Zur Osterzeit

[40] Ist das ein Ostern! – Schnee und Eis

hielt noch die Erde fest umfangen;

frostschauernd sind am Weidenreis

die Palmenkätzchen aufgegangen.


Verstohlen durch den Wolkenflor

blitzt hie und da ein Sonnenfunken –

es war, als sei im Weihnachtstraum

die schlummermüde Welt versunken.


Es war, als sollten nimmermehr

ins blaue Meer die Segel gehen, –

im Park ertönen Finkenschlag,

und Veilchenduft das Tal durchwehen. –


Und dennoch, Seele, sei gewiß:

Wie eng sich auch die Fesseln schlingen,

es wird der Lenz, das Sonnenkind,

dem Schoß der Erde sich entringen.


Dann sinkt dahin wie Nebelflor

auch all dein Weh und deine Sorgen,

und veilchenäugig lacht dich an

ein goldner Auferstehungsmorgen! –

Quelle:
Clara Müller-Jahnke: Gedichte, Berlin [1910], S. 40-41.
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