7.

Schluß

Nach Beendigung des Abendbrodes begab sich der Kutscher wieder hinaus in den Garten. Er glaubte den Fürsten auf Recognition; vor Eintreffen der Dragoner war jedenfalls Nichts zu thun, und so hatte er mit der Geliebten Verabredung getroffen, sich noch auf ein Viertelstündchen in der Laube zu sprechen. Er hatte das Glück, bei ihr sein zu können, noch zu wenig genossen, um jetzt nicht jede Minute ihrer Nähe für kostbar zu halten, und zudem gab es so viel zu besprechen, zu rathen, zu beruhigen und – aufzuklären.

Als er das stille Plätzchen betrat, fand er sie schon sein wartend und nahm dicht an ihrer Seite Platz. Schon vorhin hatte er ihr über den Grund seiner und des Fürsten Anwesenheit einige kurze Mittheilungen gemacht; jetzt vervollständigte er dieselben und war grad' bei der Bemerkung, daß Leopold auch um ihr Hiersein wisse, als er unter seinen Füßen ein Geräusch wahrzunehmen glaubte. Auch Marie hatte dasselbe gehört, und beide lauschten mit angehaltenem Athem, ob es vielleicht wiederkehren werde.

Da plötzlich bewegte sich ihr Sitz, und zwar dieser nicht blos allein, sondern mit ihm die ganze Laube. Der Darinsitzende ergriff das Mädchen und stand mit einem raschen Sprunge auf festem Boden. Nur die kurzen Worte: »Schnell, schnell hinter jenen Baum!« raunte er ihr zu, und lag dann auch schon platt auf der Erde, von welcher er bei der Dunkelheit nicht zu unterscheiden war.

Ein leiser Lichtschein schimmerte aus der Tiefe und ließ die Mündung eines Ganges erkennen, welche von dem hölzernen Boden der Laube verdeckt gewesen war. Ein einziger Blick genügte, um den einfachen Mechanismus zu begreifen. Im Balkenfuße des kleinen Bauwerkes stak ein senkrechter Riegel, welcher die Laube fest hielt; zog man ihn aber heraus, was sowohl von oben als auch von unten geschehen konnte, so ließ sie sich drehen und gab den Eingang frei.

Leise, vorsichtige Schritte stiegen empor; ein Kopf tauchte aus der Tiefe hervor und spähete in die schwarz umherliegende Nacht hinaus, ob er unbeobachtet sei. Dann stieg der Mann vollends herauf und schob, während das Licht unten fortbrannte, die Laube wieder in ihre vorige Stellung, worauf er den Riegel in seine ursprüngliche Lage brachte.

Voller Angst harrte Marie des nun Kommenden; sie ahnte, daß ein Kampf zwischen ihm und dem Geliebten bevorstand und zitterte vor Erregung. Da vernahm sie ein leises Geräusch – jetzt ist der Augen blick gekommen, dachte sie – aber es blieb vollständig ruhig, bis nach einigen Augenblicken eine leise Stimme rief:

»Marie, komm!«

Voll Freude eilte sie herbei. Er kniete auf einem menschlichen Körper.

»Hier mein Messer! Schneide die Waschleine von diesen zwei Bäumen ab; ich muß ihn binden, ehe ihm die Besinnung wiederkehrt.«

Sie folgte der Weisung, und bald lag der Betäubte geknebelt und gebunden in einem Winkel des Gartens.

»Ich muß hier bleiben, um den neuentdeckten Eingang zu bewachen. Willst Du nicht einmal auf die Straße spähen, ob Du den Korporal entdeckst? Er soll herkommen; ich muß mit dem Fürsten sprechen.«

Sie eilte von dannen. Leichten Schrittes flog sie durch den Hausflur, sodaß ihr Kommen von einem Manne, welcher auf der Straße lauschend am Fenster stand, gar nicht gehört wurde. Seine hohe, breite Gestalt ließ ihr in ihm den Gesuchten ahnen.

»Seid Ihr der Korporal Nauheimer?«

»Ja, der bin ich.«

»Ihr sollt schnell zum Kutscher des Fürsten in den Garten kommen; er hat eine wichtige Entdeckung gemacht.«

»Wer seid Ihr?«

»Eine Pathe des Fürsten.«

»Gut, ich gehe mit.«

Er folgte ihr und erfuhr, bei der Laube angekommen, das Vorgefallene und die Absicht des Kutschers, zum Fürsten zu gehen.

»Ja, das weiß der Kuckuk, wo der sich jetzt herumtreibt, und auch die Sophie ist nicht zu finden; ich habe schon eine ganze Zeit vergebens nach ihnen gesucht. D'rin in der Stube sitzt die alte Mamsell allein und fängt Grillen, und – weiß Er 'was Neues?«

»Was denn?«

»Der Habermann ist da!«

»Der Habermann? Nicht möglich!«

»Und doch! Vorhin brachten sie ihn im fürstlichen Jagdwagen; jedenfalls denken sie, sie haben die Durchlaucht gefangen. Es waren sechs Personen: der Habermann, sein Knecht, und Einer, den ich nicht wegbekommen konnte, war hintenauf geschnallt.«

»Und wo sind sie jetzt?«

»Jedenfalls im Keller.«

»Weiß es der Fürst?«

»Wohl nicht; er wird doch nicht etwa zu weit fortgegangen und den Transporteurs in die Hände gefallen sein? Die können jeden Augenblick kommen!«

»Das wär' 'ne schöne Geschichte! Muß 'mal suchen. Zunächst aber wollen wir doch einmal nachsehen, wo der Gang hinführt, der hier unter der Laube mündet. Jetzt sind wir zu Zweien und können eher Etwas wagen.«

Der Korporal war bereit, obgleich Marie bat, von dem gefährlichen Unternehmen abzustehen. Der Riegel wurde entfernt, die Laube gedreht; dann stiegen Beide in[87] die noch immer erleuchtete Oeffnung, welche sie nicht verschlossen, um für alle Fälle sich einen schnellen Rückzug zu sichern. Der Gang war sehr einfach und schleußenartig ausgeführt, erstreckte sich immer in grader Richtung vorwärts und endete vor einer Thür, welche nur angelehnt war.

Vorsichtig öffneten sie dieselbe und betraten einen kleinen, leeren Kellerraum; hier aber tönten ihnen aus einem Nebengewölbe laute Stimmen und schallendes Gelächter entgegen. Sie befanden sich, ohne daß sie es wußten, unmittelbar neben dem Keller, in welchen der Fürst mit Sophie eingeschlossen war, nur daß die Thür zu demselben auf der entgegengesetzten Seite angebracht war.

Der Kutscher blies das Licht aus und huschte an die ihnen gegenüberliegende Thür; auch sie war nur angelehnt, so daß er durch die dadurch entstandene Spalte fast das ganze Gewölbe überblicken konnte. Nach wenigen Augenblicken kehrte er zurück.

»Kommt! Wir wollen uns nicht unnöthiger Weise in Gefahr begeben, aber vor den paar Leuten wäre mir auch nicht bange.«

Wieder im Garten angekommen, wurde die Oeffnung verschlossen, und während der Korporal nun Wache hielt, ging der Andere, den Fürsten zu suchen. Er fand ihn weder in der Nähe des Hauses noch in der Gaststube, welche vollständig leer war. Auch in der Küche war weder Sophie noch die Wirthschafterin zu erblicken. Schon wollte er, von lebhafter Besorgniß erfüllt, durch den Hausflur in den Garten zurückkehren, als ein dumpfes Geräusch wie von unterdrückten menschlichen Stimmen an sein Ohr schlug.

Er blieb lauschend stehen; die Töne drangen durch die Seitenwand und schienen von unten zu kommen. Er näherte sich der Wand, deren eine Hälfte ein großer, breiter Schrank einnahm, dessen Thür nicht verschlossen, sondern nur angelehnt war. Sein Inhalt bestand in Kleidern, welche den Raum von oben bis herab zum Boden ausfüllten. Das dumpfe Gemurmel war hier vernehmlicher als vorher, und, die alten Röcke und Hosen mit beiden Armen auseinander ziehend, erblickte er hinter ihnen eine dunkle Oeffnung, welche jedenfalls mittelst einer Treppe nach abwärts führte. Der Schrank hatte keine Hinterwand.

Die Pistole ziehend, kroch er in die Oeffnung, fühlte Stufen unter seinen Füßen und stieg dieselben leise und vorsichtig hinunter. Nach einer Weile berührte er mit der tastenden Hand eine Thür. Dieselbe war jetzt nur durch eine einfache Klinkvorrichtung geschlossen. Behutsam öffnete er und gewahrte, daß er außerhalb desselben Gewölbes stehe, welches er vorhin von der entgegengesetzten Seite überblickt hatte, und in dem sich eine zahlreiche Gesellschaft von Männern befand. Soeben setzte, wie er durch die schmale Spalte bemerken konnte, die Mamsell einen Krug vor den Knecht des Getreidehändlers.

»Wohl bekomm's Ihm!« sagte sie dabei in höflichem Tone. »Er kann von Glück reden, daß man Ihn mit dem Fürsten aufgegriffen hat. Herrendienst ist ein schlimmer Dienst, und so ein schmucker Gesell wie Er wird bei den Soldaten sicher sein Glück machen. Da giebt es ein lustigeres Leben als in Dessau, wo Er nur böse Tage hat, wenn Er nicht zu scherwenzeln versteht!«

»Soldat? Ich gehe nicht unter die Soldaten!«

»Nicht? Da wird Er wohl gar nicht viel gefragt werden. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen!«

»Fällt mir gar nicht ein, den bunten Rock anzuziehen! Ja, es ginge wohl, wenn ich wollte, aber es geht nicht, weil ich mich nicht gern todtschießen lassen mag!«

Der Lauscher wußte genug. Leise, wie er gekommen war, schlich er wieder zurück und begab sich nun eiligen Schrittes zur Laube zurück.

»Der Fürst ist nirgends zu sehen, auch das Mädchen nicht. Entweder sind beide in eine Falle gerathen oder es droht der Durchlaucht von außen her eine Gefahr.«

»Alle Teufel, was ist da zu thun!«

»Zu thun giebt's weiter Nichts als unsre Pflicht. Wir müssen uns in den Besitz des Nestes setzen und die Kerls da unten unschädlich machen Das Uebrige wird sich dann schon finden.«

»Aber wir sind nur zu Zweien!«

»Fürchtet sich der Korporal Nauheimer vielleicht?«

»Fürchten? Wenn Er das Wort noch einmal sagt, so soll Er sehen, was passirt. Er sieht mir's wohl auch an, daß ich es gut mit einem halben Dutzend solcher Hallunken aufnehme, aber man muß auch vorsichtig sein. Zu einer solchen Affaire gehört mehr Umsicht und dergleichen, als ein Kutscher, wie Er, zu besitzen pflegt!«

»Ah, ist es das? Nun, ich werde Euch einmal zeigen, daß ein Kutscher zuweilen doch auch ein ganzer Kerl sein kann. Passet 'mal auf! Ich habe soeben noch einen Eingang zu den Kellern entdeckt; er geht von der Küche aus hinunter. Nun könnten wir zwar die Leute von beiden Seiten einschließen, aber es wäre ihnen doch möglich, auszubrechen; es sind ihrer viele und so eine Thür ist bald zertrümmert; dann wäre uns natürlich das ganze Spiel verdorben. Und was am meisten zählt, sie blieben alle im Besitze ihrer Waffen. Diese muß man ihnen nehmen und sodann entweder sie in ganz sicheren Gewahrsam bringen oder nach Befinden ihnen mit noch energischeren Maßregeln auf den Leib rücken.«

»Höre Er, Seine Ansichten sind nicht schlecht! Aber wie soll das Alles angefangen werden?«

»Nun, Ihr schleicht Euch durch den Laubengang bis an die zweite Thür; ich gehe durch die Küche, und sobald Ihr merkt, daß ich Euch brauche, tretet Ihr in das Gewölbe.«

»Gut. Hat Er denn Waffen?«

»Ja, Ihr doch wohl auch?«

»Zur Genüge.«

»Und ich?« frug da Marie, welche bisher eine schweigende Zuhörerin gewesen war.

»Du? Für Dich ist es am besten, wenn Du Dich zurückziehst. Solche Vorgänge sind nicht für Frauen.«

»Ich mich zurückziehen, wo es sich um den Fürsten handelt und um Dich? Nimmermehr!«

»Mein liebes, muthiges Mädchen!« antwortete er. »Ich kenne Dich und habe nichts Anderes von Dir erwartet.«

Er zog sie an sich und küßte sie innig, während Nauheimer, ganz erstaunt über diese Vertraulichkeit zwischen einer adeligen Dame und einem Kutscher, dastand und diese Zärtlichkeit gar nicht begreifen konnte.

»Und welchen Platz weisest Du mir also an?« fragte sie.

»Einen sehr wichtigen. Die Transportmannschaft wird baldigst eintreffen, denn jedenfalls war Der, welchen ich vorhin überrumpelte, abgeschickt, um ihnen den Weg zu zeigen. Ich glaube annehmen zu können, daß sie schon[88] jetzt da drüben in dem Hölzchen auf diesen Boten warten, da sich in der Nähe keine andere Deckung für sie befindet. Da sollst Du nun hier Wache stehen. Sobald Du etwas Verdächtiges bemerkst, eilst Du zur Küche, steigst durch den Kleiderschrank, hinter welchem eine Treppe in den Keller führt, und giebst mir Nachricht. Doch denke ich, daß wir, fertig sein werden, ehe Du Veranlassung zu einer solchen Warnung bekommst.«

»Aber sage Er mir doch einmal,« platzte da endlich Nauheimer los, »wie kommt Er denn zu dieser Bekanntschaft mit – –«

»Laßt das jetzt gut sein,« fiel ihm der Andere schnell in's Wort; »Ihr werdet schon noch das Nöthige erfahren. Jetzt macht, daß Ihr in den Gang kommt! Ich muß ihn von Außen verschließen, damit Ihr nicht vielleicht von hinten überfallen werdet; man muß sich hier Alles überlegen.«

»Höre Er, ich bekomme nach und nach einen ganz gehörigen Respect vor Ihm!«

»So? Na, da thut dazu, daß ich auch vor Euch Respect bekomme!«

Als der Korporal in dem Gange verschwunden und die Laube wieder vorgerückt worden war, sah der Kutscher noch einmal nach dem in der Gartenecke Liegenden und überzeugte sich, daß von demselben nichts zu befürchten sei. Dann empfahl er der Geliebten die nöthige Vorsicht und begab sich zunächst in den Stall. Hier versah er sich mit einer ziemlichen Anzahl von Schnüren und Stricken, welche an den alten, verwitterten Wänden herumhingen.

»So, die werden wir vielleicht gebrauchen können. Wenn der Korporal wirklich so ein Kerl ist, wie der junge Habermann gestern sagte, so wird Alles gut gehen, trotzdem es ein ganz verteufeltes Wagestück ist!«

Jetzt schritt er nach der Gaststube, in welcher er Mamsell Rosine traf.

»Will Sie mir wohl einen Gefallen thun, Jungfer Rosine?« fragte er sie.

»Er ist eigentlich zu unmanierlich, als daß man Ihm viel Gefallen erweisen möchte; aber was will Er denn, und wozu sind die Stricke da?«

»Das soll Sie gleich sehen,« antwortete er, indem er die Thür verriegelte und die Pistole hervorzog. »Setze Sie sich einmal hier auf diesen Stuhl!«

»Herr Jemine, was soll –« wollte sie beim Anblicke der Waffe aufkreischen; er aber fiel ihr schnell in das Wort:

»Kein Wort weiter! Wenn Sie nur im Geringsten muckst, so schlage ich Ihr hier mit dem Dinge da die Schmachtlocken auseinander, denn einen Schuß Pulver ist so eine alte Trine, wie Sie, doch nicht werth!«

Sie zitterte an allen Gliedern und konnte vor Angst kein Wort mehr hervorbringen.

»Was für eine saubere Wirthschaft da unten in den Kellern getrieben wird, das weiß ich, und wir werden das Nest auch nachher ausnehmen; jetzt aber frage ich Sie nur, wo mein Herr, der Habermann aus Dessau steckt!«

War der Fürst in eine Falle gerathen, so mußte sie es wissen, so calculirte er, indem er sie drohend anblickte.

»Sau–be–re Wirth–schaft?« stammelte sie. »Habermann –? Ich weiß von Alledem nichts, gar nichts!«

»So, na, da hat eben Ihre letzte Stunde geschlagen!«

Er faßte sie beim Halse und holte aus, als wolle er ihr mit dem Griffe der Pistole einen Schlag versetzen.

»Halt,« röchelte sie in Todesangst, »ich will's gestehen!«

»Nun, wo ist er?«

»Unten, eingeschlossen.«

»Und die Sophie?«

»Auch mit eingeschlossen.«

»Wer hat es gethan?«

»Die Sachsen,« antwortete sie aus Angst, daß es ihr an's Leben gehen könne, wenn sie die Wahrheit sagte.

»Gut, jetzt weiß ich genug! Jetzt lege Sie Ihre Hände hinter die Lehne und die Füße hier an die Stuhlbeine. Ich werde Sie anknüpfen. Wenn Sie sich ruhig verhält, geschieht Ihr nichts, wenn Sie aber einen Versuch macht, loszukommen, so ist's um Sie geschehen!«

Widerstandslos ließ sie sich fesseln; dann band er ihr die Schürze vor den Mund und trat in die Küche.

Helles Gelächter tönte ihm entgegen, als er die Stufen hinunterschritt. Ihm war allerdings nicht sehr lächerlich zu Muthe. Von dem Gelingen des Streiches hing Vieles ab, besonders da der Fürst sich selbst unter den Gefangenen befand. Geräuschlos öffnete er die Thür ein Wenig und horchte.

»Ich kann nicht begreifen,« klang eine Stimme, »warum Müller nicht zurückkommt. Um blos zu sehen, ob sie da sind, braucht es doch nicht eine so lange Zeit. Ich muß einmal nachschauen, was er draußen treibt!«

Das galt jedenfalls dem gefesselt im Garten Liegenden. Hier war keine Zeit zu verlieren, und der Sprecher hatte kaum den Fuß erhoben, um sich zu entfernen, so ertönte von der Thür her ein kraftvolles »Halt« in seine Ohren.

Er fuhr herum und erblickte den am Eingange Stehenden, welcher in jeder Hand eine gespannte Pistole hielt.

»Verrath! Zu den Waffen!« rief er erschrocken und eilte zum Ecktische, auf welchen er und seine Kameraden ihre Waffen abgelegt hatten. Aber mit einigen raschen Schritten hatte ihn der Eindringling vom Tische abgeschnitten.

»Keinen Schritt weiter. Wer sich von seiner Stelle rührt, ist verloren!« erscholl es ihm entgegen.

Da riß er ein Messer hervor und wollte sich mit erhobener Faust auf den Fremden stürzen. Ein Schuß krachte, und der Arm sank zerschmettert herab. Zu gleicher Zeit öffnete sich die andere Thür; Nauheimer trat ein und warf sich mit seiner mächtigen Gestalt den Werbern entgegen, welche aufgesprungen waren, ihren Kameraden zu rächen. – – –

Während dessen stand Marie von Naubitz draußen in der finstern Nacht auf ihrem Posten, um Wache zu halten. Sie war eine würdige Pathe des alten Knasterbartes und kannte weder Furcht noch Unentschlossenheit. An die Worte des Geliebten denkend, schien es Ihr rathsam, sich einmal nach dem Gehölz zu schleichen, und schon legte sie die Hand an die kleine Gartenpforte, welche in das Freie führte, als sie einen Schritt zurücktrat und sich schnell niederbeugte.

Zwei dunkle Gestalten kamen längs des Zaunes herbeigeschlichen und blieben jenseits desselben grad' vor ihr stehen.

»Das muß das Haus sein, Hauptmann!« flüsterte eine leise Stimme.[89]

»Natürlich! Und hier steht auch die Laube, in welche der Gang münden soll.«

»Warum nur keiner von den Kerls sich beim Rendezvous einfindet! Sie müssen doch wissen, daß wir nicht ewig warten können, weil wir die Nacht zum Transporte benutzen wollen.«

»Wer weiß, was sie noch zu verrichten haben. Eintreten können wir nicht; so bleibt uns also nichts übrig, als uns in Geduld zu fügen.«

Die beiden Männer entfernten sich langsamen Schrittes, und auch Marie erhob sich wieder, um das Gehörte zu melden. Als sie, längs des Gebäudes hingehend, an die Kellerthür kam, glaubte sie ein polterndes Geräusch zu vernehmen, welches die Stufen heraufdrang.

Sie öffnete und lauschte hinunter. Jetzt hörte sie ganz deutlich ein lautes Krachen und dazwischen den unterdrückten Schall einer tiefen Baßstimme:

»Himmelmohrenelement, ob wohl das alte Ding nachgeben wird, daß man aus der Bude herauskommt!«

Das war der Fürst; sie kannte diese Stimme zu deutlich und hörte aus den vernommenen Worten, daß er eingeschlossen sei. Ohne sich lange zu besinnen, eilte sie, so schnell es ihr die Dunkelheit gestattete, die Treppe hinab, und je weiter sie hinunter kam, desto deutlicher bemerkte sie, daß man eine Thür mit mächtigen Fußtritten bearbeite. Sie tappte sich dem Schalle nach, bis sie die Thür erreicht hatte und zog mit Anstrengung aller ihrer Kräfte die Riegel zurück. Der Schein des Lichtes fiel auf ihre Gestalt.

»Alle Wetter! Mädel, wie kommst denn Du in dieses vermaledeite Loch? Na, davon später; jetzt muß ich machen, daß ich den beiden Teufelskerlen da drüben zu Hülfe komme, denn da scheint es bunt herzugehen! Wie kommt man denn aber hinab in die Rattenfalle?«

»Durch die Küche, Durchlaucht. Erlaubt, daß ich Euch führe!« antwortete Marie, noch ehe Sophie ein Wort sagen konnte.

»Durch die Küche? Wie kommst denn Du dazu, das zu wissen, he?« fragte er, eilte aber, ohne eine Antwort abzuwarten, nach oben, und stand in kurzer Zeit vor dem Kleiderschranke.

»Da hinein soll ich kriechen? Na, jetzt komme ich endlich, Ihr Schwerenöther, und nun sollt Ihr alle Euern Zahlaus haben!«

So rasch wie möglich eilte er nach unten, stieß die angelehnte Thür auf und – blieb erstaunt unter derselben stehen.

Im Hintergrunde des Gewölbes lagen sämmtliche Werber gebunden auf der Erde; der Korporal war eben beschäftigt, dem Letzten derselben eine Schlinge um die Beine zu legen, während der Kutscher mit drohenden Pistolen immer noch an dem Tische stand, auf welchem die Waffen der Gefangenen lagen. Es war augenscheinlich, daß die Angeworbenen, ihren Vortheil erkennend, bei der Ueberwältigung derselben geholfen hatten, und auch Hans schien nicht ganz müßig gewesen zu sein, denn er stand vor Einem der Gefesselten und hielt ihm eben die erbauliche Rede:

»Sieht Er's nun ein, he? Wie Du mir, so ich Dir! Wir wollen Ihm schon lehren, bei nächtlicher Weile ehrlichen Leuten auf den Wagen zu springen, um sie unter's Militair zu stecken! Das ginge wohl, wenn's blos hieße: wie Du mir, aber es geht nicht, weil's auch heißt: so ich Dir!«

Die Arbeit war also hier vollständig gethan, und Leopold konnte sich nicht enthalten, in die anerkennenden Worte auszubrechen:

»Kerls, habt Ihr denn den leibhaftigen Satan im Leibe, daß Ihr zu Zweien Euch in diese Räuberhöhle wagt? Das ist doch ein Stück, wie's nur so im Buche steht. Na, es soll Euch auch angerechnet werden! Nauheimer, Er mag einmal hier zur Wache zurückbleiben; Er aber« – damit wandte er sich an den Kutscher – »Er aber bringe mir einmal den Habermann herauf in die Stube und auch den – den – na, den Menschen, der dort an der Wand lehnt. Muß einmal ein Wörtchen mit ihnen reden, und die Andern werden schon auch noch an die Reihe kommen!«

Als er in die Küche trat, fand er die beiden Mädchen vor, welche mit Spannung auf den Ausgang des Abenteuers gewartet hatten. Marie trat zu ihm heran.

»Verzeihung, Durchlaucht, daß ich vorhin keine Zeit fand, zu melden, daß sächsisches Militair das Wäldchen unweit des Dorfes besetzt hält.«

»Woher weißt Du das?«

»Ich stand Wache und hörte dem Gespräche zweier Offiziere zu.«

»Wache gestanden? Blitzmädel, an Dir ist ein Grenadier verdorben, und der Herrgott mag's einmal bei mir verantworten, wenn ich hinauf komme, daß er Dich in den Unterrock gesteckt hat. Und zwei Offiziere waren es, sagst Du? Da ist die Mannschaft zahlreich, und wir müssen die Ohren spitzen. Was sprachen sie?«

Sie theilte die belauschte Unterredung mit.

»Da wären wir wenigstens einen Augenblick vor der Ueberrumpelung sicher und –«

Er hielt mitten im Satze inne und eilte in die Stube, denn draußen vor dem Hause hatte sich Pferdegetrappel hören lassen. Noch hatte er die in den Flur führende Thür nicht erreicht, als dieselbe haftig geöffnet wurde und ein Dragoneroffizier eintrat, hinter welchem noch mehrere Uniformen zu erblicken waren. Den Fürsten erkennend, salutirte er:

»Eingetroffen nach Befehl, Excellenz!«

»Gut, gut, schön, schön! Aber wo ist denn der Gallwitz?«

»Ist mit der Escadron noch Etwas zurück; schickte mich nur vor, um zu recognosciren; mußte vorsichtig sein, wußte nicht, um was es sich handle.«

»Ja, der Gallwitz ist ein verständiger und umsichtiger Soldat. Mache Er sich's einstweilen bequem hier, schicke aber vorher einen Seiner Leute retour, den Gallwitz zu führen. Alles Geräusch vermeiden; fünfhundert Schritt entfernt vom Hause halten!«

Schon seit einigen Minuten war der Kutscher mit Habermann und Polenz aus dem Keller gestiegen. Marie hatte ihm sofort die dem Fürsten gemachte Mittheilung wiederholt, und als er jetzt die letzten Worte desselben vernahm, trat er vor.

»Erlaubt, Durchlaucht, daß ich gehe; kenne mich hier besser aus als diese Leute, die soeben erst hier angekommen sind!«

»Da hat Er recht. Melde Er mir's sofort, wenn die Blauen eingetroffen sind!«[90]

Der Kutscher ging; aber anstatt sich direct nach der Straße zu wenden, trat er zu dem fürstlichen Jagdwagen, auf welchem der Getreidehändler gekommen war, hob den Sitz in die Höhe und entnahm dem darunter befindlichen Kasten ein Packet.

»Es war doch gut, daß ich für alle Fälle meine Uniform einpackte. Jetzt mag vorerst der Kutscher in den Kasten gehen, und dann – ja dann wollen wir den Sachsen auf den Hals, ohne daß wir den Alten erst lange um guten Rath fragen!« murmelte er leise. – – –

Erst als die Thür sich hinter dem Fortgehenden geschlossen hatte, bemerkte Leopold die Mamsell, welche noch immer gefesselt und geknebelt auf ihrem Stuhle saß.

»Alle guten Geister,« rief er, »das ist ja die alte Meerkatze, die mich – na, das ist nicht für Jedermanns Ohren! Nehmt ihr doch 'mal die Schürze von der Nase und bindet den Drachen los!«

Als diesem Befehle Folge geleistet war, fragte er:

»Jetzt sage Sie 'mal, wer Sie hier so vortrefflich festgenagelt hat; aber mache Sie's kurz!«

»Wer denn anders, als Euer Kutscher!« antwortete sie, ihren Ingrimm bemeisternd, da sie sehr wohl bemerkte, daß hinter dem Getreidehändler doch wohl etwas Anderes stecke. Zudem fühlte sie sich nur gar zu wohl schuldig, und dieses Gefühl machte sie gefügiger, als sie es sonst gewesen wäre.

»Das ist doch ein ganz verteufelter Himmelhund!« rief er wohlgefällig. »Jetzt bleibe Sie ruhig sitzen; wir werden nachher schon sehen, was für Fett sich noch aus Ihrem Leichnam braten läßt. Ah, da ist ja auch der Habermann! Komme Er doch 'mal näher, mein Lieber!«

Diese Worte waren mit jener eigenthümlichen Freundlichkeit gesprochen, hinter der sich immer ein Gewitter verbarg. Der Handelsmann trat zögernd herbei.

»Warum ist Er niederträchtiger Millionenschwede – ach, alle Wetter!« unterbrach er sich hier, indem ihm erst jetzt das Eintreffen der Dragoner wunderbar vorkam, da Habermann doch jedenfalls nicht nach Halle gekommen war. Mit Spannung fuhr er deshalb fort: »Wie kommt Er denn hierher nach Bitterfeld?«

»Weil mich die Werber gefangen nahmen, Durchlaucht.«

»So. Schämt Er sich denn nicht bis über die Waden hinunter, daß Er sich von solchem Gelichter hat übertölpeln lassen – und noch dazu in meinem Rocke, Er Hallunke? Eigentlich sollte ich Ihn ganz gewaltig durchfuchteln lassen, versteht Er mich, he? Aber Er wird Seine Strafe auch so schon haben. Und was hat Er denn mit meinem Zettel angefangen?«

»Den habe ich einem Manne gegeben, der mir unterwegs begegnete. Er ging nach Halle.«

»Was? Einem Manne? Hat Er ihn denn gekannt?«

»Nein.«

»Nicht? Also dem Ersten Besten übergiebt Er so mir nichts, dir nichts eine Ordre von mir – wo so viel auf dem Spiele steht, Er Mohrenbraten Er – – –!«

Da kam ihm plötzlich ein Gedanke. Konnte das wohl vielleicht gar der Wolstraaten gewesen sein? Wahrscheinlich war es, und bei dieser Vorstellung lachte er ingrimmig in sich hinein; dann meinte er drohend:

»Wenn der Zettel nicht abgegeben worden ist, so hat Er's mit mir zu thun, und wird sehen, was es Ihm einbringt! Was hat Er denn eigentlich in Bitterfeld zu suchen gehabt?«

Der Gefragte schwieg, an allen Gliedern zitternd.

»Er mag immer schweigen! Weiß doch, daß Er dort das Goldfischchen hat wegangeln wollen für Seinen albernen Buben, aber da wird ihm der Henker 'was braten. Das Mädel ist versehen, und der Nauheimer ist ein Kerl, der Meriten hat und meine Connexion obendrein. Setze Er sich. Die Angst ist Ihm ja in die Beine gefahren, wie einem Storche der Schinken!«

Polenz lehnte während dieser Scene auf einem Stuhle. Die Besinnung war ihm wenigstens soweit zurückgekehrt, daß er das um ihn Vorgehende wie im Traume sah und hörte. Die Stimme des Fürsten klang ihm wie die Posaune des jüngsten Gerichtes in die Ohren, und als dieser befahl: »Jetzt bringt mir nun den Menschen dort einmal her!« war es ihm grad', als sei er an eine Kanone gebunden und erwarte in furchtbarer Todesangst den vernichtenden Schuß. Je näher er wankenden Schrittes herbeitaumelte, desto grimmiger wurde das Gesicht Leopolds. Dieser schien den Maleficanten mit dem Auge durchbohren zu wollen und vor Zorn nach Worten ringen zu müssen, bis er endlich, ganz gegen seine Gewohnheit, kurz und kalt befahl:

»Schafft mir das Subject aus den Augen! Das Jammerbild ist ja keines Wortes werth. Aber den Hut mag er auf dem Hirnkasten behalten, bis man ihm das Standrecht hält!«

Eine ganze Weile schritt er, mit seiner Aufregung kämpfend, in der Stube auf und ab. Endlich wurden seine Züge milder und milder, und mit einer kurzen Schwenkung blieb er vor Marie von Naubitz stehen.

»Höre, Mädel, da hätte ich alter Isegrimm bald einen dummen Streich gemacht und Dich an einen Mann gehängt, der – na, ich will mich nicht wieder ärgern! Wir wollen uns die Sache mit dem Platen noch einmal überlegen. Habe viel von ihm gehört, sehr viel Gutes und Schönes – soll ein ganz wahrhaftiges Extractum von allen Offizierstugenden sein! Und Du selbst bist ja heut' auf dem Damme gewesen trotz eines Pulverfressers und hast mich aus der Teufelshöhle herausgeholt, in die mich dort das alte Schüreisen – na, warte nur,« unterbrach er sich, wieder zornig werdend, »nennt mich dieses traurige Weibsbild einen alten Cyperkater! Ich werde Sie, Mamsell Rosine Kachelmüllerin oder Schachtelbergerin, becypern, daß Sie bis an Ihr seliges Ende an dem Kater herumkauen soll!«

Vielleicht hätte er der alten Jungfer eine etwas längere Rede gehalten, wäre jetzt nicht zum zweiten Male draußen das Stampfen von Rosseshufen laut geworden, und zwar in einer Weise, welche auf eine zahlreiche Abtheilung schließen ließ.

Wüthend eilte der Fürst nach der Thür.

»Wahrhaftig, da bringt mir der Kerl die ganze Truppe bis an die Nase hergeschleppt, und dabei machen die Leute einen Scandal, daß die Kurfürstlichen taub sein müßten, wenn sie es nicht hörten. Das wird uns den ganzen Coup verderben!«

Er befand sich wieder in vollem Zorne und herrschte, als jetzt der Eingang sich öffnete, dem Einen der beiden Eintretenden zu:[91]

»Alle Tod und Teufel, Rittmeister, was fällt Euch denn ein, mit solchem Spectakel mir in das Haus zu fallen, wenn ich befohlen habe, daß Ihr fünfhundert Schritt von hier Posto nehmen sollt? Nun sind uns die Sachsen futsch, die ich haben wollte!«

»Excellenz erlauben zunächst, diesen Mann abzuliefern!« erwiederte der Angeredete, indem er seinen Begleiter vorschob. Es war ein in Civil gekleideter Mann, in dessen Mienen die Angst und Furcht mit größter Deutlichkeit zu lesen waren.

»Wer ist's?«

»Der Bäcker Wolstraaten.«

»Aha, ist er von seinem Spaziergange nach Halle zurück? Habe jetzt aber keine Zeit, mich mit dem Landesverräther zu befassen. Setzt ihn dorthin neben seine alte Mamsell Schatulle!«

»Sodann habe ich Excellenz diese Allerhöchste Zuschrift zu überreichen. Kam aus Berlin und ist so pressant, daß sie mir sogar für die gegenwärtige Excursion anvertraut wurde, um baldigst in Eure Hände zu gelangen.«

»Na, da gebt 'mal Licht her!«

Er trat zum Tische, brach das Königliche Siegel auf, entfaltete das Schreiben und versuchte, sich den Inhalt desselben anzueignen. Lange wollte es ihm nicht gelingen; endlich aber legte er es mit einer Miene des Triumphes wieder zusammen.

»So, da ist der alte Dessauer wieder 'mal gescheidter gewesen, als all' die hochgelehrten Herren Federfuchser. Kinder, morgen marschiren wir; der Teufel geht wieder los. Mein guter Special, der liebe Herr Minister von Brühl, hat wieder 'mal 'nen Affen geheckt, der ihn in die eigenen Augen kratzen wird. Der alte Blutsauger kann das Schlabbermaul nicht halten und hat sich selbst verrathen. Also morgen geht's auf Leipzig los, und der Herrgott mag seine Englein trommeln und pfeifen lassen, daß es uns nicht am Siege fehlt! Es wird ja doch wohl die letzte Campagne sein, die Euer alter Leopold mit Euch unternimmt,« setzte er mit milder werdendem Tone hinzu, »und da wollen wir denn noch einmal zeigen, daß wir noch Kalk in den Knochen haben! Was nun das Neueste dabei ist, der Rittmeister Curt von Platen wird mir als Adjutant beigegeben. Der Fritz in Berlin will's so, und mir kann's auch recht und lieb sein! Aber nun hinaus zu den Sachsen, wenn sie uns, wie gesagt, nicht futsch sein sollen!«

»Excellenz, die Sachsen sind uns nicht futsch; wir haben sie schon!«

»Ihr habt sie? – – Wo denn, he?«

»Draußen vor dem Hause.«

»Vor dem Hause? Gefangen? Alle Hagel, wie ist denn das zugegangen?«

»Der Rittmeister von Platen, welchen uns Excellenz entgegenschickten –«

»Platen? – Entgegenschicken? Bei Euch rappelts wohl?«

Der Gefragte wurde der Antwort überhoben, denn es öffnete sich wieder die Thür und ein Offizier in der kleidsamen Tracht der Ziethenhusaren trat ein, nahm drei Schritte vor dem Fürsten Stellung und meldete:

»Fertig mit den Kurfürstlichen, Durchlaucht. Alle gefangen!«

»Potz Schwe– – –«

Das Kraftwort blieb dem alten Helden im Munde stecken. Auf's Höchste erstaunt, trat er einige Schritte zurück und beguckte sich mit aufgerissenen Augen den Mann, der sich mit solcher Eleganz vorzustellen wußte.

»Ist denn heut' die ganze Welt aus Rand und Band gefahren, daß Er Himmelsackermenter es wagen darf, als Leibkutscher sich – –«

Wieder hielt er vor erneutem Erstaunen mitten in seiner Strafpredigt inne, denn Marie von Naubitz trat zu dem Husaren, legte ihre Hand auf den Arm desselben und sprach:

»Der Herr Rittmeister von Platen, Excellenz!«

»Wa–wa–wa–was? Da ist ja heut' eine förmliche Revolution gegen mich! Also Er ist der Tausendschwerebretter, der so viele schöne dumme Streiche gemacht hat und nun jetzt gar dieses Mädel da zur Frau nehmen will? Und da hat Er sich gestern wohl nur deshalb bei Mutter Röse eingeschlichen, um mir so hinten herumzukommen und mich auf Seine Seite zu kriegen? Und den Kutscherrock hat Er angezogen, Er, ein Offizier, der doch Ehre im Leibe haben sollte und Reputation und Ambition und wie das welsche dumme Zeug alles noch heißen mag! Da schlage doch der Teufel d'rein! Daraus wird Nichts, rein gar Nichts. Na, wartet nur, Ihr Heidenvolk, Ihr sollt mir alle sammt und sonders, wie Ihr dasteht – und auch die da unten in den Kellerlöchern – mit nach Halle, und da wird ein Jeder Das bekommen, was er verdient hat, nämlich – – –«

»Der Nauheimer seine Sophie!« ertönte es herzhaft aus dem Hintergrunde, wo der Korporal auf einen kurzen Augenblick erschienen war, um sein Mädchen beim Halse zu nehmen. Er hatte es unten bei den Gefangenen doch nicht länger aushalten können und war nach oben gestiegen, wo es ihm vielleicht möglich war, ein kleines Wörtchen für sein Glück einzulegen.

»Maul gehalten, Er vorwitziger – – ja so, Er war's wohl selber, Korporal? Da will ich Nichts dagegen haben; also, der Nauheimer seine Sophie, und – und – und –«

»Der Platen – –« lachte muthig der Husarenrittmeister.

»Seine Marie!« ergänzte die Pathin des Fürsten, bittend zu diesem aufblickend.

»Ja ja, da darf man nur sagen: und – und – und –«

»Der Habermann seinen Hans!« machte sich eine halblaute Stimme bemerklich. »Das ginge wohl, denn Habermann bleibt Habermann, und das geht auch, denn der Hans bleibt auch der Hans!«

»Will Er dahinten wohl gleich seinen Schnabel zumachen! Glaubt Er wohl, Er dummer Hans, daß ich mich nur wegen ihm herstelle und dreimal ›und – und – und‹ schreie? Na« – wandte er sich wieder an die beiden jungen Leute, welche erwartungsvoll vor ihm standen – »da greift meinetwegen zu! Aber zur Beichte sollt Ihr mir noch sitzen, und zwar ganz gehörig, denn ich muß Alles wissen, was ich jetzt noch nicht erfahren habe, und wenn ich dann zufrieden bin mit dem Herrn Rittmeister, so wird er sich auch nicht zu beklagen haben über – hahahaha – über den Zwie–wie– hahahaha – wie–wie–wiebelhändler von gestern!«[92]

Quelle:
Unter den Werbern. Humoristische Episode aus dem Leben des alten Dessauer von Karl May. In: Deutsches Familienblatt. 2. Bd. Dresden (1876). Heft 6, S. 87-93.
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