4.

Der Kampf

[188] Der Herbst war in's Land gekommen und hatte Feld und Flur in jene wehmüthigen Farben gekleidet, welche uns verkünden, daß die schaffende Natur zur Rüste gehe und die Zeit des Blumenduftes und Vogelsanges sich zum Abschied neige. In diesen Tagen zittern die Saiten des Menschenherzens in einer Stimmung, welche uns so gern zum Nachdenken und zur Einkehr in unser Inneres führt, und deshalb ist der Herbst ebenso die Zeit der Ernte für die Früchte, welche uns im Busen reiften, wie er die Garben sammelt, welche die Sichel des Schnitters von der Erde löste. Und ruht irgend ein Weh in unserer Brust begraben, so steht es zur Zeit des Blätterfalles auf von den Todten und richtet unser Sinnen niederwärts zur Scholle, aus welcher wir emporstiegen, um durch die Mühe und Arbeit des Erdenlebens den Geist für eine höhere Welt zu zeitigen und dann wieder in den Staub zurückzusinken.

Solche Gedanken waren es, welche heut schon beim Morgengrauen die Mutter begrüßt und in den Garten begleitet hatten. Es war ihr Geburtstag und zugleich der Tag, an welchem sie vor nun zwanzig Jahren den Geliebten zum ersten Male gesehen hatte. Dieser Tag hatte ihr das Dasein gegeben, hatte dann über ihre Lebensrichtung entschieden und sollte ihr nun auch Klarheit bringen über die Zukunft ihres Kindes. Sie erwartete deshalb in einer späteren Morgenstunde den Botenfuhrmann, mit dessen Geschirr sie in Begleitung Augustens nach Chemnitz zum Augenarzte zu fahren gedachte. Ihre Mittel reichten zwar für eine länger andauernde Kur bei Weitem nicht aus, denn der allgemeine Nothstand hatte als eine Folge des Krieges sich schon seit längerer Zeit auch für sie fühlbar gemacht und ihre Kasse erschöpft, aber der Junker hatte für heut früh die Ablieferung der Wäsche bedingt, da er verreisen müsse, und von der Bezahlung dieser Arbeit konnte sie wenigstens die Kosten der Reise und einer ärztlichen Consultation bestreiten. – Da wurde sie in ihrem Nachdenken unterbrochen.

»Mutter, bist Du unten?«

»Ja, hier bin ich.«

»Komm doch einmal recht schnell herauf!«

Sie folgte dem Rufe, hatte aber oben die Stubenthür kaum geöffnet, so stieß sie einen lauten Schrei der Ueberraschung aus. Grad der Thür gegenüber hing das in Oel gemalte Brustbild des Mannes, an den sie heut schon so viel gedacht hatte. Die Röthe der Gesundheit und Jugend auf den Wangen, das gold- und silberbetreßte Cerevis auf den Locken, schien er lebendig hinter den reich verzierten und von Guirlanden umwundenen Rahmen getreten zu sein, um den Wunsch zu erfüllen, den sie vor nicht langer Zeit mit heißem Verlangen gegen die Tochter ausgesprochen hatte. Mit ausgebreiteten Armen stürzte sie laut schluchzend auf das Bild zu und drückte die krampfhaft zuckenden Lippen wieder und immer wieder auf dasselbe.

»Emil, Emil, mein Emil! Ist's wahr, daß diese Leinwand Deine lieben, unvergeßlichen Züge so treu und wahr festzuhalten vermag, wie sie meinem Herzen eingegraben sind? Auguste komm, eile her und sieh Deinen Vater!«

»Mutter, ich kann nicht.«[188]

»Mein Gott, es ist ja wahr! Aber Du sollst ihn sehen, Du mußt ihn sehen, ich fühle in diesem Augenblicke, daß Gott nicht Gott sein müßte, wenn unsre Gebete unerhört blieben! Aber wer hat uns diese Ueberraschung bereitet, wo kommt das Bild her, und wer hat es gemalt? Du weißt es!«

»Nein. Als ich aufgestanden war und die Stube betrat, fühlte ich den Kranz dort auf dem Tische und dachte mir gleich, daß es ein Geburtstagsgeschenk für Dich sein solle. Deshalb rief ich Dich.«

»Auch dort noch! Was ist es?«

Der Tisch war mit einer weißen Decke überbreitet, auf welcher, von Blumen, Früchten und Confect umgeben, eine kunstreich gearbeitete Silberplatte mit einem Briefe lag. Hastig ergriff sie den Letzteren, warf einen Blick auf die Adresse und fiel dann wie besinnungslos in den Sessel.

»Mutter, meine gute Mutter, was ist Dir?«

»Nichts, o nichts! Laß mich und gönne mir nur einen Augenblick der Erholung!«

Mit den gefalteten Händen den Brief an die hochklopfende Brust drückend, saß sie geschlossenen Auges da und ließ durch das Lächeln des Glückes, welches auf dem sonst so blassen Angesichte lag, die Seligkeit errathen, von welcher sie überwältigt worden war. Aber die Ungewißheit über den Inhalt des Briefes ließ ihr nicht lange Ruhe, und mit vor Erregung zitternden Händen öffnete sie ihn.

»Es ist ein Brief von Deinem Vater; ich erkannte sofort die Handschrift, trotzdem sie sich im Laufe der Jahre viel verändert hat. Hier steht seine Unterschrift und da ist auch die alte, trauliche Anrede, welche er stets gebrauchte:


›Gott grüße Dich, mein Herz!


Ich habe viel und schwer an Dir gesündigt und darf deshalb wohl kaum erwarten, daß Du mir ein freundliches Andenken bewahrst. Aber das Verlangen nach Vergebung und Sühne treibt mich zu Dir und dictirt mir den Gruß, welchen ich heut an Deinem Geburtstage Dir als den Vorboten einer baldigen Ankunft übersende.

Emil Wallner.‹«


»Hörst Du«, rief sie jauchzend, »er kommt, er hat mich nicht vergessen, und wenn er auch nichts von Liebe schreibt, so verbietet ihm doch nur die Ungewißheit über meine Gesinnung dieses Wort. O, nun ist Alles, Alles gut, und ich darf die Vergangenheit hinter mich werfen wie einen schweren Traum, von welchem man erwacht, um sich der schönen Wirklichkeit doppelt zu erfreuen. Doch laß uns jetzt unten fragen, wem wir diese Freude zu danken haben!«

Aber trotz aller Dringlichkeit war nichts zu erfahren. Die beiden Schmiede waren im Hausflure beschäftigt gewesen und konnten also mit Gewißheit behaupten, daß Niemand ein- und ausgegangen sei, und von ihnen selbst konnte die Gabe ja unmöglich abstammen.

Während man sich unten deshalb in verschiedenen Vermuthungen erging, befand Auguste sich oben allein im Zimmer und wartete auf das Ergebniß der Erkundigung. Zwar gab es eine Ahnung in ihr, aber sie konnte derselben nicht Raum geben, da sie ihr zu unbegründet erschien. Da ging unten die Hausthür und die Treppe knarrte unter schweren, gewichtigen Tritten. Sie hatte in den letzten Wochen diesen Schritt öfterer hören müssen als ihr lieb war, und zog sich, als die Thür geöffnet wurde, in die Ecke des Zimmers zurück.

»Guten Morgen!«

»Guten Morgen, Herr Junker!«

»Ich komme nach meiner Wäsche zu sehen und finde Dich allein in der Stube. Ist Deine Mutter ausgegangen?«

»Nein, sie befindet sich unten und ich werde sie rufen. Eure Wäsche ist fertig.«

»Laß das Rufen einstweilen, die Zeit wird mir bei Dir nicht allzu lang werden.«

»Aber uns ist sie heut karg zugemessen, wir verreisen.«

»Ach so! Wohin?«

»Nach Chemnitz zum Augenarzte.«

»Das ist klug und nothwendig. Aber gehen könnt Ihr den weiten Weg doch nicht?«

»Nein, wir fahren mit dem Boten.«

Sie hatte nicht sehen können, wie sein kleines, stechendes Auge schadenfroh unter den buschigen Brauen hervorgeblitzt hatte, als sie ihm arglos Mittheilung von der beabsichtigten Reise machte. Jetzt war er ihr näher getreten und ergriff ihre Hand.

»Ich wünsche Dir natürlich den besten Erfolg, aber so lange Euch das Geld zu einer eingehenden ärztlichen Behandlung fehlt, glaube ich nicht an ihn. Wenn Du nur ein klein bischen zutraulicher sein wolltest, würde ich alle diese Ausgaben auf mich nehmen.«

»Laßt mich, Herr, ich muß die Mutter rufen!«

»Nachher Schatz, wenn wir uns verständigt haben.«

Er zog sie gewaltsam an sich und merkte im Eifer nicht, daß die Mutter eingetreten war.

»Herr von Bredenow, gelten Eure Besuche Eurer Wäsche oder einem andern Gegenstande?«

»Beides, meine liebe Dame«, antwortete er und hielt dabei das Mädchen noch immer fest.

»Die Wäsche ist fertig.«

»Gut, ich werde sie abholen lassen.«

»Dann können wir Euch also Adieu sagen?«

»In dieser Angelegenheit werdet Ihr mir wohl die Initiative lassen müssen. Ich habe vom Fräulein hier gehört, daß Ihr nach Chemnitz wollt und stehe eben im Begriff, die kranken Augen einer näheren Besichtigung zu unterwerfen, um auch mein wohlgemeintes Urtheil abgeben zu können.«

»Dann bitte ich, diese Besichtigung auf eine gelegenere Zeit zu verschieben. Der Fuhrmann hält schon unten und wir dürfen uns nicht mit unnützen Dingen beschäftigen.«

»Ach so, man weist mir also die Thür?«

»Sie ist zu groß, um nicht auch ungewiesen bemerkt zu werden.«

»Gut, ich gehe, vorher aber erlaube ich mir einen kleinen Abschied.«

Er legte den Arm wieder um das Mädchen, wurde aber von der erzürnten Mutter sofort gefaßt.

»Laßt das Kind gehen oder ich rufe sofort Hilfe herbei!«

»Ah, jetzt wird es interessant; die Katze schützt das Kätzchen.«

Er stieß die Störende von sich und verfolgte das Mädchen, welches sich wieder in die Ecke zurückgezogen und den Tisch als Schutzwehr vorgeschoben hatte.

»Meister, Richard, herbei, zu Hilfe!« rief die Mutter.

Der Geselle stand allein am Herde, voltigirte sofort mit zwei Sätzen die Treppe hinauf und stand im nächsten Augenblicke zwischen Auguste und dem Junker. Das Weiße seines blitzenden Auges stach furchterweckend aus dem rußgeschwärzten Gesichte hervor und seine Stimme klang kurz und gebieterisch, als er, auf die Thür zeigend, das Commando wiederholte, welches er diesem Manne gegenüber schon einmal ausgesprochen hatte:

»Kehrt! – Marsch! – Eins!« –

Da trat auch der Meister in die Stube, und der Junker, welcher sich in Gegenwart der Frauen vielleicht muthiger als damals gezeigt hätte, sah sich, zwei Gegnern gegenüber, gezwungen, das Feld zu räumen.

»Es sei denn, ich weiche, aber nur um Spectakel zu verhüten. Unser nächstes Zusammentreffen aber wird zwischen uns entscheiden.«

Nach Berichtigung seiner Rechnung trat er den schimpflichen Rückzug an und die beiden Frauen bestiegen kurze Zeit später den Leiterwagen, der sie der bang erwarteten Entscheidung entgegenbringen sollte.


Der Tag verging, bereits dunkelte der Abend herein und noch waren sie nicht eingetroffen. Weißpflog wurde unruhig und löschte früher als gewöhnlich das Feuer aus. Die beiden Hausgenossen waren ihm so lieb geworden, als gehörten sie zu seiner eigenen Familie, und ihr Wegbleiben verursachte ihm ernstes Bedenken. Goldschmidt dagegen ließ nicht die geringste Spur von Sorge an sich bemerken. Wortkarg wie immer, erwähnte er der Abwesenden mit keiner Silbe, setzte sich nach[201] beendigter Arbeit ruhig zum Essen nieder und verließ dann phlegmatischen Schrittes die Stube. Aber kaum eine Minute später hörten die Meistersleute ihn das Haus verlassen, und als die wißbegierige Hausfrau ihm durch die halbgeöffnete Thür nachblickte, sah sie ihn den Weg nach der Straße einschlagen, die nach Chemnitz führte.

Je weiter er sich von Ernstthal entfernte, desto eiliger wurde sein Lauf. Kurz vor dem nächsten Dorfe begegnete ihm eine verschlossene Kutsche, auf deren Bocke er trotz der Dunkelheit zwei Männer gewahrte, von denen der Eine den Anderen fast um Kopfeslänge überragte.

»Das war der Junker! Er kommt auch von Chemnitz und hier ist sicher irgend eine Teufelei los, die jedenfalls in Verbindung mit dem langen Außenbleiben unserer Frauen steht. Ich fahre mit.«

Gedacht, gethan. Er nahm Platz auf dem leeren Kofferbrette und beschloß, nicht eher als bis beim Halten des Wagens abzusteigen.


Die Frauen waren erst am Nachmittage bei dem Arzte vorgekommen. Dieser hatte die kranken Augen einer sorgfältigen Untersuchung unterworfen und dann den Kopf geschüttelt. Die medicinische Kenntniß hatte damals noch nicht die Höhe der Entwickelung erreicht, auf welcher sie sich jetzt befindet; man stritt sich über die verschiedenen Systeme und war noch nicht zu der Erfahrung gelangt, daß es die beste Kunst des Arztes sei, Hindernisse zu entfernen und die Natur zu unterstützen. Man erging sich in den verschiedenen Philosophemen und nur selten wagte ein begabter Kopf, den Damm der herkömmlichen Heilmethoden zu durchbrechen. Und so erhielt die Blinde nach beendigtem Kopfschütteln eine kühlende Einreibung nebst einer Auflösung von Galizienstein und wurde dann mit einigen Trostesworten entlassen.

Im Gasthofe fanden sie den Fuhrmann ihretwegen in großer Verlegenheit. Die heutige Rückfracht war so bedeutend, daß der Waagen hochauf vollgeladen war und an ein bequemes Sitzen nicht gedacht werden konnte. Glücklicher Weise überholte sie bald ein leerer Kutschwagen, dessen Führer sie mit einem mitleidigen Blicke betrachtete und dann nach dem Ziele der Reise fragte.

»Wir fahren nach Ernstthal.«

»Ich fahre auch dahin. Wenn Ihr wollt, so könnt Ihr bequemer und schneller nach Hause kommen. Steigt zu mir herüber.«

Das freundliche Anerbieten wurde angenommen, und schon saß Auguste in den weichen Kissen, als plötzlich die Pferde scheuten und im schnellsten Laufe mit dem Fuhrwerke davongingen. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe das Gespann zu einem langsameren Schritte gebracht werden konnte, und als das Mädchen den Kutscher bat, auf die Mutter zu warten, klang seine Antwort abweisend.

»Wir sind ihr nun zu weit voraus, und ich darf nicht halten, weil die Pferde zu feurig sind und ich auch zur bestimmten Zeit eintreffen muß. Willst Du warten, so kannst Du aussteigen.«

Freilich schien es ihm mit dem Letzteren nicht Ernst zu sein, denn er machte keine Miene, die Zügel zu pariren, und das Mädchen hatte ja auch keine Ursache, dem Manne zu mißtrauen. Es saß sich hier so warm und weich, und für die Mutter war das Fahren auf den Kisten jedenfalls nun auch weniger beschwerlich geworden. Sie lehnte sich in die Ecke zurück und war bald in einen so festen Schlummer gefallen, daß sie nicht bemerkte, wie es mittlerweile Nacht wurde und der Wagen hielt, um den Junker aufsteigen zu lassen, der die leise Frage ausstieß:

»Alles gelungen?«

»Alles.«

»Gut. Wir biegen später von der Straße ab und fahren nach dem kleinen Waldhäuschen, wo Du sie aussteigen und eintreten lässest noch ehe sie so recht aufmerksam wird. Vorwärts.«

Daß kurze Zeit darauf der Geselle sich hinten aufsetzte, wurde nicht wahrgenommen, und so ging die Fahrt von der Chaussee ab in den Wald hinein und endete vor einer Hütte, welche bestimmt war, den Forstleuten während der Nacht oder vor unangenehmem Wetter Schutz zu bieten. Der Kutscher stieg ab und öffnete, während der Blauweiße schnell im Innern verschwand, den Schlag.

»Na, da sind wir. Du kannst aussteigen.«

Noch halb schlaftrunken, fiel es ihr gar nicht auf, daß der ihr vollständig fremde Mensch sie noch gar nicht nach ihrer Wohnung gefragt habe. Sie folgte der leitenden Hand und wurde erst aufmerksam, als sie unbekannte Gegenstände unter den tastenden Fingern fühlte und ein eigenthümlicher Modergeruch, wie er unbewohnten Räumen eigenthümlich zu sein pflegt, sie umwehte.

»Mein Gott, ich bin ja gar nicht zu Hause!«

»Aber doch unter Dach und Fach, und es wird Dir schon in diesem einsamen Waldhause gefallen, wenn ich nur erst das Reißig dort auf dem Herde in Brand gesteckt habe. Dann wird es warm und traulich, und wir können unsere unterbrochene Unterhaltung von heut Morgen in aller Gemüthlichkeit fortsetzen.«

Sie schrak bei dem Klange dieser Stimme heftig zusammen und wandte sich hastig zurück, den Ausgang zu suchen. Da aber wurde sie bei der Hand gepackt und hörte zugleich den Riegel in's Schloß fallen.

»Halt, so rasch geht das nicht, Liebchen! Jetzt mußt Du schon bei mir aushalten; der Wagen ist fort und diesmal hilft Dir kein Gott und kein Teufel los.«

»Der Teufel wohl nicht, aber glaubt Ihr wirklich, daß es keinen höheren Schutz gebe für ein armes, wehrloses Mädchen und daß ich nun verloren sei, weil ich nicht mehr sehen und mich also noch weniger vertheidigen kann als früher?«

Das sonst so furchtsame Mädchen, welches damals auf der Waldwiese vor Schreck keines Wortes fähig gewesen war, war in diesem Augenblicke kaum mehr zu erkennen. Der Gedanke, daß sie in ihrer gegenwärtigen Lage Hilfe nicht von außen, sondern nur in sich selbst zu suchen habe, concentrirte all ihre Energie auf den Entschluß, sich bis zum letzten Reste ihrer schwachen Kraft zu vertheidigen. Stolz und aufrecht, die Röthe der Entrüstung auf den Wangen, das starre Auge gespenstisch auf den Gegner gerichtet, stand sie da, vom Scheine der knisternden Flamme beleuchtet und streckte den Arm aus, nach einem Halt zu suchen. Bei dieser Bewegung kam ihr der Griff des Stoßdegens in die Hand, welchen der Junker der Bequemlichkeit wegen abgelegt und in die Ecke gelehnt hatte. Im Augenblicke war die Waffe entblößt und zum Stoße gezückt, und diese Entschlossenheit verfehlte ihren Eindruck selbst auf den harten, rücksichtslosen Mädchenräuber nicht.

Er war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten, doch wich diese Bestürzung bald einem schadenfrohen, höhnischen Lachen, mit welchem er wieder auf sie zutrat.

»Alle Wetter, jetzt fange ich wirklich an, mich zu fürchten. Monatelang bin ich um dich herumgelaufen und habe die Gelegenheit erspäht, einmal so recht schön allein und ungestört mit Dir zu sein, und nun es mir endlich so prächtig geglückt ist, soll ich Dich wieder laufen lassen, weil ich mich entweder vor Gespenstern oder gar vor meiner eigenen Klinge fürchte. Mein wirst Du heute und wenn sich zehn Götter und hundert Schmiedejungens dagegen stellten!«

Rasch hatte er ihren Arm unterlaufen und drückte mit seiner gewaltigen Faust ihre Hand, daß sie mit einem lauten Wehruf die Waffe fallen ließ. Noch aber war es ihm nicht gelungen, sie aus der Ecke, in welcher sie sich rückenfrei gestellt hatte, zu entfernen, als die Thüre unter einem mächtigen Stoße erkrachte und sich draußen eine tiefe, volltönende Stimme hören ließ.–

»Aufgemacht, oder ich trete die Bude zusammen!«

»Das ist Richard«, rief, vor Freude zitternd, das bedrängte Mädchen. »Herein, herein, zu Hilfe!«

Wirklich schien das Häuschen aus allen Fugen gehen zu wollen, als auf diesen Ruf die von einem Fußtritte aufgesprengte Thür in den engen Raum hereinstürzte.

»Ah, die Herren Junkers laichen im October!«

Es lag eine wahrhaft niederschmetternde Verachtung in dem Tone, mit welchem diese Worte ausgesprochen wurden. Die schlanke, elastische Gestalt des »Schmiedejungens« lehnte leicht und graziös an dem halb aus der Mauer gerissenen Thürpfosten; die kleine, von der Arbeit jetzt etwas gehärtete Hand drehte in zierlichen Windungen die Spitzen des schwarzen Bärtchens, und mit spöttischem Aufleuchten schweifte der Blick seines festen, furchtlosen Auges über die hochaufgerichtete, muskulöse Figur des Ertappten hin zu dem Mädchen, welches sich wie dankend mit gefalteten Händen der Richtung zugewendet hatte, in der er stand.

Da entfuhr den Lippen des in seiner Erwartung betrogenen Feindes ein Fluch, so gräßlich und lästerlich, daß das Mädchen erbleichte; im nächsten Augenblicke hörte sie die Männer zusammenprallen,[202] dann vernahm sie ein beängstigendes Aechzen, Stöhnen und Schnaufen und dann erfolgte ein Krach, unter welchem der Fußboden erzitterte.

»Hund, das soll Dir nicht wieder gelingen!« hörte sie die keuchende Stimme des sich wieder vom Boden aufraffenden Junkers. Das Ringen und Schnaufen begann von Neuem und war von unarticulirten Lauten begleitet, die aus einer wie eingeschraubten Brust hervordrangen; dann flog es wieder an ihr vorbei, erst an die gegenüberliegende Wand und dann zur Erde nieder, von der Thür her aber klang es ruhig und bedächtig:

»Bitte, Auguste, nur immer in der Ecke bleiben!«

Der Kampf erneute sich, Säbelhiebe klirrten, dann flog die Waffe gegen das Fenster, ein schwerer, dumpfer Fall ließ sich hören, ihm folgte ein tiefes, ängstliches Nöcheln und endlich ein Schlag wie mit einer Keule gegen einen hohlen aber festen Gegenstand; ein letzter, fürchterlicher Schrei und dann war Alles still.

»Richard«, rief sie, die Hände in unendlicher Angst vorstreckend, »Richard!«

»Hier bin ich!« klang es neben ihr, und nicht das leiseste Zittern seiner Stimme, nicht das geringste Beben seiner Hand, welche die ihrige gefaßt hielt, verrieth die furchtbare Aufregung und Anstrengung, welche die letzten Augenblicke gebracht hatten.

»Wo ist er?«

»Er liegt, von einem Faustschlage betäubt und von seiner eigenen Waffe verwundet, hier am Boden.«

»Mir ist so angst; wir wollen gehen!«

»Jawohl. Noch stehe ich zu allein, um ihn fassen zu dürfen, aber es wird die Stunde kommen, in welcher ich mit ihm abrechne.«

Indem er diese Worte mehr zu sich selbst als zu dem Mädchen sprach, nahm er ihren Arm und schritt, ohne den Besiegten eines weiteren Blickes zu würdigen, mit ihr hinaus. Rechts und links streckten die Bäume ihre dunklen Aeste über den Weg und ließen nur selten einen silbernen Sternenstrahl zwischen sich hindurchschlüpfen. Der Wald rauschte seine geheimnisvolle Weise und mißtönender Unkenruf klang vom Teiche herüber. Das Mädchen schmiegte sich inniger an ihren Begleiter und stützte sich fest auf den Arm desselben. Er fühlte das Zittern ihrer Hände, er hörte den beklommenen Hauch ihres Athems, aber er sprach kein Wort.

Da plötzlich blieb sie stehen, schlang die Arme um seinen Hals und zog seinen Kopf nieder zu dem ihrigen.

»Richard!«

Sie wollte weiter sprechen, aber die Thränen erstickten ihre Stimme, und weinend barg sie das Gesicht an seine Brust.

»Auguste, Du liebes, süßes Wesen, magst Du bei mir sein und mit mir jetzt und immerdar?«

»Wie gern, ach wie gern! Aber es darf nicht sein.«

»Warum nicht?«

»Ich bin blind.«

»Hast Du nicht den Trost verstanden, den ich Dir am Abende eines jeden Tages mit der Rose geben wollte?«

»O ja.«

»Dann hege Hoffnung und vertraue Gott und mir. Willst Du?«

»Ja.«

»So komm, wir müssen eilen, um die Angst der Mutter zu stillen. Ich kann mir denken, wie Alles gekommen ist, und Du sollst erst dann erzählen, wenn wir zu Hause sind.«

Quelle:
Die Rose von Ernstthal. Von Karl May. In: Deutsche Novellen-Flora. 1. Bd. Neusalza (1875). Lfg. 13, S. 201-203.
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