II.

Der Pandur

Es war für das liebe, schöne Oesterreich eine gar schlimme Zeit. Mit Kaiser Karl dem Sechsten war der habsburgische Mannesstamm erloschen, und als seine Tochter Maria Theresia den Thron bestieg, sah sie trotz der pragmatischen Sanction die Schwerter von Preußen, Spaniern, Neapolitanern, Franzosen, Baiern und Sachsen gegen sich gerichtet. Die heldenmüthige Herrscherin verzagte nicht; sie wendete sich an ihre Ungarn, welche ihr mit dem begeisterten »Moriamur pro rege nostro Maria Theresia!« antworteten. Ihr Heer war in Baiern unter dem wackern Khevenhüller glücklich; aber in Böhmen stand der thatendurstige Preußenkönig, um das der Kaiserin abgenommene Schlesien zu behaupten. Gegen ihn zog unter Karl von Lothringen der Feldmarschall Königsegg heran; ein Zusammenstoß war unvermeidlich.

In der böhmischen Bezirksstadt Humpoletz ging es um die Mitte des Monates Mai im Jahre 1742 sehr lebhaft, ja fast mehr als lebhaft zu. Wem es vergönnt gewesen wäre, aus einem Luftballon auf die Stadt herabzublicken, der hätte dieselbe sehr leicht für ein Nest voll rother Ameisen halten können, deren Regsamkeit sich ganz besonders gegen den Ringplatz zu concentriren schien. Diese Ameisen waren roth bekleidete Panduren, die Angehörigen jener berüchtigten Truppe, von welcher damals Tausende beteten »Herr Gott, behüte uns vor Theurung und Hagelschlag, vor Pestilenz und Ungewitter, vor Kroaten und Panduren!«

Der Führer jener blutroth gekleideten und leider auch in der Geschichte blutig verzeichneten Schaar war gewohnt, die Seinen in steter Bewegung zu erhalten. Bei ihm gab es keine Ruhe und Stille, kein gemüthliches Rasten und kein geduldiges Harren. Er, der selbst von inneren und äußeren Mächten ruhelos hin und her getrieben wurde, ließ die Wogen seines heißen, rücksichtslosen Naturells auch hinaus auf seine Umgebung branden, und so kam es, daß der Ringplatz einem wirren Ameisenneste und nicht dem Ruheplatze einer vom Marsche ermüdeten Truppe glich.

In einem Zimmer seines Quartieres lag der Panduren-Oberst Freiherr Franz von der Trenck auf dem Sopha, dessen Ueberzug er mit den Sporenrädern ganz unbedenklich bereits in Fetzen zerrissen hatte. Auf dem Boden lagen beschmutzte Karten, zerstampfte Schreibfedern, zerbrochene Weingläser, verbogene Löffel und Gabeln, Bruchstücke von Tellern und Tassen, übersäet von Streusand und Tabaksasche, und auf dem Tische, welcher vor dem Sopha stand, sah es beinahe noch chaotischer aus. Die umgeworfenen Schüsseln hatten ihren Inhalt mit dem verschütteten Weine vermischt, so daß die Ueberreste der theuren Mahlzeit in breiten, bunten Streifen am Tafeltuche herabliefen und dann auf die Diele tropften.

Dem Obersten gegenüber saßen zwei Männer, die Einzigen, welche mit ihm dinirt hatten. Der Eine trug die Uniform eines Majors und der Andere diejenige eines Hauptmannes. Das Gesicht eines Jeden von ihnen hätte zu einer interessanten psychologischen Studie veranlassen können, wenn nicht die Person Trenck's die ganze Aufmerksamkeit für sich in Anspruch genommen hätte. Trenck war ein schöner, sogar ein sehr schöner Mann, der jetzt das Alter von dreißig Jahren erst um ein einziges überschritten hatte. Ebenso berühmt wie seine Körperstärke war auch seine Befähigung, die härtesten Strapazen mit größter Leichtigkeit zu ertragen. Bekannt war es, daß er sieben Sprachen vollständig beherrschte und ausgezeichnete militärische Kenntnisse besaß; aber in moralischer Beziehung ließ sich über ihn kaum ein nur einigermaßen schonendes Urtheil fällen. Jähzornig, rücksichtslos, herzlos, im höchsten Grade habsüchtig, zeichnete er sich ebenso durch verwegenen Muth und wilde Tapferkeit wie durch eine nur zu oft barbarische Grausamkeit aus, welche ihn später doch endlich in das Verderben führte.

Er war als Sohn eines kaiserlichen Oberstlieutenants, der aus Preußen stammte, in Reggio in Calabrien geboren, wurde von den Jesuiten in Ödenburg erzogen und trat im Alter von siebzehn Jahren in kaiserliche Dienste, die er aber seiner Händelsucht wegen bald wieder verlassen mußte. Er wandte sich später nach Rußland, wo er als Rittmeister in ein Husarenregiment eintrat. Wegen grober Verletzung der Subordination zweimal zum Tode verurtheilt, wurde er auf Verwendung des Feldmarschall Münnich zwar begnadigt, aber cassirt und zu Schanzarbeit verurtheilt. Er kehrte auf seine in Slavonien gelegenen Güter zurück, wo er sich besonders mit der Unterdrückung der zahlreichen Räuberschaaren, welche jene Gegenden beunruhigten, beschäftigte, dabei aber bei Weitem mehr grausam als menschlich verfuhr. Bei dem Ausbruche des österreichischen Erbfolgekrieges erhielt er die Erlaubniß, ein Corps von tausend Panduren auf eigene Kosten auszurüsten. Dasselbe wurde zuletzt gegen fünftausend Mann stark und bildete stets die[233] Vorhut, zeigte aber dabei zwar ganz dieselbe Tapferkeit, doch auch ganz dieselbe Gewaltsamkeit, durch welche sein Führer berüchtigt war. Die Kaiserin mußte seine kriegerischen Verdienste anerkennen, konnte ihn aber ganz unmöglich in seiner Stellung belassen. Er weigerte sich, abzutreten und wurde endlich wegen unaufhörlicher Greuelthaten und Subordinationsvergehen zu lebenslänglicher Gefangenschaft auf dem Spielberg verurtheilt, wo er auch starb.

Jetzt also lag er mit seinen Panduren in Humpoletz, und der Zustand seiner Wohnung bewies, daß er mit den beiden Offizieren ein wüstes Gelage abgehalten habe. Sie lagen betrunken in ihren Sesseln, während der Oberst sie mit höhnischer Schadenfreude betrachtete; er hatte schon manchen starken Trinker unter den Tisch gebracht, war selbst aber noch niemals besiegt worden.

Die schnarchenden Seufzer der beiden Betrunkenen wurden von dem Wirthe des Hauses unterbrochen, welcher nach einem lauten Klopfen in das Zimmer trat.

»Was will Er?« rief ihm der Oberst zornig entgegen. »Wie kann Er es wagen, einzutreten, ohne vorher angemeldet zu sein!«

»Verzeihung, Herr Oberst!« bat der Mann mit demüthiger Geberde. »Man wollte mich nicht anmelden, und da habe ich mir erlauben müssen – – –«

»Erlauben müssen?« unterbrach ihn Trenck, indem er das letztere Wort besonders betonte. »Ist es etwas so sehr Nothwendiges, daß man sich hier stören lassen muß?«

»Für mich ist es nothwendig, gnädigster Herr. Es betrifft meine Uhr.«

»Seine Uhr!« brauste Trenck auf. »Hält Er mich etwa für einen Uhrmacher, he?«

Er erhob sich drohend aus seiner liegenden Stellung, wobei der Inhalt seiner türkischen Tabakspfeife auf das Sopha fiel, dessen Ueberzug sofort zu glimmen begann. Der Wirth sah das, hatte aber nicht den Muth, ein Wort darüber zu erwähnen; er fuhr fort:

»Es war eine Schwarzwälder Spieluhr, ein theures Andenken meiner Voreltern. Man hat sie von der Wand gerissen und zerschlagen, um im Ofen Feuer damit zu machen. Und als ich mich dagegen sträubte, hat man mich mit der flachen Klinge blutig geschlagen.«

Trenck stieß ein rohes Lachen aus und frug:

»Hat die Uhr gut gebrannt?«

»Leider!«

»Das ist Sein Glück! Er hat uns brauchbares Brennholz zu schaffen, und wenn die Uhr nicht gut gebrannt hätte, so wäre Er schlecht davon gekommen: das versichere ich Ihm. Sei Er also froh, daß die Sache für Ihn so gut abgelaufen ist, und mache Er, daß Er sogleich verschwindet!«

»Aber, gnädigster Herr, ich denke doch, daß – – –«

»Nichts hat Er zu denken!« rief der Oberst. »Hinaus, sonst – – –!«

Der Wirth wartete die Fortsetzung der Drohung gar nicht ab, denn Trenck hatte an die Wand nach seiner Pistole gegriffen; er zog sich in höchster Eile aus dem Zimmer zurück. Der Oberst goß sich ein volles Glas hinunter und schenkte auch den beiden Andern, welche von dem Gespräche erweckt worden waren, ein.

»Trinkt, Ihr Herren!« forderte er sie auf. »So lange man uns zu Ehren Spieluhren verfeuert, brauchen wir keinen Durst zu leiden.«

Sie stießen an und leerten die Gläser, welche nochmals gefüllt werden sollten, als eine abermalige Störung erfolgte, welche jedoch dem Obersten nicht unlieb zu sein schien, denn er erhob sich mit gespannter Miene und frug den Eintretenden:

»Slugaksch, schon wieder eingetroffen! Konntest wohl nicht weit kommen?«

Der Gefragte war ein noch ziemlich junger Mann in gewöhnlicher Bauernkleidung, doch ließ seine ganze Figur und Haltung errathen, daß er eigentlich zum Militär gehöre.

»Wenn mich mein Oberst schickt, komme ich so weit, wie er will,« antwortete er mit selbstgefälliger Miene. »Ich war bis Skutsch und Richenburg.«

»Unmöglich, in dieser kurzen Zeit!«

»Sehr leicht möglich, wenn man es richtig anfängt! Ich habe einem Bauer seinen zweispännigen Wagen abgenommen.«

»Teufelskerl! Bringst Du Nachrichten mit?«

»Genug.«

»So setze Dich her, rauch, trink und erzähle!«

Die Vertraulichkeit, mit welcher Trenck diesen Mann behandelte, ließ vermuthen, daß derselbe ein ganz besonderer Günstling von ihm sei. Er setzte sich, nachdem er die beiden Offiziere mit gebotener Ehrerbietung gegrüßt hatte, an den Tisch, schenkte sich ein Glas ein und brannte sich eine der gestopften Pfeifen an. Nachdem er dann von dem Weine getrunken hatte, begann er:

»Also bis Skutsch und Richenburg bin ich gekommen; weiter aber ging es nicht, da die Preußen in der Nähe waren.«

»Wo stehen sie?«

»Der König kam von Olmütz über Leitomischl und steht jetzt in Chrudim, hat aber über zehn Bataillons und gegen zwanzig Schwadronen in Leitomischl und Umgegend zurückgelassen, die er jedenfalls noch an sich ziehen wird. In und um Kuttenberg steht ein noch größeres Corps. Der Herr Oberst wissen bereits, daß sich Glatz ergeben hat; von dort aus wird der General Derschau dem Könige wohl acht Bataillons und dreißig Schwadronen zuführen.«

»Alle Wetter! Woher weißt Du dies so genau?«

»O, ich weiß noch mehr! Ich fand in Richenburg einen schlesischen Juden, den der König als Spion benutzt. Unsereiner hat einen Blick für solche Leute; ich ahnte sofort, welch' ein Metier er treibe, ließ ihm gehörig einschänken und nahm ihn in's Gebet; er beichtete aber erst dann, als er betrunken war. Er war mit dem Lohn, den ihm die Preußen geben, nicht zufrieden und wurde gleich mein Mann, als ich ihm einen besseren Lohn versprach.«

»Den Kerl können wir brauchen! Hast Du ihn mitgebracht?«[234]

»Das versteht sich! Aber ihn nicht allein.«

»Wen noch?«

»Als ich ihn aufforderte, mit mir zu gehen, gestand er mir, daß er nicht allein sei. Er war nämlich einem adeligen Herrn nebst dessen Tochter als Führer beigegeben, welche er nach Moldauthein zu bringen hat.«

»Wer sind diese Leute?«

»Es ist ein alter Herr von Bodtmann, dessen Anwesenheit auf Schloß Moldauthein so nothwendig ist, daß er nicht daran denken darf, wie sehr der Krieg das Reisen erschwert.«

»Und dieser Mann reist in Begleitung eines Spions?« fragte der Oberst finster.

»Ohne es zu wissen, wie mir der Jude selbst versicherte. Man hat gehofft, daß wir diesem Herrn von Bodtmann nichts in den Weg legen und dem Spione also seine Aufgabe erleichtert werde.«

»So kommt der alte Kerl also aus dem feindlichen Hauptquartiere?«

»Direct aus Chrudim. In Richenburg konnten sie weder Pferde noch Wagen bekommen, und als ich ihnen mein Fuhrwerk anbot, wurde es mit größtem Danke angenommen. Es waren vier Plätze vorhanden, und so sind wir denn wohlbehalten soeben hier angekommen.«

»Er reist ohne Diener?«

»Ja. Er scheint ein alter Haudegen zu sein, der gewohnt ist, sich selbst zu bedienen.«

»Ging er freiwillig mit nach Humpoletz? Sein Weg hätte doch näher über Chotiborz geführt.«

»Er verließ sich auf den Juden, und den hatte ich gewonnen. Ich sagte natürlich kein Wort davon, daß er in Humpoletz Panduren finden werde. Da er so glücklich durch die Preußen gekommen ist, so glaubte er, auch auf dieser Seite keine Schwierigkeiten zu finden.«

»Hat er Papiere?«

»Ja. Sie sind gut; ich habe sie gesehen. Bei den Preußen hat er sie gar nicht gebraucht, da er unter einem sehr mächtigen Schutz gereist ist.«

»Mit einem Offiziere etwa?«

»Mit einem Feldmarschall sogar.«

»Ah! Doch nicht mit dem Buddenbrock?«

»Nein,« sondern mit dem alten »Schwerenöther.«

»Mit – mit wem?« rief Trenck, vor Ueberraschung aufspringend. »Mit dem alten Dessauer?«

»Ja.«

»Der ist hier? Wirklich?«

»Ja, in Chrudim beim Könige.«

»Ich denke, er ist in Zittau!«

»Friedrich hat ihn nach Böhmen gerufen. Die Beiden sind stets bei der Vorhut. Sie suchen von Morgens bis Abends die Terrainverhältnisse ab, was mich vermuthen läßt, daß sie die Schlacht bei Chrudim, Czaslau und Kuttenberg zu schlagen beabsichtigen. Man sollte die beiden Kerls wegfangen; da wäre der ganze Krieg zu Ende!«

Die Augen Trenck's leuchteten auf.[235]

»Oh«, knirschte Trenck, »ich habe mit dem Dessauer noch ein Schaf zu scheeren; er hat es an meinem Vater verdient, daß ich ihn einmal fest beim Schopfe nehme. Tausend Gulden gäbe ich sofort Demjenigen, welcher mir sagen könnte, wie und wo ich den Kerl erwische!«

Slugaksch blickte erwartungsvoll zur mächtigen Gestalt seines Obersten empor und fragte:

»Bekomme ich sie?«

»Augenblicklich, sobald er sich in meiner Hand befindet!«

»Hm! Mit ein Wenig List kann es doch nicht so schwer sein, dem Alten eine Falle zu stellen. Er liebt die Abenteuer wie die Mäuse den Speck. Wollen wir ihm eins bieten?«

»Welches?« fragte Trenck hastig. »Du bist der richtige Kopf dazu. Sinne Dir Etwas aus, aber schnell!«

»Der gnädige Herr Oberst scheinen den alten Knasterbart nicht eben sehr zugethan zu sein. Ist diese Liebe vielleicht gegenseitig?«

»Ganz und gar. Wenn der Dessauer mich umbringen kann, so thut er es. Wehe ihm, wenn ich ihn zwischen meine Fäuste bekomme!«

»Hm! Uebermorgen ist Jahrmarkt in Chotiborz. Wollen wir ihn hinlocken?«

»Ich bin sofort bereit; aber wie?«

»Wir machen ihm weis, daß der Herr Oberst den Markt incognito besuchen und dabei im ›Goldenen Rade‹ einkehren werden. Wie ich ihn vom Hörensagen kenne, so kommt er sofort auch incognito mit nur wenig Begleitung, um Euch zu fangen.«

»Ganz gewiß!« rief Trenck erfreut. »Er wird keinem Andern die Ehre gönnen, den Franz Trenck gefangen zu haben. Aber wie machen wir es ihm weis, he? Das ist das Schwierige!«

»Es ist nicht so schwierig, wie es scheint. Der Tlasco versteht es ausgezeichnet, Handschriften nachzumachen.«

»Was soll uns dies nützen?«

»Wie ich aus der Unterhaltung dieses Herrn von Bodtmann gehört habe, ist er ein alter Kriegskamerad des Fürsten Leopold; sie schreiben sich zuweilen, und es ist große Freude gewesen, als sie sich unterwegs getroffen haben. Wie nun, wenn dieser Bodtmann dem Fürsten schreibt, daß er hier durchgekommen ist und dabei erfahren hat, daß der Herr Oberst den Jahrmarkt besuchen werden?«

»Ah, ich verstehe! Aber wir haben seine Handschrift nicht, die der Tlasco nachmachen könnte!«

»Es sollte mich sehr wundern, wenn er nicht eine Brieftasche oder ein Notizbuch bei sich führte. Man nimmt es ihm ganz einfach ab. Einen Siegelring trägt er auch.«

»Vortrefflich! Man wird mit ihm nicht viel Federlesens machen! Aber wer soll das Schreiben nach Chrudim tragen? Etwa der Jude, wenn er sich als zuverlässig erweist?«

»Nein! Es muß ein anderer Bote gefunden werden. Wenn es dem Herrn Obersten lieb und recht ist, werde ich das übernehmen. Den Juden brauchen wir als zweiten Boten. Wenn der alte Fürst dem Briefe ja nicht ganz trauen sollte, so muß der Jude die Thatsache mit dem Jahrmarkte bekräftigen.«

»Mensch, Du bist ein wahrer Advocat! Aber bedenke, daß es Dir an den Kragen geht, wenn man Dich in Chrudim als Pandur erkennt!«

»Pah, aus dem Kragen mache ich mir nichts, und für den Hals ist mir noch niemals bange gewesen. Drunten halten die Leute noch. Wen soll ich zuerst bringen, den Edelmann oder den Juden?«

»Den Edelmann, dann den Juden und dann den Tlasco.«

Slugaksch erhob sich, trank sein Glas aus, legte die Pfeife fort und entfernte sich.

»Ein Teufelskerl! Nicht?« meinte Trenck zu den beiden Andern.

Diese waren durch die Erwartung eines Abenteuers ein Wenig ernüchtert worden und stimmten seinem Urtheile bei. Der Hauptmann war sogar so gütig, die vier Zipfel des Tafeltuches empor- und über den Tisch hinwegzuschlagen, damit das Auge der Eintretenden nicht gar zu sehr beleidigt werde; er schien gar nicht zu ahnen, daß er damit das Uebel nur vergrößert habe. Die Drei nahmen neue Pfeifen zur Hand, und eben als dieselben in Brand gesteckt waren, wurde Herr von Bodtmann gemeldet. Er trat mit seiner Tochter ein, hinter ihnen Slugaksch, welcher an der Thür stehen blieb.

Der alte Herr hatte ganz das Ansehen eines wackern, ehrwürdigen Veteranen. Seine Haltung war stramm, und sein Auge blickte in furchtloser Erwartung auf den Obersten. Seine Tochter war eine sympathische Erscheinung in der Tracht der damaligen Zeit; sie zog den durch die hier herrschende Unordnung beleidigten Blick erröthend auf sich selbst zurück.[249]

Trenck gab sich nicht die Mühe, einen Gruß auszusprechen. Er begann in kurzem, barschen Tone:

»Ihr nennt Euch von Bodtmann?«

»Ja. Baron Karl von Bodtmann. Diese Dame ist meine Tochter.«

Trenck hielt es nicht der Mühe werth, sich nur einen Zoll tief vor der Dame zu verneigen oder gar den Beiden einen Sitz anzuweisen. Er fuhr fort:

»Seid Ihr mit Legitimationen versehen, Baron?«

»Hier sind sie!«

Der alte Herr zog seine Brieftasche hervor und entnahm ihr zwei Papiere, die er dem Obersten überreichte. Dieser warf einen Blick auf sie und meinte dann sehr gleichmüthig:

»Ah, hier steht, daß Ihr in kaiserlichen Diensten gestanden habt. Ist das wahr?«

Die Stirn des Barons legte sich in Falten und er trat schnell einen Schritt vor, indem er antwortete:

»Herr von der Trenck, halten Sie diese Papiere für unächt und mich für einen Schwindler? Ich bin als Oberst verabschiedet, also sind sich unsere Degen wohl ebenbürtig!«

»Pah! Ich fragte, weil ich Veranlassung dazu habe. Es wird mir schwer, zu denken, daß ein ehrenvoll verabschiedeter kaiserlicher Oberst mit einem preußischen General zu conspiriren vermag!«

»Zu conspiriren? Welcher General ist gemeint?«

»Der Fürst von Dessau.«

»Ich glaube nicht, daß der Oberst von der Trenck das Recht besitzt, mein Verhältniß zu einem alten Waffengefährten zu kritisiren. Ich habe mit dem Fürsten unter Prinz Eugen gefochten; es gereicht mir zur hohen Ehre, daß er dieses nicht vergißt, und wenn ich einem Waffenbruder meine Freundschaft und Hochachtung bewahre, so ist das wohl nicht ein Conspiriren zu nennen. Es ist bekannt, daß die Sympathie des Feldmarschalls Leopold von Dessau noch heute dem Kaiserstaate gehört, und daß er sich beinahe die Gunst des Königs verscherzte, als er gegen einen Krieg mit Oesterreich rieth; ich ersuche also den Herrn Obersten von der Trenck, sich gütigst dem Umstande anzubequemen, daß ein Officier und Edelmann vor ihm steht!«

»Pah!« antwortete der Angeredete. »Diese Papiere können ja verloren gegangen und aufgefunden oder gar gestohlen worden sein!«

»Herr!« donnerte Bodtmann, indem seine Hand unwillkürlich nach der Stelle fuhr, wo man den Griff des Degens zu finden pflegt. »Glaubt Ihr, mich ungestraft infamiren zu können, weil ich graues Haar besitze? Ich hoffe, daß man nicht so feig sein wird, mir die Genugthuung zu verweigern!«

»Von Genugthuung kann hier keine Rede sein«, meinte Trenck im kältesten Tone. »Man bringt mir einen Arrestanten, und ich habe für die Sicherheit meiner Truppe zu sorgen. Beantwortet mir ruhig meine Fragen, und dann wird es sich finden, was zu thun ist! Wo wollt Ihr hin?«

Der alte Edelmann wandte sich seitwärts; er schien entschlossen, nicht zu antworten. Seine Tochter that es an seiner Stelle:

»Wir gehen nach Moldauthein, wo ein Oheim von mir sehr krank darniederliegt.«

»Wo kommt Ihr her?«

»Von Liegnitz.«

»Wie lange habt Ihr Euch im Hauptquartiere des Königs von Preußen aufgehalten?«

»Kaum eine Stunde. Die Rücksicht auf unsern Verwandten treibt uns zur höchsten Eile.«

»Ich will es glauben. Mademoiselle, wenn Euer Vater mein letztes Verlangen erfüllt, so sollt Ihr in zwei Stunden mit einem sichern Führer von hier abfahren dürfen!«

»Welcher Wunsch ist dies?«

»Ich begehre, seine Brieftasche und seinen Siegelring zu sehen.«

Er sprach in einem beinahe höflichen Tone; die Anwesenheit der Dame war also doch nicht ganz ohne alle Wirkung auf den sonst so rücksichtslosen Mann, und auch die beiden Officiere suchten ihren gläsernen Augen und vertrunkenen Mienen einen gefälligeren Ausdruck zu geben. Die Tochter warf einen bittenden Blick auf den Vater. Dieser zog wortlos den Ring ab und gab ihn ihr sammt dem Portefeuille; sie reichte Beides dem Obersten dar. Dieser öffnete das Letztere, und als er bemerkte, daß es einen Notizkalender mit der Handschrift des Barons enthielt, so lächelte er befriedigt und meinte:

»Ihr werdet diese Gegenstände bei Eurer Abreise unversehrt zurückerhalten; bis dahin wird man Euch ein Zimmer anweisen.«

Die beiden Fremden entfernten sich, und an ihrer Stelle trat der Jude ein. Er war ein kleiner, hagerer Mann mit scharfen Gesichtszügen und tief liegenden, lauernden Augen, der sich fast bis zur Erde herab vor Trenck verneigte.

»Wie heißest Du?« fragte ihn der Oberst.

»Ich heiße Lesser Wolf, mein Herr großmächtiger Panduren-General.«

»Du willst in meine Dienste treten?«

»Mit großer Freude; denn ich habe vernommen, daß der Herr General von der Trenck nicht gehört zu den geizigen Leuten, denen man muß arbeiten um die Hälfte umsonst und die andere Hälfte schlecht bezahlt.«

»Du wirst bei mir bekommen, was Du verdienst. Du warst in Chrudim?«

»Ja. Ich habe daselbst gesehen große Generale und Marschälle und habe auch gesprochen mit dem Könige, welcher ist der Friedrich von Preußen.«

»Hast Du auch den Dessauer gesehen?«

»Werde ich ihn doch haben gesehen, da ich habe sogar mit ihm geredet.«

»Wie lange Zeit warst Du in Chrudim, und woher stammst Du?«

»Ich habe gewohnt in Reichenstein, welches liegt nicht weit von Glatz, und haben mich gezwungen die Preußen,[250] zu gehen mit ihnen, um zu machen den Kundschafter für einen Bettlerlohn.«

»Wie lange hast Du ihnen bereits gedient?«

»Noch gar nicht. Ich habe sollen begleiten den Baron von Bodtmann bis Moldauthein und mich dabei umsehen, um zu erforschen den Feind. Wenn ich zurückkomme, soll ich sagen, was ich habe erfahren, und dafür erhalten drei Gulden für den Tag.«

»Das ist ganz preußisch!« lachte Trenck. »Drei Gulden für den Tag, um sich doch früher oder später hängen zu lassen! Kerl, ich gebe Dir zehn Gulden für den Tag und noch obendrein hundert Gulden, wenn Du das ausführst, was ich von Dir verlange.«

»Herr meiner Väter, ist das ein vieles Geld! Da werde ich gehen für den Herrn Panduren-General in das Feuer und werde thun Alles, was nicht ist zu schwer für einen armen Juden, der sich muß nehmen sehr in Acht vor den Preußen.«

»Du hast Dich gar nicht zu fürchten, weder vor uns, noch vor den Preußen. Sie werden Dir nichts thun, denn sie halten Dich für den Ihrigen, und von uns hast Du auch nichts Schlimmes zu erwarten, so lange Du uns treu dienst. Ist dies aber nicht der Fall, so möchte ich allerdings nicht in Deiner Haut stecken; ich bezahle gut, aber ich bestrafe auch darnach. Ich werde Dich einmal prüfen. Du kehrst jetzt zurück und gehst zum Dessauer. Ihm kannst Du erzählen, daß Du mich hier gefunden hast. Dabei aber sagst Du ihm, daß Du erfahren hast, ich werde übermorgen ganz allein und incognito den Jahrmarkt zu Chotiborz besuchen und da im ›goldenen Rade‹ einkehren. Du giebst Dir Mühe, den Alten dahin zu bringen, daß er kommt, um mich zu fangen. Verstanden?«

Der Jude nickte unter einem listigen Lächeln mit dem Kopfe und sagte:

»Ich werde doch verstehen, daß der Herr Panduren-General will selber fangen den Dessauer, und werde mich freuen, wenn er bekommt den alten Filz, welcher mir bietet nur drei Gulden für den Tag. Ich werde sein sehr schlau, um zu verdienen die hundert Gulden und auch noch zehn Gulden für den Tag.«

»Gut, wir wollen sehen! Ich werde Dir für fünf Tage fünfzig Gulden vorher auszahlen. Du sollst bei mir viel Geld verdienen, aber wenn Du mich betrügst, so lasse ich Dich nicht etwa hängen, sondern ich schinde Dich bei lebendigem Leibe und lasse Dir die Haut über den Kopf herunter ziehen. Jetzt gehe, und warte: Du wirst noch weitere Instructionen erhalten!«

Nach dem Juden wurde Tlasco vorgelassen. Es war derselbe Unterofficier, welcher einen Tag später in Studenetz das Quartiermacher-Amt verwaltete. Als er die Handschrift des Barons geprüft hatte, erklärte er, in ganz denselben Zügen jeden ihm vom Obersten dictirten Brief schreiben zu können. Dies geschah sofort; das erste Mal gelang es nicht vollständig, aber mit dem zweiten Versuche erklärte sich Trenck zufrieden. Das Schreiben wurde zusammengefaltet, mit Bodtmann's Siegelring verschlossen und dann von dem Unterofficier sorgfältig adressirt. Dann erhielt der Letztere die Weisung, am nächsten Morgen mit zwei Mann nach Studenetz zu gehen, um für den Obersten, zwei Lieutenants und drei Mann Bedienung Quartier zu machen.

Nach seiner Entfernung gab Trenck seine weiteren Befehle. Der Major sollte übermorgen, am Montage, mit drei Compagnien so heimlich wie möglich nach Steindorf bei Chotiborz aufbrechen, in den ersten Nachmittagsstunden dort eintreffen und heimlich in dem Walde, welcher damals zwischen den beiden Orten lag, Stellung nehmen, um auf Trenck's Boten zu warten und dann den Dessauer in Chotiborz aufzuheben. Der Oberst selbst wollte bereits morgen nach Studenetz gehen, um bei Zeiten und incognito auf dem Jahrmarkte sein zu können.

»So muß Alles klappen«, meinte er, »und wenn wir den Alten bekommen, so sollen meine Kerls einen Feiertag haben, wie sie noch keinen erlebt haben!« – – –1[251]

Quelle:
Pandur und Grenadier. Eine heitere Episode aus ernster Zeit von Karl May. In: Deutsche Gewerbeschau. 5. Jg. Dresden (1883). Nr. 16, S. 249-252.
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