IV.

Im Mehlkasten

Die Dämmerung hatte bereits begonnen, als sechs Panduren zu Pferde in Studenetz einrückten, voran drei Offiziere und hinter ihnen drei Diener. Zwei der Ersteren waren Lieutenants; der Dritte ritt in ihrer Mitte; es war Trenck selbst, dessen Gestalt die Aufmerksamkeit aller hinter den Thüren, Mauern und Hecken versteckten Dorfbewohner auf sich zog. Die Reiter wurden von den drei Quartiermachern erwartet, von denen je Einer sich einem der Offiziere beigesellte, um ihm seine Wohnung zu zeigen.

Als der Oberst mit seinem Diener und Tlasco, dem Unteroffizier, in den Hof der Mühle einritt, waren die Knechte und die zwei Mühlknappen dort aufgestellt, um den unwillkommenen Gästen zu Diensten zu sein. Trenck sprang vom Pferde und trat sogleich in den Stall, um zu sehen, wie man für seine Pferde vorgesorgt habe. Im Stalle standen vier Pferde; neben ihnen war aber noch Platz für drei.

»Wem gehören diese Ziegenböcke?« frug er die Bursche.

»Diese Pferde?« fragte Einer. »Uns.«

»Und da sollen auch die meinigen stehen? Hinaus damit!«

»Wir haben nur diesen einen Pferdestall,« klang die demüthige Entgegnung.

Trenck erhob die Hand und gab dem Sprecher eine schallende Ohrfeige.

»Wenn ich befehle, so hat man ohne Widerrede zu gehorchen! Heraus mit Euren Thieren!«

Die Knechte schickten sich an, diesem Befehle Folge zu leisten, doch geschah dies dem Obersten nicht schnell genug; er zog daher den Säbel und versetzte dem einen Mühlknappen mit der flachen Klinge ein Schlag über den Rücken.

»Könnt Ihr nicht auch mit zugreifen!« gebot er. »Ich werde Euch dienstwillig machen! Tlasco, wo ist der Müller?«

Der Unteroffizier führte ihn nach der Stube; dort saß der Richter ganz allein, die Peitsche in der Hand.

»Er ist der Müller?« fragte ihn Trenck.

»Ja, der Müller und Richter von Studenetz.«

»Wozu hat Er die Peitsche da?«

»Zum Kommandiren. Ohne sie folgt mir Keiner.«

»So! Warum steht Er nicht auf, he?«

»Ich habe das Kalte in den Beinen; ich kann nicht stehen.«

»So will ich Ihm gleich einmal zeigen, wie gut Seine Peitsche zum Kommandiren ist. Passe Er einmal auf!«

Er nahm ihm die Peitsche aus der Hand, trat einige Schritte zurück, um Raum zum Hiebe zu erhalten, und fuhr dann fort:

»Stehe Er auf! Eins – zwei – drei!«

Er applicirte dem Müller drei so kräftige Hiebe, daß dieser laut schreiend emporfuhr und die Hände vorstreckte, um die Peitsche zu ergreifen.

»Sieht Er, wie das hilft! Jetzt marschire Er einmal durch die Stube, ich werde den Takt dazu schlagen!«

Was man nicht für möglich gehalten hätte, das geschah: der Richter hinkte durch das Zimmer, bei jedem Schritte einen Hieb in die Beine erhaltend. Er verbiß seine Schmerzen und auch seine Wuth, welcher er einem so gewaltthätigen Manne gegenüber keinen Ausdruck geben durfte.

»So, jetzt ist Er kurirt. Wenn sich ein Rückfall einstellt, so lasse Er mich rufen; ich kurire ihn unentgeltlich, hoffe aber auch, daß ich keine Noth bei Ihm leide! Wo sind meine Zimmer?«

Der Unteroffizier führte ihn nach oben, wo sich bald ein vielseitiges Poltern erhob, zum Zeichen, daß der Herr Oberst beginne, sich in seinem Quartiere nach gewohnter Gemüthlichkeit einzurichten. Als es still geworden war, erschien die Magd, welche als Wirthschafterin fungirte, und lamentirte, daß man ihr die Rauchkammer geplündert und auch die wenigen Flaschen Wein genommen habe, welche allein für den Herrn Richter bestimmt seien. Der Letztere, welcher jetzt wieder in seinem Rollstuhle saß, erklärte ihr sehr kleinlaut, daß sie sich schweigsam in Alles fügen und ja nicht raisonniren solle.

Während dieses kurzen Gespräches trat ein Mann ein, dessen Aeußeres einen jeden guten Menschen sympathisch berühren mußte. Er war ein Greis, aber ein schöner kraftvoller Greis, wie man sie im Arbeiterstande selten findet. Er trug ein Kleidungsstück unter dem Arme und begrüßte den Müller mit Höflichkeit, was dieser aber nicht erwiederte.

»Endlich bringst Du die Jacke,« meinte der Letztere. »Niemand ist so faul, wie die Schneider; sie haben niemals viel Arbeit und werden dennoch niemals fertig. Wird sie passen?«

»Sie paßt,« erwiederte Engelmann einfach.

»Willst Du den Lohn gleich haben?«

»Es hat Zeit.«

»Ich denke, Du brauchst ihn, um heute zum Tanz gehen zu können!«[297]

»Was ich dazu brauche, das ist vorhanden.«

»So! Aber um mich zu bezahlen, ist nichts vorhanden!«

»Es sind hundertfünfzig Gulden vorhanden, die Du aber nicht genommen hast. Das Fehlende werde ich auch noch ersparen.«

»Du wirst zum Sparen keine Zeit mehr haben, denn wenn Du heute mit der Agnes zum Tanz gehst, so komme ich morgen mit dem Wechsel.«

»Diese Schlechtigkeit ist Dir zuzutrauen; aber die Agnes eroberst Du Dir nicht damit, denn wenn es wirklich zum Schuldgefängniß kommen sollte, so wird sich wohl ein barmherziger Jemand finden, der mich von Dir erlöst. Leb wohl!«

»Bleib!« rief der Müller und knallte mit der Peitsche hinter ihm her, jedoch vergeblich. Er war von Zorn und Eifersucht erfüllt; er wollte das Mädchen um jeden Preis gewinnen, und jetzt kam ihm ein Gedanke, dem auch sogleich die Ausführung folgte, denn der Panduren-Unteroffizier trat ein, um zu melden, daß er sich jetzt nach seinem Quartiere begeben werde, da der Oberst gegenwärtig seiner nicht mehr bedürfe.

»Ihr quartiert also wirklich bei Engelmanns?« fragte ihn der Müller.

»Jawohl.«

»Ich bin der Pathe des Mädchens. Wenn Ihr Euch fern von ihr halten wolltet, so würde ich Euch unter vier Augen ein werthvolles Geheimniß anvertrauen.«

»So!« lachte der Pandur. »Ihr alter Sünder habt wohl selbst ein Auge auf das Mädchen? Wie viel ist denn das Geheimniß werth?«

»Hundertfünfzig Gulden.«

»Ah! Ist das wahr?«

»Hundertfünfzig blanke Gulden! Laßt mir das Mädchen in Ruhe, so sollt Ihr sie haben.«

»Für eine solche Summe thut man schon Etwas. Gebt sie her!«

»Nein, ich zahle sie nicht, sondern das Geheimniß ist so viel werth. Habt Ihr bei Engelmanns das Tellerbret hinter dem Ofen bemerkt?«

»Ja.«

»Es sind zwei kleine Zugkästen daran?«

»Ich weiß es.«

»In dem Kästchen rechts liegen blanke hundertfünfzig Gulden, Herr Unteroffizier. Jetzt kennt Ihr das Geheimniß. Werdet Ihr Wort halten?«

Der Pandur stieß ein cynisches Lachen aus.

»Ich werde erst sehen, ob das Geld wirklich zu haben ist. Gehabt Euch wohl, Richter, Ihr werdet morgen Bescheid hören!«

Er ging. An seiner Stelle kam der Wächter hereingehumpelt.

»Kommst Du endlich einmal!« rief er ihm entgegen. »Da kann man sterben und verderben, wenn man sich auf Dich verlassen soll!«

»Ich bin nicht blos für den Richter, sondern für die ganze Gemeinde da,« entschuldigte sich Matthias Schulazek. »Der Bachhofbauer schickt mich zu Euch um Hülfe; der Offizier, den er erhalten hat, schlägt Alles entzwei, weil ihm nichts gut genug ist, was er empfängt.«

»Sage ihm, er soll es sich grad so gefallen lassen, wie ich selber. Der Trenck hat mich gleich beim Willkommen mit meiner eigenen Peitsche traktirt.«

»Ist's die Möglichkeit!«

»Ja; er hat so lange zugeschlagen, bis ich in der Stube herumgesprungen bin.«

»So hat doch meine Emilka wieder Recht. Sie sagt immer, daß ein Jeder seinen Mann findet. Der Eurige, Erlenmüller, das ist der Trenck. Das muß ich gleich der Emilka wieder erzählen!«

»Bleib!« gebot der Richter, indem er zum Schlage ausholte.

Der Büttel fing den Hieb sehr kunstgerecht mit seinem hölzernen Beine auf und stampfte hinaus. Für heute war es um das Ansehen des Richters geschehen.

Droben in dem Zimmer, in welchem sich der Oberst befand, wurde jetzt wieder ein längeres Schelten und Tumultiren laut, und kurze Zeit später traten die beiden Mühlknappen herein.

»Was wollt Ihr?« fuhr ihr Meister sie an.

»Herr,« meinte der Eine, »wir haben bisher geglaubt, daß wir nur für die Mühle zu arbeiten haben. Für das Haus und die Wirthschaft sind doch wohl die Knechte da!«

»Es wird kein Unterschied gemacht. Ihr arbeitet, wo Ihr gebraucht werdet,« lautete der Bescheid.

»Aber den Trenck haben wir nicht zu bedienen!«

»Und doch! Ich habe es Euch befohlen, und damit ist's genug!«

Um seinen Worten den gewohnten Nachdruck zu geben, knallte er ihnen die Peitsche um die Beine.

»So wissen wir, woran wir sind,« sagte der Sprecher wieder. »Wir gehören zu Euch und wollen Euch dienen, aber mit dem Trenck mögen wir nichts zu thun haben. Mir hat er vorhin den Säbel über den Rücken gezogen, daß die Haut aufgesprungen ist, und der Kamerad hier hat eben jetzt da oben eine ganze Schüssel mit Eiern an den Kopf bekommen; ein Glück noch, daß sie gesotten waren, sonst würde er ein schönes Aussehen haben. Wir gehen fort und kommen erst wieder, wenn der Pandur nicht mehr zu sehen ist!«

»Halt! Bleibt!« gebot der Müller mit einem kräftigen Peitschenknall; aber sie waren Beide bereits zur Thür hinaus.

Er fühlte große Lust, seinen Gefühlen durch einige Kernworte Luft zu machen, als er draußen im Flur fragen hörte, ob hier die Erlenmühle sei; und auf die bejahende Antwort der entweichenden Mühlknappen wurde sehr bescheiden an die Thür geklopft, und es traten zwei Menschen herein, denen man das staubige Müllerhandwerk auf den ersten Blick ansehen konnte.[298]

»Gelobt sei Jesus Christus!« grüßte der Aeltere von ihnen.

»In Ewigkeit, Amen!« antwortete der Müller. »Wer seid Ihr?«

»Gott zum Gruße, und dem Herrn Meister zu Ehren,« lautete der Handwerksspruch. »Wir sind zwei wandernde Gesellen des ehrsamen Müllerhandwerks und der löblichen Zeugarbeiterkunst und kommen, den Meister zu fragen, ob er nicht ein Nachtlager oder gar eine gute Arbeit für uns hat.«

»Habt Ihr Eure Bücher bei Euch?«

»Jawohl!« ertönte die Antwort in tiefstem Basse, wobei sich der Sprecher seinen martialischen Zwickelbart strich. Es war der »Dessauer«.

»Zeigt sie her!«

Sie legten Beide ihre wohlgefüllten Ranzen ab, öffneten und nahmen die Bücher heraus. Es waren zwei französische Arbeitsbücher, welche der Feldwebel Steinbach in der Eile bei zwei Soldaten aufgetrieben hatte, die geborene Franzosen waren, vom Dessauer aber sich hatten anwerben lassen. Die Bücher hatten sie sich als Andenken aufgehoben gehabt. Der Müller öffnete sie und warf einen Blick hinein.

»Was ist das für eine Sprache?« frug er. »Die kenne ich nicht.«

»Es ist französische Schrift,« antwortete Steinbach. »Ich stamme aus Linz und mein Kamerad aus dem Preßburgischen, aber wir haben Jahre lang in Frank reich gearbeitet, wo man als Müller Etwas lernen kann, und da mußten wir uns auch französische Bücher anschaffen.«

Das leuchtete dem Richter ein. Sie waren zwei ungewöhnlich kraftvolle Gestalten, hatten gute Sachen, gefüllte Felleisen und waren gar in Frankreich gewesen; das waren gewiß zwei active, solide Arbeiter, mit denen er Ehre einlegen konnte; dazu kam, daß seine beiden Knappen ihn verlassen hatten, und so antwortete er:

»Ihr könnt hier gute Arbeit haben. Ruht Euch heute aus; die Mühle steht; und morgen könnt Ihr Euch die Gelegenheit ansehen. Drüben in der Mühle stehen die zwei Betten, und in der Küche giebt's Essen genug. Wie heißt Ihr?«

»Ich heiße Naumann,« antwortete der Fürst.

»Und ich Baumann,« erklärte der Feldwebel; »das merkt sich gut.«

»Schön! Ich hoffe, daß ich mit Euch zufrieden sein kann. Jetzt geht!« –

Unterdessen war der Unteroffizier Tlasco das Dorf hinabgeschritten, an der Schänke vorüber, wo soeben die Tanzmusik begann, bis zu seinem Quartiere am andern Ende des Ortes. Er fand die drei Leute, Vater, Tochter und die kränkliche Mutter, wegen des Abendbrotes seiner wartend und setzte sich an den Tisch. Als er seinen Blick auf das frugale Essen warf, fragte er drohend:

»Soll Das für mich sein?«

»Ja,« antwortete Engelmann sehr gleichmüthig.

»Wo denkt Ihr hin! Das ist nichts für Unsereinen!«

»So geht dahin, wo Ihr etwas Besseres findet. Ihr seid aus eigenem Antriebe zu uns gekommen, und wir sind arme Leute.«

Er erhob sich mit den Seinen, um das Tischgebet zu sprechen. Der Pandur lachte roh und verließ die Stube. Er trat erst wieder herein als sie satt waren und setzte sich nieder, um das Uebrige zu verzehren, erklärte aber, daß er gewohnt sei, ohne Zuschauer zu essen. Engelmanns verließen in Folge dessen die Stube. Kaum aber waren dieselben hinaus, so sprang er auf, trat zu dem Tellerbrete, öffnete das Kästchen und fühlte auch sofort den gefüllten Beutel. Er steckte ihn zu sich und setzte dann die Mahlzeit fort. Als er fertig war und der Wirth wieder hereintrat, erklärte er ihm, daß er jetzt zu Biere gehen und wohl erst spät heimkommen werde. Er ging.[299]

Nun machte sich auch Engelmann bereit, mit Agnes nach dem Saale zu gehen; da aber hörten sie draußen Schritte und sahen einen Augenblick später beim Scheine der Lampe zwei hohe, grau gekleidete Gestalten unter der Thür stehen.

»Gott grüß Euch, Korporal Engelmann!« sagte eine tiefe, kräftige Baßstimme, der man die Gewohnheit des Befehlens anhörte.

»Herr Jesus!« rief er, als er in das kräftige, dunkel gebräunte Gesicht des Sprechers blickte. »Das ist unmöglich!«

»Was ist unmöglich, Korporal Engelmann?«

»Das Ihr es seid, Durchlaucht! Ich muß mich irren!«

»Wahrhaftig, kennt mich der Engelmann nach siebenunddreißig Jahren wieder!« schmunzelte der Fürst. »Und noch dazu in diesem Rocke! Ich muß doch ein rechtes Spießruthengesicht haben, weil es gar nicht zu vergessen ist!«

»Also wirklich!« rief der Schneider. »O welch' eine Freude, welch' eine Ueberraschung! Tretet näher, durchlauchtigste Excellenz!«

»Schreie Er nicht so, und lasse Er diese durchlauchtigste Excellenz bei Seite! Wir sind in Feindes Land, und da braucht es nicht mit Kanonen in die Welt hinaus geschossen zu werden, wer ich bin. Komme Er herein, Feldwebel Steinbach! Wir sind hier bei braven Leuten, die uns nicht verrathen werden.«

»Soll mich Gott bewahren, gnädigster Herr! Frau, Tochter, das ist Seine Durchlaucht, mein einstiger Generalissimus. Holt herbei, was das Haus vermag! Wir sind arm, aber Excellenz werden fürlieb nehmen.«

»Schnickschnack!« meinte der Fürst. »Hier muß nicht gleich gegessen und getrunken sein. Setzt Euch fein hübsch nieder! Das Uebrige wird sich finden. Feldwebel, Er gehört dorthin zur Jungfer, und ich setze mich zu den beiden Alten. So! Und nun sage Er mir einmal, Korporal Engelman, ob Er ein guter Oesterreicher ist!«

»Das versteht sich, Durchlaucht. Ich sage es aufrichtig, obgleich – – –«

»Papperlapapp, rede Er nicht! Es ist Seine Pflicht und Schuldigkeit, auf Seine Königin Etwas zu halten. Versteht Er mich. Ich bin ihr auch nicht gram. Also wollen wir die Politik und den Krieg einmal bei Seite lassen und von unsern eignen Angelegenheiten reden.«

»Aber die Panduren, Excellenz!« warnte Engelmann. »Ich habe auch Einen!«

»Pah! Ich werde sie bald Alle haben! Was gehen mich die Panduren an. Ich habe eine ganz andere Sorge, und die kann Er von mir nehmen, Engelmann.«

»Wenn ich es doch könnte!«

»Ich habe mir nämlich da im Anhaltischen ein neues, schönes Gut gekauft, zu welchem ich einen tüchtigen Pächter brauche. Den Pächter hätte ich; da sitzt er vor mir, der Feldwebel Steinbach, mein Leibgrenadier, der bei allen meinen Streichen dabei sein muß.«

»Durchlaucht!« rief Steinbach überrascht.

»Halte Er den Mund, Feldwebel, und rede Er erst dann, wenn man Ihn fragt! Also der Pächter wäre gefunden, aber mit der Pächterin, da hapert es noch gewaltig. Nämlich die soll und muß extra Agnes heißen oder so ähnlich, und ihr Vater soll Korporal gewesen sein und den jungen Dessauer damals aus dem Kanale gezogen haben; anders thut es der Feldwebel, der Schwerenöther nicht. Was meint Er dazu, Engelman?«

Der Gefragte wußte vor Ueberraschung gar nicht, was er antworten sollte; darum fuhr der Fürst fort:

»Da, gucke Er sich einmal Seine Agnes an, ob sie nicht roth wie ein Blut geworden ist! Nämlich dieses hinterlistige Volk kennt sich bereits von Halberstadt aus und hat sich partout eingebildet, als Mann und Frau mir eines meiner besten Güter hinwegzupachten. Es ist geradezu unerhört. Aber was will man machen? Das Gut ist einmal da, sie Beide selbst auch, und nun fehlt blos noch, daß die Eltern nichts dagegen haben. Ich denke, es wird am Besten sein, Er streckt das Gewehr und macht, daß Er bald Schwiegervater wird!«

»Excellenz, das kommt so unerwartet, so überraschend, daß ich mich noch gar nicht zu fassen vermag!«

»Schockschwerenoth, Er soll sich ja auch gar nicht fassen! Was Er zu fassen hat, das sind hier diese beiden Hände; die legt Er in einander und sagt sein Ja und Amen. Vorwärts und abgemacht! Wenn sich Zwei so richtig gut sind, so muß man sie zusammenthun; das habe ich an meiner alten Annaliese erfahren. Also macht, und thut Eure Schuldigkeit, Ihr beiden Alten, sonst nehme ich Euch bei den Ohren!«

»Das heißt ja, die Festung ohne Belagerung gleich mit einem Handstreiche genommen!«[313]

»Bin es so gewohnt. Also, wie wird's!«

»Ist's denn wahr, Agnes, daß Ihr Euch kennt?« fragte Engelmann.

Sie nickte erglühend.

»So! Und ich habe kein Wort davon gewußt!«

»Aber die Mutter!« bemerkte das Mädchen verschämt.

»Ach so, die Mutter! Na, Herr Feldwebel, ich kenne Ihn nicht, aber Sein Kriegsherr achtet Ihn, und da muß Er ein braver Kerl sein. Ich bin arm und kann Ihm Nichts geben; aber meinen einzigen Reichthum, mein Kind, das soll Er haben. Der Herrgott mag herniederblicken und sein Ja und Amen dazu sagen! Komm, Mutter, gieb auch Du den Kindern Deine Hand!«

Das war so recht ein Streich, wie Leopold ihn liebte. Noch kaum fünf Minuten anwesend, hatte er eine Verlobung zu Stande gebracht und fünf Menschen glücklich gemacht, denn er selbst fühlte sich ja auch glücklich über sein Werk.

»Also es bleibt dabei,« meinte er fröhlich, »wenn der liebe Herrgott uns diesen Krieg überleben läßt, so ist der Pächter fertig, und die Schwiegereltern kommen mit zu uns! Für Seinen Bruder, Engelmann, dem Schulmeister mit dem Seifenhandel, wird sich auch Etwas finden. Ich habe seiner Alten heute einen ganzen Korb voll Butter und Käse abgekauft. Das ist ein blitzmäßiges Weibsbild; die hat Haare auf den Zähnen! Fragt mich die alte Susanne, wer ich denn eigentlich sei, daß ich so wenig Sums mit ihrer Butter mache! Und, Korporal, wie steht Er denn eigentlich mit dem Richter? Der Feldwebel hat mir erzählt, daß Er dem Kerl schuldig ist?«

»Das wird gleich morgen bezahlt,« antwortete Agnes schnell.

»Hast Du denn Geld?« fragte ihr Vater verwundert.

»Ja, genug! Der Wilhelm hier hat mir heute am Nachmittage vierhundert Gulden gegeben.«

»Vierhundert Gulden!« rief Engelmann erstaunt. »Ist das ein Geld! Also habt Ihr schon heute am Nachmittage mit einander gesprochen?«

»Ja,« antwortete der Fürst an des Mädchens Stelle. »Doch davon braucht Er nichts zu wissen. Er ist ein guter Oesterreicher, und so ist es besser, Er fragt heute gar nicht, was wir hier wollen. Wir Beide sind Mühlknappen beim Richter, basta, abgemacht! Und nun, Korporal, gehe Er mit der Agnes auf den Saal; wir Zwei werden gleich nachkommen!«

»Aber die Panduren, Durchlaucht!«

»Panduren hin, Panduren her! Ich heiße Naumann, und Dieser hier heißt Baumann, und diese Nau- und Baumänner wollen mit der Agnes einen Hopser tanzen. Versteht Er mich! Rechts um; vorwärts marsch!« –

Unterdessen ging es in der Schänke lustig zu. Das Jungvolk tanzte im Saale, und die Alten saßen in den beiden Nebenstuben, von wo aus sie auch zuweilen einen Blick auf den Saal werfen konnten. Auch die Niederstube war gefüllt von Gästen, doch gab es hier einige verdrossene Gesichter. Diese Letzteren gehörten den Honoratioren des Dorfes an. Sie hatten ihr Hinterstübchen räumen müssen, denn der Trenck war mit seinen zwei Lieutenants gekommen, hatte sich dort zwischen einer Batterie von Weinflaschen festgesetzt und litt keinen Dörfler in der Herrenstube.

Es trug sich heute überhaupt manch' Ungewöhnliches zu; das Erstaunlichste aber war, daß man den Richter auf dem Rollstuhle gebracht hatte. Zwei seiner Knechte hatten ihn hinauf in den Saal schaffen müssen; da saß er nun in einer Ecke und sah dem Tanze zu. Den Grund konnte kein Mensch begreifen.

Später setzten sich zwei fremde Müllerburschen zu ihm, von denen er den Nachbarn erzählte, daß sie aus Frankreich gekommen seien und bei ihm in Arbeit treten würden. Sie sahen recht reputirlich aus und mußten sich ein Geld erspart haben, denn sie litten nicht, daß der Meister für sie bezahlte. Der Eine war freilich bereits wohl in die Sechzig, aber Solche gab es ja genug, die das Wandern einem seßhaften Leben vorziehen und es doch zu Etwas bringen.

Später kam auch der alte Engelmann mit seiner Tochter, was gar selten passirte und deshalb auch einiges Aufsehen erregte. Der Panduren-Unterofficier, welcher auch zugegen war, ging gleich auf Agnes zu, um sie zu engagiren, wurde aber von ihr zurückgewiesen.

Und nun passirte noch etwas Auffälliges: Der Jüngere der beiden Müller, der um einen Kopf länger und um eine Achsel breiter war als alle Männer im Saale, forderte sie auch zum Tanze auf, und mit diesem tanzte sie. Während dieses Tanzes erzählte Agnes dem Feldwebel, welcher mit dem Fürsten doch noch eher von Engelmanns aufgebrochen war, als sie mit ihrem Vater, daß die hundertfünfzig Gulden aus dem Kästchen verschwunden seien. Sie hatte die vierhundert Gulden hineinlegen wollen und dabei bemerkt, daß der Beutel fort sei. Kurz vor dem Abendessen war er noch dagewesen. Kein Anderer als der Pandur konnte ihn haben, der ganz allein in der Stube gegessen hatte.

»Du bekommst das Geld wieder,« tröstete Steinbach; »dafür werden wir sorgen, der Fürst und ich!«

Den nächsten Tanz schlug sie dem Panduren abermals ab, der darüber vor Zorn blutroth wurde, tanzte ihn aber doch mit dem alten Müller, der einen so großen Zwickelbart trug. Als dieser sich nachher wieder zu dem Richter setzte, meinte dieser:

»Hört, Leute, die Agnes ist nichts für Euch! Ich bin der Pathe und leide nicht, daß sie tanzt. Laßt es also sein, wenn wir gute Freunde bleiben wollen!«

»Wenn wir den Vater fragen, und er erlaubt es uns, so ist's genug!« hatte da der jüngere Müller gesagt und war gleich bei der nächsten Tour wieder mit ihr angetreten. Dann tanzte der Alte abermals mit ihr, nachdem sie den Panduren zum dritten Male abgewiesen hatte.

Dieser stellte sich ergrimmt hart an die Reihe der Tanzenden, und als das Paar an ihm vorüber wollte, hielt er das Bein vor, damit es darüber stürzen solle. Der Alte aber mochte so Etwas erwartet haben; er hielt an,[314] stieß dem Panduren die Faust unter das Kinn, daß dieser nach hintenüber flog, und tanzte dann weiter, als ob gar nichts geschehen sei.

Auch die drei Diener und die beiden andern Quartiermacher waren da. Sie rotteten sich zusammen, und als der Tanz vorüber war, traten sie an den Tisch, an welchem die beiden Müller saßen.

»Wie kann Er mich schlagen!« meinte der Unterofficier. »Sofort verläßt Er den Saal, oder wir leuchten Ihm hinab!«

»Packe Dich fort, Kerl!« lachte der Fürst, »sonst klopfe ich Euch sechs Pfefferkuchenmänner zu Mehl! Aber ehe Du gehst, giebst Du das Geld heraus, welches Du Deinem Wirthe gestohlen hast!«

»Ich? Gestohlen? Mensch, das sage nicht noch einmal!«

»Nein, sagen werde ich es nicht; aber nehmen werde ich es!«

Im Nu hatte er den Panduren gepackt; der riesige Feldwebel hielt denselben so fest, daß er kein Glied zu rühren vermochte, und der Fürst zog ihm den Beutel aus der Tasche, ehe seine fünf Kameraden nur Zeit gefunden hatten, ihm zu helfen.

»Ist das Sein Beutel, Engelmann?« frug der Fürst.

»Ja, er ist's!« rief dieser erfreut.

»Hier, nehme Er ihn!«

»Halt, das Geld ist mein!« brüllte der Pandur und faßte den alten Engelmann bei der Gurgel.

In diesem Augenblicke aber standen auch bereits die beiden Müller dabei; eine Minute lang bildeten sie mit den sechs Panduren einen Knäuel, und dann flogen diese Letzteren Einer nach dem Andern zur Thür hinaus und zur Treppe hinunter. Der riesige Feldwebel hatte gleich Zwei auf einmal genommen.

Die anwesenden Dörfler verhielten sich vollständig ruhig bei dieser Scene, nach welcher die Musikanten sofort einen neuen Tanz aufspielten. Während desselben trat ein Fremder in den Saal, der bisher in der Niederstube gesessen hatte. Er trat auf den älteren Müller hinzu und flüsterte ihm in das Ohr:

»Excellenz, die Kerls sind unten beim Trenck; er wird mit den Lieutenants gleich nach oben kommen.«

»Gut, Korporal Tannert,« lautete die leise Antwort. »Es ist Zeit; hole Er die Husaren. Sie mögen sogleich nach ihrer Ankunft die Mühle und die Schänke besetzen!«

Der Korporal hatte kaum den Saal verlassen, und der Tanz war ausgespielt, so wurde die Thüre weit aufgerissen, und die gewaltige Figur des Trenck trat in den Saal, hinter ihm die beiden Lieutenants und drei Panduren. Die übrigen Drei hatten sich beim Sturze zur Treppe hinunter Schaden gethan. Er warf sein Auge wild im Kreise umher und frug mit dröhnender Stimme:

»Wo sind die Hallunken, die sich an meinen Leuten vergriffen haben?«

Als keine Antwort erfolgte, trat er an den Tisch, wo die beiden Müller saßen.

»Ihr wart es! Müller sind es gewesen. Ihr habt – – –«

Er hielt mitten in der Rede inne. Sein Blick war schärfer auf Leopold gefallen, und obgleich er ihm persönlich noch nicht begegnet war, so hatte er doch sein Bild gesehen. Er frug daher:

»Wer ist Er, he?«

Leopold erhob sich und der Feldwebel mit ihm. Sie konnten es nicht wagen, inmitten dieser feindlichen Bevölkerung sich zu erkennen zu geben; darum antwortete der Fürst:

»Kein Räuber und Pandur!«

»Mensch!« rief Trenck, »das zahlst Du mit dem Leben!«

Er riß ein Pistol hervor, stürzte aber sofort steif wie ein Klotz zur Erde nieder; die gewaltige Faust des Grenadier-Feldwebels hatte ihn an die Schläfe getroffen. Im nächsten Augenblicke lagen auch die beiden Lieutenants am Boden, noch ehe sie ihre Waffen hatten gebrauchen können; dem Unterofficier ging es ebenso, und nur die beiden Panduren entkamen.

Das war schneller gegangen, als es erzählt werden kann. Die Anwesenden waren vor Schreck und Erstaunen ganz sprach- und bewegungslos, und nur der Richter hatte seine Fassung behalten.

»Um Gotteswillen, was thut Ihr da!« rief er. »Ich muß Euch arretiren!«

»Er? Uns? Was fällt Ihm ein! Er will Richter sein und kennt Seine Generalität nicht besser?« donnerte der Fürst ihn an. »Da, sehe Er her! Und wenn Er es wagt, nur mit einem einzigen Worte zu mucksen, so lasse ich Ihn krumm schließen!«

Er hatte seinen grauen Rock um ein Weniges geöffnet, so daß man einen großen, goldenen Ordensstern, nicht aber die Farbe seines Unterrockes zu sehen vermochte.

»Ich bin gekommen, den Trenck zu arretiren und werde ihn jetzt nach der Mühle transportiren lassen. Beordere Er zwei Mann dazu! – Und Ihr, Herr Oberstwachtmeister«, wandte er sich an den Feldwebel, »bleibt hier zurück, um die Anderen zu überwachen, bis unsere Szekler Husaren kommen. Wer den Saal oder die Schänke ohne Eure Erlaubniß verläßt, dem wird der Proceß gemacht. Der Richter ist für Alles verantwortlich!«

Der Richter war über alle Maßen betreten, als er in seinen beiden neuen Mahlburschen so unerwartet zwei hohe österreichische Officiere erkennen mußte. Er beorderte zwei Männer, welche Trenck, nachdem ihm die Waffen abgenommen worden waren, vom Boden emporhoben und forttrugen. Der Fürst folgte ihnen.

Der Pandur war noch besinnungslos und so schwer, daß die beiden Träger alle ihre Kräfte anstrengen mußten. So hatte man die Mühle beinahe erreicht, als ihnen der Wächter begegnete.

»Was geht hier vor? Wer ist das?« frug er.

»Es ist der Trenck«, antwortete der Fürst. »Packe Er sich Seine Wege!«[315]

»Na, na, nur nicht so grob! Der Trenck! So betrunken! Hm, wenn das die Emilka hört; die wird sich wundern!«

Damit ging er weiter.

Sie schritten jetzt am Mühlteiche vorüber, da stieß der eine Träger einen Schrei aus und lief davon; der Andere folgte ihm, und – der Trenck stand grad und hoch vor Leopold.

»Ah, hat Er sich betrügen lassen!« spottete er. »Er hat wohl nicht geglaubt, daß mir die Besinnung unterwegs kommen könnte. Jetzt ist es aus mit Ihm!«

Er warf sich auf den Fürsten. Dieser trat zur Seite und wollte ihn von hinten packen; so drehten sie sich einige Male um einander herum, bis sie, das Wasser nicht beachtend, in den Teich stürzten. Hier wendete Trenck seine ganze Kraft an, den Gegner unterzutauchen, aber es gelang ihm nicht, denn die Verzweiflung gab dem Fürsten doppelte Kräfte. Leopold war dem Panduren nicht gewachsen; er mußte sein Heil in der Flucht suchen, aber er mußte auch so fliehen, daß Trenck ihm nicht entgehen konnte; das wäre nach derjenigen Richtung gewesen, aus welcher er seine Husaren erwartete; er aber that es anders. Es gelang ihm, los zu kommen und sich am Ufer empor zu schnellen. Er sprang, von dem Panduren verfolgt, nach der Mühle hin, erreichte deren Eingang und auch den Mühlenraum; aber der Pandur war immer so nahe hinter ihm, daß es ihm nicht gelang, eine Thür zwischen sich und ihn zu bringen.

In dem unheimlichen und gefährlichen Raume war es vollständig finster. Der Fürst hatte, als er mit dem Feldwebel sich die Lagerstelle betrachtet hatte, eine Thür bemerkt, welche von hier aus hinaus nach dem Mühlendamme führte; dieser wandte er sich zu. Leider aber hatte er nicht gemerkt, daß in derselben Richtung ein großer, breiter Kasten stand, welcher beinahe bis oben heran mit Aftermehl angefüllt war. Er rannte mit Macht gegen denselben an und stürzte hinein. Trenck hatte den Fall gehört, griff im Dunkel zu und erkannte durch das Gefühl augenblicklich die Situation.

»Jetzt habe ich Dich!« rief er. »Nun magst Du ersticken, Kerl!«

Er strengte sich an, den Kopf des Fürsten unter die Oberfläche des Mehles zu bringen. Dieser aber hielt sich mit Händen und Füßen am Rande des Kastens fest. Hätte Trenck die Hände des Gegners gelöst, so wäre es um diesen geschehen gewesen. Es war ein fürchterlicher Kampf, lautlos, heimtückisch, und sicher wäre Leopold noch unterlegen, als auf einmal draußen lautes Pferdegetrappel erscholl und preußische Commandorufe ertönten. Trenck stieß einen Schrei der Wuth aus und machte eine letzte, aber auch vergebliche Anstrengung. Es gelang Leopold, den Mund vom anklebenden Mehle zu befreien und einen weit hinausschallenden Hilferuf auszustoßen.

»Man ruft um Hilfe«, ertönte draußen eine Stimme. »Abgesessen und hinein!«

Von den Bewohnern der Mühle war Niemand daheim; sie waren Alle auf den Tanz gegangen, doch fanden sich die wackeren Husaren schnell zurecht. Beim zweiten Schrei Leopold's standen sie bereits an der offenen Thür, und nun erst ließ Trenck von seinem Gegner ab. Auch er mochte die betreffende Thür gesehen haben; er eilte ihr zu, öffnete und sprang hinaus auf den Damm. Leopold merkte es, warf sich aus dem Kasten heraus und folgte ihm. Draußen sah er ihn bereits hinter den Weiden, welche den Teich umsäumten, verschwinden.

»Hierher! Mir nach!« rief er, indem er der Richtung folgte, in welcher er Trenck hatte fliehen sehen.

Er flog über eine Wiese und dann über frisch besäete Felder. Nun hörte er auch Hufschlag hinter sich, und bald war er von Reitern umgeben.

»Da vorn flieht er!« rief er ihnen zu.

»Wer?«

»Der Trenck!«

»Und wer ist denn Er?«

»Alle Wetter, Rittmeister, nehme Er mich gefangen, aber lasse Er Seine Schwadron deployiren. Da vorn flieht der Trenck; er darf uns nicht entgehen!«

Der Rittmeister hatte diese Stimme erkannt; er gab den Befehl zum Streuen und nahm den Fürsten dann unter seinen Schutz, um ihn möglichst unbemerkt zur Mühle zurück zubringen.

Leopold konnte sich vor keinem Menschen sehen lassen. Das Bad im Teiche hatte seine Kleidung vollständig durch weicht, und durch den Kampf im Mehlkasten war ein förmlicher Teig entstanden, in welchem der Fürst stak wie der Kern in der Zuckermandel. Er mußte sich bis auf Weiteres mit dem Kleidervorrath des Müllers begnügen und, wenn auch mit den Zähnen knirschend, Stubenarrest halten.

Trenck war entkommen, aber die Anderen alle hatte man festgehalten; die Husaren ritten mit ihnen ab, während Leopold in gelichenen Kleidern mit dem Feldwebel später folgte. Der alte Korporal Engelmann begleitete sie eine Strecke weit und nahm dann nicht für immer Abschied von ihnen. Auf dem Rückwege traf er den Wächter.

»Weißt Du nicht, wer gestern diese preußischen Officiers waren?« frug ihn dieser.

»Nein.«

»Hm! Auch meine Emilka weiß es nicht, und die bekommt doch sonst Alles heraus. Ich muß weiter fragen!«

Sein Fragen hat kein Resultat gehabt. Noch Jahrzehnte später erzählten die Bewohner von Studenetz, daß Trenck bei ihnen von den Preußen überfallen worden sei, aber Niemand wußte zu sagen, wer die beiden Müller gewesen waren.

Kurze Zeit nach jenem Ereignisse, am 17. Mai 1742, wurde die Schlacht von Chotusitz geschlagen, welcher der Breslauer Friedensschluß2 folgte, und wenige Wochen später zog die schöne Agnes mit ihren Eltern nach dem Anhaltischen,[316] wo auch ihr Oheim eine Stelle bekam, welche so besoldet war, daß seine »Alte« nicht mehr mit Butter, Käse und Seife zu handeln brauchte.

Slugaksch soll erschossen worden sein, doch ist dies nicht genau zu behaupten.

In den Steinbach'schen Familienpapieren existirt noch heute ein in wunderlicher Orthographie geschriebener Brief des alten Wächters Matthias Schulazek, in welchem er sagt, daß seine Emilka noch immer nicht erfahren habe, durch wen damals das ganze Aftermehl aus dem Kasten geworfen worden sei. – – –[317]

[Fußnoten]

1 [Heft Nr. 17 und 18 fehlen, A.d.H.]


2 Am 11. Juni 1742, durch den Schlesien mit Ausnahme von Teschen, Troppau und Jägerndorf an Preußen abgetreten wurde.

Quelle:
Pandur und Grenadier. Eine heitere Episode aus ernster Zeit von Karl May. In: Deutsche Gewerbeschau. 5. Jg. Dresden (1883). Nr. 20.
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