Incognito's

Ueber den Schloßhof von Lüchow schritt ein Mann, dessen Aussehen nicht sehr appetitlich war. Ein langes, wirres, ungekämmtes Haar hing ihm über das Gesicht herein und ebenso verwahrlost sah der dichte, volle Bart aus, der wohl niemals eine ordentliche Pflege gekannt hatte. Auf dem Kopfe klebte eine Mütze, deren ursprüngliche Form und Farbe gar nicht mehr zu erkennen war. Die hohe, breitschulterige Gestalt des Mannes war in ein Röcklein gekleidet, welches sicher früher auf einem viel kleineren, schmächtigeren Körper gesessen hatte, denn die Aermel reichten nur wenig über den Ellbogen herunter, und die Taille saß beinahe oben zwischen den Achseln. Die Hosen bestanden aus lauter zusammengenähten Flicken und Flecken; die Gamaschen hatten Runzel auf Runzel, und die Schuhe schienen in einem sehr intimen Verhältnisse zu den Zehen zu stehen, denn sie gestatteten ihnen, aus ihrer Gefangenschaft einen eigentlich unerlaubten Ausguck in die freie Welt zu halten. Der Mann trug einen alten, schmierigen Sack auf dem Rücken und ein großes Pflaster quer über der geschwollenen Nase, hatte aber trotz alledem Etwas an sich, was den Gedanken, daß er zu dem Volke der Lüderlichen gehöre, nicht wohl aufkommen ließ.

Vor dem Portale des Schlosses stand der Verwalter Hartig, ein kleines, dünnes Männchen mit spitziger, unangenehmer Vogelphysiognomie.

»Was will Er?« schnauzte er den Ankommenden mit hoher Fistelstimme an.

»Verzeihung, Herr Baron! Ich bin – – –«

»Ich bin nicht der Baron«, unterbrach ihn Hartig, »aber Er kann mich dessen ungeachtet Ew. Gnaden nennen.«

»Sehr schön!« antwortete der Mann in sehr respectvollem Tone. »Ich bin ein armer Handelsmann, der Ew. Gnaden um die Erlaubniß bittet, den Leuten des Schlosses seine Waaren zeigen zu dürfen.«

»Womit handelt Er?«

»Mit Wichse, Stiefelschmiere, Pflaster, Schnürsenkeln, Zwirn, Puder, Knöpfen und Nähnadeln.«

»Für welche Krankheit hilft Sein Pflaster?«

»Es hilft gegen Magenkrebs, Zahnschmerzen, güldene Ader, Aufreiten, Kolik bei Mensch und Thier, Kopfschmerz, Sommersprossen, Ziegenpeter, alle Arten und Sorten von Fieber, Bandwurm, Feldmäuse, Maulsperre, Wasserkopf, Brüche, krumme Beine, Hieb-, Schuß- und Stichwunden, Hühneraugen, Herzwurm, Blasensteine, Warzen, Veitstanz, Mitesser, Rothlauf, Auszehrung, Ueberbeine, Gicht, böse Augen, Weichselzopf, Spat, Dampf, Klauenseuche, Drehwurm, Pips, Wassersucht, Knochenfraß, Schnecken, Regenwürmer, Verrenkung, Nasenbluten, Beulen und Gartenflöhe.«

»Was sagt Er! Für das Alles hilft Sein Pflaster?«

»Für das Alles und noch viel schrecklichere Krankheiten. Wollen Ew. Gnaden eine Probe machen? Haben Ew. Gnaden vielleicht den Weichselzopf oder den Ziegenpeter, die Klauenseuche oder den Knochenfraß und – – –«

»Kerl! Was fällt Ihm ein, he? – Ich – und die Klauenseuche! Ist Er vielleicht verrückt?«

»Ew. Gnaden haben mich ja nicht ausreden lassen! Ich wollte sagen, den Weichselzopf, den Ziegenpeter, die Klauenseuche oder den Knochenfraß im Schlosse. Ich helfe ganz sicherlich. Mein Wunderpflaster wird von dem weltberühmten Doctor, Professor und Wunderkünstler Amadeus Plaustrumus Singultus Promontorius Paderborniensis verfertigt. Es hilft zu jeder Zeit, zu jeder Stunde, bei jeder Krankheit und bei jeder Wunde.«

»Das scheint allerdings ein sehr berühmter Name zu sein, denn er ist lateinisch und sehr lang. Hilft Sein Pflaster auch gegen Leberflecke und gegen das Herzgespann?«

»O, sehr schnell, Ew. Gnaden.«

»Meine Frau hat das Gesicht voller Flecke, und besonders Nachmittags spannt es ihr gewaltig um das Herz herum. Ich werde Sein Pflaster einmal versuchen. Wo hat man es aufzulegen?«

»Gegen die Leberflecke kommt es auf die linke Wade, und gegen das Herzgespann legt man es zwölf Tage lang auf den Nabel.«

»Auf den Nabel? Zwölf Tage lang? Ist es stark?«

»Ja«.

»Es wird ihr doch nicht etwa gar den Nabel herausziehen!«

»Nein, aber herunterziehen.«

»Wie so?«

»Das Herzgespann kommt doch daher, daß der Nabel bis hinauf zum Herzen wächst; dann wickelt er sich um dasselbe herum und würgt es langsam ab.«

»Donnerwetter! Das leuchtet mir ein, denn sie hat ganz das Gefühl, als ob ihr der Nabel das Herz erdrücken wolle!«

»Mein Pflaster hat also den Nabel anzupacken und wieder herunterzuziehen.«[105]

»Gelingt es auch immer?«

»Ja.«

»So gebe Er ein Pflaster her!«

Der Fremde nahm den Sack vom Rücken, griff hinein und zog ein Schächtelchen hervor.

»Hier, Ew. Gnaden!«

»Was kostet es?«

»Eigentlich einen Gulden. Aber weil es für eine so hohe Patientin ist und weil Ew. Gnaden mir die Erlaubniß ertheilen, meine Sachen hier verkaufen zu können, so kann ich unmöglich Etwas nehmen. Ich will es der gnädigen Frau schenken.«

»Ich danke Ihm! Ich sehe, daß Er Lebensart besitzt, obgleich Er nicht darnach aussieht. Was hat Er denn für ein Ding im Gesicht?«

»Das ist eine sehr gefährliche Bremse, die ich von den preußischen Werbern erhalten habe.«

»Was hat denn Er mit ihnen zu thun?«

»Sie wollten mir meinen Sack ausräumen, und ich wehrte mich dagegen.«

»Da hat Er diesen Hieb erhalten?«

»Ja; aber ich habe ihn mit Zinseszinsen zurückgegeben.«

»Freut mich sehr! Diese Hallunken sollte man eigentlich ganz todtschlagen. Aber sage Er, Seine Bremse ist doch nicht etwa ansteckend?«

»Gott bewahre! Es ist ja nur von einem Hiebe!«

»Nun gut. So sehe Er hier zu, ob Er etwas verkaufen kann. Ich werde Ihm nicht hinderlich sein.«

Das kleine Männchen machte sich davon, und der Pflasterhändler stieg die Treppe empor. Droben begegnete er einem Mädchen. Sie war halb wie eine Zofe und halb wie etwas Besseres gekleidet, von hoher, voller Gestalt und blühenden Wangen. Wer sie sah, mußte sie für eine Schönheit erklären. Sie erstaunte, als sie den fremden Mann erblickte, denn Leute von seinem Aussehen wurden hier wohl selten zugelassen.

»Was will Er?« frug sie ihn.

»Guten Tag, schöne Jungfer!« antwortete er. »Der Herr Verwalter hat mir erlaubt, hier im Schlosse meine Waaren zu verkaufen.«

»Was hat Er für Sachen?«

»Pflaster, Wichse, Stiefelschmiere, Nähnadeln, Schnürsenkel, Puder, Zwirn, Heftel und Knöpfe.«

»Ich brauche nichts.«

»Will Sie mir nicht sagen, wo ich Jemand finde, der vielleicht etwas kauft!«

»Gehe Er dort in die Küche. Da sind die Mägde.«

Sie wollte an ihm vorüber. Er aber vertrat ihr den Weg.

»Warte Sie nur noch einen Augenblick, schöne Jungfer!«

»Was will Er noch?«

»Ich wollte Sie nur fragen, ob sich nicht vielleicht heute ein Handwerksbursche hier hat sehen lassen, der seines Zeichens ein Bäcker ist?«

»Ich habe nichts bemerkt. Adieu!«

»Halt. Ich habe noch etwas.«

»Was?«

»Einen Gruß.«

»An wen?«

»An ein Mädchen, das Anna Grunert heißt. Wo finde ich sie?«

»Ich bin es selbst.«

Er blickte sie erstaunt an.

»Sie? Hm! Hat keinen schlechten Geschmack, der Kerl!«

»Wer?«

Er trat ihr einen Schritt näher und sagte mit gedämpfter Stimme: »Der Feldwebel, der Goldschmidt.«

Ihre rosigen Wangen wurden noch röther.

»Von Dem? Von ihm ist der Gruß?«

»Ja.«

»Wo hat Er ihn getroffen?«

»In Lenzen.«

»Wann?«

»Gestern Abend. Ich habe Ihr etwas sehr Wichtiges auszurichten. Hat Sie keine Stube, wo uns Niemand hört?«

»Komme Er!«

Sie führte ihn eine Treppe höher und öffnete dort eine Thür. Beide traten in ein allerliebstes, zweifenstriges Stübchen, welches so nett und sauber gehalten war, daß man seine Freude haben mußte. Der Händler zog die Thür hinter sich zu und schob den Riegel vor.

»Warum verriegelt Er?« frug sie.

»Weil uns Niemand zu überraschen braucht.«

»Also, was hat Er mir auszurichten?«

»Das!«

Er legte den Sack auf den Boden, schlang seine Arme um das Mädchen und drückte ihr einen schallenden Kuß auf die kirschrothen Lippen.

»Unverschämter!«

Mit einem raschen Rucke hatte sie sich losgewunden; dann holte sie blitzschnell aus und versetzte ihm eine Ohrfeige, welche hundertmal stärker klatschte als der Kuß vorher.

Der Mann fuhr sich mit der Hand nach dem Backen.

»Himmeldonnerwetter, das ist ja eine noch viel ärgere Bremse als diejenige, welche ich vorhin dem Verwalter vorgefaselt habe! Anna, Du bist weiß Gott ein Pracht- und Kernmädel. Besser kann ich's selber nicht!«

Sie trat abermals erstaunt zurück.

»Was soll denn das? Wer ist Er?«

Er nahm einen Kieselstein aus dem Munde, die Mütze ab und die falsche Perrücke vom Kopfe.

»Na, wer wird's denn sein? Schau her, Du schlagende Wetterhexe?«

Sie schlug die Hände zusammen.

»Wilhelm!«

»Na, endlich! Wenn es wahr ist, daß die Liebe blind ist, so kann ich mit der Deinigen sehr zufrieden sein.«

»Mein Himmel, wie siehst Du aus!«

»Allerliebst, nicht wahr?«

»Wozu diese Maskerade?«

»Komm, setze Dich her zu mir. Ich werde es Dir sagen.«[106]

»Gut. Aber komme mir ja nicht etwa zu nahe heran! Du siehst ja aus wie der allerschlimmste Vagabund!«

»Nicht wahr? Ich war neugierig, ob Du mich erkennen würdest. Die Probe ist sehr gut ausgefallen, denn ich sehe, daß ich nun vollständig sicher bin. Wenn Du mich nicht erkennst, so vermuthet sicherlich auch kein Anderer den Goldschmidt in mir.«

»Ich wundere mich selber darüber, daß ich Dich nicht sofort erkannte.«

»O, diese Kleidung, der Bart und die Haare, und schließlich noch der Stein im Munde, der die Sprache vollständig verändert, gar nicht zu rechnen die wunderhübsche Beule, die ich mir über das Gesicht geklebt habe.«

»Auch sie ist nicht echt?«

»Nein. Mehl und Leim, weiter nichts.«

»So nimm wenigstens diesen Bart für einen Augenblick herunter!«

»Das geht nicht. Er ist mit Mispelleim fest gemacht.«

»So komm mir ja nicht zu nahe!«

»Hm! Ich habe an der einen Maulschelle genug! Der Appetit ist da, das ist richtig; aber wenn ich nicht freiwillig einen Schmatz kriege, so lasse ich es bleiben. Ich muß gewärtig sein, Du haust mir meinen Karfunkel von der Nase weg, und so einen bekomme ich nicht gleich wieder.«

»Na also, erzähle!«

»War wirklich noch kein Handwerksbursche da?«

»Nein.«

»So wird er bald kommen.«

»Wer ist es?«

»Rathe!«

»Ach was! Sage es lieber gleich!«

»Der Alte.«

»Welcher Alte?«

»Der Dessauer.«

Sie fuhr in die Höhe.

»Was?! Ist's möglich?«

»Ja.«

»Was will denn Der hier?«

»Dich sehen.«

»Mich? Warum?«

»Hm! Ob Du ihm gefällst.«

»Geh weg!«

»Wirklich; es ist so! Ich habe ihm von Dir erzählt, und nun will er einmal unerkannt sehen, was Du für ein Mädchen bist. Gefällst Du ihm, so heirathen wir uns; gefällst Du ihm aber nicht, so – – –«

»So heirathen wir uns wohl nicht, he?«

»O ja, auch, ihm zum Trotze. Aber dann müßte ich meinen Abschied nehmen.«

»Höre, es kommt mir etwas unwahrscheinlich vor, daß der Fürst meinetwegen von Dessau nach Lüchow laufen sollte, noch dazu in der Verkleidung als Handwerksbursche!«

»Er kommt allerdings nicht blos Deinetwegen.«

»Was will er sonst noch?«

»Das ist eigentlich Dienstsache.«

»Ist das Geheimniß so sehr wichtig?«

»Allerdings, wenn man es recht betrachtet. Aber Du sollst es erfahren, da ich sicher bin, daß Du nichts verrathen wirst.«

»Fällt mir gar nicht ein!«

»Die Hannöverschen haben uns in den letzten Tagen mehrere Rekruten weggeführt, und darüber ist der Alte so teufelswild, daß er in höchsteigener Person ausgiebige Revanche nehmen will.«

»Ah! Ihr wollt Euch einige Bursche holen?«

»Ja.«

»Ich habe nichts dagegen. Thut mir nur den Gefallen und nehmt den Peters mit, der immer aufdringlicher wird!«

»Grad diesen nehmen wir.«

»Will es der Fürst?«

»Ja. Ich habe ihm erzählt, daß man Dir den Kerl aufdringen will, und so werden wir ihn unschädlich machen.«

»Du, ich werde Deinen Alten lieb gewinnen!«

»Schön! Ist der große Geselle noch bei Peters?«

»Ja.«

»Auch er muß mit!«

»Du, nehmt Euch in Acht! Es ist keine Kleinigkeit, solche Leute zu überwältigen und fortzuschleppen.«

»Pah! Man ist auch nicht aus Watte gemacht, obgleich ich Deine Maulschelle ruhig hingenommen habe. Übrigens stehen uns dreißig Soldaten zur Verfügung. – Wie verkommst Du mit den Deinen?«

»Schlecht!«

»Ah?«

»Wilhelm, es ist wirklich ein Jammer und ein Elend zu Hause. Der Vater trinkt mehr als jemals zuvor und mißhandelt die Mutter, und die Brüder helfen ihm dabei. Sie will die Scheidung einreichen.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Das freut mich; das ist gut!«

»Warum?«

Sollte er ihr sagen, daß er beabsichtigte, grad auch ihre drei Stiefbrüder wegzufangen? Er zog vor, darüber doch zu schweigen.

»Weil, dann das Elend ein Ende hat,« antwortete er.

»Die Mutter liegt schwer darnieder, so hat er sie zugerichtet!« klagte das Mädchen, dem Thränen in den Augen standen.

»Er wird ausgezahlt; darauf kannst Du Dich verlassen! Und Dein lieber Vormund, der Knirps?«

»Noch immer wie früher. Ich soll und muß den Peters heirathen. Der Vormund scheint dem alten Peters viel Geld schuldig zu sein.«

»Ah, ist es so! Da werden wir einmal dazwischen fahren! Willst Du uns dabei helfen?«

»Natürlich. Nur immer fort mit dem Menschen! Wie ist Euer Plan?«

»Der Fürst hat sich als Handwerksbursche verkleidet und wird hier in der Gegend nach passenden Burschen suchen.[107] Dabei will er die Gelegenheit ergreifen, Dich einmal in Augenschein zu nehmen.«

»Da er sich diese Mühe giebt, scheint er sehr viel auf Dich zu halten!«

»Viel, das ist wahr. Darum möchte ich gern haben, daß er nichts gegen Dich einzuwenden hat.«

»Ich werde mir Mühe geben.«

»Aber thu nur bei Leibe nicht so, als ob Du ihn kennst. Ich bin ja nur deshalb von Lenzen herübergelaufen, um Dich aufmerksam zu machen.«

»Der Fürst weiß nichts davon?«

»Kein Wort. Ich habe strengen Befehl, Lenzen nicht eher zu verlassen, als bis er mir einen Boten schickt. Heute Morgen ist er fort, und ich bin gleich hinter ihm her. Beim ersten Dorfe bin ich abgebogen.«

»Wo hast Du denn die garstige Verkleidung gleich hergenommen?«

»O, das ist das Allerwenigste. Und Legitimation habe ich auch. Ich traf in Lenzen einen Quacksalber, der zum Jahrmarkt feilhalten will. Derselbe hat drei Gehilfen, und Einer von diesen hat mir gegen drei Thaler seine Papiere geborgt.«

»Aber wie kann ich Euch behilflich sein, wenn Du in Lenzen bist? Da kann ich doch nicht mit Dir reden!«

»Ich habe meinem Korporal Alles übergeben. Er ist ein sehr zuverlässiger Mann. Ich bleibe heimlich hier und gehe nur, wenn es nöthig ist, einmal nach Lenzen hinüber. Wir können uns also immer sehen.«

»Wo wirst Du logiren?«

»Im Fremdenverkehr, denn meine Verkleidung paßt nicht wo anders hin.«

»Das ist gefährlich!«

»Warum?«

»Der Fremdenverkehr ist nicht mehr im Gasthofe ›zum Bären,‹ sondern der Schmied Peters hat ihn übernommen. Er hat eine Bier- und Schnapskneipe errichtet.«

»Das soll für mich gefährlich sein?«

»Er kennt Dich ja!«

»Hast Du mich erkannt? Grad weil wir seinen Jungen und seinen Gesellen wegschnappen wollen, ist es mir lieb, daß ich bei ihm wohnen kann. – Horch! Das muß ein Reiter sein.«

Im Schloßhofe ließ sich Pferdegetrappel vernehmen.[108]

Goldschmidt trat an das Fenster, um in den Schloßhof hinabzublicken.

»Alle Teufel, wer ist denn das? Das ist ja der Hartegg!«

»Der Hartegg?« frug Anna, indem sie auch zum Fenster eilte. »Kennst Du ihn?«

»Ich habe ihn in Dessau gesehen.«

»Er war in Dessau?«

»Ja, beim Fürsten, und da ich Dienst im Schlosse hatte, so sah ich ihn kommen und gehen. Kennst Du ihn auch?«

»Nein. Ich sehe ihn heute zum ersten Male. Ein schöner Mann! Nicht?«

»Ja. Er will ganz sicherlich zu Deiner Herrin.«

»Zu wem sonst!«

»Hm!«

»Was?«

»Was mag er wollen?«

»Närrische Frage! Dasselbe, was Du bei mir willst!«

»Das ist möglich,« antwortete er mit eigenthümlicher Betonung. »Ich will hier Zweierlei: Dich sehen und Rekruten angeln. Vielleicht hast Du ganz ohne Dein Wissen Recht. Auch er will seine Braut sehen und Rekruten fangen.«

»Wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Weil mir Erstens sein Umweg nach hier verdächtig vorkommt, und weil er Zweitens als der geschickteste Werbeoffizier Hannovers bekannt ist. Ich wollte, ich wäre eine Maus, um jetzt lauschen zu können!«

»Was das betrifft, so kannst Du ruhig sein. Das gnädige Fräulein wird mir Alles sagen.«

»Ist sie so vertraut zu Dir?«

»Ja. Wir klagen einander die Noth.«

»Natürlich! Ganz so, wie es Weiber zu machen pflegen! Anna, ich muß unbedingt abwarten, ob er hier bleibt oder wieder fortreitet. Geht es?«

»Nein. Man hat Dich kommen sehen, und es würde auffallen, wenn Du so lange bei mir bist. Wir können uns anderswo treffen.«

»Wo?«

»An der hintern Gartenmauer. Vom Balkon aus kann ich ganz gut mit Dir reden, wenn Du draußen vorübergehst.«

»Dann müssen wir aber ein Zeichen verabreden.«

»Wenn ich Dir Etwas zu sagen habe, lege ich mein weißes Taschentuch hier an das Fenster. Das kannst Du von der Stadt aus sehen.«

»Und wenn ich mit Dir reden will?«

»Siehst Du die Linde da drüben?«

»Ja.«

»Neben ihrem Stamme liegt ein Stein. Sobald er auf der andern Seite liegt, komme ich in den Garten.«

»Gut. Das wird bei Tage ausreichen. Aber Abends?«

»Ich bin punkt 11 Uhr im Garten. Und giebt es etwas Außergewöhnliches, so schicke ich nach dem Fremdenverkehr um ein Pflaster.«

»So sind wir einig. Jetzt also fort. – Anna!«

Er sah sie bittend an.

»Geh!«

»Na, sei nur nicht grausam!«

»Du siehst zu abscheulich aus. Dieser dreckige Bart, die Kleisterbeule auf der Nase und das schmutzige, alte Gesicht! Pfui!«

»Aber es steckt doch ein anderes dahinter!«

»Na, meinetwegen denn; sonst werde ich Dich in Ewigkeit nicht los!«

Sie reichte ihm mit einiger Vorsicht den Mund entgegen. Er schob den Bart so viel wie möglich bei Seite und holte sich zum zweiten Male Das, was er vorhin mit einer Ohrfeige bezahlt hatte. Dann setzte er Perrücke und Mütze wieder auf, warf den Sack über den Rücken und reichte ihr die Hand.

»Leb' wohl, Anna. Auf Wiedersehen um 11 Uhr, wenn bis dahin nicht vielleicht etwas Dringendes passirt.«

»Leb' wohl!«

Als er bereits die Thür ergriffen hatte, nahm sie ihn plötzlich freiwillig beim Kopfe und küßte ihn auf den falsch bebarteten Mund.

»Nimm Dich in Acht, Wilhelm! Ich weiß, daß Du stark und muthig bist; aber wenn man Dich erwischt, so geht es nicht gut!«


Unterdessen war Hartegg vom Pferde gestiegen. Ein in der Nähe stehender Diener eilte herbei, um das Thier in Empfang zu nehmen.

»Ist Fräulein von Liebau zu Hause?«

»Ja.«

»Wo ist sie?«

»Auf ihrem Zimmer. Eine Treppe rechts. Die Zofe wird da sein, um Sie anzumelden. Soll ich das Pferd in den Stall ziehen?«

»Nein. Führe Er es auf und ab, ich komme bald wieder.«[121]

Er stieg die Treppe empor und schritt auf die ihm bezeichnete Thür zu. Aber noch ehe er dieselbe erreicht hatte, öffnete sie sich von selbst, und in dem hellen Raume zwischen dem Thürgewände erschien ein so liebliches, reizendes Bild, daß selbst er, der diesen Liebreiz längst schon kannte, bezaubert stehen blieb.

Die Dame, welche da stand, war vielleicht dreiundzwanzig Jahre alt und eine wahrhaft königliche, vollständig entwickelte Schönheit. Ihr Haar, nach damaliger Sitte weiß gepudert und mit winzigen Goldflimmern besäet, war über der Stirn hoch empor genommen und sank hinten in langen, weichen und dichten Wellen auf die Schultern herab, welche marmorweiß aus dem weit ausgeschnittenen Kleide hervorschimmerten. An den feinen Schläfen rollten sich kleine, kokette Löschen in einander, um der hohen, freien Stirn einen milderen, weicheren Eindruck zu ertheilen. Tiefschwarze, herrlich gebogene Brauen überwölbten Augen, deren strahlende Bläue mit der des Firmaments wetteifern konnten. Das kleine Näschen war zwar nicht streng und scharf, aber voll Charakter geschnitten. Die vollen Lippen hatten sich jetzt unter dem Eindrucke der freudigen Überraschung leise geöffnet, so daß die glänzenden Spitzen der kleinen Zahnperlen zwischen ihnen hervorschimmerten. Die Gestalt war hoch, von plastischer Fülle und Rundung, aber dennoch fluthete um dieses herrliche Wesen eine Anmuth, eine Zartheit, eine Wonne spendende Milde, welche ein jedes Männerherz umstricken und erobern mußte.

»Ernst!« rief sie mit glückstrahlendem Lächeln.

»Auguste!«

Sie öffneten beiderseits die Arme und lagen sich am Herzen. Sie beherrschte sich zuerst wieder.

»Komm' herein!«

»Sahst Du mich kommen, mein Leben?«

»Ja. Und ich öffnete selbst, denn die Zofe ist zur Stadt gegangen, und die Gesellschafterin scheint beschäftigt zu sein. Setze Dich!«

Sie nahmen Hand in Hand neben einander Platz und beschauten sich mit vor Freude glänzenden Augen.

»Ich überraschte Dich sehr, nicht wahr, Auguste?«

»Sehr! Ich konnte nicht denken, Dich in Lüchow zu sehen. Eben dachte ich an Dich, als ich Dich absteigen sah.«

»An mich? Wirklich?« frug er glücklich.

»O, ich denke immer an Dich! Doch wie war es Dir möglich, mir die gegenwärtige Freude zu bereiten, Ernst?«

»Der Dienst führt mich in diese Gegend. Ich war in Dessau.«

»In Dessau?«

»Beim Fürsten.«

»Bei ihm? Wirklich? In dienstlicher Angelegenheit?«

»Ja.«

»Gewiß wieder etwas Unangenehmes!«

»So ist es. Ich bin das Chicaniren nachgerade gewohnt geworden. Man will mich peinigen, um mich gefüge zu machen.«

»Ärmster!«

»Man steckt mich mit der Tochter des Obersten zusammen, so oft es nur möglich ist, und fast scheint es mir, als ob ich nur die Firma eines anderen Besitzers bilden solle. Erst vorige Woche wieder gab es eine ziemlich aufgeregte Scene, und um mich dafür zu strafen, schickte man mich nach Dessau.«

»In welcher Angelegenheit?«

»Es war wahrhaftig die reine Böswilligkeit! Ich sollte nur dem Fürsten bedeuten, daß er sich keine Rekruten mehr aus Hannover holen dürfe. Der Kurfürst-König hat sich sogar bei Kaiser und Reich beschwert, obgleich es seine Werber ganz in der gleichen Weise treiben. Man kennt den Dessauer und wußte also, daß ich mit ihm ganz ernstlich zusammengerathen mußte.«

»Ist Dies geschehen?«

»Ja.«

»O weh!«

»Leider! Die schlaue Berechnung dieser hohen Herren hat ganz zu dem vermutheten Facit geführt. Sie wußten, daß Du ohne die Einwilligung des Dessauers wohl nicht die Meinige werden kannst, und ertheilten mir diesen Auftrag nur, um ihn gegen mich aufzubringen. Ich war allerdings so vorsichtig, das Private noch vor dem Dienstlichen zu berühren, aber – – –«

»Du hast mit ihm von mir gesprochen?« unterbrach sie ihn schnell.«

»Ja.«

»Was sagte er?«

»Sein Bescheid lautet ungünstig. Er wird niemals zugeben, daß Du einen Hannoveraner heirathest.«

»Ernst, ich schwöre Dir, daß es dennoch geschehen wird!«

»Ich danke Dir! Deine Liebe ist es allein, die mich bisher auf gerader Bahn erhalten hat. Ich gerieth mit dem Fürsten bitterbös zusammen, so daß ich sogar gezwungen war, ihn zu fordern.«

»Herrgott! Das hättest Du gethan? Wie unvorsichtig!«

»Er griff zum Stocke.«

»Er hätte nicht geschlagen!«

»Er schlug bereits. Ich mußte blank ziehen, um den Hieb zu pariren, und haute ihm den Stock in Stücke.«

»O, nun ist Alles verloren!«

»Noch nicht, mein Herz. Gerade diese Verwegenheit hat dem Fürsten imponirt und, wie ich glaube mir seine Gewogenheit erworben. Er hat mir die Beleidigung freiwillig abgebeten.«

»Ist's möglich!«

»Und dann sind wir in Frieden von einander geschieden. Ja,« lachte er, »der Alte hat mir sogar noch eine Menge Proviant eingepackt, den ich mitnehmen mußte: Butterbrod, Wurst, Schinken, Käse, saure Gurken, Zwiebeln und Knoblauch.«

»Das sieht ihm ähnlich! Und nun beginne ich allerdings wieder zu hoffen. Ich konnte mir ja denken, daß Ihr nicht als Feinde scheiden würdet. Du bist gewohnt, Freund und Feind zu besiegen.«

Ihr Blick haftete auf seiner männlich kraftvollen Gestalt und seinen schönen, offenen Zügen.[122]

Hartegg führte lächelnd ihre Hand an seine Lippen.

»Du beurtheilst mich mit den Augen der Liebe, mein Leben. Möge mir dieses Glück bewahrt bleiben für jetzt und immerdar! Leider hat das persönliche Wohlwollen des Fürsten keinen Einfluß auf sein Urtheil gehabt. Noch im Scheiden frug ich ihn wiederholt, und er blieb dabei, daß Du niemals einen Hannoveraner heirathen dürfest.«

»So kaufe ich mich in Hannover an. Dann ist es nicht mehr nöthig, Rücksicht auf ihn zu nehmen.«

»Nein, nein! Alles nur Dieses nicht! Du weißt, daß Hannover mir ganz und gar verleidet ist.«

»So nimm den Abschied und komm nach Preußen!«

Er blickte gedankenvoll und finster zur Erde.

»Dieser Gedanke hat für mich immer etwas Anstößiges gehabt; in neuerer Zeit aber scheint man mich geradezu zwingen zu wollen, mich mit ihm zu versöhnen. Wenn man eine Saite zu sehr anspannt, so reißt sie. Mein dienstliches Verhältniß gleicht einer solchen Saite. Ich war nicht allein in Dessau.«

»Wer war mit?«

»Prinz Friedrich Ludwig.«

»Was Du sagst! Der eingebildete Geck, den ich in Uelzen traf?«

»Ja.«

»Warum ging er mit?«

»Daraus werde ich nicht klug. Nur im mich zu ärgern, das ist doch nicht Grund genug. Es wird ein wenig Abenteuerlichkeit mit im Spiele sein. Er ließ sich in Celle für einige Tage Urlaub nach Braunschweig geben, und während man jetzt meint, daß er bereits wieder zurückgekehrt sei, hängt er mir als riesenhafte Klette an der Schleppe. Wenn sein Vater, der Kronprinz, oder gar der König es erfährt, wird man mir unschuldigen Menschen eine Nase drechseln, die in steter Erinnerung bleiben muß. Und dabei cujonirt er mich auf jede Weise. Ich bin in Dessau fast noch ärger mit ihm zusammengerathen als mit dem Fürsten. Er nannte mich wiederholt einen Lügner und drohte sogar mit dem Stocke.«

Auguste erbleichte.

»Was hast Du darauf gethan?«

»Was das allein Mögliche war: Ich habe ihn gefordert.«

»Und was antwortete er?«

»Er drohte mit Cassation, Spießruthen und Zuchthaus. Das ergrimmte mich vollends, und so bot ich ihm Ohrfeigen an. Das half. Er widerrief, versprach mir aber, mein Verhalten an oberster Stelle zu denunciren.«

Sie legte ihm die Arme auf die Schultern und küßte ihn auf die Stirn.

»Für diesen Muth muß ich Dich belohnen, Ernst! – Gerade so und nicht anders hätte auch ich gehandelt. Nun aber wird es doppelt schlimm für Dich!«

»Ich werde sehen, wie lange es zu ertragen ist. Jeden falls werfe ich so bald wie möglich diese Fesseln ab. Ja, Fesseln sind es, und zwar die schlimmsten, die es giebt. Sogar nach Lenzen ist mir der Prinz gefolgt!«

»Was thatest Du in Lenzen?«

»Hm! Wirst Du mich verrathen?«

»Ich Dich! Willst Du mich kränken?«

»Es ist wahr! Selbst so etwas wird bei Dir sicher aufgehoben sein. Nächsten Montag ist in Lenzen Jahrmarkt und diese Gelegenheit soll ich benutzen, um eine Anzahl von Rekruten zu fangen.«

»Wieder!«

»Jawohl! Man vertraut vorzugsweise gern mir dergleichen heikle Geschäfte an, weil sie sehr geeignet sind, mich in Blamagen zu bringen. Ich kenne das! Und dieses Mal ist der Prinz darauf versessen, mit dabei zu sein. Wenn es sich nicht um mich selbst dabei handelte, so wünschte ich, daß er von den Preußen attrapirt und weggefangen würde.«

»So ist er in Lenzen?«

»Seit heute Morgen nicht mehr. Und das ist es eben, was mich zu Dir führt. Ich habe mit ihm von Dir gesprochen und ihm offen erklärt, daß ich mich nicht beeinflussen lasse. Darauf hat mir dieser Mensch ganz ruhig erklärt, daß er für die Zeit meines Aufenthaltes in Lenzen hier in Lüchow wohnen werde.«

»Hier!« rief die junge Dame bestürzt.

»Ja. Er wird Eure Gastfreundschaft in Anspruch nehmen.«

»Incognito?«

»Versteht sich.«

»Ich jage ihn fort!«

»Das kannst Du nicht. Du bist selbst nur Gast hier, und der Besitzer oder dessen Verwalter können einen solchen Besuch unmöglich fortweisen.«

»Was soll ich thun, Ernst?«

»Das darf ich getrost nur Dir selbst überlassen. Aber Eins muß ich Dir sagen, obgleich ich gern dar über schweigen möchte; Er hat nicht nur mich, sondern auch Dich beleidigt. Er kommt nicht nach Lüchow, sondern zu Dir; er besucht Dich als ein Frauenzimmer, das ihm Amusement gewähren soll.«

Sie erröthete bis in den Nacken herab.

»Was! Er hatte die Stirn, Dir das zu sagen?«

»Ja.«

»Und Du hast ihm nicht die Faust in das Gesicht geschlagen?«

»Er zog es vor, sich mit dem letzten Worte schleunigst zu entfernen.«

»Weißt Tu, was ich thun werde?«

»Was?«

»Ich reise sofort ab!«

Hartegg lächelte.

»Fürchtest Du ihn?«

Sie erhob sich und schritt einige Male im Zimmer auf und ab. Dann blieb sie vor ihm stehen und legte ihm die Hand auf den Arm.

»Du hast Recht. Eine Liebau flieht keinen solchen Menschen, und Diejenige, die Dein Weib werden soll, muß ihn mit einem einzigen Blicke niederschlagen können. Ich bleibe. Wann wird er kommen?«

»Er kann jeden Augenblick hier sein. Ich borgte mir ein Pferd, um gleich hinter ihm abzureiten, und schlug einen[123] Feldweg ein, um ihm zuvorzukommen, da ich vor ihm mit Dir sprechen wollte. Ich werde aufbrechen müssen.«

»Du lässest mich ohne Sorge allein mit ihm?« frug sie.

»Ohne Sorge und mit vollstem Vertrauen,« antwortete er.

»Ich danke Dir! Wird man Dich hier gekannt haben?«

»Ich glaube nicht. Ich war noch niemals hier, bin in Civil und habe nur mit einem Diener gesprochen.«

»So wird Niemand erfahren, daß Lieutenant Hartegg bei mir gewesen ist.«

»Können wir uns wiedersehen?«

»Wo?«

»Hier. Es sind noch mehrere Tage bis Montag, und ich kann zu Pferde ja leicht herüber und wieder zurück.«

»Dann müßtest Du Dich verkleiden, um von dem Prinzen nicht erkannt zu werden, falls er Dir begegnen sollte.«

»Gewiß. Aber wo treffen wir uns?«

»Es müßte natürlich des Abends sein. Kannst Du eine Zeit bestimmen?«

»Nein. Ich weiß nicht, was der Dienst mir bringt. Da drüben sind Steinbrüche, in denen sicher oft gesprengt wird. Ist Abends ein Schuß auffällig?«

»Wohl schwerlich. Die Bursche in der Umgegend schießen gar oft.«

»Wohl. Sobald da drüben bei der Linde ein Schuß fällt, bin ich da. Wo treffen wir uns dann?«

»Im Garten. An der hinteren Mauer desselben befindet sich ein Balkon. Wenn ich auf demselben stehe und Du draußen bist, können wir ganz gut mit einander sprechen.«

»Kann man von Außen hinaufkommen?«

»Das käme auf meine Gewogenheit an. Vielleicht könnte ich einen Schlüssel mitbringen,« lächelte sie, »wenn ich es mit Dir wagen dürfte.«

»Bringe ihn getrost mit, Auguste; ich bitte Dich darum! Ich hätte noch viel zu sagen und zu fragen, aber ich darf nicht riskiren, von dem Prinzen überrascht zu werden. – Lebe wohl, mein Herz, und bleibe mir gut und hold!«

»Lebe wohl, Ernst! Sei vorsichtig. Du bist in Lenzen nicht ohne Gefahr.«

Sie verabschiedeten sich mit derselben Zärtlichkeit wie nur wenige Minuten früher das Paar eine Treppe über ihnen; dann ritt der Lieutenant davon.[124]

Hartegg suchte die Stadt möglichst zu umgehen und schlug dann einen Richteweg ein, der von der nach Gartow, Schnakenburg und Lenzen führenden Straße seitab ging. Er war noch nicht lange auf demselben fortgeritten, so erhob sich einige hundert Schritte vor ihm eine lange, kräftige Gestalt aus dem Grase, worin dieselbe augenscheinlich geruht hatte, und zog sich seitwärts in die Büsche.

»Ein Handwerksbursche,« lachte er. »Der arme Teufel konnte getrost liegen bleiben. Ich selbst bin ja froh, wenn ich nicht bemerkt werde!«

Hartegg ritt weiter, ohne sich umzusehen. Der Handwerksbursche aber war hinter den ersten Büschen stehen geblieben und beobachtete ihn, bis er vorüber war. Er schien sich im Unklaren zu befinden, denn er schüttelte unbefriedigt den Kopf und brummte vor sich hin:

»Albernheit! Es war nur eine Ähnlichkeit. Wie käme denn dieser Hartegg nach Lüchow. Auf fünfhundert Schritte kann sich auch ein scharfes Auge täuschen, und die Mähre, die er ritt, war nur ein Karrengaul, aber kein Pferd für einen solchen Schwerenöther, wie der Hartegg ist!«

Der Handwerksbursche trat aus dem Gebüsch hervor und schlug den Weg nach der Stadt ein.

Dieser »arme Reisende« stand bereits nicht mehr in den gewöhnlichen Wanderjahren. Er mochte mindestens vierzig Jahre zählen, hatte einen gewaltigen Schnurrwichs und ein Paar kohlpechrabenschwarze Augen, die sicherlich auch mit grimmigen Blicken um sich werfen konnten. Sein gepudertes Haar war in einen faustdicken Zopf gebunden, welcher unter einem alten, breiten Fälbelhute perpendikelartig hin und her baumelte. Der Anzug war zwar alt, aber reinlich und ganz, auf dem Rücken saß ein wohlgefüllter Ranzen, und in der Rechten führte er einen Knotenstock, dessen Astschnitte mit kupfernen Nägeln beschlagen waren.

Als er Lüchow erreichte, schritt er stracks gleich auf die erste Person zu, welche ihm begegnete. Es war eine alte Frau.

»Grüß Sie Gott, Alte! Wo ist hier die Herberge?« frug er sie.

»Für wen?«

»Na, für wen sonst, als für die Handwerksburschen!«

»Es giebt zwei Herbergen. Was hat Er für ein Metier?«

»Ich bin Bäcker.«

»Die Bäcker, Schmiede, Schlosser, Klempner, Feilenhauer, Schreiner und Wagner bleiben beim Schmied.«

»Beim Schmied? Hat Der eine Herberge?«

»Freilich. Er hat sie erst jüngst eröffnet.«

»Wie heißt der Kerl?«

»Peters.«

»Peters? Mohrenelement! Ist's Der, der einen Sohn und einen Gesellen hat?«

»Ja.«

»Wo wohnt er?«

»Gehe Er über den Markt und dann rechts. Da kommt Er auf die Dannenberger Straße. Dort wohnt der Schmied.«

»Ich danke Ihr, Alte! Hier, da hat Sie Etwas!«

Der Handwerksbursche zog einen alten Strumpf heraus, der jetzt das Schicksal hatte, als Geldbeutel zu dienen, griff hinein und gab der Alten ein Geldstück. Sie sah es an und riß Mund und Augen auf.

»Na, was glotzt Sie mich denn an!«

»Na, Er ist mir aber doch ein sonderbarer Kerl!«

»Warum, he?«

»Statt daß Er es macht wie andere Handwerksburschen, welche fechten gehen, schmeißt Er ja mit Geld um sich wie ein Heide. Sieht Er denn nicht, daß Er mir fünf Silbergroschen gegeben hat!«

»Geht Sie das etwa was an, Sie alte Kohlenschaufel Sie? Soll ich Ihr vielleicht beweisen, daß ich auch fechten kann? Nämlich mit meinem Prügel hier. Wenn Sie nicht sofort macht, daß Sie mir aus dem Kraute geht, so haue ich Ihr noch fünf Groschens, die nicht von Silber sind, um den dummen Kopf herum. Sei Sie doch froh, daß Sie hat, was Sie hat! Gemaust ist es nicht!«

Die Alte machte sich sehr erschrocken aus dem Staube, und der Handwerksbursche schritt dem Markte zu. Als er die Dannenberger Gasse erreichte, hörte er lauten Hammerschlag erschallen und erkannte die Herberge an den ausgehängten Handwerkszeichen. In der räucherigen Stube saßen mehrere Leute, welche er gar nicht beachtete, weil sie nach nichts aussahen, und an dem Ofen lehnte die hohe, knochige Gestalt des Schmiedes, dessen Schurzleder von Schmutz starrte.

»Gott zum Gruß, Herr Vater!« grüßte der alte Bursche mit dröhnender Stimme. »Ich bin ein wandernder Gesell der ehrbaren Bäckerzunft und werde Ihn bitten, mir ein Glas Bier zu geben.«

Der Wirth räusperte sich wichtig, schnäuzte sich erst einmal und sagte dann: »Ein Bäcker wäre Er? Das mache Er mir nicht weiß.«

»So! Warum glaubt Er es nicht?«[137]

»Weil Er die Schmiedefarbe im Gesichte hat. So sieht nur ein Schmied oder ein Soldat aus, der viel Pulver gerochen hat!«

»Das kann Ihm ganz egal sein, ob ich Schmied oder Bäcker oder Maulwurfsfänger oder Lufthut bin. Ich bleibe bei Ihm nicht über Nacht. Schaffe Er das Bier, und halte Er Sein Maul!«

»Na, Er scheint mir zur allerbesten Sorte zu gehören!«

»Schwatze Er nicht! Bier her!«

»Na, na, na, na! Er wird doch nicht gleich verdursten und verdampfen!«

»Verdampfe nur Er selber, sonst werde ich Ihm Beine machen!«

Es waren nur drei Tische vorhanden, ein runder, der mit einem weißen Linnen belegt war, und zwei lange. An dem einen der letzteren saßen vier Handwerksgesellen, die den Bäcker wegen seines couragirten Auftretens mit offenem Munde bewunderten, und an dem andern saß nur eine einzige Person. Es war – der Pflasterhändler, Feldwebel Wilhelm Goldschmidt.

Diesem Letzteren war es bei dem Erscheinen des Bäckers nicht sehr wohl zu Muthe. Wenn er von ihm erkannt wurde, mußte es ein fürchterliches Donnerwetter geben; aber er nahm sich vor, so dreist wie möglich zu sein.

Der Wirth brachte das Bier.

»Da hat Er Sein Theil!«

»Mein Theil? Ist Er bei Sinnen! Wie viele Tropfen gehen denn eigentlich in diesen Fingerhut, he? Und wie sieht das Zeug aus! Ist das Bier? Oder haben vielleicht Frösche in den Soff geheckt?«

»Es ist Bier, und damit pasta!«

»Werd's kosten!«

Er nahm das Glas an den Mund und that einen kleinen Zug, zog aber sofort ein Gesicht, als ob er Schwefelsäure verschluckt habe, und spuckte Alles wieder aus.

»Was soll das sein? Bier soll das sein? Weiß Er, was das ist? Ich will es Ihm gleich sagen: Wasser ist es, Scheuerwasser mit Essig, Aloe, Sauerampfer, Huflattich, Bilsenkraut, guter Heinrich, Teufelsdreck und Stubenkehricht. Was kostet so ein Vogelnäpfchen voll davon?«

»Fünf Pfennige.«

»Fünf Pfennige? Na, es ist auch darnach!«

»Höre Er, sei Er höflicher, sonst wird Er einfach an die Luft gesetzt!«

»Mache Er keinen Summs, und behalte Er Seine Luft für sich! Hat Er vielleicht ein besseres Bier?«

»Hm! Kann Er es bezahlen?«

»Das geht Ihm den Teufel an.«

»Das geht mich wohl etwas an! Da kommt oft so ein Vagabund, thut groß und dick, ißt und trinkt, und wenn es zum Treffen kommt, langen die paar Bettelpfennige nicht aus. Wer ist nachher der Geleimte, he? Ich, kein Anderer!«

»Na, thue Er nur nicht selber dicke! Er sieht mir gar nicht so aus, als ob Er um sehr viel geleimt werden könnte! Da gucke Er einmal her! Sieht Er diesen Strumpf, he?«

»Alle Wetter! Ist der voll Geld?«

»Was soll es sonst sein? Apfeltröpfe vielleicht?«

»Höre Er, da versteht Er sich aber ganz ausgezeichnet auf's Fechten!«

»Das will ich wohl meinen. Ich fechte, daß die Schindeln prasseln! Also, was hat Er noch für Bier?«

»Gose und Mumme. Das ist eigentlich nur für die Herren Honoratioren, wenn die mich einmal besuchen.«

»Honoratioren? Wird auch viel Gescheidtes geben in diesem Neste! Schneider, Schuster, Ofenputzer, Löffelmacher, Ellenreiter, ja! Ist die Gose echt?«

»Natürlich!«

»Dummheit! Natürlich ist blos das Wasser, und das mag ich nicht! Ich meine, ob die Gose auch wirklich aus Goslar ist.«

»Ja.«

»Bringe Er mir eine!«

»Kann Er sie denn auch vertragen?«

»Warum?«

»Wer sie nicht gewohnt ist, dem geht es schlimm!«

»Na, da wird Er mir Seine Hosen auch nicht dazu borgen. Scheere Er sich hinaus, sonst helfe ich nach!«

Der Schmied hatte sich über den Mann erst ärgern wollen, jetzt aber war er klug geworden und lachte über ihn.

»Höre Er« – sagte er – »Er ist ein Grobian, wie er im Buche steht. Außer Ihm giebt es nur noch Zwei, die so 'was fertig bringen.«

»Ah! Wer wäre denn das?«

»Mein Compater, der Hillmann in Wustrow, und der alte Dessauer.«

Da fuhr der Bäcker von seinem Sitze auf.

»Wer? Der alte Dessauer? Kerl, wie kommt Er auf Diesen!«

»Na, ich dächte doch, daß der wegen seiner Feinheit weit und breit berühmt ist. An den soll ja nicht einmal mein Compater, der Hillmann, reichen!«

Der Bäcker besann sich und setzte sich wieder nieder.

»Möglich!« brummte er. »Gehe Er einmal nach Dessau, und gucke Er sich ihn an! Vielleicht wird Er vom Dessauer mit Haut und Haar und Schurzleder gefressen. Aber, warum nennt Er ihn den ›alten‹ Dessauer, he?«

»Na, seine Jungens sind doch schon groß genug beim Militair, und übrigens ist es nun einmal Sitte, einen solchen Grobian den ›Alten‹ zu heißen.«

»Schön! Nun aber hat Er genug geschwatzt. Schaffe Er die Gose her!«

Der Wirth holte dieselbe herbei; der Bäcker trank und schmunzelte.

»Schmeckt das?« frug der Schmied.

»Ja, das ist etwas Anderes als die Seifenbrühe dort. Ich trinke gleich aus. Bringe Er noch eine – – oder, halt, noch zwei!«

»Für wen?«

Der Bäcker deutete auf den Pflasterhändler.

»Für Den da. Er sitzt mit mir an einem Tische und[138] soll auch mit mir trinken. Das bin ich so gewohnt. Ihm ist's doch recht, he? Oder nicht?«

Diese letzteren Fragen waren an den Händler gerichtet.

»Ich trinke mit!« antwortete dieser gleichgültig.

»Das will ich Ihm auch gerathen haben! Abschlagen lasse ich mir nichts. Wer oder was ist Er denn eigentlich?«

»Ich bin ein Handelsmann.«

»Womit schachert Er?«

»Mit Schnürsenkeln, Knöpfen, Wichse, Schmiere, Puder und Pflaster.«

»Schönes Geschäft! Paßt ganz gut zusammen! Wenn Einer einmal Seine Wichse kriegt, kann er sich gleich mit Seiner Schmiere salben, mit Seinem Puder einreiben und mit Seinem Pflaster umwickeln lassen; die Knöpfe dafür steckt Er dann ein und bindet den Beutel mit Seinen Schnürsenkeln zu.«

»Ich treibe auch noch Anderes.«

»Was?«

»Ich schlage die Karte und sage wahr.«

»Aha! Ist Er so ein Galgenstrick, der Anderen das Geld abschwindelt!«

»Ich schwindele nicht. Mir hat stets Alles zugetroffen.«

»Schneide Er nicht auf! Ich wollte Ihn schon auf die Probe stellen, daß Ihm angst und bange würde.«

»Das kann Er thun!«

»Was! Er wagt es, mir zu widersprechen?«

»Dabei ist nichts gewagt. Was ich sage, trifft zu, und damit punktum! Es steht einem jeden Menschen in der Hand geschrieben, was er war, was er ist und was er sein wird. Sogar die Gedanken und Absichten lassen sich aus der Hand erkennen.«

»Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Gedanken und Absichten? Das wird mir zu viel; das ist zu bunt! Wollen wir wetten?«

»Ich wette mit,« antwortete der Händler sehr ruhig.

»Um was?«

»Um die beiden Gosen. Wer verliert, der hat sie zu bezahlen.«

»Er hält mich wohl für einen tüchtigen Esel, he? Die Gosen habe ich bestellt; da stehen sie, und ich werde sie auch bezahlen. So billig kommt Er mir nicht weg. Seine Frechheit soll besser bestraft werden! Hat Er Geld?«

»Ein Weniges; so was ich in acht Wochen gelöst habe.«

»Hat Er fünf Thaler?«

»Die sind da.«

»Oder vielleicht zehn?«

»Vielleicht bringe ich sie zusammen.«

»Zähle Er auf!«

Der Händler langte in die Tasche und zog ein altes Schnupftuch hervor, in dessen Zipfel er sein Geld eingebunden hatte. Er zählte es.

»Es ist mehr, als ich dachte,« sagte er vergnügt. »Ich habe billig gelebt.«

»Wie viel?«

»Vierzehn Thaler zwanzig Silbergroschen und neun Pfennige.«

»Wagt Er, das zu setzen?«

»Ja.«

»Schön!«

Mit höchst befriedigter Miene zog der Bäcker seinen Strumpf hervor und zählte die gleiche Summe ab.[139]

Während der Bäcker diese Arbeit verrichtete, holte der Schmied seine Frau, seinen Sohn und den Gesellen herbei. Diese sollten das mit ansehen, denn so was war hier noch gar nicht vorgekommen.

»Hier ist mein Geld!« sagte der Bäcker. »Ist Er bereit?«

»Ja.«

»So hat Er hier meine Hand. Aber wenn nicht Alles zutrifft, bekommt Er von Seinem Gelde keinen Heller wieder!«

»Und wenn Alles zutrifft, so ist Sein Geld mein Eigenthum!«

»Versteht sich. – Hier, gucke Er auf die Hand. Also erst die Vergangenheit!«

Der Handelsmann nahm die Hand und betrachtete sie aufmerksam.

»Nun? Wird's bald? Oder geht Ihm schon jetzt die Klugheit flöten?«

»Nur langsam! Das ist eine Hand, wie ich sie noch nicht betrachtet habe. – Er ist an einem glücklichen Tage geboren.«

»An welchem?«

»Am dritten Juli.«

»Alle Wetter, Er kann gut rathen!«

»Stimmt es?«

»Ja.«

»Das ist nicht gerathen, sondern es steht ganz deutlich in der Hand geschrieben. Das will ich Ihm gleich beweisen, denn hier stehen auch die Namen Seiner Eltern.«

»Was? Hokuspokus! Wie heißen sie?«

»Sein Vater heißt Hansgörg und Seine Mutter Jette. Oder soll ich die Namen so lesen, wie sie im Kirchenbuche stehen werden?«

»Nein. Er ist ein Teufelskerl, es stimmt!«

»Hier steht auch das Bild von dem Hause, in dem Er geboren wurde. Soll ich es von Seiner Hand weg auf den Tisch abzeichnen?«

»Ja. Bin doch neugierig, denn bisher ist Ihm der Schwindel gelungen.«

»Wirth, schaffe Er Kreide!«

Die Kreide wurde gebracht, und der Händler begann, indem er die Hand immerfort genau betrachtete, zu zeichnen. Er war sehr vorsichtig und warf nur einige Linien hin, aber der Bäcker merkte bereits bei den ersten Strichen, daß die Zeichnung das Schloß zu Dessau vorstellen würde. Rasch fuhr er mit der Hand darüber hinweg.

»Da schlage doch der Henker d'rein!« rief er ganz erstaunt. »Auch dieses stimmt!«

»Nun wollen wir sehen, wie Seine Pathen und Schulmeister heißen und bei wem Er das Backen erlernt hat.«

»Halt! Davon will ich nichts wissen. Sage Er mir die Gegenwart!«

»Diese fällt gewöhnlich mit den Absichten und Gedanken zusammen. Seine Hand hat so deutliche Züge, wie ich sie noch bei keinem andern Menschen gesehen habe. Hier finde ich zunächst zwei Männer. Der Eine ist Er selber, und der Andere, der – der heißt Wilhelm. Hier steht es. Der Zuname ist niemals dabei. Hinter den Beiden kommen zwei, fünf, acht, elf, zwanzig, dreißig Männer, wenn ich richtig gezählt habe, und ganz hier hüben, über diese tiefe Grenzlinie hinweg, sehe ich zunächst einen Ambos mit zwei Männern, das müssen also Schmiede sein, und dann noch drei Männer, von denen der Eine ein Kalb sticht, während die – – –«

»Halt! Halt!« unterbrach ihn der Bäcker, der seinen ganzen Plan in der größten Gefahr sah, verrathen zu werden. »Ich mag nichts mehr wissen, gar nichts!«

»Stimmt es?«

»Ja, ja, ganz und gar. Er ist der größte Himmelsakkermenter, den ich in meinem Leben gesehen habe! Aber, halt! Wer ist Er, wie heißt Er, und wo ist Er her? Er kann mich doch bereits einmal gesehen haben, und dann sollte Ihn allerdings der Teufel reiten!«

»Hier hat Er meine Legitimation!«

Er zog das Papier hervor und reichte es dem Bäcker hin. Dieser sah es durch.

»Hm! Stimmt! Und die Visa beweisen, daß Er mich nicht gesehen haben kann. Höre Er, so Etwas habe ich bei meiner armen Seele für rein unmöglich gehalten. Das bringt mir ja kein Doctor und kein Professor fertig! Wo will Er denn von hier aus hin?«

»Ich gehe über die Grenze nach Preußen hinüber.«

»Hm! Wohin?«

»Weiß es noch nicht. Zunächst mache ich den Markt in Lenzen mit.«

»Es ist möglich, daß ich auch hinüberkomme. Wo wird Er da bleiben?«

»Im Gasthofe ›zum Mecklenburger‹, wie ich denke.«

»Schön! Vielleicht treffen wir uns dort. Woher hat Er denn die Beule da in Seinem Gesichte?«[153]

»Die haben mir die hannöverschen Werber gehauen.«

»Hole sie der Teufel – oder, na, meinetwegen auch nicht! Er Himmelelementer hat mir also die Wette abgewonnen.«

»Das Geld ist mein?«

»Natürlich! Stecke Er es ein, denn Er hätte das Seinige auch nicht wiederbekommen. Aber denke Er ja nicht, daß es mich wurmt! Wenn Er nicht so ganz genau das Richtige getroffen hätte, daß ich glauben könnte, Er habe mich betrogen, so würde ich Ihm einmal die Karte schlagen, aber wie! Was kostet die Gose, Wirth!«

»Zwei Silbergroschen.«

»Macht zusammen sechs Silbergroschen fünf Pfennige. Da kostet mich also der Spaß hier über fünfzehn Thaler. Ist das hier Sein Sohn?«

»Ja.«

»Und das Sein Geselle?«

»Ja.«

»Hier hat Er das Geld. Ich wünsche, daß Euch die fünfzehn Thaler wohl bekommen! Lebt wohl, und vergeßt den Bäcker nicht!«

Er warf den Ranzen wieder über, griff zum Knotenstocke und verließ die Herberge, um den Weg nach dem Schlosse einzuschlagen.

»Miserable Geschichte!« brummte er mißmuthig vor sich hin. »Verwette ich hier vierzehn Thaler zwanzig Silbergroschen und neun Pfennige. Wenn das die Anneliese wüßte, die würde ein Gesicht ma chen wie ein alter Ofentopf. Aber so Etwas ist mir auch noch gar nicht vorgekommen? Liest mir der Kerl die Namen, das Datum und sogar auch das Bild von der Hand herunter! Ob nur Alles wahr gewesen ist! Es muß wahr sein, obgleich ich es kaum glauben kann. Es giebt in der Welt Dinge, denen man geradezu als Esel und Dummhut gegenübersteht. Wie nun, wenn dieser Handgucker auch den Andern prophezeit? Dann ist mein schöner Plan vollständig futsch, und ich kann in eine schauderhafte Patsche gerathen. Na, ich denke, er wird schleunigst daran gehen, den Gewinnst zu verjubeln, und da giebts zum Wahrsagen keine Zeit.«

Als er den Schloßhof betrat, stand der Verwalter wieder neben dem Portale, um ein Pferd zu betrachten, welches ihm vorgeführt wurde. Droben aber konnte man das Köpfchen Anna's sehen, welche lauschend am Fenster stand, um die Ankunft des Handwerksburschen ja nicht zu versäumen. Der Bäcker trat mit tiefabgezogenem Hute zu dem Verwalter und bat mit demüthiger Stimme: »Herr, ein armer Reisender. Darf ich Euch um eine kleine Gabe bitten?«

Das Männchen sah ihn unwillig an und antwortete mit hoher Stimme: »Was hat Er hier zu betteln? Arbeite Er!«

»Das will ich, Herr. Habt Ihr vielleicht Arbeit für mich?«

»Was ist Er?«

»Ich bin Bäcker.«

»Hier wird nicht gebacken. Mache Er, daß Er fortkommt!«

Der »arme Reisende« wandte sich von dem Verwalter ab und wollte in das Portal treten.

»Halt! Wo will Er hin?«

»In's Schloß.«

»Da hat Er nichts zu suchen!«

»Es wohnen außer Euch wohl auch noch andere Leute da, die einen armen Reisenden nicht abweisen werden.«

»Er hat sich zu entfernen. Ich bin der Verwalter, und wenn ich sage, daß Er gehen soll, so geht Er auch. Verstanden?«

»Ihr könnt doch den Andern nicht verbieten, mir etwas zu geben!«

»Ich verbiete es. Hier wird nicht gefochten. Packe Er sich, sonst werfe ich Ihn vor das Thor hinaus!«

Der Handwerksbursche lachte am ganzen Gesichte.

»Wollt Ihr das vielleicht einmal probiren? So eine Puppe, wie Ihr seid, werfe ich doch gleich über die Wolken hinweg!«

Er trat ein. Der Verwalter eilte ihm nach, stieß aber auf Anna, welche eiligst heruntergekommen war.

»Daß Sie diesem Menschen nichts giebt!« gebot er.

»Warum nicht?«

»Er ist ein Grobian, und ich lasse hier nicht betteln.«

»Herr Verwalter, seid Ihr ein Christ? Die Bibel sagt: ›Wohlzuthun und mitzutheilen vergesset nicht.‹ Und was die Bibel sagt, Das muß gelten!«

»Ich leide es nicht!«

»Vergeßt nicht, Herr Verwalter, daß ich nicht Eure Untergebene bin. Mein gnädiges Fräulein ist Gast Eures Herrn, der es sehr übel vermerken würde, wenn Ihr uns in gleiche Reihe mit Eurer Dienerschaft stellen wollt. Übrigens bin ich keine Dienstmagd, und Ihr habt also nicht Sie, sondern Ihr zu mir zu sagen. Verstanden? Man kann höflich sein, selbst wenn man ein Verwalter ist. Merkt Euch das!«

Das Gesicht des kleinen Mannes drückte eben so viel Grimm wie Erstaunen aus. »Gut! Schön!« rief er. »Ich werde es mir merken. Aber vergeßt es selber auch nicht! Man weiß doch nun, wie man sich zu verhalten hat!«

Der Verwalter ging; das Mädchen aber streckte dem Handwerksburschen die Hand entgegen und sagte: »Mache Er sich nichts daraus! Der Verwalter ist ein Filz, ein Geizkragen.«

Er musterte sie mit leuchtenden Augen und ergriff ihre Hand. »Was, Jüngferchen, Sie giebt einem alten Herumläufer Ihre Patsche?«

»Warum denn nicht? Er sieht ja ganz reputirlich aus und ist ganz sicher kein Herumbummler. Übrigens habe ich das Verhalten des Verwalters wieder gut zu machen.«

»Wie will Sie das anfangen, he?«

»So, wie es in der Bibel steht.«

»Nun, was steht denn da?«

»Brich dem Hungrigen Dein Brod, und die in Armuth sind, führe in Dein Haus. Hungert ihn, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn.«

»Donnerwetter, Sie ist doch ganz gewaltig bibelfest!«

»Hat Er Hunger?«

»Wie ein Wolf!«

»So komme Er!«

Sie führte ihn zwei Treppen empor in ihr eigenes[154] Zimmer, wo auch vorher der Feldwebel Goldschmidt gesessen hatte.

Er blieb an der Thüre stehen und blickte sich ganz erstaunt um.

»Was? Sie speist mich nicht vor der Thüre ab? Sie führt mich in diese Stube, die so nett und sauber wie ein Schmuckkästchen ist, und wo hinein ich gar nicht gehöre!«

Sie stellte sich aufrecht vor ihn hin, stemmte die Hände in die Seiten und ließ ihr Auge in scherzhafter Musterung von seinem Kopfe bis zu seinen Füßen herablaufen.

»Meint Er etwa, daß man kein Herz und kein Auge hat?« frug sie dann. »Einen Vagabunden schickt man mit einem Pfennig oder einem Dreier zum Teufel, Er aber gehört nicht zu dieser Sorte. Er ist guter Leute Kind; Er trägt sich nicht schlumprig und schlottrig, sondern glatt und sauber; Er ist auch kein junger Leichtfuß, sondern ein gesetzter Mann, der wohl nur deshalb noch Geselle ist, weil Ihm das Schicksal nicht so wohl gewollt hat wie Anderen, die das oft gar nicht verdienen. Solche Leute, wie Er, muß man achten und ehren, denn sie haben Reputation im Leibe und sehen die Gabe nicht nach der Größe an, sondern nach der Freundlichkeit, mit der sie gegeben wird. Ist's nicht so?«

»Alle Wetter, Jüngferchen, Sie redet ja weiß Gott wie ein Pfarrer! Aber Recht hat Sie, vollständig Recht.«

»Nun sieht Er! Ich nahm Ihn also gegen den Verwalter in Schutz, der ein geiziger und aufgeblasener Frosch ist, und mochte Ihn auch nicht in die Küche führen, weil da die Mägde sitzen, die einen ehrbaren Wandersmann nicht von einem Herumlungerer zu unterscheiden wissen. Nehme Er in Gottes Namen den Tornister herunter; lege Er ab und mache Er es sich hier auf dem Kanapee bequem. Ich werde unterdessen gehen, um Ihm einen Imbiß zu holen.«

Sie entfernte sich, und er legte Hut, Knotenstock und Ranzen ab.

»Hm! Das ist ein sauberes, bildhübsches und couragirtes Weibsen! Wenn das dem Goldschmidt seine Liebste ist, so hat der Kerl wahrhaftig in einen Glückstopf gegriffen. Diese Stube ist ja so ein allerliebstes Nestchen, wie es kaum die Anneliese hat. Kein Stäubchen, kein Fäserchen, sondern Alles blitz und blank. Kerngesunde Ansichten hat das Ding, und Einem den Text zu lesen, versteht sie ganz prächtig. Und neben diesem Verstande hat sie ein wohlthätiges Herz und ein frommes Gemüth. Wer die bekommt, den möchte man beneiden.«

Er setzte sich auf das Sopha und nahm eine so bequeme Haltung an, als ob er hier zu Hause sei. Nach kurzer Zeit kehrte sie mit einem großen Präsentirbrett zurück, auf welchem sich ein kaltes und sehr reichliches Vesperbrod befand. Sie legte ihm mit jener ungekünstelten Grazie vor, welche die Speisen um das Zehnfache appetitlicher erscheinen läßt und bat dann mit heiterem Lächeln: »So, nun lange Er nur munter zu. Es ist am Mittag nichts Warmes übrig geblieben, und so habe ich zusammengesucht, was grad zu finden war. Aber Etwas werde ich Ihm noch holen.«[155]

Das Mädchen ging noch einmal und kehrte dann mit einer vollen Weinflasche und einem Glase zurück.

»Was! Wein bringt Sie mir?« frug er verwundert.

»Wie Er sieht!«

»So hat Sie den Keller des Verwalters geplündert? Geschieht ihm recht!«

»Da irrt Er sich. Ich werde Ihm doch nicht gestohlenen Wein vorsetzen! Ich habe diese Flasche zum Geburtstage erhalten. Es ist süßer, ungarischer Frauenwein, und ich habe ihn für eine Extra-Gelegenheit aufgehoben.«

»Was Sie mir da sagt! Und dieses Geburtstagsgeschenk giebt Sie einem Handwerksburschen? Das ist doch nicht etwa die Extra-Gelegenheit, auf die Sie gewartet hat!«

»Jawohl!«

»Oho!«

»Ich will es Ihm aufrichtig sagen: Er gefällt mir, und da werde ich Ihm doch nicht etwa geradezu als Fechtbruder behandeln.«

»So! Gefalle ich Ihr! Hm! Wie meint Sie das? Etwa daß ich Ihr so gefalle, wie Einem der Liebste gefällt?«

»Bewahre! Er hat so etwas Festes, Sicheres, so etwas Selbstbewußtes an sich, was meine Achtung und mein Vertrauen erweckt. Es ist mir grad, als ob mein Vater auf Besuch gekommen wäre. So meine ich es.«

»Das freut mich. Hier hat Sie meine Hand; lege Sie Ihr Patschchen hinein. Ich muß Ihr danken, denn Ihre Worte schmecken ebenso gut wie Ihr Essen. Aber Ihren Geburtstagswein werde ich Ihr nicht wegtrinken.«

»Warum nicht?«

»Werde mich hüten!«

»Dann macht Er mich ärgerlich; das sage ich Ihm. Was ich gebe, das gebe ich gern, und wenn Er es nicht annimmt, so beleidigt Er mich. Ich bin gut und freundlich mit Ihm, also muß Er auch grade so gegen mich sein; das bitte ich mir aus!«

»Na, Sie soll Ihren Willen haben, Sie allerliebste Wetterhexe. Aber Sie muß mittrinken. Versteht Sie wohl?«

»Das werde ich wohl thun.«

»Hat Sie noch ein Glas?«

»Ich laufe nicht erst wieder hinunter. Darf ich gleich mit Ihm trinken?«

»Was? Sie will mit einem Handwerksburschen aus einem Glase trinken?«

»Warum nicht? Glaubt Er, ich graue mich vor Ihm?«

»Aber sehe Sie meinen alten Schnurrwichs an!«

»Der gefällt mir grade!«

»Hm! Ja, ja! Habe davon gehört!«

»Wovon?«

»Daß ein Bart sehr nothwendig ist: Ein Kuß ohne Bart ist wie ein Ei ohne Salz. Na, da komme Sie her! Ihr Wohlsein und das Ihres Liebsten auch mit!«

»Danke!«

»Sie wird roth? Habe ich das Richtige getroffen? Hat Sie Einen, he?«

»Möglich!«

»Bleibe Sie mir mit Ihrem ›Möglich‹ vom Leibe! Ich will das Wirkliche wissen. Hat Sie Einen?«

»Ja. Aber Ihn geht das doch nichts an.«

»Das kann man nicht wissen. Wer ist es denn, he?«

»Er kennt ihn doch nicht.«

»Auch das kann man nicht wissen. Was hat er für ein Gewerbe?«

»Keins.«

»Ach pah! Er muß doch etwas betreiben!«

»Ein Gewerbe nicht. Er ist Soldat.«

»Habe es gedacht! Zweierlei Farbe ist doch etwas Anderes als so ein bloßer Leinwandkittel. Hat er eine Charge?«

»Er ist Feldwebel.«

»Hm, nicht übel! Wo steht er denn? In Hannover? Celle? Göttingen?«

»Er ist kein Hannoveraner.«

»Nicht? Was sonst?«

»Preuße.«

»Preuße? Na, adieu Hochzeit!«

»Ja, das ist es eben! Höre Er, hat Er einmal ein Mädchen so recht von Herzen lieb gehabt?«

»Donnerwetter, das will ich meinen!«

»Nun denke Er sich, daß Er sie nicht hat bekommen sollen – – –«

»Das war auch grad der Fall.«

»So? Was hat Er da gethan?«

»Ich habe mich den Geier an die Einreden gekehrt und meinen Willen durchgesetzt.«

»Das mag unter Umständen gehen; aber wenn man nichts machen kann, ist das nicht traurig, he?«

»Höre Sie, Jüngferchen. Sie laborirt wohl auch an dem Herzbeutelblasenstein, so was man gewöhnlich unglückliche Liebe zu nennen pflegt?«[169]

»Ach ja!«

»Na, flenne Sie nur nicht! Sie sieht mir doch sonst nicht nach diesem Unglücke aus.«

»Es ist aber doch so! Und ich bin es nicht allein.«

»Wer noch? Ihr Liebster?«

»Natürlich! Aber den meinte ich nicht.«

»Wen sonst?«

»Wir sind ihrer Zwei hier im Schlosse, die Seinen Herzbeutelblasenstein herumzuschleppen haben.«

»Wer ist denn die Andere?«

»Mein gnädiges Fräulein von Liebau.«

»Von Liebau? Ist das nicht ein Anhaltischer Name?«

»Ja. Sie stammt aus Anhalt-Dessau. Denke Er sich nur, sie ist eine Anhalterin und liebt einen Hannoveraner, und ich bin eine Hannoveranerin und bin einem Anhaltischen gut, und wir Vier sollen einander nicht haben!«

»Ihr Vier? Sakkerment, das klingt ja grad so, als ob Ihr Euch zu Viert zusammentrauen und zusammenbrauen lassen wolltet!«

»Mache Er keine dummen Witze! Der Jammer und das Elend ist groß genug. Und daran ist nur ein Einziger schuld.«

»Wer denn?«

»Der Fürst Leopold von Anhalt-Dessau.«

»Der? Dieser Himmelhund? Dieser schlechte Kerl, der so grausam sein – – –«

»Halte Er Sein Maul!« unterbrach sie ihn eifrig. »Wenn Er sich solcher Ausdrücke über den Marschall bedient, so hat Er es mit mir zu thun!«

»Wie?! Was?! Der Kerl ist an Ihrem Unglücke schuld, und Sie vertheidigt Ihn trotzdem!«

»Natürlich! Erstens ist der Fürst ein großer Kriegsheld und ein guter, sparsamer Landesvater, gar nicht so stolz wie andere Fürsten, zwar ein wenig grob und kräftig, aber doch fromm und brav wie nur Einer. Zweitens ist er der Kriegsherr meines Feldwebels, und ich habe ihn also zu achten und zu respectiren. Drittens wird er wohl seine Gründe haben, daß er sich weigert, aber blos, weil er uns nicht kennt. Wenn er wüßte, was wir von ihm denken, wie wir ihn schätzen und verehren, so würde er sich unserm Glücke nicht in den Weg stellen, sondern eine Einsicht haben.«

»Heiliges Wetter, Sie spricht ja wie der Prophet Hesekiel oder Maleachi! Ich habe immer gehört, daß der Dessauer ein Tyrann, ein Lumpenhund, ein Nero, Phylax und Bullenbeißer ist!«

»Da hat Er sich einmal sehr falsch berichten lassen. Der Dessauer ist ein ganzer Kerl. Wenn ich die Tochter eines Kaisers wäre, Der hätte mein Mann werden müssen. Hat Er nicht gehört, wie lieb er seine Anneliese hat? Er flucht und wettert gern ein Bischen, aber der Herrgott giebt darauf gar nichts, sondern er sieht das Herz an, und das ist beim Fürst Leopold lauter wie Gold, Das weiß ich ganz genau.«

»So! Wer hat es Ihr denn gesagt?«

»Mein Feldwebel. Der würde sich für den Dessauer in Stücke hacken lassen.«

»Kennt Sie den Fürsten?«

»Ich habe ihn noch nie gesehen.«

»Kennt ihn die Liebau?«

»Ob jetzt noch, das weiß ich nicht, aber sie hat ihn vor acht Jahren einmal gesehen, als sie noch ein halbes Kind gewesen ist.«

»Hm! Ist sie schön.«

»Sehr.«

»Schöner wie Sie?«

»Hundertmal!«

»Wer ist denn eigentlich ihr Liebster?«

»Der Oberlieutenant von Hartegg, der ein tüchtiger, braver Offizier ist.«

»Möglich. Aber der Dessauer wird niemals zugeben, daß sie sich heirathen.«

»Warum?«

»Er kann die Hannoveraner nicht leiden. Bei Ihr wird das vielleicht etwas Anderes sein.«

»Wieso?«

»Wenn Sie Ihren Feldwebel heirathet, so ist Sie ja keine Hannoveranerin mehr. Was hat denn der ›Alte‹ gegen Sie gehabt?«

»Noch nichts wohl. Mein Feldwebel hat sich bisher gar nicht getraut, ihm etwas zu sagen, denn erstens sieht es der Fürst nicht gern, wenn so Einer sich eine Frau nimmt, und zweitens muß die Frau dann auch nach dem Geschmacke Seiner Durchlaucht sein.«

»Was hat diese Durchlaucht denn für einen Geschmack, he?«

»Das weiß ich nicht.«

»Und Sie glaubt wohl, daß Sie nicht nach seinem Geschmacke ist?«

»Leider.«

»Heiliger Polterabend! Dann wäre der Dessauer bei Gott das allergrößeste Rhinoceros, was es nur geben kann. Ich will Ihr einmal einen guten Rath geben: Laufe Sie geschwind nach Dessau und stelle Sie sich dem Fürsten vor. Ich will ein Schuft und Pinsel heißen, wenn es dann nicht sofort mit Ihrem Herzbeutelblasenstein ein Ende hat.«

»Denkt Er?«

»Das ist meine Überzeugung. Das Herz wackelt Einem ja im Leibe, wenn man Ihr nur in die Augen sieht! Wenn ich nicht so ein alter Dachs wäre, so würde ich Sie Ihrem Feldwebel streitig machen. Ich glaube, wenn der Dessauer Sie sieht, so läuft ihm vor Appetit das Wasser im Maule zusammen. Würde Sie ihm einen tüchtigen Schmatz geben, wenn er Ihr sagte, daß Sie Ihren Feldwebel bekommen soll?«

»Gleich zwei oder drei, und zwar richtige und tüchtige, denn das wäre ja gegen meinen Bräutigam keine Sünde, und wer dem Dessauer einen Kuß geben darf, der kann sich so viel darauf einbilden, als hätte er einen Orden mit sammt der goldenen Kette erhalten.«

»Da möchte ich nun allerdings vor Wuth zerplatzen, daß ich der Dessauer nicht bin!«

»So?« lachte sie lustig. »Ihm läuft wohl auch das Wasser zusammen?«[170]

»Versteht sich!«

»Na, tröste Er sich. Wenn der Dessauer uns erlaubt, uns zu heirathen, und es trifft sich, daß wir uns einmal wiedersehen, so soll Er auch einen Kuß bekommen. Das verspreche ich Ihm.«

»Ist das wahr?«

»Ja.«

»Höre Sie, dann ist es besser, Sie giebt ihn mir gleich jetzt!« Er erhob sich und kam hinter dem Kanapee hervor.

»Fällt mir nicht ein! Erst den Feldwebel und dann den Kuß.«

»Papperlapapp! Was will Sie machen, wenn ich ihn mir jetzt nehme?«

»Das wage Er ja nicht! Es würde Ihm schlecht bekommen.«

»Oho!«

»Ein unerlaubter Kuß ist für ein braves Mädchen ganz dieselbe Beleidigung wie eine Ohrfeige für einen braven Mann!«

»Schrum, schrum, es wird dennoch riskirt!« – Er trat schnell auf sie zu und umfaßte sie, um sie zu küssen; aber in demselben Augenblicke schallte eine gewaltige Ohrfeige auf seiner Wange. Der Schlag war so kräftig, daß er sie augenblicklich los ließ und sich mit beiden Händen nach der getroffenen Stelle fuhr.2[171]

Quelle:
Ein Fürst-Marschall als Bäcker. Humoristische Episode aus dem Leben des »alten Dessauers« von Karl May. In: Deutsche Gewerbeschau. 4. Jg. Dresden (1882). Nr. 11, S. 169-172.
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