5.

Die Rekrutenpresse

[203] »Und ich wiederhole es, der Richard ist ein Erzstrick, und je länger er da ist, desto ärger treibt er's. In der ersten Zeit lief er wenigstens nur des Nachts draußen herum, jetzt aber geht er mir oft schon am frühen Morgen von der nothwendigsten Arbeit fort, und wenn ich einmal denke, daß wir ihn zu Hause haben, so sitzt er droben in seiner Kammer und kramt in Büchern und Landkarten herum, die doch einem ehrlichen Schmied nicht den kleinsten Quark Nutzen bringen. Und dabei läuft mir seine Bekanntschaft fast das Haus ein. Bald kommt ein zerlumpter Schneider, bald ein liederlicher Schuster, bald Der, bald Jener, der ihn draußen auf der Wanderschaft kennen gelernt hat, und dann wird droben geschnapst und geduckmäusert, daß man kaum einmal Gelegenheit bekommt, nach dem Buche zu fragen. Man will doch auch gern wissen, wer bei Einem ein- und ausgeht. Freilich holt er das Versäumte rasch und gut wieder ein, aber ich mag doch eine solche Unordnung nicht leiden und werde ihn, obgleich es mir herzlich sauer ankommen wird, schließlich fortschicken müssen.«

»Nein, Alter, das wirst Du nicht. Er ist in allem Andern so brav und so – so – so – ich weiß nicht gleich wie ich sagen soll, aber es ist mir immer, als müßten wir uns dafür bedanken, daß er mit uns fürlieb nimmt. Er ist Dir ja selbst an's Herz gewachsen, und nur Deine strenge Ordnungsliebe stößt sich an Dinge, die er gewiß unterlassen würde, wenn er nicht Grund zu ihnen hätte.«

»Na, ich will nicht mit Dir zanken und gebe auch gern zu, daß ich im Uebrigen einen ganz gewaltigen Respect vor ihm habe, aber bei ihm sieht es grad so aus, als wäre die Arbeit blos zum Vergnügen da; er könnte mir doch wenigstens sagen, was ihn so oft von ihr abhält. Gestern ist er wieder den halben Tag fortgewesen, und heut steht er nun sogar während der Mittagsstunde draußen und hämmert drauf los, als wolle er den Ambos in den Boden hineintreiben. Aber wer kommt da? Ein Schlitten mit einem Fremden. Da wird's wohl etwas auszubessern geben.«

Der Passagier stieg aus, sprach einige kurze Worte zu dem Gesellen und trat dann in die Stube.

»Grüß Gott! Kann ich einige Augenblicke hier verweilen? Meine Deichsel ist abgebrochen und ich muß mir ein Band darumlegen lassen.«

»Willkommen, Herr, machts Euch bequem! Ich werde gleich mit zugreifen, damit Ihr nicht zu lange aufgehalten werdet.«

Weißpflog ging hinaus, und die gesprächige Meisterin befand sich bald in lebhafter Unterhaltung mit dem Fremden, der den Reisepelz abgeworfen hatte und beobachtend am Fenster stand. Den männlich schönen Kopf leicht zurückgeworfen, strich er sich nachdenklich den blonden, wolligen Vollbart und ließ die freundlichen, blauen Augen forschend umherschweifen. In kurzer Zeit hatte die inquirirende Wirthin erfahren, daß er ein Augenarzt sei und nach Dresden reise, um einen dortigen vornehmen Blinden in Behandlung zu nehmen. Erfreut von dieser Entdeckung erzählte sie ihm von Augusten und bat, das Mädchen einmal holen zu dürfen. Lächelnd nickte er mit dem Kopfe, und einige Minuten später trat die Genannte ein.

Er hatte sich bei ihrem Eintritte herumgewandt und schien ihr entgegentreten zu wollen. Bei ihrem Anblicke blieb er wie gebannt stehen und achtete nicht auf die präsendirenden Worte der Wirthin.

»Anna!« klang es hell und jubelnd.

»Anna heißt meine Mutter, ich heiße Auguste.«

Er ließ die erhobenen Arme langsam sinken und wandte sich zur Hausfrau.

»Nanntet Ihr sie nicht Anna, als Ihr mir vorhin von ihr erzähltet?«

»Nein, sie heißt Auguste.«

»Dann habe ich mich allerdings verhört.«

Aber trotz seines Bestrebens, die Aufregung zu verbergen, lag es wie eine tiefe, kaum zu beherrschende Rührung auf seinen Zügen, und innig und voll strahlte sein Blick auf das Angesicht des schönen Kindes herab.

»Tritt einmal näher und laß mich Dein Auge sehen.«

Als er das Instrument absetzte, durch welches er die erkrankten Gesichtsorgane besichtigt hatte, ließ er die eine Hand auf ihrem Köpfchen ruhen und zog dasselbe an sich.

»Du wohnst in der Oberstube?«

»Ja.«

»Hast Du einige dichte Tücher, um die Fenster zu verhüllen?«

»Ja.«

»Komm, laß uns hinauf gehen. Wo ist Deine Mutter?«

»Sie ist für einige Tage auf Arbeit, und ich bin da allein.«

Es war eine so liebe, trauliche Stimme, mit welcher er zu ihr sprach, und ihre Seele athmete ihren Klang ein, wie der Genesende mit Entzücken den belebenden Duft der Maien trinkt. Noch lag ihr Haupt an seiner Brust, sie fühlte den stürmischen Schlag seines Herzens und hätte an demselben mit innigem Vertrauen liegen mögen immer und allezeit.[203]

Es war ihr, als müsse sie diesem fremden Manne angehört haben seit dem ersten Augenblicke ihres Lebens und als müsse sie sein Eigen bleiben auch bis zur letzten Stunde desselben. Ohne Widerstreben duldete sie das liebkosende Streicheln seiner Hand und ohne Widerstreben folgte sie ihm dann auch nach oben.

Als sie aus der Stube traten, richtete Goldschmidt einen fragenden Blick auf den Arzt, welchen derselbe mit leisem, kaum bemerkbarem Nicken beantwortete, und schritt dann dem Meister nach, welcher, das rauchende Eisen in der Zange, nach dem Schlitten ging.

In nicht gar langer Zeit war die Reparatur vollendet, und eben als die Pferde wieder vorgespannt wurden, kam auch der Herr des Geschirres wieder die Treppe herabgestiegen und trat zum Meister.

»Ich wünsche, daß Euch Euer Werk so gelungen sei, wie mir das meinige gelungen scheint, wenn nicht störende Umstände meine Erwartungen zu nichte machen. Ich habe, ohne erst zu fragen, das Mädchen operirt und bin des Erfolges sicher, wenn die Weisungen befolgt werden, welche ich der Patientin hinterlassen habe. Die Binde bleibt liegen, bis ich wiederkomme, um sie selbst abzunehmen. Hier Eure Bezahlung, Meister, und hier auch ein Trinkgeld für Dich.«

Ehe Weißpflog aus der Ueberraschung herauskommen konnte, in welche ihn die Mittheilung des Arztes versetzt hatte, war derselbe mit seinem Schlitten schon außer Hörweite, und als er sein Erstaunen über das jedenfalls etwas eigenmächtige Einschreiten des Doctors dem Gesellen mittheilen wollte, war auch dieser verschwunden. Besorgt und neugierig zugleich stieg er deshalb die Treppe hinan, um mit der Kranken selbst zu sprechen.

Unterdessen stand Goldschmidt in seiner Kammer und entfaltete das Billet, welches ihm als Trinkgeld übergeben worden war. Es enthielt nur wenige von einer fast unleserlichen Hand geschriebene Zeilen, die eine allerdings ungewöhnliche Orthographie zeigten:


»An dem Shmietegesehle Goldschmidt.


Wir komen, und wem der Deibel nicht vorheer holt, den hohlen Wir. Schafe Er Uns den Kehrl und mann wird weider sehn. Die Läute sind in der bewussten Zeit da und der Docktor miet.

Sein ahlter

Leopold.«


Einige Tage waren vergangen. Draußen pfiff der Wind und häufte den Schnee zu mannshohen Wehen empor. Desto wohler und gemüthlicher saß es sich in der warmen Stube, wo die Bewohner der Schmiede um den Tisch saßen und sich mit der Neuigkeit beschäftigten, welche trotz des Unwetters schon am frühen Morgen von Dresden her ihren Weg nach Ernstthal gefunden hatte.

Bei Kesselsdorf war es zu einer Schlacht gekommen, bei welcher auf Seite der Preußen der alte Fürst von Anhalt-Dessau commandirte. Das wunderliche Gebet dieses sonderbaren Haudegens war schon in den schwatzhaften Mund der Fama gekommen, aber man befand sich noch in vollständiger Ungewißheit über die Erfüllung desselben. Da ließen sich stampfende Fußtritte vernehmen, welche den angeballten Schnee vor der Thür abzutreten suchten, und gleich darauf trat der Forstgehülfe Franz ein.

»Guten Tag! Ist der Goldschmidt zu Hause?«

»Schön Dank! Der ist droben in seiner Kammer; er wird seine Sachen zusammenpacken.«

»Seine Sachen? Weshalb?«

»Weil er fort will.«

»Fort? Wieso?«

»Weiß ich's? Es war heut früh wieder so ein Luftikus von Fechtbruder da und der scheint ihm Lust zur frischen Luft gemacht zu haben. Weshalb er aber fort will, das kann ich nicht begreifen; er bekommt es nicht gleich wieder so gut, wie bei mir. Uebrigens hat er mit Euch bessere Kameradschaft gehalten als mit uns, und so werdet Ihr wohl auch besser unterrichtet sein als wir.«

»Von großer Kameradschaft ist keine Rede gewesen. Er hat den Junker beobachtet und ich bin ihm dabei behülflich gewesen, das ist Alles.«

»Den Junker? Weshalb denn?«

»Hat mir nichts darüber gesagt, aber ich glaube wegen der Auguste, auf die der Blauweiße ja immer ein Auge gehabt hat?«

»Wie steht es denn jetzt mit diesem?«

»Er ist seit Kurzem wieder auf. Damals hieß es, er sei von Holzdieben überfallen worden; es lag ihm ja dran, den wahren Sachverhalt nicht ruchbar werden zu lassen, und Euer Schweigen ist ihm jedenfalls recht gewesen. Uebrigens munkelt man ganz sonderbare Dinge von ihm.«

»Was denn?«

»Ihr habt wohl einmal gehört, daß dem Könige von Preußen ein Offizier mit Karten und Plänen durchgegangen ist, die er hier in Sachsen verwerthet hat. Dieser Mann soll der Junker sein. Der König soll sehr auf seine Auslieferung gedrungen haben, aber immer ohne Erfolg, und so könnte es möglich sein, daß – doch, ruft mir rasch den Goldschmidt!«

»Weshalb denn nur?«

»Das werdet Ihr hernach schon hören. Die Sache hat Eile!«

»Na, da bin ich doch neugierig. Richard, he, komm doch 'mal herunter!«

»Daß der auch grad heut fort will! Im Winter läuft man doch nicht draußen auf der Wanderschaft herum.«

»Das denke ich eben auch, Aber er hat immer seinen Kopf für sich gehabt und läßt sich in keinem Stücke zureden.«

Der Gerufene trat ein und erwiderte den Gruß des Forstwarts.

»Ihr wollt fort?«

»Ja.«

»Aber der Blauweiße ist wieder auf den Beinen.«

»Ich weiß es.«

»Und führt Böses im Schilde.«

»Ich weiß es.«

»Auch gegen Euch.«

»Ich weiß es.«

Verdutzt sah ihn der Alte an.

»Das ist nicht möglich! Ich habe erst vor kaum einer Stunde eine Unterredung belauscht, die er mit einem Offizier hatte.«

»Das ist der Rittmeister von Krieben, welcher im Juli hier gestanden hat. Wir wollen einmal sehen, ob das, was ich weiß, mit dem übereinstimmt, was Du mir sagen willst. Der alte Dessauer hat nämlich gestern die mit Schnee und Eis bedeckten Anhöhen von Kesselsdorf mit seinen Grenadieren erstürmt und den Feind vollständig geschlagen. Heut wird der König auf dem Schlachtfelde erscheinen und dann Dresden in Besitz nehmen. Noch weiß man nicht, welche Folgen dies haben wird; es kann zum Frieden führen, aber ebenso steht auch der Fall zu erwarten, daß Sachsen Soldaten, viel Soldaten braucht, und deshalb wird man sich so schleunig wie möglich nach brauchbaren Leuten umsehen. Der Rittmeister, welcher heut Morgen von Freiberg her in Chemnitz eingetroffen ist, wird unsere Gegend hier absuchen und bei Ernstthal anfangen, er ist deshalb seiner Schwadron vorausgeeilt, um mit dem Junker, welcher mit den hiesigen Verhältnissen vertraut ist und den Werbestationen des Zwickauer Kreises vorsteht, Rücksprache zu nehmen. Ich werde also nun doch wohl Fahnenschmied werden müssen und packe meine Sachen, damit ich den Herren keinen unnöthigen Aufenthalt verursache. Nach beendigtem Geschäfte wird der Blauweiße, dem es in der Nähe der Preußen ein wenig zu schwül zu sein scheint, nach Oesterreich gehen, zuvor aber erst unsern beiden Frauen einen Besuch abstatten, um sie auf eine allerdings überraschende Weise für seine Gesellschaft zu engagiren.«

»Wahrhaftig, so ist es, und ich kam, um Euch auf die Gefahr aufmerksam zu machen, in welcher Ihr schwebt. Man kann nicht wissen, wenn sie kommen, und es wird wohl am besten sein, wenn sich die militärfähigen Burschen verstecken, denn mit Eurer Ergebung in das zu erwartende Schicksal ist es Euch doch wohl nicht Ernst. Aber woher wißt Ihr das Alles?«

»Laß das gut sein. Mit dem Verstecken hat es seine guten[217] Wege; es würde zu nichts Gutem führen, und ich bin eher gewillt, anzunehmen, daß dem Herrn Rittmeister gar nicht viel Zeit bleiben wird für die Erreichung seiner lobenswerthen Absichten. Der Oberstcommandirende der Preußen pflegt seine Siege schleunigst zu verfolgen, und es steht daher sehr zu erwarten, daß er dem Feinde die zu einem Verweilen und der Anwerbung neuer Kräfte so nöthige Ruhe nicht lassen werde. Ich habe deshalb einen andern Plan. Kannst Du reiten?«

»Ja, ich war Cavallerist.«

»Wie viel hast Du Gehalt?«

»Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.«

»Ich kenne einen vornehmen Herrn, welcher einen zuverlässigen Jäger braucht. Willst Du die Stelle annehmen? Du wirst es gut, sehr gut haben.«

»Mit tausend Freuden.«

»Packe Deine Sachen. Heut Abend mußt Du zur Abreise fertig sein.«

»Das Packen hat bei mir keine Schwierigkeit. Ich bin ein alter Junggeselle, habe Niemanden, der sich um mich bekümmert, und bringe meine sieben Sachen recht gut in ein Felleisen.«

»Gut, da kannst Du Dir jetzt das meinige mitnehmen.«

»Aber das braucht Ihr doch selbst, und darf ich vielleicht fragen, wer der Herr ist, von welchem Ihr spracht?«

»Das wirst Du heut noch erfahren. Komm jetzt mit herauf, Du bekommst noch besondere Instruction.«

Und sich an der Thür noch einmal zurückwendend, mahnte er in gebieterischem Tone:

»Von unserer Unterredung darf kein Wort aus dem Hause gehen.«


Der Nachmittag kam und mit ihm die Kunde von der verlorenen Schlacht. Das Schneegestöber hatte aufgehört. Die Decembersonne milderte die winterliche Kälte, und die aufgeregten Bewohner Ernstthal's standen vor den Thüren und auf den Straßen, um sich die Neuigkeit mitzutheilen. Weißpflog saß mit den beiden älteren Frauen in der Unterstube, der Geselle war in seiner Kammer und Auguste befand sich allein in ihrer Wohnung.

Sie war voller Angst und Sorgen. Die letzten Tage hatten ihr viel Nachdenken über ihren eigenen Zustand gebracht und auch die Mutter in nicht geringe Aufregung versetzt. Wer war der fremde Arzt? wo war er hergekommen und wo blieb er so lang? Die Mutter hatte bei ihrer Heimkehr am Abende mit Ueberraschung die Nachricht von dem Geschehenen gehört. Am meisten war ihr das Verhalten des Arztes beim Eintritt Augustens und zwar ganz besonders die Namenverwechslung aufgefallen, aber sie wagte nicht, ihre Vermuthungen auszusprechen. Die zurückgelassenen Anordnungen wurden auf das Gewissenhafteste befolgt und der Tag mit Ungeduld erwartet, welcher Gewißheit und Aufklärung bringen sollte.

Aber nicht Das, sondern etwas Anderes beschäftigte die Gedanken Augustens heut. Seit jenem Heimwege aus dem Waldhause hatte sie noch nicht wieder mit Goldschmidt gesprochen. Sie fühlte, daß sie ihm zu eigen sei für die ganze Lebenszeit, aber sie war ein zu verständiges Mädchen, um nicht einzusehen, daß eine blinde Frau den Ansprüchen nicht genügen könne, welche Handwerk und Geschäft stets und immer an die »Meisterin« machen. Deshalb war sie fest entschlossen gewesen, ihre Liebe zwar im treuen, warmen Herzen zu hegen, aber keinerlei Consequenzen aus derselben zu ziehen. Dieser Entschluß war dann freilich durch die Hoffnung erschüttert worden, welche der Arzt in ihr erweckt hatte, und je mehr sie sich derselben hingab, desto weher that ihr die scheinbare Gleichgültigkeit Goldschmidt's, der nie das Zimmer betrat, welches sie hüten mußte. Seit heut früh wußte sie sogar, daß er fortgehe, und zugleich hatte ihr die Nachricht, daß ihm von Seiten der Werbung Gefahr drohe, Schrecken und Besorgniß verursacht.

So wandte sie sich in Zweifeln und Befürchtungen und konnte zu keiner Ruhe kommen. Da klopfte es leise an die Thür, und eine Stimme, bei deren Klange ihr das Blut in die Wangen stieg, fragte:

»Darf man eintreten?«

»Richard!«

»Ja, ich bin es. Ich kannte die trüben Gedanken Deiner Seele und bin gekommen, Dich noch einmal zu bitten: Vertraue Gott und mir!«

»Mir ist nicht Angst um mich.«

»Sondern nur um mich; ich weiß es. Aber ebenso weiß ich auch, daß diese Angst noch heut von Dir genommen wird, da möchte ich so gern eine Mahnung aussprechen.«

»Welche?«

»Wenn Deine Gefühle heut von einem recht glücklichen Ereignisse in Anspruch genommen werden, so sei stark, recht stark, damit die Aufregung nicht Dir und uns Allen den Erfolg der ärztlichen Behandlung vereitele. Komm, schließe Deine Augen!«

Er nahm ihren Kopf, schob die Binde zurück und berührte leise küssend die geschlossenen Lider. Dann zog er die Binde wieder herab.

»So, und nun sei der Allgütige mit seinem Segen bei Dir in dem Augenblicke, der Dir das Licht des Tages bringen soll! Und Eins noch wisse: An meinem Herzen ist Deine Heimath jetzt und immerdar, mag der heutige Tag Dir nun Erfüllung oder Versagung des heißesten unserer Wünsche bringen.«

»Es kommen Reiter die Straße her!« rief in diesem Augenblicke der Meister herauf.

»Richard flieh!«

»Nein, mein Kind! Diese Leute sind mir ungefährlich. Leb wohl für jetzt.«

Er nahm ihre Arme von seiner Schulter herab und entfernte sich. Sie hörte ihn in die Kammer gehen und dann raschen, klirrenden Schrittes die Treppe hinabsteigen und das Haus verlassen.

Es war eine Schwadron sächsischer Reiter, welche im Galopp von Chemnitz her in Ernstthal einrückte. Im Nu wurden die Häuser besetzt und die Bewohner keinen Augenblick lang über den Zweck dieses eiligen Besuches in Ungewißheit gelassen. In Zeit von einer halben Stunde waren alle hier in Arbeit stehenden fremden Gesellen auf dem Marktplatze zusammen getrieben und mit der Soldatenmütze bedeckt, was in jener Zeit ein unwiderlegliches Zeichen der Militairangehörigkeit war.

»Wort gehalten, Krieben! Hier bin ich und bringe Dir, wie ich heut Morgen versprach, auch den Rapphengst mit, der allerdings unverbesserlich ist. Nimm ihn wieder hin, er ist nicht zu gebrauchen.«

Es war der Junker, welcher auf einem jungen, feurigen Trakehner saß und statt des blauweißen Cavalieranzuges Offiziersuniform trug.

»Willkommen, Bredenow! Wie steht es mit Deinem Schätzchen und mit unserm Fahnenschmied? Wir haben alles Disponible beisammen und noch sehe ich ihn nicht dabei.«

»Werde ihn schon bringen, aber allein konnte ich gegen diesen Kerl doch nicht gut etwas ausrichten. Sind die Wagen besorgt?«

»Jawohl, eine wahre Equipage für die beiden Frauen und ein Bagagewagen für das Uebrige. Der Kutscher hat Weisung, in der Nähe des Hauses zu halten und wartet jedenfalls schon längst auf Dich.«

»Schön. Ich werde den Burschen jedenfalls bei den Weibern finden, da er so außerordentlich auf die Rolle eines Schutzgeistes passionirt ist. Aber gieb mir der Sicherheit wegen ein kleines Detachement Deiner Leute mit.«

»Dort halten sie, lauter auserlesene Riesen. Mit ihnen wird er es wohl nicht aufnehmen.«


Weißpflog war mit dem Rufe, daß Reiter kämen, in die Stube zurückgeeilt und hatte den sich entfernenden Gesellen gar nicht gesehen. Nur einige Minuten nach dem Einreiten der Schwadron drangen einige Reiter auch in sein Haus und fragten nach jungen Leuten. Er führte ihnen die anwesenden Bewohner vor, und da das Gesuchte hier nicht zu finden war, rückten sie unverrichteter Sache wieder ab. Als er ihnen nachblickte, bemerkte er in der Nähe zwei Geschirre, welche unter militärischer Eskorte da hielten. Die Sache konnte ihm nicht auffällig sein, und so trat er wieder in das Wohnzimmer zurück.

Da ertönte nahender Hufschlag und eine zweite Abtheilung Reiter hielt vor der Thür. Die Leute saßen ab und traten ein. Mit Schrecken erkannte er in dem Offizier an der Spitze den Junker.

»Guten Tag, Meister. Ich komme, mich nach dem Befinden Eures Gesellen zu erkundigen. Ist er wohlauf oder liegt er unter dem Bette?«

»Wenn der zu Hause wäre, versteckte er sich gewiß nicht aus Angst vor Euch unter das Bette, darauf verlaßt Euch!«

»Ach so, also nicht zu Hause, ausgerissen ist der Kerl? Ich[218] werde nach ihn suchen lassen, und macht Ihr mir Flausen, so ist's Euer eigener Schaden, ist er aber wirklich entwischt, so steht Ihr mir für ihn ein. Vorwärts, Ihr Leute!«

»Ich wüßte nicht, daß mir mein Gesell als Euer Gefangener zur Bewachung übergeben worden wäre –«

»Maul halten! Bei uns regiert der Stock!«

Der Schmied fügte sich in das Unvermeidliche und nahm auf dem Kanapee Platz, während der Hauptmann in der Stube auf und ab spazierte. Nach einer Weile traten die Soldaten mit der Meldung ein, daß jeder Winkel des Hauses durchsucht und der Geselle nicht zu finden sei.

»Verflucht! Da entgeht mir ein Gaudium, auf welches ich mich seit langer Zeit gefreut habe. Heda, alter Sünder, merke Dir 'mal den Auftrag, welchen ich Dir an ihn gebe, denn wiederkommen wird der Hase ganz gewiß. Du sagst ihm einen Empfehl von mir, und die Damen aus der Oberstube hätten mich begleitet; doch würde ich Beiden die Erlaubniß zur Rückkehr nicht versagen, wenn er den Muth hätte, sich beim Rittmeister von Krieben als Fahnenschmied zu melden.«

»Herr Hauptmann –«

»Maul halten, sage ich, hier wird nicht gemuckst, und nur mein Wort gilt! Holt die Frauenzimmer herunter!«

»Aber Auguste wird vor Schreck –«

»Wenn Du nur noch einen Mucks thust, lasse ich Dich durchfuchteln!«

Der Meister schwieg. Die Soldaten holten die beiden angsterfüllten Frauen herab, denen Bredenow die Mittheilung machte, daß sie die Ehre hätten, ihn auf einer kleinen Urlaubsreise zu begleiten. Auguste schwieg, die Mutter aber brach in ein lautes Wehklagen aus, welches ihr allerdings nichts half. Wie sie standen und gingen mußten sie den herbeigeholten Wagen besteigen, und nachdem Einer der Leute sich als Sauvegarde ihnen gegenüber gesetzt hatte, fuhren sie dem Markte als dem allgemeinen Sammelplatze zu. Der Hauptmann gab noch die Weisung, das Nothwendige an Wäsche und Kleidungsstücken auszusuchen und auf den Bagagewagen zu packen, und ritt dann den Vorangeschickten nach.

Krieben zeigte sich erzürnt, als ihm das Verschwinden des Gesellen mitgetheilt wurde; da er sich aber vor den etwa nachfolgenden Preußen nicht so recht sicher wußte, so wollte er mit weiteren Nachforschungen keine Zeit verlieren und ließ zum Sammeln blasen. In kürzester Zeit hielt die Schwadron in Reih und Glied vor ihm; die recrutirten Burschen hatten Platz auf den Reservepferden gefunden und die Wagen bildeten den Schluß der Aufstellung. Noch standen die Offiziere, während ihre Pferde von den Dienern gehalten wurden, beisammen, um vom Rittmeister die Dispositionen zu erhalten, da sauste es die Gasse herein, und mit fliegender Mähne und wehendem Dolman setzte es über den letzten Wagen weg, bog scharf um die Fronte herum und hielt vor den überraschten Herren.

»Ein Ziethen, ein Ziethen!« rief's von Mann zu Mann die ganze Reihe hinunter.

»Verzeihung, Herr Rittmeister! Ich habe mich hier eines Auftrages meines Königs und Feldherrn zu entledigen und es Euch dann zu überlassen, mich als Fahnenschmied in Eure Schwadron einzurangiren.«

Und sich zu dem Junker wendend, setzte er mit lautschallender Stimme hinzu:

»Hauptmann von Bredenow, ich verhafte Euch im Namen Eures Monarchen als Hochverräther und Spion!«

Augenblicklich hatten die Offiziere einen Kreis um ihn gebildet, um sich seiner Person zu bemächtigen. Lächelnd blickte er auf sie herab und fuhr mit ebenso lauter Stimme fort!

»Ich erkläre diese Stadt in Kriegszustand und alle hier befindlichen Militärs zu meinen Gefangenen.«

Er zog ein Pistol aus der Halftertasche und feuerte es ab. In demselben Augenblicke erschallte Pferdegetrappel von allen auf den Markt mündenden Gassen her, und ehe die halb verblüfften, halb erstaunten Sachsen einen Entschluß fassen konnten, waren sie von einer dreifach überlegenen Anzahl Preußen umstellt.

Da ertönte aus der Mitte der umstellten Offiziere ein Fluch. Der Trakehner stieg unter einem kräftigen Sporendruck in die Luft, flog durch die Glieder der noch nicht schußfesten Preußen hindurch und trug in rasendem Galopp seinen Reiter die Gasse hinaus.

Keiner der strenggeschulten Krieger machte Miene, den Fliehenden ohne besonderen Befehl zu verfolgen, nur der zuerst angekommene Offizier, in welchem wir den ehemaligen Schmiedegesellen erkennen, drängte seinen Fuchs zwischen die Reservepferde der Sachsen und saß mit einem kühnen Sprunge auf dem Rapphengste, welchen der Junker vorhin noch als unbrauchbar bezeichnet hatte. Mit lautem, freudigem Wiehern erhob sich das Thier auf die Hinterbeine, drehte sich im Kreise herum und schoß dann mit seinem Reiter davon.

»Herr Kamerad, Euern Degen! Ich übernehme an Stelle des soeben abgerittenen Herrn Oberstwachtmeisters die Verpflichtung, Euch von der Vergeblichkeit jeden Widerstandes zu überzeugen.«

»Sehr wohl, Herr Major! Die Chancen des Tages sind gegen uns und wir ergeben uns in der Erwartung, daß man in dieser Handlungsweise nichts finden werde, was unserer Offiziersehre Abbruch thun könnte.«

»Bewahre. Laßt Eure Leute absitzen und die Waffen ablegen. Lieutenant Rhaden, Ihr reitet mit einem Dutzend Eurer Leute schleunigst dem Herrn Oberstwachtmeister nach, um seinen Gefangenen entgegen zu nehmen. Wen haben wir da in der Equipage? Ah, Franz, sind das vielleicht die beiden Damen, von denen uns so viel Gutes erzählt worden ist?«

»Zu Befehl, Herr Major!« antwortete der alte Forstwart, der hoch zu Roß bei den Wagen hielt. »Ich fand sie sofort bei unserer Ankunft hier und hörte von ihnen, daß der Junker sie angeblich als Geißeln für den Goldschmidt – wollte sagen für den Herrn Oberstwachtmeister mitgenommen habe.«

»Ach so, eine neue Infamie! Meine Damen, Ihr befindet Euch natürlich, wie die anderen Gefangenen alle auch, jetzt wieder im Besitze der vollsten Freiheit. Du, Franz, setzest Dich auf und fährst sie in ihre Wohnung zurück.«

Mit einem höflichen Salut nahm er Abschied von den geängstigten Frauen, und, nachdem Kutsche und Sauvegarde den übrigen Kriegsgefangenen zugesellt waren, fuhren die Wagen zur Schmiede zurück. Mit lautem Jubel wurden die Insassen von den Meistersleuten begrüßt.

»Gott sei Dank, daß Ihr wieder da seid! Na, steigt nur hinauf in Eure Stube, es erwartet Euch Besuch oben.«

»Wer denn?«

»Ein Offizier oder so etwas.«

Sie gingen hinauf. Die Mutter öffnete die Thür und richtete den Blick auf den Mann, welcher am Fenster stand. Die hohe, stolze Gestalt wurde vortheilhaft durch die Uniform und glänzende Auszeichnung eines Stabsarztes hervorgehoben; die Wellen des langen, blonden Vollbartes schmiegten sich weich an die goldenen Tressen des Waffenrockes, und die Augen, tiefblau und freundlich, begrüßten mit erwartungsvollem Leuchten die Eintretenden.

»Emil!«

»Anna!«

Beide stießen den Ruf zugleich aus, Beide hatten sich trotz der langen Zeit der Trennung sofort erkannt und flogen einander in die Arme. Mit voller Kraft hielten sie sich umschlungen, hingen Lippe an Lippe und vergaßen im Entzücken des Wiedersehens die Tochter, welche, von ihren Gefühlen übermannt, an der Thür lehnte. Lange, lange wartete sie, daß man sich auch ihrer erinnern werde, aber vergebens. Da klang es leise:

»Vater!«

»Mein Kind, mein liebes, liebes Mädchen! Laß mich, Anna!«

Er stürzte auf Auguste zu und nahm sie in die Arme. Die Mutter folgte und legte die Hände auf das Haupt des Kindes.

»Nimm sie hin, Emil! Sie ist das Einzige, was ich besitze und Dir bieten kann, aber es ist das Kostbarste, was Dir mein Mutterherz aufbewahrt hat.«

Er entgegnete kein Wort, aber Kuß auf Kuß nahm er von dem schönen, unentweihten Munde, welchen noch nie die Lippe eines Mannes berührt hatte. Der Vater vermochte vor Seligkeit nicht zu sprechen, aber der Arzt machte sich endlich doch geltend.

»Bitte, Anna, verhänge das Fenster wieder.«

»Vater, nicht wahr, Du bist der Arzt, der kürzlich hier war?«

»Ja, mein Kind. Hast Du heut viel Erschrecken gehabt?«

»Nein. Goldschmidt bat mich, stark zu sein, und was er bittet, das muß ich gewähren.«

»Du hast ihn lieb?«

»Ja, unendlich lieb, mein Vater.«[219]

»Ich danke Dir. Diese Liebe ist einer meiner höchsten Wünsche. Fühlst Du etwas Fremdes, Störendes, Krankhaftes in Deinem Auge?«

»Nein, ich habe das Gefühl des Wohlbefindens darin.«

»Dann wollen wir mit Gott die Binde entfernen.«

Er nahm sie ab. Noch hielt das Mädchen die Lider geschlossen, dann hob sie dieselben langsam und zagend und richtete den ersten Blick auf die Mutter.

»Mutter, ich sehe Dich!« rief sie und freudig setzte sie unter heißer Umarmung hinzu: »noch viel besser und deutlicher als früher.«

Dann wandte sie sich zum Vater.

»Vater, mein lieber, lieber, schöner Vater!«

Wieder hielten sich die Drei umschlungen, und hätte nicht die Stimme des Arztes vor Thränen warnen müssen, so hätte die überwältigende Freude Alle wortlos gemacht.

Da ertönte unten im Hausflur eine volle, kräftige Stimme. Auguste fuhr in die Höhe.

»Das ist Richard.«

»Den sollst Du allein empfangen. Komm, Anna.«

Die Eltern traten in die Schlafstube und das Mädchen befand sich allein mit ihrem Glücke. Ja, glücklich war sie jetzt, denn nun, da sie sehen konnte, gab es keine Kluft mehr zwischen ihr und dem Geliebten, und mit erhobenen Armen eilte sie nach der Thür, als sie seinen elastischen Schritt näher klirren hörte. Aber erschrocken ließ sie die Arme wieder sinken. Vor ihr stand ja nicht der einfache, rußgeschwärzte Schmiedegeselle, sondern ein hoher Offizier in der kleidsamen Tracht der Ziethenhusaren, dessen großes, blitzendes Auge ihr wie ein Himmel voll Sonnen entgegenleuchtete.

»Gustel, meine süße, herzige Gustel, Du kannst wieder sehen!«

Mit einem Sprunge stand er bei ihr, faßte sie um den schlanken Leib, hob sie hoch in die Höhe, drückte sie wieder an sich und ließ ihr gar keine Zeit, die nach ihm suchenden Arme um seinen Hals zu legen. Nur Worte waren ihr möglich, und diese Worte klangen jubilirend aus einem wonneathmenden Herzen, das fast zu eng und zu klein war für das Entzücken dieses Augenblickes. Endlich legte sich der Sturm der ersten Freude und ruhig standen sie bei einander, Brust an Brust und Mund an Mund.

»Richard, Du lieber, böser Mann, wie bist Du so geheimnißvoll und verschwiegen gegen mich gewesen!«

»Und willst Du auch jetzt noch Deiner Liebe entsagen und mich fortgehen lassen ohne Glück und ohne Stern?«

»O nein, nein, nein! Aber wie kannst Du diese Gedanken wissen?«

»Deine reine Seele wurde noch nie von dem Hauche der Lüge und Verstellung getrübt, und da war es mir leicht, jede Regung Deines Herzens zu erkennen, noch ehe Du selbst ihrer bewußt warst. Aber wo ist Vater und wo ist Mutter?«

»Hier sind wir!« riefen die beiden jetzt wieder Eintretenden.

»Herr Doctor und Kamerad, ich habe die herzliche Freude, Euch hier die Rose von Ernstthal vorzustellen, welche ich unter duftenden Erdbeeren fand und jetzt zur Winterszeit in einen Garten versetzen möchte, damit sie da geschützt vor rauhen Stürmen sei und blühen könne, mir zum Glücke und den Eltern zur Freude. Darf ich einen Strahl des von Euch geöffneten Auges auch für mich in Anspruch nehmen?«

»Nimm sie hin, mein Sohn, und verzeihe dem Vater, der seiner Liebe untreu wurde, nur weil er beim Scheiden von der Geliebten nicht ahnte, daß es bald ein Wesen mehr geben werde, welches zu Ansprüchen an ihn berechtigt sei.«

»Und Ihr, meine Mutter?«

»Ich gebe Euch mein Kind, mehr kann Euch Niemand geben.«

»Hollah!« rief's unter der Thür, »wir Drei, nämlich ich, meine Frau und der Franz wollen wissen, ob die Sachen da unten – – – alle Wetter, das ist ja der Goldschmidt!«

»Freilich, Meister, ist er's, der Erzstrick, der Tag und Nacht draußen herumlaufen mußte, weil er noch nothwendigere Dinge zu thun hatte, als zu hämmern und zu feilen.«

Mit offenem Munde standen Weißpflog's da und staunten den ehemaligen Zeug-, Huf- und Waffenschmied an.

»Aber was ist denn das Richtige? Ein General kann doch nicht Fensterbänder machen, und ein Schmied kann doch keine Armee commandiren!«

»Zuweilen doch, und zum General hat es noch gute Weile.«

»Na, ich muß es lassen wie es ist, aber wegen dem Erzstrick, da bitte ich um Verzeihung.«

»Wird gern vergeben. Dieser Herr da ist der Vater Augustens.«

»Ist's möglich? Da hat ja mein Haus bis unter die Hahnebänder voll Geheimnisse gesteckt! Und sehen kann die Auguste auch?«

»Und dieses Bild da hat Richard gemalt,« wandte sich Wallner an die Mutter. »Da wir uns beim Militär oft gesehen haben, so hat ihn die Bleistiftskizze auf die richtige Spur geführt. Daß wir uns gefunden haben, danken wir ihm allein.«

Die Erklärungen flogen hin und her und des Fragens und Antwortens war kein Ende zu finden, bis sich endlich der frühere Geselle erhob.

»Jetzt muß ich mich beurlauben, mich ruft der Dienst. Vater wird Euch unsere Bestimmungen bis zu meiner Rückkehr mittheilen. Wir verlassen heute noch Ernstthal. Ihr geht zu Wagen unter Begleitung Franzens und einer militärischen Eskorte nach Dresden, wo auch ich morgen einzutreffen habe. Von da führt Euch Franz, welcher von heut an als Jäger in meinem Dienst steht, auf mein Stammgut, und wenn die Besetzung Dresdens den erwarteten Frieden herbeiführt, werden wir dort bald vereinigt sein. Für jetzt aber adieu!«

Als er auf den Markt kam, standen die Truppen bereits zum Abmarsch bereit. Sein suchender Blick fand unter den Gefangenen bald den schwer gefesselten Junker und ebenso den Rittmeister von Krieben. Auf Letzteren schritt er zu.

»Wollen wir nicht, ehe wir uns in Bewegung setzen unser kleines Privatgeschäft in Ordnung bringen, Herr Rittmeister?«

»Privatgeschäft? Wieso?«

»Ich meine unsern Tauschhandel.«

»Ihr setzt mich in Verlegenheit, Herr Oberstwachtmeister!«

»Gut, ich muß Eurem Gedächtniß zu Hülfe kommen. Mein Name ist Göbern.«

»Ah, dann seid Ihr ein Verwandter des Rittmeisters von Göbern, welcher – –«

»Nicht ein Verwandter, sondern er selbst. Es ist erklärlich, daß Ihr mich nicht wiederkennt, da die Umstände mich zwangen, den Bart, mit welchem Ihr mich kennen lerntet, abzulegen. Auch darf Euch der militärische Grad nicht irre machen; ich rückte in Folge unsers Pferdewechsels zum Major und einiger andern Kleinigkeiten wegen in meine jetzige Stellung empor. Daß mich die Erfüllung des Auftrages, den früheren Hauptmann von Bredenow zu beobachten und schließlich der verdienten Gerechtigkeit zu überliefern, in die Lage bringt, einen so braven Offizier, wie Ihr seid, kennen zu lernen, ist mir gewiß ebenso lieb, wie es Euch der dabei obwaltenden Umstände wegen unerwünscht sein wird. Deshalb stelle ich mich für Euch und die Kameraden zu jedem Dienste, der sich mit meiner Pflicht verträgt, gern bereit und beweise diese Bereitwilligkeit durch die Rückgabe Eures Goldfuchses, welchen Ihr mir damals so freundlich überließt. Er hat, glaube ich, in guter Schule gestanden und deshalb wohl nichts verloren.«

»Ich danke. Darf ich mir eine Frage gestatten? Bredenow ist mir verwandt und ich bin also nicht ganz gleichgültig seinem Schicksale gegenüber.«

»Ich werde antworten.«

»Wie seid Ihr vorhin Meister des Hauptmanns geworden und was wird sein endliches Schicksal sein?«

»Sehr einfach. Ich bestieg meinen Rapphengst, auf den ich mich bei solchen Gelegenheiten verlassen kann, und habe ihn mit demselben niedergeritten. Die Entscheidung über seine Handlungsweise steht nicht mir, sondern der Justiz zu. Auf Wiedersehen, Herr Kamerad! – Herr Major!«

»Herr Oberstwachtmeister!«

»Befehlt den Aufbruch. Ich werde jetzt in meine Wohnung zurückkehren und erst in einiger Zeit nachfolgen. Eurer Umsicht habe ich natürlich keine weiteren Anweisungen zu geben. Adieu!«


»Weißt Du, Richard«, begrüßte ihn die Braut, »daß ich mein Auge bereits im Lesen versucht habe?«

»Geht es?«

»Ja, ich bin Dir in Deine geheime Correspondenz gerathen. Sage doch, von wem Du diese so außerordentlich schön und richtig geschriebenen Zeilen hast? Wir fanden sie beim Einpacken in Deiner Kammer.«[220]

»Erräthst Du es nicht? Dieser ›ahlte Leopold‹ ist mein Pathe und Gönner, der Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, mit welchem ich in dienstlichem Brief verkehr gestanden habe und der sich gestern so außerordentlich brav geschlagen hat. Er kennt meine Intentionen in Beziehung auf Deine Person vollständig und wird in unserer Verbindung keine Mesalliance erblicken, da er selbst sich über dieses Vorurtheil hinwegzusetzen gewußt hat. Du wirst ihn bald sehen.«

»Wenn und wo?«

»Morgen oder übermorgen in Dresden. Ich werde Dich natürlich vorstellen müssen.«

»Da wird mir schrecklich bange sein.«

»I bewahre! Der alte Degenknopf ist außerhalb des Dienstes und besonders Bekannten gegenüber ein allerdings origineller aber bei all seiner Grimmfertigkeit doch gutmüthiger Kopf.«

»Aber ich werde bei dieser Vorstellung unmöglich die feinen Manieren einer Hofdame zeigen können.«

»Wird auch von ihm gar nicht verlangt; er ist kein Freund von Complimenten, und ich werde meine Anrede also so kurz wie möglich fassen, grad das liebt er.«

»Wie denn zum Beispiel?«

»Ich werde ungefähr sagen: Durchlaucht, gukt einmal her, ich bringe Euch hier

die Rose von Ernstthal!‹«[221]

Quelle:
Die Rose von Ernstthal. Von Karl May. In: Deutsche Novellen-Flora. 1. Bd. Neusalza (1875). Lfg. 14, S. 217-222.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Rose von Ernstthal
Abenteuer in Sachsen - Zwei Erzählungen (Die Rose von Ernstthal, Wanda)

Buchempfehlung

Chamisso, Adelbert von

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Peter Schlemihls wundersame Geschichte

In elf Briefen erzählt Peter Schlemihl die wundersame Geschichte wie er einem Mann begegnet, der ihm für viel Geld seinen Schatten abkauft. Erst als es zu spät ist, bemerkt Peter wie wichtig ihm der nutzlos geglaubte Schatten in der Gesellschaft ist. Er verliert sein Ansehen und seine Liebe trotz seines vielen Geldes. Doch Fortuna wendet sich ihm wieder zu.

56 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon