3.

Stillleben

[186] Es war dunkel in der Stube, dunkel und still, und nur der einförmige Pendelschlag der Wanduhr ließ sich hören. Heut ruhte die Arbeit, denn es war Sonntag, und die sparsame Mutter hatte noch nicht nach der Lampe gegriffen. Draußen ging die Abendluft leise rauschend durch die Baumkronen und die Sterne warfen ihren ersten milden Strahl durch die geöffneten Fenster. Da klangen aus dem kleinen Gärtchen einzelne abgerissene Saitentöne herauf und mischten sich in das kosende Flüstern der Zweige.

Es war Dämmerstunde, jene liebe Zeit, in welcher wir den Schlag unseres Herzens vernehmlicher hören und darum so gern die Einsamkeit, die Stille und das Dunkel suchen. In dieser Stunde saß der neue Geselle täglich nach dem Feierabende unten auf der Bank, und in den Nachbargärten standen die Leute hinter den Zäunen, um seiner schönen, volltönenden Stimme zu lauschen. Aber nicht mehr als nur ein Lied sang er, dann ging er zurück in's Haus und war für den Abend nicht mehr zu sehen. Und wenn dann Auguste hinabging, so lag auf der Bank immer eine Rose, von zartblühendem Augentrost eingefaßt.

Die einzelnen Töne vereinten sich nach und nach zu Accorden, und nicht zagend und erst versuchend, sondern gleich laut und voll erklang das Lied:


»In Deiner Liebe ruht mein Leiden,

Ruht all das Weh vergang'ner Zeit – –«


Es war, als müsse der Hauch des Windes dieser kräftigen, männlichen Stimme Ehrerbietung zollen; die flüsternden Blätter schwiegen und hingen bewegungslos hernieder, und selbst der Falter unterbrach seinen Flug und setzte sich mit ausgebreiteten, wiegenden Flügeln an den Fensterrahmen.


»In Deiner Liebe ruht mein Hoffen,

In Deiner Liebe ruht mein Herz – –«


begann der zweite Vers. Die Mutter bog sich hinaus, um sich dem süßen Genusse ganz hingeben zu können; das Mädchen aber legte das Köpfchen zurück und drückte die Hand gegen die Brust, als wolle sie eine aufsteigende Regung bekämpfen. Da klang der dritte Vers:


»In Deiner Liebe ruht mein Leben,

Ruht meine ganze Seligkeit.

O laß nach Deinem Glück mich streben

Und sei mein Eigen allezeit – –«


Es war weder ein bekanntes Lied, noch eine bekannte Melodie; der Sänger improvisirte frei, und grad deshalb waren Wort und Ton so eindringlich und ergreifend.

»Gustel, ich höre, Du weinst wieder, und das darf doch Deiner kranken Augen wegen nicht sein.«

Da schlangen sich zwei Arme um ihren Nacken, und die Stimme des Kindes flüsterte:

»Mutter, mir ist so weh, so sehr wehe!«

»Sag mir, warum?«

»Ach nein, dann würdest auch Du weinen, und das würde mich nur noch trauriger machen.«

»Ich werde nicht weinen, Gustel. Ich bin ja im Unglück stark geworden und werde Deinen Kummer durch meine Klagen nicht verdoppeln.«

»Aber Du wirst das Leid doch fühlen, und je mehr Du es verbirgst, desto größer wächst es an.«

»Willst Du ein Geheimniß vor mir haben, Kind?«

»O nein, nein, aber das Geständniß wird mir so schwer.«

»Komm, lege Deinen Kopf recht innig und fest hierher und denke daran, daß ich als Mutter ein heiliges Anrecht auf die Gedanken Deines Herzens habe.«

Sie umschlang die Mutter fest und fester, und langsam, langsam und zögernd klang es:

»Ich kann – kann – kann nichts mehr sehen, – nichts, gar nichts mehr.«

»Mein Kind, mein armes, armes, theures Kind!«

Es war ein Schrei, wie ihn nur eine Mutter ausstoßen kann, ein Schrei aus der tiefsten Tiefe einer angsterfüllten, entsetzten Seele, und dann war's ruhig. Die beiden Frauen hielten sich umschlungen; keine sprach ein Wort, jede suchte ihre Gefühle zu bemeistern, und doch schlugen die Busen gegen einander und verriethen den Sturm, welcher die Wogen ihrer Empfindung aufregte. Lange, lange saßen sie so, bis endlich die Mutter zuerst das Wort ergriff.

»Seit heute wohl erst?«

»Ja. Als ich früh aufstand, war es dunkel um mich, und doch wußte ich Dich bei der Arbeit.«

»Und ist's wirklich so, kannst Du gar, gar nichts mehr sehen? Hast Du nicht wenigstens noch einen Schein?«

»Nein. Von dem Tage an, wo mich der Junker so sehr erschreckte, ist's so sehr schlimm geworden; die Hitze hat immer zugenommen, und jetzt, da mir das Auge wieder kühl ist, wird mir der letzte Rest von Hoffnung genommen, den ich noch gehegt habe.«

»Und das ist der Grund, wegen dessen Dir so weh ist?«

»Ja, aber noch etwas.«

»Sage auch das, meine Gustel.«

»Ich kann nicht.«

»Warum nicht.«

»Weil ich es selbst nicht weiß.«

Wieder erfolgte eine Pause; die erfahrene Mutter konnte unmöglich über die letzte Antwort der Tochter lächeln. Sie wußte ja, daß es in einem reinen, unberührten Mädchenherzen Regungen giebt, welche nicht eher in die Erkenntniß treten, bis sie von Außen her in Tangention versetzt werden.

»Aber Du fühlst diesen Grund?« fragte sie endlich.

»Ja.«

Schon wollte sie weiter forschen, da kam ihr die Tochter entgegen.

»Hast Du ihn vorhin singen hören?«

Fast erschreckt fuhr die Gefragte zurück. An das hatte sie wohl nicht gedacht, nun aber wußte sie auch, daß die Erblindung ihres Kindes ein doppeltes Unglück für dasselbe sei. Liebkosend zog sie es an sich, und die tiefste Bewegung klang aus jedem ihrer Worte, als sie das einzige Mittel ergriff, das Mädchen vor einem Leide zu bewahren, über welches sich doch nicht sprechen ließ, ohne das flecken- und ahnungslose Gemüth desselben zu verletzen.

»Du weißt vielleicht noch nicht, daß man das eigne Leid über fremdem Weh vergessen kann. Deshalb laß uns einmal zurückblicken in meine Vergangenheit, damit Dein geistiger Blick geschärft werde für das, was das leibliche Auge nicht zu erreichen vermag. Bis jetzt sind Dir nur einige Züge aus dem Bilde meines Jugendlebens bekannt; ich will diese Umrisse vervollständigen und Dir Deine Aufrichtigkeit mit der meinigen vergelten. –

Meine Eltern hast Du nicht gekannt, sie sind mir schon früh entrissen worden, und ich habe außer Dir und Deinem Vater nie ein Wesen gekannt, dem ich mich mit mehr als gewöhnlicher Zuneigung angeschlossen hätte. Der Vater war Beamter in Leipzig gewesen, und ich kam nach seinem Tode zu entfernten Verwandten von ihm, die mich aber nur aufnahmen, um an Lohn für Dienstpersonal sparen zu können. Sie hatten immer einige Studenten in Pension, deren Aufwartung mir übertragen wurde. Aus diesem Grunde kam ich oft mit ihnen in Berührung, die aber trotz der bekannten Zudringlichkeit der Meisten dieser Leute eine rein dienstliche blieb, bis ich Deinen Vater kennen lernte.

Er hieß Emil Wallner, war der Sohn armer, auch schon verstorbener Eltern und besaß in ihrer kleinen, unbedeutenden Hinterlassenschaft die allerdings kaum zureichenden Mittel, Medicin zu studiren und sich so eine zufriedenstellende Existenz zu[186] gründen. Er war ein stiller, bescheidener, fleißiger und deshalb kenntnißreicher, junger Mann, zu dem ich mich bald mit innigstem Vertrauen hingezogen fühlte, welches sich unter dem Einflusse seiner männlichen Schönheit bald in die herzlichste Liebe verwandelte, die er mir ebenso warm und innig erwiderte. Wir wußten Beide, daß wir das Glück unsrer Zukunft nur von unsrer eigenen Arbeit und Tüchtigkeit zu erwarten hatten, und so strebten wir unter vereinter Anstrengung vorwärts und versagten uns jeden Genuß, der unsre geringen Mittel bedrohen oder gar schmälern konnte. Aber trotz, ja vielleicht grad wegen dieses rastlosen Schaffens war jene Zeit eine schöne, ach eine so sehr schöne, daß die Erinnerung an sie sich wie ein goldenes, verklärendes Abendroth noch heut über all mein Denken, Fühlen und Wollen verbreitet.

Leider kam der Augenblick nur zu bald, der uns bittere Trennung brachte, die mir allerdings durch die Hoffnung des Wiedersehens erleichtert wurde. Daß diese Hoffnung eine vergebliche gewesen ist, weißt Du, aber ich halte sie fest, wie ich meine Liebe treu und warm erhalten habe, und Beide, Hoffnung und Liebe, sie werden nicht eher sterben, als bis ich selbst mit ihnen begraben werde.

Emil ging, durch die besten Zeugnisse empfohlen, mit einem reichen und hochstehenden Engländer, von dessen Einflusse er sich die günstigsten Wirkungen in Beziehung auf eine spätere Lebensstellung versprach, auf Reisen. Wir versprachen einander, uns so oft wie möglich zu schreiben, aber außer dem einzigen Briefe, welchen er mir, von der dort unter dem Spiegel hängenden Bleistiftskizze begleitet, von Wien aus schickte, habe ich bis heute keine Nachricht von ihm erhalten.

Ach, es waren traurige Tage, jene Tage, an welchen er von mir ging, obgleich mir seine Gegenwart und Hülfe bald so nothwendig werden sollte. Ich habe sie überwunden, aber nur weil ich aufrecht erhalten wurde durch den Gedanken an die Verpflichtung, mein Leben nun Dir, Deiner Erziehung und Deinem Glücke widmen zu müssen. Leipzig, wo jede Straße, jedes Haus, jeder Gegenstand mich an meine Einsamkeit und Verlassenheit erinnerte, war mir verleidet, und ich ging in Begleitung eines hiesigen Geschäftsmannes, welcher während der Messe stets seinen Aufenthalt bei uns nahm, nach Ernstthal, wo es mir bei vereinfachten Bedürfnissen leichter werden mußte, durch die Arbeit meiner Hände das Brod für Dich und mich zu erwerben.

Ich habe hier sehr viel, sehr viel Liebe und Freundlichkeit gefunden, und der erste aufregende und aufreibende Schmerz ist einer stillen, leidenschaftslosen Trauer gewichen, welche Deine Liebe mir ja stets gelindert hat. Auch im menschlichen Herzen folgt den Tagen des Sturmes eine Zeit des Friedens, und wenn ein schöner verheißungsvoller Lebensfrühling auch nicht in gänzliche Vergessenheit sinken kann, so ruht doch in einem verzeihenden Gemüthe die beste Gewähr einer trostreichen und dauernden Ruhe.« – – –

Sie holte tief Athem und legte die Hand wie beruhigend über das Auge, in welches die Thräne der Erinnerung warm und feucht getreten war.

»Meine Mutter, meine liebe, liebe Mutter!«

»Ja, mein Kind, Du bist mein größter Reichthum; Du bist das einzige Gut, welches mir geblieben ist, und ohne Dich könnte ich nicht sein und nicht leben.«

Wieder erfolgte eine jener Pausen, welche so beruhigenden und wohlthätigen Einfluß auf eine geistige Aufregung ausüben, und diesmal übernahm Auguste die Unterbrechung.

»Ob er wohl gestorben ist?«

»Es ist mir unmöglich, an ihn als einen Todten zu denken, und noch heut wie früher und immer sehe ich ihn in voller, frischer Jugendkraft vor mir stehen, wie ich ihn beim ersten Begegnen erblickte. O, ich wollte all die vielen Jahre des Kummers vergessen, wenn ich ihn nur noch ein einziges Mal sehen könnte, um ihm zu sagen, wie lieb, wie so unendlich lieb er mir gewesen ist. Und wenn er noch so arm und elend vor mich hinträte, ich wollte ihn willkommen heißen, für ihn sorgen Tag und Nacht und nie, nie ein Wort des Vorwurfes über meine Lippen kommen lassen!«

»Und ich, ich könnte ihn nun nicht sehen!«

»Sei ruhig, mein Herz! Die Krankheit Deiner Augen hat mir schwere und bittre Sorge verursacht, und diese Sorge ist heut größer als je zuvor; aber ich habe tausend Mal unter heißen Thränen im Gebete vor Gott gelegen, und er wird Dich, Unschuldige, nicht heimsuchen eines Fehltrittes wegen, an dem Du keinen Antheil hast. Wir haben nur bisher wohl nicht den rechten Arzt gefunden und müssen einmal nach Chemnitz gehen, wo jetzt ein sehr geschickter Augenheilkundiger practiziren soll. Jetzt aber wird der Meister mit dem Abendsegen auf uns warten. Komm, laß es für heute genug sein!«

Sie gingen nach unten, und fanden allerdings den Meister schon hinter der alten, umfangreichen Nürnberger Bilderbibel.

»Macht, daß Ihr kommt! Meine Alte lauert schon längst auf das heutige Evangelium, wir waren nicht in der Kirche. Auf den Richard brauchen wir leider nicht zu warten, der betet nie, sondern streift lieber mit seinem Jägerfranz, mit dem er dicke Freundschaft geschlossen hat, im Walde herum oder treibt droben in seiner Kammer Allotria. Aus dem wird nichts, und deshalb behalte ich auch meine Langgänghosen, die schön gekästelte Sammetweste und den braunen Schooßrock für mich selbst; er braucht sie auch gar nicht, denn heut früh ist er gleich in einem funkelnagelneuen Anzuge herunter gekommen.«

Er rückte die Brille zurecht und verlas das Evangelium. Dann schlug er ein altes, vielgebrauchtes, in Schweinsleder gebundenes Gebetbuch auf, aus welchem er ein »Abendgebet für den Sonntag« buchstabirte und wollte eben nach dem »Amen« das Buch wieder schließen, als die Thür geräuschlos geöffnet wurde und der Geselle eintrat. Nach einem kurzen »Guten Abend« setzte sich derselbe an den Tisch, nahm dem Meister das Buch aus der Hand, blätterte einige Zeit suchend darin herum und begann dann mit fesselndem Ausdrucke:


»Horch, klopfte es nicht an die Pforte?

Wer naht, von Himmelsduft umrauscht?

Woher des Trostes süße Worte,

Auf die mein Herz voll Andacht lauscht?

Wer neigt, wenn alle Sterne sanken,

Mit mildem Licht und stiller Huld

Sich zu dem Staub- und Erdenkranken?

Es ist der Engel der Geduld!


O, laß den Gram nicht mächtig werden,

Du tiefbetrübtes Menschenkind!

Wiß, daß die Leiden dieser Erden

Des Himmels beste Gaben sind,

Und daß, wenn Sorgen Dich umwogen

Und Dich umhüllt des Zweifels Nacht,

Dort an dem glanzumfloss'nen Bogen

Ein treues Vaterauge wacht!


O, laß Dir nicht zu Herzen steigen

Die langverhalt'ne Thränenfluth!

Wiß, daß grad in den schmerzensreichen

Geschicken tiefe Weisheit ruht,

Und daß, wenn sonst Dir nichts verbliebe,

Die Hoffnung doch Dir immer lacht,

Da über Dich in ew'ger Liebe

Ein treues Vaterauge wacht!


O, wolle nie Dich einsam fühlen,

Obgleich kein Aug' sie wandeln sah.

Die sorgenvolle Stirn zu kühlen

Sind Himmelsboten immer da.

Wer stets dem eig'nen Herzen glaubte,

Der kennt des Pulses heil'ge Macht.

Drum wiß, daß über Deinem Haupte

Ein treues Vaterauge wacht!


Und öffnet sich Dein Auge wieder

Dem hellen, goldnen Sonnenstrahl,

Steigt Dir des Lichtes Seraph nieder,

Den Du ersehnt viel tausend Mal.

O, wolle stets den Glauben hegen,

Der Deiner Seele Trost gebracht,

Daß über allen Deinen Wegen

Ein treues Vaterauge wacht!«


Als er geendet hatte, schlug er das Buch wieder zu und verließ mit einem wie vorhin kurzen »Gute Nacht« die Stube.

Es war, als sei das Gedicht grad für die Seelenstimmung der Anwesenden geschrieben, und Niemand konnte den tiefen Eindruck, welchen die unerwartete Vorlesung gemacht hatte, verbergen. Der Meister war der Erste, welcher sprach.

»Nein aber, kann der Goldschmidt lesen; wer hätte ihm auch das noch zugetraut! Es ist wirklich schade um den Menschen, daß er sich Nächte lang draußen herumtreibt. Aber ich kenne doch das ganze Buch auswendig und habe das Gedicht noch nie gefunden. Ich muß nur einmal das Blatt aufschlagen, auf welchem es steht, es war grad bei dem rothen Einzeichen, welches ich gestern hineingelegt habe.«

Er blätterte, aber vergebens.

»Ich glaube gar, er hat das Gedicht auch gleich so aus[187] den Kopfe gemacht, wie er die Lieder alle macht, die er draußen im Garten singt, denn ich finde das Dings im ganzen Buche nicht. Es ist wirklich schade, jammerschade um den Kerl!«

Er stand auf, und das war bei ihm das Zeichen, daß er zur Ruhe zu gehen wünsche. Deshalb erhoben sich auch die Andern. Draußen vor der Treppe blieb Auguste stehen.

»Darf ich noch einen Augenblick in den Garten, Mutter?«

»Es ist kühl, Kind, und Du wirst vielleicht auch den Weg nicht sicher finden.«

»O doch, und erkälten werde ich mich auch nicht. Es ist ja nur für einen Augenblick und ich komme gleich nach.«

Da ging die Mutter nach oben; sie gönnte ihr so gern die Gelegenheit, draußen in der Stille des Abends innerlich ruhig und klar zu werden.

Auguste kannte jeden Zollbreit des Weges und fand also trotz der Nacht ihres Auges die Bank. Tastend fuhr sie mit der Hand über dieselbe hin, aber der erwartete Strauß lag heut nicht da. Nur seinetwegen war sie gekommen und wollte nun enttäuscht wieder zurückgehen, da hörte sie die Hofthüre knarren und den Schritt eines Nahenden. Es war Goldschmidt, sie kannte ja diesen leichten, elastischen und doch so sichern Schritt. Es war ihr, als müsse sie sich verbergen, und unwillkürlich wandte sie sich zur Seite, da aber fühlte sie sich auch schon bei der Hand erfaßt.

»Bitte, bitte, Auguste, nicht Angst haben!«

Er führte sie zur Bank zurück und nahm neben ihr Platz. Es war ihr so bang, aber diese Bangigkeit war nicht von der Art, wie man sie einem gefürchteten Ereignisse gegenüber empfindet.

»Ich möchte gern zwei Fragen aussprechen. Darf ich?«

»Ja«, antwortete sie zaghaft.

»Wen stellt das scizzirte Portrait vor, welches droben unter dem Spiegel hängt?«

»Meinen Vater.«

»Es ist wohl nicht gestattet, etwas Näheres über ihn zu wissen?«

»Wir wissen selbst seit langer Zeit nichts mehr von ihm. Er hieß Emil Wallner, war in Leipzig Student der Medicin und ging vor achtzehn Jahren mit einem Engländer nach Wien, von wo aus er zum letzten Male geschrieben hat. Das ist das Eine, und nun das Andere. Mama hat von einem Herrn von Bredenow, den man hier unter der Bezeichnung des ›Blauweißen‹ kennt, die Anfertigung feiner Wäsche in Auftrag bekommen, und dieser Herr kommt nun fast täglich, um zu sehen, wie weit die Arbeit vorgeschritten ist. Seine Gegenwart ist uns außerordentlich unwillkommen«, fiel das Mädchen mit dem feinen Instinkte ein, den wir so oft und gern beim andern Geschlechte beobachten. »Mutter hat den Auftrag nur angenommen, weil es jetzt an Beschäftigung mangelt und sie nicht wissen konnte, daß derselbe den Vorwand zu wiederholten Besuchen bilden werde.«

»Ich danke.«

Er stand auf und ergriff ihre beiden Hände.

»Zürnt mir Auguste wegen meiner Zudringlichkeit?«

»Nein.«

»Gewiß und wahrhaftig nicht?«

»Gewiß und wahrhaftig nicht!«

»Gute Nacht, meine liebe Auguste!«

»Gute Nacht.«

Sie fühlte seine Lippen auf ihrer Hand und vernahm dann seinen sich entfernenden Schritt. Ihr Herz klopfte stürmisch und ungeahnte Empfindungen durchwogten ihr Inneres. Einen Fremden, ja wohl jeden Fremden hätte sie mit diesen Fragen zurückgewiesen, zu diesem Manne aber fühlte sie sich mit offenem, unwiderstehlichem Vertrauen hingerissen, und es war ihr, als könne er durch seine Fragen den Brunnen ihrer Seele bis auf den Grund ausschöpfen. So eindringlich wie bei den Worten »gewiß und wahrhaftig nicht?« und so tief und innig wie bei dem Abschiedsgruße »gute Nacht, meine liebe Auguste!« hatte ihr noch keine Stimme geklungen, und in seiner Art und Weise, in der dritten Person mit ihr zu sprechen, hatte etwas ihr so Wohlthuendes, für sie Rücksichtsvolles gelegen. Er war es gewesen, der sie aus der Umarmung des verhaßten Junkers gerettet hatte, das war ihr aus den Reden des Letzteren klar geworden, und noch dachte sie mit Angst und Entsetzen jenes Augenblickes, wo er vor ihrem Fenster mit dem wüthenden Pferde gerungen hatte. Dieser Mann konnte unmöglich so sein, wie ihn der Meister bezeichnet hatte, und wenn sie auch nicht den Scharfblick psychologischer Reife und Erfahrung besaß, so konnte sie doch auch nicht der überzeugenden Sprache ihres Gefühles widerstehen.

Noch lange saß sie sinnend auf ihrem Platze und hielt mit der andern Hand wie schützend die Stelle umschlossen, auf welcher sein Mund geruht hatte. Da erhob sie sich und streifte einen Gegenstand, welcher neben ihr lag. Sie nahm ihn auf; es war der gesuchte Strauß. Hatte er schon vorhin hier gelegen und war nur von ihr unbemerkt geblieben oder war er erst später hergelegt worden? Sie wußte es nicht, aber als sie sich zur Ruhe gelegt, konnte sie den Schlaf nicht finden, und noch als er ihr endlich die Augen schloß, klangen ihr die Worte, wie sie solche bisher nur aus dem Munde der Mutter gehört hatte und die sie um Alles in der Welt nicht ungeschehen gewünscht hätte, noch immer in's Ohr: »Gute Nacht, meine liebe Auguste!«

Quelle:
Die Rose von Ernstthal. Von Karl May. In: Deutsche Novellen-Flora. 1. Bd. Neusalza (1875). Lfg. 12, S. 186-188.
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