1.

Der Raub

[558] Wie eine große, riesige Sphinx, deren Räthsel seit Jahrtausenden ihrer Lösung harren, liegt an der südlichen Spitze der »alten Welt« und bespült von zwei Oceanen die an Gegensätzen ebenso wie an Geheimnissen reiche Ländermasse Afrika's. Eine riesenhafte Natur schafft hier mit riesigen Kräften die gigantischsten pflanzlichen und thierischen Erscheinungen des Erdballes; Hunderttausende von Quadratmeilen Landes dürsten unter dem Fluche der Unfruchtbarkeit, oder bilden weite Steppenplateau's deren spärliche Vegetation nur in den feuchten Jahreszeiten dem Springbocke und den ihm verwandten Arten ein Dasein gestattet. Unzählige Bäche und Wadi's stürzen im Frühling donnernd und schäumend zu Thal, um schon nach kurzer Zeit im dürren Sande zu versiechen und Nichts als wüstes Geröll und Steingetrümmer zurückzulassen, und wo die Gesittung es wagt, den kühnen Fuß auf den widerstrebenden Boden zu setzen, da muß sie sich zum Kampfe mit Gewalten rüsten, die über Tod und Verderben gebieten.

Die Bewohner der Nordküste Afrika's spielten schon in den ältesten Zeiten eine hervorragende geschichtliche Rolle, während der übrige Theil dieses bis heut noch unbekanntesten Continentes in tiefes Dunkel gehüllt blieb, denn daß das Südkap schon im Alterthume von historischen Völkern gekannt und umfahren worden sei, ist theils lose Vermuthung, theils Sage. So glaubte z.B. Kant nach 1. Buch der Könige Cap. 22, daß zur Zeit des jüdischen Königs Josaphat die Seereisen vom arabischen Meerbusen aus um das Cap nach Spanien etwas Gewöhnliches gewesen seien, und Herodot erzählt, daß Karthager, von dem egyptischen Könige Necho gesendet, um 610 v. Chr. denselben Weg zurückgelegt hätten. Uebrigens galt schon ein weiteres Vordringen an der Westküste für eine Umschiffung Afrika's wie die Fahrt des Karthagers Hanno um 500 vor Chr., welcher doch höchstens bis Guinea kam. Daß später der Kyzikaner[558] Eudoxos von Gades aus eine Reise um das Cap in den arabischen Meerbusen gemacht habe, ist eine Erdichtung.

Bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts war von Norden aus Niemand an und um das Cap gekommen. König Johann II. von Portugal sendete ein kleines Geschwader unter Bartholomäus Diaz aus; dieser umsegelte 1487 auch wirklich das Cap, aber weiter vorzudringen hinderte ihn eine unter seinen Leuten ausgebrochene Meuterei. Wegen der schrecklichen Stürme, die er an dem Cap auszustehen hatte, nannte er dasselbe Cabo tormentoso, (stürmisches Vorgebirge), König Johann aber änderte diesen Namen in »Vorgebirge der guten Hoffnung« um, da er nun nicht zweifelte, daß der Weg nach Indien nun gefunden sei. Sein Nachfolger, König Immanuel, schickte eine Flottille von vier Schiffen unter Vasco de Gama aus, um den aufgefundenen Weg weiter zu verfolgen, welche Aufgabe dieser berühmte Mann auch glücklich löste. Doch war es den Portugiesen nur um den Weg nach Indien zu thun, um die Südspitze Afrika's kümmerten sie sich nicht.

Erst die Holländer besetzten diese Letztere 1600 durch den Seekapitän Van Kisbock. Die Colonisten (Boers) warfen die Hottentotten zurück, drangen nach und nach bis zu den Kaffern vor und rangen auch diesen eine Strecke Landes nach der andern ab. Die Ansiedelung wuchs und erregte den Neid der Engländer, welche nicht eher ruhten, als bis sie 1714 im Pariser Frieden das Land abgetreten bekamen. Dies zog eine Zufuhr englischer Colonisten nach sich, durch welche sich die holländischen Boers beeinträchtigt sahen, und es entstand zwischen Beiden eine Feindseligkeit, welche in den Kämpfen der Kolonie mit den Eingeborenen des Landes eine nicht unbedeutende Rolle spielte. –

Ueber die einförmige Ebene ritten zwei Männer. Ihre Thiere waren von der leichtfüßigen, ausdauernden Rasse, wie sie von den Söhnen Altenglands nach Südafrika gebracht worden war und die sich so vortheilhaft von den schweren, unbehülflichen, niederländischen Trabern unterscheidet.

»Damn it,« meinte der Eine, indem er das Auge gegen den Strahl der niedergehenden Sonne mit der Hand beschattete und den vor ihnen liegenden Horizont musterte; »wo bleibt nur dieses verteufelte Klaarfontain! Oder hast Du Dich in der Gegend geirrt, John Hoblyn?«

»Ich mich in der Gegend irren, Sir Raffley? Das wäre ja ein Ding, welches ich noch niemals kennen gelernt habe. Klaarfontain liegt grad vor uns, und in höchstens einer halben Stunde sind wir dort.«

»Und das Mädchen ist wirklich so prachtvoll, wie Du sie beschrieben hast?«

»Wirklich! Sie muß eine Amatomba oder eine Lagoanerin sein, der Schönheit nach; ich kenne das, Sir!«

»Gut, John; sie wird also für einige Zeit meine kleine Frau werden müssen. Ich kaufe sie, und wenn ich finde, daß – –«

»Kaufen? Hm, ich glaube nicht, daß Euch das gelingen wird. Diese niederländischen Boers sind gar eigene Leute, und der Piet van Holmen auf Klaarfontain ist grad einer von den Aechten, obgleich er kaum einige und zwanzig Jahre zählt. Er scheint mir selbst ein Auge auf sie geworfen zu haben und würde auch ohne Das nicht der Mann sein, ein Hausgesinde an einen Inglishman abzulassen.«

»Habe von ihm gehört! Er soll einer der verwegensten Afrikanders sein und sich vor einem ganzen Rudel Kaffern ebenso wenig fürchten, wie vor dem Löwen oder Rhinozeros. Doch, wir werden ja sehen! Er ist die rechte Hand von Pieter Uys, der sich gegen den Zuluhäuptling Dingaan rüstet; wir dürfen diesen Boers den Sieg nicht lassen, und mit den Aufträgen, die ich vom Gouverneur in den Händen habe, ist es mir ein Leichtes, ihn zu verderben. Gefällt mir das Mädchen, so wird sie mein; dabei bleibts!«

Die beiden Engländer setzten ihren Weg nun schweigend weiter fort.

John Hoblyn hatte Recht gehabt, denn noch war keine halbe Stunde vergangen, so traten die niedrigen Gebäude einer einzelnen holländischen Ansiedelung aus der Ebene hervor. Es war Klaarfontain.

Ein paar mächtige Fanghunde begrüßten die Ankömmlinge mit wüthendem Gebell. Eine außerordentlich sauber gekleidete Frau trat aus der Thür und beschwichtigte die Thiere, wobei ihr Auge mit mißtrauisch fragendem Blicke die Fremden musterte.

»Seid Ihr die Mutter von Piet van Holmen?« frug Raffley.

»Ja,« antwortete sie einfach und kurz.

»Ist er daheim?«

»Nein.«

»Wo trifft man ihn?«

»Auf der Jagd. Er sucht einen Leoparden, der uns in die Heerde gerathen ist.«

»Wer ist mit ihm?«

»Er ist allein.«

»Wann kommt er zurück?«

»Weiß nicht genau. Bis morgen sicher.«

»Dann bleiben wir hier. Wir haben mit ihm zu reden.«

Er stieg ohne Umstände vom Pferde, übergab dasselbe seinem Begleiter und trat in das Haus. Der Pflanzer versteht es, ohne große Einleitung von den Rechten der Gastfreundschaft Gebrauch zu machen. Als er in die Stube trat, schickte sich ein junges Mädchen an, diese scheu zu verlassen. Er warf einen raschen Blick auf sie und hatte sie dann sofort beim Arme gefaßt.

»Halt, Kleine! Warum willst Du so schnell fort? Du hast von mir keine Unliebenswürdigkeit zu befürchten!«

Sie suchte sich von ihm los zu machen und hob, als ihr das nicht gelang, das große, dunkle Auge bittend zu der Herrin empor.

»Wie ist Euer Name, Herr?« frug diese.

»Raffley.«[559]

»Nun gut, Sir Raffley, laßt mir das Kind in Ruh. Ihr seid mein Gast, und sie hat in der Küche für Euch zu sorgen.«

»Wollt Ihr das nicht lieber selber thun, Jeffrouw van Holmen?«

Er versuchte, das Mädchen an sich zu ziehen, aber die Wirthin schob ihre breite, holländische Figur dazwischen.

»Wartet mit Eurer Meinung, bis ich Euch um dieselbe frage, Sir! Das Hannje geht in die Küche; so habe ich gesagt, und so bleibt es auch!«

Im nächsten Augenblicke war das Mädchen verschwunden.

Das »Hannje«, wie sie von der Boersfrau genannt worden war, konnte allerdings die Aufmerksamkeit auch eines sonst gegen das andere Geschlecht gleichgültigen Mannes auf sich ziehen. Die Frauen der Kaffern sind zwar meist klein, verkommen und unansehnlich oder sogar häßlich, aber es giebt einige Stämme, welche durch die Schönheit ihrer Weiber und Mädchen berühmt geworden sind. Hannje mußte einem dieser Stämme entsprossen sein, und die einfache, zeeländische Kleidung, welche sie trug, war ganz geeignet, diese körperlichen Vorzüge zur Geltung zu bringen.

Der Engländer war ihr mit leuchtendem Blicke gefolgt. Dann wandte er sich an die strenge Frau zurück:

»Habt Ihr das Mädchen gekauft, Jeffrouw?«

»Nein. Der Boer – Gott segne sein Andenken – fand sie draußen in der Wüste; zwei Todte lagen bei ihr, ein Mann und ein Weib. Er nahm das Kind mit nach Klaarfontain, und da ist es mit Piet, unserm Sohne, auferzogen worden.«

»So wißt Ihr nicht, woher es stammt?«

»Wir wissen es. Als Panda, der Häuptling der Zulu, von seinem Bruder Dingaan verfolgt wurde, übergab er sein Lieblingsweib nebst ihrem Kinde einem Vertrauten, der sie in der Kalahari verbergen sollte. Sie fanden die Quellen verstopft und sind elendiglich umgekommen; das Kind aber war unsre Hannje. Panda hat es wiedererkannt, als er einst in Klaarfontain übernachtete.«

»Warum hat er es nicht mitgenommen?«

»Er hatte keine Heimath mehr, und Hannje wollte nicht von uns lassen.«

»So! Ihr habt also mit Panda, dem größten Feinde der englischen Regierung zu thun?« frug Sir Raffley lauernd.

Die Frau sah ihm unerschrocken in das Gesicht.

»Habt Ihr Etwas dagegen, Sir? Wer unter das Dach eines Boers tritt, darf unter demselben essen und ruhen; so war es Sitte, so ist es noch jetzt, und so soll es auch bleiben. Oder soll ich Euch fortweisen?«

»Verkauft Ihr das Mädchen, Jeffrouw?« frug er ausweichend. »Ich nehme sie für einen guten Preis morgen mit mir.«

»Verkaufen? Nein, Sir, um keinen Preis. Sie ist mein Kind geworden und wird bald das Weib meines Sohnes sein. Die Boeren von Klaarfontain haben nie mit Menschenfleisch gehandelt!«

Sie ließ ihn stehen und ging in die Küche. Er lächelte höhnisch vor sich hin, verließ die Stube, bog um das langgestreckte Gebäude und trat zu der Quelle, von deren klarem hellen Wasser die Besitzung ihren Namen erhalten hatte. John Hoblyn befand sich hier, um die dürstenden Pferde zu tränken.

»Nun, Sir, saht Ihr das Mädchen?«

»Ja.«

»Und gefällt es Euch?«

»Ich muß sie haben; ich nehme sie mit!«

»Wann?«

»Jetzt gleich!«

»Jetzt – gleich jetzt?«

»Ja, weil es grad jetzt am Leichtesten geht. Sie ist Panda's Tochter.«

»Pan– Panda's Tochter? Ist's möglich, Sir? Was würde Dingaan sagen, wenn er es erführe!«

»Er soll es erfahren; wir haben große Vortheile davon Du sagtest, daß er jetzt die Quathlambapässe besetzt hält, um sich auf die Boers zu werfen?«

»Es ist so, ich weiß es genau.«[574]

»Es ist nur eine halbe Tagereise bis dahin. Würden die Pferde den Ritt aushalten?«

»Sicher; sie sind noch ziemlich frisch, Sir!«

»Piet van Holmen ist auf der Jagd. Hast Du irgend welches Gesinde bemerkt?«

»Nein. Die Leute müssen bei den Heerden sein.«

»Ich denke auch, daß die beiden Frauen allein sind. Wir dürfen die Rückkehr der Andern nicht abwarten. Die Hunde sind angehängt; wir brauchen sie nicht zu fürchten. Pferde stehen im Stalle: wir nehmen eins für das Mädchen. Die Frau wird gefesselt. Vorwärts; laß uns keine Zeit verlieren!«

Die zwei Männer verschwanden im Hause. Kaum waren einige Augenblicke vergangen, so ertönte ein Schrei – noch einer – – Hoblyn erschien wieder, trat in den Stall und zog eines der Pferde heraus. Auch Raffley kam. Er trug eine in eine Decke geschnürte Gestalt in den Armen. Sie wurde auf das Thier befestigt; dann trabten die Räuber eiligst von dannen. – –

Quelle:
Der Africander. Ein Abenteuer aus Südafrika von Emma Pollmer. In: Frohe Stunden. 2. Jg. Dresden, Leipzig (1878). Nr. 36, S. 574-575.
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