1.

In Versailles

[319] Ludwig der Fünfzehnte ging im Parke von Versailles spazieren. Während die bevorzugten Herren und Damen seines Hofes in respectvoller Entfernung folgten, hielt sich die Marquise von Pompadour, seine allmächtige Geliebte und eigentliche Gebieterin Frankreichs, dicht an seiner Seite, und die lebhaften Gestikulationen der beiden hohen Personen bewiesen, daß der Gegenstand der Unterhaltung ein für sie außerordentlich interessanter sein müsse.

»Kennen Sie seine Abstammung, Madame?« frug der König.

»Sie ist ein Geheimniß, Sir, über welches er die tiefste Verschwiegenheit beobachtet, und ich glaube, daß selbst Ew. Majestät Fragen hier ohne Erfolg sein würden.«

»Dann hat er Gründe, seine Vergangenheit zu verbergen. Er ist aber trotzdem ein sehenswerther Abenteurer.«

»Der dem Staate von unendlichen Nutzen sein kann,« fügte die Favorite angelegentlich hinzu. »Es scheint sicher zu sein, daß ihm die Fabrikation edler Steine und Metalle wenig Schwierigkeiten verursacht; er hat während der kurzen Zeit seines Hierseins die bewundernswerthesten Kuren vollbracht und besitzt ein Elexir, welches die Einwirkungen des Alters vollständig aufhebt.«

»Also ein Adept, ein Wunderdoctor!«

»Mehr, viel mehr als dies, Sire! Er zeichnet und malt genial, ist Virtuos verschiedener musikalischer Instrumente und spricht außer französisch, englisch, deutsch, italienisch, spanisch, portugiesisch und den sämmtlichen alten Sprachen auch türkisch, arabisch, persisch und chinesisch. Der Mann ist ein Mirakel!«

»Und zwar eins von denen, deren Bewunderung in Enttäuschung übergeht. «

Die Marquise war sichtlich bemüht, die Zweifel des Königs zu beseitigen.

»Gestatten Ew. Majestät, die Gräfin von Gergy zu rufen!« bat sie, und ohne die Antwort abzuwarten, wandte sie sich um und winkte einer Dame, welche sich im Gefolge befand.

Der längst verstorbene Graf von Gergy war vor fünfzig Jahren Gesandter in Venedig gewesen; die Dame war seine Wittwe.

»Seine Majestät wollen das Nähere über Ihr Zusammentreffen mit dem Grafen von St. Germain in Venedig wissen, meine Liebe. Wollen Sie Ihren Bericht kurz wiederholen!«

Die Gräfin verneigte sich zustimmend.

»Darf ich fragen, wie alt mich Ew. Majestät schätzen?« frug sie.

Der König lächelte über diese Frage, welche eine Dame nur in der sicheren Erwartung eines Complimentes auszusprechen pflegt. Er befand sich bei angenehmer Laune und beschloß, die Gräfin durch eine hohe Ziffer zu ärgern. Er schätzte sie fünfzig, antwortete aber schnell und kurz:

»Sechzig!«

Jetzt war es die Frau von Gergy, welche lächelte.[319]

»Sire, mein erstes Zusammentreffen mit dem Grafen St. Germain fällt um volle fünfzig Jahre zurück,« antwortete Frau von Gergy, »und damals zählte ich einige Jahre über dreißig.«

»Nicht möglich!« rief Ludwig, im Stillen etwas ärgerlich über die Blöße, welche er sich gegeben hatte. Ein König muß ja Alles wissen; sogar die Verhältnisse Derjenigen, welche sich in seiner Nähe befinden, soll er kennen.

»Ich habe in Bezug auf mein Aeußeres jenes Alter von dreißig Jahren ein volles Vierteljahrhundert hindurch unverändert behalten, und zwar in Folge eines Trankes, welchen mir der Graf von St. Germain damals gab, und selbst als der letzte Tropfen dieses köstlichen Elexirs verbraucht war, hat es seine Wirkung bis auf den heutigen Tag erstreckt; ich bin langsamer alt geworden als Andere.«

»Und der Graf? Er selbst braucht natürlich auch diesen Zaubertrank?«

»Augenscheinlich. Er ist seit fünfzig Jahren um kein Jahr älter geworden.«

»Erzählen Sie uns von Ihrer zweiten Begegnung; sie muß voller Ueberraschung gewesen sein!«

»Ich traf ihn bei Madame,« begann die alte Gräfin mit einer Verbeugung gegen die Marquise, »und glaubte einen dem Vater außerordentlich ähnlichen Sohn vor mir zu sehen. Ich wagte, mich ihm zu nähern, und redete ihn an:

›Haben Sie die Güte, mir zu sagen, ob nicht Ihr Vater gegen das Jahr 1510 in Venedig war!‹

›Nein, Madame,‹ antwortete er sehr gelassen, ›es ist schon viel länger her, daß ich meinen Vater verlor; aber ich selbst wohnte zu Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts in Venedig. Ich hatte die Ehre, Ihnen dort einiges Interesse einzuflößen, und Sie waren gütig genug, einige Barcarolen meiner eigenen Composition, welche wir zusammen sangen, hübsch zu finden.‹

›Verzeihen Sie, aber das ist unmöglich; denn der Graf St. Germain, den ich damals kannte, war wenigstens fünfundvierzig Jahre alt, und Sie haben jetzt höchstens erst das gleiche Alter!‹

›Madame,‹ sagte der Graf lächelnd, ›ich bin schon sehr alt.‹

›Aber dann müßten Sie ja nahe an hundert Jahre zählen!‹

›Das ist nicht unmöglich!‹

Und nun erzählte er mir eine Menge kleiner, näherer Umstände, welche sich auf unsern gemeinschaftlichen Aufenthalt in den venetianischen Staaten bezogen und von denen nur ich und St. Germain wissen konnten. Sein außerordentliches Gedächtniß erinnerte sich nicht nur der unbedeutendsten Einzelnheit, sondern jedes Wortes, welches damals zwischen uns gesprochen wurde, und um mich gänzlich zu überzeugen, zeigte er mir eine kleine Narbe an seiner Hand, welche dadurch entstanden war, daß er sich einst an meiner Sticknadel blutig riß.«

»Hat er Sie hier besucht?« frug der König.

»Nein, Sir; seine Zeit ist außerordentlich in Anspruch genommen. Aber er gab mir die Erlaubniß, auf eine Minute bei ihm vorzusprechen. Ich that es. Er zeigte mir seine Diamantensammlung und erinnerte mich dadurch wahrhaftig an Aladins Wunderlampe. Sie sind viele, viele Millionen werth.«

»So ist er reich?«

»Ich bin davon überzeugt, obgleich man sich seinen Reichthum auf keinerlei Weise zu erklären vermag. Er hat keine Güter, keine Renten, keine Banquiers, keine feste Einnahme irgend einer Art; Karten und Würfel berührt er nie und dennoch führt er einen großen Haushalt, hat Bediente, Pferde und Wagen und eine ungeheure Menge Edelsteine von allen Gattungen und Farben. Man weiß nicht, was man denken soll!«

»Er ist ein sehr geschickter Charlatan. Man wird ihm vielleicht einmal begegnen!« meinte Ludwig. Er konnte nicht gestehen, daß er diesem »geschickten Charlatan« grad für die jetzige Stunde auf vorsichtige Weise ein Rendez-vous habe andeuten lassen.

Diese Andeutung war verstanden und befolgt worden. Eben als man um ein Bosquet bog, war ein Herr zu erblicken,[333] welcher eine Rose, die er in der Hand hielt, so sorgfältig betrachtete, daß er das Nahen des Hofes nicht zu bemerken schien. Des Königs Auge glitt forschend über die Gestalt des Fremden und leuchtete dann mit zufriedenem Blicke auf. Er hatte den Erwarteten erkannt.

»Wer ist dieser Mann?« frug er dessenungeachtet mit zorniger Miene. »Es soll ja während Unsrer Anwesenheit Niemand Zutritt haben!«

»Sir,« antwortete die Gräfin erstaunt, »es ist der Graf von St. Germain. Er ist gewohnt, mehr als Andere wagen zu dürfen. Gestatten Majestät, ihn vorzustellen?«

Der König nickte zurückhaltend.

»Wir sind geneigt, Uns einige Minuten von ihm unterhalten zu lassen!«

Frau von Gergy trat zu dem wunderbaren Mann, begrüßte ihn und führte ihn dann dem Könige zu. Er war von mittler Größe und elegantem Benehmen, hatte regelmäßige Züge, tiefbraune Gesichtsfarbe und schwarze Haare. Seine Kleidung war einfach, aber geschmackvoll. Der einzige Luxus, welchen er zeigte, allerdings auch ein außerordentlich ungewöhnlicher, bestand in einer großen Menge von Diamanten, welche er an allen Fingern, an der Uhrkette und statt der Knöpfe trug. Die Schuhschnallen allein würde jeder Kenner auf mindestens 200,000 Franks geschätzt haben.

Ludwig begrüßte ihn freundlich, begann aber die Unterredung ohne alle Einleitung:

»Man sagt, Sie seien mehrere Jahrhunderte alt. Ist das wahr?«

»Sire,« antwortete Saint Germain mit jenem Ausdrucke in Stimme und Gesicht, welcher nur Menschen von großem Geiste eigen ist, »ich belustige mich zuweilen damit, nicht glauben zu machen, sondern glauben zu lassen, daß ich schon in den ältesten Zeiten gelebt habe.«

»Doch die Wahrheit, Herr Graf, ist –?«

»Die Wahrheit ist häufig unergründlich.«

»Nach der Versicherung mehrerer Personen, von denen Sie schon unter der Regierung meines Großvaters gekannt worden sind, scheint es aber doch, daß Sie über hundert Jahre zählen.«

»Das wäre ein wenig überraschendes Alter; im Norden Europa's habe ich Menschen von 160 Jahren und darüber gesehen.«

»Ich weiß, daß es deren giebt; aber Ihr jugendliches Aussehen ist es, welches alle Forschungen der Gelehrten über den Haufen wirft. Ich würde mich freuen, den Beweis zu erhalten, daß Sie schon im vorigen Jahrhunderte lebten.«

»Das wird mir sehr leicht sein, Sir!«

Er zog ein in gothischer Art gebundenes Souvenir aus der Tasche, öffnete es und suchte eines der zahlreichen Blätter, welche es enthielt, hervor.

»Wird ein Zeugniß des großen Montaigne genügen, Majestät?«

»Vollständig. Geben Sie das Blatt der Marquise!«

Der Graf folgte diesem Befehle, und Frau von Pompadour las die Zeilen des damals als unübertroffen geltenden Philosophen vor:


»Il n'est homme de bien qui mette a l'examen des lois toutes ses actions et pensées, qui ne soit pendable six fois en sa vie; voire tel qu'il serait dommage et très injuste de punir.

à son ami, le comte de Saint-Germain.

M. Eyquem de Montaigne.«1


Der erstaunte Monarch griff nach dem Zettel und überzeugte sich, daß Montaigne ihn im Jahre 1580 mit eigner Hand geschrieben habe.

»Merkwürdig, höchst merkwürdig, Graf!« rief er, und auch der Herr von Gontout, der Herzog von Brancas und der Abbé Bernis, welche näher getreten waren, vermochten nicht, ihre Verwunderung zurückzuhalten. »Ich sehe, daß Sie an Edelsteinen nicht Mangel leiden. Vermögen Sie, aus kleinen Diamanten große zu machen?«

»Wer dieses vermöchte, Sir, der würde sicher mit seiner Kunst zurückhaltend sein,« antwortete der Graf ausweichend. »Eher darf man davon sprechen, Perlen wachsen zu lassen.«

»Ist Ihnen dies möglich?«

»Ja. Ich gebe ihnen fünf-, ja zehnfache Größe und verleihe ihnen dabei das schönste Wasser.«

»Haben Sie schon gehört, daß es fleckige Diamanten giebt?«

Ueber die geistreichen Züge des Grafen glitt ein feines, fast schonendes Lächeln.

»Ich habe deren sehr oft selbst welche gehabt. Die Flecke lassen sich fast stets entfernen.«

»Wie, Sie hätten dieses Geheimniß entdeckt, nach dessen Lösung die Kunst bisher vergebens strebte?«

»Die Lösung ist nicht schwer, Sire. Gelang sie Anderen nicht, so lag es nicht an der Kunst, sondern an den Künstlern.«

»Wenn ich nun die Wahrheit Ihrer Behauptung einer Prüfung unterwerfe?«

»Ich werde sie bestehen,« klang es stolz und zuverlässig.

Der König zog einen Diamanten hervor und bewies damit augenscheinlich, daß er auf das Zusammentreffen mit Saint Germain vorbereitet sei.

»Sehen Sie diesen Stein, er würde 4000 Franks mehr werth sein, wenn er rein wäre.«

Der Graf betrachtete den Diamanten aufmerksam.

»Der Fleck ist etwas groß; aber ich werde ihn dennoch fortbringen. Wollen Ew. Majestät den Stein mir anvertrauen?«

»Sie dürfen ihn mitnehmen. Mein Jubelier, der ihn[334] jetzt auf 6000 Franks schätzt, versichert, 10,000 für ihn zahlen zu können, wenn er den Flecken nicht hätte.«

»In vierzehn Tagen gebe ich mir die Ehre, ihn vollständig rein zurück zu bringen.«

»Man wird dann Grund haben, Ihre Geschicklichkeit anzuerkennen. Aber sagen Sie einmal aufrichtig, Graf; man spricht von einem Lebenselixir, von einem Aqua benedetta, welches Sie zu bereiten verstehen, und durch welches Freunde von Ihnen Schutz gegen die Einwirkungen des Alters gefunden haben.«

»Die Natur ist ewig jung, Sire. Wer ihre Lebenskraft zu extrahiren und in den menschlichen Organismus überzuführen versteht, kennt kein Alter. Er kann Tausende von Jahren gelebt haben, ohne davon zu sprechen.«

»Sie weichen mir aus und geben dennoch Ihr Eingeständniß. Wir finden Wohlgefallen an Ihrer Unterhaltung. Lassen Sie sich wiedersehen. Man wird Ihre Gegenwart gern bemerken!«

Mit einem huldvollen Neigen des königlichen Hauptes war der Graf verabschiedet. Er entfernte sich und schritt einer entlegenen Parthie des Parkes zu. Eben wollte er diesen durch einen dort befindlichen Ausgang verlassen, als er einem jungen Manne begegnete, welcher im Begriff stand, einzutreten. Auf dem Gesichte Beider spiegelte sich eine Ueberraschung ab, welche der Graf eher als der Andere zu beherrschen verstand.

»Ah –!« rief der Letztere, und zwar in deutscher Sprache, »da triffst man ja so ganz und gar unerwartet den Herrn Ritter von Schöning oder den Grafen Tzarogy oder wie der eigentliche Name lauten mag! Sagen Sie aufrichtich, mein Herr, mit welcher Magie operirt man in Versailles erfolgreicher, mit der schwarzen oder der weißen?«

Es klang eine unendliche Bitterkeit aus seinem Tone. Der Graf blickte ihm kalt und starr in das erregte Angesicht und frug:

»Herr Baron, wie befindet sich Ihr Vater?«

»Ich danke, sehr wohl! An dem Tage, an welchem Sie ihn ohne Abschied verließen, bemerkte er, daß er sich an den Bettelstab laborirt habe. Ihre Kunst hat ihm Nichts gelassen als die Kugel, mit welcher er besser umzugehen verstand, als mit Gaunern und Betrügern. Der Schuß gelang; es lebt ein Zeuge Ihres Talentes weniger!«

»Es war voraus zu sehen, da er meinen wohlgemeinten Rathschlägen niemals Gehör schenkte. Dennoch thut mir der Fall um Ihretwillen leid. Kann ich Ihnen hier in irgend einer Weise dienlich sein?«

»Ich muß auf Ihre Dienste verzichten, da ich Nichts besitze, um sie mit meinem Ruin bezahlen zu können!«

»Ich bin sehr nachsichtig, mein Herr, aber wahren Sie dennoch Ihre Zunge! Der Graf von Saint Germain, welcher soeben eine vertrauliche Unterhaltung mit dem Könige verlassen hat, fühlt sich keineswegs gezwungen, die grundlosen Malicen des Barons von Langenau ruhig anzuhören.«

»Graf von Saint Germain? Lassen Sie mich Ihnen zu diesem neuen Titel gratuliren! Ich habe heut Einiges mit dem Könige zu besprechen und werde nicht versäumen, ihm den Grafen von Saint Germain zur Regelung seiner Finanzen zu empfehlen!«

Mit einer verächtlichen Handbewegung wandte er sich ab und schritt von dannen. Der Graf blieb stehen. Trotz seines braunen Teints war die Blässe zu bemerken, welche sein Gesicht überzog. Nach einigem Besinnen kehrte er, statt durch den Ausgang zu treten, in den Park zurück und ging nach dem Schlosse. Hier erfuhr er, daß die Marquise von Pompadour bereits ihre Gemächer wieder betreten habe. Er war schon öfters bei ihr gewesen, hatte die Erlaubniß zum beliebigen Zutritt erhalten und ließ sich anmelden. Frau von Hausset, ihre erste Kammerfrau, war bei ihr. Die mächtige Dame empfing ihn mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit.

»Willkommen, mein lieber Graf! ich vermuthete nicht, Sie so schnell wieder bei mir zu sehen.«

»Durfte ich Versailles verlassen, Madame, ohne Ihrer Güte zu danken, welche mir erlaubte, den größten Monarchen unseres Jahrhunderts zu sprechen?«

»Diese Güte ist nicht ohne Eigennutz. Man profitirt bei Ihnen durch Unterricht über Außerordentlichkeiten, welche bisher für unmöglich galten. Werden Sie den Diamanten des Königs wirklich von seinen Flecken befreien?«

»Es wird ganz sicher geschehen. Sehen Sie diese Steine!«

Er zog eine Schachtel aus der Tasche und öffnete sie. Es befanden sich Topase, Smaragde, Saphire und Rubine von ganz bedeutendem Werthe in ihr. Frau von Pompadour schlug die Hände zusammen.

»Welch ein Reichthum! Graf, Sie sind wirklich ein Phänomen!«

Er nahm die Bewunderung sehr gleichmüthig hin.

»Diese Schachtel enthält nur die geheilten Patienten aus meiner Sammlung. Sie alle hatten Flecken; ich habe ihnen dieselben genommen. Sie besitzen dadurch einen doppelten Werth. Diese Kleinigkeit mag als Beweis dienen!«

Er warf ein goldenes Kreuz mit grünen und weißen Steinen auf den Tisch. Ein Schmuckhändler hätte wenigstens 1500 Franks dafür gegeben.

»Frau von Hausset, wollen Sie es als Geschenk von mir annehmen?«

»Das kann doch Ihr Ernst nicht sein!« antwortete die Kammerdame, das Kreuz dennoch nehmend und es zur Prob an den Hals haltend.

»Warum nicht? Es ist ja nur eine Bagatelle!«

»Nehmen Sie es immerhin, meine Liebe; der Herr Graf will es ja!« redete die Favorite ihr zu.[335]

»Sie versprachen mir bei Ihrem letzten Besuche,« sprach hierauf Frau von Pompadour, indem sie sich gegen den Grafen von St. Germain wandte, »noch einmal auf Ihr Aqua benedetta zurückzukommen. Ich hoffe, daß ich keine Fehlbitte thue, denn man hat mir erzählt, daß die kleine, zehnjährige Comteß Lancy2 schon eine Probe davon bekommen hat.«

»Man hat die Wahrheit gesagt. Ich begleitete einige italienische Arien, welche die Comteß sang, und war von ihr so entzückt, daß ich beschloß, ihr das glückliche Loos der Schönheit, welche sie besitzen wird, zu verlängern.«

»Auch der König hörte von Ihrem Wasser; er wünscht, daß der gegenwärtige Zustand seiner Gesundheit ihm so lange wie möglich erhalten bleibe.«

Der Graf brachte zwei geschliffene Flaçonetten zum Vorscheine, welche mit einer krystallhellen Flüssigkeit gefüllt waren.[349]

»An der Erfüllung dieses Verlangens hängt das Glück einer ganzen Nation. Dieses Aqua benedetta wird Frankreich seinen Monarchen und Ihnen, Madame, Ihre Schönheit und Jugend erhalten.«

Er reichte die Flaçonetten ihr entgegen. Sie griff mit sichtlicher Begierde zu und rief freudig:

»Ich danke Ihnen sehr, mein lieber Freund! Einen Grafen von St. Germain darf man nicht nach dem Preise dieses unbezahlbaren Elixirs fragen. Bestimmen Sie, was ich für Sie thun kann!«

»Der einzige Lohn, den ich begehre, ist Ihr Wohlwollen, Madame, und die Erlaubniß, mit Hülfe der Sterne über Ihnen und dem Könige wachen zu dürfen.«

»Der Schutz Ihres Genius ist uns willkommen. Ich bat Sie ja schon, die Sterne über mich zu befragen. Erhielten Sie eine Antwort?«

»Ich erhielt sie, heut in der Mitternacht.«

»Und wie lautet sie?«

»Sie war klar und offen, so daß ich die Geister der Weltgegenden nicht zu Rathe zu ziehen brauchte. Ich darf sie darum auch offen mittheilen.«

»Nun?«

Die Marquise schien außerordentlich gespannt zu sein.

»Ich sah den Himmel Deutschlands erglänzen; ein großer Stern stieg strahlend in die Höhe, eine kleine Schnuppe flog von ihm ab, schoß über die Grenze herüber und stieß an den Stern Frankreichs. Da troff Blut herab vom Firmamente; es wurde Nacht in den Lüften, und die Erde zitterte unter dem Fußgestampf würgender Cohorden. Ich sah keine Person, ich sah keinen Namen, Madame, ich erblickte nur Thatsachen. Die Sterne haben mich noch niemals getäuscht. Die Lösung ist mir nicht gegeben; ich muß sie Ihnen überlassen.«

Die Marquise war unter der Schminke leichenblaß geworden.

»O, ich weiß, wer dieser Stern in Deutschland ist! Dieser König von Sanssouci glaubt ja, er sei schon längst unter die Himmlischen zu rechnen. Aber die Schnuppe, hatte sie nicht eine Farbe, eine Gestalt, aus welcher sich etwas Sicheres schließen ließe?«

»Ich glaube die Gestalt eines L erkannt zu haben. Doch steht mir der Zutritt in die chambres diplomatiques nicht offen; ich kenne keine Persönlichkeit, auf welche ich eine Hindeutung aussprechen möchte.«

»Meine Ahnung hat mich nicht betrogen! Ein L –? Dieser deutsche Baron von Langenau ist mit einer geheimen Sendung betraut. Seine Physiognomie hat mir gleich vom ersten Augenblicke an einen Widerwillen eingeflößt. Er soll mit dem Könige sprechen; ich werde aber dafür sorgen, daß diese Unterredung nicht stattfindet. Ich vertraue Ihren Sternen. Er mag noch heut' in seine barbarische Heimath abreisen!« – – –

Als sich einige Viertelstunden später Baron von Langenau zur Audienz meldete, ward ihm vom dienstthuenden Kammerherrn die Weisung, seine kostbare Zeit nicht nutzlos in Versailles zu verschwenden; der König werde seiner augenblicklichen Rückkehr nach Deutschland kein Hinderniß in den Weg legen.

Als er seine in Paris gelegene Wohnung betrat, überreichte ihm sein Diener ein duftendes Billet, welches soeben erst hier abgegeben worden war. Es enthielt die wenigen Worte:


»Mein Freund.


Sie werden fortgeschickt. Obgleich meine Tante von dem Urheber dieser Maßregel ein Brillantkreuz geschenkt erhielt, konnte sie es doch nicht unterlassen, mich zu benachrichtigen. Ein Wenig Aqua benedetta ist schuld, daß Ihre Sendung scheitert, und ich habe Sie lieb genug, um Ihnen das Nähere mitzutheilen, wenn Sie vor Ihrer Abreise noch einmal besuchen wollen

Ihre zärtliche

Amély Hausset.«


Quelle:
Aqua benedetta. Ein geschichtliches Räthsel von Emma Pollmer. In: Frohe Stunden. 2. Jg. Dresden, Leipzig (1878). Nr 22, S. 349-350.
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