Himmelsglaube

[106] Es mag der Trennung Arm, im Vollgenuß der Freuden

Erhabner Sympathie, den Freund vom Freunde scheiden,

Der sanft und fest und treu, am Rande der Gefahr,

Wie auf der Bahn des Glücks, ihm Alles, Alles war:

Wo Himmelsglaube wohnt, Verlaßner! da erhellt

Der Zukunft Mitternacht ein Stern der höhern Welt,

Und aus der Ferne winkt voll Glanz

Die Hoffnung mit dem Siegeskranz!
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Es mag, wenn ringsumher die Rosen sich entfärben,

Des Jünglings Scherze fliehn, des Mannes Freuden sterben,

Der letzte süße Ton der Liebe selbst verwehn,

Und jedes goldne Bild der Täuschung untergehn:

Wo Himmelsglaube wohnt, beut ihren Labetrunk

Dem Allvergeßnen mild noch die Erinnerung,

Wenn ihm die Wange, schwer und kalt,

Des Todes Odem schon umwallt.


Kein Stundenschlag ertönt, kein Tropfen Zeit entfluthet,

Daß nicht ein edles Herz um edle Herzen blutet;

Kein Abendstern erscheint, kein Morgenroth erglänzt,

Daß fromme Liebe nicht ein frühes Grab umkränzt:

Wo Himmelsglaube wohnt, schwingt über Gruft und Zeit

Und Trennung, im Gefühl der Unvergänglichkeit,

Sich zu verwandter Engel Chor

Des Ueberwinders Geist empor!

Quelle:
Friedrich Matthisson: Gedichte, Band 1, Tübingen 1912, S. 106-107.
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