Zum erstenmal an Bord

Mr. Potsherd stampfte gegen den Wind dem Strande zu. Er war seit kurzem Besitzer der hiesigen Glasfabrik geworden, trug in jeder Hand eine wohlgefüllte Tasche, und ihm folgte sein Comptoirdiener mit einem schweren Koffer, Regenschirm und sonstigen Reiseutensilien. Von links her kam Mr. Lucky geschritten. Er war ein junger Handelsbeflissener, und sein Gepäck bestand einzig nur in dem Ueberrocke, der an seinem Arme hing.

»Ah, Mr. Lucky!« rief der erstere. »Wohin?«

»Zur See, nach Charleston.«

»Ich auch.« Er deutet auf Koffer und Taschen und fügt hinzu: »Auf Reisende ist kein Verlaß; will meine Proben mal selbst vorzeigen. Well, reisen wir zusammen. Waren Sie schon einmal zur See? Ich noch nicht. Bin neugierig auf die Seekrankheit.«

»Pshaw! Ist Dummheit! War schon zweimal in New York. Seekrankheit ist Einbildung – der reine Spaß!«

Am Strande angekommen, sehen sie das Boot schon ziemlich gefüllt. Sie steigen ein; Potsherd nimmt sein Gepäck zu sich, der Diener kehrt nach dem Städtchen zurück und das kleine Fahrzeug stößt ab, dem großen Dampfer entgegen, der ob seines Tiefganges der Küste sich nicht mehr nähern kann. Die See geht hoch; sie wirft wahre Berge; die Ruderer haben harte Arbeit (erstes Bild); Mr. Potsherd wird sehr bleich, und Mr. Lucky macht die Augen zu, obgleich er schon zweimal in See gewesen ist. Vielleicht ist die Seekrankheit doch kein so großer Spaß für ihn, wie er sich vorhin den Anschein gegeben hat. Doch geht die Bootsfahrt glücklich vorüber; der Dampfer nimmt die Passagiere an Bord; die beiden nehmen Fahrkarten erster Kajüte und lassen sich ihre Räume anweisen, mit denen sie sehr zufrieden sind. Nachdem sie sich die prächtigen Salons besehen haben, kehren sie an Deck zurück, um den Anblick der wogenden See zu genießen.

Das sind keine Wellen, sondern Wogen, und was für welche! Das Schiff rollt bald im tiefen Hohl derselben, bald wird es hoch emporgehoben, so daß es das Kupfer am untern Rumpfe zeigt. Nach zehn Minuten meint Mr. Potsherd:

»Ich weiß nicht, ob die See läuft oder wir. Ich muß mich setzen.«

Die Herren setzten sich, und Mr. Lucky läßt sich ein Glas Cognac geben. Es wird ihm so schwach im Magen, und dem Glasfabrikanten ist's, als ob er einen Bienenstock im Kopfe habe. Glücklicherweise ruft die Glocke zum Diner, bei dem man sich wieder erholen kann. Im Dining-room ist gedeckt und jeder sucht sich seinen Platz. Die Schiebefächer der Tafel sind so praktisch eingerichtet, daß man meint, selbst der höchste Seegang könne keinen Schaden anrichten. Die Suppe wird herumgereicht. Soeben will Mr. Lucky dieselbe mit einem zweiten Cognac einleiten, da legt sich das Schiff auf die Backbordseite, und der Speisesaal folgt derselben Neigung. Der Steward schüttet, anstatt sie ihm vorzusetzen, Mr. Potsherd die Suppe auf die Kniee; Mr. Lucky strengt sich an, nicht vom Stuhle zu fallen, und als er dann das Glas zum Munde führt, ist es leer, denn er hat sich den Cognac in die Suppe geschüttet, welche nun ungenießbar ist (zweites Bild). In ähnlicher Weise verlaufen die weiteren Gänge. Das Essen ist ausgezeichnet, aber die See spielt den Speisenden einen Streich nach dem andern, so daß man zu keinem wirklichen Genusse kommt. Als noch zu guter Letzt das Konfekt glücklich auf den Teppich gekollert ist, begeben unsre beiden Passagiere sich nach dem Rauchsalon, um eine Cigarre zu genießen, wogegen der Atlantische Ocean wohl nichts haben wird. Den duftenden Rauch behaglich von sich blasend, erklärt Mr. Potsherd, daß er hoffe, in Charleston mit seinen Glasproben famose Geschäfte zu machen, und Mr. Lucky erzählt, daß ihm vom Banquier Kneel dort eine Buchhalterstelle angeboten worden sei, doch wünsche dieser Herr, ihn vorher zu sehen, um zu erproben, ob auf persönliche Sympathie zu hoffen sei, denn ein Untergebener müsse seinem Vorgesetzten vor allen Dingen sympathisch sein. Kaum sind diese kurzen Mitteilungen gemacht, so beginnt das Schiff zu schlingern, welche Bewegung sich den Rauchenden direkt mitteilt, weil der Rauchsalon weit vorn im Vorderteile liegt. Mr. Potsherd erklärt, daß er sich in seine Koje zurückziehen müsse, da er zu viel gegessen habe, was aber gar nicht wahr ist, und entfernt sich[202] wankend. Mr. Lucky will tapferer sein; er läßt zwar seine Cigarre fallen, nimmt sich aber vor, auf seinem Posten, am Rauchtischchen, auszuhalten. Bald aber ergreift ihn ein ganz unbeschreibliches Gefühl. Es ist ihm, als ob er ein riesiger Luftballon sei, der mit rapider Schnelligkeit dem Monde zufliege, und als ein Wogenberg den Bug des Dampfers so hebt, daß sich Mr. Lucky kaum auf seinem Platze erhalten kann (drittes Bild), beschließt er, dem Beispiele seines Reisegefährten zu folgen. Er greift sich vorsichtig mit den Händen an den Wänden fort und gelangt glücklich an seine Koje. Gerade, als er eintritt, bäumt sich der Dampfer abermals, und der Fußboden bekommt dadurch eine so starke Neigung, daß Mr. Lucky sich an der Portiere festhalten muß (viertes Bild), um nicht umzufallen.

Was nun in den beiden nebeneinanderliegenden Kojen geschieht? Mr. Potsherd hört Mr. Lucky wimmern, und Mr. Lucky hört Mr. Potsherd jammern; es gibt allerlei unterirdische Geräusche, bis nach längerer Zeit die Stille des blassesten Todes eintritt.

Am Abende scheint die See sich beruhigt zu haben. Die Sterne flimmern, und Mr. Lucky und Mr. Potsherd schweben gespenstergleich aus den Kojen hervor, nicht etwa, um sich am Souper zu beteiligen, zu welchem soeben geläutet wird, o nein, sondern nur um die Sterne heimlich zu fragen, ob einer von ihnen ein Mittel gegen den Mal de mer anzugeben vermöge. Bei dieser Gelegenheit teilt Mr. Potsherd vertraulich mit, daß seine Glasfabrik zwar ausgezeichnet rentiere, er aber doch, um sie zu erweitern, nach einem reichen Compagnon annonciert habe.

Der Dampfer nähert sich der Küste, nimmt neue Passagiere auf, welche ein Boot herbeibringt (sechstes Bild), und sucht dann wieder die hohe See auf. Einer dieser Reisenden trägt einen Havelock mit Mönchskapuze und bekommt die Koje angewiesen, welche neben derjenigen von Mr. Lucky liegt. Dieser letztere sagt Mr. Potsherd, daß dessen Name eigentlich nicht für einen Glasfabrikanten passe, und der Fabrikbesitzer erwidert, daß der Name Lucky von guter Vorbedeutung für die Reise des jungen Mannes sei. Sie bleiben miteinander an Deck, bis die Sterne plötzlich verschwinden und der Kapt'n meldet, daß wahrscheinlich eine leichte Bö im Anzuge sei; da ziehen sie sich schleunigst in ihre Kojen zurück.

Diese waren so eingerichtet, daß je zwei von einer Lampe erleuchtet wurden, welche oben in einem Ausschnitte der dünnen Zwischenwand hing. Die Zwischenwand konnte als Thür geöffnet werden, falls ein Passagier zwei Kojen für sich in Anspruch nahm. Mr. Luckys Lampe hing zwischen ihm und dem Kapuzenmanne. Sein Raum war wohl eigentlich ein Ladiesroom, da sich ein Pianino in demselben befand. Er legte sich auf das Polster und breitete die dazu vorhandene Decke und den Ueberrock über sich aus. Und das war gut, denn die See ging plötzlich wieder so hoch, daß das Stehen fast zur Unmöglichkeit wurde.

Der Wind war steif und blies, ohne abzusetzen, so daß er also keine Töne gab. Es war so still in der Kajüte, daß man sprechen hören konnte. Um so lebhafter und unregelmäßiger war der Gang des Schiffes. Bald lag es auf dieser, bald auf jener Seite; bald stieg es bergan, bald fiel es bergab. Vom Schlafen war keine Rede. Man mußte wach bleiben und sich fest anhalten, um nicht vom Lager zu fallen. Das Ohnmachtsgefühl stellte sich bei Mr. Lucky wieder ein. Er seufzte und stöhnte. Es war ihm weit schlimmer als einem Fuchse beim Prellen zu Mute. Da – so arg war es noch gar nicht gewesen, der Dampfer bäumte sich, daß Mr. Lucky den Halt verlor; dann fiel das Schiff so plötzlich auf die Seite, daß der junge Mann, schon nach links fallend, auch nach vorn geschleudert wurde; die Folge war, daß er einen regelrechten Purzelbaum schlug und schleunigst Parterre zu sitzen kam (siebentes Bild). Zu gleicher Zeit ging drüben bei Mr. Potsherd ein Krachen, Prasseln, Klirren und Klingen los, als ob der ganze Himmel aus Glas bestehe und zusammengebrochen sei. Es folgte ein unbeschreibliches Zetermordio des Fabrikbesitzers, und von der Seite des andern Nachbars her, aus der Nähe der Decke herab, ertönte die ängstliche Frage: »Was ist los, Sir? Was zerbrechen Sie? Welches Unheil richten Sie an? Ich werde – –«

Der Sprecher kam nicht weiter, oder vielmehr er kam weiter, viel weiter, als er beabsichtigt hatte, nämlich – – in die Koje hereingeflogen. Er war drüben auf das Lager gestiegen, um durch die Lampenöffnung herüberzusprechen. Die dünne Scheidewand war, wie schon gesagt, eine Thür, deren Verschluß der Last des Mannes nicht zu widerstehen vermochte; sie ging auf und er stürzte herein, gerade vor Mr. Lucky hin, welcher sich aus seiner sitzenden Stellung in eine knieende aufgerichtet hatte. Der junge Mann blickte dem unfreiwilligen Eindringling ganz verdutzt entgegen, und dieser, auf den Knieen und Händen liegend, schaute ebenso verblüfft aus seiner Kapuze hervor (achtes Bild), bis Mr. Lucky endlich fragte: »Aber, Sir, was wollen Sie? Wer sind Sie?«

»Wer ich bin?« antwortete der andre, noch immer auf seinen vier Extremitäten. »Ich heiße Kneel, Bankier Kneel.«

»Alle Wetter!« rief Lucky. »Bankier Kneel! Etwa aus Charleston?«

»Allerdings.«

»Welcher Zufall! Ich wollte dorthin, um mich Ihnen vorzustellen, wissen Sie, wegen der notwendigen Sympathie.«

Der Bankier sprang auf, zog den Sprecher auch empor und sagte lachend: »So sind Sie also Mr. Lucky? Unsere Begegnung ist so interessant, daß Sie mir sofort sympathisch sind. Sie sollen also die Stelle haben. Nun aber kommen Sie vor allen Dingen weiter. Wir müssen sehen, was da neben Ihnen geschehen ist.«

Sie traten auf den Gang hinaus und öffneten die Koje Mr. Potsherds. Dieser lag in einem Scherbenhaufen (fünftes Bild). Er war so unvorsichtig gewesen, seine Glasproben nicht auf den Fußboden zu stellen, sondern aufzuhängen, und infolge der beschriebenen Schiffsbewegung war alles herabgefallen. Nun saß er in den Trümmern und jammerte: »Mein Name, mein unglücklicher Name! Potsherd! Es ist wirklich alles in Scherben gegangen!«

»Potsherd?« fragte der Bankier. »Etwa der Besitzer einer Glasfabrik, welcher einen Compagnon sucht?«

»Ja,« antwortete der Gefragte, indem er aufstand.

»Ich habe Ihre Annonce gelesen und mich nach Ihren Verhältnissen erkundigt; sie genügen mir. Ihr Name ist gut und die unsrigen zwei auch. Mr. Lucky ist im Fallen glücklich gewesen, und ich, der ich Kneel heiße, habe ihn im Knieen kennen gelernt. Das Geklirr Ihrer Scherben hat mich zu Ihnen geführt, und wir werden ja


Zum erstenmal an Bord

Zeit finden, über das Geschäft zu sprechen. Oder nicht? Ich bin nämlich der Mann, zu welchem Mr. Lucky nach Charleston wollte. Wunderbar, dies Zusammentreffen, nicht?«

»Well!« nickte Mr. Potsherd, indem er im ganzen Gesichte lachte. »So will ich die Scherben nicht betrauern. Die Seekrankheit ist wirklich der reine Spaß, wie Sie gesagt haben, Mr. Lucky.


Zum erstenmal an Bord.
Zum erstenmal an Bord.

Fühlte ich, daß ich überhaupt noch einen Magen habe, schlüge ich vor, wir wecken den Steward und stechen einige Flaschen Rheinwein aus.«[206]

Quelle:
Zum erstenmal an Bord. In: Der Gute Kamerad. 4. Jg. Nr. 15. S. 202–206. – Berlin, Stuttgart (1890), S. 202-204,206-207.
In: Der Gute Kamerad. Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung. [Jahrgangstitel: Der Gute Kamerad. Spemanns Illustriertes Knaben-Jahrbuch]. 4. Jg. Nr. 15. S. 202–206. – Berlin, Stuttgart: W. Spemann (1890). Reprint in: Der Schwarze Mustang. Anhang: Die kleineren »Kamerad«-Erzählungen von Karl May. Einführung von Erich Heinemann. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft 1991.
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