XXIV.

[408] Diogenes und Mausolus.


DIOGENES. Höre du, Karier, worauf bildest du dir soviel ein, daß du vor uns allen den Rang haben willst?

MAUSOLUS. Fürs erste, Herr Sinopenser, war ich König von ganz Karien und Herr über verschiedene Distrikte von Lydien; ich erweiterte mein Reich durch Unterwerfung verschiedener Inseln, erstreckte meine Eroberungen bis Milet und überwältigte den größten Teil von Ionien. Außerdem hatte ich persönliche Vorzüge; ich war schön, groß von Statur und von einer Leibesbeschaffenheit, die alle Beschwerden des Krieges aushalten konnte. Endlich, und was das vornehmste ist, habe ich zu Halikarnaß ein ungeheures Grabmal auf mir liegen, das an Größe und Schönheit seinesgleichen in der ganzen Welt nicht hat und mit den herrlichsten Bildern von Menschen und Pferden ausgeziert ist, alles aus einem so schönen Marmor, wie man nicht leicht an einem Tempel finden wird. Und auf das alles sollte ich nicht mit Recht stolz sein, meinst du?[408]

DIOGENES. Also auf deine Krone, auf deine Gestalt und auf die Schwere deines Grabmals?

MAUSOLUS. Das sollt ich denken, beim Jupiter!

DIOGENES. Aber, schönster Mausolus, von deiner Schönheit und Stärke ist nichts mehr zu sehen; und wenn ich dir den Vorzug der Gestalt streitig machen wollte, würdest du dem Richter keinen Grund angeben können, warum dein Schädel schöner als der meinige sein sollte. Beide sind kahl und abgeschält; unsre Zähne grinsen beiderseits auf gleiche Art, und wir haben beide statt der Augen leere Löcher und aufgestülpte Affennasen. Was aber dein Grabmal betrifft und die kostbaren Steine, woraus es verfertigt ist, so mögen die Einwohner von Halikarnaß allerdings Ursache haben, sie den Fremden zu zeigen und sich groß damit zu machen, daß sie ein so großes Werk der Kunst in ihren Mauern besitzen; was aber du, mein schöner Herr, für einen Genuß davon hättest, sehe ich nicht; du müßtest denn nur sagen, daß du doch eine größere Last tragest als wir andern, da du einen so ungeheuern Steinhaufen auf dir liegen hast.

MAUSOLUS. Das alles sollte mir also zu nichts helfen, und Mausolus sollte nicht mehr und nicht weniger sein als Diogenes?

DIOGENES. Was den letztern Punkt betrifft, mein edler Herr, nein; diese Gleichheit muß ich verbitten. Denn Mausolus wird wimmern und wehklagen, sooft er sich der Dinge erinnert, die im Leben seine Vorzüge und sein Glück ausmachten: Diogenes hingegen wird ihn auslachen. Mausolus spricht von dem Grabmale, das ihm Artemisie, seine Gemahlin und Schwester, zu Halikarnaß errichten ließ: Diogenes weiß nicht einmal, ob sein Leichnam irgendwo ein Grab bekommen hat und bekümmert sich auch nicht darum. Dafür hat er hingegen den Besten der Menschen das Andenken hinterlassen, das Leben eines Mannes gelebt zu haben; und dies Denkmal, o du erster unter allen deinen sklavischen Kariern, ist höher und ruht auf einem festern Grunde als das deinige.[409]

Quelle:
Lukian: Werke in drei Bänden. Berlin, Weimar 21981, Band 1, S. 408-410.
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