sie mit glüenden Blechen gebrennt ward. Astree winselte erbärmlicher als vorhin /und fieng an: Tödtet mich / oder sagt; was ich für Laster mehr begangen haben soll. Ich bin eine Ehbrecherin / ich habe mir Kinder abgetrieben / und gebohrne ermordet. Auf Adelmunden wolte ich euch zu Gefallen gerne was bekennen; ihr wißt ja / daß wie lebende dessen / der sterben muß / also ein sterbender nicht der Lebenden schonet / ja ins gemein auch die Unschuld beschuldigt. Aber auf Adelmunden weiß ich nichts glaubliches zu ersinnen / und den sinnreichsten Henckern soll ehe die Krafft mich zu quälen / mir auch ehe der Athem / als der Vorsatz mangeln die von mir ohne Noth so sehr beleidigte Fürstin Adelmunde ietzo durch Zwang mehr zu verunehren. Meynet ihr daß ich eine Griechin / alle Griechen aber verzärtelte Weichlinge seyn? Solte ich für die Unschuld der tugendhaftesten Adelmunde nicht so viel Geduld haben / als der Griechische Knabe / der umb des grossen Alexanders Opfer nicht zu stören / an dem glüenden Rauch-Fasse seinen Arm biß aufs Bein ohne Zucken verbrennte. Hohenstein fuhr sie an: du Verruchte sollst nichts auf unschuldige / sondern dein eigen zugestandnes Laster bekennen; und Hertzog Ganasch befahl / sie solten nunmehr die glüenden Zangen brauchen. Mit diesen ward sie zerrissen / daß sie ohnmächtig ward / Ganasch aber ließ sie mit Weine kühlen und verblasen. Als Astree sich erholete / fieng sie an: Grausame Richter / macht ihr mich todte wieder zu dem Ende lebendig; daß ich die lebhafte Adelmunde mit Lügen tödten soll. Meynet ihr nicht / daß ich so viel Hertzens als mein Landsmann Hiperides habe; der in der Folter seine abgebissene Zunge zerkäuete /daß er dem Wütterich Antipater nichts zum Nachtheile seines Vaterlandes bekennen dorffte? Die Hencker fuhren ihr hierauf mit glüenden Zangen an ihre Brüste; sie aber reckte nach einem grausamen Geschrey ihre Zunge weit aus dem Halse und fieng an: Was brennt ihr meine Brüste / die Brunnen und Sinnen-Bilder der Fruchtbarkeit / weil Adelmunde nicht unfruchtbar ist! Brennet meine Zunge; daß ich sie durch lügenhafftes Bekäntnüß[627] nicht mißbrauche; wie sonst die Zunge wegẽ ihrer Schlipfrigkeit gebrennt wird. Wolte Gott / ich hätte eine verschwiegene Zunge der Fische / umb selbte auch sterbende nicht zu mißbrauchen. Ach! aber leider! ich bin für Schmertzen derselben nicht mehr mächtig! Alleine ist der nicht sein eigen Mörder / und ein Beleidiger der Götter / der aus Zärtligkeit und Pein ein falsches Laster bekennet /und der ein noch ärgerer Ubelthäter / der einem unschuldigen in der Folter was verkleinerliches antichtet? Verführischer Cariovalda! Verfluchter Bataver! Wolte Gott / du wärest damals stu / und ich taub gewest! Ihr Götter / verleihet mir aber nunmehr / da meine Richter taub sind / stu zu seyn! Göttliche Adelmunde; was soll ich dir sterbende für ein Versöhn-Opfer liefern? Mein Blut! diß ist zu befleckt. Mein Fleisch! diß ist schon eine stinckende Kohle! iedoch haben die Menschẽ durchgehends den Göttern nichts bessers zu liefern als Rauch von brennenden Wiedern und Tauben. Verlangest du meine Seele? die ist zu unrein / und die Hölle hat schon auf sie ein Vor-Recht. Meine Reue und Zunge ist allein noch übrig. Alleine / wenn jene sich mit unserm Opfer-Rauche vereinbaret / und aus dem Hertzen die Flamme der Liebe darzu schlägt / erleuchtet Gott mit dem Lichte seiner Barmhertzigkeit die Finsternüß unser Seele /und das stinckende Unschlit unser Farrẽ ist ihm ein süsser Geruch. Vergnüge dich daher an den Brändẽ meines zerfleischten und versengeten Leibes. Nachdem auch die Zungen dem Mercur und andern Göttern gewiedmet sind / und zum Opfer dienen / so ni sie von mir zur Versöhnung an; und so offt du die schädliche Verrätherey meines Gemüthes verfluchest; so oft rühme an meiner Zunge das nützliche Stillschweigen. Hiermit bieß Astree ihr die Zunge ab / zerkäuete sie im Munde / und spie zugleich Blut / Zunge und Seele aus. Niemand war / der sich nicht über Astreens Beständigkeit verwunderte / und ihre Außsage für wahr hielt / daß Adelmunde nicht von ihr wäre unfruchtbar gemacht worden. Hertzog Ganasch befahl Astreen auf einer dürren Küh-Haut aus Mattium zu schleppen /und daß ihr ihre Träume wahr würden / mit sambt ihren Perlen an einen Baum aufzuhencken. Hohenstein gerieth nunmehr aus gantz andere Gedancken und den Vorsatz seinem Hertzoge alles Bedencken wegen Adelmundens Unfruchtbarkeit auszureden. Witgenstein verfügte sich auch alsofort zur Hertzogin Erdmuth / und erzehlte ihr umbständlich so wohl Astreens zwey Träume / durch welche die göttliche Versehung Adelmundens Unglück wunder-würdig abgewendet hätte / und ihre merckwürdige Verschwiegenheit in der Folter. Sie hörte es mit höchster Freude / und brachte beydes unverzüglich dem Hertzoge Arpus bey / welches der dazu kommende Hohenstein bestätigte. Arpus aber hörte es / sonder einiges Zeichen der Freude oder anderer Gemüths-Regung von sich zu geben. Gleichwohl aber hatten sie alle noch Hoffnung / Arpus würde sich noch wol geben / und Jubil rieth der Hertzogin: sie solte ihm zu Verrauchung seiner Schwermuth Zeit lassen. Denn gewisse Gemüther wären so geartet: daß sie eine Zeitlang nichts anders als nein sagen könten / und durch Einhaltung der vernünfftigsten Ursachen nur mehr widerwärtig gemacht würden. Daher müste man der Zeit /bis sie in einer guten Laune wären / erwarten / und so dann zu Erreichung seines Zweckes weder Vorsicht noch Bescheidenheit verabsäumen. Es hätte so wol Zwirbelwinde in menschlichen Gemüthern als auf dem Meere / und Sturmwinde im Willen. Daher müste man beyderseits die Segel abwerffen / stille sitzen /und die Unruhe / wie getrübte Brunnen sich von sich selbst ausklären lassen. Sintemal[628] durch unzeitige Mittel ein Ubel ehe verärgert / als gedämpfft würde / und es so grosse Wissenschafft eines Artztes wäre Artzneyen ein zuschlüßen / als auszugeben. Inzwischen kriegte Adgandester hiervon Wind. Denn wie war es möglich / daß an einem Hofe dis / was sieben Menschen wusten / verborgen bleiben konte / sintemal Höfe rechte Wachthürme sind anderer Vorhaben auszuspüren / allwo die allgemeine Begierde in der Fürsten Geheim-Stuben zu sehen die Heimligkeiten so übel verträgt / und die / welche sich selbte zu verdrücken am meisten bemühen / sie am ersten durch übrige Sorgfalt verrathen / insonderheit aber Adgandester ein Meister in solcher Ausfischung war / und hierzu keine Mittel sparete / welche von einem Fürsten und Botschaffter nicht nützlicher angewehret werden können. Weil nun Adgandester unterschiedene leere vom Marbod aber unterschriebene Papiere hatte; schrieb er nach seinem Wolgefallen alles darauf / was den Hertzog Arpus aufs Seil zu führen dienlich war / ob schon Marbod nichts davon wuste / noch Adgandester zu bewerckstelligen willens war. Für itzt fertigte er in Marbods Nahmen ein Schreiben / darinnen er seinem Sohne Catumer / wenn er seine Tochter Adelmunde heyrathete bis er mit der Zeit alle seine Länder erbte /alles was er zwischen der Mulde / Eger und Nab besäße / abtreten / bey der Geburt des ersten Kindes ihm alle seine Unterthanen die Erbholdigung leisten / auch mit den Catten und Cheruskern einen ewigen Schirm Bund wider die Römer aufrichten wolte. Damit auch Adgandester diesem Betruge mehr Nachdruck gäbe /vermischte er seine Vertröstung mit höflichen Dräuungen / daß / wenn so vortheilhaffte Erbietungen verschmähet würden / König Marbod es für die schimpflichste Verachtung anziehen / und sich wider die für ihm solche Abscheu habende Catten durch ein Bündnüs mit den Römern in Sicherheit setzen müste. Nach dem nun ihrer wenig uns helffen / alle aber schaden könten / so gar daß der Adler in Wolcken oder in der Schoß Jupiters nicht sicher wären / solte man nicht leichte mit einem Schwachen / am wenigsten mit einem so mächtigen Könige zerfallen / noch durch Geringhaltung gute Freunde zu ärgsten Feinden machen. Ihm wäre die Tapfferkeit der Catten nicht unbekandt / und so lange das Bündnüs mit den Cheruskern hielte / hätten sie sich für der gantzen Welt Kräfften wenig zu fürchten. Aber wie vielen Anstößen wären die Bündnüsse unterworffen / und viel Hasen würden endlich auch der Hunde mächtig. Wie nun die / welche wenig oder nichts wären / ihnen das meiste einbildeten; also wäre es eine grosse Klugheit der Vermögenden / wenn sie ihren Kräfften was weniger zutrauten / und mit ihrem Geschoße umb desto gewisser nicht zu kurtz zu schüssen etwas über dem Ziele abkämen. Wie nun Hertzog Arpus sich durch eine solche Verbindung mit dem Marbod in ewige Sicherheit / und in grosses Ansehn in der gantzen Welt setzen würde / also ereigneten sich solche Gelegenheiten sein Hauß mehr als zweyfach zu vergrößern in fünfhundert Jahren kaum einmal / welche mit einem male nicht auf ewig versäumt werden müsten. Wiewol nun dem sonst so vorsichtigen Hertzoge Arpus Adgandesters Anbieten seiner Größe halber hätte verdächtig seyn / und / weil es nicht nur durchgehends in der Welt viel Tieffen / absonderlich in Verrichtungen der Staats-Leute hat / sondern auch Marbods künstliche Streiche und Adgandesters Arglist niemanden verborgen waren / er keinen Schritt ohne das Bleymaaß in der Hand / und weñ er nicht Grund fühlte / hätte fortsetzen sollen; so ließ er sich doch durch solche güldene Berge derogestalt einnehmen: daß in seinem Hertzen kein Glaube dessen mehr Raum hatte / was ihm gleich Erdmuth / Hohenstein / Witgenstein und endlich der Hermundurer Hertzog[629] Adelmundens halber einreden wolten. Die boßhaffte Sentia brachte mitler Zeit einen allgemeinen Ruff von Adelmundens Unfruchtbarkeit aus / daß die Catten sich über ihrer Ehlichung anfangs in Gesprächen sehr schwürig erzeigten / hernach gar durch einen Barden im Nahmen des gantzen Volckes ihrem Hertzoge eine Bittschrifft einhändigen ließen: er möchte durch Catumers Heyrath seinen Stamm nicht dem Untergange / sein verwaysetes Volck aber frembder Herrschafft nicht in Rachen stecken. Die Hertzogin und Catumer mühten sich zwar dieses falsche Geschrey durch bessere Nachrichten zu dämpffen; aber unter hundert wolrüchenden Kräutern sticht ein stinckendes für / und übele Nachrede wird meistentheils der Warheit Meister. Mitler Zeit fand sich auch der Bataver Fürst Cariovalda zu Mattium ein / und ließ durch den Grafen von Delmenhorst dem Hertzoge Ganasch beybringen: Er wäre über so schwartzem Laster Astreens erstaunet / über seiner fälschlichen Einmischung aber bey nahe zum Steine worden. Seine und seines Geschlechtes Ehre erforderte solchen Schandfleck / solte es auch mit vielem Blute geschehen / von sich abzuwischen. Weil er aber keinen gerechtern Richter in der Welt wüste / als den / welcher guten Fug hätte sein Ankläger zu seyn / nemlich den Hertzog Ganasch; hätte er kein Bedencken gehabt sich selbst in seine Hände zu liefern. Die Unschuld ließe sich unschwer vertheidigen / und seine Sache wäre so gerecht / daß auch seine Feinde ihn nicht verdammen könten. Denn er hätte an so grausames Laster nicht gedacht; und die Heftigkeit der Liebe gegen Adelmunden / welche er unerloschen mit zu seinem ewigen Grabelichte in die Erde nehmen würde / müste seiner Unschuld Zeuge und Vertheidigerin seyn. Sein hertzlicher Wunsch wäre gewest Adelmunden den Himmel zuzuneigen /sein Wille sie als seine Gottheit zu verehren / und seine Hoffnung wäre noch nie verschwunden gewest /durch sie der Bataver Fürsten-Stamm zu verewigen. Wer vernünfftiges wolte sich nur von ihm eine so verfluchte That bereden lassen! der selbstständige Argwohn würde ihn außer Verdacht / und die beschämte Verläumbdung zu Ehren sätzen müssen. Der ihm vom Hertzoge Ganasch überschickte und in seinem Nahmen an Astreen lautende Brief wäre eine in der Hölle erfundene Falschheit; daran außer der angekleibten Unterschrifft nicht ein Buchstabe seine; und der welcher ihn überbracht ein höllischer Geist kein Bataver gewest wäre. Ihm wäre nur leid / daß die Unholdin Astree nicht mehr beym Leben wäre / daß er sie theils als eine Zeugin seiner gegen Adelmunden tragenden hertzlichen Liebe fürstellen / theils durch ihre Bekäntnüs überwinden könte / daß sie mehr durch seine Einflechtung / als durch das Laster selbst sich besudelt hätte. Alleine diese Vertheidigung bestünde nur in Worten / dem Hertzoge Ganasch aber wolte er seine Unschuld durch den Augenschein beglaubt machen. Weil Hertzog Ganasch über denen bey dem Cattischen Hofe sich ereignenden Schwerigkeiten ohne dis verdrüßlich war / erhielt der Graf von Delmenhorst beym Hertzog Ganasch für den Fürsten Cariovalda so viel leichter Verhör. Dieser wuste allem / was er vorhin durch den Delmenhorst vortragen lassen / einen mehrern Nachdruck zu geben / insonderheit die alte Verträuligkeit zwischen dem Chaucischen und Batavischen Hause heraus zustreichen. Wie nun alle Dinge in der Welt einen innerlichen Trieb hätten ihrem Ursprunge gleich zu werden / so gar / daß die gezeichnete Bäume ihren Blättern und Früchten ihr Merckmal einflößeten / die aus einem verreckten Stiere entsprießenden Bienen an ihnen sein Bildnüs trügen / also wäre sein einiger Zweck sich wie seine Ahnen in die beydẽ Häusern so vorträgliche Freundschafft eines so grossen[630] Fürsten einzusencken. Diese Neigung wäre der erste Zunder seiner gegen Adelmunden gefangener Liebe gewest / welcher zu seiner Entschuldigung dienen würde; wenn ihn schon nicht der allgemeine Glaube verredete: daß nichts in der Welt so gemein / als die Liebe wäre. Nicht nur die unverständigen Pflantzen / sondern der unbeseelte Magnet und andere ihren Zug habende Steine wären selbter unterworffen. Je edler und geistiger aber was wäre / je kräfftiger wäre die zarte Regung der Liebe in ihm. Sie regte die Thiere mehr als die Gewächse / die Menschen hefftiger als das Vieh; und die in keinem irrdischen Leib eingesperrten Geister solten in der Liebe die eyfrigsten / Gott aber das Quell alles guten / ein warhafftiger Brunn der Liebe / ja die Liebe selbst /und gantz und gar Feuer seyn. Den allergrösten Brand aber hätte seine Seele gefangen aus Adelmundens eigener Schönheit und ihrer Tugend. Wo er nun durch seine Liebe was gesündigt hätte / müsten diese als Verleiter seine Schadloß-Bürgen seyn. Denn solche Schönheit beraubte uns im Augenblicke aller unser Seelen-Kräffte. Die aus so holden Augen steigenden Geister bemächtigen sich unser durch unsichtbare Ketten / und zügen uns so unvermerckt / oder so gewaltig / daß man nöthig hätte ihr ohne geringstes Widersprechen zu folgen. Am allermeisten aber führte die Tugend unser Hertze im Siegs-Gepränge gefangen / und ob zwar ein thätiges Auge geschwinder an Bort käme / daß man eine Weile Verstand und Urthel verliere; so verursachte doch eine tugendhafte Seele in uns mehr Kitzelung / als alle Künste des Liebreitzes und das von ihr erwachsende Feuer hätte ein unversehrliches Tacht / und eine weder durch Zeit noch Widerwärtigkeit ausleschliche Flamme. Also hätte sie in seinem Hertzen unmöglich verglimmen können; sondern sie wüchse mit seinen Jahren. Adelmunde wäre für diesem der Angelstern seiner Seele gewest / nunmehr wäre sie seine Sonne / ja seine Gottheit worden /und es sagte es ihm sein Hertze / oder es heuchelte ihm wenigstens sein Verhängnüs; daß niemand als er Adelmunden zubesitzen das Glück haben würde. Hieraus möchte nun Hertzog Ganasch urtheilen: ob es einigen Schein der Warheit haben könne / daß eine so reine Liebe durchs Laster sich selbst / und durch Beleidigung die geliebte Seele versehren könne? ob der /welchem die Nothwendigkeit nicht zu sündigen obgelegen / ihm selbst einen Nothzwang zu sündigen habe aufbürden können? damit aber Hertzog Ganasch nicht den geringstẽ Schatten einigen Verdachts wider ihn in seinem Gemüthe behalten möchte / zohe Cariovalda seinen vom Chaucischen Hertzoge mit eigener Hand gezeichneten Brief herfür; und wieß ihm / wie seines Nahmens eigenhändige Unterschrifft so wol / als sein von einem andern Schreiben abgeschnittenes Siegel an selbtes so künstlich angekleibt wäre / daß solche Falschheit kaum durch das schärffste Gesichte erkennet werden könte. Wie nun Hertzog Ganasch seine eigene Augen für Zeugen der angezogenen Unschuld gelten lassen muste; also begegnete er Cariovalden mit freundlichster Höfligkeit / und bat ihn die Ubersendung beyder Briefe nicht für eine Beschuldigung /sondern für eine wolgemeinte Nachricht der auf ihm erwachsenden Verläumbdung anzunehmen. Cariovalda war mit so holder Empfangung überaus zu frieden / gab aber zu verstehen / daß er nicht ruhen / oder seine Unschuld nicht für sattsam gerechtfertiget halten könte / bis er hinter den Urheber dieser Falschheit kommen wäre. Hertzog Ganasch mühte sich Cariovalden zwar damit zu besänfften: daß Tugend und Wolverhalten falsche Nachrede wie die Sonne den Nebel zu Bodem drückte / und die Verachtung so wol der Verläumbder ärgste Pein / als eines grossen Gemüthes[631] Kennzeichen / insonderheit Fürsten ein zum Schirme ihrer Herrschafft dienender Werckzeug wäre. Alleine es lag ihm doch selbst Tag und Nacht im Sinne / wer gleichwol wider seine Tochter eine so unmenschliche Frevelthat angestifftet haben müste. Worbey er sich denn nicht erwehren konte / daß die ärgste Pest unter den Menschen nemlich der Argwohn ihm zwar nicht wider den Cattischen Hertzog / doch wider seinen Hof und Räthe allerhand Verdacht an die Hand gab. Weil es nun so schwer fällt Argwohn in seinem Gemüthe / als das Feuer in einem Hause zu verbergen / ja beydes außerhalb sichtbarer als inwendig ist; nahmen jene dieses Mißtrauen leichte wahr /und hiermit erfolgte dis / was bey allen zum Verdacht geneigten Gemüthern sich ereignet / nemlich / daß die furchtsamen gleichfals gefürchtet werden. Dieses so kalte Gifft / als nimmermehr Schierling ist / machte /daß fast alle Gewogenheit zwischen beyden Hertzogen und ihren Dienern erfror. Gleichwol mühte sich der Graf von Hohenstein durch guten Rath / welcher wie Bezoar nicht nur das verhandene Gifft verjagt /sondern auch das befreiete Hertze stärcket / die Trennung des Cattisch- und Cheruskischen Hauses möglichst zu verhüten. Ja als er den Hertzog Arpus gegen alle Einredungen verhärtet fand / hielt er es nicht rathsam länger zu verschweigen / was zwischen der ohnmächtigen Adelmunde und Catumern sich begeben hatte / und daß beyder so tieff eingewurtzelte Liebe durch keine Schwerigkeit / und durch keine Gesätze der Staats-Klugheit sich würde ausrotten lassen. Catumer hätte nie keine heftigere Liebe gegen Adelmunden blicken lassen / als seit daß man ihm ihre Ehligung wegen beygemäßener Unfruchtbarkeit hätte schwer gemacht. Denn es steckte nichts in der Welt unsere Begierden mehr an / als die uns in Weg geworffene Hindernüs. Jupiter wäre schwerlich nach Danaen so lüstern worden / wenn sie nicht hätte im Thurme gesteckt. Ja das Verlangen / welches man durch vorgestellte Gefahr verjagen wolte / vergrößerte selbtes / und wie man das uns an die Hand gehende oder begegnende Gute verschmähete; also rennte man gleichsam rasende nach dem verbotenen. Ihm wären zwar die grossen Erbietungen Adgandesters unverborgen; und er wünschte keine größere Ehre in der Welt /als daß durch seine eigene Asche dem Cattischen Hause eine Vergrößerung zuwüchse. Aber es wäre nicht außer Augen zu setzen / wie viel Fürsten schon Marbod mit Anbietung seines Tochter umbs Licht geführt / Marbod mit ihr zu Mattium gleichsam ein Gewerbe getrieben habe. Grosse Erbietungen wären die gäng- und gebe Müntze dieser Zeit. Blätter und Worte müsten insgemein die Stelle der Früchte und Wercke vertreten. Was für einen Haß und Mißtrauen würden ihnen nicht auch die Catten bey allen andern Deutschen auf den Hals ziehen / und wie würde der mit der Fürstin Catta versprochene Hertzog der Hermundurer seines Vater-Mörders Tochter für seine Schwägerin vertragen können? dahero / wenn es schon Marbods Ernst / Adgandesters Versprechen wahr / und Catumers Gemüthe zu ändern wäre / das Cattische Geblüte mit dem Marbodischen so schwer / als das Blut der Hirsche mit sich selbst zusammen rinnen würde. Ja wenn auch zwischen diesen einige Verträgligkeit zu stifften wäre; was wolte ein so tapferer Fürst vom Zufall eines Reiches hoffen / welches Marbod durch Laster erworben / mit Blute befestigt / und das bey der gantzen Welt einen so bösen Nahmen / als vieler Völcker und Fürsten Fluch auf sich hätte? Arpus / weil er vom Hohensteine genung versichert war / daß er es niemanden als ihm selbst zu Liebe redete / vertrug zwar seine Einredung / antwortete ihm aber: Catumer wäre sein Sohn / ihm also wo er seinen Vater nicht haßte[632] zu gehorsamen schuldig. Denn Liebe und Gehorsam wären leibliche Geschwister / würde er aber sich gelüsten lassen sich hiervon abzusätzen / so würde er auch aufhören Vater zu seyn / dessen Verbot vernünftigen Kindern etwas nicht nur schwer / sondern unmöglich machte. Die Heftigkeit seiner Liebe würde nach und nach wol ausrauchen. Denn Verliebte wären vergeßlich / die Empfindligkeiten widriger Liebes-Zufälle aber / wie die Mutter-Beschwerden schrecklicher als gefährlich / und ihre Wunden / welchen anfangs das Anrühren mit der weichsten Seide unleidlich wäre / vertrügen hernach hart Pflaster und starcke Betastungen. Sonderlich aber müsten Fürsten im Lieben niemals die Zärtligkeit des Pöfels haben /sondern so offt es ihr Zustand erforderte / davon abstehen oder selbte verwechseln können. Daher er auch dem Könige Marbod so sehr nicht verargen könte /bey sich ereignender Gelegenheit einen Erb-Fürsten für einem Abgefundenen zum Eydame zu erkiesen. Er hätte sich nunmehr in einen Stand gesätzt; daß alle Häupter der Welt ihn für einen grossen König erkennen / mit Botschafften verehren / und umb seine Freundschafft und Bündnüsse sich bewerben müsten. Das Hefft des Degens gielte in Aufrichtung der Reiche mehr als die Wagschale des Rechtes / und würden wenig grosse Reiche in der Welt seyn / welche nicht durch Unrecht zusammen gewachsen. Es hätte mit ihrem Ansehen gar eine andere Beschaffenheit / als mit dem eintzeler Leute. Dieser Ehre rührte nur von der Tugend / jener mehr vom Glücke her / und wäre mehr ein Gemächte der Zufälle / oder des Verhängnüsses als ein Verdienst der Menschen. Die Nachbarn beugten sich mehr für einem glücklichen / als einem tapfferen Fürsten. Andere Leute schätzte man mehr wegen ihrer Tugend als wegen ihrer Würde; Reiche und Könige aber mehr wegen ihrer Macht / als wegen ihres Ruhmes. Der Persen Reich wäre in seinem Ansehen blieben / da gleich ein Verschnittener zwey Leichen seiner ermordetẽ Häupter mit ihrem Sta e den Katzen zur Speise fürgeworffen / und aus ihren Gebeinen Degen-Grieffe machen lassen. Da hingegen Brutus / Pompejus und Hannibal den Ruhm grosser Kriegs-Leute behalten / ungeachtet die ersten mit Verlust der Schlachten die Römische Freyheit / der letzte das Ansehen der mächtigen Stadt Carthago verspielet. Also mag vom Könige Marbod man insgemein verkleinerlich reden / wie man wil / so bleibt doch unverneinlich / daß er von uraltem edlen Geblüte entsprossen / nicht mehr an Leibes- als an Gemüths-Kräfften vermögend / hohen Verstandes sey / und daß er sein Reich nicht / wie vorige Herrschafften in Deutschland gewest / auf das Gefallen des veränderlichen Pöfels /sondern auf eine feste Staats-Verfassung nemlich die Königliche Hoheit gegründet habe. Die Römer selbst bekennten / daß er sein Kriegs-Volck nach Römischer Art abgerichtet / seine Gewalt nicht nur der Römischen als gleich wiegend entgegen gesätzt / sondern durch seine öfftere Dräuungen in Italien einzubrechen Rom in grössere Furcht versätzt hätte / als es jemals für dem Pyrrhus und Antiochus / Athen für dem Könige Philipp gehabt. Wer könte nun mit Vernunfft ihm für verkleinerlich auslegen / wenn er seinen Sohn an eine tugendhaffte Tochter eines so grossen Fürsten verheyrathete? Hohenstein / ob er zwar sonst Hertze genung hatte / und wol verstand / daß eines Dieners Zagheit so viel wo nicht mehr / als Untreue / Schaden thun könte / und man nicht weniger schuldig wäre gegen seinen Herrn ehrerbietig zu seyn / als ihm treu zu dienen / traute ihm nicht mehr einzureden / theils weil er alle Einwendung fruchtloß zu seyn vorsah /theils daß er nicht darfür möchte angesehen werden /daß er mehr seines Fürsten Hofemeister als sein Rath seyn wolte. Gleichwol offenbarte er es der Hertzogin Erdmuth und dem Fürsten Jubil.[633] Weil diese nun solche Beschwerligkeit zu heben keinen Heber zu finden wusten / Adgandester aber täglich mit dem Hertzoge Arpus geheime Unterredung hielt / die bestimmte Zeit zum Beylager auch für der Thüre war / schlossen sie Catumern und Ingviomern hiervon Nachricht zu geben / und durch den Feldherrn Herrmann den Cattischen Hertzog von seiner Meinung abwendig zu machen. Catumer ward hierüber so bestürtzt / daß er eine gute Weile kein Wort aufbringen konte / endlich fieng er an: Mein Vater hat zwar die Gewalt über mein Leben / aber nicht über die Regungen meiner Seele. Diese sind dem Triebe des Verhängnüsses unterworffen. Ich bescheide mich / daß ein Sohn seines Vaters Feinde für die seinigen zu halten / und von Eltern so wol Haß als Güter zu erben schuldig sey / aber die Reue eines Vaters kan den Sohn von seinem einmal gebilligten Gelübde nicht befreyen. Denn welch Volck in der Welt eignet Vätern ein solch Recht zu; daß sie ihren Kindern etwas aufnöthigen solten / was an sich selbst unzuläßlich ist? Ich habe mit seiner Einwilligung mich Adelmunden verlobet; also kan ich wider ihren Willen mich von ihr nicht entbrechen; ja wenn sie auch wolte / würde mir doch erträglicher seyn sie zu lassen / als ein Beyspiel versehrter Treue zu werden. Zumal auch die Freyheit unser bestes Erbtheil ist / welche mit uns gebohren wird / also auch nicht als mit dem letzten Atheme versätzt werden soll. Ingviomern aber war die verlautende Heyrath Catumers mit Marbods Tochter ein rechter Donnerschlag ins Hertze. Weil nun eigener Vortheil das stärckste Rad in dem Uhrwercke unser Verrichtungen ist / versprach er ihm dieses Werck wie sein eigenes ihm angelegen zu halten. Mitler Zeit aber vergaßen Sentia und der durch sie verleitete Segesthes nicht am Chaucischen Hofe das Garn der Zwytracht meisterlich zu spinnen. Insonderheit war jene eine Meisterin den Cariovalda als den vollkommensten Fürsten der Welt /und die Herrschafft der Bataver als die ansehnlichste in den Augen der Römer / welche sie mit dem Nahmen der Bundsgenossen und dem Römischen Bürgerrechte verehrten / herauszustreichen. Ob nun wol des Chaucischen Hertzogs einiges Bedencken noch war Adelmunden an Cariovalden zu versprechen; daß die Bataver weder die Fürstliche noch des Adels Herrschafft erkennten / sondern das gemeine Volck insgesampt das Hefft in Händen hätte / und Cariovalda nur von ihnen zum Heerführer erkieset war; so versicherte ihn doch Sentia / daß / weil Cariovalda aus dem Geblüte ihrer alten Hertzoge entsprossen wäre / denen Römern im Kriege grosse Dienste geleistet / denen Batavern einen so vortheilhafftigen Bund beym Käyser zu wege gebracht hätte; nicht nur jene ihm zu seiner Ahnen Herrschafft zu helffen versprochen / sondern die Bataver selbst / und zwar der Adel aus Verdruß dem Pöfel unterworffen zu seyn / das andere Volck aber wegen beschwerlicher Zwistigkeiten hierzu geneigt wären. Dieses würde sich auch so viel mehr-erleichtern / weñ Cariovalda in das den Batavern benachbarte und mächtige Hauß der Chaucen heyrathen / und denen Widersinnigen vorwerts die Römischen / am Rücken die Chaucischen / und in ihrem Hertzen die ihm selbst untergebenen Heerspitzen der Bataver zeigen würde. Diese Heyrath würde auch ein Mittel seyn / daß die Sicambrer und Chaucer durch Vermittelung der hochangesehnen Bataver mit den Römern durch einen vortheilhafften Frieden zur Ruhe kommen würden. Ob nun wol Hertzog Ganasch allzu wol verstand / daß die der Freyheit gewohnten Bataver ihre Häupter nicht so leicht unter Cariovaldens Joch beugen würden; und er noch immer ein Auge auf die ansehnlichere Heyrath Hertzog Catumers hatte; so zohe doch Segesthes endlich einen Brief Adgandesters herfür; darinnen er ihm schrieb: daß selbigen Tag er auf Befehl seines Königs die[634] Fürstin Adelgunde an Catumer zu verheyrathen mit dem Hertzoge Arpus wäre eines worden. Ihm wäre zwar leid / daß dadurch die Eh mit der Fürstin Adelmunde zurück gesätzt würde. Alleine / wenn Hertzog Ganasch seine Tochter dem tapfferen Cariovalda verloben wolte / versicherte er ihn / daß König Marbod nicht nur den Cariovalda zum Haupte der Bataver zu erheben / sondern auch den Sicambern und Chaucen einen vortheilhafften Frieden bey den Römern zu wege zu bringen / und da so denn diese den Bogen zu hoch spannen würden / ihnen Lufft zu machen mit einem mächtigen Heere in Noricum einbrechen würde. Wie angenehm nun dem Hertzoge Ganasch diese Vertröstungen waren / mit so grosser Ungedult hörte er des Arpus Heyraths-Schluß mit Marbods Tochter; also / daß er unverwendeten Fusses bey der Eiche / welche in einem geweihten Heyne an der Weser als ein Zeichen des grossen Gottes und bey dem Mohnden / welcher als ein Sinnebild der göttlichen Nahrungs-Krafft von den grossen und kleinen Chaucen verehret wird / schwur / er wolte diese Verschmähung seiner unschuldigen Tochter am Hertzoge Arpus rächen / solte es gleich seinen Hals kosten /und die Chaucischen Ströme mehr Blut als Wasser ins Meer zu führen haben. Cariovalda ward hiervon durch Sentien benachrichtiget / und sich dieses guten Windes zu seinem Glücke zu gebrauchen erinnert. Dieser bat den Grafen von Ortenburg / er möchte mit ihm aus Mattium auf eine kleine Jagt reiten; nach einer wenigen Kurtzweil führte er diesen in den nechsten Heyn / daselbst schüttete er gegen ihm sein Hertz derogestalt aus: Es wäre in der Welt niemand / der ein Frauenzimmer so inbrünstig liebte / als er die unschätzbare Adelmunde. Niemand als Catumer hätte ihrer Gegen-Liebe und seinem Glücke im Wege gestanden; weil er aber sich seiner Unwürdigkeit beschieden / hätte er nicht nur alle Eyversucht und Mißgunst aus seinem Hertzen verbannet / sondern er würde auch Adelmunden zu Liebe alle seine Kräfften zu Catumers und der Catten Diensten angewehret haben. Nach dem er aber den Abend vorher aus dem Cattischen Hofe die gewisse Nachricht erlangt hätte /daß zwischen des Königes Marbods Tochter und Catumern eine Heyrath geschlossen / also die Fürstin Adelmunde allen Chaucen zu Schimpff verschmähet wäre / hätte die Rache sein Hertz derogestalt angefüllet; daß selbte nicht ehe als mit Catumers Blute ausrauchen könte / denn wo die Ehre verletzt wäre / hätte nichts als der Tod genungsame Kälte das Feuer der Rache abzukühlen / und seine Kohlen mit der Asche des Mitleidens zu bedecken. Hiermit streckte er seinen Arm gegen einem aus einer Ulme gehauenen zugespitzten Stocke / welchen er also zum Zeichen der Nehalenia hatte ausarbeiten lassen. Unter diesem Nahmen und Bilde verehrten die Bataver und Taxandrer die göttliche Allmacht / wie die Ephesier ihre Diana / und die Paphier unter einem fast eben so gedrechselten und keine menschliche Gestalt habendem Holtze ihre Venus. Hiermit fieng er an: Ich schwere bey unser Nehalenia / daß wenn die Chaucen gleich ihr erlittenes Unrecht verschmertzen / und ich mein Lebtage kein Theil an Adelmundens Liebe haben soll / ich doch solches bis auf den Tod an Catten rechen wil / welcher durch dis / daß er allen Menschen gemein ist / sie lehren soll; daß Arpus und Catumer zwar mächtiger / nicht aber besser als Cariovalda sey. Der Graf von Ortenburg faßte über dieser Zeitung einen so heftigen Eyver gegen die Catten / daß er nicht so bald in Mattium kam / als er alles dem Fürsten Ganasch haarklein erzehlte. Ob ihm nun zwar dieser vorgesätzt hatte bis auf den zur Heyrath besti ten Tag mit seiner Entschlüssung hinter dem Berge zu halten; damit er die seiner Tochter zugefügte Beleidigung desto scheinbarer anthen könte; so schien es ihm doch nun[635] länger unerträglich zu seyn; daß so viel Leute von seiner Beschimpffung / nichts aber von seiner Empfindligkeit hören / also ihn endlich auch der Pöfel verächtlich halten solte. Diesemnach ließ er noch selbigen Morgen Cariovalden und Adelmunden für sich / und deutete ihnen an: daß er beyder Heyrath beliebte / und sie sich zu dem auf folgenden Tag bestimmten Aufbruche aus Mattium bereiten solten. Es ist schwerlich aus zu drücken / mit was für widrigen Gemüths-Regungen Cariovalda und Adelmunde diesen unvermutheten Ausspruch verno en. Jenem war es die annehmlichste Freuden-Stimme der Welt /daher er auch für dem Hertzoge Ganasch niederfiel /und mit Umarmung seiner Knie für diese unermäßliche Gnade danckte. Dieser hingegen wäre ein Todes-Urthel viel erträglicher gewest; daher ihre verstummte Zunge auch kein Wort aufbringen / ihre versteinerte Augen keine Thränen vergießen konten / sondern sie auf Befehl des Hertzogs von zweyen Adelichen Jungfrauen in ihr Zimmer gebracht ward / welche / weil sie daselbst etliche Stunden lang aus einer Ohnmacht in die ander fiel / an ihr genung zu reiben und zu kühlen hatten. Unterdessen waren nicht nur Ingviomer und Jubil / sondern der Feldherr selbst aufs euserste beschäfftigt den Hertzog Arpus von seinem neuen Heyraths-Schlusse abwendig zu machen / und zu Vollziehung der Chaucischen Heyrath zu bewegen. Arpus aber hatte anfangs so wenig Gehöre und Empfindligkeit als ein Felß / ungeachtet sie ihm die Betrügligkeit Adgandesters / Marbods Wanckelmuth und Herrschens-Sucht die aus solcher gezwungenen Eb nothwendig entstehende Trennung der Deutschen / die Verfeindung und Gefahr der Catten / und hunderterley Nachtheile für Augen legten / bis ihm der Feldherr einhielt / daß wenn Hertzog Arpus einen Sohn nicht nach seinem Wilkühr heyrathen ließe / würde er zu empfinden Ursache haben / daß die erstere zwischen Catumern und Ismenen von ihnen abgehandelte Eh nicht ihren Fortgang gehabt. Hertzog Jubil und seine Gemahlin aber brachen nunmehr loß / der hierüber gantz verzweifelte Catumer hätte mit den höchsten Schwüren sich vermässen ihm ehe den grausamsten Tod als Marbods Tochter zur Gemahlin aufbürden /und Adelmunden nehmen zu lassen. Weil nun er keine andere Ursache der verweigerten Chaucischen Ehe /als die ungewisse Beysorge seines untergehenden Stammes anzuführen gewüst hätte / wäre es ja unverantwortlich durch eine neu erzwungene Eh seinen einigen Stamm-Erben in so gewissen Untergang / sich aber in übele Nachrede bey der Welt / und in Fluch hey seinem Volck zu stürtzen. Wie sie nun sein Hertze nur ein wenig erweichet sahen / gleichwol aber seine Gedancken noch wie eine schadhaffte Magnet-Nadel hin und her flatterten / brachte Erdmuth den Fürsten Catumer ins Zimmer / welcher für dem Hertzog Arpus fußfällig ward / und in folgender Weise anredete: Ich bin schon zweymal Bräutigam und soll es nunmehr auch das drittemal werden / ehe ich noch das erstemal Ehmann worden. Die erste Verlobung hat die Staats-Klugheit / die andere das Verhängnüs geschlossen. Daß die wolmeinende Vater-Sorge die dritte belieben wolle / muß ich glauben / denn sonst wäre ich nicht würdig eines so holden Vaters Kind zu seyn. Sintemal ich Gottlob verstehe / daß ob wol die Liebe dem in die Höhe steigenden Feuer verglichen wird /gleichwol aber die der Eltern dis besondere an sich habe / daß sie abwerts steige / und sie ihre Kinder ungleich mehr / als diese ihre Eltern lieben / vielleicht weil diese fühlende Flamme in Fleisch und Blut / welches Eltern in ihren Kindern für sich sehen / mehr Gewichte hat / als die welche nur den Geist zu ihrem Wagen erkieset. Allein ich bin wol versichert / daß die Arglist meine dritte Verlobung[636] aus der Hölle herfür gesucht und zum ersten auf den Teppicht geworffen habe / weil solche der andern im Himmel geschlossenen Verbündnüsse / ja seiner Ehre / da er sein Angelobnüs brechen solte / und der Vernunfft widerstrebte / weil er die nie gesehene Tochter Marbods lieben solte. Er könte zwar nicht umbstehen / daß die Klugheit dem Hertzog Arpus viel wichtige Gründe an die Hand gebe solche Heyrath zu rathen. Aber der Bodem aller Heyrathen müste Liebe / nicht die Vernunfft seyn. Diese wäre gewohnter die Liebe auszuleschen / als anzuzünden / oder die brennende zu unterhalten. Sie wäre eine ernsthaffte Zuchtmeisterin / welche alle Sinnen unter ihren Füssen / den Willen zu ihren Sclaven / und aller Dinge Gedächtnüs und Einbildung vertilget wissen wolte / welche nicht einen güldenen Fuß und oben Kronen und Sieges-Kräntze zum Deckel hätten. Allein weñ man dieser klugen Liebe die Larve abzüge / würde man gewahr / daß solche nicht ihre Braut / sondern Reichthum und Würden liebten / ja solches keine Liebe sondern vermumter Geitz und Ehrsucht / aber auch mehr eine Quaal / als eine Vergnügung wäre. Denn die weisen Liebhaber / welche allemal ihr gutes Urtheil zu rathe nähmen / und mit ihren Neigungen Krieg führten / beraubten die Liebe ihrer Eigenschafft / verlangten / daß sie aufhören solte eine Gemüths-Regung zu seyn /und schmeckten nicht die Süßigkeit der Liebe. Ihre Gewinnsucht wäre viel zu groß / daß sie reine Gegen-Liebe für ihren besten Schatz halten / daß ihre einige Freude aus dem Besitzthume einer treuen Seele schöpfen solten / und daß weder Vortheil noch Ansehen so viel Gran / als die Vereinbarung zweyer Hertzen Pfunde Wollust zu zeigen vermöge. Wie nun diese unter die Zahl wahrer Liebhaber nicht zu rechnen wären / also verschwinde auch ihre scheinbare Eitelkeit; so bald ihr Nutz oder Stand einen Anstoß bekäme / und ihre Buhlschafften würden als unnütze Werckzeuge ihrer Glückseeligkeit kaum mehr über Achsel ansehen. Wie leicht aber könte ein Zufall alle Hoffnung seines Vaters verrücken; weil Marbods Reich auf die bloße Gewalt / und auf Unvergnügen hundert bemeisterter Völcker gebaut wäre; solche Herrschafften aber allezeit wie die auf Quecksilber gegründeten Thürme wackelten. Viel andere Beschaffenheit hätte es mit rechtschaffener Liebe. Denn diese würde nicht von tiefsinnigem Nachdenken gebohren /und mit schweren Wehen zur Welt gebracht; sondern das unvermeidliche Verhängnüs flöße dieses Feuer wie ein Blitz in unsere Seele. Der erste Blick unsere Liebste zu schauen / wäre zugleich der Anfang unserer Dienstbarkeit. Ehe man sie recht kennen lernte /oder wüste wer sie wäre / wäre man schon ihr Eigenthum. Man erkiesete Freunde / aber die Liebe erkiesete uns; und ließe uns nicht Zeit noch Vermögen ihre Güte zu untersuchen. Denn unsere Scharfsichtigkeit würde blind / unsere Vernunfft verbannet / unser freyer Wille gefässelt / also daß die schwächste des schlechteren Geschlechtes über uns aufs strengste zu gebieten mächtig wäre. Nicht anders wäre es mit dem Ursprung seiner Liebe gegen Adelmunden hergegangen. Er hätte vorher nicht gewüst / was Liebe wäre /weniger ihre Regung gefühlet. Alle vorhin ihm die Augen leuchtenden Schönheiten / und selbst die von ganz Deutschland angebetete Fürstin Ismene wären ihm Sterne ohne Einfluß gewest; mit dem erstẽ Anblick Adelmundens aber hätte er nicht so bald einen heftigen Zug ihres Hertzens gefühlet / sondern sie zugleich für die Beherrscherin seiner Seele erwehlet. Seine Seele hätte es nicht nur gefühlet / sondern seine Augen es gleichsam gesehen / daß aus ihren liebreitzendẽ Augen gleichsam ein zaubrischer Strahl in ihn gefahren wäre / und durch eine so unbegreifliche Weise die Lieb in ihm lebhaft gemacht hätte / wie die Sonne in den Eingeweiden[637] der Erde Ertzt bereitete /der Neu- und Vollmond das Meer aufschwellete / und der Angel-Stern den Magnet bewegete. Die unvergleichliche Ißmene bemeisterte meinen Verstand zu urtheilen / daß sie die Liebenswürdige Fürstin der Welt wäre; aber Adelmunde bezwang meinen Willen sie allein ewig zu lieben; ehe ich ihre Gestalt / und ihre Tugend gegen Ißmenens auf die Wag-Schale legte. Er urtheile demnach / gebietender Vater / ob das Verhängnüß oder die Vernunfft uns das unauslöschliche Oel der Liebe einflösse? und ob über uns nicht eine verborgene Regung eine von der Vernunfft / von Rathschlägen der Freunde / und vom Gehorsam der Kinder unüberwindliche Bothmässigkeit habe? Ob die blinde Leiterin nemlich unsere Neigung nicht stärcker und von der scharffsichtigsten Klugheit entfernet / ja ihre stete Widersprecherin sey? Sintemal umb diese durch ihre künstliche iedoch fruchtlose Beredsamkeit meist zu dem / was uns mißfällt / jene beliebte Blinde aber nach ihrem Gutdüncken zu eitel Annehmligkeit / und was ich nicht leugnen kan / offt zu ungebildeten Antlitzen / zu höckrichten Leibern /zu besudelten Seelen / und zu dem / was wir gerne nicht lieben wolten / leitet / oder vielmehr wie ein Zwirbel-Wind wider Willen ins Verterben reisset; oder auch von dem / wornach tausend andere Seelen säufzen / darzu uns unsere Vernunfft und Hertzens-Freunde wohlmeynende rathen / abwendig macht: Ohne diese geheime Regung würde ich ein unwürdiger Klotz der Erden seyn / wenn ich nicht der unschätzbaren Fürstin Ismene die Hände untergelegt /und ihr meine Seele zu ihrem Tempel eingeweyhet hätte / gleichwohl aber hat mich / Gott Lob / der Himmel so lieb gehabt / als ich Adelmunden / daß er mein Hertze zu einer solchen Fürstin geleitet / welcher auch die Verleumder / alle Leibs-Glücks- und Gemüths-Gaben zugestehen müssen / und der man keinen andern Mangel als ein frembdes Laster ihrer griechischen Magd ausstellen können; von welchem sie aber nunmehro so rein gewaschen worden / als ihre Unschuld ist. Also billiget meine Liebe nicht nur meine Neigung / sondern auch die Vernunft und Staats-Klugheit; weil sie eine schöne tugendhafte und so vornehme Fürstin zu ihrem Zweck erkieset. Ich leugne nicht von glaubhaften Leuten gehört zu haben / daß Marbods Tochter Adelgunde meiner Adelmunde so nahe an Schönheit und Tugend / als im Nahmen verwand sey. Aber darumb kan ich mich nicht überwinden sie zu lieben. Denn wahrhafte Liebe verträgt keine Theilung / und es gehet mir mit Ismenen und Adelgunden / wie denen / welche den Geruch der Rose nicht vertragen können. Ihre Augen müssen sie für die Königin der Blumen verehren / aber ihre Seele fleucht für ihr wie für einem stinckenden Aasse oder Todten-Bruche. Die Schwachheit meiner Neigung zwingt mich zu thun / was sie / nicht ich wil / und zu verschmähen / was mir doch so wohl gefällt / und seiner Würde noch mehr geliebt zu werden verdienet /als ich Kräffte zu lieben habe. Nachdem nu unsere Klugheit nicht die Mutter der Liebe ist / und unser Verstand wenig Gewalt über sie hat; geschieht es offt / daß man für Liebens-werth hält / was man nicht liebt / ja was man vielleicht liebte / wenn es nicht allzu liebreich wäre / und also die Ubermasse der Güte unsere Liebe / wie zu vieles Licht unsere Augen verdüstert. Aus diesem Ursprunge rühret her / daß die Liebe Zepter und Hirten-Stäbe mit einander verbindet / daß Königinnen sich nicht überwinden können /Mohren und Zwerge für wohlgebildeten Helden zu verschmähẽ / daß ein verliebter Römer lieber den Sieg und die Herrschafft der Welt / als seine flüchtige Buhlschafft im Stiche läst. Ausser dieser uns vom Verhängnüsse eingeflößten Neigung ist alles andere Absehn ein Angel-Hacken / an dem sich die eitele Schein-Liebe /[638] nachdem die Winde der Ehrsucht und Geitzes wehen / wie ein Wetter-Hahn herumb kehret. Dahingegen die Liebe / welche nichts anders als die Gewißheit geliebt zu werden verlangt / und wie ein enges Hertze alle ihre Behägligkeiten verschliessen kan / ihre Fessel und Dienstbarkeit für ihr einiges Glück hält / und sich nicht satt lieben kan. Dieser edlen Schwachheit muß ich mich sonderlich schuldig geben; weil ich an Adelmunden nichts als sie selbst anbete / weil ich mir alle süsse Gedancken / ausser denen gerade auf sie gehenden aus dem Sinne schlage / und sie zu lieben nicht aufhören würde / wenn sie gleich keine Fürstin wäre. Denn mit ihr besitze ich meinem Bedüncken nach alle Schätze Morgenlands und die Krone der Perser; Ausser ihr aber mangelt mir alles / und nichts ist / das mich vergnüget. Bey ihren Augen traue ich mir auch in den Cimmerischen Nebeln und Finsternüssen genungsames Licht / unter der eusersten Nord-Spitze Wärmde / und in der einsamsten Einöde Ergötzligkeit / ohne sie aber in den Hesperischen Gärten und denen von allen Wollüsten bezauberten Pallästen keine Vergnügung zu finden. So lasse demnach / mein holdseliger Vater / mich diß lieben / was der Himmel wil / und was er als der Ursprung aller Fruchtbarkeit sonder Zweifel mit reichem Segen überschütten wird. Ist aber diß zu erlauben sein Vater-Hertze unerbittlich / so erlaube man mir doch ehe in Adelmundens Liebe vergnügt zu sterben / als mit Adelgunden verzweifelt zu leben. Dieses wuste Catumer mit einer solchen Bewegung fürzutragen /daß es dem Hertzoge Arpus zu Hertzen gieng / und durch seinen Vorsatz einen mercklichen Ritz machte. Denn nachdem er es zu überlegen Catumern beschieden hatte / erklärte er sich / im Fall Hertzog Ganasch willigen wolte / daß wenn Adelmunde in fünf Jahren nicht fruchtbar befunden würde / sie sich ins Aurinische Heiligthum verloben / und derogestalt seinem Sohne sich anderwerts zu verheyrathen Raum machen wolte / wäre er folgenden Tag seines Sohnes Beylager mit Adelmunden zu vollziehen entschlossen. Der Feldherr übernahm willigst diese Vermittelung / und weil Catumer hierinnen durch seine Mutter Wind kriegte / gab er Adelmunden hiervon schrifftliche Nachricht und Versicherung: daß sein Hertze mit dem ihrigen auf ewig so feste verknipft wäre: daß es weder Unfruchtbarkeit noch andere Zufälle so wenig zu trennen / als die Zeit das Hertze der Welt die Sonne ausser dem gestirnten Thier-Kreisse zu ziehen fähig seyn würden. Ihr Wille würde allezeit biß in Tod der seinige seyn / und das Verhängnüß selbst solte so wenig Macht haben sie zwistig zu machen / als die Natur Augen in einer Stirnen zu schaffen / derer eines auf einmal recht- das andere linckwerts sähe. Daher möchte doch sie seines Vaters allzu sorgfältige Bedingung sich nicht irre machen noch den Hertzog Ganasch solches empfindlich aufnehmen lassen. Der Feldherr wolte keine Zeit versäumen / sondern war schon unterweges zum Hertzog Ganasch zu reiten /als ihm der Graf von Embden begegnete / und wegen Hertzog Ganasches / welcher eine Virtel-Stunde vor her mit seinem gantzen Hof unversehens aus Mattium aufgebrochen war / von ihm und dem Cheruskischen Hofe Abschied zu nehmen. Der Feldherr war hierüber nicht wenig bestürtzt / und weil er mehr auff den Kern der Dinge und die gemeine Wohlfahrt / als auf Eitelkeiten des Ansehens sah / ritt er mit wenigen seiner Leibwache nach / und ereilete ihn auf der Meile /allwo er zugleich Segesthen / Sentien / und Cariovalden mit einer ziemlichen Anzahl Casuarischer Reiter antraff / Adelmunden aber nicht zu Gesichte bekam. Ganasch und seine Gefärthen sprangen alsbald bey Ersehung des Feldherrn von ihren Pferden / und entschuldigten: daß ihr geschwinder und unversehener Aufbruch ihnen nicht persönlich Abschied zu nehmen verstattet hätte. Nach[639] gewöhnlichem Wort-Gepränge zohe der Feldherr den Hertzog Ganasch auf die Seite /und fragte: Was doch die Ursach seines so plötzlichen Aufbruchs wäre / da doch numehr mit den Römern wegen des allgemeinen Friedens zu handeln / und andere wichtige Geschäffte / daran die Wohlfahrt Deutschlandes hienge / noch zu erörtern wären. Ganasch antwortete: Er hätte mit Ehren den folgenden zu seiner Tochter Heyrath besti ten Tag in Mattium nicht erwarten können; nachdem Hertzog Arpus zu ewigem Schimpfe des Chaucischen Hauses eine Ursache vom Zaune gebrochen hätte / seine Tochter zu verschmähen / umb für Catumern eine reichere Braut an Marbods Tochter zu erkiesen. Der Feldherr versetzte: Er käme eben zu dem Ende ihm diesen Irrthum zu benehmen und zu versichern; daß auf den nechsten Morgen Catumer mit Adelmunden feyerlich solte vermählet werden / wenn Ganasch nur eine erträgliche Bedingung belieben wolte. Ganasch fragte: Was denn diß für eine seyn solte; welchem der Feldherr beybrachte: daß ihr Adelmunde belieben lassen wolte /im Fall sie in fünf Jahren über alle Hoffnung nicht schwanger würde / sich in das Aurinische Heiligthum zu verloben. Dem Hertzoge Ganasch stieg hierüber das Geblüte ins Antlitz / und er fieng an: Ich wolte meine Tochter ehe alsbald in diß scheinbare Gefängnüß einsperren / oder sie / wie Agamemnon mit seiner Iphigenia und Marius mit seiner Tochter Calphurnia gethan haben soll / blutig aufopfern / ehe ich mit den Catten / derer Geblüte ich keines Haares besser als der Chauzen schätze / solche schimpfliche Verbindung eingehn / und denen / welche unter des unschuldigen Cariovalda Nahmen Astreen zu einem so grausamen Laster bestochen / meine Tochter zu vergiften in die Hände spielen solte. Der Feldherr brach ein: Wer denn diese ruchlose Leute wären? Er möchte sie zu gerechter Straffe und umb die Unschuld alles Verdachts zu befreyen doch nicht verschweigen. Ganasch begegnete ihm: Kleine Verbrechen würden nur gestrafft / grosse aber würden nur zu Tugenden / wie die ihres gleichen verschlingenden Schlangen zu Drachen; und würden belohnet. Zu dem mangelte offtmals einem / der das beste Recht hätte / der Beweiß /und also wäre es besser sein Unrecht verschmertzen /als ohne Frucht zu ahnten. Der Feldherr hielt ihm ein: Es wäre kein gemeiner aber auch kein gefährlicher Irrweg im menschlichen Leben / als Argwohn. Wer darinnen am scharffsichtigsten zu seyn ihm einbildete /der würde am leichtesten wie die Sternseher durch die Fern-Gläser betrogen / welche die im Glas oder in ihren blöden Augen befindlichen Flecken den reinesten Sternen eindrückten. Er wolte für die wohlmeynende Redligkeit des Cattischen Hauses stehen /und die Zeit als der gröste Verräther der Heimligkeiten würde den Anstiffter eines so abscheulichen Lasters eben so wenig als Wolcken und Nebel die Sonne immer verhüllen lassen. Wenn aber auch Hertzog Ganasch des Cattischen Hertzogs Bedingung so gar für verwerfflich hielte; traute er auch noch diesen Stein des Anstosses aus dem Wege zu räumen / und daher möchte er doch wieder zurück kehren. Neue Freundschafft wäre wie Most / der süsse eingienge / aber mit Schaden truncken machte. Alte Freunde und alter Wein aber wären zwar herber / iedoch gesünder und beständiger. Ganasch aber antwortete: Seine Ehre /welche die Seele des Lebens wäre / liesse ihm nicht zu nach einer solchen Beleidigung einen Fuß zurück zu setzen. Der Feldherr fiel ein: Diese Umbkehrung würde mehr für ein Zeichen verträulicher Freundschafft gelten / als für eine unanständige Reue können ausgedrucket werden. Zu dem / es wäre besser mit gutem Vortheil[640] zurück treten / als mit Gefahr seinen Lauff vollenden und mit Schaden seinen Muth abkühlen. Offt wäre es auch eine Klugheit Schwachheiten zu zeigen / daß man das Glücke seinen Zweck zu erreichen dadurch erleichterte / und rühmlicher ohne grosses Geschrey gewinnen / als mit dem Ruffe eines trefflichen Spielers verlieren. Denn ein gewünschter Ausschlag vergüldete alle Brüche schlechter Anstalt /wie die guten Sänger und Täntzer eine schlechte Schaubühne. Dahero denn noch niemals iemand an seinem guten Nahmen Schiffbruch gelitten hätte / der mit Siege aus der Schlacht kommen wäre. Hertzog Ganasch entschuldigte sich: In der Welt gäb es allzu seltzame Köpfe / viel Augẽ / die eine Sache auf zweyerley Art aussähen / und die meisten Zungen wären geneigt übel zu urtheilẽ. Eine einige Verleumdung hätte Vermögens gnug einem einẽ solchen Schandfleck / mit denen sich der Pöfel so gerne als der Roß-Käfer mit seinem Mist weltzte / anzuhencken / welchen er sein Tage durch Wohlverhalten nicht auswischen könte / also daß offt eine schlimme Nachrede mehr Schaden nach sich züge / als ein grosses Versehen / weil das Böse gar zu gerne geglaubt würde / und schwerer als Eisen-Maale auszulöschen wäre. Damit er aber einen so grossen Fürsten nicht vergebens und mit anderm Vorwande aufhielte / wolte er kein Blat für den Mund nehmen / sondern seiner deutschen Aufrichtigkeit nach entdecken: daß Adelmunde nicht mehr Catumers / sondern Cariovaldens Braut wäre. Der Feldherr erschrack hierüber mehr als seine Gewohnheit war; weil er aus diesem Bündnüsse eine ewige Trennung und Tod-Feindschafft zwischen den Catten und Chauzen erwachsen sahe / darein unvermeidlich die Cherusker eingeflochten / und gantz Deutschland in Zerrüttung gestürtzt werden müste. Daher redete er den Chaucischen Hertzog mit ziemlicher Bewegung an: Er möchte sich in einem so wichtigen Wercke / welches seiner Nachkommen Heil auf dem Rücken trüge / nicht übereilen; sondern es dreymal überlegen / ehe er es einmal entschlüsse. Der Catten Freundschafft und Feindschafft wäre keinmal ausser Augen zu setzen / und er glaubte in seinem Leben nichts heilsamers ausgeübt zu haben / als daß er ihre ewige Zwytracht mit seinen Cheruskern beygelegt. Hertzog Arpus hätte gleichwohl wegen verlauteter Unfruchtbarkeit Adelmundens mit seines einigen Sohnes Heyrath sich nicht zu übereilen Ursach gehabt. Was aber auf Vernunfft gegründet wäre / liesse sich nicht bald für Unrecht annehmen. Niemand müsse in menschlicher Gemeinschafft / am wenigsten aber Freunde die Eigenschafft zerbrechlichen Glases noch die Zärtligkeit der kein Anrühren vertragenden Augen / sondern das Mittelmaaß eines Diamants in der Tauerhaftigkeit und Widerstehung haben. Wenn aber auch schon Hertzog Arpus mit seiner Vorsicht ein wenig zu weit gegangen wäre / hätte man solches für einen Fehler / nicht für eine Beleidigung auszulegen /auch seine Erklärung darüber nicht zu verwerffen. In wohl überlegten Schlüssen möchte der Wille unveränderlich / aber unser Urtheil wider bessere Meynungen nicht hartnäckicht / und unsere Einbildung niemals eines Dinges allzu gewiß beredet seyn. Ja wenn man auch wahrhaftig beleidiget würde / solte man doch /insonderheit ein Fürst / keinen Sonnen-Staub einiger Niedrigkeit / worunter Empfindligkeit und Rachgier den Vortrab führten / ihm in Sinn kommen lassen /sondern wenn Treue / Großmüthigkeit und Höfligkeit in der Welt verlohren giengen / solte sie doch in edlen Gemüthern ihre Wohnung behalten. Unsere Klugheit müste anderer Unvernunfft / unsere Geduld anderer Vergehung zu statten kommen / und wir niemals unsern[641] ersten Regungen glauben / denn diese redete eine viel andere Sprache als die Vernunfft / mahlte eine Sache viel anders ab / als sie an sich selbst wäre / und wandelte selten einerley Weg mit der Wahrheit. Seine ietzigen Regungẽ riethen ihm ietzt seine Tochter Cariovalden zu vermählen / dem er sie bey aufgeräumtem Gemüthe versagt hätte; und wenn diß sich wieder würde ausklären / würde er für Cariovalden Catumern wüntschen zum Eydame zu haben / dem er sie ietzt zu geben Bedencken trüge. Es wäre eine der grösten Klugheit im Leben / Freunde ihm nicht ungefehr beylegen / sondern erkiesen. Denn eines Zustand und Gaben könten uns mehr dienlich seyn / als tausend andrer Wohlwollen. Jedermann ohne einiges Bedencken wohlthätig seyn / erforderte unsere Höfligkeit; aber wenn man mit einem ein solch Bündnüß zu schlüssen gedächte / müste man zu Uberlegung seiner Beschaffenheit und des Glücks alle Vernunfft zusammen raffen / und die Zeit zum Rathgeber brauchen /also nichts übereilen. Cariovaldens Ankunft hätte an sich keinen Tadel / sondern er wäre guten Fürstlichen Geblüts; sein Glücke aber wäre Catumers nicht zu vergleichen / indem jener in Diensten des Volckes /dieser der Catten Erbschafft wäre. Ob auch Ganasch seine Eigenschaften genungsam und so wohl als des nicht weniger von seiner treuen Liebe als vielen Helden-Thaten bewehrten Cattischen Fürsten geprüfet habe / würde er am besten wissen; aber nicht ausser acht lassen; daß sich iedermann Fürsten nur im Gemählde und mit den besten Farben zeige / als er kan /und dahero schwerer Leute als zu Kauffe stehende Waaren erkennen / auch mehr daran gelegen die Eigenschafften der mit uns umbgehenden Menschen als der Kräuter und Wurtzeln zu ergründen. Mit einem Worte / Ganasch solte den Fürsten Catumer und Cariovalda wol gegen einander auf die Waage legen /und glauben / daß er mit einem oder dem andern seines Hauses Glück oder Unglück abwiegen und erwehlen würde. Hertzog Ganasch aber antwortete gar kurtz: Es wäre niemand / dessen Rath er höher schätzte als eines so grossen und verständigen Fürsten. Allein er hätte alles schon reifflich überlegt Catumern könte er weder Mängel ausstellen / noch ihm einige Schuld beymässen. Aber Hertzog Arpus hätte ihn so geringe / seine Tochter so verächtlich gehalten / und hinterrucks mit Adgandestern so arglistige Rathschläge gepflogen / daß der aller unempfindlichste ihm solche Beleidigung hätte empfinden müssen. Wer einmal derogleichen ungeahntet liesse / reitzete noch geringere ihm es noch näher zu suchen. Solche Antaftungen liessen sich auch mit linden Worten nicht wieder gut machen. Denn der Schweiß des Gemüthes müste mit andern Tüchern abgewischt werden / als der des Leibes. Umb den aufrichtigen Catumer wäre es ihm selbst leid; aber da ihm hieraus eine Kränckung erwüchse / hätte er es nicht ihm / sondern seinem eigenen Vater / und da aus dieser Trennung ferner Unheil erwüchse / Deutschland es alleine dem Arpus beyzumässen. Er wäre aber viel zu aufrichtig / daß er es andere Häupter des Vaterlandes solte entgeltẽ lassen. Ja er hätte nicht nur keinmal die Rathe wider die Beleidiger unter sein Vermögẽ gerechnet / sondern auch für Kleinmut gehaltẽ einẽ beissendẽ wieder beissen. Weil aber die Beleidiger gewohnt wärẽ / den Beleidigten gram zu werdẽ / und er sich von den Catten wenig gutes zu versehen hätte / würde ihm niemand verargen / wenn er für seine Sicherheit einen andern Ancker suchen würde / damit die Chauzen nicht noch einmal einen solchen Uberzug wie vom Tiberius bekommen möchten. Cariovalda wäre aus eben dem Hause / woraus Catumer / wie alle Bataver / von Catten entsprossen. Seine Person wäre bey selbigem Volcke in so grossem Ansehen / daß ihm mehr der Tittel / als die Gewalt ihres Fürsten mangelte. Sein Gemüthe aber[642] hätte er so wohl von Aufrichtigkeit gegen iedermann /von Tapferkeit gegen die Feinde des Vaterlandes / als von Liebe gegen seine Tochter befunden / daß er durch ihn Catumers Verlust reichlich ersetzt glaubte. Uber diß wäre es mit ihm schon eine geschlossene Sache / und darüber von einem so grossen Fürsten kein Wort mehr zu verlieren / weil diese allzu köstlich wären / er aber ihm mehr Gewissen machte über Haltung seines Versprechens zu zweifeln / als Arpus seines zu brechen. Hertzog Herrmann antwortete hierauf: Ich habe gethan so viel als ein Freund / und mehr als der Deutschen Feldherr schuldig ist. Wem aber nicht zu rathen / dem wäre auch nicht zu helffen. Hiemit schwang er sich zu Pferde / und kehrte nicht ohne Verdruß nach Mattium / allwo der Cattische Hof /wegen so geschwinden Aufbruches der Chaucen und nicht genommenen Abschieds / in nicht weniger Verwirrung / Catumer gantz Trost-loß / Inguiomer und Jubil aber aus Beysorge / es würde numehro Arpus mit Marbods Tochter die Heyrath über Hals und Kopf schlüssen / aufs euserste bekümmert waren. Alles dieses verwehrte die Rückkunfft des Feldherrn und die Nachricht; daß Ganasch gegen die Catten grosses Unvergnügen bezeugt / und seine Tochter Cariovalden verlobet hätte. Folgenden Morgen fand sich auch bey Hofe ein Chaßuarischer Edelmann ein / welcher von Segesthen und Sentien Entschuldigungs-Schreiben dem Hertzoge Arpus und andern Fürsten einlieferte /daß des Chauzischen Hertzogs unvermutheter Aufbruch / welcher durch ihr Gebiete seinen Rückweg nehmen wolte / sie mit weggezogen / und persönlichen Abschied zu nehmen verhindert hätte. Ein gemeiner Chaucischer Reiter aber brachte vom Ganasch einen heftigen Brief an Arpus / darinnen er ihn nicht allein des gebrochenen Bündnüsses / sondern auch seinen Hof etlicher massen beschuldigte / daß durch dessen Leute Astree wäre bestochen worden / Adelmunden unfruchtbar zu machen. Hertzog Arpus nam dieses nicht nur für einen Undank gegen so viel genossene Höfligkeiten / und für die gröste Verachtung / sondern gar für eine Ankündigung des Krieges an. Dahero er allen seinen Kriegs-Häuptern Befehl zuschickte / daß sie sich zum Aufbruch fertig machen solten. So bald der Feldherr aber hiervon Nachricht erhielt / verfügte er sich mit Inguiomern und dem Hertzog Jubil zum Hertzog Arpus und hielt ihm ein: Er möchte sich mit keinẽ unnöthigen Kriege übereilen. Ein grosses Gemüthe solte sich nicht bald entrüsten / weniger mit andern brachen. Denn die heftigen Gemüths-Regungen wären das Glat-Eiß der Vernunfft / worauf die Klugheit leicht zu gleiten / und das Glück zu fallen pflegete. Eines Feldhauptmañs Pflicht wäre es / im Kriege keine Gelegenheit zu versäumen /sondern zu schlagen / eines Fürsten aber / daß er alle euser sie Mittel versuche / nicht in Krieg sich einzusencken / dessen Anfang leicht und behäglich /selbten aber zu endigen weder in unser Gewalt noch Willkühr / sondern in unsers Feindes und des Verhängnüsses beruhete. Hertzog Arpus antwortete: Was denn für ein ander Mittel wohl zu ersinnen wäre / das ihm wider den Ganasch wegen so grossen Unrechts Recht verhelffen würde / als durch Krieg. Sintemal ja aller Völcker Recht Fürsten selbsteigene Rache erlaubete wider die / welche in der Welt keinen Richter über sich erkenneten. Gott / welcher die Gerechtigkeit selbst wäre / und die / welche ärger als wilde Thiere ihres gleichẽ antastetẽ / nicht ungestraft wissen wolte / hätte Fürsten nicht nur über ihr Volck und zwischẽ ihrẽ Unterthanẽ / sondern auch ihnen selbst wider andere Fürsten Recht zu sprechen erlaubet; also daß gerechte Waffen so heilig als die Gesetze der Krieg der rechte Arm der Gerechtigkeit und[643] dessen Führung eine der grösten Fürstlichen Tugenden wären / und dahero keines weges übel gethan hätten / daß man aus dem Kriege eine Kunst gemacht / selbten wie andern Wissenschafften gewisse Richtschnuren vorgeschrieben / und die Kriegs-Helden auf die höchste Staffel der Ehren erhoben hätte. Ja / wenn der Krieg aus dem Quelle rechtmäßiger Ursach herrinnete / und nicht außer den Schrancken des Völcker-Rechts schritte /wäre er das lebhaffte Merckmaal / daß Fürsten Gottes Bilder auf Erden wären / welcher wider die Boßhafften mit Hagel / Donner / Mißwachs / Erdbeben / Pest und andere Straffen / ja offt durch gri ige Häupter und Peitschen der Welt / Krieg / und den schrecklichen Nahmen eines Gottes der Heerschaaren führte: GOtt / die Natur / und das sich unterwerffende Volck hätten allerdings Fürsten wider ihre Beleidiger / wie der Vernunfft und Tugend wider die Begierden / Gewalt gegeben / Krieg zu führen. Sintemal wenig Menschen wären / derer Gemüther nicht ein Kampff-Platz der Vernunfft und Begierden abgäbe / die sie als zwey Feinde in einem Leibe beherbergten / derer jene allezeit wie das Feuer die Seele / gegen dem reinlichen Himmel / diese aber zu den besudelten Wollüsten der Erde herabziehen; und also selten in ihr Friede und heimlich Wetter anzutreffen ist; da nemlich die Regungen sich der Herrschafft der Vernunfft unterwerffen. Denn wenn schon diese von jenen bemeistert wäre / und die Begierden den Kapzaum der Vernunfft zerrissen hätten / wendeten sie ihre Waffen wider sich selbst / der Ehrgeitz bestürmte die Liebe / der Geitz besänfftete die Rache; also daß die Seele durch einen steten Bürger-Krieg ärger als das Meer von Stürmen beunruhiget würde. Nichts anders wären die Menschen unter sich geartet. Jeder hätte fast mehr einen Zug dem andern zu Schaden / als sich zu erhalten. Die Ursachen des innerlichen Krieges wären eben auch dieselben / die zwischen ein und dem andern Volcke und ihren Häuptern so grosse Unruh erweckten. Dahingegen die wilden Thiere einerley Art und Geschlechtes niemals so thöricht wären; daß sie sich umb einander zu zerfleischen und aufzureiben versammleten. Sintemal ihre Seele nur einfach / nicht aber wie die menschliche gleichsam in Himmel und Erde aber in zwey Welten zertheilet ihre Begierden mit wenigen / darzu sie die Natur mit einem richtigen Lichte leitete / ihnen auch allenthalben ihre Nothdurfft mit einem unerschöpflichen Uberflusse darreichte / vergnügt / hingegen der menschliche Wille unersättlich wäre / und sein Verlangen weder Ziel noch Maas hätte. Weil nun dieses nicht ohne Versehrung eines andern geschehen kan / diesen aber eben so wol das Verlangen glückseelig zu seyn ins innerste ihrer Seele eingepflantzet ist / ja das erste Gesätze der Natur auf seines Lebens / seiner Freyheit / Ehre und Güter Erhaltung zielet / scheinet die Natur auch zu dem Ende dem Menschen den Verstand / und die Hände / als den Thieren Klauen / Zähne und Hörner /und die Geschickligkeit zu streiten gegeben zu haben / nemlich: daß er nur nicht durch Beschirmung frembde Gewalt / sondern auch durch Angrief anderer Unrecht ablehne. Alleine die Vernunfft hätte dieses Recht nicht einem jeden unter dem Volcke wegen ihrer mehrmals blinden Begierden / und verfinsterten Verstandes / sondern einig und alleine denen / welchen ein Volck ein Theil ihrer Freyheit aufgeopfert um ihrer Gerechtigkeit und Schutzes zu genüssen deßwegen enträumet / weil die Begierden in der herrschenden Zi er keinen Eintritt haben / ihre Gemüther so ruhig als die höchste Gegend der Lufft seyn / und in derselben Rathschlägen die Klugheit allen Entschlüßungen mit ihrem reinsten Lichte vorleuchten solte / denn bey solcher Bewandnüs[644] müste der fürgenommene Krieg allemal recht und auch vorträglich seyn. Wenn aber Geitz oder Rache selbten anzündete / wenn man umb ein beschwerliches Wort / und wenig Stangen Erde oder eine geringe Bach / und etliche Steinhauffen hundert tausend Menschen auf die Schlachtbanck lieferte / schlüge die Wage der Gerechtigkeit greulich über / und der unglückliche Ausgang ins gemein einen bloßen; da doch jeder Fürst allemal zu behertzigen hätte: daß er zwar im Leibe des Reiches das Haupt / der geringste aber aus dem Pöfel sein Mitglied wäre. Arpus brach ein: Er wolte die gantze Welt urtheilen lassen: ob Ganasch ihm durch sein Verfahren nicht zu viel gethan / und seine Ehre welche allein in anderer Leute Einbildung von seiner Fürtrefligkeit bestünde / angetastet hätte. Ob sein Schäumen und Dräuen was anders als Vorboten seiner Feindseeligkeit wären / und also die Ergreiffung seiner Waffen nicht mehr den Nahmen einer Nothwehre / als eines Anfalls verdiente? Einem Fürsten läge nichts mehr ob / als seinen guten Nahmen von allen Flecken der Verunehrung zu saubern. Denn diese wäre die Seule seiner Krone / mit welcher des Volckes Wolfahrt stünde und fiele. Der Feldherr begegnete ihm: Er wolte nicht sagen / daß Ganasch aus aller Schuld wäre / ins Hertze könte er ihm auch nicht sehen / ob er solche Feindseeligkeit im Schilde führte. Seinem Urtheil nach aber wäre des Chaucischen Hertzoges Beginnen mehr einer Verachtung / als einer Beschimpfung ähnlich / welche zwar schmertzte / aber uns keinen Schaden thäte. Gegen ihn hätte er sich auch ausdrücklich erkläret / daß er seiner Tochter vermeinte Verschmähung zu rächen nicht begehrte / und die Staats-Klugheit würde ihm schwerlich einen neuen Krieg rathen / da die Chaucen und Sicambrer noch mit dem Römischen beladen wären. Die Ehren-Antastung eines Fürsten / da man nemlich ihm das Hefft der Herrschafft streitig / auf seine Länder Anspruch / seinen Reichs-Apfel wurmstichig und unansehnlich machte / und dadurch seine Unterthanen vom Gehorsam abzuziehen / seine Nachbarn ihm in die Haare zu hetzen anzielete / wenn man andere uns geneigte oder verbundene Fürsten oder sich unter unsern Schirm begebenden Völcker überzüge / wäre freylich wol eine erhebliche Ursache eines Krieges / und rechtfertigte unsern ersten Angrief. Denn wenn ein Fürst hierzu ein Auge zudrückte / verliere er dadurch so viel als Kauffleute durch ihren Glauben. Das Ansehen aber eines Reiches offt mehr / als seine Macht die Herrschafft / wie der Glaube mehr als Geld die Handlung unterstützte. Wenn aber nur eines Fürsten seine natürlichen oder Gemüths-Gebrechen für gerückt /oder von seinem Thun verkleinerlich geredet würde; lohnete es nicht für die Müh und Kosten so viel Geld und Menschen-Blut deßwegen zu verschwenden. Denn dieses Geschrey thäte der Würde der Krone /der Ehre / der Herrschafft und dem Wolstande des Volckes keinen Abbruch / ja diese Beschmitzung ließe sich nicht durch den allerglücklichsten Krieg /sondern vielmehr durch des verachteten Fürsten kluge Anstalten und Wachsamkeiten abwischen. Hertzog Arpus brach ein: Die Gewonheit hätte nicht nur das Recht eingeführet dergleichen das Maas einer bloßen Verachtung weit überschreitenden Beschimpfung mit den Waffen zu rächen / sondern Pöfel und weise Leute wären auch darinnen einig / daß die Ehre ein solch unschätzbar Kleinod sey / welches zu erhalten nichts müste unterlassen werden. Und da wegen eines verunehrten Botschaffters alle Völcker / ja auch einzele Leute für Recht hielten ihr Unrecht durch Krieg oder Zweykampff zu rächen / wie könte solche Rache beleidigten Fürsten für Mängel ausgestellet werden? Wenn es aber auch gleich nur den Nahmen einer Verachtung haben solte; thäte doch diese weher / als eine Beschädigung[645] ja diese wäre leibeignen Knechten so empfindlich: daß sie lieber wolten mit Ruthen gepeiniget als mit Maulschellen gezüchtiget seyn. Der Feldherr fiel ein: Allerdings wäre der aus Verachtung entspringende Schmertz nur eine Regung niedriger Gemüther / Grosse aber verlachten sie wie Löwen das Anbellen der kleinen Hunde. Die Beleidigung der Botschaffter aber giengen nicht nur der Fürsten Person / sondern ihre Hoheit und ein Reich an; weil nun diese Leute die einige Werckzeuge wären zwischen zweyen Völkern Gemeinschafft zu unterhalten / ließe sich zu ihren Beleidigungen nicht leicht ein Auge zu drücken. Uberdis wären auch hundert der wichtigsten Ursachen zu Anhebung eines Krieges nicht genung /sondern kein kluger Fürst solte den Degen ausziehen /wenn er nicht aus Uberlegung seiner und der feindlichen Macht / ihrer Bündnüsse / und allen Umbständen vernünftig muthmaßen könte / daß selbter ihm rühmlich / seinen Unterthanen erträglich / und seinem Reiche nützlich seyn würde. Denn das gemeine Heil wäre das oberste Gesätze der Fürsten; alle andere /welche nicht aus diesem Brunnen den Ursprung hätten / wären After-Geburten und verwerflich. Nun wolte er zwar nicht widersprechen / daß die Kräfften der Chaucen denen der Catten nicht gewachsen wären. Aber von denen für einem Hahnen-Geschrey sich erschütternden Löwen / und denen für einer Ratze lauffenden Elefanten / hätte ein Fürst zu lernen / daß niemand so starck wäre / welchem nicht ohnmächtige Werckzeuge Gefahr erwecken / oder ihn zum wenigsten beunruhigen könten. Uberdis solte nur Hertzog Arpus die Augen auf den gegenwärtigen Zustand Deutschlandes werffen / da auf einer Seite die Römer / auf der andern Marbod die deutsche Freyheit zu verschlingen lüstern wären. Würde nun er mit seinen Catten den Chaucen in Rücken gehen / so würden die Sicambrer der Chaucischen Hülffe entblöst seyn / und weil die vom Marbod und Germanicus beliebte Friedens-Handlung nur ein Spiegelfechten wäre / die Catten über beyde streitbare Völcker gewonnen Spiel haben / oder jene doch eine den Catten und Cheruskern schädlichen Frieden einzugehen nöthigen / ja so denn den Römern einen scheinbaren Vorwand geben; den Chaucen als ihren neuen Bundsgenossen Hülffe zu leisten / und sich an die Catten aufs neue zu reiben. Darzu denn Cariovalda wegen des zwischen den Batavern und Römern obhabenden Verständnüsses nicht feyern würde Oel in das Feuer zu gießen / Marbod aber sich wieder die bedrängten Catten seines Vortheils zu bedienen / und von dem fallenden Baume auch Aeste aufzulesen trachten. Der Feldherr nam hiemit seinen Abschied / und bat / Arpus möchte diesem allem nachdencken / und glauben / daß man öffter durch Ubereilung als durch Langsamkeit sich vergienge / und in Unheil stürtzte / ja das Glücke ihm gleichsam ein Kurtzweil-Spiel aus grosser Fürsten Demüthigung machte. Hertzog Ingviomer und Jubil stimmeten dem Feldherrn bey / und erinnerten den Cattischen Hertzog / daß wolgemeinter Rath treuer Freunde / für welchen er den Feldherrn so vielfältig erkennet hätte / für eine halbe Wahrsagung / hingegen wenn das Verhängnüs einem Fürsten die Ohren verstopffet selbten nicht anzunehmen / für einer Herrschafft Todes-Zeichen zu halten wäre. Wiewol nun Arpus vermeinte / daß Furcht ein Heil-Mittel unvernünfftiger Thiere / nicht der Fürsten wäre / brachten sie es doch so weit / daß Arpus ohne ihren guten Rath des Krieges halber nichts ferner fürzunehmen willigte. Gleichwol[646] aber war er nach Art der meisten Fürsten und der Liebhaber furchtsam und argwöhnisch gegen den Hertzog Ganasch. Daher er ihm nunmehr gäntzlich fürsatzte mit Adgandestern die Heyrath zu schließen / in Meinung / daß / nach dem Adelmunde nunmehr Cariovalden zu Theile worden wäre / Catumern nach dem nicht mehr die Zähne wäßrig seyn würden /worzu ihm die Mutter aller Lüsternheit / nemlich die Hoffnung gantz verschwunden wäre. Allein so eifrig vorhin Adgandester dieses Heyraths-Werck getrieben hatte / so kaltsinnig war er darinnen: Wenn gleich Arpus was hiervon aufwarff / brachte Adgandester was anders darein; so daß Arpus hierüber unwillig ward / und mit Adgandestern das Gespräch abbrach /dem Grafen von Hohenstein aber befahl / er solte von Adgandestern ein für allemahl vernehmen: Ob er Willen und Vollmacht hätte / seines Königs Tochter zu vermählen oder nicht? Denn Adgandester käme ihm von drey Tagen her so verändert und so verdächtig für: daß er nicht wüste / was er von ihm urtheilen solte. Es wäre aber wider die Waffen solcher Künste zu kämpffen am sichersten sich keiner Kunst zu gebrauchen; sondern weil die unvermummte Aufrichtigkeit die stärckste wäre / der heilsamste Rath gerade zuzugehen. Adgandester suchte gegen dem Hohenstein allerhand Ausflüchte; und als dieser von ihm eine richtige Erklärung forderte / bat er umb Aufschub. Hohenstein aber sagte ihm rund heraus: daß Hertzog Arpus selbigen Tag entweder ja oder nein zu wissen von nöthen hätte / umb auf allen Fall seinen Entschlüßungen ein ander Ziel und Maaß auszuflecken. Die Deutschen wären nicht gewohnt so lange hinter dem Berge zu halten / sondern ihnen alle Vertröstungen verdächtig / wo die Erklärung selbst nicht aus der Schale kriechen wil. Insonderheit müste was besonders darhinter stecken: daß Adgandester diß hinter die Decke des Aufschubs verstecken wolte /was er zum ersten so eifrig auf den Teppicht gebracht. Adgandester ließ sich hierauf heraus: weil man ihn so sehr preßte / müste er nur gestehen: daß weder seines Königs Ansehen / noch seine Sicherheit nunmehr die Heyrath zu schlüssen verstattete / nachdem er vom Hertzoge Ganasch schrifftliche Nachricht / welche er zugleich hervor zohe / erlangt hätte: daß Hertzog Arpus durch den Feldherrn / als er schon von Mattium aufgebrochen gewest / seinen Sohn Adelmunden aufs neue hätte antragen lassen. Weil aber selbte schon dem Fürsten Cariovalden verlobt wäre / und nach wenigen Tagen in dem Eresburgischen Heiligthume ihm vermählet werden würde / gewinnte es nunmehr den Schein / als wenn König Marbods Tochter Catumers Nothnagel seyn solte. Daher würde ihn Hertzog Arpus nicht verdencken: daß er dis / was doch Marbod auch von Segesthen und Sentien erfahren würde /umb sich außer Verantwortung zu setzen / an seinen König / jedoch ohne Aufmutzung / berichten müste. Denn jede Zeit schlüge ihre besondere Müntze. Einmahl würden wolgemeinte Sachen gelobt / treue Dienste belohnet / das andere mahl gescholten und gestrafft. Hohenstein brachte dis nicht nur dem Hertzoge Arpus / sondern auch Catumern bey. Wie empfindlich es nun jenem war / so sehr vergnügte es diesen; sonderlich weil Adgandesters Nachricht von Adelmundens zu Eresberg angestellter Vermählung mit einer ihm eine Stunde vorher durch einen Chaßuarier zugebrachten unbekandten Hand übereinsti te / und ihme zugleich die Zeit des Neumonden benennte.Catumer foderte alsbald den Grafen von Solms und Isenburg zu sich / und befahl ihnen dreyhundert der auserlesensten Cattischen Ritter / und darunter etliche / welchen die Gegend umb Erensburg wolbekandt wäre / zusammen und geraden Weges an die / wie der Tagus und Pactol Gold-Körner führende Eder zu ziehen / allwo er ihrer zu Sassenberg gewärtig seyn würde. Er selbst nam nur den Grafen von Witgenstein und Lichtenberg neben zehn theils Cheruskische theils Cattische Ritter zu sich / riet noch selbigen Abend stillschweigend aus Mattium / und kam den dritten Tag nach Sassenberg. Weil er nun die Nachricht erhielt / daß zwey Tage vorher Ganasch und Segesthes daselbst durchgezogen wären / schickte er den Cheruskischen Ritter Willich und Bielefeld über den Fluß Dymmel vom Ganasch /Segesthen und Cariovalden einige Nachricht zu bringen. Folgendẽ Morgen fanden sich Solm und Isenburg mit vierdtehalb hundert auserleseneñ Rittern zu Sassenberg ein; weil die Begierde ihrem Fürsten zu dienen die Zahl vermehret hatte. Den andern Tag darauf kam Willich von Roden zurück / und berichtete / daß Ganasch und Segesthes sich daselbst getrennt / dieser mit Cariovalden und Sentien sich nach seinem Schlosse Fürstenberg begeben / Ganasch aber mit seinen Chaucen in das ihm vom Segesthes angewiesene Schloß Warburg eingezogen wäre. Daselbst wäre die gemeine Rede / daß auf den Neumonden / welcher auf die dritte Nacht einfiel / Adelmunde in dem nur anderthalb Meilen davon gelegenen Eresburgischen Heiligthume dem Cariovalda vermählet werden solte. Dieses bekräfftigte der drey Stunden darnach zurück kommende Bielefeld / welcher selbst in Forstenberg gewest war / und den Hertzog Ganasch daselbst mit dem Grafen von Spiegelberg / welcher im Nahmen Segesthens ihn daselbst bediente / gesehen hätte. Catumer war hierüber sehr froh / hielt sich noch einen Tag in Sassenberg so eingezogen / daß er keinen Menschen weder aus noch ein ließ / und befahl / daß jeder sich aufs beste zum Streite versehen solte. Er brach aber mit der Nacht auf / und kam / wie finster es auch war / vermittelst seiner Wegweiser umb Mitternacht an den Ort / wo der aus der obersten Spitze eines Felsens Spiegel-helle Brunn des Stromes / welcher oberhalb Erensberg sich mit dem Dymel-Flusse vereinbart / entspringet. Weil er nun seine Leute und Pferde nicht übertreiben wolte / ließ er etliche Gewende davon in einem Dorffe sie verblasen; er aber stieg mit dem Grafen von Solm und einem Cheruskischen Ritter den Felsen hinauf / um bey diesem seiner Heiligkeit wegen berühmten Brunnen GOtt umb glückliche Ausführung seines Vorhabens anzuruffen. Daselbst fand er zwey weißgekleidete Leute / welche Wasser schöpfften. Auf Catumers Frage sagten sie; daß sie zwey Priester des Eresbergischen Heiligthums wären / und daselbst zu einem grossen Feyer und Opffer Wasser holen müsten. Catumer fragte: ob sie in selbigem Heiligthume kein näher Wasser hätten / daß sie es auf vier Meilweges holeten? In allewege; antwortete der älteste. Die Natur hätte selbtes mit unterschiedenen Strömen und Brunnen umbgeben / und eben das hier entspringende Wasser flüsse bey ihrem Heiligthume vorbey. Alleine GOtt dienten so wenig alle Wasser / als alle Thiere zum Opffer. Dieses Brunnens Wasser aber wäre eines der heiligsten in der Welt / daher auch die / welche es zu gemeinem Trincken oder Waschen verbrauchten / selten ohne Unglück davon kämen. Catumer danckte für diese Nachricht und Warnigung / jedoch wäre er nicht aus blossem Vorwitze aus diesem Brunnen zu trincken / sondern aus Andacht hinkommen. Gleichwol aber möchte er wol wissen: ob die Chaßuarier wie die Carier den Brunn Salmatis / die Syracusier den Brunn Arethusa /die Samier einen gegrabenen Brunn der[684] Juno / die Griechen das Quell Hippocrene / die Römer den Brunn der Camönen und der Blandusia göttlich verehrten / diesem Böcke opferten / und des erstern Wasser nur zum Vestalischen Gottesdienste brauchten? Der Priester antwortete: In keinerley Weise eigneten sie auch den heiligsten Brunnen eine Gottheit zu. Sintemal nur eine / und eben dieselbe / welche die Gestirne bewegte / auch die Brunnen entspringen / und die Flüsse ins Meer lauffen ließe. Wenn er aber die rechte Ursache wissen wolte / warumb dieser / und ein Brunn für dem andern / für heilig gehalten würde /solte er sie an dem Felsen lesen. Hiermit nam der Priester seine Fackel / und zeigte Catumern folgende darein gegrabenen Worte:


Ihr Hertzen / die ihr nichts von GOtt und Andacht wißt

Solt diesen Fels fůhln an / und diesen Brunn verehren /

Den nie die Sonn' austrinckt / kein Regen kan vermehren;

Der nie im Winter wächst / im Sommer nie nichts mißt.

Sagt: wenn kein GOtt nicht ist / woher sein Wasser flüßt?

Wer seine Adern säugt / wer aus dem Meere Röhren

Bis auf den Berg geführt / die keine Zeit kan stören?

Wer in dem Abgrund' ihn mit Zucker angesüßt?


Daß er die Lippen tränckt / den Augen dient zum Spiegel;

Der Ohren Säiten-Spiel ist sein geringster Preiß /

Weil ein gottseelig Mensch ihn mehr zu nutzen weiß /

Wenn seine Seele kriegt / wie hier das Wasser Flügel;

Wenn / wie dis Quell Berg-auf / so er zu GOtt sich schwingt /

Aus einem Felsen-Hertz' ein Andachts-Brunn entspringt.


Auf der andern Seite des Brunnen wieß er ihm folgende Reime im Felsen:


Wer dieses Brunnes Aug' in Augenschein genommen /

Und wie sein enger Mund ausspritzet einen Fluß /

So Meer als Weser zinßt des Silbers Uberschuß /

Welch häuffig Schopfen-Vieh in selbten kommt geschwommen /

Wie Sonn' und Heerden hier offt in die Träncke kommen;

Nicht aber 's Aug' aufsperrt / ausrechnet diesen Schluß';

Daß GOtt der Brunnen Brunn / des Guten Quell seyn muß /

In dem muß alles Licht der Weißheit seyn verglommen.


Läßt aus den Nägeln sich von Löwen Urtheil fällen /

Verräthet Nutz und Krafft des Elends Klau' und Horn /

Der Bisam-Maus ihr Schwantz / Granaten-Frůcht' ein Korn /

Ein Punct Euclidens Kunst / ein einig Strich Apellen;

So fl \ßt ein kleiner Brunn uns auch die Weißheit ein:

Wie Schatz-reich die Natur / wie GOtt so groß muß seyn.


Catumer laaß diese Reimen nicht ohne eine sondere Regung der Andacht / und nach dem er drey Hand-voll Wasser aus dem Brunne geschöpfft und getruncken hatte / fieng er an: Es ist wol kein Geschöpfe in der Welt / welches nicht ein Zeugnüs für Gottes wesentliche Warheit ablege / und im Menschen den Zunder der Andacht anzünden könne; aber auf dem Erdboden sind die Brunnen wol eines seiner grösten Wunderwercke / sonderlich aber dieser; welcher auf eines Felsens höchsten Gipffel aus einem so truckenen Munde so viel und so köstliches Wasser (welches auch bey der ersten Welt statt Milch und Wein zu seyn würdig gewest wäre) ausspritzet / also daß der /welcher hier keinen Zug zur Andacht kriegte / steinerner als dieser Fels seyn müste / und mit der Straffe des mitten im Wasser erdürstenden Tantalus belegt zu werden verdiente. Der Priester antwortete: Wie seelig sind die / welche die uns zu seinem Lobe lockende Stimme des auch durch Brunnen mit uns redenden GOttes verstehen und hören! Alleine es wären die meisten Menschen so taub / daß sie weniger als unvernünftige Thiere / oder unbeseelte Geschöpfe höreten. Sintemal die Sterne durch die Herrligkeit ihres Lichtes / die stummen Fische / die tauben Schlangen ihres Lebens halber GOtt preiseten / da die Menschen alleine GOtt fluchten. Die tummen Falcken ließen sich die Jäger so abrichten / daß sie umb zu gehorsamen ihrer Freyheit vergäßen / und aus den hohen Lüfften wieder auf dessen Hand säßen / der ihnen doch mit Verbindung der Augen den Genüß des angenehmen Tagelichts raubete. Die Menschen aber / welche GOtt mit dem himmlischen Lichte des Verstandes erleuchtet hätte / sähen weniger als Maulwürffe / ja vieler gantzes Leben wäre seiner Blindheit halber den ersten neun Tagen junger Hunde / oder denen neun finsteren Monaten in Mutter-Leibe zu vergleichen. GOtt hätte sie mit dem Kapzaume[685] der Vernunfft versorgt / sie wären aber unbändiger und widerspenstiger als kollernde Pferde / und die meisten an diesen heiligen Ort kommenden Leute bey denen lieblichen Rauschen dieses Brunnen tauber / als die am Nil wohnenden Mohren / welche von der schrecklichen Abstürtzung selbigen Flusses ihre Gehöre verlieren sollen. Catumer fieng hierauf an zu fragen: Zu was für einem Feyer sie denn dis Wasser geschöpfft hätten /welchem der Priester zur Antwort gab: Es solte die andere Nacht bey einbrechendem Neumonden Cariovalda ein Batavischer Fürst mit des Chaucischen Hertzogs Tochter vermählet werden. Catumer fieng hierüber an: So wäre er für ihre Bemühung ihnen mehr verbunden / als sie beyderseits gewüst hätten. Warum? sagte der Priester / weil ich / versätzte Catumer Adelmundens Bräutigam selbst bin / und zu Beglückseeligung dieser Heyrath eben allhier meine Andacht verrichten und GOtt für das Geschencke einer so tugendhafften Braut dancken wil. Dem Priester gefiel dis so wol / daß er den im Gürtel steckenden Sprengwedel alsbald herfür zoh / in Brunn tauchte / Catumern damit bespritzte / und zu ruffen anfieng: O seltzame Frömmigkeit eines Fürsten! In welchem Hofe ist diese Andacht nicht erstöckt worden; weil fast alle so wol Brunnen der Boßheit / als Begräbnüsse der Lebenden / und Werckstädte des Todes sind! O tapferer Held! O kluger Fürst! O glücklicher Bräutigam! Andere bilden ihnen ein / weil sie auf Erden für Götter angebetet werden / wäre es ihnen verkleinerlich sich für GOtt zu demüthigen. Wie weißlich aber urtheilest du: daß Gottesfurcht und Gerechtigkeit die zwey unbeweglichen Angelsterne eines Reiches sind / und daß die / welche von GOtt die meiste Gewalt bekommen haben / sich auch GOtt durch Andacht und Gütigkeit am meistern nähern sollen. Wie nützlich opfferst du GOtt die fettesten Färren deiner danckbaren Lippen. Sintemal Dancksagung bey GOtt die kräfftigste Art des Bittens ist; denn wie ein Landwirth den viel Früchte bringenden Acker am fleißigsten pfleget; also reitzet jene die milde Hände GOttes zu mehrer Freygebigkeit an. Ja GOtt wil darumb nur von uns den ihm sonst weder nöthigen noch nützen Danck haben / daß er nur mehr Anlaß habe uns mehr zu geben. Der Priester beschloß seine Rede mit einem Wunsche tausendfältiger Glückseeligkeit. Catumer danckte diesem guten Alten / und beklagte /daß er an diesem einsamen Orte so unvermögend mit einiger Würckligkeit seine Pflicht zu bezeugen / weil Worte mehr ihr Rauch und Schatten / als die Danckbarkeit selbst wären. Hierauf fragte er um alle Beschaffenheit / und wie es in dem Heiligthume bey solchen Vermählungen gehalten würde. Welchem der Priester antwortete: Sie hätten ihm nichts danckwürdiges erzeiget / wenn solches aber auch gleich geschehen wäre / hielten sie es für billiger / daß der Gäber als der Empfanger dafür danckte; weil dieser hierdurch zum Schuldner würde / und durch derselben Annehmung jenem Gelegenheit eröffnete seine Wolthätigkeit anzugewehren. Das auf einem ziemlich hohen und breiten Berge stehende Eresbergische Heiligthum aber hieße eigentlich Hermions-Berg / und wäre für Zeiten des dritten Beherrschers über Deutschland Königlicher Sitz gewest. Diesen Nahmen hätten hernach die Deutschen und Ausländer auf allerhand Art verderbt / und bald Eresberg / Heresberg / bald Hermesberg und Mersberg genennt; insonderheit aber wäre von den Römern ausgesprengt worden: das auf selbigem Berge stehende steinerne und geharnschte Bild des tapfferen Hermion wäre ihr Mercur oder Mars / und würde von den Deutschen angebetet; da doch dieses Bild / welches in der rechten Hand eine Kriegs-Fahn und darinnen eine Rose / in der lincken eine Wage / im Arme einen Schild mit einem Löwen / auf der bloßen[686] Brust einen Beer führte auf Gutachten des aus Egypten in Deutschland kommenden Osiris von seinem Sohne Marsus seinen Nachkommen nur zum Gedächtnüsse und Vorbilde rühmlicher Nachartung wäre aufgerichtet worden. Weil nun bey und umb dieses Bild die Deutschen zu unterschiedenen Jahres-Zeiten allerhand Rennen / Gefechte und Ritter-Spiele gehalten / hätte die andächtige Vorwelt Gelegenheit genommen diesen Ort zu einem besonderen Heiligthume einzuweihen / um das aus irrdischen Ursachen sich daselbst in grosser Menge so offt versammlende Volck zur Gottesfurcht als dem wahren Grunde der Tapferkeit anzuleiten. Sintemal irrdische Ergetzligkeiten ins gemein einen kräftigern Zug über menschliche Hertzen haben / als Andacht. Weil aber die hier des Gottesdienstes pflegende vielmal in ihrem Vorhaben erwünschten Fortgang verspüret hätten / wäre dis Heiligthum eines der berühmtesten in Deutschland / und in der gantzen Welt / wiewol mit falschem Ruffe kund worden; daß sie den Eresberg / wie die Syrier ihren Carmel göttlich verehrten. Insonderheit würden die Bündnüsse / welche man allhier machte / für feste und unzertrennlich gehalten / dazu denn eine ziemlich geraume Höle gewiedmet wäre / darinnen die Heyrathende oder andere sich Verbindende den Eyd leisteten / und ihr Opffer anzündeten; nach dem vorher die Weiber in dem Dymel-Strome / die Männer aber in der Bach / welche gegen Sud den Eresberg bey nahe gantz umbflüsse /sich gebadet hätten. Uber diese zwey Wasser dörffte so denn niemand anders / außer den Priestern / der Verbindung beywohnen. Catumer erklärte sich über so guter Nachricht hoch verbunden zu seyn; und bat /der Priester möchte ihm folgende Nacht wenn er etwan wo irren möchte / mit guter Nachricht aushelffen / und ihn zugleich mit seiner Andacht bey GOtt vertreten. Denn er glaubte: daß man in irrdischen Dingen durch heiliger Leute Gebete zuwellen mehr ausrichten könte / als durch sein eigenes. Und daher wäre einem viel daran gelegen solche zu Freunden und Beyständen haben / welche in dem Hofe des Himmels wol gesehen wären. Der Priester versprach ihm mit seinem gantzen Vermögen zu dienen / und weil beyden ihr Vorhaben das Gespräche zu verlängern nicht erlaubte / namen sie von sammen mit Umarmung freundlichen Abschied. Die Priester giengen mit ihrem Wasser zwischen der Dymel und Itter gerade nach Eresberg zu / Catumer aber wieß der aus diesem Brunnen lauffende Strom die Helffte des Weges gegen Fürstenberg / welches rings umbher mit dem Wisieberger- und Scheide-Walde umbgeben ist. Als es begonte zu tagen / erreichte er den Brunnen des Alme-Flusses. Daselbst theilte er sein Volck. Den grösten Theil nam er / und gieng damit in den Scheide-Wald / durch welche die Strasse von Fürstenberg nach Eresberg gelegt war. Das andere Theil ließ er unter dem Grafen von Solm näher gegen Eresberg rücken und den Dymel-Strom verwahren / daß wenn ja Catumer Cariovaldens fehlte / er daselbst den Catten in die Hände fallen müste. Catumer hielt sich im Walde von der Strasse entfernet und in dem dicksten Gehöltze an einer in die Alme lauffenden Bach verdecket / schickte den Ritter Bielefeld wieder nach Fürstenberg / und ließ etliche wie Kohl-Bauern verkleidete Cherusker nicht ferne von der Strasse auf alle Begebnüsse acht haben. Umb den Mittag brachte ihm einer dieser Kohl-Bauern die Kundschafft; daß die Fürstin Sentia in Begleitung etlicher funfzig Chaßuarier sich auf einer Senffte nach Roden hätte tragen lassen / allwo Hertzog Ganasch und Adelmunde schon selbigen Morgen würde ankommen seyn. Drey Stunden hernach fand sich Bielefeld ein mit Berichte: daß eine Stunde vor Abend Segesthes und Cariovalda ungefehr mit zwey hundert Edelleuten aufbrechen[687] und eben selbigen Weg durch den Scheide-Wald nehmen würde. Catumer machte sich mit seinen Leuten aufs beste fertig / theilte selbte in vier Hauffen / umb auf beyden Seiten vor- und hinterwerts den Angrief zu thun. Isenburg und Lichtenberg solten vorwerts den Anfang machen / er und Witgenstein würden schon am Rücken das ihrige thun; und solten sie alle wol wahrnehmen / daß Segesthes und Cariovalda ihnen nicht entwischten. Catumern ward diese kurtze Zeit zu einem Jahre / endlich aber brachte einer der angestellten Kohlbrenner ihm die Zeitung; Segesthes und Cariovalda wären kein Gewende weit entfernet. Daher er selbst in einem Kohl-Rocke auf einen Baum stieg / und ihren Zug beobachtete. Sie zohen ohne Sorge einigen Feindes vorbey; und ritten Segesthes und Cariovalda in der Mitte ihres Volckes neben einander. Wenige Zeit darnach hörte man ein Getümmel / denn Isenburg grief den Vordrab an. Weder Segesthes noch Cariovalda muthmaßten / daß solches was feindliches wäre / bis der Vordrab mit Verwirrung zu rücke gejagt ward. Lichtenberg fiel hiermit auf der Nord-Seite den Chaßuariern so unvermuthet ein / daß sie kaum Zeit hatten die Waffen zu ergreiffen. Cariovalda sprengte mit seinem Pferde gegen selbige Seite umb den Feinden den Kopff zu bieten. Aber Segesthes / so bald er aus der Tracht und Haaren erkennte /daß die Feinde Catten waren / ruffte Cariovalden: Sie wären verrathen / und also es rathsamer zurück nach Fürstenberg sich in Sicherheit zu flüchten / als durch eitele Ehre der Gegenwehr sich mit einer Hand-voll Volckes in augenscheinliche Gefahr zu stürtzen. Hier mit wendeten sich beyde mit ihrem Nachzuge / sahen sich aber alsofort vom Fürsten Catumer auf einer /und vom Witgenstein auf der andern Seite angetastet /und also zwang sie die Noth und der Mangel aller Ausflucht die Waffen zu ergreiffen. Diese und die Liebe sind die zwey schärffsten Wetzsteine der Waffen / daher ward beyderseits nichts vergessen / was zu einem eifrigen oder verzweifelten Schlagen erfordert wird; sonderlich da die vielen Bäume hinderten: daß Glieder auf Glieder gegen einander nicht treffen konten / sondern durchgehends fast eitel Zweykämpffe gehalten wurden. Catumer / nach dem er auf den Seiten gewisse Catten bestellt hatte acht zu geben / daß niemand entkommen / und dem Hertzoge Ganasch hiervon Zeitung bringen könte / mühte sich aufs euserste Cariovalden in die Haare zu ko en / und so bald er sein ansichtig ward / ruffte er ihm zu: Er wäre Catumer / und dis der vom Verhängnüsse erkiesete Kampf-Platz mit einander auszumachen: wer der würdigste Bräutigam Adelmundens wäre. Diese Ausforderung zündete nicht weniger Cariovalden zur Tapfferkeit an / als sie ihm seinen warhafften Feind entdeckte. Daher machte er ihm gleichfals Raum an Catumern zu kommen. Die Enge des Waldes verhinderte beyde sich der Lantzen zu gebrauchen / also musten sie nach angewehrten Wurff-Spißen nur zu den Schwerdtern greiffen. Beyde aber versätzten alle Streiche so meisterlich: daß diese zwey hertzhaffte Kämpffer die gantze Welt zum Zuschauer zu haben verdient hätten. Nach einem langen Gefechte zersprang Cariovalden der Degen / also Catumer so gute Gelegenheit gehabt hätte ihn aufzureiben / als er Ursache hatte sich an Cariovalden wegen entführter Braut zu rächen. Alleine Catumer hatte so viel Großmüthigkeit als Tapfferkeit / daher wolte er keinem Catten nicht erlauben sich zugleich an Cariovalden zu machen; sondern er selbst hielt auch stille und sagte zu Cariovalden: Er solte ihm einen andern Degen reichen lassen / weil er ihm verkleinerlich hielte sich eines ungewaffneten Feindes zu bemeistern: Cariovalda[688] ward hierüber beschämt: daß er einen Fürsten eines so edlen Geistes beleidiget hatte; gleichwol aber wolte die Heftigkeit seiner Liebe ihm nicht erlauben sich seines Anspruchs an Adelmunden zu begeben. Weil nun im Rathe der Liebe und des Zornes kein ander Beysitzer als die Vollziehung seiner Begierden zugelassen wird / ergrief er einen ihm von einem Bataver zugereichten Degen / und nach dem er zu Catumern gesagt: Ich gestehe es / daß du mich an Glücke und Großmüthigkeit überwindest; aber ich werde bis auf den Tod verfechten / daß mein Vorrecht und meine Liebe gegen Adelmunden dir überlegen sey /fielen sie einander aufs neue wie zwey Löwen an: Alleine wie sich nichts leichter als Hoffnung betrüben läßt / also ward auch Cariovaldens Einbildung zeitlich zu Wasser. Denn nach dem Catumern ein Streich auf seines Feindes Pferd in Hals abgieng / prellte es hinter sich / und stürtzte über eines abgehauenen Baumes Stock über Rücke; daß Cariovalden der rechte Arm aus der Pfanne verrückt ward. Weil nun Cariovalda sich unter dem Pferde nicht herfür weltzen konte / befahl Catumer zweyen Waffen-Trägern ihm auf die Beine zu helffen / und nach wahrgenommenem Schaden ihm den Arm einzurencken. Unterdessen hatte sich auch der Ritter Schallenberg Segesthens bemeistert / und die Helffte der Chaßuarier war schon erlegt / die übrigen in einem engen Kreiße umbringet /also daß ihnen zwar noch nicht allen die Waffen / den meisten aber bey Verlust ihrer Häupter das Hertz entfallen war. Catumer ruffte daher ihnen zu: Sie möchten sich geben / weil er ohne dis keine Feindschafft zu Segesthen und die Chaßuarier / sondern nur gegen den schon gefangenen Cariovalda hätte. Es solte ihnen das wenigste Leid widerfahren. Diese Vertröstung und die Unmögligkeit sich durchzuschlagen nöthigte sie Catumers Erinnerung zu befolgen / welcher denn alle Gefangenen selbige Nacht in diesem Walde aufs sorgfältigste zu verwahren dem Grafen von Isenburg und Lichtenberg anvertraute / und funffzig Catten anbefahl mit denen erlegten Chaßuariern und Batavern die Kleider zu verwechseln. Hierauf fragte er Cariovalden: Ob er sich nunmehr seines Anspruchs an Adelmunden begeben wolte? dieser antwortete: Sein Leben stünde zwar in Catumers Händen / aber in seiner Gewalt nicht Adelmundens sich zu begeben. Catumer versätzte: So werde ich mich denn meines zu ihr habenden Rechtes gebrauchen; welchem Cariovalda begegnete: Glücke und Gewalt kan einem wol eines Dinges Besitzthum / aber kein Recht geben. Catumer / nach dem er gesagt hatte: der Himmel hat heute durch verliehenen Sieg für die Gerechtigkeit meiner Sache das Urthel gefällt / gab seinem Pferde die Sporne / und befahl / daß die auf Chaßuarisch und Batavisch gekleideten Catten ihm folgen solten. Eine Stunde darauf traffen auf ihn ein Hauffen derer dem Grafen von Solm untergebener Catten; durch derer Geräusche sein Anschlag wegen Nähe des heiligen Berges / von dem man auf selbige Fläche sehen konte / leicht hätte verrathen werden können / wenn es nicht schon in der Dämmerung gewest wäre / und Catumers Vorsicht alles zeitlich gestillet hätte. Dem Grafen von Solm / der diese Catten zur Kundschafft ausgeschickt hatte / ward hiervon alsbald Wind gegeben / und er befehlicht / sich nunmehr bis auf drey Bogenschüße selbigem Platze zu nähern. Catumer kam mit seinen Catten an der Dymel an; und waren von dem obersten Priester zu seinem Glücke eben die zwey beym Brunnen angetroffene Priester dahin bestellet / Cariovalden zu empfangen / und ihn nach verrichteter Abwaschung in die heilige Höle zu führen.[689] Diese bewillko ten mit grosser Ehrerbietung Catumern / und unterhielten ihn mit den annehmlichsten Gesprächen /biß etwan eine Vertel-Stunde darnach auf dem Berge mit Anzündung vieler Fackeln ein Zeichen des erscheinenden Neumonden gegeben ward. Hiermit mußte der mittler Zeit nur mit einem Schlaf-Rocke seine Blösse deckende Catumer in den Dymel-Fluß steigen / und daselbst sich biß über das Haupt dreymal untertauchen / und auf der andern Seite heraus steigen; allwo ihn die Priester selbst trockneten / ihm ein schnee-weisses Kleid anlegten; und ihnen baarfüssig zu folgen ermahneten. Sie giengen mit zwey weissen Wachs-Fackeln zuvor; so bald sie aber an den Fels des Heiligthums kamen / muste er mit ihnen aufs Antlitz niederfallen und bethen. Nach diesem stiegen sie den Berg hinauf / allwo auf der mit unzehlbaren Blumen bestreuten Fläche gegen Morgen noch ein absonderlicher Hügel aus einer Klippe zu sehen war. Auf dieser stand das von den Priestern beschriebene Bild Hermions / welches sie ihn eigentlich betrachten liessen / weil die Braut ohne diß noch nicht zur Stelle war; unter diesem Bilde laß der älteste ihm auch die in den Fels gegrabenen Reyme für:


Ihr wilden Sterblichen! die ihr voll Grausamkeit /

In menschlicher Gestalt vermummte Thiere seyd /

Im Munde nichts / als Gifft / im Hertzen eitel Galle /

In Augen Feuer hegt; nicht glaubt: daß Gott gefalle /

Wenn ihr nur Pfeile schleifft / und Spiß' und Schwerdter wetzt /

Und täglich eure Faust mit warmem Blute netzt /

Ja selbst von Bär' und Luchs nicht woll't seyn unterschieden.

Ihr Thör'chten! weicht von hier! Gott ist ein Gott des Frieden.

Er hört hier keinen Wunsch und nimt kein Opfer an /

Von dem / der nicht die Hand in Unschuld waschen kan.

Kein Weyrauch brennet hier / den nicht die Sanftmuth bringet;

Kein Blut ist angenehm / als das aus Lämmern springet /

Und daß ein Wolff kein Lamm hier aufs Altar gewehrt /

Kein Feuer taug hier was / das irrdisch Zunder nährt /

Und nicht von Andacht brennt. Laßt euch hier nicht bethören!

Das Bild / das ihr hier seht / als Gottes Bild zu ehren.

Der grosse Gott läßt sich nicht bilden Ertzt und Stein;

Nichts / als der Mensch kan nur sein Nach-Gemählde seyn /

Wenn sich sein hi lisch Geist mit Unschuld nicht beflecket /

Wenn Geitz und Ehr-Sucht nicht verda te Zwytracht hecket /

Wenn ihn sein reiner Sinn nicht zu der Wollust trägt /

Und er so mit sich selbst / als andern Friede hegt.

Weg / Seufzer! die wie Pech in Brust und Hertze kochen /

Umb daß sich einer nicht genüglich hat gerochen!

Weg / Andacht! welche zielt auf euer Feinde Tod!

Weg / Hände! welche sind von Menschen Blute roth!

Von Raub und Brande schwartz / die fremde Güter liefern

In dieses Heiligthum. Weg! mit den Ungeziefern!

Die nur durch Blut das Land / mit Mord-Lust sich beschwern /

Ja das Gebete selbst in eine Sünde kehrn.

Laßt diß geharnschte Bild euch / Blinde! nicht verleiten /

Laßt seine Waffen nicht euch Anlaß seyn zum streiten /

Noch euch zu Ehrenburg den Wahnwitz nehmen ein:

Es könne sonder Mord kein tapfrer Held nicht seyn;

Es sey der rechte Weg zum Tempel wahrer Ehren /

Gesetze / Bindnüsse / Natur und Recht versehren /

Den Nachbarn fallen ein / umb Kron und Zepter spieln /

Den Blutbegier' gen Stahl in Eingeweiden kühln /

Die Länder äschern ein / die Welt zur Wüste machen /

Die Völcker tilgen aus / und zum Ermorden lachen /

Und endlich Sieg-Gepräng' und Feyer fiellen an /

Wenn niemand lebet mehr / den man zerfleischen kan.

Es ist der starcke Gott ja wohl ein Gott des Krieges /

Der Heeres-Schaaren Herr / ein Held und Fürst des Sieges;

Die trächt'gen Wolcken sind sein Rüst-Haus / wenn sie Glutt

Und Donner-Keile spey'n; ja eine Schwefel-Flutt

Auf böser Leute Köpf' und schnöde Städte regnen.

Die Sterne müssen selbst als Feinde dem begegnen /

Der wider Gott sich lehnt / wenn sich in tödtlich Gifft

Ihr heilsam Einfluß kehrt. Und wen der Blitz nicht trifft /

Den muß der Sturm-Wind falln / das wilde Meer verschlingen;

Die Gräber müssen ihm an's Licht Gespenster bringen /

Des Abgrunds grause Nacht selbst Geister stelln ins Feld /

Wenn Gott zu Felde zeucht und sein Gerichte hält.

Er heißt auch / die er liebt / die Waffen vielmals schärffen /

Läßt Feinde tilgen aus / und Thürme nieder werffen /

Strafft die / die alles nicht verkehrn Brand und Graus;

Läßt Alexandern's Meer zum Durchziehn weichen aus /

Wenn er mit Persen zürnt. Soll Canaan vergehen /

Muß einem Josua die Sonne stille stehen

Den Sieg zu machen aus; und der Trompeten-Schall

Verursacht's Feindes Flucht / der Mauren Nieder-Fall.

Es müssen Helenens zwey Brüder in den Schlachten

Den Römern stehen bey. De Gänse halten Wachten /

Wenn's Capitol schläft ein. Der Weiber zarte Brust

Beseelt ein Månner-Hertz / und kühne Waffen-Lust /

Wenn Gott besti t aus Rom ein Haupt der Welt zu machen.

Allein er billigt nicht / wenn Menschen sich in Drachen /

In ärgste Panter-Thier / in Habichte verstelln;

Wenn Krieg' aus Herrschens-Sucht und gift'ger Rache quelln;

Wenn Willkühr Recht vertritt / und frembde Reiche rauben /

Der Fůrsten Tugend heißt; wenn man Vergleich auf Schrauben[690]

Zu einer Falle stellt; durch seine Waffen nicht

Sucht Recht und Sicherheit; wenn man vom Zaume bricht

Ursachen Krieg zu führn / und Frieden abzubrechen;

Blut-Freundschafft zu versehrn / der Völcker Recht zu schwächen;

Wenn man die Tugend auszurotten sich nicht scheut;

Ja mit den Riesen selbst dem Himmel Sturm andreut.

Gott billiget den Krieg / und heißt die Schwerdter schleiffen

Auf diese / die ihm selbst an Augen-Apfel greiffen;

Die sein Erkäntnüß-Licht sich zu verfinstern mühn;

Der Tugend setzen zu / die Unschuld überziehn.

Er schaffet: daß der Stahl so wohl zu Pfeil und Degen /

Als Eisen zum Gebrauch der Pflugschaar' und der Egen

In den Gebürgen wächst. Und ob der Mensch gleich nicht

Gewaffnet von Natur / vertritt bey ihm das Licht

Der heiteren Vernunfft / doch stärckster Löwen Rachen /

Der Tiger-Thiere Klau / den gift'gen Dampf der Drachen /

Der wilden Ochsen Horn / der Elephanten Zahn;

Die lehrt euch: daß man Spiß' und Schwerdter schleiffen kan;

Daß man aus Stahl und Haar weiß Bogen zu bereiten;

Aus Riemen Schleudern macht; daß man aus Därmern Seiten

Aus Seiten Seenen dreht; durch Böcke Mauern zwingt /

Und durch geflügelt Schilff den Tod zum flügen bringt.

Gott heißt das Vaterland mit Waffen euch beschützen;

Und die fürs Volckes Heil ihr edles Blut versprützen /

Sind Ritter seiner Fahn / ein Werckzeug seiner Macht;

Und ihre Beute wird mit Fug hieher gebracht

In diß sein Heiligthum. Kein Opfer / das hier rauchet /

Kein Weyrauch / den man sonst Gott zu versöhnen brauchet /

Kein Lamm und Farren-Fleisch / kein Oel reucht Gott so gut /

Als wilder Feinde Fleisch und schuldig Menschen-Blut.

Hier stehet Hermion! Ihr Helden! euch zum Bilde:

Das euch sein Beyspiel lehrt / wie man mit Schwerdt und Schilde

Kan heilig gehen umb / und wie zu kriegen sey:

Daß eure Bilder man setzt Heiligthümern bey.

Die Wage / die diß Bild in seiner lincken träget /

Lehrt: daß / wer eh' er kriegt / sein Recht nicht überleget /

Blind in sein Unglück rennt. Die Ros' im Fahne stellt

Diß Bild des Friedens für / den man durch Krieg erhält /

Wie jene durch den Dorn. Der Löw' in seinem Schilde /

Der Bär auf seiner Brust / dient euch zum Ebenbilde:

Daß eines Löwen Hertz und eines Bäres Krafft

Der Fürsten Kleinod sey / der Helden Eigenschafft.

Doch ist das Feld rings umb mit Blumen überschüttet /

Weil Tapferkeit nicht stets als wie ein Unmensch wůttet.

Der Sanftmuth Blumwerck muß sich Lorbern flechten ein /

und Krieg die Saate nur der Friedens-Erndte seyn.

Folgt diesem Hermion! ihr Götter auf der Erden!

Doch muß sein Vorbild euch durchaus kein Abgott werden.

Denn Aberglaube macht die schärffste Klugheit blind.

Die Säulen Herculens / Achillens Bilder sind

Als Lichter ihres Thuns der Nach-Welt aufgesetzet.

Wer / wenn er sie schaut an / mit Thränen 's Antlitz netzet /

Und tieffe Saufzer läst / daß er es beyden nicht

Noch hat zuvor gethan / in dem brennt 's Tugend-Licht.

Sein Hertze kan nicht ruhn / Gefahr kan ihn nicht schrecken /

Kein Riegel halten auf / was grosses zu vollstrecken;

Der krönt mit Ruhm sein Haus / mit Lorbern Sarch und Grab /

Und gibt der Nach-Welt selbst ein herrlich Vorbild ab /

Wie Hermion allhier. Aus seiner Thaten Ruhme

Rührt her: daß Bresberg Gott ward zum Heiligthume

Und ihm zur Ehrenburg. Wer seinen Fuß-Pfad drückt /

Dem ist iedweder Berg zur Ehrenburg geschickt.


Alleine Catumer hatte wenig Gedancken bey diesen Reimen / sondern sein wegen der so lange außen bleibenden Adelmunde unruhiges Hertze stieß einen tieffen Seuffzer nach dem andern aus. Dem in der Höle wartenden obersten Priester ward die Zeit gleichfals lang; daher er einen Priester an die Bach schickte die Ursache des so langen Außenbleibens zu vernehmen /welcher in kurtzer Zeit mit der Nachricht zu rücke kam: daß Adelmunde in der Bach bey nahe ertruncken wäre / wenn sie nicht die Priester heraus gerissen hätten. Nach dem sie nun zwar errettet wäre / und wieder Lufft schöpffte / weigerte sie sich ins Heiligthum gutwillig zu gehen; weil sie zu dieser Eh niemals ihren Willen gegeben hätte / und ehe in des Todes als Cariovaldens Armen gerathen wolte. Der oberste Priester hielt dis Catumern als dem vermeinten Cariovalda für; und zugleich ein: daß dieses Heiligthum keinen Zwang vertrüge. Catumer antwortete: Sein Gemüthe hätte eben die Eigenschafft dieses Heiligthums. Deñ er wolte ehe ein Gelübde thun nimmermehr zu heyrathen / als eine wider ihren Willen zu ehligen. Sintemal der nicht aufrichtig liebte / wer von seiner Geliebten etwas / das ihr zu wider wäre / verlangte. Ja der Zwang wäre der rechte Krebs der Liebe / welcher auch der zum Theil schon beraseten die Hertz-Wurt zel abbisse / und sie nicht nur zernichtete / sondern in gifftigen Haß und Galle verwandelte. Daher möchte der oberste Priester Adelmunden nur für sich beruffen / mit der Versicherung: daß wenn dis ihr beständiger Vorsatz wäre / und sie selbten an[691] dieser heiligen Stelle in seiner Anwesenheit fürbrächte / wolte er nimmermehr ihr etwas von Liebe sagen / weniger sich ihr zum Ehmanne aufdringen. Alles dieses ward beliebt /und die durch solche Erklärung nicht wenig getröstete Adelmunde in die heilige Höle gebracht / welche von dem darinnen brennenden Opffer-Feuer / von welchem der Rauch eben durch ein in den Fels gehauenes rundtes Loch ausfuhr / erleuchtet. Catumer trat auf der andern Seite hinein / und damit Adelmunde ihn desto eigentlicher erkennen konte / nam er Adelmunden bey der Hand / führete sie nahe zum Opfer-Feuer / und fieng an: Schönste Adelmunde / ist es ihr Ernst gegen dem so kalt zu seyn / dessen Seele eine feurigere Werckstatt ihrer Liebe ist / als dieser Herd! in dessen Hertze viel reinere Flammen brennen / als diese heiligen / welche unser Opfer Gott zu einem süssen Geruche machen solten! Sintemal meine keinen Rauch einiger Falschheit in sich haben / wie diese doch Gott gefälligen. Wilst du mit deiner Gegen-Liebe eckeler /als Gott mit seiner Wohlthätigkeit seyn? Zweifelst du an meiner Aufrichtigkeit; so würdige nur mein Antlitz recht zu betrachten. Meine Augen werden dir nachdrücklicher als die Zunge die tieffsten Geheimnüsse meines Hertzens entdecken. Meine Blicke werden dir die Begierden meiner Seele edler und lebhafter ausdrücken / als meine todte Worte. Würdige mich nur eines einigẽ Anblicks / so werdẽ deine Augẽ / welche sich selbst nicht sehn / in meinen als einem Spiegel /sie und dich selbst / ob du nicht meine holde Braut seyst / erst recht erkennen lernen. Die von Leid und Schwermuth fast ausser sich selbst versetzte Adelmunde hatte Zeither ihre Augen allezeit zur Erde niedergeschlagen / und Catumers Stimme nicht erkennt. Seine letzten Worte aber machten ihr ein Nachdencken / und verursachten; daß sie einen Blick auf ihn warff / und er ihr wie Catumer vorkam. Weil sie aber nicht ersinnen konte / wie Catumer hier die Stelle Cariovaldens vertreten könte / mißtrauete sie ihren Augen / und hielt es ihre Einbildung entweder für einen Traum / oder eine Bländung ihrer Liebe. Daher fieng Catumer aufs neue an: Zweifelst du / kluge Adelmunde / an dem was du siehest? Wem wilst du denn sonst glauben / wenn du mit deinen Augen so mißträulich umbgehest? Wilst du dem Verhängnüsse widerstreben / welches diese Nacht zu dem Morgen deiner Vergnügung und Glückseligkeit bestimmet hat! Kommen dir seine Wege seltsam für / so gedencke; daß kein scharffsichtiges Auge selbte nimmermehr ausspüren wird. Glaube / daß dieses Heiligthum uns vom Himmel bestimmet sey einander recht zu erkennen / durch die Verknipfung dieses würdigen Priesters alle Knoten unser Widerwertigkeit aufzulösen / und durch seinen Segen die Unfruchtbarkeit Adelmundens in die Wüsteneyen des Sand-Meeres zu verbannen. Adelmunde sahe nunmehr den Redenden mit unverwendeten Augen an / und hatte Mühe sich selbst zu überreden; daß der selbständige Catumer für ihr stünde. Dieser streckte den lincken Arm gegen dem Feuer / daß Adelmunde ein ihm von ihr zu Mattium gegebenes Haar-Band erkennen möchte / und sagte: Diese Flamme muß mir zum Zeugnüsse / und dir zu einem Lichte mir ins Hertze zu sehen dienen. Warumb quälest du mich denn mit deinem kaltsinnigen Unverstande! Adelmundens Augen flossen bey diesem Anblicke mit Thränen über / welche nicht seltener Töchter der Freuden / und Vor-Redner der Liebe / als Gefärthen der Traurigkeit sind. Endlich bekam ihre Zunge gleichwohl so viel Gewalt auszusprechẽ: Falscher Cariovalda! Warum peinigst du mich so sehr umb deine aufrichtige Liebe! Catumer ward durch Adelmundens wenige Worte gleichsam gantz verzückt / und durch ihre Thränen seine Liebe hell lodernd.[692] Denn wie bey den Mohren ein gewisser Brunn anzünden soll / also haben die Thränen auch die Eigenschafft eines flüssenden Feuers. Denn sie machen durch ein besonderes Vorrecht der Natur beliebt / und vermischen ein ertrinckendes Feuer und ein anzündendes Feuer durcheinander. Adelmunde ward nunmehr beredsamer als Catumer / fieng also zum Priester an: Ich erkenne mit grosser Ehrerbietung die Wunderwercke dieses Heiligthums! Ich gedachte in seinem kalten Wasser Cariovaldens Liebe mit meinem Leben zu ersäuffen; so fühle ich die Flamme seines Opfer-Feuers den kalten Zunder meiner Liebe in lichten Brand versetzen. Ich unterwerffe mich diese nach den Gesetzen der Vermählungen; und dem Willen dieses Bräutigams. Catumers Hertze ward hierüber zu enge seine Glückseligkeit zu begreiffen / seine Zunge aber stu selbige auszusprechen / daher drückte er ihre Hand an seine Lippen / gleich als wenn jene eben so wohl das Gehöre / als diese die Sprache der Liebhabenden vertreten könte. Der über dieser seltzamen Veränderung vergnügte Priester fieng an: Lernet nun / ihr holden Kinder / daß Gott ein Leiter der Hertzen / Andacht ein Heil-Brunn der Liebe / eine Mutter der Vergnügung sey! Versäumet diesemnach nicht auch Gott diß zu liefern / was ihm eure Liebe schuldig ist. Hiermit brachte ein Priester Catumern einen gewaschenen. Wieder / Adelmunden ein La / welche sie beyde mit tieffer Ehrerbietung auf den Opfer-Tisch legten. Der oberste Priester stach beyden die Gurgel ab / und bespritzte die Verlobten mit ihrem Blute. Hernach schnitt er ihnen den Bauch auf / und warff die heraus gerissenen Gallen hinter das Altar / umb anzudeuten; daß Ehen ohne Bitterkeit seyn solten. Er betrachtete alles Eingeweide / fand alles in seiner Vollkommenheit / und wahrsagte ihnen daher viel Glückseligkeiten. Hierauf sonderte er nach abgezogenen Fellen das zum Brenn-Opfer gehörige Fleisch von denen zu der Speise der Priester besti ten Stücken ab. Catumer und Adelmunde mußten so lange / als das Opfer brennte / auf den Knien Gott anruffen; hernach besprengte sie der Priester siebenmal mit Wasser; und endlich band er beyder in einander geflochtene Hände mit seinem Gürtel zusammen; und beyde musten einander unabsätzliche Treue biß in Tod eydlich zusagen. Nach aufgebundenen Händen sagte er: Euer Geschlechte blühe so lange / als dieser Fels stehen wird! Zeuget mit einander so viel Kinder und Kindes-Kinder / als dieses Feuer Funcken / und der Dymel-Strom Tropfen hat! Bey diesem Schlusse winckten die andern Priester ihnen zur Andeutung / daß nun alles vollendet / und es Zeit wäre aus der Höle sich zu verfügen. Ausserhalb derselben ward auf dem Berge mit Schwenckung der Fackeln gleichfalls ein Zeichen gegeben / daß die Vermählung glücklich vollendet wäre. Daher nicht nur über der Dymel von den Catten / sondern auch über der Bach von den Chauzen sich ein heftiges Freuden-Geschrey erhob / und dem Hertzog Ganasch / welcher in grossem Kummer gestanden hatte: Ob seine Tochter sich noch zu Cariovaldens Heyrath gutwillig bequämen würde / ward ein schwerer Stein vom Hertzen gewältzt. Die vier Priester leuchteten den Vermählten von dem heiligen Berge herab / und / ob sie wohl Catumern andeuteten; daß Hertzog Ganasch auf seiner Seite unterschiedene Zelten zu ihrem Beylager hätte aufschlagen lassen / und Sentia ihrer an der Bach wartete / führete doch Catumer. Adelmunden über die Dymel seinen Catten zu /mit Vermelden: daß seiner Landes-Art nach die Heimführung der Bräute in des Bräutigams Haus geschehe. Catumer setzte daselbst sich und Adelmunden zu Pferde / schickte etliche Catten umb dem Grafen von Isenburg und Lichtenberg anzudeuten: daß sie Cariovalden / Segesthen und alle Gefangene[693] loß lassen und ihm eben den Weg / den sie herkommen wären / nach Sassenberg an die Eder nachfolgen solten. Die ihn begleitenden Priester aber ersuchte er dem Hertzog Ganasch beyzubringen: daß Adelmunde aus sonderbarer Schickung des Verhängnüsses mit Catumern dem ersten und rechten / nicht aber mit ihrem verwerfflichen After-Bräutigame vermählet wäre. Wenn er ihm nun diß gönnen würde / was der Himmel ihm geschencket / dieses Heiligthum ihm unauflößlich angetrauet hätte; würde er von ihm die tieffste Ehrerbietung / von den Catten verträuliche Freundschafft / und von Gott unersitzlichen Segen zu erwarten haben. Dieses brachten die Priester Sentien /welche ihr inzwischen wenig Gutes an der Bach hatte träumen lassen / und folgends dem Hertzoge Ganasch zu. Jene wolte hierüber von Sinnen kommen / und verfluchte die Priester / daß sie einem falschen Bräutigame Adelmunden verknipft hätten. Dieser aber kannte sich für Zorne nicht; also wußte er auch nichts zu entschlüssen; und beyde nicht zu errathen / wo Segesthes und Cariovalda blieben seyn müsten; und wie Catumer sich so künstlich für jenẽ eingespielt hätte. Nicht weniger gieng es unter den Chauzen durch einander. Etliche schäumeten Galle und Schmach auf Catumern; andere aber blieben zweifelhafft: Ob nicht dieser Zufall mehr für ein Glücke als Unglücke der Chauzen zu halten wäre? Einmal stünde auf Catumers Seiten das Vor-Recht; und durch diesen künstlichen Betrug hätte er gewiesen; daß er nicht weniger klug als hertzhaft wäre. Endlich befahl Hertzog Ganasch auf Sentiens Anstiften / daß alles / was reiten könte /aufsitzen / und nebst ihm seine geraubte Tochter Catumern abschlagen solte. Sintemal diese Vermählung wegen Irrthums und ermangelnder väterlichen Einwilligung unkräfftig wäre. Dieses aber konte in so geschwinder Eil nicht geschehen / weil Catumer einen guten Sprung vorher hatte / und die Finsternüß in der Verfolgung nicht wenig hinderte. Nachdẽ aber Hertzog Ganasch über den Dymel-Fluß ko en war / begegnete ihm ein Herold von Catumern / welcher dem Chaucischẽ Hertzoge beybrachte; daß er nicht aus Furcht / weil er mit einer genungsamen Macht versehen wäre / sondern aus Ehrerbietigkeit des Heiligthums zurück gewiechen wäre. Die Gerechtigkeit seiner Sache wäre auch so beschaffen / daß er für der gantzen Welt darumb Rechenschafft geben / und wenn Hertzog Ganasch ihm Gehöre geben wolte / er bey dem heiligen Brunnen / der ihn zu Adelmundens Heyrath mit seinem Wasser geleitet / seiner erwarten /und sich als seinen Eydam nicht als seinen Feind erweisen wolte. Hertzog Ganasch / der ihm nicht einbildete: daß Catumer mit einer solchen Macht gefaßt wäre / ward hierüber noch mehr verbittert; sagte also dem Herolde: Er möchte sich nur kümmern zeitlicher bey Catumern zu seyn / als er seine Rache an ihm als einẽ Rauber seiner Tochter auszuüben verhoffte. Dieser Herold kam wegen bekandter Wege noch für Tage an den besti ten Ort / und kurtze Zeit darnach auch Isenburg und Lichtenberg mit denen zu Bewahrung Segesthens und Cariovaldens gelassenen Catten bey Catumern an. Weil dieser nun von der Nachkunfft der Chauzen hörte / stellte er unter einem Berge sein Volck in eine richtige Schlacht-Ordnung. Hingegen ließ sich eine Stunde nach der Sonnen Aufgange nicht nur Hertzog Ganasch / sondern auch Segesthes und Cariovalda sehen / welche sich nach erlassener Hafft gerade nach Eresberg gewendet hatten / und dem Hertzoge Ganasch gefolgt waren. Ob nun zwar Ganasch einen Kern des Cattischen Adels für ihm stehen sahe / welchem seine Chautzen weder an der Zahl /weniger an Kräften gleich waren / hätte ihn doch sein blinder Eiver solche anzugreiffen verleitet / wenn nicht Segesthes und Cariovalda / als von denen ihre[694] Tapferkeit schon den Tag vorher genungsam geprüfet worden war / solches ihm beweglich widerrathen und eingehalten hätten: daß es nicht rathsam wäre / umb einen Irrthum zu verbessern / sich in mehrere zu vertieffen / sondern vielmehr eine der grösten Klugheiten den ersten zu vermänteln. Denn eines könte zwar der allervorsichtigste versehen; aber zweymal hinter einander irren / verspielte einem alles Ansehen. Diesemnach riethen sie unter dem Scheine einer von Catumern und Adelmunden geforderten Rechtfertigung ihres Beginnens sich aus dieser gefährlichen Enge mit Ehren an auszuflechten. Hertzog Ganasch ließ sich hierdurch bereden / daß er mit Catumern und Adelmunden in freyem Felde zu reden verlangte; welches diese an einem Orte willigten / da die zwischen zweyen hohen Ufern flüßende Ither sie trennete. Gleichwol aber war der Chaucische Hertzog seiner so weit nicht mächtig; daß er in seinem Vortrage Catumern nicht einen Rauber seiner Tochter / einen Versehrer des Heiligthums schalt / und von ihm Adelmunden als eine ungehorsame Verächterin der väterlichen Gewalt wieder in seine Hände zu liefern verlangte / da sie beyde nicht anders so wol die göttliche als seine und aller gerechten Fürsten Rache auf den Hals ziehen wolten. Hertzog Catumer aber erinnerte sich; daß er mit seinem Schweher-Vater redete / und daher Adelmunden zu Liebe / und ihm selbst zu desto größerm Ruhme mit ungemeiner Bescheidenheit antwortete: Es lieffe den Rechten zu wider / daß jemand an seinem Eigenthum / das er niemandẽ verpfändet hätte / einen Raub begehen könte. Daß aber Adelmunde sein eigen worden wäre / könte Hertzog Ganasch nicht leugnen /welcher seine Tochter ihm selbst ohne einiges Bedinge und mit ihrem guten Willen versprochen hätte. Solche Verbindligkeiten verstatteten keine Reue. Denn sonst würde aus Heyrathen eine Handlung gemacht / oder vielmehr Treu und Glauben / welche unter Fürsten in Ubermasse seyn solten / aus der Welt verbannet werden. Seines Vaters des Hertzog Arpus erwachsenes Bedencken wäre nicht ohne alle Erhebligkeit / iedoch keine Aufhebung ihres Verlöbnüsses /am wenigsten aber ihm sein an Adelmunden habendes Recht zu benehmen mächtig gewest. Auch gemeine Versprechen könten von keinem dritten / sondern müsten von denen selbst / die einander Hand und Mund gegeben / aufgehoben werden. So aber hätte weder sein noch Adelmundens Wille iemals gewancket. Diesemnach wäre ihm keine Schuld / Adelmunden kein Ungehorsam beyzumässen. Denn er hätte durch seine Heyrath gethan / was ihm das Recht / und Adelmunde / was ihr der väterliche Wille erlaubt hätte. Hertzog Ganasch aber eiverte aufs höchste über den ihm und seinem Hause angethanen Schimpf / daß Hertzog Arpus mit Adgandestern eine andere Heyrath behandelt hätte / welches die Zerreissung des mit Adelmunden geschlossenen Verlöbnüsses an der Stirne trüge; Dem aber / welcher nicht Glauben hielte / wäre man keinen zu halten schuldig. Catumer bestünde noch unter väterlicher Gewalt / und wäre an seines Vaters /wie Adelmunde an seine Handlungen und Schlüsse gebunden; also könte er sich von Vertretung dessen /worinnen sein Vater sich vergangen hätte / nicht ausflechten. Hierauf fiel er auf Catumers bey der Verlobung gebrauchte / und von Adelmunden gebilligte Arglist; welche auch die gerechtesten Sachen böse machte / und daher Fürsten unanständig / dem Heiligthume verkleinerlich / und gantz Deutschlande ärgerlich seyn müste. Sonderlich da er die[695] Priesterschafft /welche alle Völcker als Wahrsager der Warheit verehrten / unter einem falschen Scheine hinters Licht geführt hätte. Fürnemlich hätte Adelmunde wider das Recht der Natur / wider die Schamhafftigkeit ihres Geschlechtes sich vergangen; welche er für Augen zu sehen sich nicht würde überwinden können; weil er sie schon aus dem Ansehn der Kindschafft gesätzt hätte / wenn sie nicht Augenblicks durch Reue und Demuth von einem so schändlichen Abweg zurück kehrete. Adelmunde kam mit ihrer Vertheidigung Catumern zuvor in folgender Antwort: Es stünde ihr als einer gehorsamen Tochter nicht an mit ihrem so holden Vater zu rechten. Denn / was sie zum besten ihrer Sache anführte / gereichte der väterlichen zum Abbruche. Kinder aber wären verpflichtet auch mit ihrer Unehre der Eltern guten Nahmen zu unterstützen. Ihre Frömmigkeit hieße sie also sich schuldig zu geben. Hätte sie nun sich durch die Vermählung vergangen; so möchte er doch als Vater behertzigen; daß die Liebe als ein ihr vorgehendes Irrlicht sie verführt hätte / welcher Regung über die Vernunfft / ausser den Gesätzen / und der Weißheit zu wider wäre. Der von dieser blinden Regung herrührende erste Seuffzer wäre ins gemein der letzte Athem der Klugheit. Die Gewalt hielte sie für ihr Recht / ihre Begierde für ihre Richtschnur / und das Besitzthum des Geliebten für ihren Zweck. Es wäre ihr unmöglich gewest / die dem weiblichen Geschlechte eigenthümliche Süßigkeit gegen den auszuziehen / den sie der Himmel und mein Vater hatte lieben heissen. Die Gelegenheit / oder vielmehr die wunderwürdige Schickung des Himmels hätten ihr gerathen in dem nichts unrechtes erlaubenden Heiligthume den gefundenen Bräutigam nicht zu verstossen / da man sie der Vermählung halber vorher nicht hätte wollen ertrincken lassen. Wäre es denn nun ein unversöhnlich Verbrechen: daß sie ihr die Fessel gutwillig angelegt; welche man ihr anzuschmieden so grosse Gewalt gebraucht hätte / daß sie nicht hätte eine abtrünnige Liebhaberin oder eine Uberläufferin werden wollen! Ihr liebster Vater solte behertzigen / ob sie ein ander Laster begangen / als daß sie mit Cariovaldens Ehlichung nicht habe ein grösseres begehen wollen? daß sie den ersten und gegenwärtigen Bräutigam für den letzten und abwesenden erkieset. In der Liebe wäre nichts mächtiger / als die Gegenwart / denn die Augen wären die Brunnen der Liebe / die Werber der Wollust / alle andere Sinnen nur ihre Dienst-Mägde. Alle Brunnen führten den Nahmen ihres Ursprungs / nicht der Länder / derer fruchtbare Felder / heilsame Ertzt-Adern sie durchstriechen. Weil nun von Catumern die erste Liebe in ihr Hertz geflossen; wie hätte sie sich dessen erwehren können / der ihr die Liebe zum ersten eingeflößet? Wolte man sie beschuldigen / daß sie die Pflicht einer Tochter / die Blödigkeit ihres Geschlechtes auf die Seite gesätzt hätte; so möchte man darbey nicht vergessen / daß das Verhängnüs ihr Catumers Liebe zum ersten eingeblasen / ihr Vater solche gebilligt habe /und daß / je mehr ein Liebender sich zu mäßigen zwingen wolte / er sich nur mehr entzündete / solch Feuer aber nirgends als in anderm Feuer Ruhe / wie das geschmeltzte Glaß in dem Kühl-Ofen seine Vollkommenheit anträffe. Sie verehrte mit tieffster Demuth das Recht väterlicher Gewalt / aber dieses hübe so wenig als das der Hoheit die Gesätze der Natur /und die Bothmäßigkeit der Liebe auf. Diese hätte sie nun einer andern Gewalt unterworffen / daß sie ihrer nicht mehr mächtig wäre / und in einen Stand versätzt / der weder Reue noch Aenderung vertrüge. Daher solte ihr holdester Vater mit angemaaßter Uberwindung der Unmögligkeit durch ihre Hertzens-Kränckung sich doch nicht selbst in ewige Unruh sätzen. Klugheit gründete sich[696] nie auf ungewisse Glücks-Fälle / weniger nähme sie ihr was für / an dessen Ausgange sie verzweifelte; sondern sie verhüllete vielmehr ihrer Kinder Schwachheiten / als eigene Wunden. Weil aber Ganasch nach Art derer von auf sie gespritztem Wasser nur mehr breñenden Stein-Kohlen sich je länger je mehr ungebährdig stellte / je beweglicher Adelmunde redete / nam Catumer das Wort von ihr und sagte: Wenn sich mit ihrer Heyrath einiges Unrecht vermählt hätte / wäre von selbtem nichts der von seinem Vorhaben nichts wissenden Adelmunde /sondern ihm alleine zuzumässen. Ganasch hätte sie gezwungen in dem Eresbergischen Heiligthume sich zu vermählen; darinnen sie keinen andern Bräutigam gefunden / als ihn. Also wären Gelegenheit und Liebe / ja das Verhüngnüs selbst Stiffter dieser Heyrath gewest; bey keinem Volcke der Welt aber eine Sünde den zu ehligen / den man liebte. Sintemal ja die Liebe der Kern aller Weißheit wäre auf Erden und im Himmel. Er hätte auch nichts anders verbrochen / als daß er seinem Nebenbuhler Cariovalda wie an Rechte und Verdiensten / also in desselben Ausführung wäre zuvor kommen / worinnen der künstlichste Streich der Klugheit bestünde / weil sonst Recht und Verdienste denen aus dem Glücks-Topffe gezogenen Zetteln zu vergleichen wären / und mehrmals keine Giltigkeit hätten. Hätte er nun gleich bey seiner Heyrath einige List gebraucht / so wäre doch diese für kein Laster zu halten / weil ihm das Recht der Liebe und des Krieges wider Cariovalden solches erlaubte / der durch Entführung seiner Braut sich für seinen Feind erkläret hätte. Im Kriege und in der Liebe wären aber Arglist /Künste / ja die Betrügereyen selbst unverboten. Alles / was zum Siege diente / bliebe Unschuld / und wäre es eines / ob man andern durch eine kluge Erfindung /oder mit Gewalt Lorbern und Myrthen vom Kopfe rieße; ob man eine Stadt mit Sturme oder durch Verständnüs einbekäme; ob man seiner Liebsten sich auf eine oder andere Art bemächtigte. Denn alles / was Kriegs-Leuten und Liebhabern zu ihrem Zwecke diente / wäre zuläßlich / alles ihnen schädliche / ein Verbrechen. Was schiene unrechter zu seyn als frembde Kronen zu rauben / was grausamer / als Städte einäschern / Länder verwüsten / was wäre unmenschlicher / als Ströme aus Blut / Berge aus Leichen machen? Gleichwol aber wäre dis eine so gemeine Sache / daß es fast niemand mehr Königen übel auslegte /sondern Brand und Blutstürtzung für ihr Handwerck /und die Grausamkeit für ihre erste Tugend / und für ein Meisterstücke hielte / wenn man in einer Schlacht den Wind und die Sonne gewänne / und dem Feind den Staub in die Augen jagte / oder ihn auf die Fallbrücke eines Hinterhalts lockte. Warumb solte denn in der Liebe die zumal aufs Vorrecht gegründete Gewalt / oder die Bländung unser Widerwärtigen so verda lich seyn? Warumb solte die mit so viel Freyheiten versehne Liebe nicht eine unschuldige Anstalt zu dem seinigen zu gelangen rechtfertigen? die Herrschafft der Liebe hätte nicht engere Gräntzen / als die des Krieges; nemlich sie vertrüge keine Schrancken /wie ihre Gesätze keine Richtschnur / ja sie giengen über alle andere / und hielten derselben Unterdrückung für ihre Ehre. Die Oberhand machte alle ihre Vornehmen gerecht; wer darinnen Glück hätte / wäre zugleich weise und unschuldig. Wenn man erhielte /was man gesucht / wäre niemand mehr umb die Mittel und Wege bekümmert. Alle Uberwinder werden rechtmäßige Könige; und die Vermählten untadelhaffte Ehleute. Der Geitz machte nur entweder frembder Güter zu Dieben / die Begierde zu herrschen aber sie zu grossen Helden. Also würden alle Verrichtungen nach dem Ursprunge der ersten Regung[697] für Laster oder Tugenden / wie alle Dinge so gefärbt angesehen / wie das Glaß ist / dadurch man sie betrachtet. Diesemnach möchte ihn Hertzog Ganasch gleich als einen Liebhaber / oder Cariovalda als seinen Feind ansehen; so würde er doch vom ersten mit Rosen / vom andern mit Palmen zu kräntzen / und wegen seiner Loßlassung für einen der gütigsten Sieger zu rühmen seyn. Alleine er hätte nicht Noth sich mit dem Rechte des Krieges und der Liebe zu vertheidigen. Des Chaucischen Hertzoges eigenes Versprechen redete ihm das Wort / welches bey ehrlichen Leuten so viel als die Gewehrung selbst wäre. Dieses wäre man auch dem Feinde zu halten schuldig / und unter vernünfftigen Menschen Treu und Glauben nichts gemäßer / als / was man zugesagt / halten / wenn schon dis dem Versprecher schädlicher / als dem andern nützlich wäre. Keine Reue könte jemanden sein daraus erworbenes Recht entziehen / und Fürsten wären auch ihren Unterthanen / wie viel mehr ihres gleichen ihre Zusagen zu erfüllen durchs Recht der Natur und Völcker verbunden. Ja alle Worte der Fürsten solten so wenig auch bey widrigen Zufällen / als das Gold im Feuer versehrlich seyn. Daher hätte Hertzog Ganasch mit Cariovalden nichts schlüßen / weniger ihm Adelmunden durch Vermählung zueignen können / auf welche er vorher schon Recht / und sein Vater Arpus es ihm zu entziehen keine Gewalt gehabt. Hercules hätte wider den Eurytus / Darius wider die Scythen zu kriegen / die Römer denen Sabinen ihre Töchter mit Gewalt zu nehmen für recht gehalten; als ihnen die Heyrathen wären versagt worden. Wer wolte nun ihm verargen /daß er sich Adelmundens bemächtigt hätte / welche Deutscher Ankunfft / seines Standes / und seine versprochene Braut gewest wäre? Wo man keinen Richter über seinen Schuldner hätte / und man in Gefahr geriethe des seinen verlustig zu werden / wäre jeder ihm selbst Recht zu verhelffen berechtigt. Dieses würden auch die Priester des Eresburgischen Heiligthums billigen müssen / welche nicht ihm / wol aber Cariovalden die Vermählung zu verweigern würden Ursach gehabt haben. Diesen hätte er / wie man ihn beschuldigt / nichts falsches angebunden / wiewol es ein nicht geringer Werck der Klugheit wäre / durch falschen Vorwand einen in die Schrancken der Billigkeit / als durch einen Seiten-Weg einen geräder zu seinem Ziele bringen. Er hätte sich bey den Priestern niemals für Cariovalden / wol aber / der Warheit gemäß / für Adelmundens Bräutigam ausgegeben / ja seine Braut im Heiligthume selbst / daß er der falsche Cariovalda wäre / entdeckt. Wären nun gleich die Priester in den Gedancken gewesen / daß sie mit Cariovalden zu schaffen hätten / so hätte sie ihre irrige Einbildung /nicht seine falsche Beredung verleitet. Niemand wäre dis / was ihm nachtheilig seyn könte / zu sagen schuldig. Denn wie ein Fürst niemals lügen / aber wenig und langsam glauben solte / also wäre die unzeitige Verrathung der Warheit eine so gefährliche als einfältige Aufrichtigkeit; Stillschweigen aber eines der fürnehmsten Werckzeuge der Herrschafft. Zudem wäre das Werck der Vermählung nicht die Priester / sondern Adelmunden und Cariovalden angegangen. Jene klagte über keinen Betrug / dieser als sein Feind und Gefangener hätte über keinen zu klagen. Sintemal die weisesten Leute für rühmlich und nützlich hielten dem Feinde durch Betrug Abbruch zu thun / und die Spartaner hätten über einem solchen Siege mehr als über einer gewonnenen Schlacht Opffer geschlachtet. Am allermeisten aber wäre löblich zum Schutze der Unschuld und der Gerechtigkeit zu steuer Unwarheit sagen; Derogleichen doch auf ihn nicht zu bringen wäre / der sich seines Rechtes gebraucht / also niemanden Unrecht gethan hätte. Nach dem nun die Eh /der andere Grundstein menschlicher Glückseeligkeit /[698] die festeste Verknüpfung zweyer Geschlechter seyn solte / bäte er / es möchte Hertzog Ganasch selbige nicht einen Apffel der Zwytracht seyn / und an statt väterlicher Hold nicht Galle und Haß auf sie beyde /die nunmehr eines worden wären / fallen lassen. Durch dieses Band wären vielmal unaussöhnliche Tod-Feindschafften aufgehoben worden; ja die einander so widrigen Feuer und Wasser würden bey ihrer Vermengung mit einander einträchtig; wie könte er denn übers Hertz bringen / daß die Ehlichung seiner Tochter gegen ihn eine Quelle bitterer Feindschafft seyn solte? Catumer hätte noch länger geredet / wenn ihm nicht Ganasch mit folgenden Worten in die Rede gefallen wäre: die Vertheidigung des bösen ist ärger als die Begehung. Jene kan aus Schwachheit / diese muß aus Vorsatze geschehen; die Ubersehung eines Verbrechens aber ist das allerärgste. Also bildet euch nur nicht ein / daß ich durch eine Versöhnung mit euch mich lasterhaffter machen werde / als ihr selbst seyd. Ich werde euch hassen / weil mir die Augen offen stehen; und ich werde euch zu trennen nicht vergessen / so lange meine Rache nicht euer / oder der Tod das Bündnüs meiner Seele und des Leibes getrennt hat. Bey diesen Worten spannete Ganasch unversehens den Bogen / und schoß die sich dessen am wenigsten versehende Adelmunde in Arm. Catumers Hertze ward hierüber auf einmal mit Rache und Liebe überfallẽ / daß er nicht wuste / ob er vorher dem Hertzoge Ganasch solche Beleidigung vergelten / oder Adelmunden zu hülffe kommen solte. Aber diese gewaan die Oberhand / indem er Adelmunden zueilte / sie vom Pferde hob / ihr das Blut abwischte / den Pfeil mit größern Schmertzen / als sie selbst fühlte /aus der Wunde zoh / und Kräuter sie zu verbinden suchte. Bis ein ander Wund-Artzt zur Stelle kam; unterdessen aber waren die Catten nicht zu erhalten /daß sie nicht die Chaucen mit grosser Verbitterung anfielen. Segesthes machte sich alsbald aus dem Staube / und auf dessen Ermahnung auch Cariovalda /weil jener ihm leicht die Rechnung machen konte: daß es mit diesem Gefechte schlecht ablauffen und er durch fernere Erzürnung der Catten sein gantzes Fürstenthum zu verlieren in Gefahr sätzen würde; bey diesem aber / der wegen ausgefallnen Armes ohne dis nicht fechten konte / nunmehr alle Hoffnung zu Adelmunden verloschen war. Hertzog Ganasch hielt mit seinen Chaucen zwar Stand; aber weil der Catten ein gutes Theil mehr / und ihre Schwerdter von einer heftigen Rachgier erwetzet / ihre Gemüther durch den Sieg vorhergehenden Tages aufgeschwellet waren /fiengen sie bald an zu wancken und in Unordnung zu gerathen. Hertzog Ganasch selbst / welcher von Zorn und Unwillen schäumte / that zwar nicht nur dis / was einem tapfferen Helden / sondern auch einem verzweifelten Feinde zuko t / und bot denen die Stirne selbst / welche sich am weitesten hervor zückten und durchbrachen. Aber auch Hercules ist ihrer vielen nicht gewachsen. Adelmunde / welche bey ihrer Verbindung nicht das geringste Merckmaal einigen Schmertzens spüren ließ / ward / als sie das blutige Gefechte zwischen den Catten und Chaucen ins Gesichte und Gehöre bekam / mit einer unsäglichen Wehmuth überschüttet / also daß ihre kindliche Liebe eine grosse Menge Thränen als ihr reinestes Hertz-Geblüte und das kräftigste Wesen ihrer ängstigen Seele durch die zarten Röhren ihrer Augen herfür trieb. Nach dieser stummen Vorbitte beschwur sie Catumern bey ihrer beyder Liebe: Er möchte ihrem Vater nichts gewaltsames oder verkleinerliches begegnen lassen / und auf ihre Lands-Leute keine so grosse Rache / welche ihr als der allein beleidigten viel empfindlicher als die Verwundung fiele / verhengen. Hätte sie Hertzog Ganasch gleich verwundet / so wäre diese Beleidigung nur ein Sonnenstaub gegen denen ihr erzeigten[699] Wolthaten / wiewol Eltern ihre Kinder nur züchtigen /nicht beleidigen könten. Wenn aber auch dis gleich geschehe / höreten sie doch nicht auf Vater und Mutter zu seyn; und ihre Liebe bräche doch endlich aus Zorn und Haß / wie die Sonne aus dem Gewölcke herfür. Dieser einige Eyver könte in ihr den Trieb und das Gesätze der Natur nicht ausleschen / welches auch wilden Thieren eingepflantzt wäre: daß / wie die Bären und Schlangen ihre Jungen leckten / die sonst unbendigen Waldschweine für sie aus Liebe in die Eisen und Netze der Jäger rennten; also trügen die Störche und Meerschweine ihre Eltern auf dem Rücken. Er möchte doch nicht etwas geschehen lassen /welches ihr eine Gleichheit eines Wasser-Pferdes /eines Scorpions und einer Natter eindrückte / welche Unthiere alleine beschuldigt würden / daß sie ihren Eltern weh thäten. Es wäre der Großmüthigkeit Eigenschafft frembdes Unrecht ungerochen lassen / aber eine Pflicht der Frömmigkeit Eltern nichts böses vergelten. Denn diese könten Kindern kein Unrecht anfügen; weil die Scythen jenen das Recht diese viermal zu verkauffen / die Seren sie nach Belieben zu ersäuffen / die Egyptier und Römer auf allerhand Art zu tödten frey ließen. Kein Volck aber hätte eine mehrere Gewalt über ihrer Kinder Blut / als die Gallier und Deutschen. Wie in einem schlechten hätte nun Ganasch durch eine geringe Wunde seine väterliche Gewalt an ihr ausgeübt! wie könte sie nun ohne Greuel wider ihren Vater einige Rache verhengen / von dem sie ihr Wesen hätte / und gegen den jedes Kind mehr als gegen seinen König verpflichtet wäre! Würde sie nicht ein Mensch zu geschweigen eine Tochter zu seyn aufhören / wenn sie sogar in seinem ihr für Augen schwebenden Tod willigte! Sintemal die Persen nicht glaubten: daß ein warhaftes Kind seine Eltern am Leben anzutasten sich überwinden könte /sondern die / welche solches thäten / untergesteckte Kinder seyn müsten. In welchem Glauben auch die alten Gesätzgäber gewesen seyn müsten / die auf Vater- und Mutter-Mord keine Straffen ausgesätzt; wo sie anders auch darauf eine genungsame Pein zu erdencken sich getraut haben. Kein Kind wäre so vermögend / Eltern ihre Wolthaten gut zu thun / wie wäre es nun möglich ein Recht des Todes über sie zu bekommen. Alle Gesätzgäber müsten hier an sich halten / weil die Gesätze des Geblütes unausleschlich wären / und ein Vater kein solch Laster begehen könte / was ein Sohn durch Vater-Mord zu rächen befugt wäre. GOtt als der Vater des menschlichen Geschlechtes hätte hieran Theil / und würde in den Eltern beleidigt / also wäre nichts / in der Welt keine dem Vaterlande / keine dem Ehmanne schuldige Verbindligkeit / welche ein Kind von jener als der ersten loß machen könte. Kein Kind aber wäre mehr als sie ihrem Vater verpflichtet; welcher Zeither alle Strahlen der väterlichen Liebe auf ihr als der einigen Tochter gleichsam als auf einem Puncte vereinbaret hätte; und daher nicht zu verwundern / daß seine so heftige Liebe / welche er durch ihre Heyrath verletzt zu seyn glaubte / in solche Ungedult verfallen wäre. Würde sie nun bey so gestalten Sachen der Coloquinten-Frucht / welche die Galle der Erde / der Tod der Gewächse hieße / nicht billich zu vergleichen seyn / welche am giftigsten wäre / wenn ihrer nicht mehr als eine auf einer Staude / oder nur eine Staude auf einem Felde wüchse. Mit einem solchen Schandflecke ihres Nahmens wäre ihr unmöglich auch in den annehmlichsten Armen ihres Catumers zu leben; und weil Kinder überdis nach dem rühmlichen Erbieten und Beyspiele des jungen Aquilius Florus bey Aetium mit ihrem Tode der Eltern Leben zu lösen schuldig wären; würde ihr unmöglich fallen; wenn ihr Vater Ganasch allhier an seinem Leben einigen Schiffbruch litte / den Untergang der Sonne zu überleben.[700] Catumer stiegen die letzten Worte bis ans innerste seines Hertzens /daher sagte er: zweifle nicht / frömmste Adelmunde /daß ich nicht nur meine Rache deiner kindlichen Liebe / sondern auch mein eigenes Leben deiner Vergnügung willig aufopffere. Hiermit verließ er sie in der Aufsicht des Grafen von Lichtenberg und etlicher zwantzig Ritter / in willens sich in das durch das Weichen der Chaucen einen ziemlichen Weg entfernte Treffen zu verfügen. Es begegnete ihm aber der Ritter Bickenbach / durch den ihm der Graf von Solm zu wissen machte: daß die Chaucen in euserster Noth wären / und sie nicht einige Hoffnung des Sieges /sondern nur die Hartnäckigkeit ihres Hertzoges Leiche von dem Kampff-Platze zu bringen von der Flucht zurücke hielte. Catumer erschrack hierüber mehr / als wenn seine Catten geschlagen wären / rennte also spornstreichs fort / und ertheilte bald aller Orten Befehl / daß bey Lebens-Straffe kein Catte mehr gegen einigem Chaucen keinen Streich mehr thun / sondern sie sich eines Bogenschusses weit zurück ziehen solten. Dieses war ohne einige Gefahr leicht zu vollziehen / weil die noch übrigen Chaucen weder Athem noch Kräffte zu fechten mehr hatten. Diese zohen den Hertzog Ganasch unter einem Hauffen todter Menschen und Pferde herfür / welchen der Graf von Solm zu erst vom Pferde gebracht hatte. Sie verspürten aber an ihm noch etlicher maßen ein Leben. Daher Hertzog Catumer dem Grafen von Delmenhorst zu entbieten ließ: Es wäre dieses Treffen ohne seinen Befehl fürgegangen / und wäre ihm nichts leider / als daß der tapffere Hertzog der Chaucen durch seinen Eifer in solch Unglück verfallen wäre. Diesemnach wäre er erbötig ihm und allen verwundeten Chaucen mit allen möglichen Heilungs-Mitteln zu dienen / und zu ihrer Pflegung das nahe dabey liegende Schloß Winterburg einzuräumen / wie er denn auch von Adelmunden den Wund-Artzt zu holen anbefahl. Delmenhorst muste diese Gutthätigkeit ihres selbst gesuchten Feindes zu Danck annehmen. Wie nun Hertzog Ganasch bey abgenommenen Waffen und Abwischung des Blutes /darein er gleichsam getaucht war / noch mehr Lufft schöpffte; also befand der Wund-Artzt an ihm zwar sieben frische Wunden; jedoch machte er Hoffnung /daß derer keine tödtlich seyn würde / wo nur die auf der Brust empfangene Tritte von Pferden / welche ihm schweres Athemholen verursachte / und die Rede hinderte / nicht inwendig grösseren Schaden gethan hätte. Es hatte ihm aber der Artzt kaum das Blut gestillt / und die grösten Wunden verbunden / als Adelmunde / welcher das Geschrey den Tod ihres Vaters zugebracht hatte / mit grossem Wehklagen und Ausrauffung der Haare dahin gerennet kam / vom Pferde herab sprang / den auf einem Hügel liegenden Hertzog Ganasch umbarmte / die Pflaster von ihrer Wunde rieß / und so wol mit ihm den Geist auszublasen / als sein Blut mit dem ihrigen zu vermischen betheuerte; Gleich als wenn Adelmunde mit ihrem Blute dem Vater das seinige / wie jene Griechische und Römische Tochter mit der Milch ihrer Brüste ihrem Vater das Leben ersätzen / und mit ihrer Frömmigkeit die Ordnung der Natur verkehren oder vielmehr überwinden wolte. Weder des Grafen von Delmenhorst /noch ihres eigenen Catumers Einredung verfiengen etwas bey ihr / sondern ihre Thränen vermehrten sich wie die Flüsse / je weiter sie lauffen / weil sie entweder der Schmertz verblendet hatte / daß sie ihren Vater nicht leben sah / oder weil sie diesen ihren Saltz-Perlen / welche der Natur eigene Hand in den Augen zerschmeltzet / und durch die auch die unfühlbareste Seele beweget wird / ihres Vatern todtes / wie Cleopatra mit ihren in Eßig zerlassenen / des Antonius kaltes Hertze gewinnen wolte. Dieser heftige Schmertz preßte dem Chaucischen Hertzoge das erste Wort[701] aus / oder ihre Liebe gab ihm vielmehr neue Krafft zu reden / daß er sagte: Gönne mir die Ruh /und die Zeit mich zu erholen. Worauf ihr denn Catumer ferner einhielt: daß aller Kummer / welcher sich nicht mit Bemühung der Hülffe vereinbarte und nur den Zweck auf sich selbst hätte / vergebens wäre. Ihre Ungedult beunruhigte und beleidigte ihren Vater / und sie fräße durch unzeitige Traurigkeit ihr das Hertze /wie die Würmer das Holtz und die Mutten die Kleider. Allezeit wollen glücklich seyn wäre eine Unwissenheit der Helffte der Natur / ja die gröste Unglückseeligkeit niemals unglücklich gewesen seyn; weil man bey dieser Beschaffenheit nichts von der Helffte der Tugend wüste / und künfftigen Unfällen behertzt zu begegnen ihm weder Rechnung noch Vorsatz machen könte. Dahingegen das Unglück den Geist ermunterte / den Verstand schärffte / und das Gemüthe abhärtete / ja durch Gedult und Standhafftigkeit das Verhängnüs auf uns länger zu wüten beschämte / oder gar auf seine Seite brächte / oder zum wenigsten die schwereste Last erträglich machte; sintemal doch die Gedult ein sehr erleichterndes Trageband abgäbe. Zudem wäre es noch Unzeit so kleinmüthig sich zu erweisen; weil die Hofnung von ihres Vaters Genesung sonst noch niemanden entfallen wäre / dis aber eine mehr als weibliche Schwachheit ehe Leid tragen /als es nöthig wäre. Adelmunde ward hierdurch gezwungen ihre Seuffzer zu verbeissen / und ihre Thränen zu verstopffen / auch des Wund-Artztes Gutbefinden nach / sich ihres Vaters zu enteusern / damit durch ihre Anwesenheit nicht das Geblüte und Gemüths-Regungen unruhig gemacht würden. Hertzog Ganasch ward also von Adelmunden mit vielen Küssen und unzählbaren Thränen / welche nicht weniger ein Dampff hertzlicher Liebe / als das Blut verwundeter Seelen sind / gesegnet / und nach Winterburg getragen / Catumer und seine Gemahlin aber blieben mit ihren Catten zu Hallenberg an der Orcke / allda sie von dem Fürsten Ganasch alle zwey Stunden Nachricht haben konten. Also war der Anfang dieser annehmlichen Heyrath mit so viel Unvergnügen / als i ermehr eine Rose mit Dornen vermenget. Und wie außer Rhodis und Alexandrien fast kein Ort in der Welt seyn soll / da alle Tage des Jahres die Sonne scheinet; also werden auch schwerlich mehr Menschen zu nennen seyn / derer Freuden niemals die Trübsaals-Wolcken verdüstert hätten. Ob nun wol Adelmunden die ihr von der Liebe zubereitete Lust durch diesen Zufall mercklich versaltzen ward; auch sie zu Hallenberg keine einem Fürstlichen Beylager anständige Anstalt fanden; so konte doch die Vollkommenheit ihrer Liebe keinen Abbruch leiden; sondern sie und Catumer lieferten nunmehr in den Tempel der Treue die Gelübde ihrer feurigen Begierden ab / sie bauten auf den Fels ihrer Beständigkeit der Liebe ein Altar / und flößten durch das Röhr ihrer Schönheit und Freundligkeit die unschuldigste Wollust darauf. Ihre Augen bildeten Catumern auf einmal durch die daraus rinnenden Thränen Wasser- und die daraus schüssenden Anmuths-Strahlen Feuer-Brunnen ab /gleich als wenn für dieser Werckstadt der Liebe die Seelen allzu zeitlich zu Asche werden würden / wenn sie keine Abkühlung bekämen. Das lebendige Feuer ihrer Lippen erweckte in ihm einen unausleschlichen Durst durch hundert Küsse / oder vielmehr durch die feurigsten Ausdampfungen des Hertzens seine mit ihrer schon auf den Lippen schwebenden Seele zu vermischen. Wiewol ihre Brüste / welche zwey aus geronnener Milch gewachsene Berge und mit Rosen besteckte Knospen fürbildeten / so wol den Lippen als Augen sich mühten Eintrag zu thun / und durch ihre schnelle Aufschwellung nicht weniger ihren eigenen Hunger verriethen / als Catumers Mund zum Genüß ihres Labsals auf sich lockten. Also erndteten beyde die reiffen Früchte der Liebe mit einer[702] so unaussprechlichen Vergnügung ein / daß Adelmunde so wenig des vorhergehenden Tages Unlust / als man in einem grossen Kessel-Honigs einen Tropffen Galle schmeckte. Ja ihre Wollust kriegte durch diese Verdrüßligkeit gleichsam eine annehmliche Schärffe; sintemal die Liebe eben so wol als der Geschmack eine allzu grosse Schlüpfrigkeit verschmähet / und sie so denn wie der mit Aloe und Wermuth verjohrne Wein desto annehmlicher ist. Die schmertzlichen Braut-Thränen der ersten Nächte waren in dem Heiligthume der Liebe ein süsser Opfer / als aller Weyrauch der Araber / und die Baum-Säffte der Morgen-Länder / ja der lieblichste Lebens-Balsam in den Hertzen der Liebhaber. Die feurigen Rosen ihres Hochzeit-Bettes stachen desto schöner ab; weil sie mit den tunckelen Cypressen-Zweigen unterflochten waren. Adelmundens Schwermuth verzuckerte so vielmehr ihre geistige Küsse und andere Speisen / welche die Liebe und Jugend hier aufzusätzen pflegt. Sintemal Küsse ohne Bisse für Eyver ohne Toter gehalten werden / die Traurigkeit aber wie die Feuchtigkeit der Leim der Vereinbarung / der Talg der Beständigkeit und das zu Unterhaltung der Liebe dienlichste Oel ist. Wegen welcher Eigenschafft auch dem weiblichen Geschlechte zugeeignet wird / daß sie im Lieben siebenmal heftiger als das männliche sey. Wie denn auch Adelmunde sich nicht gefroren zu seyn bezeigte / sondern das Saltz ihrer Thränen Catumern zur Würtze der allerempfindlichsten Ergetzligkeit angewehrte. Und ob sie wol noch für Aufgange der Sonne den Brand unter die Bläße ihres Antlitzes vergraben wolte / stellte sich doch auf den Morgen die Purpur-Farbe als die Abendröthe der vertagten Jungfrauschafft zu einem Zeugen ihrer im Hertzen lodernden Flammen dar. Ihr verschämter Mund muste gestehen / daß der Himmel ihr zwar vorigen Tag zu einer betrübten Nacht / die darauf gefolgte Nacht aber zu dem annehmlichsten Tage ihres Lebens gemacht hätte. Catumer beklagte sich über die Kürtze dieser so süssen Nacht / über die Sonne / daß sie beyde allzu früh aufweckte / und über die Kürtze der vergänglichen Wollust. Adelmunde aber / welche nicht verschlaffener als die Morgenröthe seyn wolte / sondern mit ihr zu einer Pein ihres Gemahles aufstand / hielt ihm ein: Ob er denn die Rosen geringer als Epheu hielte / weil jene so vergänglich wären / dieses aber auch im Winter grünete? dieses eben wäre das niedlichste in der Wollust der Liebe /daß sie weder sättigte / noch Eckel verursachte / sondern die Kürtze ihrer Tauerung mit der Grösse der Sehnsucht nach ihr reichlich erstattete. Weil nun die Jungfrauschafft in Deutschland wie bey den Mohren /welche das mit ihrem Purpur gefärbte Gewand wie ein Heiligthum aufheben / so hoch / als in den meisten Morgen-Ländern geringe / und für einen Gebrechen geschätzt wird / und daher denen Bräuten nach dem ersten Beyschlaffe eine Morgen-Gabe geschickt werden muß / übersendete Catumer seiner Gemahlin ein aus weissem Agsteine überaus künstlich gedrehtes Bild der Liebe / und eine Schnure der vollkommensten Perlen. Zu dem ersten legte er einen Zettel mit diesen Reimen:


Ist's wahr: daß Agstein sind der Sonnen-Töchter Zähren /

Die mit dem Phäeton fiel'n in das heisse Meer /

Muß ich der Liebe Bild aus Agstein dir gewehren.

Denn Liebe rinnt / wie er / aus Meer und Thränen her.


Die Perlen waren in ein Papier und darauf geschriebene folgende Worte eingehüllet:


Bekümmere dich nicht / daß unser' Eh mit Sehnen /

Und unsre Liebe sich mit Thränen hebet an;

Weil sie die Glückes-Sonn' in Perlen wandeln kan.

Sind doch die Perlen auch der Morgenröthe Thränen.


Adelmunde küssete dis angenehme Geschencke /und benetzte selbtes mit einer ziemlichen Anzahl Freudens-Thränen; weil sie zugleich die Nachricht kriegte / daß ihr Vater zu Winterburg die Nacht mit ziemlicher Ruh hingelegt / sich auch sein Zustand mercklich[703] gebessert hatte. Damit sie auch in der Eil ihre Erkenntligkeit dieses Geschenckes mit etwas zu verstehen gäbe / flochte sie aus ihren Haaren mit darein gefädemtem Agsteine und Perlen ein Armband /und schickte solches Catumern mit beygelegten Reimen:


Nimm dieses Haarband hin / bist du nicht Schnee und Eiß /

Weil nichts als Frauen-Haar den Fisch zu fangen weiß

Der in dem Meere brennt. Verachte nicht die Waare /

Verschmähn die Sternen doch nicht Berezintens Haare.


Unter seine ersten Reime aber schrieb sie folgende:


Ich wil / daß Agstein wächst aus Thränen / nicht verneinen /

Wenn Liebe sie gebührt / und Sonnen sie versteinen.

Wird mich dein Auge nun / o Sonne / stets bescheinen;

Kan meine Liebe nichts als Edelsteine weinen.


Unter Catumers andere Reime aber schrieb sie ihm diese:


Soll bitter Thränen-Saltz der Perlen Mutter seyn /

So muß auf Zungen es der Purpur Schnecken rinnen.

Nimmt meine nun dein Mund in seine Muschel ein /

So wird mein Auge nichts als Perlen weinen können.


Catumer fertigte daher noch selbigen Tag den Grafen von Solms nach Mattium ab / mit Befehl: daß er seine seltzame Verrichtung anfangs seiner Mutter der Hertzogin Erdmuth und dem Fürsten der Hermundurer / und nach dieser beyder Anleitung / seinem Vater dem Hertzoge Arpus erzählen / also ihm den Weg zu seiner Wiederkunfft bähnen solte. Sintemal er nicht außer grossem Kummer war / was der arglistige Adgandester inzwischen bey Hofe gesponnen / und wie Arpus seinen heimlichen Wegzug aufgenommen haben / und am meisten wie er seine Heyrath auslegen würde. Nach dessen Abfertigung war Catumers gröste Sorgfalt / wie er Adelmunden vollends durch allerhand Zeitvertreib die noch übrige Dämmerung ihres Bekümmernüsses aus dem Gemüthe vertreiben / Adelmundens aber / wie sie durch ihren Liebreitz und Anmuth das Feuer der Liebe in Catumers Hertzen erhalten oder vielmehr vergrössern möchte. Hierzu dorffte sie aber keine andere Erfindung als ihre eigene Liebe / denn Lieben ist der beste Zunder der Gegen-Liebe; und dieses Oel einer gantz andern Eigenschafft als anders. Denn da in gemeinem Feuer sich der Zunder verzehret und einäschert / so vermehret sich das Oel der Liebe mit ihrem wachsenden Feuer. Alle Lockungen / woraus andere Frauenzimmer eine Kunst und Wissenschafft machen / oder sich offt selbst zwingen müssen ihre Männer zu vergnügen / besaß Adelmunde von Natur / ja was sie nur ungefehr that / hatte in sich einen Liebreitz / oder vielmehr eine Krafft der Bezauberung; Gleich als hätte sie sich ihr Lebtage keines andern Dinges / als solcher Liebkosungen befließen. Die annehmlichsten Erfindungen fielen ihr so häuffig zu / daß sie selbst nicht wuste / wo sie ihr herkamen / und Hertzog Catumer / wenn er auch nicht dran gedacht / oder ihm auch fürsätzte eine Weile unempfindlich zu seyn / ward durch einen einigen Blick ihrer lebhaften Augen gezogen und aufgeweckt. Sintemal von den ihren allzu wahr war / daß weder Zunge noch Feder dis so nachdrücklich andeuten könten /was diese treue Dolmetscher ihres Hertzens mit einem Winck redeten. Die Geheimnüsse / welche sie ihrer süssen Zunge zu vertrauen sich schämte oder nicht getraute / schütteten ihre Augen ihm ins Hertze / und machten seine Seele feuriger als sie selbst waren. Jedoch beruhete sie keines weges bey dieser sparsamen Unterhaltung / sondern / wie es ihrem sinnreichen Geiste niemals mangelte was behägliches aufzuwerffen / also brachte ihr Mund niemals was für / worüber Catumer sich nicht ergetzte / und jedermann verwunderte. Denn alle ihre Erfindungen waren nachdencklich / ihre Urthel scharfsichtig / und ihre Erzehlungen hatten so viel Zierden als Warheiten. Hierzu ward sie über ihren natürlichen Trieb noch mehr durch den Geist ihres Gemahles aufgemuntert.[704] Denn Catumer besaß soviel Anmuth als Tapferkeit / daß er mit dieser die Gemüther aller Männer / mit jener die Hertzen alles Frauenzimmers gewan / also Adelmunden an gleichmässigẽ Vergnügungẽ keinẽ Mangel leidẽ ließ. Unter ihrer beyder Ergetzligkeiten war auch absonderlich die Erzehlung Adelmundens; wie heftig Sentia ihr theils noch zu Mattium / am allermeisten aber unterweges und zu Warburg zugesetzt hätte / Catumern nicht nur aus ihrem Gemüthe / sondern auch aus ihrem Gedächtnüsse zu verbannen / hingegen den viel tapferen Cariovalda lieb zu gewinnen. Hierzu hätte sie unter andern zur Ursache angeführet: Sie würden in weniger Zeit erfahren / daß die Römer und König Marbod das Gebiete der frechen und unbändigen Catten unter ihre Gewalt bringen und mit einander theilen würden. Weswegen zwischen ihnen der Fluß Fulde schon zu ihrer Reichsscheidung abgeredet wäre. Auf welchen Fall sie denn eine Gefangene; oder zum wenigsten eine Frau eines verlauffenen Fürsten ohne Land / bey Cariovalden aber eine grosse Fürstin und Bunds-Genossin des Käysers und König Marbods werden würde. Nachdem sie aber Cariovalden nicht einen Anblick / weniger ein gutes Wort gegönnet /sondern ihm und Sentien in die Augen gesagt: daß sie ihn ietzt als ein Mensch haßte / wenn sie ihn zu heyrathen aber gezwungen werden solte / würde sie ihn ärger als eine Schlange hassen; hätte ihr Vater ihr gedräuet: daß er an ihr der gantzen Welt ein Beyspiel einer väterlichen Rache wider seine ungehorsame Tochter für Augen stellen wolte. Weil sie nun besorgt hätte / ihr Vater möchte aus Verhetzung Sentiens mit ihr etwas beginnen / welches ihn der Nach-Welt zu einem Greuel machen könte / hätte sie ihr feste fürgesetzt sich entweder im Baden zu erträncken / oder ins Opfer-Feuer zu stürtzen / also ihre vorige Härtigkeit gelindert / und sich angestellt / als wenn sie sich dem väterlichen Befehle und Cariovaldens Vermählung unterwerffen wolte. Als sie nun zu ihrer Abwaschung in die Bach gestiegen / hätte sie die Tieffe gesucht /und sich zu erträncken nichts an ihr erwinden lassen. Weil sie Cariovalden durch ihren Tod eben so sehr als die Seren ihre Feinde zu kräncken vermeynet / welche umb ihnen Spott anzuthun sich für ihre Thüren zu hencken gewohnt wären. Es wäre ihr aber im Wasser sonder Zweifel ihr Schutz-Geist erschienen / welcher ihr das Haupt mit Gewalt empor gehoben und eingeredet hätte: Wilst du zugleich an dir / deinem Vater und deinem Bräutigam ein Mörder werden / und an Grausamkeit alle wilde Thiere übertreffen / derer keines iemals sich selbst vorsetzlich des Lebens beraubte? Weist du nicht / daß der welcher einen andern tödtet / ihm nur den Leib / wer aber sich selbst umbbrächte / Leib und Seele zugleich ermordet? Verstehest du nicht: daß ieder Mensch eine Müntze und ein Bild Gottes sey! Da nun es ein halsbrüchiges Laster ist / eines kleinen Fürsten Müntze verfälschen / sein küpfernes Bild verunehren / was meynest du wohl /was der grosse Gott denen für Ungnade zudencke /die an ihnen selbst seine Müntze und sein Bild versehren oder zernichten / welches er in Mutter-Leibe mit grösserm Fleiß und Kunst / als ein Seidenstücker seinen Teppicht bereitet? Gott hat im Anfange der Welt der Erde die Krafft Menschen; den Wässern Fische hervor zu bringen / und sich selbst zu besämen eingeflösset; aber den Menschen als sein Ebenbild hat er mit eigener Hand auszuarbeiten ihm vorbehalten. Denn ob zwar sein Geschlechte hernach von Vater und Mutter durch Zeugung fortgepflantzet wird / so rühret doch von Eltern nur alleine der Kinder Leib her / die hi lische und unsterbliche Seele aber wird allemal von Gott unmittelbar erschaffen. Da nun in deiner Macht nicht bestehet: daß dir ein Haar mehr / oder dein Leib eines Quer-Fingers höher wächst / was meynest du: ob du nicht mit dem[705] allmächtigen Gotte einen muthwilligen Krieg anfängst / wenn du seinem edelsten / seinem unsterblichen Geschöpfe Gewalt anthust? Uber diesen Worten wären ihr die Priester zu Hülffe kommen / hätten sie aus dem Wasser gezogen /und mit Ausredung allen Zwanges sie in das Eresbergische Heiligthum geführet. Worüber Hertzog Catumer / weil das Gedächtnüß überstandenen Ubels eine der schmackhaftesten Süssigkeiten im menschlichen Leben ist / sich nicht weniger mit Adelmunden erfreute / als sich über denen unbegreifflichen Schickungen göttlicher Versehung wunderte. Dieses waren / ausser / daß Catumer auf dem Astenberge etliche mal jagte /ihr achttägichter Zeit-Vertreib in dieser Einsamkeit; mit welcher sie aber die künstlichsten Aufzüge des Römischen oder Persischen Hofes nicht gerne verwechselt hätten. Denn ob es zwar nicht ohne / daß wie die Indianer durch ihre anhabende Bley-Schuh kleine Füsse behalten; also die an grossen Höfen erzogenen grossen Gemüthes werden / und der Kleinigkeiten sich schämen; so ist doch die Veränderung dem Menschen so angenehm / daß der Unter-Lauff gewisser Dinge / welche gleich nicht was besonders seyn / ihm mehr belieben / als in einem unveränderlichen Zustande Dinge von der grösten Pracht und höchsten Würde. Diesemnach denn nichts ungemein ist / daß Fürsten /welche zwischen Alabaster wohnen / auf Marmel gehen / und Porphyr speisen / auf Sammet und Geld-Stück liegen / mehrmals in einer mostigen Höle oder auf Rasen grössere Ergetzligkeit suchen. Sonderlich aber hat die Liebe eine genaue Verwandschafft mit der Einsamkeit des Feld-Lebens / also daß / wenn die Vor-Welt oder Königliche Höfe iemals haben die vollkommensten Vergnügungen der Liebe vorstellen wollen / sie sich in Hütten und Kleider der Schäfer verhüllet / oder wohl gar mit dem verliebten Paris dem hoffärtigen Troja den Rücken gekehrt / und ein Ideisches Gebürge dafür erkieset haben; gleich als wenn die Liebe so wol als Freyheit und Unschuld nirgends als in einer so lieblichen Einsamkeit unversehrt bleiben könte. Dieses einige Unvergnügen bekümmerte Adelmunden / daß ob sie wohl dem Hertzoge Ganasch alle ersinnliche Bedienungẽ verschaftẽ / ja sich alle Tage ihre Wohlthaten mit neuen zu erfrischen bemühten / damit nicht die ersten vergessen /oder ihr Verdienst eingebüsset würde / sie auch durch vertrauten Mund erfuhren / daß er sich schon ausser des Bettes halten könte / er doch weder ihr noch Catumern eine Besuchung erlauben wolte / sondern solche stets mit vorgeschütztem Verbothe der Wund-Aertzte ablehnen ließ. Den neundten Tag kriegten sie die unvermuthete Zeitung / daß selbige Nacht Hertzog Ganasch mit allen seinen Chauzen in möglichster Stille aufgebrochen wäre. Ob nun wohl dieses Adelmunden tieff zu Gemüthe stieg / so fehlte es doch Catumern nicht an beweglichen Gründen ihr Gemüthe zu beruhigen; sonderlich damit / daß man sich mehr umb Abgeltung seiner eigenen / als andern obliegender Pflicht zu bekümmern / und daß die Zeit wohl-gemeynten Dingen doch endlich ihren Preiß beylegte / wie übel sie auch anfangs ausgelegt würden. Ihm wäre nur leid / daß Hertzog Ganasch ihm mehr als ihnen weh thäte /indem er sich sein- und seines eigenen Kindes gäntzlich entschlüge / und wider sie einen unverdienten Groll im Hertzen behielte. Ihr Trost müste seyn / daß diß ihnen so wenig / als den Speisen die Bitterkeit zuzurechnen wäre / welche gewissen Krancken / ie mehr sie Süssigkeit hätten / so viel bitterer schmeckten. Weil nun Liebe eine süsse Herrschafft / und eine süssere Dienstbarkeit ist / gab Adelmunde sich guten theils zu Frieden / wiewohl sie ins geheim noch manchen stillen Seufzer aus ihrer Brust verrauchte. Denn diese sind die Jäger-Hörner des Kummers / welche nicht öffentlich geblasen werden dörffen. Damit aber Hertzog[706] Ganasch so viel mehr seiner Härte sich zu entäusern Ursach haben möchte / schickte Catumer den Ritter Dietz mit seinem und Adelmundens Schreiben dem Hertzoge Ganasch nach / welche mit dem Wunsche völliger Genesung ihn ihrer Verbindligkeit aufs kräfftigste versichern solte. Denn dieser kluge Fürst verstand gar wohl / daß Zorn und Haß durch Sanftmuth gebrochen / wie der Schwefel von Oel / das Gold vom Geiste des Saltzes aufgelöset würden / welchen doch das pressende Scheide-Wasser nichts anhätte. Damit nun Adelmunde ihr den neuen Kummer desto leichter aus dem Sinne schlüge / entschloß sich Catumer biß nach Sassenberg fortzurücken / allwo er ohne diß vom Grafen von Solms die Nachricht von Hofe zu erlangen mit ihm abgeredet hatte. Weil nun Adelmunde weder Wagen noch Senfte annehmen /sondern allezeit zu Pferde sich an der Seite ihres Gemahles befinden wolte / wolte ihr Catumer für dem Aufbruche eine Lust machen. Hierzu gab ihm die Gewohnheit der Deutschen Anlaß / daß bey ihnen so wohl als bey denen mit ihnen in vielerley Sitten überein kommenden Seren nicht die Weiber den Männern / sondern die Männer den Weibern ein Heyrath-Gut zu bringen; vielleicht aus dem Absehen; daß das deutsche Frauenzimmer sich nicht so wohl durch ihr Vermögen feil bieten / als von dem männlichen Geschlechte ihrer Tugenden halber gesucht seyn wollen. Sintemal / wenn Reichthum verhanden / nach diesem zum ersten / nach guten Sitten zuletzt gefragt / und bey vielem Gelde kein Laster für heßlich gehalten würde. Zu geschweigen / daß es bey Ausätzung eines grossen Eh-Geldes schier das Ansehn hätte / als wenn ein Vater dadurch mit seiner Tochter ihm ein grosses Ubel vom Halse kauffen müste; die mit der Armuth ins gemein vermählte Tugend übel daran wäre / wo man das Geld zur Hertz-Wurtzel der Liebe machte. Sintemal heute zu Tage ihrer wenig zu finden seyn würden / welche mit der Tochter des armen Homer seine Cyprische Getichte zum Braut-Schatze annehmen würden. Daher der kluge Lycurgus zu Sparta der Tugend nicht wenig auf die Beine geholffen hätte /daß er nicht nur / wie die Egyptier und Hetrusker /dem Heyrath-Gute ein Maaß fürgeschrieben / sondern solches gäntzlich abgeschafft hätte. Denen deutschen Sitten nun nachzuleben / und sich seiner Schuldigkeit loß zu machen / verehrte Catumer Adelmunden den Tag für dem Aufbruche ein Perlen-farbenes Pferd /welches / wenn sie aufsteigen solte / niederkniete / mit Sattel und Zeug / einen Spieß / und mit Edelgesteinen versetztes Schwerdt / zwey weisse Ochsen mit vergüldeten Hörnern und Klauen; und auf selbten eine Pflugschaar / einen angelegten Rocken mit Spindel und Wirbel. Wie nun Catumer bath solche Kleinigkeiten nicht zu verschmähen / weil es eine so grosse Freygebigkeit wäre / wenn man kleine Geschencke annehme / als wenn man grosse gäbe / also empfieng Adelmunde diese Gaben mit einem so geneigten Auge und freudigen Hertzen / als wenn ihr ein halbes Königreich wäre verehrt worden; und sagte denen ihr solches überbringenden Rittern: Catumer und die alten Deutschen hätten durch nichts mehr als durch Geschencke eines Pferdes / der Waffen / und anderer zum Kampf und Arbeit dienender Dinge das Frauenzimmer höher erheben können. Denn hierdurch sagten sie so viel; daß der Unterschied des Geschlechtes nur den Leib nicht die Seele angienge / und daß die Frauen nur dem Leibe nach Weiber / in der besten Helfte des Menschen aber eben so wohl Männer wären. Ob sie sich nun zwar dieser Vortheile dieses Geschlechtes nicht zu rühmen / noch für eine streitbare Amazone auszugeben hätte; so würde sie doch dieses Pferd ihr zum Vorbilde dienen lassen / daß sie gegen ihren Gemahl ebenso tieffe Demuth / als diß für ihr kniende Pferd gegen ihr thäte / bezeugen würde. Wären die Pferde so gelehrig durch Kniebeugen ihre Herren anzubeten; wie vielmehr würde dis ihre[707] Pflicht gegen ihr Haupt und Eh-Herrn seyn; und diß Pferd würde sie so werth als Andromache ihres Hectors Pferde halten /welchen sie mit eigener Hand Haber fürgeschüttet und Heu fürgelegt hätte; ja selbtes gerne mit trockenen Weintrauben und Mandel-Kernen speisen / ihm güldene Küssen unterlegen und es wie ein Siegs-Pferd mit köstlichen Hals-Bändern und güldenen Spangen ausputzen; wenn sie wüßte / daß ihr Eh-Herr an diesen Eitelkeiten einiges Gefallen hätte. Folgenden Morgen nahmen Catumer und Adelmunde ihren Weg nach Sassenberg; allwo er bis auf etliche wenige alle Catten von sich ließ / weil ihm ein vom Grafen von Solms aus Mattium zugeschickter Edelmann wissend machte / daß er vom Hertzoge Arpus bey seiner Ankunfft übel empfangen und gefangen gesätzt worden wäre. Dahero er ihm nach Hofe zu kommen nicht riethe; Catumer verhölte diese kummerhaffte Zeitung für Adelmunden aufs möglichste / sonderlich da ihm dieser Edelmann ein mehres nicht zu sagen wuste / und ihm der Graf von Solms bey seiner Verhafftung nur so viel in ein Ohr zu sagen hatte Zeit gehabt. Weil er aber nicht für rathsam hielt von Mattium und dem Hofe weit entfernet zu seyn / reisete er mit Adelmunden / dem Grafen von Witgenstein und nur dreyen Rittern / nemlich Boineburg / Greiffenstein und Hertzberg des Nachtes an die Eder / und hielt sich auf dem vom Hertzoge Bato für hundert und dreißig Jahren erbautẽ Schlosse Battenberg verborgen auf / allwo er aber zur Noth alle Tage von Mattium durch seine wechsels-weise ab und zu reitende Ritter Zeitung erlangen konte. Denn zu Mattium gieng es gewaltig durch einander. Arpus war über Adgandesters Aufschube und kaltsinnigen Antwort wegen der Heyrath mit Marbods Tochter überaus unvergnügt gewest; sintemal Fürsten die Erfüllung der geschehenen Vertröstungen mit größerer Ungedult / als Liebhaber die Gewogenheiten von ihren Buhlschafften erwarten /und ihre zu Wasser werdenden Anschläge sie mehr verungnügen als hundert Beleidigungen. Noch viel mehr aber hatte er ihm Catumers heimliche Entfernung vom Hofe zu Gemüthe gezogen; weil er wol verstund / daß verzweifelte Liebe wie die kollernden Pferde sich über Stock und Stein in euserste Gefahr zu stürtzen gewohnt wäre. Die Hertzogin Erdmuth machte ihm auch darzu den Kopff warm / daß sie bey Vernehmung der zwischen Cariovalden und Adelmunden vorstehenden Heyrath als ein grosses Unglück für das Cattische Haus aufnam / daß man diese unvergleichliche Fürstin aus den Händen gelassen /die Chauzen zu Feinden / und Catumern verzweifelt gemacht hätte. Nichts desto weniger befahl Arpus dem Grafen von Hohenstein Adgandestern aufs höflichste zu unterhalten / damit der angesponnene Fadem der Marbodischen Heyrath nicht abgerissen werden möchte. Als nun wenige Tage hernach Hohenstein dessen gegen Adgandestern gedachte / antwortete ihm dieser: Er verstünde nicht / was man ihm für einen blauen Dunst für die Augen machen wolte / und wie man mit seinem Könige umbgienge; welcher nicht gewohnt wäre sich mit falscher Müntze glatter Worte zahlen / und mit Einkünfften wilder Granat-Aepfel abspeisen zu lassen / welcher nichts als wild Honig / und nur zur Schmincke dienende Rosenblüthe / aber keine Früchte trüge. Wie nun Hohenstein nochmals die aufrichtige Meynung des Cattischen Hertzogs vertheidigen wolte / zohe er einen Brief von Sentien herfür / und laß ihm daraus / daß Catumer sich in dem Eresbergischen Heiligthume mit Adelmunden vermählet hätte. Hohenstein stutzte hierüber / versicherte aber Adgandestern: daß es dem Hertzoge Arpus so wenig als ihm wissend wäre. Weil dieser nun wohl wußte / daß es gefährlicher[708] wäre einem Fürsten wichtige Geheimnüsse verschweigen / als ihn beleidigen / hielt er es für nöthig solches dem Hertzoge Arpus unverwendeten Fusses zuzubringen. Arpus verstummete über dieser Zeitung / also daß er den Hohenstein ohne einiges Wort von sich ließ. Ob nun wol es ein grosses Kunst-Stück ist; wenn ein Fürst seinen Zorn zu mässigen mächtig ist / also er weder seinen Verstand verfinstert / noch einem andern die Schlüssel zu seinem Hertzen einliefert; so war doch diß Stillschweigen dem Hohenstein so sehr als eine gäntzliche Meer-Stille verdächtig / welche ins gemein in einen heftigen Sturm ausbricht. Diese Vermuthung ward auch noch selbigen Tag wahr. Denn so bald er vernahm / daß der Graf von Solms in Mattium ankommen / und Catumers Gefärthe gewesen war / ließ er selbten auf dem hohen Schlosse in einen Thurm versperren / die Hertzogin noch sonst iemand trauten sich im ersten Eiver gegen Catumern ein Wort zu verlieren; weil sie nicht für rathsam hielten mit einem blancken Degen im Feuer zu scharren / nemlich durch Einredung ihn noch mehr zu ergrimmen. Sintemal der Zorn durch die süssesten Worte wie der Schmiede Feuer-Aessen durch darein gesprengtes Wasser nur mehr angezündet wird / beyde aber bey Ruh und Einsamkeit gleichsam in ihrer eigenen Asche ersticken /und ein ausgerauchtes Gemüthe alle Dinge mit einem viel andern Auge ansiehet / als der erste Schmertz. Nachdem aber Arpus Zorn nicht bey einem blossen Eiver blieb / sondern er Befehl ertheilte aller / welche mit Catumern auf seinen Anschlag heimlich weggereist wären / sich zu versichern / und etlichen seiner Räthe mitgab zu untersuchen: ob er von Catumers Vornehmen Wissenschafft gehabt hätte / ihn auch für sich zu lassen unerbittlich war / redete ihm / weil niemand von den Räthen das Hertze hatte / die Hertzogin Erdmuth ein / er möchte doch gegen diesen wohl-verdienten Helden so scharff zu verfahren seinen Zorn sich nicht verleiten lassen. Denn es wäre einem Fürsten unanständig / wenn nur eine Falte seines Rockes verrückt würde / wie vielmehr / wenn er sein Gemüthe durch so heftige Gemüths-Regungen verstellte. Sein Verbrechen könte ja nichts anders seyn als daß er seinem Fürsten gehorsamt hätte. Wäre nun dieses gleich ein Fehler / so möchte ihm der Hertzog zwar seine Hold entziehen / aber nicht so beschimpfen. Denn geheime Ungnaden verwundeten so sehr als offenbare /sie verkleinerten aber den gestrafften nicht so sehr beym Volcke / und thäten dem andern Adel nicht so weh / welcher an dem Grafen als einem ihrer fürnehmsten Häupter wie an einer Klette hienge. Die Gerechtigkeit wäre zwar das schöne Feuer / welches ein Land erleuchtete / und von bösen Dünsten reinigte; wenn man aber seiner Schärffe einen ungezäumten Lauff liesse / legte es gantze Königreiche in die Asche. Denn der Adel nehme diß / was einem widerführe / für allen geschehen an / und weil nur die Schwachen an dem / daß alles nach der Schnure des Rechtes und der Billigkeit abgemässen würde / verlangten / hielte jener es für Dienstbarkeit so wohl den Gesetzen unterworffen seyn / als im Friede leben. Nichts aber entkräfftete ein Reich mehr / als wenn die Vergnügung des Fürsten und des Volckes nicht auf gleicher Wag-Schale läge / sondern ein oder das andere überschlüge. Jedoch wäre das Unvergnügen des gemeinen Volckes so sehr nicht schädlich / als das des Adels / welcher die Lufft / wie jenes die Erde in einem Staat fürstellte. Denn vom Erdbeben liedten wenig Orte / von ansteckender Lufft viel und grosse Länder. Arpus sahe seine Gemahlin wider Gewohnheit mit einem ziemlich schälen Auge an / und antwortete nichts mehr / als / ob sie nicht verstünde; daß ein Fürst ohne Ehre / eine Miß-Geburt ohne Kopf / sein Ansehn aber das fürnehmste Theil des gemeinen Wesens / der Ancker eines Reiches und das gröste Kleinod der Krone wäre. Daher könte[709] kein Fürst ohne seinen und des Volckes Verterb zu dessen Beschwärtzung ein Auge zudrücken / sondern sie müsten derogestalt geheilet werden / daß man keine Narbe nicht sähe / solte es gleich seiner liebsten Diener / ja seiner eigenen Kinder Blut kosten. Es wäre vorträglicher / daß Volck und Adel seinen Fürsten fürchtete / als verehrte. Denn jenes wäre ein gewisser Kenn-Zeichen als dieses / daß er hochgeschätzt würde; dieses ins gemein / jenes niemals ertichtet wäre. Die Hertzogin erschrack über dieser Antwort aufs höchste / weil sie wohl verstund; daß Arpus ehe würde seinem eigenen Blute wehe thun / als den Nahmen haben wollen; daß er Catumers Heyrath gebilligt / und Adgandestern nur mit Vorwand der Marbodischen hinters Licht geführt hätte. Sie schrieb daher dem Grafen von Solms alle Worte des Hertzogs / und beschwur ihn / er möchte seiner Großmütigkeit nach bey Untersuchung der Sache sich also bezeigen / daß der Hertzog wider ihren einigen Sohn und den Erb-Fürsten der Catten nicht mehr Eiver zu schöpfen Anlaß nehmen möchte. Sonst hätte er nur zu behertzigen: daß wenn man eines Fürsten Zorne mit der Flucht nicht entkommen könte / man selbten mit Demuth überwinden / mit Seufzen mässigen / und wenn beydes nicht verfienge / der Fürst keine Fühle hätte /man sich seiner Unschuld trösten / sich dem Verhängnüsse unterwerffen / und Gott vertrauen müste. Diesen Zettel spielte sie in einem gebackenen Brodte dem Grafen zu; welcher hierüber ziemlich bestürtzt ward. Nachdem er aber mit Hertzog Catumern erwachsen war / und daher von Kind auf seine Liebe in sich getruncken hatte; faßte er diese großmüthige Entschlüssung / daß er ihm zum bestẽ nicht nur sein Leben /sondern seine Ehre in die Schantze zu setzẽ / und aus dem Verlust seiner Ehre die gröste Ehre zu erwerben entschloß. Wie er nun fürs Gerichte erschien / und befragt ward: Ob er nicht mit dem Fürsten Catumer bey Eresberg gewest; ob er von seinem Anschlage Adelmunden zu heyrathen gewüst; ob er zu dessen Vollziehung geholffen hätte; verjahete er nicht nur dieses alles; sondern setzte auch freywillig bey: weil er die mit ihr geschlossene Verlobung zu vollziehen nicht nur für Catumers Schuldigkeit; sondern auch für der Catten Wohlfarth geachtet; hätte er dem wegen besorgten väterlichen Unwillens zweifelhaften Catumer Tag und Nacht in Ohren gelegen / daß er mit Adelmunden nicht die Vergnügung seines gantzen Lebens / die Ehre des Cattischen Hauses / und das güldene Glücks-Bild Deutschlandes entführen lassen / sondern sich derselben bemächtigen solte. Der Himmel hätte sein hieran habendes Wohlgefallen durch Beglückseligung seines Vornehmens über seinen Wunsch und aller Hoffnung zu verstehen gegeben; also daß er seine wenige Zuthat für das edelste Werck seines Lebens hielte. Die Räthe des Hertzogs erstauneten über seiner so freymüthigen Bekäntnüß / weil sie ihnen unschwer an Fingern ausrechnen konten / daß Hertzog Arpus / wie auch erfolgte / dieses würde für einen frevelhaften Trotz annehmen / und Arpus das Urthel auf seinen Tod erstrecken. Ob nun wohl Erdmuth und Jubil / welche des Grafen von Solms Bezeugung für eine Großmüthigkeit ohne Beyspiel rühmten / und daher alle euserste Mittel ja selbst Adgandesters Vorbitte und Erklärung / daß er an des Hertzog Arpus angezogener Unwissenheit von Catumers Heyrath im geringsten nicht zweifelte / ihn zu besänftigen anredeten / so konten sie doch sein Hertze nicht erweichen /noch verhüten: daß der Graf von Solms wenig Tage hernach sein Todes-Urthel empfing / welches den dritten Tag durchs Beil an ihm solte vollzogen werden. Der Graf hörte diß mit unverändertem Antlitze / mit unerschrockenem Hertzen / und sagte darzu: Meines Hertzogs Wille geschehe / und der Himmel setze seinem Lebẽ so viel Jahre bey / als meinem durchs Beil werdẽ abgekürtzt werden. Allẽ die diß höreten / giengen die Augen über / der Adel aber ward biß aufs Hertze[710] beleidigt. Ihrer viel / welche ihn vorhin nie so eigentlich gekennt / schlugen sich erst auf seine Seite. Denn iedermann ist bemühter die / welche von einem Fürsten verfolgt werden / als seine Schoß-Kinder zu kennen. Denn das Unglück selbst macht einen ansehlicher / als grosser Fürsten Gnade / ja die Ubelthäter selbst sterben selten ohne Mitleiden. Und ihrer viel verschwuren sich; daß da der Graf seinen Kopf verlieren würde / Adgandester / welchem dieser nur zu einem Versöhnungs-Opfer springen müste / seinen nicht auff seinen Achseln aus Mattium bringen solte. Eben selbigen Tag lieff vom Fürsten Catumer ein Schreiben an Herzog Arpus ein / darinnen er seine Heyrath aufs demüthigste entschuldigte / und behauptete: daß die Liebe mächtiger als die Ehrerbietigkeit /heyrathen auch mehr Würckungen des Verhängnüsses als des freyen Willens / die Irrthümer also hierinnen eine Nothwendigkeit / also selbte zu übersehen zugleich Klugheit und Billigkeit wäre. Dieses zu thun würde Hertzog Arpus von seiner Gemahlin die allerwichtigste Ursache erfahren. Zuletzt war angehenckt eine bewegliche Vorbitte für den Grafen von Solms /welcher von ihm mitzureisen ohne die geringste Wissenschafft seines Anschlags wäre befehlicht worden. Unwissende könten nun zwar etwas übersehen / aber nichts halsbrüchiges sündigen; und durch nichts könte sich ein Fürst Gott mehr nähern als durch Barmhertzigkeit / durch nichts aber mehr entfernen / als allzu grosse Schärffe. Hertzog Arpus empfieng diß Schreiben in Anwesenheit seiner Gemahlin / welcher der Ritter Müntzenberg zugleich eines von Adelmunden einhändigte / fing also nach dessen Durchlesung an: Es wäre so thöricht dem Verhängnüsse seine Verbrechẽ / als den Gestirnẽ Flecken beymässen / und noch thörichter / wenn ein im Peche steckender Mißhandler durch sein Zeugnüß und Vorbitte einem seines gleichen heraus helffen wolte. Erdmuth aber konte ihre Freude über Lesung ihres Briefes nicht verbergen /sondern ihre Augen und Wangen redeten / ehe sie den Mund mit diesen Worten öffnete: Gott sey ewiger Danck gesagt / welcher den Verläumdungen den Mund gestopft / unsern Ku er ein Ziel gesteckt / und den Catten heutigen Tag zum Freuden-Feyer gemacht hat! Arpus wuste nicht / was für eine Begäbnüß so viel Gutes nach sich ziehen / oder die zeither mehr Seufzer als andern Athem auslassende Hertzogin zu so lebhafter Ausdrückung ihrer Freude ermuntern könte. Erdmuth aber kam seiner Frage zuvor / und zeigte ihm von Adelmunden ein an sie gerichtes Schreiben folgenden Innhalts: Wenn sie die wunderwürdige Geschichte von des Fürsten Catumers und ihrer Erzehlung vernehmen würdẽ / glaubte sie nicht /daß iemand zweifeln würde / es habe das göttliche Verhängnüß darinnen seine Hand gehabt / welches sie aus dem Rachen des Todes gerissen / und wider alles ihr Denckẽ in die Armen des geliebten Catumers gleichsam mit Gewalt geworffen hätte. Dieses hätte nun auch so viel mehr sein Gefallen an ihrer Heyrath augenscheinlich erwiesen / da sie sich zu Zernichtung aller Verläumdung schwanger befindete / und der Himmel sie für das schwache Gefässe erwehlet hätte /durch welches der erlauchteste Fürstensta der Catten fortgepflantzt und verewigt werden solte. Darbey lag ein absonderes Schreiben der Gräfin von Witgenstein / welches gewisse und gantz unfehlbare Zeichen und Zeugnüsse des gesegnetẽ Leibes von Adelmundẽ ausdrückte. Dem Hertzoge Arpus lieffen hierüber die Augen voll Wasser / und er fing an: Wolte Gott! daß anderer Leute Laster uns weder die Circkel unsers Verstandes / noch unsers Glückes verrücket hätten! Ich erkenne aber die unaussprechliche Güte Gottes /der auch Gift zu unser Hertzstärckung / und unsern Wahnwitz zu unserm Glücke machẽ kan. Es ist diß eine blosse Wohlthat seiner Gnade / nicht meines Verdienstes. Denn wir schicken ja wohl bey widrigẽ Zufällẽ einige gute Bewegungẽ zu ihm hinauf; aber sie habẽ insgemein Mißtrauẽ / oder andere Schwachheiten an ihnẽ klebẽ / daß sie unterweges verschmachten. Die Hertzogin[711] Erdmuth wuste sich hierbey der Gelegenheit meisterlich zu bedienen / und das Wasser auf ihre Mühle so vortheilhafftig zu leiten; daß Arpus seines Sohnes Heyrath mit Adelmunden genehm hielt / und er alles empfindliche in die Vergessenheit zu vergraben willigte. Erdmuth meinte / daß hiermit auch der Graf von Solm in die Gnade eingeschlossen seyn würde / sie erfuhr aber folgenden Morgen / daß er an ihm das gesprochene Urthel in alle wege ausgeübt wissen wolte. Ob sie nun zwar für diesen Gnade auszubitten sich eifrig bemühte / war doch Arpus unerbittlich / und gab ihr zur Antwort / daß der gute Ausschlag einer bösen Sache die Vergehung eines Dieners nicht rechtfertigte. Keine Vorbitten anderer Fürsten verfiengen etwas / vielleicht darumb / daß Hertzog Arpus entweder durch seine Begnadigung ihm nicht den Nachklang einer Ubereilung zuziehen wolte / oder weil er des Grafen Hertzhafftigkeit / und wenn seine Ungnade nicht wie das Gifft tödtlich wäre / für seine Verkleinerung ausdeutete. Folgenden Tag ward der Graf von Solms auf das zu Vollziehung des Todes-Urthels gebaute Schaugerüste gebracht / welches Hertzog Arpus zu Verhütung besorglichen Aufruhrs mitten in den Lohn-Strom hatte bauen / und noch darzu mit seiner gantzen Leibwache besätzen lassen. Niemand unter der unzählbaren Menge der Zuschauer war / dem nicht die Mitleidens-Thränen über die Wangen lieffen / und welche Adgandestern nicht als einen Mordstiffter hundert mal verfluchten. Die meisten lobten auch als eine Helden-That / und als ein dem gemeinen Wesen heilsames Werck / westwegen der tapfere Solms sterben solte. Daher sie auch urtheilten / daß dieses nur ein Vorwand / etwas in dem Hertzen des Arpus verborgenes aber die wahre Ursache des Todes seyn müste. Sintemal es nichts seltzames wäre / daß Fürsten etliche Jahr einen Groll /wie die Feuer-Berge ihre geheime Glut in ihren Eingeweiden verbürgen / hernach einen kleinen Wind zur Gelegenheit ihre Flammen auszuspeyen gebrauchten. Hingegen bezeugte sich der Graf von Solms auf der Todten-Büne so freudig / als wenn er darauf ehe einen Siegs-Krantz als vom Scharfrichter einen tödtlichen Streich bekommen solte. Er redete denen bestürtzten Zuschauern selbst ein Hertz ein / und verwieß ihnen theils ihre Kleinmuth / theils ihr schlechtes Urtheil. Dieses / weil man die Gerechtigkeit göttlicher Schickungen nicht allezeit nach dem euserlichen Augenscheine / und gegenwärtiger Gelegenheit ausmässen müste. Denn GOttes Gerichte / wenn sie schon der Vernunfft unbegreiflich wären / blieben doch gerecht /und wäre er niemanden Rechenschafft zu geben schuldig / warumb er mit seiner Straffe den Menschen an Bort käme. Eben so wenig stünde es Unterthanen zu ihnen Gewalt zu nehmen über Erkäntnüsse ihrer Fürsten Urthel zu fällen. Was diese aussprächen / wäre schon recht; weil sie Brunnen der Gesätze wären; und dis was zu allgemeiner Ruh / zu Befestigung einer Herrschafft diente / müste der Allerunschuldigste mit Freuden leiden / ja für Ehre schätzen / daß er würdig geachtet würde ein Versöhn-Opffer zwischen dem Fürsten und Volcke / und ein Werckzeug ihrer Vergnügung zu seyn. Wer ein Glied einer Gemeinschafft wäre / müste die Eigenschafft des Geblütes haben /welches jeder Wunde zueilete umb selbte nicht krafftloß zu lassen. Dieses wünschte auch seines / welches er itzt willig aus allen seinen Adern ausjähren wolte; weil es dem tapferen Fürsten Catumer / und dadurch allen Catten zu statten kommen würde. Uber seinen Zustand hätte niemand nicht Ursache wehmüthig zu werden. Es widerführe ihm nichts besonders / sondern es wäre die gemeine Art des menschlichen Lebens; daß es mit Kurtzweil beginnte / mit Trauren sich endigte / wie das Jahr mit dem freudigen Wieder anfienge / mit den eckelen Fischen den Abschied nehme. Seine Sterbens-Art würde nicht so viel Aufsehns verursachen / wenn nicht sein Stand und die[712] Gnade seines Fürsten sie veranlaßt hätte ihnen von ihm eine gantz andere Rechnung zu machen. Alleine ins gemein verführte solch Glücke das menschliche Urthel /wie Höhe und Ferne das Gesichte. Er aber hätte wol gewüst / daß Glücke und Fürsten mit ihrer Gnaden die Gedult ihre Diener wie Kinder zu prüfen / und wie Fische ihrer Abschlachtung halber zu mästen pflegten. Ein Unterthan wäre fürs Vaterland und seinen Fürsten alle Augenblicke das Leben zu lassen verpflichtet / er hätte seines auch bereit hundertmal in Schlachten an die Spitze gesätzt. Was wäre nun daran gelegen / ob er / nach dem Willen des Glückes / in freyem Felde / oder nach dem Befehl seines Fürsten auf einer Schau-Büne sein Leben beschlüsse. Nicht die Art des Todes / sondern Furcht und Hertzhaftigkeit zu sterben / machte einen Unterscheid der Schande und Ehre. Diesemnach wäre die gröste Weißheit der Welt sich wissen auf alle Fälle geschickt zu machen / und zu trösten: daß ehrliche Leute aus dem Staube ihres Todes einen guten Nachruhm / wie die Phönixe aus ihrer Asche ein verjüngtes Leben zügen. Nach dem Schlusse dieser Rede legte der Graf von Solms das Haupt auf einẽ höltzern Klotz / und der Nachrichter hob das Beil schon auf den Streich zu vollziehen / als Catumer / welcher bey vernommener Gefahr des Grafen von Battenburg eilfertig nach Mattium kommen war / und sich zum Gerüste gedrungen hatte / mit lauter Stimme dem Nachrichter zurief: Er solte bey Verlust seines Kopffes den Streich nicht vollziehen. Der Streich solte aus hochwichtigen Ursachen hinterzogen werden. Der zu dessen Vollziehung ohne dis wenig lusthabende Nachrichter folgte diesem Zuruffe / sonderlich weil er den ihm mit blancken Degen dräuenden für den Cattischen Fürsten erkennte. Der Ritter Reiffenberg / welcher über die Besatzung des Gerüstes und die Vollstreckung des peinlichen Gerichtes Befehlhaber war / wuste wie eifrig Hertzog Arpus in dieser Sache sich bezeugt hatte / und bey nachbleibender Vollziehung sich der grösten Ungnade besorgte / ruffte dem Scharffrichter zu / er solte sein Ampt thun / und was Hertzog Arpus befohlen hätte. Hertzog Catumer aber sprengte mit seinem Pferde gegen dem Reiffenberg und hätte ihn durchstochen /wenn nicht der Ritter Traxdorff ihn mit seinem Schilde bedeckt / und gerathen hätte / mit der Enthauptung inne zu halten / bis hierüber des Hertzogs Arpus neue Verordnung eingeholet würde. Catumer sagte dem Traxdorff; er möchte seinem Vater sagen / daß er des Solms Unschuld auszuführen / oder mit demselben zu sterben schlüßig wäre. Ungeachtet nun dieser dem Hertzoge Arpus den Eyver des Fürsten Catumers und den Unwillen des zuschauenden Volckes / welches bey nunmehr erlangtem Haupte leicht Gewalt üben /und ein grosses Blutbad anrichten dörffte / vortrug /so zohe dieser doch die Augenbrauen zusammen /runtzelte die Stirne / sahe gegen Himmel / stieß mit den Füssen auf die Erde / und befahl / daß nicht nur Solms gerichtet / sondern auch Catumer selbst durch den Grafen von Ziegenheim in Hafft genommen werden solte. Als nun dieser und Traxdorff zurück kamen / fanden sie Catumern auf dem Schau-Gerüste den Solms mit beyden Armen umfangen. Wie sie aber des Hertzogs Arpus Befehl andeuteten / fieng Catumer an: so bald Solms in Freyheit und Sicherheit seyn würde /wolte er sich und seinen Degen zu seines Vaters Füssen legen. Den aber / welcher den Grafen mit einem Finger anrühren würde / den wolte er mit seinen Klauen zerreissen. Hiermit gab er dem Nachrichter ein so grausames Gesichte / daß er für Furcht vom Gerüste herab sprang. Solms fiel hingegen Catumern zu Fusse / und bat ihn: er möchte ihn doch sterben lassen / und sich nicht in die Ungnade seines Vaters stürtzen. Catumer antwortete ihm: Ich wäre nicht würdig ein Fürst der Catten / ja nicht ein Edelmañ zu seyn /[713] wenn ich den darumb / daß er meinem Befehle gehorsamet / so schimpflich Ehre und Leben einbüssen ließe. Solms versätzte: beyde bin ich meinem Fürsten schuldig. Catumer fiel ein: das Leben sind Unterthanen wol fürs Vaterland und den Fürsten aufzuopffern verpflichtet / aber nicht die Ehre. Dieser kan einen befehlichen sich unter tausend gewaffnete Feinde zu stürtzen / eine unzwingbare Festung anzugreiffen / und also dem Tode in Rachen zu lauffen. Denn hierdurch erwirbet er für das ohne dis flüchtige Leben die Unsterbligkeit eines viel edlern Lebens und des unschätzbaren Nachruhms. Aber dis übersteigt die Gewalt aller Könige; daß sie der Tugend einen stinckenden Rock der Boßheit anziehen / den Lastern aber Bilder und Siegs-Bogen aufrichten / daß sie die Verrätherey und Verleumbdung nicht nur der Treue auf dem Kopffe herumb gehen / sondern selbte auch mit ihrem Giffte begeifern lassen solten. Kein Fürst ist befugt / daß er zu Abwendung seiner eigenen Schande / zu Rechtfertigung seines Thuns / zu Ubermahlung anderer Fehler / oder zu Versöhnung seines Feindes einem Unschuldigen die Ubernehmung eines Lasters aufdringen / seinen guten Nahmen bey der Welt stinckend machen / oder ihn gar als einen Ubelthäter hinrichten lasse. Der Graf von Solms begegnete Catumern: Noch viel weniger beruhet in der Gewalt eines Unterthanen eines Fürsten Urthel / ob es recht oder unrecht / zu untersuchen. GOtt hat Fürsten so viel erlauchten Verstand / als Macht / Unterthanen aber keine grössere Ehre / als die Blindheit des Gehorsams gegeben. Machen doch gemeiner Richter Erkäntnüsse aus schwartz weiß / und aus weiß schwartz. Wie heilig sind nun nicht die Urthel der Fürsten zu halten / welche nur Knechte Gottes / aber Götter auf Erden / keinem Gesätze unterworffen / ja Brunnen des Gesätzes sind; also die / welche von den Banden der Verbrechen frey / und Krafft ihrer eigenen Gewalt sicher sind / wider kein Gesätze sündigen / noch mit Worten oder auf andere Art gestrafft werden könten! diesemnach ist niemand befugt einen für unschuldig zu halten / den der Fürst verdammet. Es ist straffbar der Fürsten geheime Gedancken ausfischen wollen /also noch viel straffbarer seine Schlüße schelten. Was dem / welcher das oberste Hefft in der Hand hat /nützlich zu seyn scheint / ist schon von aller Unbilligkeit abgeschäumt. Denn im höchsten Glücke gehet die Gewalt fürs Recht; und keine Herrschafft kan der Ungerechtigkeit / wie kein Artzney-Gewölbe oder Mithridatens Tisch nicht alles Gifftes entpehren. Daher auch die / welche ihnen einbilden / daß ihnen weh oder zu viel geschehe / doch alles Unrecht nicht nur geduldig leiden / sondern auch mit freudigem Gesichte annehmen und sich bescheiden sollen: daß auch gütige Fürsten offt durch Verläumbder oder aus Staats-Klugheit grausam zu seyn genöthiget werden / und des wegen gute stets zu wünschen / alle aber / sie seyn wie sie wollen / zu vertragen sind. Sintemal doch die Herrschafft eine heilige Stifftung Gottes bleibt /wenn gleich die Herrscher weder Tugend noch Gottesfurcht an sich haben. Und wie die Gesellschafft der Rauber / wenn sie gleich Gesätze unter sich machen und halten / keine Stadt macht / weil ihre Verfassung nur auf Raub und Laster das Absehen hat; also höret ein Fürst nicht auf Fürst zu seyn / wenn er gleich in ein und anderm der Gerechtigkeit zu nahe tritt / so lange nur Gerichte / Gesätze / und die Gestalt einer wiewol krancken Herrschafft bestehen. Catumer brach ein: Was machstu aus Fürsten für Ungeheuer! derer Gewalt zwar groß / aber nicht unendlich ist. GOtt selbst kan nichts wider die Eigenschafft seines göttlichen Wesens; und Fürsten / welchen gleich das Volck sich ohne Bedingung unterworffen / nichts wider die Gesätze der Natur / das Recht der Völcker / noch auch dis / was zu Vertilgung des Volckes / der Tugend / und zu Benehmung der Ehre[714] eines redlichen Mannes gereichet / mit einem Worte / was wider die gesunde Vernunfft laufft. Denn dieser gehorsamen ist so viel als GOtt folgen. Dis ist das nicht geschriebene / noch in Holtz und Stein / sondern das ins Hertze gegrabene Gesätze / und die Herrschafft des Gemüthes /von welchem kein Fürst / kein Rath weder sich noch andere entbinden kan. So wenig nun ein Herrscher seine Unterthanen zu zwingen Recht hat / daß sie Meineyde / Ehbruch und Mord begehen müssen / oder ihnen verbieten kan / daß sie gottsfürchtig und erbar leben; ob er zwar ihre Tugenden zu belohnen und zu erheben nicht verbunden ist / so wenig er ihre Töchter und Ehweiber zu schänden berechtigt ist; so wenig kan er ehrliche Leute zu Verräther / zu Schelmen und Dieben machen / der Redligkeit falsche Laster aufhalsen / die Unschuld verunehren / und an ihnen straffen / was sie nie begangen haben / oder was Tugend ist. Denn Fürsten / wie unumschrenckt gleich ihre Gewalt ist / können solche doch nicht weiter und über was mehres ausdehnen / als über das / wie weit solche die Unterthanen auf ihren Fürsten übertragen haben. Es ist aber gar nicht der Warheit ähnlich / daß sie des Gröstẽ aller Güter / der herrlichẽ Erndte ihrer Tugend / nemlich ihrer Ehre / wie ihrer von der Natur empfangenen Freyheit sich begeben / und mit ihrem guten Nahmen / so wie mit ihren Gütern und dem Leben zu gebahren ihm frey gegeben haben solten. Denn wo keine Ehre nicht ist / kan auch keine Tugend seyn /und selbige Herrschafft nichts edles an und unter sich haben. Der einige Schatten der Ehre macht / daß man in der Arbeit unermüdet / in Gefahr hertzhafft ist /und auch mit seinem Blute des Fürsten Ehre verficht. Gut und Blut muß man freylich wol daran setzen /weil die / derer Schirme man beyde Stücke anvertraut / solche sonst nicht wider Geitz und Gewalt schützen kan / und es der Vernunfft und der Billigkeit gemäß ist; daß ihrer wenig arm werden / oder umbkommen /umb das gantze Volck zu erhalten. Alleine zu dieser Beschirmung hat er nicht von nöthen jemanden seine Ehre zu rauben / und solche fürs gemeine Heil aufzuopffern. Niemanden ist damit geholffen / wenn er die Unschuld zum Laster macht / sondern die Sicherheit seiner Herrschafft beruhet vielmehr an Vertheidigung der Tugend / und der Ehre; welche kein Fürst jemanden wider ihren Willen geben oder zuschantzen / also auch nicht nehmen kan. Am allerwenigsten aber sind dessen die Fürsten Deutschlands befugt. Asien / welches die Dienstbarkeit zu vertragen gewohnt ist / Meden und Assyrien / welche die Leibeigenschafft anbeteten / und die zur Sclaverey gebohrnen Morgen-Länder würden nicht einst den Raub ihrer Ehre vertragen; und die Deutschen / welche schwerer der Freyheit als des Athems entpehren könten / derer Herrschafft mehr im Einrathen als im Befehlen bestünde / solten sich so schändlich unterdrücken lassen. Bey denen doch der Dienstbarkeit nähern Macedoniern dorfften die Könige nach den Gesätzen nicht nach ihrer Gewalt herrschen / ohne des Volckes Billigung hatte ihre Macht keinen Nachdruck / und im Friede musten alle Bürger / im Kriege das gantze Kriegs-Heer über eines Menschen Kopff richten. In Deutschland hätten sich die Fürsten allezeit / besonders in ihren eigenen Sachen enteusert jemanden binden / schlagen / straffen zu lassen / am wenigsten aber hätten sie über ander Leben Hals-Gerichte geheget; sondern dis verrichteten die Priester / nicht als zur Straffe oder dem Fürsten zu Gefallen / sondern gleichsam auf Befehl GOttes. Hier aber verfähret Hertzog Arpus auf eine gantz andere Art / und schleust die Priesterschafft vom Gerichte aus / und verfähret durch wenig Leute / die allen seinen Befehlen zu gehorsamen mit Eyden verbunden sind. Wie aber kan ein[715] Richter recht urtheilen / der seines Fürsten Willen /wie ein Mahler ein Vorbild zu seiner Nachmahlung vor sich hat? der Graf von Solms gab zur Antwort: Also möchte Catumer als ein Fürst wol von der Macht der Fürsten reden / ihm aber als einem Unterthanen stünde dieses nicht an. Denn solche Gedancken schmeckten bey diesen nach Aufruhr. Wenn aber auch schon Fürsten über der Unterthanen Ehre so wenig / als über ihre Gewissen zu gebieten hätten / so wäre doch diesen unverboten / daß sie / um des Fürsten Ehre zu retten / das gemeine Heil zu befördern /ihre Ehre in Stich sätzten / und sich mit unanständigen Farben befleckten. Denn / weil die Ehre nur ein Anhang und der Schmeltz der Tugend wäre / dieser Wesen auch ohne jene wie ein Edelgestein ohne Folge gar wol bestehen könte / thäte einer ihm und der Tugend keinen Abbruch; weil beyde doch in der Warheit unschuldig blieben / und es ohne dis nur bey uns stünde ehrliche Leute zu seyn / nicht aber dafür angesehen werden. Es wäre eine Pflicht der Freundschafft /daß man auch mit angenommenen Schwachheiten seinem Freunde einen Vortheil schaffte. Wie viel höher aber erstreckte sich die Pflicht gegen den allgemeinen Vater des Volcks / als gegen einen Freund! Bey diesen Worten trat der Graf von Ziegenheim mit etlichen Gewaffneten von der Leibwache auf die Schau-Büne; und deutete dem Fürsten Catumer an / daß er auf seines Vaters des Hertzogs neuen Befehl den Degen von sich geben solte. Nach ihnen fand sich auch wieder der Nachrichter / und näherte sich dem Grafen. Catumer entblößte über dieser Ansprache den Degen; und sagte: dieser Degen ist mir angebohren / und werde ich ihn zwar zu meines Vaters Füssen / aber niemals in die Hände meines Unterthanen liefern / so lange ich ein Glied rühren kan / und einen lebendigen Athem in mir fühle. Bey dieser Begäbnüs drang sich der Graf von Witgenstein / und die drey von Battenburg mit nach Mattium gebrachten Ritter gegen der Schau-Büne; umb dem Fürsten Catumer beyzustehen. Hingegen hielt die Leibwache sie zurücke / und wurden beyderseits die Waffen entblößt. Unter den Zuschauern zohen auch ihrer viel vom Leder / das gemeine Volck grub die Steine aus dem Pflaster / also daß es nunmehr zu einer grausamen Blutstürtzung gekommen wäre / wenn nicht ein Bataver unversehens sich aufs Gerüste gespielet hätte / für Catumern und dem Grafen von Ziegenheim auf die Knie gefallen wäre /mit Bitte: Sie wolten nichts thätliches gegen einander beginnen / bis er dem Hertzoge Arpus ein grosses Geheimnüs entdeckt hätte / welches alle diese Mißverständnisse / wie die Sonne den Nebel zu Bodem schlagen würde. Ziegenheim fragte diesen Frembdling mit ernstem Gesichte: wer er wäre? und was er in so wichtige Geschäffte zu reden hätte? dieser antwortete: Er wäre ein Bataver; und an seiner Heimligkeit / die er für Hinrichtung des verdammten Grafen von Solms zu eröffnen hätte; wäre die Wolfahrt des Cattischen Fürsten-Hauses gelegen. Ziegenheim und die Häupter der Leibwache steckten hierüber die Köpffe zusammen / und wurden mit einander eines den Grafen von der Schau-Büne ab / den Bataver aber zum Hertzoge führen zu lassen. Diesem mißfiel zwar die Hinterziehung des peinlichen Gerichtes / gleichwol ließ er den Bataver für sich / und sagte ihm: Würde seine Nachricht nicht von angedeuteter Wichtigkeit seyn / so solte er sich nur geschickt machen / daß er seine Vermässenheit der Gerechtigkeit in Zügel zu fallen / mit dem / was ein ander leiden solte / beständig büssen möchte. Der Bataver antwortete: Wenn er ihm nicht vorgesätzt hätte als ein Schuldiger an statt des Unschuldigen zu sterben; würde er seinen Mund nicht eröffnet haben / noch sich allhier als einen Sterbenswürdigen Ubelthäter angeben. Andern würffe man ihre Fehler ins gemein für / oder tichtete[716] auch Missethaten der Unschuld an / weil die allerunverschämteste Verläumbdung nie so vermässen gewest wäre die Tugend unter ihrem Nahmen in ihrer rechten Gestalt und außer der Larve der Boßheit anzutasten; aber niemand wäre leicht so bescheiden oder gewissenhafftig seine Fehler ehe zu erkennen als zu überfirnsten. Ja das Recht selbst bürdete niemanden die Schuldigkeit auf ein Verräther seiner eigenen Laster zu seyn; aber dis wäre doch das nachdrücklichste Kennzeichen einer wahren Reue. Diese und das Mitleiden über dem Grafen von Solms wären krafftiger als keine Folter seyn würde / ihm dis Bekäntnüs auszupressen / daß er der Bataver wäre / welcher Astreen verführt hätte die Fürstin Adelmunde unfruchtbar zu machen. Für dieses abscheuliche Laster wolte er den grausamsten Tod willig leiden / den ihm Arpus / Catumer / Cariovalda /Adelmunde oder andere Beleidigten zuerkennen würden / ja er wünschte / daß er für jede / die er gekränckt / einen absondern ausstehen könte. Denn die Straffen wären die Seiffe der Boßheit / je schärffer sie wären / je mehr reinigten und befreyeten sie die besudelten Seelen von der Pein des folgenden Lebens. Aber / es wäre dem Hertzoge Arpus nicht so viel an seinem schrecklichen Ende / als an der Wissenschafft des Urhebers seines Lasters gelegen / und daß der unschuldige Fürst Cariovalda alles Argwohns entlastet würde. Dieses allzu redlichen Fürstens Nahmen hätte er gegen Astreen aufs schändlichste mißgebraucht; da doch Adgandester und Sentia die zwey Wirbel dieses verfluchten Anschlags gewest wären / und hierdurch entweder durch Catumers unfruchtbare Heyrath seinen Stamm auszutilgen / oder zwischen den Catten und Chaucen eine unversöhnliche Feindschafft zu stifften angezielet hätten. Hieraus hätte nun Hertzog Arpus zu urtheilen; ob es jemals Adgandesters Ernst gewest wäre des Königs Marbods Tochter an Catumern zu verheyrathen? Ob seine Beschwerde wegen geheyratheter Adelmunde nicht nur ein falscher Vorwand sey / dis / was ihm niemals ein Ernst gewest / zurück zu ziehen? und ob ein solcher Verrather verdiente; daß ihm ein so tapfferer Ritter / als der Graf von Solms wäre / aufgeopffert / und dadurch über der Catten Einfalt und Unglücke zu kitzeln Anlaß gegeben würde. Damit Hertzog Arpus auch an der Warheit dessen nicht zweifelte / zohe er unterschiedene Schreiben Sentiens und Adgandesters heraus / welche die Anstiftung dieser schändlichen That deutlich ans Licht stellten. Hertzog Arpus besahe die vorgewiesenen Briefe aufs genaueste; und weil ihm Adgandesters und Sentiens Hand mehr denn zu wol bekandt waren /konte er an warhaffter Erzehlung dieses Batavers im geringsten nicht zweifeln. Uber dieser Betrachtung ließ sich eine Spinne aus der Decke des Zimmers etliche mal an einem Fademe auf Sentiens Brief herunter / und stach in selbten / wie sie auf die Schlangen zu thun / und sie zu tödten pflegen; gleich als wenn diese Schrifft ein gifftiger Brut der Schlangen wäre. Nach dem Hertzog Arpus hierüber eine gute Zeit nachgedacht hatte / fieng er endlich an: Ist es möglich / daß ein so schwartzes Hertze in einem deutschen Fürsten stecken / daß Agandester seinen Verstand zu nichts als anderer Verterb angewehren / und ein so grosses Gemüthe sich mit nichts als Boßheit vermählen könne! Müssen denn die besten Sachen / wenn sie umbschlagen / die schlimmsten werden! und in der reinesten Lufft / wenn sie angesteckt wird / die Pest am grausamsten wüten. Wie viel nöthiger ist es die Menschen als Bücher auswendig zu lernen! Warumb hat die Natur das Hertze so tief in den Leib versteckt? Sonder Zweifel zu keinem andern Ende / als daß /weil die meisten voller Boßheit stecken / bey Ergründung so vieler Falschheiten nicht täglich Mord und Blutvergießen erfolge. Welche Natter ist so[717] schlau und grausam / daß sie / wie Adgandester / uns zugleich küsse und steche; uns oben umbhalse / und unten tödte! Was für eine Undanckbarkeit gegen seinem Vaterlande ist es / daß Adgandester darinnen das Wasser trübet / nur daß die Römer darinnen fischen können! daß er Gifft und Zauber-Künste zum Werckzeuge seiner höllischen Rachgier angewehret! Aber o der allergütigsten Versehung Gottes! daß die allerschlaueste Boßheit / wenn sie ihre Arglist am geheimsten zu halten vermeinen / ins gemein ihr eigener Mund / oder ihre Feder ihr Verräther werden muß! Sie verwickelt sich zum ersten in die Schlingen / welche sie andern gelegt hat. Und du Boßhaffter hast nun auch gelernet / daß die Laster nicht so zeitlich in einer Seele ausgebrütet / als der nagende Wurm in dem Gewissen groß werde; daß die Boßheit ihr erster Hencker sey / die Rache der Menschen und Gottes aber ihr auf der Fersen nachfolge. Jedoch wil ich / deines Bekäntnüsses halber / meine Beleidigung an dir nicht straffen; sondern ich wil dich dem Urthel derselben übergeben / derer Rath zur Boßheit du gefolget hast. Sentia soll deine Richterin seyn / die du dir selber zu deinem Leitsterne erkieset hast. Der Bataver fiel für dem Hertzoge nieder; und bat / er möchte ihn doch mit einer so grausamen Barmhertzigkeit verschonen. Wolte er doch gerne alle Tode der Welt ausstehen; wenn er nur seiner Verführerin Sentia nicht die Freude machen dörffte / daß sie sich an ihm wegen ihrer offenbarter Laster rächen möchte. Arpus befahl den Bataver fort und in ein Gefängnüs zu führen / hingegen verordnete er; daß die Leibwache von dem Schaugerüste abgeführet / der Graf von Solms auf selbtem durch einen Herold für unschuldig erkläret / und neben dem Fürsten Catumer mit grosser Ehrerbietung auf das Schloß geholet werden möchten. Alles Volck verwandelte sein voriges Wehklagen in ein hertzliches Frolocken / und ungeachtet sie die Ursache einer so plötzlichen Veränderung nicht bald erfahren konten /begleiteten sie den Fürsten und Grafen mit einem all gemeinen Freuden-Geschrey nach Hofe. Daselbst wurden sie vom Hertzoge Arpus / der Hertzogin Erdmuth / der Fürstin Catta / dem Hertzog Jubil und andern Grossen aufs freundlichste bewillkommet. Arpus aber schickte noch selbigẽ Tag den Grafen von Hohenstein und Solms nach Witgenstein / umb die daselbst gelassene Fürstin Adelmunde von dar abzuholen; zu welcher Einzuge alle nur in der Eyl mögliche Anstalt gemacht ward. Folgenden Tag zohe ihr Catumer mit einem prächtigen Gefolge bis auf den halben Weg / Hertzog Arpus mit seinem gantzen Hofe etliche Feldweges Adelmunden entgegen; welche nunmehr mit anbrechender Nacht zwischen so vielẽ tausend Freuden-Feuern und unzählbaren Glückwünschen in Mattium einzoh / als mit wie vielen Thränen sie für wenigen Wochen daraus geschieden war. Der Feldherr / die Hertzogin Thußnelde und alle andere deutsche Fürsten kamen gleichfals an den Cattischen Hof /und mühte sich jedermann seine Vergnügung und Wolwollen aufs nachdrücklichste verstehen zu geben. Ungeachtet nun Adgandester alle seine Künste angewehret hatte hinter das Geheimnüs zu ko en / was denn des Hertzog Arpus grossen Eyver gegen den Grafen von Solms in einem Augenblicke niedergeschlagen / und Catumers mit Adelmunden vollzogene Heyrath mit so grossem Gepränge zu billigen verursacht haben müste / konte er doch das wenigste erfahren / da doch sonst die Freude eine unvorsichtige Verwahrerin der Heimligkeiten ist. Weil er nun von Art argwöhnisch war / und einer / der ihm eines Verbrechens bewust ist / stets in Furchten lebt verrathen zu werden / ließ Adgandester ihm zwar nichts gutes träumen; nichts desto weniger hielt er für thulich bey so allgemeiner Freude den Mantel nach dem Winde zu hencken / und nach Hofe zu reiten seinen Glückwunsch abzulegen / oder vielmehr ein und anderes[718] auszufischen. Wie er aber an die euserste Schloß-Pforte kam / ward selbte für ihm zugesperrt. Adgandester ward hierüber beschämt / fragte also den über die Wache bestellten Hauptmann Falckenberg / was dis bedeutete? kriegte aber von ihm diese Antwort: sein Hertzog hätte ihm befohlen keinen Verräther ins Schloß zu lassen. Adgandester versätzte: Ob man ihn denn für einen Verräther / nicht aber für des mächtigen Königs Marbod Botschaffter ansähe? dieses würde sein Hertzog / und er selbst am besten wissen /begegnete ihm Falckenberg. Adgandester ward also gezwungen mit Zorn und Schande umbzukehren. Hingegen brachte der Cattische Hof die gantze Nacht bey einem herrlichen Mahle in gröster Vergnügung durch. Früh vor der Sonnen Aufgange hatte Adgandester schon aufgepackt / und wolte aus Mattium sich auf die Reise begeben; aber Hertzog Arpus ließ ihm vorher durch den Schencken von Schweinsberg andeuten; daß / ehe und bevor er wegen seiner Verrätherey Red und Antwort gegeben hätte / er aus Mattium nicht gelassen werdẽ würde. Adgandester antwortete diesem: Er hätte sich zu dem Herzoge der von Freyheit und Gerechtigkeit berühmten Catten nicht versehen: daß er wider den grossen König Marbod / dessen Antlitz und Ansehen er mit sich nach Mattium gebracht hätte / das Recht der Völcker an ihm als seinem Ebenbilde verletzen solte! Schencke versätzte: Sein Hertzog wäre ein so gerechter Herr / daß er nicht ohne genungsamen Grund dis entschlossen haben würde. Und wäre nichts billiger / als daß einer wegen seines Verbrechens antwortete. Ja / sagte Adgandester / aber nirgends / denn für seinem Richter. Botschaffter aber erkennten keinen andern / als den / der sie geschickt hätte: Schencke versätzte: Es wäre noch weder von Urthel noch von der Straffe / sondern allein von dem /ob er sein Laster zustünde / zu reden. Wiewol / wenn ein Botschaffter vorher wider die Hoheit und den Staat deßẽ / zu dem er unter dem Scheine der Freundschafft geschickt würde / handelte / also wider das Recht der Völcker sündigte / er aus selbtem keiner Freyheit zu genüßen hätte. Denn da es erlaubt wäre einen König / wenn er eines Reiches Feind worden wäre / zu tödten / warumb solte ein Botschaffter mehr Recht haben / wenn er nicht einzele Personen / sondern den Fürsten und ein gantzes Volck beleidigte /und aus einem Gesandten sich selbst zum Feinde machte? Adgandester fiel ihm ein; Wer nicht verurtheilt werden könte / der wäre auf Beschuldigungen auch nicht zu antworten schuldig; sintemal er für einen / der sich gar nicht in dem Cattischen Gebiete aufhielte / und für einen Einwohner zu Marobodunum zu achten wäre. Daher könte niemand als sein König sprechen / daß er das Völcker-Recht am Hertzoge der Catten verletzt hätte. Bey diesem müste er überwiesen / und von selbtem entweder seine Bestraf- oder Ausfolgung erlangt werden. Dieses wäre das Recht der Fürsten / welche mit einander Krieg führten; wie vielmehr müste ihm / der des friedsamen Königs Marbods Stelle verträte / dis Recht zu statten kommen. Meinte man / daß er etwas verbrochen hätte / so stünde es zwar in des Cattischen Hertzogs Gewalt ihm zu sagen: daß er aus seinem Gebiete weichen solte; aber anzuhalten wäre er nicht befugt; sondern hierdurch würde die Ehre und die Heiligkeit der Gesandschafft versehrt / und dardurch dem Könige Marbod die gerechteste Ursache gegeben die Catten mit Krieg zu überziehen. Schencke gab ihm zur Antwort: Sein Fürst würde sich diese Dräuung so wenig schrecken lassen / als er glaubte / daß König Marbod Adgandesters Verbrechen billigen / oder sich gar dessen durch Verfechtung theilhafftig machen würde. Er hätte auch keinen Befehl mit ihm sich in Zwist einzulassen / sondern nur zu warnigen / daß er / umb die Schande an dem Stadt-Thore zurück gewiesen zu werden / zu vermeiden / seinen ohne[719] dis sonder gewöhnlichen Urlaub vorhabenden Abzug aufzuschüben. Mit diesen Worten kehrte er zurück; der Feldherr aber hatte auf des Hertzog Arpus Ersuchen alle deutsche Fürsten in der ihm eingeräumten Burg versa let. Diesen trug er Adgandesters und Sentiens Verbrechen für / legte ihnen auch nicht alleine ihre Schreiben als unlaugbare Zeugnüsse für / sondern ließ auch den gefangenen Bataver in die Versammlung kommen / der mit allen Umständen die an Adelmunden begangene Boßheit erzählete /und nur umb die Gnade des Todes bat / weil sein Gewissen ihm eine unaufhörliche Folterbanck abgäbe. Niemand war / der sich nicht über dieser Greuel-That entsätzte / und beyde Urheber derselben verfluchte. Der Feldherr rieth für allen Dingen / daß man den Bataver dem Hertzoge Ganasch nicht so wol zu willkührlicher Bestraffung / als zu Abwendung alles wider andere ehrliche Leute gefaßtẽ Verdachtes zu schicken / und ihn in gute Vertrauligkeit zu versätzen trachten solte. Zu welchem letztern denn der Graf von Wertheim erkieset ward. Hertzog Arpus aber warf zu erwegen auf / wie mit Adgandestern zu verfahren wäre. Worüber denn alle leicht eines wurden / daß Hertzog Arpus ihm so wol Sentiens als seine eigene Briefe vorlegen / ja gar den Bataver ihm unter Augen stellen lassen solte. Zu diesem Ende wurdẽ die Ritter Reckrode und Altenberg von Stund an zu Adgandestern abgefertigt. Diese besprachen ihn im Nahmen des Hertzogs Arpus und Catumers: ob er leugnen könte / daß er und Sentia durch einen Bataver Astreen bestochen hätte Adelmunden unfruchtbar zu machen? diesem war solche Anfertigung nichts unversehnes /weil er die Offenbarung dieses Geheimnüsses schon vorher geargwohnet hatte. Daher er ohne einige Veränderung antwortete: hätte Sentia was gemißhandelt /so möchte sie darfür stehen / für sich hielt er diese Nachrede für eine Verläumbdung und Vorwand / dadurch das durch seine Anhaltung verletzte Völcker-Recht zu beschönen. Reckrode zohe Adgandesters und Sentiens Schreiben heraus / und fragte: ob er solche nicht für seine und ihre Hand und Siegel erkennen müste? Adgandester röthete sich hierüber / weigerte sich aber selbte anzuschauen / vorschützende: Seines Königs Hoheit / und seine Würde vertrügen nicht /daß er auf solche Beschuldigungen antwortete / und sich einem frembden Gerichts-Zwange unterwürffe. Altenberg fiel ein: Weil er seine eigene Handschrifft nicht zu leugnen wüste / auch der verleitete Bataver bey der Hand wäre ihm unter Augen zu sagen; daß er der Urheber dieser so schändlichen That wäre / ja zu Astreens Bestechung die Perlen und andere Edelgesteine selbst hergegeben hätte / würden alle redliche Deutschen seinen Einwurff für eine bloße Ausflucht auslegen / und / wenn schon Hertzog Arpus sich keiner richterlichen Gewalt über sein Haupt anmaaßte /dennoch sein Nahme verdammet / und sein Gedächtnüs bey den Catten vertilgt werden. Adgandester versätzte: Ein Botschaffter müste seinen guten Nahmen /seine Ehre und sein Leben ehe in Stich sätzen / als seines Königs Hoheit eines Haares breit versehren. Reckrode hielt Adgandestern ein; Er würde bey so gestalten Sachen niemanden verdencken / daß sie ihn /welcher weder seines Angebers Gesichte vertragen könte / noch seine Handschrifft ansehen wolte / für schuldig und überwiesen halten würden. Denn die ihnen übel-bewusten hätten die Eigenschafft falscher Müntzer / welche ihr Geld niemals wolten zur Prüfung kommen lassen. Es würde aber Hertzog Arpus zu entscheiden haben; ob Adgandester in einer Sache / welche sein König ihm nie anvertraut und befohlen /nimmermehr auch rechtsprechen würde / an dem Orte seines[720] Verbrechens nicht würde recht leiden müssen. Unter diesen Worten ward der gefangene Bataver unvermerckt ins Zimmer gelassen / welcher Adgandestern alles mit grosser Freymütigkeit unter Augen sagte / wie er und Sentia ihn zu Astreens Bestechung beredet / was für Danckbarkeit sie ihm versprochen /und wie er selbst ihm die kostbaren Geschencke für Astreen eingehändigt hätte. Adgandester aber / nach dem er mit grosser Empfindligkeit für die gröste Beleidigung annahm; daß man ihm einen so frechen Ubelthäter zu seiner Beschimpfung unter Augen stellte / trat zurück in sein innerstes Gemach; und sagte: daß es zwar in des Arpus Gewalt stünde ihn zu tödten / aber nicht; daß er durch was vekleinerliches seines Königs Hoheit was vergeben würde. Nachdem beyde Ritter nun dem Cattischen Hertzoge von ihrer Handlung Nachricht erstattet hatten / trug er alles in der Versa lung der Fürsten für / und erklärte sich / daß er derer Gutbefinden / welche in diese Sache gar nicht eingewickelt wären / sich in dem / wie mit Adgandestern zu verfahren wäre / sich willigst unterwerffen wolte. Es wurden auf des Feldherrn Gutachten etliche der obersten Priester / und unterschiedene alte in Gesandschafft gebrauchten Ritter mit in den Fürsten-Rath erfordert. In diesem suchten Hertzog Siegemund / welcher ohne diß seiner Stiefmutter Sentia Spinnen-feind war / Marcomir und andere zu behaupten: Adgandester wäre als ein Feind seines Vaterlandes /wordurch er das Merckmal seiner obhabenden Bothschafft ausgelescht hätte / fürs Gerichte zu stellen. Würden doch Gesandten / welche nur eines Bürgers Eh-Bette befleckten / ihrer Freyheit verlustig; wie viel mehr könte es dem nicht ungenossen ausgehen / der des Fürsten Braut und Schwäher-Tochter / zu dem er gesandt worden wäre / unmenschlich beleidiget und die zur Wohlfarth gantz Deutschlandes gereichende Heyrath / die gute Verständnüß zwey hoher Fürstlichen Häuser zu zerstören sich bemüht hätte. Lieffe es nicht wider die gesunde Vernunfft; daß ein Bothschafter Fürsten zu beleidigen / Fürsten aber nicht Bothschafter deswegen zu bestraffen / und sich wider Mord und Verrätherey in Sicherheit zu versetzen berechtigt seyn solten? Wenn aber auch gleich ein Bothschafter wegen derer wider ein gemeines Wesen verübter Ubelthaten nicht an dem Orte seines Versprechens bestrafft werden könte / worwider doch vieler Völcker Beyspiele stritten und durch solche Unsträfligkeit die Verrätherey gleichsam Böses zu stifften eingeladen würde; so würde doch dieses ärgerliche Recht zum wenigsten in denen einen Absatz leiden /welche sich in frembde Dienste begäben / und bey übergenommenen Gesandschaften wider ihr eigenes Vaterland und Landes-Fürsten sich vergrieffen. Denn einem ieden wäre eine genauere Pflicht gegen diese seine heilige Mutter / als gegen seine Eltern angebohren. Seine Liebe schlüsse in sich alle andere in einen engen Kreiß ein / also daß der / welcher sich dieser entäusern könte / für einen Unmenschen / oder doch für den Undanckbarsten gehalten zu werden verdiente; als für dessen Wohlthaten man den der Natur schuldigen Tod mit so grossem Ruhme als obliegender Schuldigkeit ausstünde. Da nun keiner dieses erste Verbündnüs wie die Schlangen ihre alte Haut ausziehẽ / noch durch eine neue Verbindung seine Eltern umbzubringen sich verpflichtẽ könte / wie viel weniger wäre Adgandester sich dem Könige Marbod durch Annehmung seiner Dienste derogestalt zu verknipfen befugt gewest; daß das Vaterland und Hertzog Arpus als Landes-Fürst und Vater seines Vaterlandes über ihn keine väterliche Gewalt behalten haben solte.[721] Diesemnach solte man wider diesen abtrünnigen Beleidiger seines Vaterlandes und seines Fürsten nach dem Verdienste seines Verbrechens verfahren / und der Nach-Welt ein nützliches Beyspiel gestraffter Boßheit zum Gedächtnüsse hinterlassen. Sintemal es dem Hertzoge der Catten / daß er Adgandestern anderwerts verklagen solte / unanständig; auch beym Marbod Recht zu erlangen wenig Hoffnung wäre; weil es unumbschrenckter Gewalt schwer fiele sich der Billigkeit zu unterwerffen / Marbod auch zeither gegen die Verbrecher zu grosse / gegen die Catten und Cherusker allzu schlechte Neigung hätte blicken lassen. Hertzog Inguiomer hingen schalt zwar aufs ärgste Adgandesters Ubelthat; gleichwohl aber behauptete er: daß sie von niemanden / als dem Könige Marbod bestrafft werden könte / weil das Recht der Völcker alle Bothschafter ohne Unterscheid ihrer Ankunft und Standes von allem auswertigen Gerichts-Zwange befreyete. Denn ob zwar denen meisten ein innerlicher Zug gegen seinem Vaterlande angebohren und für selbtes Gut und Blut aufzusetzen löblich wäre; so lieffe es doch wider die natürliche Freyheit und die Erfahrung / daß einer nicht solte sein Vaterland verlassen / seines sich wegen der Eingebohrenschafft habenden Vortheils verzeihen / und ein anders ihm in dem entferntesten Winckel der Welt aufschlagen können. Niemand wäre durch die Nabel-Schnure seiner Mutter an die Erd-Schollen seiner Geburts-Stadt angebunden / und / wenn ein Fürst nicht aus absondern Ursachen einem sich anderwerts niederzulassen verbothen hätte / begäbe er sich stillschweigende alles Rechtes / wenn er schon eine solche Dienstbarkeit auf ihn zu suchen hätte. Sintemal niemand zweyer Ober-Herren Unterthan / wie kein Glied zweyer Häupter Antheil seyn / noch iedem seine gehörige Treue und Pflicht abstatten könte. Die dißfalls widrigen Rechte der Römer hätten mit den Sitten der freyen Deutschen keine Verwandschafft / bey welchen auch der Pöfel nichts von Leibeigenschafft zu vertragen wüßte. Hingegen wäre ihrer Fürsten Gewalt umbschrenckt / und ob schon sonst die Gesetze des Kriegs-Rechts die strengsten wären / stünden doch die Heerführer dem Volcke mehr mit ihrem Beyspiel / als mit Befehlen für. Wenn auch die Geburt für ein fester Band / als Eyd und Verbindungen zu halten wäre / zu was Ende liessen Fürsten ihnen ihre Eingebohrne huldigen? Warumb müsten sie sich / wenn sie sich unter ihre Kriegs-Fahnen bestellen liessen / ihnen mit Eyden der Treue verpflichten? Am allerwenigsten aber könte Hertzog Arpus Adgandestern als seinen Unterthanen anhalten / weil er ihn für einen Bothschafter des Königs Marbod selbst angeno en / und dadurch alle sein etwan habendes Recht auf ihn einem andern Fürsten abgetreten hätte. Ob nun wohl diese Frage hin und wieder geworffen ward / so gab doch der Feldherr Inguiomern Beyfall / und fügte bey: daß es rathsamer wäre in zweifelhaften Dingen von seinem Rechte etwas vergebẽ / als durch desselbẽ allzu genaue Wahrnehmung einen andern Fürsten beleidigen / oder ihm Anlaß geben sich beleidigt zu achten. Welches hier so viel nöthiger / da Marbod ihnen stets ein so verändertes Gesichte machte / daß niemand zu sagen wüste; ob er es mit ihnen gut oder böse meynte / und da das Römische Kriegs-Feuer mehr verdeckt als ausgelescht wäre. Es wäre Adgandesters Schande ihm Straffe / und den Catten Vortheils genung / wenn sie dieses schädlichen Menschen sich entladeten / und dem Könige Marbod ihn durch habenden Beweiß derogestalt abmahlten / daß er ihn mit Ehren nicht in Diensten behalten / weniger bey der Römischen Friedens-Handlung zu einem schädlichen Werckzeuge gebrauchen könte. Diese heilsame Meynung ward von der gantzen Versa lung als die schimpflichste und sicherste gebilliget / und der Graf von Coppenberg an den Grafen von Windisch-Grätz als des[722] Königs Marbods Bothschafftern an den Cheruskischen Hofe geschickt; daß er ihm Adgandesters schöne Meister-Stücke durch seine eigene Handschrifften für Augen stellte; und zugleich ihm vermeldete; daß ob zwar Adgandester als ein gebohrner Catte seines zu Mattium begangenen Lasters halber angehalten werden könte /wolle doch Hertzog Arpus und Catumer den König Marbod selbst zum Richter erkieset / und ihm Adgandesters Bestraffung schlechterdings heimgegeben haben. Windisch-Grätz bezeugte nicht nur einen besondern Unwillen darüber; daß Adgandester sein hohes Ampt mit einem solchen Schandflecke besudelt hätte / sondern versprach auch seinem Könige hiervon umbständlichen Bericht zu erstatten. Der Cattische Hertzog aber ließ Adgandestern andeuten / daß er noch für Sonnen-Schein Mattium / und für Ablauff dreyer Tage das Cattische Gebiete räumen solte; welchem er denn mit so grosser Ungeduld als Schande gehorsamen muste. So schlipfrich sind die Wege der Boßheit. Sie gehet zwar eine Weile auf Rosen / aber im Gewissen fühlet sie doch ihre Dornen / und endlich geräthet sie auf den Mist-Hauffen der Unehre.


Diese Verwickelungẽ des Cattischen und Cheruskischen Hauses hinderten gleichwohl den klugen Feldherrn nicht das heilsame Friedens-Werk zwischẽ dẽ Römern und Sicambern fortzutreibẽ. Er hatte nicht nur durch den Grafen von Windisch-Grätz zuwege gebracht / daß Germanicus den Lucius Apronius zu dem Ende nach Mattium schickte; sondern er benam auch durch des Grafen von Schwalenberg vernünftige Erläuterungen dem Hertzoge Melo allen Argwohn; daß man mit ihm das gemeine Spiel der Bund-Genossen /da nemlich etliche den Kopf bey Zeite mit ihrem Vortheil aus der Schlinge ziehen / und dem letztern die Last und den Verlust des Krieges auf dem Halse lassen / zu treiben gemeynt wäre. Nach welchem auch Melo den Grafen von Hammer-Stein zur Friedens-Handlung nach Mattium geschickt / der Feldherr aber alle wegen des Vorsitzes / der mangelhaften Vollmachten sich ereignende Schwerigkeiten aus dem Wege geräumet / denen Bothschaftern des Königs Marbod und Hertzog Ariovistes beweglich zugeredet hatte: Sie möchten doch als Deutsche diesem Feuer /welches halb Deutschland schon eingeäschert hätte /und in welches Argwohn und Zwytracht zeither so viel Oel und Schwefel gegossen hätte / allen Zunder zu entziehen trachten. Sintemal sichs zwar in Irrgarten des Krieges leicht eingienge; schwer aber heraus zu finden wäre / und die Ausländer in ihrem Hertzen über die Einfalt der streitbaren Deutschen lachten; daß sie so wenig sich ihres Vortheils zu gebrauchen wüsten / und durch unaufhörliche Mißverständnüsse bey ihrer Tapferkeit Feinde ihrer eigenen Wohlfarth würden. Ob nun zwar Apranius nunmehr den Bogen ziemlich hoch spannete / nun nicht nur von dem Hertzoge Melo die Wieder-Abtretung des Ubischen Altars / sondern aller über dem Rheine gelegenen Orte / von dem Hertzoge der Chauzen aber das der ins Meer flüssenden Emse gegenüber liegende Eyland Burchanis verlangte / so hielt doch der Feldherr ihm ein / daß diß alles wider den mit den andern Deutschen Fürsten getroffenen Frieden lieffe / welche wenn die Römer etwas über das Ubische Altar / ja gar biß an die Emße / also weit über den Rhein festen Fuß zu setzen begehrten / solches allen einen Floch ins Ohr / und in grosses Mißtrauen gegen die Römer versetzen würde. Nichts aber wäre gefährlicher / als nicht Maaß zu halten wissen. Deñ hierdurch würden auch die heilsamstẽ Dinge zu Gifte. Rom hätte in weniger Zeit so viel in der Welt gewonnen / welches sie unmöglich behalten könten / wenn es nicht durch den Frieden berasete; welches die Könige zu Babylon durch das Sinne-Bild ihres mit einem Pfluge[723] gekrönten Zepters angedeutet hätten. Hingegen weil der Graf von Hammerstein wegen seines Hertzogs wegen des Ubischen Altars so feste hielt; stellte er ihme die der gantzen Welt schreckliche Macht der Römer für Augen / welche niemand / als das Verhängnüß aufzuhalten mächtig /also selbte zu thä en Thorheit / ihr aber auszuweichen Klugheit wäre. Es wäre viel rathsamer etwas weniges als alles / und rühmlicher etwas mit gutem Willen weggeben / als ihm mit Gewalt abdringen lassen. Denn jenes würde für eine Großmüthigkeit gelobt /dieses aber machte als eine Schwachheit verächtlich. Müßten doch Fürsten ihren Unterthanen offt etwas willigen; und der Römische Rath hätte sehr klüglich dem Kriegsheere ihren Sold als eine Freygebigkeit ausgesetzt; da sie die Unmögligkeit ihrer Bürger sahen von eigenen Mitteln zu kriegen. Hingegen wäre es eine grosse Unvernunfft die in Händen habende Glückseligkeit des Friedens wegwerffen / umb sich mit künftigem Elende des Krieges zu armen. Die Begierde viel zu gewinnen / oder seine Hertzhaftigkeit zu erweisen strieche dem Kriege zwar eine schöne /die Erfahrung aber eine sehr heßliche Farbe an / sein Glücke wäre immer zweifelhaft / seine Beschwerligkeit aber gewiß / und auch dem Sieger selten vortheilhaftig. Denn vergrössert gleich ein Fürst sein Gebiete / so vermindert er doch sein Volck; nähme er gleich mehr Städte ein / kriegtẽ doch seine weniger Bürger; würde er an Unterthanen reicher / so würden doch diese ärmer / die gemeinen Kasten erschöpft / die Beschwerden erhöhet / das Armuth gedrückt / die Gesetze geschwächet / also daß der mit so viel Siegen prangende Hannibal doch endlich gegen dem glücklichen Scipio hätte bekennen müssen: daß ein gewisser Friede ungleich besser / als ein ungewisser Sieg wäre. Diesemnach die alten Könige aus einem besondern Geheimnüsse und zu ihrer Lehre / daß ihr fürnehmstes Absehn der Friede seyn solte / bey ihrer Krönung mit dem Oele desselben Baumes wären gesalbet worden /welcher des Friedens Sinnen-Bild wäre. Nachdem auch unterschiedene vorhin aufgeworffene Vorschläge von ein oder dem andern Theile verworffen wurden /schlug der Feldherr als ein Friedens-Mittel für; daß die Römer zwar das Ubische Altar wieder beko en /aber über den Rhein keine Brücke zu bauẽ berechtigt / hingegen dessen Zugehörunge die nur eine Meile darvon auf einem gähen Felsen liegende Festung Gottesberg und Bröl / wordurch jenes genungsam im Zaume gehalten werden könte / dem Hertzoge Melo verbleiben solte. Das erste und letztere hatte Hammerstein schon eingewilligt / und ob er zwar wegen Gottesberg grosse Schwerigkeit machte / sonderlich / weil die Römer schon darauf den Mercur ein Altar und Heiligthum gebaut hatten; so wäre man dennoch allem Vermuthen nach darüber noch eins worden; wenn nicht über alles Vermuthen Hammerstein vom Hertzoge Melo und Apronius vom Germanicus wären befehlicht worden / sich ohne einige Säumung nach Siburg zu erhebẽ. Dem Feldherrn und den andern deutschen Fürsten kam diese Abforderung sehr verdächtig für / sonderlich / da Germanicus bereit zu Meyntz ankommen war / und Cäcina mit drey Legionen schon an der Mosel stand / und ihrer noch mehr von der Maaß gegen das Ubische Altar im Anzug waren. Dieser Verdacht aber vergrösserte sich noch mehr / als wenig Tage hernach der Graf von Wertheim berichtete / daß Hertzog Ganasch auf seinem Rückwege wieder an der Rohr mit Segesthen und Cariovalden vereinbart / und sie drey ihren Weg nach Siburg genommen hätt? Daselbst hin wäre er ihm nachgefolgt / und ob er ihm zwar Sentiens und Adgandesters Schreiben / wie auch den gefangenen Bataver überliefert / und ihn der beständigen Freundschafft von dem[724] Cattischen Hause versichert hätte / wäre er doch sehr schlecht empfangen und kaltsinnig beantwortet; ja folgenden Tag der Bataver loß gelassen /und er beschieden worden: Er dörffte keiner Antwort erwarten / noch sich in Siburg länger aufhalten. Sintemal der Hertzog Ganasch in denen überbrachten Nachrichten allerhand Bedenckligkeiten gefunden /den Bataver aber für einen Wahnsinnigen erkennet /wegen Adelmundens aber / die er nicht mehr für seine Tochter erkennte / wider iemanden zu verfahren / oder Rache auszuüben keine Ursache hätte. Wie er nun nicht hätte begreiffen können; daß ein Vater auf solche Art seine angebohrne Liebe ausziehen / und gegen die / welche ihm durch sie so grimmig ans Hertz gegriffen hatten / unempfindlich seyn könte; ja ihm daselbst Melo und andere Grossen in allem Thun als Rätzel vorkämen / derer Absehn er nicht zu errathen wüste; also hätte er hernach ausgeforschet; daß Adgandester sich ins geheim beym Hertzoge Melo aufhielte / und des Nachts etliche mal mit dem Chauzischen Hertzoge / Segesthen und Cariovalden geheime Unterredung gehalten hätte. Hertzog Arpus beklagte numehr / aber zu spat / daß er wider des Feldherrn treues Einrathen Adgandestern an seinem Hofe gelitten / und so viel zu Schaden enträumt hätte. Sintemal freylich Fürsten dißfalls / wenn sie so schädliche Sterne nicht ausleschen können / solche vom Leibe zu halten und es der Natur nachzuthun haben / welche den schädlichsten Irr-Stern am weitesten von der Erde entfernet hat. Der Feldherr aber sahe noch ferner hinaus / nemlich daß der rachgierige Adgandester alle seine Künste anwenden würde die Römer mit den Sicambern zu vergleichen / denen Cheruskern und Catten aber den Krieg wieder auf den Hals zu werffen. Daher er dem Grafen von Windisch-Grätz aufs neue anlag / er möchte doch seinen König bereden; daß /da er Adgandestern ja nicht seines Verbrechens halber straffen wolte / ihn doch nicht mehr zu einiger Bothschafft gebrauchen / und selbten nicht allerhand Zwitracht anspinnen lassen möchte. Er rieth auch dem Hertzoge Arpus / daß er den Grafen von Wertheim Vollmachten bey dem Friedens-Wercke der Catten Anlegenheiten zu beobachten nach Siburg schickte /und er selbst fertigte auch den Grafen von Nassau dahin ab. Dieser war kaum dahin kommen / als er erfuhr: daß die Römer das Bild und das Ubische Altar des Käysers Augustus mit Belieben des Hertzogs Melo wieder aufrichteten / und daß selbiger Festung ein neuer Nahme nemlich Bonn gegeben werden solte / Nassau und Wertheim schickten umb die eigentliche Wahrheit dessen zu erkundigen zwey ihrer Edelleute dahin / welche denn mit eigenen Augen zu sehen bekamen; wie das von den Deutschen zerstörte Altar bereit von Marmel erbauet war / und man über einem herrlichen Bogen arbeitete / darunter des Käysers Bild gesetzt werden solte / welches den Tag hernach auf einem güldenen Sieges-Wagen von Trier durch etliche Römische Priester zu dem Ubischen Altare gebracht ward. Es war aus Ertzte gegossen / hatte auf dem Haupte einen Krantz mit Strahlen und Sternen / und in der Hand den Blitz wie Jupiter. An dem Fusse stand: Gallien dem Gott Augustus.


Diese Nachricht beredete den Grafen Nassau und Wertheim / daß der Römische Friede mit dem Hertzoge Melo und Ganasch unter der Hand so gut als geschlossen seyn müste; weil man zumal alle Handlungen für ihnẽ aufs sorgfältigste verbarg / ihnẽ auch der Ritter Warsperg in Vertrauen eröffnete / daß Adgandester und Cariovalda selbige Nacht zum Germanicus / welcher den Tag vorher nach Coblentz kommen wäre / sich aufgemacht hätten / und von dar gar nach Rom reisen würden. Beyde Grafen berichteten diß nach Mattium /[725] allwo der Feldherr und Arpus schlüssig wurden / ihre Besatzungen am Rheine zu verstärcken / auch ihre Macht dahin zu ziehen. Damit nun dieses so viel weniger Mißtrauen erwecken möchte /verfügten sie sich nach Embs am Lohn-Flusse / umb daselbst zum Scheine sich der gesunden warmen Bäder zu gebrauchen / in Wahrheit aber an diesem nur zwey Meilen von Coblentz gelegenen Orte auf den Germanicus ein wachsames Auge zu haben. Von diesem Orte schickten beyde Hertzoge den Grafen von Tenckelnburg und Ordnungen nach Coblenz den Germanicus allda zu bewillko en und auf eine Hirsch-Jagt einzuladen / hierbey aber sein Vorhaben alldar zu beobachten. Diese berichteten bey ihrer Wiederkunft /daß selbige vom Drusus zu erst angelegte Festung mit Römern so angefüllt wäre / daß ihrer viel unter Zeltẽ übernachten müsten. Unter diesen arbeiteten ihrer etliche tausend an einer steinernen Brücke über die Mosel; andere aber baueten umb die Stadt eine Mauer mit vielen Thürmen. Wie bedencklich nun gleich dieses / und sonderlich / weil Hertzog Melo alles so ruhig geschehen ließ / beyden Hertzogen vorkam; so liessen sie doch gegen dem drey Tage hernach zu ihnen kommenden Germanicus den wenigsten Argwohn mercken / als wordurch offtmals eine Feindschafft bey denen / die nie daran gedacht hätten / erwecket wird. Sie thäten ihm alle ersinnliche Ehre an /unterhielten ihn vier Tage nacheinander mit Jagten /in welcher über vierhundert Hirsche geschlagen wurden. Germanicus betrachtete hierbey die zwey harte an dem Lohn-Strome entspringende warme Brunnen /wie auch den eine halbe Meile davon gelegenen Sauer-Brunnen; wunderte sich aber über nichts mehr /als daß mitten in der Tieffe des Lohn-Flusses ein starckes heisses Quell daselbst empor drang. Bey dieser Lust ward weder auf ein noch dem andern Theile an einige Staats-Sachen gedacht / ausser daß beyde Hertzoge ihn den geschlossenen Frieden treulich zu unterhalten versicherten / und zuletzt Hertzog Herrmann beym Abschiede bat; er möchte durch einen billigen Frieden mit den Sicambern und Chaucen die völlige Vertrauligkeit zwischen den Römern und Deutschen verneuern. Sintemal der Krieg ein solcher Brand wäre / daß dessen Flug-Feuer leicht die allerfriedlichsten Nachbarn mit anstecken könte. Weil sie nun ohne diß die letzte Stallung mit allem Fleisse nur eine Meile von Coblentz angeordnet hatten / begleiteten sie den Germanicus biß an den Rhein / umb unter diesem Scheine der Ehren der Römer Vorhaben zu Coblentz selbst desto füglicher in Augen-Schein zu nehmen. Germanicus ließ sich zwar des Abends mit Fleiß eine halbe Meile oberhalb Coblentz über den Rhein setzen; aber der Feldherr und Arpus ritten noch selbigen Tag den Rhein hinunter / in einem Jäger-Hause zu übernachten. Des Morgens für Tage befanden sie sich schon auf dem der Stadt Coblentz gegenüber liegenden Felsen und sahen / mit was Eiver die Römer wie die Ameisen über Befestigung selbiger Stadt beschäfftigt waren. Der Feldherr / nachdem er stillschweigende der Arbeit ziemlich lange zugesehen hatte / fieng an: Ich besorge / leider / daß dieser emsige Bau nicht nur der beyden hier zusammen rinnenden Flüsse / sondern gantz Deutschlandes Kap-Zaum seyn solle. Es scheinet aber / als wenn die Natur mit diesem Felsen den Catten schon einen Grund zu einer Gegenwehre geleget hätte. Daher riethe ich; daß Hertzog Arpus auf diesem Berg eine Festung anlegen solte / von welcher ohne grosse Müh den Römern eine Brücke über den Rhein zu bauen verwehret / und dem Germanicus der Compaß verrücket werden[726] könte. Hertzog Arpus antwortete: Dieser Ort wäre freylich wohl einer der allergelegensten / aber ihm wäre stets der Festungs-Bau sehr bedencklich gewest; denn man verriethe dadurch gleichsam seine eigene Schwäche den Feind von den Gräntzen abzuhalten. Die Deutschen aber hätten allezeit den Ruhm gehabt / daß sie wider alle Feinde in freyem Felde hätten stehen können. Festungen aber / so gut sie Kunst und die Natur verwahret hätte / könten / wenn der Feind Meister im Felde wäre / nicht austauern / sondern / wenn nicht Hunger oder Versehen sie öffnete / findete der Feind endlich einen güldenen Schlüssel darzu. Die schlauen Römer hätten auf dem Berge Taunus / an der Fulde /an der Lippe unterschiedene / und am Rhein alleine funfzig Festungen / als Fässel der deutschen Freyheit angelegt gehabt; nachdem aber die einige Schlacht wider den Quintilius Varus gewonnen worden / wären selbte in weniger Zeit gleichsam über Hals und Kopf übergegangen. Ihre Besatzungen und Bauständigkeit erforderten zur Kriegs- und Friedens-Zeit fast unerschwingliche Unkosten; verursachten; daß man sich mehr auf selbte als eigene Tapferkeit verliesse / und wenn der Feind einmal eine eroberte / hätte man ihm selbst einen solchen Dorn in Fuß gestochen / den man schwerlich heraus ziehen könte; und schiene es gleichsam / als wenn man seinem Feinde mit Fleiß ein Nest in eigener Schoß gebauet hätte. Diesemnach hätten die Lacedämonier niemals Sparta zu befestigen rathsam geachtet; und als einem die Mauren zu Athen gewiesen und gerühmet worden / hätte selbter geantwortet / daß eine so feste Stadt von Rechtswegen nur Weiber zu Einwohnern haben solte. Der Feldherr antwortete: Er würde keiner andern Gedancken seyn /wenn nicht die Römische Macht alles Gewichte anderer Völcker überstiegen / und in Deutschland den Saamen der Zwytracht eingestreuet hätte / daß selbter allem Ansehn nach nicht mehr auszurotten wäre. Diesemnach erforderte der Deutschen veränderter Zustand / daß sie nunmehr auch auf Vortheile ihrer Erhaltung vorsinnen müsten. Er selbst hielte von Festungen wenig oder nichts / durch welche ein verhaßter Fürst seine Unterthanen im Zaume halten wolte. Denn hierzu würde Klugheit und Sanftmuth erfordert; und wäre das Gemäuer darzu viel zu schwach / und die Furcht viel zu gefährlich; welche die Unwilligen nur verbitterter und halsstarriger machten. Auch wären sie in der Mitte eines Landes wider Feinde wenig nütze /und den Unterthanen verdächtig; wiewohl auch nicht selten eine einige wohl-verwahrte Stadt ein gantzes Reich erhalten / derselben Belägerung die Früchte vieler gewonnenen Schlachten zernichtet / und zu einer Schiffbruchs-Klippe des Feindes gedienet hätte. Allein an den Gräntzen wäre es der höchsten Nothwendigkeit an vortheilhafften Orten wenige aber gute Festungen zu haben / umb durch selbte die unversehenen Einbrüche zum wenigsten so lange aufzuhalten / biß man im Hertzen einer Herrschafft die Kräfften zusammen ziehen / dem Feinde daselbst die Stirne bieten / die Verwüstung des Landes verhüten / oder /da selbter sich vermässentlich in die Mitte eines Landes wagte / selbtem in Rücken gehen / und die Wiederkehrung abschneiden könte. Mit diesen Festungen hätte es auch gar eine viel andere Bewandnüß / als mit denen / welche man ins Feindes Lande zu Kap-Zäumen baute / welche / wenn der Feind das Feld räumen müste / rings umb niemanden hätten / der ihnen die Lufft oder das Wasser gönnte. Jene hingegen hätten sich auch in den eusersten Unglücks-Fällen[727] von dem Land-Volcke alles Vorschubs zu verstehen. Dahero die Römer bey Einnehmung eines neuen Landes desselben Festungen ihrer Mauren entblößet; wo ihre Herrschafft aber schon eingewurtzelt gewest / die Gräntzen befestigt hätten. Alle ihre Macht hätte mit so vielen der Stadt Carthago unterworffenen Ländern nicht so viel zu thun gehabt / als mit der einigen Stadt Carthago / als selbter gleich alle Federn ihrer Macht ausgerissen / und alle Spann-Adern verschnitten gewest wären. Ein Feind würde sich auch so leichte nicht an ein Land reiben / wo er so viel harte Nüsse der von Natur oder Menschen gebauten Festungen aufzubeissen / und ehe an den Steinen als Schilden ihm die Stirne zu verstossen hätte. Dahero Käyser Julius in Hispanien die Einwohner des Berges Herminius die Fläche / die zwischen ihren Sümpffen befestigten Menapier auf der Ubier Anhalten in Gallien über dem Rheine / Augustus die Asturier gleichfals auf ebenem Lande eine neue Wohnung zu erkiesen gezwungen hätte. Hertzog Arpus versätzte: Würde dieser unser Festungs-Bau nicht aber den mißträulichen Römern ein Dorn in Augen / ein Merckmaal unsers Argwohns / oder nach dem mit den Sicambern geschlossenen Frieden nicht ein scheinbarer Anlaß zum neuen Kriege seyn? der Feldherr begegnete ihm: durch dis / was man zu seiner Beschirmung fürnähme / fügte man niemandẽ kein Unrecht an / außer diesem aber gäbe es keine rechtschaffene Ursache des Krieges. Und wie könte von Römern die Bewahrung der Gräntzen / sonder daß hierüber nichts widriges verglichen worden / übel aufgenommen werden / da sie selbst gegen über den Anfang machten. Vorhin hätten die Römer den Jupiter Elicius auf eine besondere Weise angeruffen / daß er doch den Rhein und die Donau als die Vormauern des Römischen Reichs durch lange Trockenheit nicht versäugen / oder durch grosse Kälte zu gefrieren lassen wolte. Ja sie nahmen solches für eine Dräuung der erzürnten Götter an /welche sie mit diesen tieffen Flüssen gleichsam verließen / und denen Deutschen in Gallien / Noricum und Pannonien einzubrechen den Weg bähneten. Dahingegen die Ergießung dieser Ströme für eine Gnade der Götter und ihre Sicherheit durch Opffer erkennet worden wären. Wie solten denn die Römer von den Deutschen die Verwahrung des Rheines / daß sie daselbst nicht überfallen würden / übel aufnehmen? Vorhin hätten die Römer Deutschland über dem Rheine eine neue und unbekandte Welt genennet; warumb solten sie nun die Schlösser dieser Geheimnüsse mit schälen Augen ansehen? Die Römer pflegten auch bey Friedens-Zeiten keinen gewaffneten Deutschen über den Rhein oder die Dohnau zu lassen / ja denen Reisenden sie stets begleitende Gefärthen aus bloßem Mißtrauen an die Seite zu stellen. Wie möchten sie nun den Deutschen verargen / daß sie so mißträulichen Leuten wenig trauten / und auf ihrer Hut wären. Also dörffte das schon alt wordene Mißtrauen der Römer nicht erst aus diesem Festungs-Baue jung werden. Wenn es nun den Römern in Sinn kommen wäre zu kriegen / würde es ihnen niemals an scheinbarem Vorwandte mangeln / ob sich die Deutschen schon noch so friedlich hielten / und diese Festung ungebauet bliebe. Vielmehr würde diese Gegen-Verfassung darzu dienen / daß die Römer weder an der Deutschen Vorsicht noch Vorsatze ihrer Gewalt auf allen Fall zu begegnen zu zweiffeln hätten. Hertzog Arpus ließ ihm diesen Rath allerdings gefallen / ließ noch selbigen Tag seine Baumeister verschreiben / und nach wenig Tagen den Bau ausstecken / Steine / Kalck / Ziegeln und andern Zeug mit allem Ernste zuführen. Dahero denn sich beyde Hertzoge nebst etlichen andern[728] Fürsten sich von Embs wieder dahin verfügten. Nach dem nun der Feldherr den ersten / Hertzog Arpus den andern / und jeder Fürst einen Stein zum Grunde gelegt hatte / ward der Bau durch etliche hundert Bau-Leute / wobey drey tausend Cattische Kriegs-Leute handlangten / und die Gewehre stets zu Beschirmung dieses Baues an der Hand hatten / eyfrig befördert und diese Festung vom Arpus dem Feldherrn zu Ehren Herrmannstein geneñet. Germanicus war inzwischen wieder nach Meyntz gereiset / weil die Römer und Sicambrer nunmehr selbst gestunden / daß zwischen ihnen ein Stillestand getroffen wäre. Von dar schickte er den Pedo an Hertzog Arpus nach Embs / umb sich zu beschweren / daß gegen Coblentz den Römern durch einen neuen und den Deutschen ungewöhnlichen Festungs-Bau eine Prille für die Nase gesätzt würde / da doch er den geringsten Anlaß zu einigem Mißtrauen nicht gegeben hätte. Hertzog Arpus empfieng den Pedo aufs höflichste / und beantwortete ihn: daß kein gegenwärtiges Mißtrauen / sondern der Römer eigenes Beyspiel und sein Ampt / welches ihm zur Zeit des Friedens auf Krieg zu dencken aufbürdete / ihn zu diesem Baue veranlaßt hätte / mit der Versicherung; daß so lange die Römer den geschlossenen Frieden halten würden / diese Festung kein Zeug-Hauß der Waffen / sondern ein Tempel der Eintracht seyn solte. Germanicus / weil er weder Recht / noch bey unausgemachtem Frieden mit den Sicambern genungsame Kräfften diesen Bau zu verwehren hatte /muste selbten nur geschehen lassen; Hingegen aber kam er selbst von Meyntz wieder nach Coblentz / besahe von dem Altare des Bacchus den Rhein-Strom hinunter / und baute gegen dem in den Rhein sich ergießenden Lohn-Fluße gegen über an den Ambiativischen Flecken eine neue Festung; worzu er gleichfalls den ersten Stein zu einer von seinen Sternsehern mit Fleiß ausgesehenen Zeit legte / gleich als weñ so wol die Geburts-Stunden der Festungen als der Menschen dem Glücks-Einflusse der Sternen unterworffen wären. Denn ob zwar Germanicus vorher wenig von den Wahrsagungen der Sternseher gehalten / und offtmahls gesagt hatte: diese Kunst wäre eußerlich wol anzusehen; inwendig aber wäre so wenig an ihr / als an dem vom Prometheus Jupitern geschenckten Ochsen / welcher auswendig eine schöne Haut gehabt hätte / inwendig aber mit Heu und Stroh wäre ausgestopfft gewesen; so hatte ihn doch des Tiberius Gemeinschafft mit Aberglauben nach und nach auch eingenommen. Denn wie man in Mohren-Land nicht wohnen kan ohne schwartz zu werden / also nimmt man durch Gewonheit endlich die Sitten derer an / mit welchen man lange umbgehet. Ja der Mensch ist ins gemein sinnreich etwas zu erfinden / umb sich selbst zu betrügen. Germanicus ward in seiner Meinung zugleich bestärckt und in seinem Hertzen dadurch erfreuet / daß die Werck-Leute den ersten Tag daselbst einen Stein ausgruben / auf dessen einen Seite zwey männliche Geburts-Glieder kreutzweiß / auf der andern diese Worte gegraben waren:


Wer hier den Grundstein legt / und diesen aus läßt graben

Wird einen Sohn allhier / Rom ihn zum Käyser haben.


Germanicus legte das erste für ein Zeichen der männlichen Tapfferkeit aus / welche an diesem Orte ausgeübt werden würde. Welch Sinne-Bild der Hertzhafftigkeit die Griechen und Römer Zweifelsfrey vom Sesostres entlehnet haben / welcher in allen sich tapffer haltenden Städten Bilder der männlichen / in allen ohne Gegenwehr übergehenden der weiblichen Geburts-Glieder aufrichten ließ. Die Reime laaß Germanicus etliche mal; Ob[729] selbte nun zwar zweydeutig waren / ob er oder sein Sohn die Käyserliche Würde überkommen würde / so ließ er doch aus besorgter Eyversucht diesen Stein alsbald wegtragen und selbten so wol verbergen / als den Ruff davon durch ein scharffes Verbot gegen denen / die ihn gefunden hatten / verdrücken. Gleichwol aber gelobte er der Eugeria / Fluonia / Alcmena / dem Vitumnus Sentinus und andern Geburts-Göttern allerhand Gelübde / ließ auch nach etlichen Monaten seine schwangere Gemahlin Agrippine an diesen Ort kommen; An welchem sie ihm einen Sohn gebahr / welcher von Kriegs-Leuten nach der Zeit Caligula genennet / und nach des Tiberius Tode an seine Statt Käyser ward. Es ist nicht zu sagen / was Germanicus und Agrippina über dieser Geburt für Vergnügung im Hertzen empfunden / das Römische Heer aber für Frolocken ausließ. Denn ob zwar er schon zwey Söhne Nero und Drusus im Leben hatte / war doch dieser neugebohrne wegen der Wahrsagung / und weil er Agrippinens neundtes Kino war /der liebste. Und Käyser August selbst schrieb seiner Enckelin Agrippine; Er wünschte bald ihren im Lager gebohrnen Sohn an statt ihres abgebildeten ältesten verstorbenen Sohnes zu küssen / dessen Bild Livia in Gestalt des Cupido der Capitolinischen Venus gewiedmet / der Käyser aber in seinem Schlaff-Gemache verwahrt hatte / und / so offt er hinein kam / es küssete. Maßen er denn auch zu Rom seinen vernommenen Nahmen alsbald durch den Schatz-Meister in dem Tempel des Saturn in die Bücher eintragen ließ / eine gantze Woche lang so wol / als Germanicus am Rheine / der Göttin Juno zu Ehren eine freye Taffel hielt /ihr zu Liebe ein goldgestücktes Bette aufsätzte / in ihren Schatz tausend mit der Uberschrifft der Fruchtbarkeit neu-gepregte Müntzen aus Golde einlegte /dem Rathe und Volcke ein Gastmahl ausrichtete / allerhand Spiele hielt / und in allen Tempeln für dieses Kindes Glückseeligkeit beten ließ / das Kriegs-Volck hieng wie Germanicus an seinem Hause / an allen Zelten Kräntze von Lorber-Zweigen und Epheu aus /gleich als wenn einem jeden selbst ein Sohn gebohren wäre. Sie drängten sich umb das Hauß der Kindbetterin / aus Begierde sie und ihren neuen Sohn zu sehen /ungeachtet sie sich hernach reinigen musten / weil die Häuser der Kinder-Gebährenden so wol zu Rom als zu Athen viertzig Tage für unrein gehalten wurden. Sie brachten dem Kinde eine grosse Menge Bilder des Priapus mit Knobloch umbwunden wider die Zauberey und Wechselbälge. Uberdis ließ es drey grosse steinerne Altare an dem Ufer des Rheines aufrichten /und in das mitlere eingraben: Wegen Agrippinens Genesung; ins andere: Agrippinens Fruchtbarkeit; ins dritte: des Cajus Glückseeligkeit. Agrippina hob dieses Kindes mit auf diese Welt gebrachte Haut als einen grossen Schatz auf / und sagte / daß sie an seinem andern Geburts-Tage / wordurch sie die Zeit seiner erlangten Herrschafft verstand / es damit krönen wolte. Sie ließ es mit eitel köstlichen Balsamen waschen / die Erde / darauf sie es zum ersten mahl stellen und es dem Germanicus aufheben ließ / mit vielerley Blumwercke bestreuen / es in eitel Purpur-Windeln / welche hernach den Priestern zukamen / einwickeln / und als es am neundten Tage nach der Geburt mit Staub und Speichel gereiniget und eingeweihet ward / ließ sie auf dem Opffer-Tische Lucinens ein Feuer von eitel Zimmet und Sandel-Holtze brennen und dem gantzen Kriegs-Volcke ein Mahl ausrichten.[730] Sie zündete hundert grosse Wachs-Kertzen / und hieng einer jeden einen Nahmen an. Weil nun die /welche den Nahmen Cajus führte / am längsten brennte; ward ihm dieser Nahme zugeeignet. Agrippine steckte über dis eine eichene und pappelne Gärthe in die Erde / und weil beyde in wenig Tagen beklieben und aussprosseten / beredete sie sich festiglich / daß aus ihrem Sohne nichts wenigers als ein Herr der Welt werden könte. Sie gelobte der zeugenden Venus in Rom eine Seule / Dianen ihren mit Perlen und Edelgesteinen gestückten Gürtel / Hecaten opfferte sie ihren liebsten Hund / Lucinen eine weisse Kuh / und ein paar Zwilling-Lämmer. Germanicus ließ zu Rom im Tempel des Hercules seines neuen Sohnes Schutz-Geiste ein Altar bauen / und dem Glücke eine Seule einweihen / den Parcen Kräntze winden / die Wächter des Hauses / in welchem Agrippina lag / giengen alle Nächte unzählichmal mit einem gekrönten Esels-Kopffe darum den Sylvan zu vertreiben.

Hierüber gieng eine gute Zeit hin / und nachgehends war Germanicus theils mit den Chaucen und Sicambern / theils mit dem Käyser und Tiberius wegen des Friedens und anderer geheimen Anschläge wider die Catten und Cherusker / der Feldherr und Arpus aber mit andern Anstalten beschäfftigt. Denn das gemeine Wesen und die Herrschafft gleichet einer Uhr. So wol jene als diese kan nicht ohne Unruhe seyn. Es giebt immer was damit zu thun / und wenn sie einmahl stehet / ist mit ihrer Nachricht ihr gantzer Nutzen verrücket.

Quelle:
Daniel Caspar von Lohenstein: Großmütiger Feldherr Arminius, Zweyter Theil, Leipzig 1690, S. 564-648,684-731.
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