Zehnter Auftritt

[77] Ein Fahnenträger eröffnet den Zug; ihm folgen sechs kleine Mädchen in Nationaltracht, dann zwei Männer, die einen mit Blumen gezierten, thronartig gestalteten Sitz tragen, welchen sie im Vordergrunde auf einigen sich dort befindlichen Stufen niedersetzen. van Bett mit den Ratsherren paarweise, vor jedem Paar wieder ein Fahnenträger; dann Marie und Meisterin Browe mit dem Chor der Mädchen und Frauen, ihnen folgen die Männer paarweise. Der Zug geht um die ganze Bühne und stellt sich dann zu beiden Seiten im Hintergrunde auf. Wenn der Zug steht, will sich Iwanow, der sich staunend im Vordergrund aufhielt, entfernen; auf einen Wink des Bürgermeisters umringen ihn die kleinen Mädchen und ziehen den sich Sträubenden zum Sitz.


CHOR.

Schmücket mit Kränzen und Blumen die Halle,

Singt, ihn zu ehren, ein heiteres Lied,

Daß es dem großen Monarchen gefalle

Und daß er unsre Freude sieht.

Mög' er länger noch bei uns verweilen

Und wie sonst unsre Freuden teilen!

Jauchzet hoch auf, es lebe der Mann,

Der unbekannt aller Herzen gewann!

VAN BETT.

Möcht' es, großer Held, dir gefallen,

Fröhlichen Tänzen dein Auge zu leihn,[77]

Würd' es uns Hochbeglückten allen

Ein ganz besondres Vergnügen sein.

Iwanow nickt.

van Bett gibt ein Zeichen.

Ballett

Nationaltanz mit Holzschuhen.


VAN BETT nachdem der Tanz zu Ende.

Erhabner Held, die Römer und Griechen

Opferten Tiere bei jeglichem Fest!

Wir konnten keinen Ochsen kriegen,

Der sich so etwas gefallen läßt.

Auch ist bekannt, daß solch ein Ergötzen

Sich für die heutige Zeit nicht mehr paßt;

Diesen Mangel nun zu ersetzen,

Gab ich mich her und habe zierliche Reime verfaßt.


Er stellt die Personen zum Gesang auf.


MARIE steht Iwanow zur Seite und flüstert ihm zu.

Zage nicht, nah sind wir dem Ziel,

Und eine frohe Zukunft lacht.

IWANOW.

's wäre Zeit, daß dem närr'schen Spiel

Ein bald'ges Ende würd' gemacht.

MARIE.

Ja, unsre Wünsche krönt ein gütiges Geschick.

IWANOW.

Sieh dies Papier, es enthält unser Glück.

VAN BETT.

Daß ihr mir die Verse nicht zerstückelt,

Im Flusse muß das Ganze gehn.

MARIE zu Iwanow.

Unser Glück ist in Papier gewickelt?

Ei, ei, wie soll ich das verstehn?

IWANOW.

Mein Kind, das sollst du nun bald sehn.

VAN BETT ist mit dem Ordnen fertig.

»Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen.

Es ist schon lange her.«

CHOR.

»Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen.

Es ist schon lange her.

Aus vollem Herzen rufen wir:

Heil uns, der Zar ist da!«

Ein Ratsdiener kommt eilig und flüstert dem Bürgermeister etwas ins Ohr.
[78]

VAN BETT.

Ei was, jetzt kann mich niemand sprechen,

Meinen Vortrag unterbrechen

Kann ich nun und nimmermehr.

Ratsdiener geht ab.


CHOR UND VAN BETT.

»Du bist ein großer Held, vivat!«


Kanonenschüsse und Lärm von außen.


Welch Geräusch! Was gibt's?

Wer stört des Tages Feier?

RATSDIENER stürzt herein und spricht. Der Hafen ist geöffnet. Peter Michaelow an der Spitze einer großen Mannschaft will soeben auslaufen.

VAN BETT.

Ha, Verrat!

CHOR.

Ha, Verrat!

VAN BETT.

Welch höllisches Komplott!

CHOR.

Ein Komplott?

VAN BETT.

Rebellion!

CHOR.

Was soll das wohl bedeuten?

VAN BETT UND CHOR.

Greifet alle zu den Waffen,

Diesen Frevel zu bestrafen

Sei nun meine erste Pflicht.

Sei nun Eure erste Pflicht.


van Bett erteilt im Hintergrunde Befehle. Mehrere eilen hinaus, allgemeine Bewegung.


MARIE UND IWANOW im Vordergrunde.

So hat er uns betrogen

Und Freundschaft nur gelogen,

Unsre Hoffnung ist dahin.

MARIE.

Doch die Schrift, die du empfangen,

Wohl zu seinen Gunsten spricht.

IWANOW.

Gern erfüll ich dein Verlangen,

Ihn verteid'gen wird sie nicht.

VAN BETT.

Öffnet dieses Saales Türen,

Die zunächst zum Hafen führen.

IWANOW hat die Schrift gelesen und spricht. Heiliger Nikolaus, was sehen meine Augen?

ALLE. Was geschieht? Was ergreift die Majestät?

IWANOW spricht. Peter Michaelow, er ist der Zar! Da steht es. Er liest. »Hiermit gebe ich meine Einwilligung zur Verheiratung des Kaiserlichen Oberaufsehers[79] Peter Iwanow mit der Nichte des schwachköpfigen –«

VAN BETT spricht. An diesen huldreichen Gesinnungen erkenn ich den Zaren.


Quelle:
Albert Lortzing: Zar und Zimmermann. Stuttgart [o. J.], S. 77-80.
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