2.

Die Vergeltung

[575] Das Quellwasser von Klaarfontain berieselte eine weite, von Oxalis- und Pelargoniumarten reich bestandene Senkung und vereinigte sich dann mit einem Bache, welcher weither von oben kam, wo einer der im Caplande so seltenen Wälder seine riesigen Stinck- und Gelbholzstämme zum Himmel streckte.

Auf einer Lichtung dieses Waldes standen drei Männer. Der Eine von ihnen war ein Kaffer. Er mußte schon engere Bekanntschaft mit der Civilisation gemacht haben, denn er trug nicht die Waffen seiner Stammverwandten, sondern das Roer – die gefährliche, sicher treffende Büchse der holländischen Colonisten – und das scharfe, spitze und leicht gekrümmte Messer, welches für Stich und Hieb gleich gut geeignet ist. Auch seine Kleidung war eine halbeuropäische, jedoch dem unstäten Leben angemessen, zu welchem der verdrängte Sohn des Landes verurtheilt ist. Die beiden Andern waren Boers, das sah man ihnen auf den ersten Blick an.

Der Aeltere von ihnen war nicht hoch, aber ungewöhnlich breit und kräftig gebaut; er hatte gewiß schon allen Unbilden eines harten und gefahrvollen Lebens Trotz geboten und sah ganz so aus, als könne ihn keine Schwierigkeit von einem einmal gefaßten Vorhaben abschrecken.

Der Jüngere konnte nur wenig über zwanzig Jahre zählen, aber seine Glieder waren von wahrhaft herkulischen Verhältnissen, und das ihm über den Rücken hängende Pantherfell erhöhte den kriegerischen Eindruck, welchen seine stattliche Erscheinung machen mußte.

Die drei Männer waren Panda, der Zulufürst, Pieter Uys, der Boermanführer und Piet van Holmen von Klaarfontain, der jetzt für jeden Fremden als auf der Jagd befindlich galt, während seine Abwesenheit doch nur der Besprechung galt, welche so eben ihr Ende erreicht zu haben schien.

»Also Panda ist mein Freund,« meinte Uys; »er wird sein Wort nicht brechen?«

»Panda wird halten, was er sagt,« antwortete der Kaffer. »Dingaan hat ihn verstoßen von seinem Kraal, darum hat er sich gestellt an die Spitze der tapfern Männer von Fingo und wird noch heut mit ihnen aufbrechen nach den Schluchten von Quathlamba, wie er versprochen hat!«

»Und welche Stämme ziehen mit?«

»Die Amafengu, die Amabaca und Amawazi. Auch werden kommen die Schembi, Latonga und Amahuta aus dem Lande Sofala, welche nur auf seinen Boten warten, um Dingaan, den Verräther, niederzuwerfen.«

»So sind wir einig. Ich reite direct von hier nach Pieter-Moritzburg ins Lager, um meine Anordnungen zu treffen. Morgen früh greife ich Dingaan an, und während er hervorbricht, besetzt mein Freund Panda hinter ihm die Pässe, so daß wir ihn erdrücken. Gelingt uns der Sieg, so wird Panda der König der Zulu, und alle Fingo werden ihm Tribut bezahlen. Piet van Holmen, Du kehrst jetzt nach Klaarfontain zurück und verabschiedest Dich von den Deinen. Auf dem Wege nach Pieter-Moritzburg ziehst Du alle Boers an Dich, die noch ohne Anführer sind, und bringst sie mir in das Lager. Leb' wohl!«

Er reichte den beiden Andern die Hände und verschwand sodann im Dickicht des Waldes. Panda legte seine Hand auf die Schulter des jungen Boers.

»Wenn Panda ist geworden der König der Zulu, dann wird er geben dem Manne von Klaarfontain seine Tochter und eine große Zahl von Diamanten, welche wachsen in der Erde des Kurukaberges. Er wird ihm sein ein Bawo, ein guter Vater, und auch morgen beim Kampfe seine Hand über ihn halten, damit ihn nicht treffe der giftige Spieß der Lagoamänner!«

»Will mein Vater nicht mit mir gehen, um die Stimme seiner Tochter zu vernehmen?«

»Nein. Die Stunde ist kurz und die Arbeit lang, die unsrer wartet. Geh' in Frieden!«

Sie trennten sich. Der Kaffer trat in das wirre Gezweig des Waldes und Piet eilte der Heimath zu.

Es war ein weiter Weg, den er zu machen hatte, und es war daher bereits Abend geworden, als er die Ansiedelung erreichte. Er fand die Bewohner derselben in sprachloser Verwirrung, und die Nachricht von der Entführung der Geliebten traf ihn beinahe wie ein vernichtender Donnerschlag. Doch war er nicht der Mann, sich durch eine solche Kunde widerstandslos niederschmettern zu lassen, vielmehr erhielt seine jugendliche Thatkraft durch dieselbe nur eine erhöhte Spannung.[575]

Piet van Holmen rief die Knechte herbei, übergab dem Einen von ihnen den Auftrag Pieter Uys an die in der Richtung nach Pieter-Moritzburg liegenden Boers, ließ sich von den Andern schleunigst sein schnellstes Pferd satteln, befahl ihnen die Obhut über die Heimath und verabschiedete sich dann von der Mutter.

»Piet, nimm meinen Segen mit; er möge Dich schützen und führen!« meinte sie. Sie klagte und weinte nicht; sie frug auch nicht, wohin er wolle. Ein ächtes Boerenweib weiß, daß eine einzige That mehr werth ist, als tausend leere Worte.

»Mutter, ich bringe sie Dir zurück!« antwortete er, die Schweißhunde losbindend, die sich sofort auf die Spur der beiden Engländer warfen, und im raschesten Schritte folgte er ihnen.

Der aufgegangene Mond erleichterte ihm den Weg; die Hunde waren gut dressirt und gingen ihm nicht außer Sicht- und Hörweite, und schon nach kurzer Zeit war er überzeugt, daß die Räuber ihren Weg nach dem Quathlambapässen zu Dingaan genommen hatten.

Sollte er den Weg fortsetzen? Die Verfolgten waren jedenfalls in Sicherheit, ehe er sie zu erreichen vermochte, und auf welche Weise vermochte er dann noch, Hannje zu retten? Die Vorsicht gebot ihm, den morgenden Kampfestag abzuwarten, die Liebe aber trieb ihn unaufhaltsam vorwärts. Er folgte ihr und beschloß, das Pferd an irgend einem geeigneten Orte unter der Obhut der Hunde zurückzulassen und dann zu Fuße zu recognosciren.

Der Weg führte jetzt immer mehr bergan, durch tiefe Schluchten, an steilen Abhängen vorüber. Er mußte bald am Ziele sein und sah sich nun zur doppelten Vorsicht genöthigt.

Eben ritt er einen schmalen Felsensteig dahin, der scharf nach einem Abgrund niederfiel, während zur andern Seite eine senkrechte Steinwand aufstieg, da gab der vorderste der Hunde einen scharfen Laut, und zu gleicher Zeit ertönte mit gebieterischem Tone das unter den Kaffern gebräuchliche:

»Ilitzwi – halt, die Losung!«

Er parirte das Pferd, nahm das Rohr in die Höhe und gebot:

»Tiger Simson, faß!«

Er glaubte, einen vereinzelten Posten vor sich zu haben, wie sie von den Eingeborenen auch in größerer Entfernung von ihrem Kriegslager aufgestellt werden, hatte sich aber geirrt.

Die Hunde warfen sich mit schnaubendem Laute nach vorn; ein durchdringender Schrei ertönte – noch einer – ein dritter und vierter – es waren vier Feinde gepackt und zerrissen; dann erklang ein zweifaches, heulendes Winseln – die muthigen Thiere unterlagen der Uebermacht. Jetzt fuhr der Lauf einer Büchse um die Felsenkante herum, und ein zorniges:

»Ilitzwi – teta –, die Losung, sprich!« erscholl.

Piet vermochte weder die Losung zu sagen noch den hinter dem Felsen Verborgenen auf das Korn zu nehmen. Der feindliche Schuß krachte; das Pferd des jungen Mannes war getroffen, ging schnaubend in die Höhe – er glitt blitzesschnell aus dem Sattel, dann stürzte es kopfüber hinunter in die Tiefe.

Da er die Zahl der Feinde, welche er vor sich hatte, nicht kannte, so blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich so schnell wie möglich zurückzuziehen. So eilig er vermochte, sprang er nach dem Eingange des Passes zurück, doch kaum hatte er ihn erreicht, so starrten ihm die Waffen einer Anzahl Kaffern entgegen, welche seinem Passiren vorhin Nichts in den Weg gelegt hatten, jetzt aber sich ihm entgegenstellten. Er gab die zwei Schüsse ab, welche er hatte, und stürzte dann mit hochgeschwungenem Kolben auf die Feinde ein. Von hinten und von vorn gepackt, war ihm bei der[590] großen Ueberzahl der Gegner ein Entkommen unmöglich. Er wehrte sich wie ein angeschossener Löwe; es half Nichts; ein Keulenschlag streckte ihn besinnungslos auf den Boden nieder. –

Als er wieder zu sich kam, war es heller Morgen. Sein Auge fiel auf ein Lager von mehreren Tausend Eingeborenen, deren Anführer in diesem Augenblicke vor der Hütte stand, die man ihm errichtet hatte. Es war Dingaan, der Zuluhäuptling. Er schien mit seinen Unterbefehlshabern in ein lebhaftes Gespräch verwickelt zu sein, an welchem auch die beiden Engländer Theil nahmen, auf deren Veranlassung er in der letzten Nacht eine Schaar der Seinen ausgeschickt hatte, um den Adjutanten Pieter Uys zu fangen.

Sein Auge fiel auf den Erwachenden, und mit einer schnellen Handbewegung lenkte er die Aufmerksamkeit auch der Andern auf diesen hin.

»Du bist Piet van Holmen?« frug er den jungen Mann, der sich langsam erhoben hatte.

»Ja,« antwortete dieser kurz. Sein Kopf schmerzte ihn zwar, aber er fühlte sich sonst bei vollen Sinnen und Kräften.

Mit einem schadenfrohen Zuge um den breiten Mund trat Dingaan unter die Thür seiner Hütte und zog Hannje die Tochter seines vertriebenen Bruders hervor. Piets Augen leuchteten; er wußte, daß ein grausamer Tod seiner harrte, wenn es ihm nicht gelang, zu entkommen. Hier standen die zwei Männer, die ihm die Geliebte geraubt hatten; unweit der Hütte hielten mehrere Pferde – er war sich seiner riesigen Körperkraft bewußt – ein kühner, verwegener Entschluß durchzuckte ihn.

Noch ehe Dingaan eine zweite Frage an ihn richten konnte, hatte Piet John Hoblyn das Messer entrissen; es blitzte zweimal nieder – die Räuber waren in das Herz getroffen.

»Hannje, aufs Pferd dort!« rief er und hatte im nächsten Augenblicke den vor Ueberraschung starren Häuptling beim Schopfe. Das Mädchen war oft an seiner Seite über die weite Steppe dahingebraußt; mit einigen raschen Sprüngen stand sie bei den Thieren und schwang sich auf. Piet folgte ihr, den Kaffer wie mit Eisenklammern festhaltend, und dahin fuhr die Jagd, durch das Lager, durch Schluchten und Kloofs, über Abhänge und Bergwände immer thalabwärts, hinter ihnen ein fürchterliches Schreien und Lärmen, über das sie lachen konnten, da die Kaffern stets unberitten sind und die wenigen Pferde der Anführer den jetzigen Vorsprung nicht mehr zu mindern vermochten. Aber die ganze Heeresmacht der Wilden war dessen ungeachtet hinter ihnen her auf den Beinen, um den geraubten Anführer zurückzuholen.

Längst schon lagen die Quathlambapässe hinter dem kühnen Africander, so daß er nun die Pferde zu geringerer Eile zügeln konnte, da klang es aus einem Farren- und Aloögesträuch:

»Halt! Bei der heiligen Jeffrouw von Antwerpen, das ist ja Piet van Holmen! Wo kommst Du denn da her, myn Jong? Ich habe Dich heut früh vergeblich erwartet!«

Es war Pieter Uys selbst, welcher sich noch bei der Vorhut des vorrückenden Boerenheeres befand. Er hatte sich bei dem Geräusch der nahenden Hufschläge mit den Seinen versteckt und trat nun staunend hervor.

»Wo ich herkomme, Baas Uys? Von den Pässen da oben. Und wen bringe ich mit? Da guckt ihn Euch an!«

Er warf den halb todtgedrückten Häuptling vom Pferde.

»Dingaan – bei Gott, Dingaan selbst! Um aller Heiligen willen, wie kommst Du zu diesem Gefangenen!«

Piet erzählte mit fliegenden Worten das gehabte Abenteuer. Das Staunen der Zuhörer war ebenso groß wie ihre Freude über die Gefangennahme des gefürchteten Kaffernkönigs. Aber es war keine Zeit zu verlieren. Der Gefangene wurde gefesselt und in sichere Obhut gegeben; die Leute machten sich bereit, die nachfolgenden Feinde aus sicherem Verstecke zu empfangen, und Uys begab sich mit Piet und Hannje zum Hauptheere zurück, welches im vollen Anmarsche begriffen war.

Die berühmte Kaffernschlacht bei Pieter-Moritzburg wurde geschlagen und glänzend gewonnen; die Eingeborenen sahen sich vorn von den Boers und hinten von Panda angegriffen und vollständig aufgerieben. Dingaan mußte der Herrschaft entsagen, und Panda übernahm sie an seiner Stelle. Er hielt das Piet van Holmen gegebene Wort. Der junge Herr von Klaarfontein führte Hannje, die Tochter des berühmten Kaffernkönigs heim und bekam den versprochenen Brautschatz, welcher »in der Erde des Kurukaberges wächst.«

In der Nähe von Gröningen steht mitten unter Taxushecken ein kleines, einstöckiges Häuschen.

Sein Besitzer ist ein Herr van Holmen. Er war noch vor wenigen Jahren sehr arm; da erhielt er aus dem Caplande einen Brief von einem weit entfernten Anverwandten, der ihn unter vielen Grüßen um seine Verhältnisse befragte.

Auf die sofort ertheilte Antwort erfolgte eine weitere Sendung, die einen hellen, goldenen Klang hatte, durch welchen die Noth und Sorge des lieben »Neef« van Holmen vollständig gehoben wurde. Und dieser erfreulichen Sendung war einer der werthvollen Capdiamanten beigefügt, welche von den Juwelieren jetzt so sehr gesucht sind.

Wer einmal nach Gröningen und in jenes Landhaus kommt, der kann ihn sehen und noch manches Interessante erfahren, über Piet van Holmen, den verwegenen Africander. – – –[591]

Quelle:
Der Africander. Ein Abenteuer aus Südafrika von Emma Pollmer. In: Frohe Stunden. 2. Jg. Dresden, Leipzig (1878). Nr. 37, S. 590-592.
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