Eine kühne That

Am Abend desselben Tages saß Pater Martin allein in seiner Kammer. Es war ihm gesagt worden, daß sein Gefährte frei sei und nicht wieder zurückkommen werde. Draußen vor dem Orte donnerten die ehernen Stimmen der Geschütze trotz der herrschenden Dunkelheit, und in dem Hofe erklang der regelmäßige Schritt der Schildwache, welche vor dem Fenster des Gefängnisses Wache zu halten hatte.

In den Gassen von Beausset und besonders vor dem Hauptquartiere standen Gruppen von Soldaten, welche sich über die nächtliche Kanonade unterhielten. Es war dies ein Zeichen, daß mit dem Obersten Bonaparte ein neuer Geist in die Belagerungsarmee getreten sei, und man gab sich der Hoffnung hin, daß man einen baldigen Erfolg bemerken werde.

Da kam sporenklirrend ein Offizier die Gasse herab und trat in das Haus. Er schritt direkt durch den Flur hinaus nach dem Hofe und blieb vor dem Posten halten.

»Bürger Soldat, wie heißest Du?« fragte er kurz und barsch.

»Etienne Girard,« antwortete der Gefragte salutirend.

»Nun wohl, Bürger Girard, öffne mir die Thür, welche zu dem Gefangenen führt!«

Der Soldat gehorchte ohne Widerrede. Der Offizier blieb vor dem Eingange stehen und befahl dem Priester:

»Bürger Martin, folge mir! Du sollst die Ehre haben, vor dem General zu erscheinen, welcher Dich draußen in der Schanze sprechen will.«

Der Gefangene erhob sich und verließ still und gehorsam die Kammer. Der Offizier schob dem Soldaten ein versiegeltes Papier in die Hand und gebot ihm:

»Hier die Bescheinigung, daß Du mir den Gefangenen übergeben hast, Bürger Girard. Du wirst sie dem Bürger Colonel Bonaparte einhändigen, sobald er zurückgekehrt ist; für jetzt aber bist Du abgelöst.«

Er entfernte sich mit dem Priester und schritt mit ihm an den Militärgruppen vorüber, zur Stadt hinaus. Draußen aber änderte er die Richtung und schwenkte links ab in das Feld hinein; an einer einsam gelegenen Stelle angekommen, blieb er halten.

»Bürger Martin, Du stehst vor Deinem Richter,« sprach er mit derselben strengen Stimme, mit der er vorher gesprochen hatte.

Der Priester blickte auf.

»Du?« frug er. »Du wolltest mein Richter sein?«

»Ja. Aber ich bin Dir ein gerechter Richter; ich spreche Dich frei.« Und in völlig verändertem Tone setzte er lachend hinzu: »Vraiment, sogar dieser gute Pater Martin hat mich nicht erkannt!«

Bei dieser Stimme fuhr der Priester überrascht empor.

»Surcouf, Robert Surcouf, ist es möglich!« rief er.

»Pst, leise!« warnte der Andere. »Da drüben gibt es Leute, welche sich sehr für uns interessiren.«

»Aber wie kommst Du zu mir? In dieser Uniform? Weißt Du, daß Dein Spiel ein sehr gewagtes ist?«

»Gewagt? Ah pah! Diese Herren Maler, Aerzte, welche es sich beikommen lassen, den General zu spielen, sind mir nicht gefährlich; aber vor diesem kleinen Colonel Bonaparte muß man sich ein wenig in Acht nehmen. Du fragst, wie ich zu Dir komme. Glaubst Du etwa, daß Robert Surcouf der Mann ist, einen guten Bekannten sitzen zu lassen? Und diese Uniform? Haha, sieh' sie Dir einmal genauer an! Es ist der Rock eines Douanier, eines Zollwächters, der ihn ausgezogen hat, weil er ihn auf dem Schaffote nicht mehr brauchte. Ich habe auch gute Freunde und Bekannte, auf welche ich mich verlassen kann. Ich werde ein wenig hinein nach Toulon gehen, um zu sehen, was zu machen ist.«

»Thu dies ja nicht. Du wagst Dein Leben!«

»Sorge Dich nicht um mich. Ich weiß ganz genau, was ich wage. Jetzt handelt es sich ganz allein um Dich. Du bist frei. Wohin gedenkst Du Dich zu wenden?«

»Ehe ich Dich traf, hatte ich die Absicht, die italienische Grenze zu erreichen. Drüben wird man für mich sorgen.«

»Du sollst sicher hinüber kommen, mein guter Pater Martin. Ich habe da einige wackere Leute, welchen Du nach Frejus folgen wirst; sie werden Dich auf einem Fahrzeuge hinüber bringen.«

Er stieß einen leisen Pfiff aus, worauf zwei Gestalten aus dem Dunkel der Nacht auftauchten.[801]

»Hier ist der würdige Pater Martin, Ihr Leute. Ich übergebe ihn Euch, weil ich weiß, daß er in Euern Händen ebenso sicher ist, wie in den meinigen. Und nun gebt mir meinen Rock und nehmt diesen dafür zurück. Und jetzt, frommer Vater, wollen wir Abschied nehmen. Wir werden Beide dieses Land verlassen, aber unsere Wege werden wohl nie wieder zusammentreffen. Beten Sie für mich, denn das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist, und ich werde es ja brauchen können!«

»Gott segne Dich, mein Sohn! Ich – – –«

Er sprach nicht weiter, denn Surcouf war bereits im Dunkel der Nacht verschwunden, hatte ihm aber vorher Etwas in die Hand gedrückt. Der Priester fühlte, daß es Geld war; er mußte den beiden Schiffern folgen, ohne es zurückweisen zu können.

Eine halbe Stunde später kehrte Bonaparte von der Schanze in das Quartier zurück, und Etienne Girard beeilte sich, ihm das Schreiben zu überreichen. Es enthielt allerdings eine Empfangsbescheinigung; es lautete:


»An den Bürger Colonel Bonaparte.


Ich bestätige hiermit den richtigen Empfang eines Mitgefangenen, des frommen Pater Martin. Ich habe ihm die Freiheit gegeben, um ihn ungerechten Richtern zu entziehen und dem Bürger Bonaparte zu zeigen, daß der Bürger Surcouf nicht bloß zu träumen, sondern auch zu handeln vermag. Er hat versprochen, sich ein Schiff zu holen, weil man ihm keines gibt, und er wird sein Wort halten.

Robert Surcouf.«


Bonaparte ließ sich von dem Soldaten das Geschehene berichten und starrte dann lange auf die Zeilen nieder. Sollte er den überlisteten Posten bestrafen? Nein. Er winkte schweigend, und der Mann trat ab. Der Colonel traf nicht einmal Anstalten, den Entflohenen zu verfolgen. Es wurde über die ganze Angelegenheit kein Wort gesprochen.

Napoleon hatte übrigens Anderes zu thun, als sich um die Wiederhabhaftwerdung eines Flüchtlings zu bekümmern, dessen Besitz ihm nicht den mindesten Vortheil brachte. Die beiden Generäle Cartaux und Doppet gaben nämlich die Besetzung des Punktes, auf welchen sie durch Surcouf aufmerksam gemacht worden waren, nicht zu; desto klüger aber waren die Engländer, welche plötzlich die Wichtigkeit des Ortes erkannten, 4000 Mann hinlegten und ihn mit furchtbaren Verschanzungen versahen. Diese Befestigungen waren so stark, daß sie den Platz Kleingibraltar nannten.

Voll Aerger über diesen Fehler fertigte Bonaparte einen Bericht an den Convent ab, in Folge dessen der Oberbefehl im November dem tapfern und einsichtsvollen Dugommier übertragen wurde. Dieser erkannte welchen Mann er in dem kleinen Corsen besaß, und gab seinen Vorschlägen offenes Gehör. Es wurden ganz in der Stille die nöthigen Vorkehrungen getroffen, welche volle drei Wochen in Anspruch nahmen; dann begann ein dreitägiges, entsetzliches Bombardement auf Kleingibraltar, welches dann im Sturme genommen wurde.

Unter den Bewohnern der Stadt herrschte natürlich eine große Aufregung. Viele Tausende hatten sich an dem Aufstande gegen den Convent betheiligt und die Engländer willkommen geheißen, als die Flotte derselben kam, um Toulon im Namen Ludwig's des Siebzehnten in Besitz zu nehmen. Sie Alle waren verloren, wenn die Vertheidigung nicht gelang. O'Hara, der Stadtkommandant, machte die riesigsten Anstrengungen, um die Belagerung abzuweisen; aber als Kleingibraltar verloren war, erkannte er, daß nun alle Mühe vergebens sei. Auch der Befehlshaber der englischen Flotte, Admiral Lord Hood, erklärte, daß Toulon nun nicht mehr zu halten sei, und verließ den Hafen. Er kreuzte draußen auf der Rhede und nahm die Truppen nebst denjenigen Einwohnern auf, welche sich compromittirt hatten. Wohl an die vierzehntausend Menschen verließen auf diese Weise die Stadt, um sich der Rache des Convents zu entziehen, von dem man wußte, daß er nicht zur Milde geneigt sein werde.

In einem engen Gäßchen, unweit des innern Hafens gelegen, gab es eine Taverne, welche nur von Matrosen besseren Schlages besucht wurde. Oncle Carditon, wie der Wirth genannt wurde, war ein anständiger Mann, welcher alles Gesindel von seinem Hause fern zu halten wußte. Dabei war er ein guter Christ und ein eifriger Patriot, welcher die Revolution haßte.

Es war einen Tag vor dem Sturme auf Kleingibraltar, als ein fremder Mensch in die Taverne trat. Er trug die Kleidung eines englischen Marinematrosen und zeigte auch die ganze Ungenirtheit dieser Leute, denn er legte, nachdem er sich gesetzt hatte, die schmutzigen Füße auf den mit einem weißen Linnen gedeckten Tisch und stieß, mit der Faust aufschlagend, einen lauten Fluch aus, um den Wirth herbeizurufen.

Dieser trat heran und erkundigte sich in aller Höflichkeit nach dem Begehr des Gastes.

»Wein!« sagte dieser.

»Haben Sie ein Gefäß bei sich?«

»Ein Gefäß? Was! Gibt es für die Gäste hier keine Gläser, he?«

»Für die Gäste, ja. Aber beim Verkaufe über die Straße hat ein Jeder sein Gefäß mitzubringen.«

»Wer sagt Euch denn, daß ich den Wein mit fortnehmen will? Ich bin Gast und werde ihn hier trinken.«

»Wenn Ihr von meinem Weine trinken wollt, so müßt Ihr ihn allerdings mit fortnehmen, denn hier trinken könnt Ihr ihn nicht. Wer mein Gast sein will, der hat sich so zu betragen, daß ich mich seiner nicht zu schämen brauche.«

»Ah! Und meiner müßt Ihr Euch wohl schämen?«

»Allerdings. In meinem Hause thut man die Beine hübsch unter den Tisch.«

»Und wenn mir dies nicht gefällt?«

»So könnt Ihr gehen, oder ich führe Euch hinaus.«

»Was gilt die Wette: ich lasse die Beine, wo sie sind, und bin Euch doch willkommen!«

»Daran denkt kein Mensch! Ich ersuche Euch, schleunigst abzusegeln!«

»Auch wenn man mich hierher bestellt hat?«

»Wer?«

»Robert Surcouf.«

»Surcouf? Der? Einen Engländer? Ah, das ist etwas Anderes. Erlaubt, daß ich Euch ein Glas bringe!«

»Nun, wer hat Recht?« lachte der Fremde. »Jetzt aber sehe ich, daß ich an die richtige Adresse gekommen bin, und werde manierlicher sein. Habt keine Sorge, Oncle Carditon, ich bin kein Engländer, sondern ein Kind unserer guten Bretagne; ich war nur gezwungen, mich in dieser Verkleidung durch die Feinde hindurchzuschmuggeln. Ist Surcouf daheim?«

»Er ist da. Welchen Namen soll ich ihm nennen?«

»Bert Ervillard!«

»Ervillard!« rief der Wirth erfreut. »Wirklich? O, warum sagtest Du das nicht gleich!«

»Weil ich zum Spasse sehen wollte, ob Du wirklich ein so großer Brummbär bist, wie man sagt, Oncle Carditon.«

»Es ist nicht so schlimm; aber ich kann nun einmal die Engländer nicht leiden. Wo hat Dich unser Bote getroffen?«

»In Tropez. Surcouf wußte genau, daß ich dort zu finden war. Hat er etwas gefunden?«

»Ich weiß es nicht. Er ist sehr verschwiegen, was ich nicht tadeln kann.«

»Wie ich ihn kenne, ist er bereits im Klaren. Ich bin erst vor zwei Stunden angekommen und weiß den noch bereits, was ich thun würde. Da sah ich zum Beispiel eine Brigantine, scharf auf den Kiel gebaut, schmuck wie eine Taube und glatt wie ein Falke; sie hatte zwanzig Stückpforten und schien ganz vor Kurzem vom Stapel gekommen zu sein. Das wäre eine Prise, he!«

Der Wirth lächelte geheimnißvoll schelmisch.

»Du meinst ›the hen‹, welche da drüben vor Anker liegt? Ja, ein feines Schiff! ›La poule‹ würde besser klingen als ›the hen‹, das ist wahr. Na, wer weiß, was sich ereignen kann! Surcouf sagte, daß ihm nichts zu schwer sei, wenn Du ihm helfen würdest. Ich glaube, daß er Dir den Posten des ersten Offiziers zugedacht hat. Komm; ich will Dich zu ihm führen!«

Dieses Gespräch war laut geführt worden, da kein Gast zugegen war. Der Wirth führte Ervillard eine Treppe empor, und als er zurückkehrte, bekam er weitere Arbeit, da ein Trupp Hafenarbeiter Zutritt genommen hatte und seine Dienste in Anspruch[802] nahm. Kurze Zeit später trat ein Mann herein, welcher in stolzer Haltung die vordere Stube durchschritt und in dem hinteren Zimmer verschwand, welches den Aufenthalt der Kapitäns und Steuerleute bildete. Er besaß eine hohe, plumpe, ungeschlachte Gestalt, und sein aufgedunsenes Gesicht hatte jene spirituose Färbung, welche man vorzugsweise an Schnapstrinkern zu beobachten pflegt.

In dem Angesichte des Wirthes zuckte es eigenthümlich, als er, ohne erst auf die Bestellung zu warten, dem neuen Gaste ein großes Glas voll Cognac nachtrug. Er grüßte ehrerbietig, aber ein aufmerksamer Beobachter hätte vielleicht doch einen verstohlenen Blick belauscht, der auf eine ganz andere Gesinnung schließen ließ.

»Nun?« frug der Gast kurz, nachdem er den Inhalt seines Glases auf einmal hinabgegossen hatte.

»Ich habe nachgesehen, Kapitän, und – – –«

»Still!« gebot ihm der Andere. »Laß Deinen Kapitän bei Seite! Es braucht Niemand zu hören, wer ich bin. Also Du hast nachgesehen?«

»Ja.«

»Und – –?«

»Es wird gehen.«

»Das denke ich auch.«

»Nur müssen Sie sich mit genug Arbeitskräften versehen. Die Mauer ist sehr schwer zu durchbrechen, und lange Zeit darf der Vorgang doch nicht in Anspruch nehmen.«

»Das ist richtig. Hast Du Niemand, der helfen kann?«

»Nein. Ich will überhaupt dabei ganz aus dem Spiele bleiben. Ich darf nicht das Geringste wissen, verstehen Sie? Es würde um mich geschehen sein, wenn man ahnte, daß ich im Einverständnisse bin.«

»Das läßt sich denken. Aber woher die Leute nehmen! Diese Bürger Soldaten schießen so sicher, daß ich bereits den dritten Theil meiner Leute eingebüßt habe. Wie viele Personen werden erforderlich sein?«

»Zwanzig ganz sicher.«

»Ah, und ich habe nicht vierzig! Ich brauche überhaupt neue Hände an Deck, und hier ist Niemand zu bekommen. Weißt Du Keinen, der Lust hat, es einmal auf einem Engländer zu versuchen? Ich zahle Dir für Jeden eine Guinee.«

»Hm, vielleicht; aber ein Engländer ist es nicht.«

»Ein Franzose?«

»Ja, doch hat er es sehr eilig, aus dem Lande zu kommen.«

»Das ist mir sehr lieb; solche Leute sind am besten zu brauchen; dazu ist ja die Schiffsordnung vorhanden. Wo ist der Kerl?«

»Hm! Er muß noch hier im Hause sein. Und wenn ich nicht irre, hat er auch einige Kameraden, welche sich vielleicht bereden lassen, auch an Bord zu gehen.«

»So schaffe ihn mir einmal herbei, aber schnell; ich habe nicht viel Zeit. Vorher jedoch bringe mir eine ganze Flasche Cognac; denn ein guter Schluck macht solche Leute willfährig.«

Der Wirth brachte das Bestellte und stieg dann abermals die Treppe empor. Dort oben gab es ein kleines, verstecktes Zimmer, an dessen Thüre Oncle Carditon klopfte. Es wurde geöffnet, und zwar von Surcouf, welcher sich mit Ervillard ganz allein in dem Raume befand.

»Was gibt es?« fragte der Erstere.

»Er ist da,« antwortete der Wirth.

»Wer? Der Kapitän?«

»Ja,« antwortete Oncle Carditon. »Er arbeitet uns ganz außerordentlich in die Hände. Er braucht Matrosen und hat mir eine Guinee versprochen für einen Jeden, den ich ihm verschaffe.«

»Ah, Bert Ervillard, was meinst Du dazu? Willst Du erster Offizier auf ›the hen‹ werden?«

Die Augen des Gefragten strahlten vor Vergnügen, als er antwortete:

»Robert Surcouf, Du kannst Dich auf mich verlassen. Sage mir, was ich zu thun habe!«

»Es freut mich, daß Du Dein Auge grad so wie ich auf ›the hen‹ geworfen hast. Sie ist die schmuckste Seglerin, welche ich jemals gesehen habe, und darum soll sie unser werden. Ihr Kommandant ist der Kapitän zur See, William Harton. Er muß große dienstliche Fehler begangen haben, da man ihm nur diese Brigantine anvertraut. Ueberhaupt ist er kein ehrlicher Seemann, sondern ein Spitzbube, dem wir auf die Finger klopfen werden. Er weiß, daß Toulon nicht zu halten ist und daß die ganze Flotte in einigen Tagen den Hafen verlassen wird; natürlich sticht auch er in See, will aber vorher erst einen Coup ausführen, welcher an und für sich schändlich ist, uns aber trefflich zu Statten kommt. Das Haus unsers Oncle Carditon stößt nämlich an die Banque orientale, in deren Kellern sich bedeutende Summen vermuthen lassen. Das Eigenthum der Bank steht natürlich unter öffentlichem Schutze; von außen ist demselben nicht beizukommen. Da hat sich nun dieser ehrliche Kapitän an Oncle Carditon gemacht, um ihn vorsichtig auszuforschen. Carditon ist scheinbar auf seine Absichten eingegangen, und so haben Beide beschlossen, von der Taverne aus mit Brechwerkzeugen in die Keller einzudringen. Das soll in der Nacht geschehen, bevor die Flotte den Hafen verläßt. Bei Oncle Carditon darf man natürlich nichts finden; den ihm gehörigen Antheil will der Kapitän in Barcelona deponiren. Was sagst Du dazu, Bert Ervillard?«

»Ich sage, daß dieser William Harton ein großer Schurke und ein noch größerer Dummkopf ist. Es gehört eine ungeheure Albernheit dazu, unsern Oncle Carditon für so albern zu halten, auf ein solches Geschäft einzugehen.«

»Das ist richtig. Ich glaube, dieser Kapitän hat einen großen Theil seines Verstandes vertrunken. Die Sache ist jedoch sehr vortheilhaft für uns. Um die Mauern zu bewältigen, braucht er eine ziemliche An zahl kräftiger Arme; er wird dazu seine eigenen Leute nehmen und also die Brigantine von Männern entblößen; ist dies geschehen, so werden wir handeln.«

»Sind wir zahlreich genug?«

»Habe keine Sorge! Ich habe eine Anzahl braver Bursche, welche sich zwar zerstreut in der Stadt befinden, aber in einer Viertelstunde zur Stelle sind, wenn ich sie brauche. Jetzt nun sagt uns Oncle Carditon, daß der Engländer Matrosen brauche. Willst Du Dich melden, Bert Ervillard? Wenn Du mit einigen von meinen Jungens an Deck der Brigantine kommen könntest, so wäre das Unternehmen schon zur Hälfte gelungen.«

»Ich bin bereit dazu.«

»So hast Du keine Zeit zu verlieren. Als Engländer darfst Du ihm natürlich nicht kommen. Sage ihm, daß Du einige Bekannte in der Nähe hast, welche auch gern einige Meilen Wasser zwischen sich und Frankreich bringen möchten. Am besten würde es sein, wenn er Euch für Landratten hält; er kann dann weniger leicht Mißtrauen schöpfen. Laß Dir von Oncle Carditon ein anderes Habit geben und komme dann wieder herauf!«

Während sich dies in der Taverne begab, rollte der Donner des Bombardement über die Stadt und die Rhede hin; er schwieg selbst während der Nacht nicht still, und am andern Morgen rüsteten sich die Truppen des Convents zum Sturme. Es war noch dunkel, als Dugommier und Napoleon ihre Colonnen gegen die Werke von Kleingibraltar führten. Das Tirailleurfeuer und die Kartätschen der Engländer wütheten in der Weise unter den Franzosen, daß Dugommier, der sonst so Unerschrockene, sich mit den Worten »Wir sind verloren!« zurückzog. Napoleon hatte sich aber im fürchterlichsten Kugelregen einen Weg in die feindlichen Redouten gebahnt, und bald befand sich Kleingibraltar in seinen Händen. Dann erstürmte er die beiden Forts Balagnier und Eguillette, und es erschienen die Deputirten des Convents, um ihm ihren Dank auszusprechen. Er hatte heut die erste große Stufe zum Consulate und zum Kaiserthrone erstiegen.

Admiral Hood zog sich zurück. Zunächst lichteten die größeren Schiffe die Anker; dann sollten die kleineren folgen. Die Rheden und das Meer waren von Schaluppen und Fahrzeugen bedeckt, welche sich mit Truppen und fliehenden Einwohnern an Bord des Geschwaders begaben. Unterdessen dauerte die Kanonade ununterbrochen fort, welche gegen die übrigen Befestigungswerke gerichtet war. Die Erde zitterte unter dem Donner der Geschütze, die See schäumte unter den peitschenden Schlägen von tausend Rudern, und die Luft zischte hinter den zahllosen Geschossen, welche sie nach allen Richtungen durchkreuzten. In der Stadt herrschte eine fieberhafte Aufregung. Man war auf den Gassen und Straßen derselben seines Lebens nicht sicher. Wer den Convent zu fürchten hatte, der floh, und wer zurückblieb, der verbarrikadirte[803] sich in seinem Hause aus Furcht vor den Marodeurs, welche in größeren oder kleineren Trupps ihr räuberisches Handwerk trieben.

Diejenigen Schiffe, welche noch in dem innern Hafen lagen, mußten an den Befestigungen vorüber, welche sich jetzt in den Händen der Conventtruppen befanden. Mehrere von ihnen wurden von den Artilleristen Napoleon's in den Grund gebohrt; darum blieben die übrigen zurück, um den Schutz der Nacht zu erwarten, wo sie meinten, mit größerer Sicherheit auslaufen zu können. Zu ihnen gehörte auch die Brigantine »the hen«.

Als der Abend hereingebrochen war, stellte sich der Kapitän Harton bei Oncle Carditon ein. Es befand sich kein einziger Gast in der Taverne, denn es gab Niemand, der Zeit oder Lust gehabt hätte, in dieser Zeit der Noth die Seinen zu verlassen, um nach alter Gewohnheit beim Glase zu sitzen.

»Wie steht es; ist Alles sicher?« frug er den Wirth.

»Alles,« antwortete dieser.

»Und drüben in der Bank?«

»Man hat Wächter in die oberen Räume gestellt; nach unten aber können diese nicht. Uebrigens ist die Kanonade so stark, daß kein Lauscher Ihre Arbeit vernehmen kann. Haben Sie genug Leute mit?«

»Ja. Oeffnen Sie Ihren Keller; sie werden gleich kommen. Im Weiteren aber werden Sie sich nicht um uns bekümmern!«

»Hier ist der Schlüssel. Und ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es nicht bin, der Sie belästigen wird. Aber sagen Sie vorher Eins: haben Sie die versprochenen Männer an Deck bekommen?«

»Ja. Es sind Elf, zwar lauter junge, unbefahrene Leute, die nur deßhalb zu Schiffe gehen, weil ihnen hier der Boden unter den Sohlen brennt; aber ich bin doch froh, sie bekommen zu haben. Andere sind weniger glücklich wie ich, und die neunschwanzige Katze ist der beste Lehrmeister, den es gibt.«

»Sie verwenden sie doch nicht zu dem jetzigen Unternehmen?«

»Fällt mir gar nicht ein! Sie sind mir nicht sicher genug; auf meine Theerjacken aber kann ich mich verlassen.«

Er nahm den Schlüssel und ging hinaus. Der Wirth nickte befriedigt vor sich hin und brummte:

»Wirst Dich wundern, alter Spitzbube! Wie gut, daß er den Bert Ervillard an Bord gelassen hat; dieser wird mit den zehn Kameraden schon dafür sorgen, daß ›the hen‹ in die rechten Hände kommt.«

Nach einiger Zeit vernahm er draußen das Geräusch zahlreicher Schritte, und wenige Minuten später trat Robert Surcouf ein.

»Gefangen!« lachte er. »Jetzt, Oncle Carditon, gib uns noch einen guten Schluck; dann brechen wir auf.«

»Stecken sie fest?«

»Fest! Wir haben so viele Tonnen auf die Thür gewälzt, daß sie diese vom Keller aus gar nicht zu öffnen vermögen. Auch habe ich dafür gesorgt, daß sie von der Bank aus gut empfangen werden. Es sind über zwanzig Männer; ›the hen‹ ist also entblößt, und so zweifle ich nicht, daß unser Streich gelingen wird.«

»Ihr werdet sofort in See stechen?«

»Nein. Robert Surcouf ist kein Einbrecher, der nur im Dunkel der Nacht sein Wesen treibt. Ich werde am hellen Tage und mit offener, französischer Flagge den Hafen verlassen.«

»Das würde keine Kühnheit mehr, sondern Wahnsinn sein!«

»Desto sicherer wird es gelingen. Habe Dank für Deine Hilfe, mein guter Oncle Carditon. Du wirst von mir und den Meinigen bald hören!«

Draußen im Flure standen gegen dreißig Männer, welche sich am Tage über in den obern Räumen des Hauses versammelt hatten. Sie tranken auf das Gelingen ihres Vorhabens und verabschiedeten sich dann vom Wirthe. Mit Surcouf an der Spitze begaben sie sich an das Wasser, wo sie die Boote fanden, auf denen Kapitän Harton mit seinen Leuten angekommen war. Sie bestiegen dieselben und ruderten auf »the hen« zu. Sie hatten die Brigante noch nicht ganz erreicht, so hörten sie, daß an Bord derselben Jemand ein Liedchen pfiff.

»Das ist das Zeichen,« flüsterte Surcouf. »Die Unsrigen haben ihre Schuldigkeit gethan und sich in den Besitz des Fahrzeuges gesetzt.«

»Ahoi, Brigantine!« rief er jetzt.

Da bog sich ein Kopf über die Regeling des Schiffes herab, und die Stimme Bert Ervillard's frug:

»Boote ahoi! Welche Männer sind es?«

»Die richtigen!« antwortete Surcouf.

»Grâce à Dieu! Laßt die Treppe herab, Jungens! Der Kapitän kommt.«

Die Ankommenden stiegen an Bord und zogen dann die Boote nach. Bert Ervillard hatte die Besatzung des Schiffes hinunter in den Kielraum gelockt und dort eingeschlossen. Die Brigantine befand sich in der Gewalt Surcouf's, und eine nähere Untersuchung ergab, daß ihre Ausrüstung bis auf das Allerkleinste eine ganz vorzügliche war. Der schwierigste Theil der Aufgabe freilich war noch zu lösen: es galt, das so leicht eroberte Fahrzeug nun auch zu behaupten.

Während der Nacht versuchten mehrere Schiffe, an den Batterien der Franzosen unbemerkt vorüberzukommen, aber die Kanoniere waren aufmerksam und ließen sich nicht täuschen. Surcouf blieb ruhig vor Anker liegen und verwendete auch den ganzen Vor- und Nachmittag nur darauf, die Brigantine für seine Zwecke einzurichten und ihr den möglichst hohen Grad der Seetüchtigkeit zu geben. Durch einen Boten, den er in die Taverne sandte, erfuhr er, daß die Engländer noch immer als Gefangene im Keller stäcken und auch nicht eher hervorkommen dürften, als bis »the hen« in See gegangen sei.

Endlich am späten Nachmittag gab das Admiralsschiff den noch in den Häfen befindlichen Fahrzeugen das Zeichen, schleunigst die See zu suchen, und zu gleicher Zeit sah man die Besatzung von dreizehn französischen Orlogschiffen, welche sich an dem Aufstande gegen den Convent betheiligt hatte, ihre Fahrzeuge verlassen, um sich an Bord der Engländer zu begeben.

Bei diesem Anblick ballte Surcouf die Faust.

»Treulose Feiglinge!« sagte er zu Bert Ervillard, seinem Lieutenant. »Wir wagen das Leben, um dem Feinde eine kleine Brigantine abzunehmen, und sie lassen neun Linienschiffe und vier Fregatten im Stiche, eine ganze Flotte, mit welcher ich diese Engländer um die Erde jagen würde!«

»Sie verdienen an die große Raa gehängt zu werden!« antwortete Ervillard. »Aber ein Trost ist es, daß ihre Schiffe der Nation verbleiben werden, denn der Convent wird sie schleunigst in Besitz nehmen.«

»Meinst Du wirklich? Ich sage Dir, daß auf jedem dieser Schiffe bereits die Lunte brennt; in kurzer Zeit wirst Du dreizehn riesige Flammen leuchten sehen.«

»Ist es nicht möglich, wenigstens eines davon zu retten und in Besitz zu nehmen?«

Surcouf schüttelte den Kopf.

»Ich thue es nicht. Der Convent hat mich abgewiesen; ich habe kein Recht, mich eines seiner Schiffe zu bemächtigen, und also auch keine Verpflichtung, ihm eines derselben zu retten. Uebrigens sind wir zu wenig Mannen, mit einem Orlogschiff zu manövriren; unsere kleine Brigantine entspricht meinen Zwecken viel besser, und ich halte es für gerathener, dem Feinde ein Fahrzeug vor der Nase wegzunehmen, als den Retter zu spielen, wenn ich weiß, daß ich statt des Lohnes nur Undank ernte. Ich habe diesem Colonel Bonaparte gesagt, daß Frankreich's Flagge sich senken werde; er hat mich ausgelacht; aber bereits heut beginnt die Trauer unserer Marine, denn das Meer wird dreizehn ihrer besten Schiffe im Werthe von vielen Millionen verschlingen. Vielleicht denkt der Colonel, wenn er die Flammen lodern sieht, an mich, obgleich er mich so schnell vergessen wollte.«

Er wandte sich ab, um vor Anbruch der Nacht noch einmal alle Räume und die ganze Ausrüstung des Schiffes durchzumustern, denn es galt, des Fahrzeuges selbst in den kleinsten Einzelnheiten mächtig zu sein.

Der Abend neigte sich auf die unglückliche Stadt, und kaum hatte sein Dunkel die Umrisse der Plätze und Straßen umhüllt, so ertönte ein Donnerschlag, welcher Erde und Wogen erbeben machte: das Hauptmagazin war explodirt und in die Luft geflogen, und zu gleicher Zeit stiegen aus dem Zeughause fünf mächtige Flammensäulen zum Himmel empor. Kaum war dies geschehen, so liefen an den Masten der dreizehn französischen Kriegsschiffe züngelnde Feuerschlangen empor.[804]

Die ganze Stadt und die Häfen wurden von diesen gewaltigen Feuern tageshell erleuchtet. Alles, was Ruder und Segel besaß, flüchtete hinaus auf die offene See, und nur die Brigantine blieb ruhig liegen. Sie war von den eroberten Forts aus ganz gut zu erkennen; man konnte von diesen Punkten aus sogar die Bemannung erkennen, welche sich auf den Raaen und im Takelwerke befand, um den Anblick des feurigen Panoramas besser genießen zu können. Das Verhalten dieses Fahrzeuges mußte natürlich auffallen; man konnte sich keinen Grund denken, weßhalb sich dieser Engländer nicht auch in Sicherheit brachte, und behielt ihn scharf und mißtrauisch im Auge, bis nach einigen Stunden die Flammen erloschen und die Dunkelheit sich wieder über Land und See ausbreitete.

Bereits mit Tagesanbruch stand Napoleon in einer der den Hafen beherrschenden Batterien. Er hatte während der Nacht nicht geschlafen, desgleichen auch General Dugommier, welcher an seiner Seite sich befand. Sie hatten die Fernrohre an den Augen und beobachteten das Fort La Malgue, welches ihnen noch Sorgen bereitete. Es schien verlassen zu sein, aber man konnte annehmen, daß es vorher unterminirt worden sei. Bei dieser Gelegenheit richtete Napoleon sein Glas auch auf die Brigantine, welche sich soeben aus dem aufsteigenden Nebel abzuzeichnen begann.

»Was ist das!« rief er. »Bürger General, welcher Name hat gestern am Buge dieser Brigantine gestanden, welche uns so viel zu denken gibt?«

»The hen,« antwortete der Gefragte.

»Man hat während der Nacht diesen Namen überstrichen und geändert. Das Wort ist ganz deutlich durch das Rohr zu erkennen.«

Der General richtete sein Glas, las und schüttelte den Kopf.

»Unbegreiflich!« meinte er. »Da steht geschrieben ›le faucon‹; es ist aus der englischen ›Henne‹ ein französischer ›Falke‹ geworden. Was hat dies zu bedeuten?«

»Nichts Anderes als eine List, ein Verrath gegen uns.«

»Pah, dieses kleine Fahrzeug kann uns nichts thun! Ah, jetzt hißt es die Segel. Mille tonnerre, die Wimpel haben französische Farbe! Man hebt den Anker; die Morgenluft bläht die Leinwand; die Brigantine will in See stechen!«

»Das will ich ihr verbieten!« meinte Napoleon.

Er trat an eine der Kanonen, deren Lauf er eigenhändig richtete; dann lächelte er, seiner Sache gewiß:

»Sie muß in Schußlinie vorüber. Man wird sehen, ob der Bürger Bonaparte noch zu schießen vermag.«

Der General gab mit der Hand ein verneinendes Zeichen.

»Der Mann da auf dem Hinterdecke kommt mir nicht wie ein Engländer vor. Ich bin kein Seemann, aber das sehe ich, daß sich das Schiff in ausgezeichneten Händen befindet; es gehorcht wie ein Vollblutpferd dem leisesten Steuerdrucke. Uebrigens beobachtet uns der Kapitän ebenso durch das Rohr, wie wir ihn.«

Bonaparte nahm sein Glas abermals vor und blickte hindurch; dann zog er es rasch vom Auge, wischte es ab und schaute noch einmal nach dem Befehlshaber der Brigantine. Dieser hatte ihn durch das Rohr erkannt schwang sich in den Wanten empor und schwenkte grüßend seine Mütze.

»Er salutirt zu uns herauf,« meinte der General. »Er muß einen von uns Beiden kennen.«

»Ich bin es, den er kennt,« antwortete Bonaparte.

»Ah! Wer ist es?«

»Bürger General, das ist eine Geschichte, welche ich erzählen werde, wenn mir mehr Muse dazu bleibt. Dieser junge Mensch wollte von dem Convente ein Schiff haben; man hat es ihm verweigert, und nun hat er sich selbst eins genommen, und zwar mitten aus der englischen Flotte heraus.«

»Außerordentlich, ganz außerordentlich! Wie hat er dies angefangen?«

»Mir unbegreiflich!«

»Wir werden es erfahren. Er hat jedenfalls die Bemannung zu überwältigen gewußt. Ein kühner Bursche! Leider aber wird er seinem Verderben entgegengehen. Draußen liegen die englischen Schiffe: sie werden ihn zusammenschießen.«

»Leider! Hätte er den Namen des Schiffes nicht so augenfällig verändert, so wäre es ihm möglich, hindurch zu kommen.«

Jetzt kam die Brigantine in das Bereich der Batterie. Mit einem lauten Commandorufe brachte Surcouf seine Leute hinauf auf die Raaen, wo sie, sich die Hände reichend, Parade bildeten. Zu gleicher Zeit flog die französische Flagge empor, und aus den Stückpforten krachte die gebräuchliche Zahl der Begrüßungsschüsse. Dies Alles geschah mit einer solchen Gewandtheit und zierlichen Genauigkeit, daß selbst der sonst so kalte Bonaparte hingerissen wurde. Er kommandirte Feuer und gab mit geladenen Kanonen Antwort auf den Gruß des Mannes, den zu vergessen er sich vorgenommen hatte. Natürlich waren die Kugeln jetzt nicht gezielt; sie flogen weit an der Brigantine vorüber, welche mit graziöser Schwenkung dem Bereiche der Batterie entsegelte.

Kaum war sie vorüber, so wurde ein Mann am Bug herabgelassen, der sich mit der Inschrift zu schaffen machte. Jetzt sahen die beiden in der Redoute befindlichen Offiziere, daß der ursprüngliche Name nicht vertilgt, sondern nur mit einem Papier überklebt worden war, auf welchem die beiden Worte »le faucon« standen. Diese Worte wurden jetzt entfernt, und nun kam wieder der frühere Name »the hen« zum Vorschein.

»Ah diable, er hat uns betrogen!« rief General Dugommier. »Die ganze Scene war nur Komödie, um unangefochten an der Batterie vorüber zu kommen. Man hat ihm kein Schiff gegeben, und nun ist er zu dem Feinde übergegangen.«

»Das glaube ich nicht,« antwortete Napoleon. »Dieser Surcouf ist keines Verrathes an seiner Nation fähig, denn er ist eigenthümlicher Weise ein frommer Christ und guter Katholik. Diese Art von Leuten hat neben anderen Eigenschaften auch die, daß man auf sie rechnen kann. Ich glaube eher, daß er beabsichtigt, die Engländer zu düpiren.«

»Das werden wir sehen, sobald er in das Bereich ihrer Kanonen kommt.«

Die Brigantine flog mit vollen Segeln und zierlich sich zur Seite neigend über die Rhede dahin. Draußen kreuzten die Dreimaster der Engländer; man konnte mit dem bloßen Auge jedes einzelne Schiff erkennen. Am deutlichsten war das Flaggenschiff zu unterscheiden, auf welchem sich Admiral Hood in eigener Person befand. Die Brigantine hielt grad auf dasselbe zu; sie wurde noch immer von den Fernrohren der beiden Offiziere verfolgt.

»Er segelt das Signalschiff an; er ist wirklich ein Abtrünniger,« sagte General Dugommier.

»Wir wollen noch warten,« meinte Napoleon. »Diese Episode ist wirklich hochinteressant!«

»Könnte er sich in die Nähe des Flaggenschiffes wagen, wenn er den Engländern wirklich entkommen will?«

»Das scheinbar Schwierigste ist zuweilen just das Leichteste. Ah, was ist das?«

»Die Leute, welche wieder durch die Luken heraufsteigen?«

»Ja. Sie gingen vor zwei Minuten hinab; jetzt, da sie zurückkehren, tragen sie die Uniform englischer Seeleute. Mir ahnt, was dieser verteufelte Surcouf beabsichtigt. Wenn meine Vermuthung in Erfüllung geht, so ist dieser junge Bretagner allerdings ein Mann, dem man ein Schiff hätte anvertrauen sollen!«

Die Wangen des kleinen Corsen rötheten sich; die Brigantine nahm jetzt sein regstes Interesse in Anspruch. Er dachte nicht an Toulon, an die gewaltigen Werke, welche vor ihm lagen, sondern er sah nur das kleine Fahrzeug, welches keck und kühn den stolzen Linienschiffen England's in die Zähne segelte.

»Der Mensch wird doch nicht so verrückt sein, zu glauben, daß er an diesem Punkte die Linie durchbrechen kann!« hob der General wieder an. »Er müßte sich weiter nach Ost halten, um dem Feinde den Wind abzugewinnen.«

»Wer weiß, welcher Berechnung er folgt! Vielleicht hat er trotz der kurzen Zeit ›the hen‹ genau genug kennen gelernt, um zu wissen, was er mit ihr wagen kann. Voilà, da dreht das Flaggenschiff bei! Er hat das Zeichen gegeben, daß er mit dem Admirale reden will.«

Jetzt kam ein Augenblick der größten Spannung. Das Flaggenschiff hatte beigedreht, indem es den einen Theil seiner Segel voll im Winde ließ, den andern aber so braßte, daß der Wind von außen empfangen wurde. Nun hätte man erwarten sollen, daß die Brigantine ihre Segel fallen ließe, statt dessen aber setzte Surcouf ein Sternsegel nahe am Winde bei und ließ den Helmstock[805] des Steuerruders an der Leeseite festbinden. Dadurch wurde der Vordertheil des Schiffes der hohen See zugekehrt, und die beiden Fahrzeuge trieben einander langsam entgegen.

Napoleon sah durch das Rohr Surcouf auf dem Hinterdecke stehen, in englischer Uniform und das Sprachrohr in der Hand, aber in einer solchen Haltung, daß man vom Flaggenschiff aus sein Gesicht noch nicht zu sehen vermochte. Kaum noch fünf oder sechs ihrer eigenen Längen war die Brigantine von dem Dreimaster entfernt, da winkte Surcouf mit dem Rohre. Sofort riß der Mann am Steuer das Tau vom Ruder, und das Sternsegel wurde gerefft: »the hen« nahm frischen Wind und kam wieder in schnelle Fahrt. Statt anzuhalten, strich sie mit ziemlicher Schnelligkeit an dem Dreimaster vorüber. Napoleon sah, daß Surcouf abermals den Arm erhob. In diesem Augenblick legte sich die Brigantine schwer zur Seite, und die französische Flagge flog empor. Zunächst erblickten die beiden Officiere einen lichten Rauch, welcher der Breitseite des kleinen Fahrzeuges entquoll; dann sahen sie das große, stolze Flaggenschiff bis an die Spitze seiner Masten erzittern, und einige Augenblicke später hörten sie den Donner der Kanonen, mit denen der kühne Bretagner das Orlogschiff begrüßt hatte.

Eine Minute nachher faßte die Brigantine vollen Wind, und ehe man auf dem Linienschiffe sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war sie bereits aus sicherer Schußweite gekommen. Man sah, welche Verwirrung dieses außergewöhnliche Intermezzo auf dem Admiralsschiffe hervorrief; es wendete und jagte dem Flüchtling eine Breitseite nach, aber ohne zu treffen; dann flogen Signale an den Leinen empor, welche von den anderen Schiffen beantwortet wurden, und bald befanden sich alle verfügbaren Fahrzeuge auf der Jagd nach dem verwegenen Zwerge, welcher es gewagt hatte, den Riesen zu täuschen und mit ihm anzubinden.

»Ah, excellent, excellentissime!« rief General Dugommier, indem er tief aufathmete. »Dieser Mensch ist wirklich ein kleiner Teufel, der alles Lob verdient.«

»Lob?« erwiederte Bonaparte. »Bürger General, was dieser Robert Surcouf geleistet hat, ist über alles Lob erhaben; ich, Napoleon Bonaparte, sage, daß er eine Schlacht gewonnen hat. Ich wünsche von Herzen, daß er entkommt. Stände ich an der Spitze der Marineangelegenheiten, so würde ich ihn zurückrufen, um ihm eine Flotte anzuvertrauen. Ich habe mich in diesem Genie getäuscht!« –

Drei Tage später trat ein korsischer Fischer aus Calvi bei ihm ein. Dieser hatte die Brigantine »le faucon« getroffen und von dem Befehlshaber derselben einen Brief erhalten, um ihn bei Napoleon abzugeben. Derselbe lautete:

»An den Bürger Colonel Bonaparte. Ich habe mein Wort gehalten und mir ein Schiff genommen. Wenn Gott mich beschützt, so daß ich unbeschädigt an Gibraltar vorüberkommen, wird man bald Weiteres von meinen Träumen hören. Robert Surcouf.«

Napoleon Bonaparte faltete das Papier langsam und nachdenklich zusammen. Und doch ahnte er nicht, daß er einen der größten Fehler seines Lebens begangen hatte, als er diesem Manne seine Protection verweigerte. – – –

Quelle:
Robert Surcouf. Ein Seemannsbild von Ernst von Linden. In: Deutscher Hausschatz in Wort und Bild. 8. Jg. 1881/82. Heft 18. Regensburg, New York, Cincinnati (1882). Nr. 51, S. 801-806.
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