Heilige Stille

[20] Im dämmernden Tale,

da wallen und wogen,

die weiten Gefilde

allmählich verhüllend

mit bläulichem Duft,

die Spitzen der Berge,

der fernen, verschleiernd,

die Nebel des Abends,

die Schatten der Nacht.


Auf dunklem Gewässer

aufleuchten gleich Nixen

die Lilien, die bleichen,

und beugen und neigen

zum Wasser hernieder

und heben dann wieder,

mit blitzenden Tropfen,

mit Sternen besät,

in dunkelnde Lüfte

den duftenden Kelch.


Und fern aus dem Walde,

vom Rauschen des Nachtwinds[20]

harmonisch getragen,

ertönet in süßen

in rührenden Weisen

der Nachtigall Sang

und haucht in den Frieden

der schlummernden Flur

hinschmelzende Sehnsucht.


Kein Menschenwort stört

die heilige Stille, – –

und ferne im Osten

erhebt sich die Sichel

des Mondes in silbernem

nächtlichen Glanz.

Die Nachtigall schweigt . . .

und träumerisch senken

die Lilien im Weiher,

berührt von dem Strahle

des Mondes, ihr Haupt.


Quelle:
Clara Müller-Jahnke: Gedichte, Berlin [1910], S. 20-21.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte
Der Freiheit zu eigen: Gedichte 1884-1905