Zweites Kapitel

Tokvi-tey

[81] Es war am Nachmittage des darauffolgenden fünften Tages, als die sechs Reiter das Gebiet der Pulverflußquellen hinter sich hatten und nun den Bighornbergen zustrebten.

Die Strecken, die sich von Missouri nach dem Felsengebirge hinziehen, gehören noch heutigen Tages zu den wildesten Teilen der Vereinigten [82] Staaten. Dieses Gebiet besteht fast ganz aus einsamer baumloser Prairie, in welcher der Jäger mehrere Tage lang zu reiten hat, ehe er einen Busch oder eine Wasserquelle findet. Das Land steigt nach Westen zu allmählich an; es bildet bald sanfte Erhöhungen, sodann Hügel, welche immer höher, schroffer und zerklüfteter werden, je weiter man nach Westen kommt; aber der Mangel an Holz und Wasser bleibt sich gleich. Darum wird diese Gegend von den Indianern »Mah-kosietscha« und von den Weißen »Bad lands« genannt. Beide Ausdrücke bedeuten das Gleiche, nämlich soviel wie schlechtes Land.

Selbst bedeutende Flüsse, deren Gebiet ein großes ist, wie z.B. der Platte, führen im Sommer nur wenig Wasser mit sich. Weiter im Norden, wo die Quellgebiete des Cheyenne-, Powder-, Tongue- und Big-Horn-Flusses liegen, wird das Land besser. Das Gras ist saftiger; die Büsche treten zu ausgedehnteren Strauchwäldern zusammen, und endlich schreitet der Fuß des Westmannes sogar im Schatten hundert- und noch mehrjähriger Baumriesen dahin.

Dort befinden sich die Jagdgründe der Schoschonen oder Schlangenindianer, der Sioux, Cheyennes und der Arapahoes. Jeder dieser Stämme zerfällt wieder in Unterabteilungen, und da eine jede dieser Abteilungen ihre besonderen Interessen verfolgt, so ist es kein Wunder, daß es einen immerwährenden Wechsel von Krieg und Frieden zwischen ihnen gibt. Und ist der rote Mann ja einmal zu längerer Ruhe geneigt, so kommt Master Bleichgesicht und sticht ihn so lange, erst mit Nadeln, dann mit Messern, bis der Indianer das vergrabene Kriegsbeil wieder hervorsucht und von neuem zu kämpfen beginnt.

Unter diesen Umständen versteht es sich ganz von selbst, daß da, wo die Weidegründe so vieler und verschiedener Stämme und Abteilungen zusammenstoßen, die Sicherheit des Einzelnen eine sehr fragliche, ja höchst gefährdete ist. Die Schoschonen oder Schlangenindianer sind stets erbitterte Feinde der Sioux gewesen, und darum haben die Strecken, welche sich von Dakota aus südlich vom Yellowstoneflusse nach den Big-Hornbergen ziehen, sehr oft das Blut des roten – wohl auch des weißen Mannes getrunken.

Der dicke Jemmy und der lange Davy wußten das sehr genau, und aus diesem Grunde waren sie mit aller Sorge darauf bedacht, möglichst einem Zusammentreffen mit Indianern, gleichviel welchen Stammes, auszuweichen.

Wohkadeh ritt voran, da er ganz dieselbe Strecke bereits auf dem Herwege durcheilt hatte. Er war jetzt mit einer Büchse bewaffnet und trug an seinem Gürtel mehrere Beutel mit all den Kleinigkeiten, welche dem Prairiemanne unentbehrlich sind. Jemmy und Davy hatten ihr Aeußeres nicht verändert. Der erstere ritt selbstverständlich seinen hohen Klepper, und der zweite hing seine ewig langen Beine an den Seiten seines kleinen, störrigen Maultieres herab, welches alle fünf Minuten den bekannten Versuch, seinen Reiter abzuwerfen, vergeblich wiederholte. Davy brauchte nur den einen Schuh, rechts oder links, wo es gerade notwendig war, auf die Erde zu setzen, um festen Halt zu haben. Er glich auf seinem Tiere einem jener Bewohner der australischen Inseln, welche ihre an sich höchst gefährlichen Boote mit Auslegern versehen und aus diesem Grunde niemals umkippen können. Davys Ausleger aber waren seine beiden Beine.

Auch Frank trug ganz dieselbe Kleidung, in welcher er von den beiden Freunden zum erstenmal gesehen worden war: Mokassins, Leggins, blauen Frack und Amazonenhut mit langer, gelber Feder. Der kleine Sachse saß ganz ausgezeichnet zu Pferde und machte trotz seines sonderbaren Habits den Eindruck eines recht tüchtigen Westmannes.

Eine Lust war es, Martin Baumann im Sattel sitzen zu sehen. Er ritt wenigstens ebensogut wie Wohkadeh. Er war wie mit dem Pferde verwachsen und hatte jene weit vorgebeugte Haltung, welche dem Tiere die Last erleichtert und den Reiter befähigt, die Anstrengung eines monatelangen Rittes ohne Uebermüdung auszuhalten. Er trug einen echten ledernen Trapperanzug, wie überhaupt seine ganze Ausrüstung und Bewaffnung nichts zu wünschen übrig ließ. Er war mit ganzer Seele bei der Aufgabe, welche er zu lösen hatte. Wer ihm in sein frisches Gesicht und sein helles Auge blickte, mußte zu der Ueberzeugung kommen, daß er sich hier in der Prairie ganz in seinem Elemente befinde. Er machte ganz den Eindruck, daß er, obgleich noch halb ein Knabe, nötigenfalls doch als Mann zu handeln verstehen werde. Hätte die schwere Sorge um den gefangenen Vater nicht einen Schatten über ihn geworfen, so wäre er wohl das heiterste Glied des kleinen Trupps zu nennen gewesen.

Lustig war es, den schwarzen Bob zu betrachten. Das Reiten hatte niemals zu seiner Passion gehört, und so saß er in einer geradezu unbeschreiblichen Haltung zu Pferde. Er hatte seine liebe Not mit dem Tiere, und dieses aber auch wieder mit ihm, denn er vermochte es nicht, auch nur zehn Minuten lang einen festen Sitz zu bewahren. Hatte er sich einmal ganz an den Hals des Pferdes vorgeschoben, so brachte ihn jeder Schritt des Tieres um irgend einen Teil eines Zolles nach hinten. So rutschte und rutschte er, bis er sich in der Gefahr befand, hinten herunter zu fallen. Dann schob er sich möglichst weit vor, und die Rutschpartie begann von neuem, wobei er ganz unfreiwilligerweise in Stellungen geriet, welche der Spaßmacher eines Cirkus sich nicht lächerlicher hätte aussinnen können. Er hatte nämlich anstatt des Sattels nur eine Decke aufgeschnallt, weil er infolge früherer Proben wußte, daß es ihm unmöglich sei, sich in dem Sattel zu erhalten; er war bei einem einigermaßen schnellen Tempo immer hinter denselben zu sitzen gekommen. Er hielt die Beine weitab vom Pferde. Wurde ihm gesagt, daß er festen Schluß nehmen solle, so antwortete er stets:

»Warum soll Bob drücken mit den Beinen armes Pferd? Pferd ihm ja nichts zuleid gethan! Bobs Beine sind doch keine Kneipzange!«

Die Reiter hatten den Rand einer nicht sehr tiefen, fast kreisförmigen Bodensenkung erreicht, deren Durchmesser vielleicht sechs englische Meilen betragen mochte. An drei Seiten von kaum merklichen Terrainanschwellungen umgeben, wurde diese Senkung im Westen von einer ansehnlichen Höhe begrenzt, welche von Strauch- und Baumwuchs bestanden zu sein schien. Vielleicht hatte es früher hier eine seeartige Wasseransammlung gegeben. Der Boden bestand aus einem tiefen, unfruchtbaren Sande und zeigte außer wenigen harten Grasbüscheln nur jene grau schimmernde, nutzlose Mugwortvegetation, welche die sterilen Gegenden des fernen Westens kennzeichnet.

Wohkadeh trieb sein Pferd, ohne sich lange zu besinnen, in den Sand hinein. Er nahm die gerade Richtung nach der erwähnten Höhe zu.

»Was für eine Gegend ist dies hier?« fragte der dicke Jemmy. »Sie ist mir unbekannt.«

»Die Krieger der Schoschonen nennen diesen Ort Pa-are-pap,« antwortete der Indianer.

»Den ›See des Blutes‹. O weh! Da wollen wir ja nicht wünschen, Schoschonen zu begegnen.«

»Warum?« erkundigte sich Martin Baumann.

»Weil wir sonst verloren wären. Hier an dieser Stelle ist eine Jagdabteilung der Schoschonen von den Weißen bis auf den letzten Mann niedergemetzelt worden, ganz ohne alle Veranlassung. Obgleich seitdem wohl an die fünf Jahre vergangen sind, würden die Stammesangehörigen der Ermordeten doch einen jeden Weißen, welcher das Unglück hätte, in ihre Gewalt zu geraten, ohne Barmherzigkeit töten. Das Blut der Gefallenen schreit nach Rache.«

»Meint Ihr, daß sich Schoschonen in der Nähe befinden, Sir?«

»Ich will es nicht hoffen. Wie ich gehört habe, befinden sie sich jetzt weit nordwärts am Musselschell River in Montana. Ist dies wahr, so sind wir vor ihnen sicher. Wohkadeh wird uns sagen, ob sie indessen südwärts gezogen sind.«

Der Indianer hatte diese Worte gehört. Er antwortete:

»Als Wohkadeh vor sieben Tagen hier vorüber kam, gab es keinen einzigen Krieger der Schoschonen in der Nähe. Nur die Arapahoes hatten ein Lager da aufgeschlagen, wo der Fluß entspringt, welchen die Bleichgesichter den Tongue River nennen.«

»So sind wir sicher vor ihnen. Uebrigens ist die Gegend hier so eben und offen, daß wir auf über eine Meile weit jeden Reiter oder Fußgänger erkennen und also imstande sein würden, unsere Maßregeln zur rechten Zeit zu treffen. Vorwärts also!«

Sie mochten wohl eine halbe Stunde [83] lang in gerader westlicher Richtung geritten sein, als Wohkadeh sein Pferd anhielt.

»Uff!« rief er aus.

Dieses Wort wird von den Indianern meist als Ausruf der Verwunderung gebraucht.

»Was gibts?« fragte Jemmy.

»Schi-schi!«

Dieses Wort ist aus der Mandanersprache und heißt eigentlich »Füße«, hat aber auch die Bedeutung von Spur oder Fährte.

»Eine Fährte?« fragte der Dicke. »Von einem Menschen oder einem Tiere?«

»Wohkadeh weiß es nicht. Meine Brüder mögen sie selbst betrachten.«

»Good lack! Ein Indsman weiß nicht, ob die Spur von einem Menschen oder von einem Viehzeuge ist! Das ist mir noch niemals vorgekommen! Das muß ja eine ganz und gar eigentümliche Fährte sein. Wollen sie uns doch einmal betrachten. Aber steigt hübsch ab und reitet mir nicht darauf herum, ihr Leute, sonst ist sie dann nicht mehr zu erkennen.«

»Sie wird dann noch immer zu erkennen sein,« meinte der Indianer. »Sie ist groß und lang; sie kommt weit von Süden her und geht weit nach Norden.«

Die Reiter stiegen ab, um die sonderbare Fährte zu untersuchen. Die Fußstapfen eines Menschen von der Fährte eines Tieres zu unterscheiden, versteht jeder dreijährige Indianerknabe. Daß Wohkadeh sich außer stande sah, diese Unterscheidung zu treffen, war geradezu eine Unbegreiflichkeit. Doch auch Jemmy, als er die Stapfen betrachtet hatte, schüttelte den Kopf, blickte nach links, woher die Fährte kam, dann nach rechts, wohin sie führte, schüttelte abermals den Kopf und sagte dann zu dem langen David Kroners:

»Nun, mein alter Davy, hast du in deinem Leben bereits einmal so etwas gesehen?«

Der Gefragte schüttelte bedenklich den Kopf, blickte nach links und rechts, betrachtete die Eindrücke im Sande noch einmal, schüttelte abermals und antwortete dann:

»Nein, noch niemals.«

»Und Ihr, Master Frank?«

Der Sachse beguckte und beguckte die Spur, schüttelte auch und meinte:

»Aus diesen Stapfen werde der Teufel klug!«

Auch Martin und der Neger sprachen sich dahin aus, daß ihnen die Sache sehr rätselhaft vorkomme. Der lange Davy kratzte sich erst hinter dem rechten und sodann hinter dem linken Ohre, spuckte zweimal nacheinander aus, was stets ein Zeichen war, daß er sich in Verlegenheit befinde, und that dann den weisen Ausspruch:

»Aber irgend ein Geschöpf ist hier vorüber gekommen. Wenn das nicht wahr ist, so will ich verurteilt werden, binnen zwei Stunden den alten Mississippi mit samt seinen Nebenflüssen auszutrinken!«

»Schau, wie klug du bist, Alter!« lachte Jemmy. »Wenn du es nicht sagtest, so wüßten wir wirklich nicht, daß das eine Fährte ist. Also eine Kreatur ist auf alle Fälle hier vorübergelaufen. Aber was für eine? Wie viele Beine hat sie gehabt?«

»Vier,« antworteten außer dem Indianer die anderen alle.

»Ja, das sieht man genau. Also ist's ein Tier gewesen. Nun aber soll mir irgend einer sagen, mit welcher Art oder Gattung von Vierbeiner wir es zu thun haben!«

»Ein Hirsch ist's nicht,« meinte Frank.

»Gott behüte! Ein Hirsch macht Zeit seines Lebens nicht so riesige Eindrücke.«

»Etwa ein Bär?«

»Freilich läßt ein Bär in solchem Sande so große und deutliche Silben zurück, daß sogar ein Blinder sie mit den Fingern lesen könnte; aber diese Fährte stammt auch von keinem Bären. Die Eindrücke sind nicht lang und nach hinten ausgewischt, wie bei einem Sohlengänger, sondern beinahe kreisrund, über eine Handspanne im Durchmesser und gerade eingetreten, wie mit einem Petschaft gestempelt. Sie sind nur wenig nach hinten ausgeworfen und unten am Grunde vollständig eben. Das Tier hat also nicht Zehen oder Krallen, sondern Hufe gehabt.«

»Also ein Pferd?« meinte Frank.

»Hm!« brummte Jemmy. »Ein Pferd kanns aber auch nicht gewesen sein. Man müßte da doch wenigstens eine kleine Andeutung der Hufeisen oder, falls das Tier barfüßig gewesen wäre, des Tragrandes und des Strahles finden. Die Fährte ist im höchsten Falle zwei Stunden alt, eine zu kurze Zeit, als daß sich während derselben diese Andeutung hätte verlieren können. Und, was die Hauptsache ist, kann es jemals ein Pferd mit so außerordentlich großen Hufen geben? Wenn wir in Asien oder Afrika wären und nicht in dieser alten, gemütlichen Savanne, so würde ich behaupten, daß ein Elefantengroßvater hier vorübergestampft sei.«

»Ja, gerade so sieht es aus!« lachte der lange Davy.

»Was? Gerade so sähe es aus?« fragte Jemmy.

»Ja freilich! Du hast's ja selbst auch gesagt!«

»So laß dir nur dein Lehrgeld wieder geben! Hast du schon einmal einen Elefanten gesehen?«

»Zwei sogar.«

»Wo?«

»In Philadelphia bei Barnum und jetzt hier, nämlich dich, Dicker!«

»Wenn du einen Witz machen willst, so kaufe dir für zehn Dollars einen besseren, verstanden! Diese Fährte soll einer Elefantenspur ähnlich sehen! Groß genug wären die Stapfen; das gebe ich ja zu; aber ein Elefant würde eine ganz andere Schrittweite haben. Daran hast du nicht gedacht, Davy. Ein Kamel ist's auch nicht gewesen, sonst würde ich behaupten, du seist vor zwei Stunden hier vorbeigestiegen. Und nun will ich gestehen, daß ich mit meiner Weisheit zu Ende bin.«

Die Männer gingen eine Strecke vorwärts und auch wieder zurück, um die wunderbare Fährte ja ganz genau zu betrachten; aber keiner von ihnen konnte eine nur halbwegs glaubhafte Ansicht äußern.

»Was sagt mein roter Bruder dazu?« fragte Jemmy.

»Maho akono!« antwortete der Indianer, indem er mit der Hand eine Bewegung der Ehrfurcht machte.

»Der Geist der Prairie, meinst du?«

»Ja, denn es ist weder ein Mensch noch ein Tier gewesen.«

»Heigh-ho! Eure Geister scheinen entsetzlich große Füße zu haben. Oder leidet der Geist der Prairie auch einmal am Fußrheumatismus und hat Filzschuhe angezogen?«

»Mein weißer Bruder sollte nicht spotten. Der Geist der Prairie kann in allen Gestalten erscheinen. Wir müssen seine Spur mit Ehrfurcht betrachten und wollen still weiter reiten.«

»Nein, das werde ich nicht thun. Ich muß unbedingt wissen, woran ich bin. Ich habe noch niemals eine solche Fährte gesehen und werde ihr also folgen, bis ich weiß, wer sie hinterlassen hat.«

»Mein Bruder wird ins Verderben laufen. Der Geist duldet es nicht, daß man nach ihm forscht.«

»Madneß! Wenn später der dicke Jemmy von dieser Fährte erzählt und nicht sagen kann, von wem sie stammt, so wird er ausgelacht oder gar für einen Lügner erklärt. Für einen guten Westmann ist es geradezu eine Ehrensache, dies Geheimnis aufzuklären.«

»Wir haben nicht Zeit, solche Umwege zu machen.«

»Das verlange ich auch nicht von euch. Wir haben noch vier Stunden bis zum Abend; dann müssen wir lagern. Kennt mein roter Bruder vielleicht die Stelle, an welcher wir Rast machen werden?«

»Ja. Wenn wir geradeaus reiten, so kommen wir an eine Stelle, an welcher die Höhe dort eine Oeffnung hat. Es schneidet ein Thal in dieselbe ein, in welches zur linken Hand, wenn man eine Stunde lang geritten ist, eine Seitenschlucht mündet. In dieser werden wir ruhen, denn dort gibt es Büsche und Bäume, die unser Feuer unsichtbar machen, und auch einen Quell, welcher uns Wasser liefern wird für uns und unsere Tiere.«

»Das ist sehr leicht zu finden. Reitet also weiter! Ich werde dieser Fährte folgen und sodann am Lagerplatze wieder zu euch stoßen.«

»Mein weißer Bruder mag sich warnen lassen!«

»Ach was!« rief der lange Davy. »Hier ist eine Warnung ganz am unrechten Platze, Jemmy hat vollständig recht. Es wäre eine Schande für uns, diese gradezu unbegreifliche Fährte entdeckt zu haben, ohne zu erforschen, wem dieselbe zuzuschreiben ist. Man sagt, daß es vor der Erschaffung der Erde Tiere gegeben habe, gegen welche ein Büffel sich ausnehmen würde wie ein Regenwurm neben einem Mississippidampfer. Vielleicht ist so ein Untier von damals übrig geblieben und rennt nun hier im Sand herum, um an den Körnern auszuzählen, wie viele Jahrhunderte alt es ist. Ich glaube, Mamma heißt so ein Tier.«

[84] »Mammut!« verbesserte der Dicke.

»Kann auch sein! Also welche Schande für uns, wenn wir auf so eine vorweltliche Fährte träfen, und nicht wenigstens einer hätte versucht, das Tier zu Gesicht zu bekommen. Ich reite mit, Jemmy!«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil wir beide, ohne alle Ueberhebung zu sagen, die meiste Erfahrung besitzen und also gewissermaßen die Anführer sind. Miteinander zugleich dürfen wir uns nicht entfernen. Einer muß zurückbleiben. Lieber mag ein anderer mit mir reiten.«

»Master Jemmy hat recht,« meinte Martin. »Ich werde mit ihm gehen.«

»Nein, mein junger Freund,« entgegnete Jemmy. »Ihr seid der allerletzte, den ich einladen möchte, mich zu begleiten.«

»Warum? Ich brenne ja vor Begierde, das unbekannte Tier mit zu entdecken!«

»Das glaube ich gar wohl. In Eurem Alter ist man zu solchen Abenteuern stets bereit. Aber der Ritt ist vielleicht nicht ungefährlich, und wir haben die stillschweigende Verpflichtung übernommen, über Euch zu wachen, um Euch unbeschädigt mit Eurem Vater zu vereinigen. Ich kann es also nicht mit meinem Gewissen vereinigen, Euch mit mir in eine unbekannte Gefahr zu ziehen. Nein, wenn ich nicht allein reiten soll, so mag ein anderer mich begleiten.«

»So gehe ich mit!« rief der lahme Frank.

»Ja, dagegen will ich nichts haben. Master Frank hat bereits damals in Moritzburg ›mehrschtenteels‹ mit dem Hausknecht und dem Nachtwächter gekämpft und wird sich also wohl nicht vor einem Mammut fürchten.«

»Ich? Mich fürchten? Kann mir gar nicht einfallen.«

»Also bleibt es dabei. Die anderen reiten weiter, und wir beide schwenken rechts ab. Euer Pferd wird sich aus dem Umwege nicht viel machen, und für meinen Gaul ist das Laufen die größte Passion. Er muß früher, ehe er seine jetzige Pferdegestalt annahm, Schnelläufer oder Briefträger gewesen sein.«

Martin versuchte zwar einige Einwendungen, doch vergeblich. Der lange Davy warnte zur Vorsicht. Wohkadeh beschrieb nochmals die Lagerstelle genau und tadelte Jemmys Vorhaben, durch welches der Zorn des Geistes der Savanne herausgefordert werde. Dann setzten die übrigen den unterbrochenen Ritt fort, während der Dicke mit dem Sachsen nach Norden hin der Fährte folgte.

Da diese beiden einen Umweg vor sich hatten, spornten sie ihre Tiere zu größerer Eile an, und so kam es, daß sie bereits nach kurzer Zeit ihre Gefährten aus den Augen verloren hatten.

Später brach die Fährte von ihrer bisherigen Richtung ab und wendete sich nach Westen, der fernen Höhe zu, so daß nun Jemmy und Frank parallel mit ihren Freunden ritten, allerdings wohl über eine Stunde von ihnen entfernt.

Sie hatten sich bisher schweigend verhalten. Jemmys starkknochiger Gaul hatte seine langen Beine so emsig vor sich geworfen, daß Franks Pferd Mühe gehabt hatte, ihm in dem tiefen Sande zu folgen. Jetzt änderte der Dicke den anstrengenden Trab in langsamen Schritt, und so konnte Frank sich leicht an seiner Seite halten.

Es verstand sich ganz von selbst, daß die Teilnehmer der Expedition sich untereinander vorzugsweise der englischen Sprache bedienten. Jetzt befanden die beiden Deutschen sich allein, und so zogen sie die Muttersprache vor.

»Nicht wahr,« begann Frank, »das vorhin mit dem Mammut, das ist doch nur eegentlich Spaß gewesen?«

»Natürlich.«

»Ich hab' mir's gleich gedacht, denn solche Mammutersch gibt's ja heutzutage gar nich mehr.«

»Haben Sie denn schon einmal von diesen vorweltlichen Tieren gehört?«

»Ich? Na und ob! Und wenn Sie mir's nich zutrauen, da können Sie mich nur riesig dauern. Wissen Sie, der Moritzburger Schulmeester damals, der eegentlich meine geistige Mutter gewesen ist, der hatte was los, besonders in der Pflanzenzoologie. Der kannte jeden Boom, von der Fichte an bis zum Sauerampfer 'runter, und ooch jedes Tier, von der Seeschlange an bis zum kleensten Schwammb herab. Von dem hab' ich damals geradezu massenhaft profitiert.«

»Das freut mich ungemein,« lachte der Dicke. »Vielleicht kann ich von Ihnen profitieren.«

»Das verschteht sich mehrschtenteels ja ganz von selber. Zum Beischpiel grad übers Mammut kann ich Ihnen die beste authentische Auskunft geben.«

»Haben Sie etwa eins gesehen?«

»Nein, denn damals vor der Erschaffung der Welt bin ich noch gar nich bei der jetzigen Polizei angemeldet gewest; aber der Schulmeester hat das Mammut in alten Handschriften gefunden. Wie groß denken Sie wohl, daß das Ungetüm gewest ist?«

»Bedeutend größer als der Elefant.«

»Elefant? Das zieht noch lange nich! Wenn das Mammut 'mal über eenen Stein oder über einen Steen gestolpert ist, und es hat niedergeguckt, um den Steen zu betrachten, so ist dieser Stein oder dieser Steen mehrschtenteels eene ägyptische Pyramide gewest. Denken Sie sich nun die Höhe von so eenem Tier! Und wenn sich ihm 'mal eene Fliege off die Schwanzspitze gesetzt hat, so ist es das erscht nach vierzehn Tagen vorn im Verschtand gewahr geworden. Nun denken Sie sich 'mal die Länge von so eenem Geschöpf! Unsere jetzige Vernunft ist viel zu schwach für so eene damalige Menagerie. Jetzt, wenn wir was Großartiges sehen wollen, müssen wir ins Hinter-Ochsen-Klee-Gras-Fernrohr gucken. Da ist es wenigstens annähernd so wie damals um die Sündflut herum.«

Jemmy machte ein erstauntes Gesicht.

»Wie?« fragte er. »Wie heißt dieses Fernrohr?«

»Passen Sie doch auf! Wenn ich eenmal drin bin in der Belehrung, so ist mir jede Schtörung impertinent. Hinter-Ochsen-Klee-Gras-Fernrohr heeßt's. Können Sie sich das merken? Wenn Sie wirklich een Gymnasiast gewest sind, so müssen Sie doch ooch Unterricht über die Akustik der Fernrohre gehabt haben. Je dunkler der Brennpunkt ist, desto größer sind die Schterne, die man sieht, weil in der Wissenschaft mehrschtenteels das umgekehrte Verhältnis ausgerechnet werden muß. Verschtehen Sie das?«

»Ja,« nickte der Dicke, der sich Mühe [85] gab, ein ernstes Gesicht zu machen. »Aber jetzt beginne ich zu ahnen, was für ein Fernrohr Sie gemeint haben.«

»Nun, was denn für eens?«

»Gar keins. Sie haben die Bezeichnungen verwechselt. Sie meinten nicht ein Fernrohr, sondern ein Mikroskop.«

[105] »Mikroskop! Ja, ja, richtig! Weil mir das richtige Wort oogenblicklich abwesend war, habe ich derweile das Fernrohr zum Behelf genommen, denn geistesgegenwärtig bin ich allezeit gewest.«

»Und zwar meinten Sie das Hydrooxygengasmikroskop!«

»Natürlich! Das verschteht sich ganz von selber. Aber warum soll ich dänisch reden, wenn ich der deutschen Schprache vollschtändig mächtig bin? Wenn ich sage Hinterochsenkleegrasmikroskop, so verschteht mich ooch een Ungelehrter. Der Schulmeester sagte immer: Man muß sich herablassen zum kindlichen Gemüt, dann erntet man Palmen off sandigem Boden. Sie sehn, ich werfe mit Metafferbeischpielen nur so um mich herum. Das haben Sie davon, daß ich schtets een fleißiger Autopetrefakt gewest bin. Wäre damals nich der Schreit wegen dem Vater Wrangel seinem Leibwort ausgebrochen, so hätt' ich's Nolens Coblenz bis zur Tharandter Forschtakademie gebracht und hätte jetzt nich nötig, mich im wilden Westen herumzutreiben und von den Sioux lahm schießen zu lassen!«

»Ah, Sie sind nicht lahm geboren?«

Frank blickte den Dicken fast zornig an.

»Lahm geboren? Wie könnte das bei eener Persönlichkeit von meiner Ambutation möglich sein! Een lahmer Mensch kann doch nie nich als Forschtläufer een Beamter werden! Nee, ich habe meine gesunden Beene gehabt, so lange ich mich off mich selber besinnen kann. Aber als ich damals mit dem Baumann in die schwarzen Berge kam, um unter den Goldsuchern den Krämerladen zu eröffnen, da kamen zuweilen ooch die Indianer, um ihre Einkäufe zu effektuieren. Mehrschtentheels waren Sioux dabei. Das sind die schlimmsten anthropologischen Wilden, die es nur geben kann, zumal sie bei der geringsten Miene, die man zieht, gleich schtechen oder schießen. Am allerbesten ist, man gibt sich gar nich weiter mit ihnen ab. Guten Tag und guten Weg, adieu, leb wohl! Diesem Passus bin ich schtets getreu gewest, weil ich een Freund von Principern bin; aber eenmal hab' ich doch im Charakter eene schwache Schtunde gehabt, und daran hab' ich nun eben heute noch zu hinken.«

»Wie ist denn das gekommen?«

»Ganz unverhofft, wie alles kommt, was man vorher nich weeß. Es ist, als wärsch heute, so leibhaftig schteht der betreffende Tag vor meinem geistigen Angesicht. Die Schterne funkelten, und die Bullfrösche brüllten laut im nahen Sumpfe, denn es war leider nich bei Tage, sondern bei Nacht. Baumann war abwesend, um sich in Fort Fettermann mit neuen Vorräten zu versehen; Martin schlief, und der Neger Bob, welcher fortgeritten war, um Schulden einzukassieren, hatte sich noch nich wieder sehen lassen. Nur sein Pferd war ohne ihn ins traute Heim zurückgekehrt. Am anderen Morgen kam er nachgehinkt, mit verschtauchten Gliedern und ohne eenen Pfennig Geld. Er war von unseren sämtlichen Schuldnern hinaus- und nachher vom Pferde ooch noch abgeworfen worden. Das nennt man des Lebens Unverschtand aus erschter Hand genießen. Sie sehen, daß ich sogar in Jamben erzählen kann! Nicht?«

»Ja. Sie sind ein kleines Genie.«

»Das habe ich mir sehr oft selber gesagt, anderen Leuten aber niemals, weil's niemand glooben wollt. Also die Schterne schtrahlten vom Himmel herab, da klopfte es an unsere Thür. Hier im Westen muß man vorsichtig sein; darum machte ich nich sogleich auf, sondern ich fragte von innen, wer von außen herein wolle. Um die Sache kurz zu machen, es waren fünf Siouxindianer, welche Felle gegen Pulver umtauschen wollten.«

»Sie haben sie doch nicht etwa hereingelassen?«

»Warum nich?«

»Sioux, und mitten in der Nacht!«

»O bitte! Wenn wir eene Uhr gehabt hätten, so wäre es ungefähr halbzwölf gewest. Das war noch nich zu schpät. Ich als Westmann weeß sehr gut, saß man nich allemal zur Visitenschtunde am Platze sein kann, und daß die Zeit unter Umschtänden ungeheuer kostbar sein kann. Die Roten sagten, daß sie noch die ganze Nacht hindurch marschieren müßten, und so appellierte mein gutes, sächsisches Herz an mich – ich ließ sie herein.«

»Welch eine Unvorsichtigkeit!«

»Warum? Furcht habe ich nie gekannt, und ehe ich die Thür öffnete, machte ich die Bedingung, daß sie alle Waffen draußen ablegen müßten. Ich muß zu ihrer Ehre geschtehen, daß sie diesem Verlangen redlich nachgekommen sind. Natürlich aber hatte ich, während ich sie bediente, den Revolver in der Hand, was sie als Wilde mir nich übelnehmen konnten. Ich machte wirklich ein brillantes Geschäft mit ihnen: schlechtes Pulver gegen gute Biberfelle. Wenn Rote und Weiße miteinander handeln, so sind die Roten allemal die Betrogenen. Das thut mir zwar leid, aber ich alleene kanns leider nich ändern. Neben der Thür hingen drei geladene Gewehre. Als die Indsmen gingen, blieb der letzte unter der Thür schtehen, drehte sich nochmals um und fragte mich, ob ich nich vielleicht eenen Schluck Feuerwasser zugeben wolle. Nun ist's zwar verboten, den Indianern Branntwein zu verabreichen, aber ich hatte, wie gesagt, eenen guten Profit gemacht und war infolgedessen bereit, ihnen den Gefallen zu thun. Ich wandte mich also um und ging nach der hinteren Ecke, in welcher eine Flasche Brandy schtand. In dem Moment, als ich mich mit derselben umdrehte, sah ich den Menschen mit eenem der Gewehre, welches er vom Pflocke gerissen hatte, verschwinden. Natürlich setzte ich schnell die Flasche nieder, ergriff die nächste Büchse und sprang zur Thür hinaus. Selbstverschtändlich trat ich sofort zur Seite, denn im Scheine des Lichtes hätte ich unter der Thür das sicherste Ziel geboten. Da ich so schnell aus dem Lichten in das Dunkel gekommen war, konnte ich nich sofort scharf sehen. Ich hörte rasche Schritte, und dann blitzte es drüben an der Fenz hell auf. Ein Schuß krachte, und ich hatte das Gefühl, als ob [106] jemand mich auf den Fuß geschlagen habe. Jetzt sah ich den Roten, welcher sich über die Fenz schwingen wollte. Ich legte an und drückte ab, fühlte aber zu gleicher Zeit eenen so schtechenden Schmerz im Fuße, daß ich zusammenknickte. Die Kugel ging fehl, und das Gewehr war verloren. Nur mit Mühe kam ich in die Hütte zurück. Der Schuß des Indianers war mir in den linken Fuß gegangen. War es wegen der Dunkelheit oder weil der Sioux een fremdes Gewehr gehabt hatte, ich kann heut noch nicht begreifen, wie er diesen Blasrohrschuß hat thun können. Erscht nach Monaten habe ich den Fuß wieder gebrauchen können, aber der Hobble-Frank bin ich geworden. Den Roten aber habe ich mir genau gemerkt. Ich werde sein Gesicht niemals vergessen, und wehe ihm, wenn er mir irgendwo und irgendwann begegnen sollte! Wir Sachsen sind als die urgemütlichsten Germanen bekannt, aber unsere nationalen Vorzüge können uns doch nimmermehr verpflichten, uns nächtlicher Weile, wenn die Schterne vom Himmel schtrahlen, ungeschtraft bestehlen und lahm schießen zu lassen. Ich glaube, der Sioux gehörte zu den Ogallalla, und wenn – – – Was haben Sie denn?«

Er unterbrach sich mit dieser Frage, denn der dicke Jemmy hatte sein Pferd angehalten und einen Ruf der Ueberraschung ausgestoßen. Sie hatten die größte Breite der sandigen Einsenkung hinter sich. Hier gab es eine Stelle mit felsigem Boden, und da, wo dieselbe wieder in den Sand verlief, war Jemmy halten geblieben.

»Was ich habe?« antwortete er. »Das möchte ich selbst auch fragen. Habe ich denn eigentlich Augen?«

Er blickte ganz verwundert vom Pferde herab auf den Sand hernieder. Jetzt sah auch Frank, was sein Gefährte meinte.

»Ist's denn möglich!« rief er aus, »die Fährte ist ja plötzlich ganz anders!«

»Freilich! Erst war es die reine Elefantenspur, und jetzt sind's die deutlichsten Pferdestapfen. Das Tier ist beschlagen gewesen, und zwar mit neuen Eisen, denn die Eindrücke sind außerordentlich scharf, und sowohl der Griff wie auch die Stollen nicht im mindesten abgelaufen.«

»Aber diese Fährte ist ja verkehrt!«

»Das ist's ja eben, was ich nicht begreifen kann! Bis jetzt lief die Spur vor uns her, und jetzt kommt sie uns direkt entgegen!«

»Ist's denn auch wirklich dieselbe Fährte?«

»Natürlich! Da hinter uns tritt der Fels zu Tage; aber die Stelle ist kaum zwanzig Fuß breit. Auf dem Felsen ist die Spur unsichtbar. Jenseits desselben kommt sie als Elefantenstapfen von Osten und diesseits kommt sie als deutlicher Pferdehufabdruck von Westen. Blicken Sie um sich! Gibt es etwa noch eine andere Fährte?«

»Nein.«

»Also müssen diese Eindrücke trotz ihrer Verschiedenheit von einem und demselben Tiere stammen. Ich will auch überflüssigerweise absteigen, um mich zu überzeugen, daß kein Irrtum vorliegt.«

Beide stiegen ab. Die genaueste Untersuchung des Bodens ergab dasselbe Resultat: die Elefantenspur hatte sich auf der schmalen, felsigen Stelle in eine Pferdespur verwandelt. Mußte bereits das höchst befremdlich erscheinen, so war der Umstand, daß die beiden Spuren gegeneinander liefen und auf dem Fels zusammenstießen, geradezu verblüffend. Die beiden Männer blickten einander ratlos an und schüttelten die Köpfe.

»Wenn das keine Zauberei ist, so vexiert uns einer,« sagte Jemmy.

»Vexieren? Wie denn?«

»Ja, das kann ich nicht begreifen!«

»Aber Zauberei gibt's ja nicht!«

»Nein; abergläubisch bin ich nicht.«

»Das kommt mir vor wie beim Zauberer Philadelphia, der eenen Zwirnknäuel in die Luft geworfen haben und dann an dem Zwirn emporgestiegen sein soll!«

»Da der Elefant von Osten und das Pferd von Westen hierhergekommen ist und beider Spuren hier aufhören, so müßten beide Tiere hier an dieser Stelle an dem Faden emporgeklettert und oben in der Luft verschwunden sein! Das erkläre, wer's vermag; ich aber bring' es nicht fertig!«

»Jetzt möcht' ich wohl wissen, was der Moritzburger Lehrer sagen würde, wenn er mit hier wäre!«

»Der würde kein klügeres Gesicht machen, als Sie und ich!«

»Hm! Mit Erlaubnis, geistreich sieht das Ihrige grad' nich aus, Herr Jemmy.«

»Und Ihnen sieht man es in diesem Augenblicke auch nicht an, daß Sie ein so talentvoller Autopetrefakt sind. Ich möchte überhaupt den Menschen sehen, welcher dieses Rätsel zu lösen vermag.«

»Aber zu lösen muß es sein, denn der berühmte Archidiakonus hat gesagt: Gebt mir einen festen Punkt in der Luft, so hebe ich jede Thür aus ihren Angeln!«

»Archimedes, meinen Sie!«

»Ja, aber Diakonus war er nebenbei, denn als am Sonnabend nachmittag die feindlichen Soldaten kamen, lernte er grad' die Predigt für morgen auswendig und rief ihnen entgegen: ›Schtört mich nich, und macht leise!‹ Da schlugen sie ihn tot. Darum ist der Punkt in der Luft wieder verloren gegangen.«

»Vielleicht finden Sie ihn wieder. Ich aber fühle mich nicht befähigt dazu, da ich nicht einmal hier diesen Widerspruch zu lösen vermag.«

»Etwas aber müssen wir doch thun!«

»Natürlich! Umgekehrt wird nicht. Wenn es überhaupt eine Erklärung gibt, so liegt sie vor uns, nicht aber hinter uns. Steigen wir also auf, und dann wieder vorwärts!«

Sie ritten weiter, der Pferdespur entgegen. Diese war immerfort ganz deutlich zu erkennen und führte nach ungefähr einer halben Stunde aus dem sandigen Terrain heraus auf besseren Boden. Dort gab es Gras und vereinzeltes Strauchwerk. Der Höhenzug lag nahe. Ein dichter Wald zog sich an ihm empor, unten mit einzelnen Bäumen beginnend und je höher aufsteigend, desto geschlossener werdend. Auch hier war die Spur deutlich zu erkennen; nach einiger Zeit aber gab es einen mit klarem Steingries bedeckten Boden; da hörte sie plötzlich und vollständig auf.

»Das ist die Lösung!« brummte Frank.

»Unbegreiflich!« erklärte Jemmy. »Das Pferd muß aus der Luft gekommen und wieder in der Luft verschwunden sein. Oder ist es wirklich der Geist der Savanne gewesen! Dann wollte ich, er käme auf den guten Gedanken, sich einmal sehen zu lassen. Ich möchte doch gar zu gern wissen, wie ein Geist aussieht.«

»Der Wunsch kann erfüllt werden. Sehen Sie sich ihn gefälligst an, meine Herren!«

Diese Worte erklangen in deutscher Sprache hinter dem Busch hervor, an welchem sie halten geblieben waren. Einen Ruf des Schreckens ausstoßend, fuhren die beiden herum. Der, welcher gesprochen hatte, verließ das Gesträuch, welches ihm als Deckung gedient hatte.

Er war von nicht sehr hoher und nicht sehr breiter Gestalt. Ein dunkelblonder Vollbart umrahmte sein sonnverbranntes Gesicht. Er trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten ausgefranstes Jagdhemd, lange Stiefel, welche er bis über die Knie emporgezogen hatte, und einen breitkrämpigen Filzhut, in dessen Schnur rundum die Ohrenspitzen des grauen Bären steckten. In dem breiten, aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel steckten zwei Revolver und ein Bowiemesser; er schien rundum mit Patronen gefüllt zu sein. An ihm hingen außer mehreren Lederbeuteln zwei Paar Schraubenhufeisen und vier fast kreisrunde, dicke Stroh- oder Schilfgeflechte, welche mit Riemen und Schnallen versehen waren. Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte trug er einen aus mehrfachen Riemen geflochtenen Lasso und um den Hals an einer starken Seidenschnur eine mit Kolibribälgen verzierte Friedenspfeife, in deren Kopf indianische Charaktere eingegraben waren. In der Rechten hielt er ein kurzläufiges Gewehr, dessen Schloß von ganz eigenartiger Konstruktion zu sein schien, und in der Linken eine – – – brennende Cigarre, an welcher er soeben einen kräftigen Zug that, um den Rauch mit sichtlichem Behagen von sich zu blasen.

Der echte Prairiejäger gibt nichts auf Glanz und Sauberkeit. Je mitgenommener er aussieht, desto mehr hat er mitgemacht. Er betrachtet einen jeden, der auf sein Aeußeres etwas gibt, mit souveräner Geringschätzung. Der größte Greuel ist ihm ein blankgeputztes Gewehr. Nach seiner festen Ueberzeugung hat kein Westläufer Zeit, sich mit solchem Schnickschnack zu befassen.

Nun sah an diesem jungen fremden Manne alles so sauber aus, als sei er erst gestern von St. Louis aus nach dem Westen aufgebrochen. Sein Gewehr schien vor einer Stunde aus der Hand des Büchsenmachers[107] hervorgegangen zu sein. Seine Stiefel waren makellos eingefettet und die Sporen ohne eine Spur von Rost. Seinem Anzuge war kaum eine Strapaze anzusehen, und wahrhaftig, er hatte sogar seine Hände rein gewaschen.

Die beiden starrten ihn an und vergaßen vor Ueberraschung, ihm zu antworten.

»Nun,« fuhr er lächelnd fort, »ich denke, Sie wünschen den Flats-ghost zu sehen? Wenn Sie den meinen, dessen Spur Sie gefolgt sind, so steht er vor Ihnen.«

»Alle Wetter! Da bleibt mir mehrschtentheels gleich sofort der Verschtand schtille schtehn!« rief Frank aus.

»Ah, ein Sachse! Nicht?«

»Sogar een geborener! Und off alle Fälle sind Sie een reener, unvermischter Deutscher?«

»Ja, ich habe die Ehre. Und der andere Herr?«

»Ooh, aus derselbigen schönen Gegend. Der freudige Schreck ist ihm off die Schprache gefallen. Lange dauern thut's aber bei ihm nich, so kann er wieder reden.«

Er hatte recht, denn jetzt sprang Jemmy aus dem Sattel und streckte dem Fremden die Hand entgegen.

»Ist's möglich!« rief er aus. »Hier am Devils Head einen Deutschen zu treffen! Kaum sollte man es glauben!«

»Meine Ueberraschung muß doppelt groß sein, denn ich treffe ihrer ja zwei. Und irre ich mich nicht, so ist Ihr Name Jakob Pfefferkorn?«

»Was! Meinen Namen kennen Sie!«

»Ihnen ist's ja leicht anzusehen, daß Sie der ›dicke Jemmy‹ sind. Und könnte ich es da nicht erraten, so brauchte ich nur Ihren Klepper anzusehen. Trifft man einen dicken Jäger auf einem solchen Kamelgaule, so ist's der Jemmy. Und zufälligerweise habe ich erfahren, daß dieser bekannte Westmann eigentlich Jakob Pfefferkorn heißt. Aber wo Sie sind, da kann der lange Davy mit seinem Maultiere nicht fern sein. Oder irre ich mich da vielleicht?«

»Nein; er ist wirklich in der Nähe, gar nicht weit von hier nach Süden, wo das Thal in die Berge geht.«

»Ah! Lagern Sie heut da?«

»Gewiß. Mein Gefährte hier heißt Frank.«

Frank war auch abgestiegen. Er gab dem Fremden die Hand. Dieser betrachtete ihn scharf, nickte ihm dann zu und fragte:

»Wohl gar der Hobble-Frank?«

»Herr Jemineh! Ooch meinen Namen wissen Sie?«

»Ich sehe, daß Sie hinken, und Frank heißen Sie. Da lag die Frage nahe. Sie hausen mit Baumann, dem Bärentöter, zusammen?«

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Er selbst. Ich kam mit ihm vor einigen Jahren ein weniges zusammen. Wo befindet er sich jetzt? Daheim? Ich glaube, das ist ungefähr drei Tagesritte von hier?«

»Ganz genau. Aber er ist nich daheim. Er ist den Ogallalla in die Hände gefallen, und wir sind unterwegs, um zu sehen, was wir für ihn thun können.«

»Sie erschrecken mich. Wo ist das geschehen?«

»Gar nich weit von hier, am Devils Head. Sie schleppen ihn mit noch fünf Gefährten hinauf nach dem Yellowstone, um ihn am Grabe des ›tapferen Büffel‹ zu töten.«

Der Fremde horchte auf.

»Aus Rache jedenfalls?« fragte er.

»Ja freilich. Haben Sie vielleicht 'mal von Old Shatterhand gehört?«

»Ich glaube, mich zu besinnen, ja.«

Es spielte dabei ein eigenartiges Lächeln um die Lippen des Sprechers.

»Nun, der hat den ›tapfern Büffel‹, den ›böses Feuer‹ und noch eenen dritten Sioux getötet. Nun sind die Ogallalla unterwegs, um das Grab dieser drei zu besuchen, und dabei ist Baumann ihnen in die Hände gefallen.«

»Wie haben Sie das erfahren?«

Frank erzählte von Wohkadeh und von allem, was seit dem Erscheinen dieses jungen Indianers geschehen war. Der Fremde hörte ihm sehr aufmerksam und sehr ernst zu. Nur manchmal, wenn der Hinkende allzusehr in seinen heimatlichen Dialekt verfiel, flog ein schnelles Lächeln über sein Gesicht. Als der Bericht beendet war, sagte er:

»So trägt also Old Shatterhand eigentlich die Schuld an dem Unglücke, welches dem Bärentöter widerfahren ist. Er hat es auf dem Gewissen.«

»Nein. Was kann der dafür, daß Baumann die Vorsicht außer acht gelassen hat?«

»Nun, streiten wir uns darüber nicht. Es ist sehr brav von Ihnen, daß Sie die Gefahren und Anstrengungen, denen Sie unbedingt entgegengehen, nicht scheuen, um die Gefangenen zu befreien. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein gutes Gelingen. Besonders interessiere ich mich für den jungen Martin Baumann. Vielleicht bekomme ich ihn einmal zu sehen.«

»Das kann sehr leicht geschehen,« sagte Jemmy. »Sie brauchen ja nur mit uns zu gehen oder vielmehr mit uns zu reiten. Wo haben Sie Ihr Pferd?«

»Woher wissen Sie, daß ich kein Waldläufer, sondern beritten bin?«

»Na, Sie tragen ja Sporen!«

»Ach so, das verrät es Ihnen. Mein Pferd befindet sich hier in der Nähe. Ich habe es für die wenigen Augenblicke verlassen, um Sie vorüberreiten zu sehen.«

»Haben Sie denn unser Kommen bemerkt?«

»Freilich. Ich sah Sie bereits vor einer halben Stunde da draußen halten, um sich über die Verschiedenheit der Fährte zu beraten.«

»Wie? Was wissen sie davon?«

»Weiter nichts, als daß es meine eigene Spur ist.«

»Was, die Ihrige?«

»Ja.«

»Alle Teufel! So sind Sie es, der uns vexiert hat?«

»Haben Sie sich wirklich täuschen lassen? Nun das ist ja eine große Genugthuung für mich, einem Westmanne, wie dem dicken Jemmy, ein Schnippchen geschlagen zu haben. Freilich galt das nicht Ihnen, sondern ganz anderen Leuten.«

Der Dicke schien nicht zu wissen, was er von dem Sprecher denken solle. Er betrachtete ihn kopfschüttelnd vom Kopfe bis zu den Füßen herab und fragte sodann:

»Aber wer sind Sie denn eigentlich?«

Der andere lachte belustigt auf und antwortete:

»Nicht wahr, Sie bemerken sofort, daß ich hier im fernen Westen ein Neuling bin?«

»Ja. Den Greenfinch sieht man Ihnen sofort an. Mit Ihrem Sonntagsgewehr können Sie getrost auf Sperlinge gehen, und Ihre Ausrüstung tragen Sie erst seit Tagen auf dem Leibe. Sie müssen in zahlreicher Gesellschaft hier sein und gehören jedenfalls zu einem Trupp Touristenschützen. Wo haben Sie die Eisenbahn verlassen?«

»In St. Louis.«

»Was? So weit im Osten? Unmöglich! Wie lange Zeit befinden Sie sich hier im Westen?«

»Dieses Mal seit acht Monaten.«

»O bitte, nehmen Sie es mir nicht übel! Aber das wollen Sie mir doch nicht etwa im Ernste weismachen!«

»Es kann mir nicht einfallen, Ihnen eine Unwahrheit zu sagen.«

»Pshaw! Und getäuscht wollen Sie uns auch haben?«

»Ja; die Fährte war von mir.«

»Das glaubt kein Gendarm! Ich mache eine Wette, Sie sind Lehrer oder Professor und reiten mit etlichen Kollegen hier herum, um Pflanzen, Steine und Schmetterlinge zu sammeln. Da lassen Sie sich einen guten Rat geben. Machen Sie sich schleunigst aus dem Staube! Hier diese Gegend ist kein Feld für Sie. Das Leben hängt hier nicht stündlich, sondern in jeder Minute an einem Haar. Sie wissen gar nicht, in welcher Gefahr Sie da schweben.«

»O, das weiß ich ganz genau. Hier in der Nähe z.B. lagern über vierzig Schoschonen.«

»Heavens! Ist's wahr?«

»Ja; ich weiß es ganz genau.«

»Und das sagen Sie so in aller Ruhe!«

»Wie soll ich es anders sagen? Meinen Sie, daß die paar Schoschonen zu fürchten seien?«

»Mann, Sie haben keine Ahnung, auf welch einem gefährlichen Gebiete Sie sich befinden!«

»O doch! Da draußen liegt der See des Blutes, und die Schoschonen würden sich freuen, uns oder einen von uns ergreifen zu können.«

»Jetzt weiß ich wirklich nicht, was ich von Ihnen denken soll!«

»Denken Sie, daß ich diesen Roten ebensogut wie Ihnen eine Nase drehen kann. Ich habe schon manchen tüchtigen Westmann getroffen, welcher sich in mir geirrt hat, weil er den landläufigen Maßstab an mich legte. Bitte, kommen Sie!«

[108] Er drehte sich um und schritt langsam zwischen die Büsche hinein. Die beiden folgten, ihre Pferde an den Zügeln führend. Nach ganz kurzer Zeit kamen sie an ein wahres Prachtexemplar von Schierlingstanne, welche wohl über dreißig Meter hoch war, bei diesem Baume eine große Seltenheit. Neben derselben stand ein Pferd, ein prächtiger Rapphengst mit roten Nüstern und jenem Haarwirbel in der langen Mähne, welcher bei den Indianern als sicheres Kennzeichen vorzüglicher Eigenschaften gilt. Sattel und Riemenzeug war von indianischer Arbeit. Hinter dem ersteren war ein Gummimantel aufgeschnallt. Aus einer der Seitentaschen ragte das Futteral eines Fernrohres hervor. An der Erde lag ein schwerer, doppelläufiger Bärentöter vom stärksten Kaliber. Als Jemmy dieses Gewehr erblickte, that er einige rasche Schritte, hob es auf, betrachtete es und rief:

»Dieses Gewehr ist – – es ist – – ah, ich habe es noch nie gesehen, aber ich erkenne es sofort. Die Silberbüchse des Apachenhäuptlings Winnetou und dieser Bärentöter sind die berühmtesten Gewehre des Westens. Der Bärentöter gehört – – –«

Er hielt inne und starrte den Besitzer ganz fassungslos an; dann fuhr er fort:

»Jetzt, jetzt, ah, jetzt geht mir ein Licht auf! Old Shatterhand ist von jedem, der ihn zum erstenmal sah, für ein Greenhorn gehalten worden. Ihm gehört dieses Gewehr, und der Stutzen in Ihrer Hand ist keine Feiertagsrifle, sondern einer von den elf Henrystutzen, die es gegeben hat. Frank, Frank, wissen Sie, wer dieser Mann hier ist?«

»Nein. Ich habe weder sein Taufzeugnis noch seinen Impfschein gelesen.«

»Mensch, lassen Sie den Spaß! Sie stehen jetzt vor Old Shatterhand!«

»Old Shat – – –«

Der Hinkende fuhr um einige Schritte zurück.

»Alle guten Geister!« stieß er hervor. »Old Shatterhand! Den habe ich mir freilich ganz anders vorgestellt!«

»Ich mir ja auch!«

»Wie denn, Mesch'schurs?« fragte der Jäger lächelnd.

»Lang und breit wie den Koloß zu Varus!« antwortete der gelehrte Sachse.

»Ja, von riesenhafter Gestalt,« stimmte der Dicke bei.

[120] »So sehen Sie, daß mein Ruf größer ist als mein Verdienst. Was von einem an dem ersten Lagerfeuer erzählt wird, das vergrößert man am zweiten um das Drei- und an dem dritten um das Sechsfache. So kommt es, daß man für ein wahres Wunder gehalten wird, während man doch nur das ist, was jeder andere auch.«

»Nein; was man von Ihnen erzählt, das ist – – –«

»Pah!« unterbrach er ihn kurz und befehlend. »Lassen wir das! Sehen Sie sich lieber mein Pferd an. Es ist eins jener N'gul-itkli, welche nur bei den Apachen zu finden sind. Es ist barfuß. Will [122] ich etwaige Verfolger mystifizieren, so binde ich ihm diese Schilfschuhe an, die in China sehr gebräuchlich sind. Es hinterläßt dann, besonders in sandigem Boden, eine Fährte, welche man für diejenige eines Elefanten halten möchte. Hier am Gürtel habe ich zwei Paar Hufeisen, einfach zum Anschuhen und Festschrauben. Das eine Paar ist wie gewöhnlich gearbeitet, das andere aber verkehrt, mit dem Stollen nach vorn. Natürlich wird die Spur dann auch verkehrt, und derjenige, welcher mich verfolgt, glaubt, daß ich in ganz entgegengesetzter Richtung geritten sei.«

»Alle Wetter!« meinte Frank. »Jetzt endlich wird es tageshell in meiner Intelligenz! Also Vexiereisen sind's! Was würde der Moritzburger Lehrer dazu sagen!«

»Ich habe nicht die Ehre, diesen Herrn zu kennen, aber ich habe das Vergnügen, Sie beide getäuscht zu haben. An der felsigen Stelle konnte keine Spur zurückbleiben; darum stieg ich dort ab, um die Schilfschuhe mit den Eisen zu vertauschen. Freilich hatte ich keine Ahnung, Landsleute hinter mir zu haben; ich erblickte Sie erst später. Ich traf diese Vorsichtsmaßregel, weil ich aus gewissen Anzeichen auf die Gegenwart feindlicher Indianer schließen mußte. Und diese Vermutung bestätigte sich, als ich an diese Tanne kam.«

»Gibt es da Spuren der Indianer?«

»Nein. Der Baum bezeichnet den Punkt, an welchem ich heute mit Winnetou zusammentreffen will, und – – –«

»Winnetou!« unterbrach ihn Jemmy. »Ist der Häuptling der Apachen hier?«

»Ja; er ist bereits vor mir angekommen.«

»Wo, wo ist er? Den muß ich unbedingt sehen!«

»Er hat mir hier das Zeichen zurückgelassen, daß er schon da gewesen sei und heute auch wiederkommen werde. Wo er sich unterdessen befindet, weiß ich nicht. Jedenfalls beschleicht er die Schoschonen.«

»Weiß er von ihrer Anwesenheit?«

»Er ist's, der mich auf sie aufmerksam gemacht hat. Er hat mit dem Messer seine Zeichen in die Rinde des Baumes gegraben. Sie sind mir ganz so verständlich wie jede andere Schrift. Ich weiß, daß er da war und wiederkommen wird, und daß sich vierzig Schoschonen in der Nähe befinden. Das weitere muß ich hier abwarten.«

»Aber wenn die Schoschonen Sie hier entdecken!«

»Pah! Ich weiß nicht, für wen die Gefahr größer ist, ob für mich, wenn sie mich hier finden, oder für sie, wenn ich sie entdecke. An Winnetous Seite habe ich dieses Häufchen Schoschonen nicht zu fürchten.«

Das klang so einfach, so selbstverständlich, daß der Hobble-Frank bewundernd ausrief:

»Vierzig Feinde nich fürchten! Ich bin doch ooch keen Hasenfuß, aber so weit hat's mein Temperament in der Kühnheit des Charakters doch noch nich gebracht. Veni, vidi, tutti, sagte der alte Blücher, und da gewann er die Schlacht bei Belle-mesalliance; aber zu zween gegen vierzig ist er ooch nich gewesen. Ich begreif' das eenfach nich!«

»Die Erklärung ist sehr einfach, mein Lieber; viel Vorsicht, viel List und ein klein wenig Entschlossenheit, wenn sie gebraucht wird. Befindet man sich dazu noch im Besitze von Waffen, auf welche man sich verlassen kann, so ist man unter Umständen selbst vielen überlegen. Hier an diesem Orte sind wir keineswegs sehr sicher. Wollen Sie klug sein, so reiten Sie weiter, damit Sie baldigst zu den Ihrigen stoßen.«

»Und Sie bleiben hier?«

»Bis Winnetou kommt, ja. Dann werde ich mit ihm Ihren Lagerplatz aufsuchen. Wir haben zwar ein anderes Ziel; aber wenn er einverstanden ist, so bin ich bereit, mit nach dem Yellowstone zu reiten.«

»Wirklich, wirklich?« fragte Jemmy, aufs höchste erfreut. »In diesem Falle möchte ich darauf schwören, daß wir die Gefangenen befreien!«

»Nicht zu zuversichtlich! Ich bin die mittelbare Ursache, daß Baumann sich in Gefahr befindet, und so fühle ich mich verpflichtet, an seiner Befreiung mitzuwirken. Darum – – –«

Er hielt inne, denn Frank hatte einen unterdrückten Ruf des Schreckens ausgestoßen. Er deutete mit der Hand zwischen den Büschen hindurch, hinaus auf die Sandebene, auf welcher ein Trupp berittener Indianer sichtbar geworden war.

»Schnell auf die Pferde und fort!« riet Shatterhand. »Jetzt sind Sie noch nicht bemerkt worden. Ich komme nach.«

»Die Kerls werden unsere Spur finden!« sagte Jemmy, indem er schleunigst in den Sattel stieg.

»Nur fort, fort! Das ist die einzige Rettung für Sie!«

»Aber Sie werden ja von ihnen entdeckt!«

»Sorgen Sie sich nicht um mich! Vorwärts, vorwärts!«

Jetzt saßen die beiden im Sattel und jagten davon. Shatterhand warf einen forschenden Blick umher. Die beiden hatten ebensowenig wie er in dem Steingrus eine Spur zurückgelassen. Das Geröll zog sich erst breit und dann immer schmäler werdend an der steilen Berglehne empor, bis es sich unter dichten Tannen verlor. Er hing den Henrystutzen an den Sattel, nahm den Bärentöter auf die Schulter und sagte seinem Pferde nur das eine Wort der Apachensprache:

»Peniyil – kommen!«

Als er nun mit großen, möglichst eiligen Schritten die steile Böschung emporzuklettern begann, folgte ihm das Tier wie ein Hund. Man hätte es gar nicht für möglich gehalten, daß ein Pferd hier hinauf kommen könne, und doch langten beide nach kurzer, aber höchst energischer Anstrengung droben unter den Bäumen an. Er legte dem Tiere die Hand auf den Hals.

»Ischkuhsch – schlafen!«

Sofort legte es sich nieder und blieb da vollständig bewegungslos liegen. Es war indianisch geschult.

Die Schoschonen hatten die Fährte bemerkt. Wäre es diejenige Old Shatterhands gewesen, so hätten sie infolge der verkehrten Hufstellung annehmen müssen, daß die Spur von hier fort nach Osten führe; aber Franks und Jemmys Fährte war zu deutlich; sie konnte gar nicht verkannt werden. Die Schoschonen folgten ihr und kamen sehr rasch näher.

Seit dem Verschwinden der beiden Deutschen waren kaum zwei Minuten vergangen, so befanden sich die Indianer schon an der Schierlingstanne. Einige stiegen ab, um die verschwundenen Spuren zu suchen.

»Ive, ive; mi, mi – hier, hier, vorwärts, vorwärts!« rief einer.

Er hatte gefunden, was er suchte. Die Roten verschwanden. Shatterhand hörte droben in seinem Verstecke, daß sie den beiden Flüchtigen im Galoppe folgten.

»Jetzt kommt es darauf an, die nötige Klugheit und Schnelligkeit zu entwickeln,« dachte er. »Jemmy ist gar wohl der Mann dazu.«

Da ließ sein Pferd ein leises Schnauben hören, ein sicheres Zeichen, daß es seinen Herrn auf etwas aufmerksam machen wolle. Das Tier blickte ihn mit großen, klugen Augen an und wendete dann den Kopf zur Seite, bergaufwärts. Der Jäger nahm den Stutzen zur Hand, kniete schußgerecht nieder und hielt den Blick scharf nach oben gerichtet. Die Bäume standen hier so dicht, daß man gar nicht weit sehen konnte. Bald jedoch legte er den Stutzen wieder ab. Er hatte, unter den niedrigsten Aesten nach oben blickend, ein Paar mit Stachelschweinsborsten verzierte Moccassins gesehen, und er wußte, daß der Mann, welcher diese Schuhe trug, sein bester Freund sei. Bald raschelte es in den Zweigen, und der Nahende stand vor ihm.

Er war ganz genau so gekleidet wie Old Shatterhand, nur daß er anstatt der hohen Stiefel Moccassins trug. Auch eine Kopfbedeckung hatte er nicht. Sein, langes, dichtes, schwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder schmückte diese indianische Frisur. Dieser Mann bedurfte keines solchen Zeichens, um als Häuptling erkannt und geehrt zu werden. Wer nur einen Blick auf ihn richtete, der hatte sofort die Ueberzeugung, einen bedeutenden Mann vor sich zu haben. Um den Hals trug er den Medizinbeutel, die Friedenspfeife und eine dreifache Kette von Bärenkrallen, Trophäen, welche er sich selbst mit Lebensgefahr erkämpft hatte. In der Hand hielt er ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Dies war die berühmte Silberbüchse, deren Kugel niemals ihr Ziel verfehlte. Der Ausdruck seines ernsten, männlich-schönen Gesichtes war fast römisch zu nennen; die Backenknochen standen kaum merklich vor, und die Hautfarbe war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch.

Das war Winnetou, der Apachenhäuptling, der herrlichste der Indianer. Sein [123] Name lebte in jeder Blockhütte und an jedem Lagerfeuer. Gerecht, klug, treu, tapfer bis zur Verwegenheit, ohne Falsch, ein Freund und Beschützer aller Hilfsbedürftigen, gleichviel ob sie rot oder weiß von Farbe waren, so war er bekannt über die ganze Länge und Breite der Vereinigten Staaten und deren Grenzen hinaus.

Old Shatterhand hatte sich vom Boden erhoben. Er wollte sprechen, wurde aber durch eine Handbewegung Winnetous zum Schweigen aufgefordert. Ein zweiter Wink des Apachen bedeutete ihn, zu horchen.

Von fernher ließen sich monotone Klänge vernehmen. Sie kamen schnell näher. Es waren Molltöne im Vierachteltakte, die zwei ersten Achtel auf der kleinen Terz und das Viertel dann auf der Prime, ungefähr wie cca – cca. Und dann ertönte auf der hohen Quinte e ein schriller Jubelton.

Jetzt hörten die beiden Lauscher lautes Pferdegetrappel, und nun waren auch die Laute zu verstehen, welche gesungen wurden. Es war nur das eine Wort: »totsi-wuw, totsi-wuw!« Es bedeutet so viel wie Skalphaut.

Nun wußte Old Shatterhand, daß die beiden Deutschen nicht entkommen, sondern gefangen genommen worden waren.

Die Schoschonen ritten unten vorüber, nach indianischer Weise einer hinter dem anderen. In der Mitte aber hatten zwei die beiden Gefangenen zwischen sich. Dieselben waren ihrer Waffen beraubt und mit Lassos auf ihre Pferde gebunden. Sie schienen unverwundet zu sein. Vielleicht hatte gar kein Kampf stattgefunden. Vielleicht hatten sie sich, nachdem sie eingeholt worden waren, in der Ueberzeugung, daß Widerstand unnütz sei, freiwillig ergeben.

Keiner der Schoschonen ahnte, daß es in der Nähe einen Lauscher gäbe. Die Gefangenen aber dachten an Old Shatterhand, den sie hier verlassen hatten. Sie blickten um sich, nach rechts, nach links, und auch empor zur Höhe. Shatterhand mußte ihnen ein Zeichen geben, daß er sie sehr wohl bemerke. Dabei wagte er freilich, daß dasselbe auch von einem zufällig emporblickenden Schoschonen gesehen werde. Er trat ein Stück vor, und schwenkte den Hut; als er sah, daß der dicke Jemmy ihn bemerkt habe, trat er schnell wieder zurück.

Die Roten verschwanden. Eine kurze Zeit noch hörte man das monotone »totsi-wuw, totsi-wuw«, dann wurde es still.

Jetzt drehte sich Winnetou um und verließ, ohne ein Wort zu sprechen, die Stelle wieder, an welcher er neben Old Shatterhand gestanden hatte. Dieser wartete ruhig. Nach vielleicht zehn Minuten kehrte der Apache zurück, sein Pferd am Zügel hinter sich führend. Es war wirklich unbegreiflich, wie es dem Tiere gelingen konnte, auf so sehr abschüssigem Boden sich sicher durch den dichten Wald zu winden. Es war ganz von der Art und Farbe wie dasjenige Old Shatterhands, doch verdiente das letztere wohl den Vorzug. Der Häuptling hatte infolge seiner noblen Gesinnung seinem Freunde das bessere von beiden geschenkt.

Jetzt standen sie nebeneinander, zwei Männer, welche sich selbst vor einem ganzen Indianerstamm nicht zu fürchten pflegten. Ein forschender Blick in das Gesicht des Apachen belehrte Old Shatterhand, daß er diesem über das Vorkommnis keine ausführliche Belehrung zu geben brauche. Die beiden kannten einander eben so gut, daß sie ihre Gedanken gegenseitig leicht zu erraten vermochten. Darum fragte der Weiße:

»Der Häuptling der Apachen hat den Ort entdeckt, an welchem die Krieger der Schoschonen ihr Lager aufgeschlagen haben?«

»Winnetou ist ihrer Fährte gefolgt,« antwortete der Gefragte. »Sie sind da, wo vor Zeiten das Wasser aus den Bergen in den See des Blutes geflossen ist, im trockenen Flußbette aufwärts geritten. Dann führt die Spur links über die Höhe in ein Nastla-atahehle (kesselförmiges Thal), wo sie ihre Zelte errichtet haben.«

»Sind es Wohnzelte?«

»Nein, sondern es sind die Zelte des Krieges, drei an der Zahl, in welchen sie alle wohnen. Winnetou hatte ihre Spuren richtig gezählt und dir an den Baum geschrieben, wie viele ihrer sind. In dem mit Adlerfedern geschmückten Zelt wohnt der Anführer. Es ist Tokvi-tey (der schwarze Hirsch), der tapferste Häuptling der Schoschonen. Winnetou hat sein Angesicht von weitem gesehen und ihn an den drei Narben, welche er auf den Wangen trägt, erkannt.«

»Und was hatte mein roter Bruder beschlossen?«

»Winnetou hatte nicht die Absicht, sich den Schoschonen zu zeigen. Er fürchtet sie nicht; aber weil sie sich auf dem Kriegspfade befinden, so würde ein Kampf dann unvermeidlich sein, und er möchte doch keinen von ihnen töten, weil sie ihm nichts gethan haben. Nun aber haben sie die beiden Bleichgesichter gefangen genommen; mein weißer Bruder will dieselben befreien, und so wird Winnetou doch mit ihnen kämpfen müssen.«

Mit solcher Sicherheit sprach der Apache von den Gedanken und Absichten Shatterhands. Dieser fand dies so selbstverständlich, daß er gar keine Bemerkung darüber machte, sondern sich nur erkundigte:

»Hat mein Bruder erraten, wer die Bleichgesichter sind?«

»Winnetou hat die Gestalt des Dicken gesehen und weiß also, daß dieser Jemmy-petahtscheh ist, der dicke Jemmy. Der andere hinkte, als er vom Pferde stieg. Sein Tier war so frisch und sein Anzug ebenso, daß der Mann sich noch nicht lange Zeit im Sattel befinden kann. Er wohnt also in keiner großen Entfernung von hier, und darum wird er wohl Indahisch-schohl-dentschu sein, welchen die Bleichgesichter Hobble-Frank nennen. Er ist der Gefährte des Bärentöters.«

Die Apachen haben kein besonderes Wort für »hinken«. Die vier Worte des Häuptlings bedeuten: »der Mann, welcher schlecht zu Fuße geht«. Er hatte ganz richtig vermutet und damit, wie oft, einen Beweis gegeben, daß der Scharfsinn der Indianer ein außerordentlicher ist.

»Mein roter Bruder hat die Namen der beiden Jäger erraten,« sagte Old Shatterhand. »Er hat den Hobble-Frank hinken sehen und sich folglich in unserer Nähe befunden, als ich mit ihnen sprach?«

»Ja. Winnetou hatte die Schoschonen beobachtet und gesehen, daß eine Abteilung von ihnen davonritt, in der Richtung nach dem See des Blutes. Da er nun wußte, daß sein weißer Bruder dorthin kommen werde, ritt er über die Höhen und durch den Wald gerade auf den Baum der Zusammenkunft zu. Zuletzt hinderte ihn das Pferd, schnell vorwärts zu kommen und seinen Bruder zu warnen; darum ließ er es stehen und eilte zu Fuß weiter. Von hier oben erblickte er dann seinen Bruder mit den beiden Bleichgesichtern unten stehen. Er sah auch die Schoschonen, welche die Fährte der Weißen bemerkten. Diese letzteren eilten davon und wurden von den Roten, welche ihnen nacheilten, gefangen. Jetzt versteht es sich von selbst, daß Old Shatterhand sie befreien wird, und Winnetou wird ihm dabei zur Seite stehen. Er vermutet auch, daß die beiden Weißen sich nicht allein hier am See des Blutes und am Devils Head befinden. Sie werden auf Old Shatterhands Fährte getroffen sein und sich von ihren Gefährten getrennt haben, um ihr für einige Zeit zu folgen. Mein weißer Bruder wird wissen, wo diese Gefährten sich befinden, und wir werden sie jetzt aufsuchen, damit sie uns behilflich sind, die Gefangenen zu befreien.«

Das war abermals ein Beweis seines ungewöhnlichen Scharfsinns. Old Shatterhand erzählte ihm in kurzen Worten, was er von Jemmy und Frank erfahren hatte. Der Apache hörte aufmerksam zu und sagte dann:

»Ugh! So haben sich die Hunde der Sioux auf die Beine gemacht, um zu erfahren, daß Old Shatterhand und Winnetou nicht dulden werden, daß der Bärentöter den Tod am Marterpfahle sterbe. Wir werden heute den Dicken und den Hinkenden befreien und sodann mit ihnen und ihren Kameraden hinauf nach dem Yellowstone reiten, um den Sioux vom Stamme der Ogallalla zu zeigen, daß Old Shatterhand, welcher damals ihre drei tapfersten Krieger mit der bloßen Faust erschlug, sich jetzt wieder in den Bergen des Toli-tli-tsu befindet.«

Dieses viersilbige Wort bedeutet: »gelber Fluß«, also fast genau dasselbe wie Yellowstone River.

Es war Old Shatterhand höchst willkommen, daß Winnetou sich aus freien Stücken bereit zeigte, Baumann zu Hilfe zu eilen. Er sagte:

»Mein roter Bruder hat meinen Wunsch erraten. Wir sind nicht in diese Gegend gekommen, um das Blut der roten Männer zu vergießen; aber wir werden es auch nicht geschehen lassen, daß Unschuldige meine damalige That mit dem Tode büßen. [124] Winnetou mag mir zu denen folgen, welche zu ihrer Rettung ausgezogen sind!«

Sie führten ihre Pferde die steile Böschung vollends hinab, stiegen auf und ritten dann schnell in derselben Richtung fort, welche Jemmy und Frank vorher bei ihrer mißglückten Flucht eingeschlagen hatten.

Es war nicht mehr weit zum Anbruche der Dunkelheit; darum ließen sie ihre Pferde weit ausgreifen. Bald erreichten sie die Stelle, an welcher die Schoschonen die Flüchtigen erreicht hatten. Dort hielten sie für einige Augenblicke an, um die Spuren zu untersuchen.

»Es ist gar nicht gekämpft worden,« meinte Winnetou.

»Nein. Die beiden Bleichgesichter waren ja nicht verwundet. Hätten sie es für geraten gehalten, sich zu verteidigen, so wären sie den Schoschonen ganz gewiß nicht unverletzt in die Hände gefallen. Sie haben klugerweise eingesehen, daß ein Kampf nur zu ihrem Nachteile ausschlagen könne, und sich also freiwillig ergeben.«

Winnetou machte eine seiner eigenartigen, scharf bezeichnenden Handbewegungen und fragte:

»Klugerweise, sagt mein Bruder? Ich möchte ihn fragen, ob er und Winnetou sich ergeben hätten, wenn sie es gewesen wären, die von den Schoschonen verfolgt wurden!«

»Ergeben? Wir uns? Ganz gewiß nicht!«

»Howgh!«

»Wir hätten gekämpft bis zum Tode, und viele der Schoschonen wären gefallen, ehe man uns ergriffen hätte.«

»Vielleicht hätten wir auch nicht gekämpft. Winnetou möchte den Schoschonen sehen, der ihn und Old Shatterhand ereilen könnte, wenn beide ihre Rappen unter sich haben. Und ist Old Shatterhand nicht ein Meister im Auffinden fremder und im Verbergen seiner eigenen Spuren? Die Schoschonen hätten sein müssen wie Männer, welche der große Geist mit Blindheit geschlagen hat. Keines ihrer Augen hätte unsere Fährte bemerkt. Tapferkeit ist die Zierde eines Mannes; durch Klugheit aber vermag er mehr Feinde zu besiegen als durch den Tomahawk.«

Sie ritten weiter, gerade südwärts, am Fuße des Höhenzuges hin, links von sich die Bodensenkung des einstigen Sees.

»Hat mein Bruder bereits einen Plan zur Befreiung der beiden Weißen erdacht?« fragte Shatterhand.

»Winnetou braucht keinen Plan; er wird zu den Schoschonen zurückkehren und ihnen die Gefangenen entführen. So denkt er. Diese Schlangenindianer sind gar nicht wert, daß Winnetou ihretwegen über einen Plan nachdenkt. Old Shatterhand hat ja den Beweis erhalten, daß sie kein Hirn in ihren Köpfen haben.«

Shatterhand wußte sogleich, was er meine.

»Ja«, sagte er. »Keiner von ihnen hat daran gedacht, daß die meisten Jäger sich nicht allein hier befinden. Wäre ihnen dieser Gedanke gekommen, so hätten sie jedenfalls einige Kundschafter ausgesandt. Wir haben es also mit Leuten zu thun, deren Klugheit wir gar nicht sehr zu fürchten brauchen. Wäre Tokvi-tey, der Häuptling, in eigener Person bei dieser Abteilung gewesen, so hätten wir ganz sicher jetzt einige Kundschafter vor uns reiten.«

»Sie würden nichts finden, denn Winnetou und Old Shatterhand würden die Augen dieser Männer auf sich ziehen und sie irre leiten.«

Jetzt hatten sie die Stelle erreicht, an welcher die Thalschlucht in fast gerader westlicher Richtung in die Höhe schnitt. Dort fanden sie die Spuren der Gesuchten, doch war es bereits so dunkel, daß die Eindrücke nicht mehr genau erkannt werden konnten. Sie bogen nach rechts ab, der Fährte nach.

Die Schlucht war ziemlich breit und auch leicht gangbar. Die beiden Reiter kamen trotz der Dunkelheit schnell vorwärts. Da ihre Pferde barfuß waren, machten die Huftritte derselben so wenig Geräusch, daß dies nur ganz in der Nähe gehört werden konnte.

Da schien es, als ob eine Seitenschlucht sich links abzweige. Die beiden hielten an. Die Schlucht war eng. Konnte es diejenige sein, in welcher die gesuchten vier Personen ihr Lager hatten errichten wollen?

Als sie so still da hielten, scharrte Winnetous Pferd leise den Boden und ließ jenes bezeichnende Schnauben vernehmen, welches stets ein Zeichen ist, daß das Tier etwas Fremdes, vielleicht gar Feindseliges wittert.

»Wir sind auf dem richtigen Wege,« meinte der Weiße. »Reiten wir links ab. Das Pferd will uns sagen, daß da drin sich jemand befindet.«

Sie mochten ungefähr zehn Minuten langsam vorwärts geritten sein, da machte die Schlucht eine Wendung, und dann, als sie die Krümmung hinter sich hatten, erblickten sie ein Feuer, welches in einer Entfernung von vielleicht hundert Schritten von ihnen brannte. Die Schlucht hatte sich da erweitert und bildete eine von Bäumen bestandene Ausbuchtung, in deren Mitte ein Quell aus dem Boden drang, um sein weniges Wasser aber bald wieder im sandigen Grunde verlaufen zu lassen.

[135] Am Quell traten die Bäume zurück, so daß ein kleiner freier Platz gebildet wurde, auf welchem das Feuer brannte. Die beiden sahen drei Personen an demselben sitzen, deren Gesichtszüge sie wegen der beträchtlichen Entfernung aber nicht zu erkennen vermochten.

»Was meint mein Bruder?« fragte Winnetou. »Werden es die richtigen sein?«

»Es sind nur drei; wir aber suchen viere. Bevor wir unsere Gegenwart merken lassen, wollen wir einmal sehen, wen wir vor uns haben.«

Er stieg ab, und Winnetou that dasselbe.

»Es genügt, wenn ich allein hingehe,« sagte Shatterhand.

»Gut! Winnetou wird warten.«

Er nahm die Pferde bei den Zügeln und trat mit ihnen möglichst weit zur Seite, da, wo die Felswand ein weiteres Zurückziehen unmöglich machte. Old Shatterhand huschte vorsichtig vorwärts bis unter die Bäume und schlich sich dann von Stamm zu Stamm weiter, bis er sich hinter dem letzten der Bäume niederlegte und nun die Drei in aller Gemütlichkeit beobachten konnte. Sogar die Worte konnte er verstehen, welche sie miteinander sprachen.

Es war der lange Davy mit Wohkadeh und Martin Baumann. Bob, der Neger, war nicht da. Der gute Schwarze war mit wahrer Begeisterung für den abenteuerlichen Ritt eingenommen. Er fühlte sich als Ritter der Prairie und war überaus beflissen, sich ganz genau als solcher zu verhalten. Darum war er, nachdem er gegessen hatte, vom Feuer aufgestanden und hatte erklärt, daß er für die Sicherheit seines jungen »Massas« und der anderen beiden »Massers« wachen werde. Davy hatte ihm vergebens erklärt, daß dies jetzt und hier gar nicht nötig sei.

Anstatt nun den Eingang der Schlucht, woher allem Ermessen nach jede etwaige Gefahr kommen mußte, zu bewachen, war er beflissen gewesen, in gerade entgegengesetzter Richtung zu patrouillieren. Dort hatte er nichts Verdachterregendes bemerkt, und so kehrte er gerade in dem Augenblicke, an welchem Old Shatterhand hinter dem Baume Posto faßte, zu dem Feuer zurück, setzte sich aber nicht nieder, sondern ging weiter.

»Bob,« sagte Davy. »Bleib doch da! Was soll das Herumstreichen nützen! Es sind ganz gewiß keine Indsmen in der Nähe.«

»Wie Massa Davy das können wissen!« antwortete Bob. »Indsman kann sein [137] überall, rechts, links, hüben, drüben, oben, unten, hinten, vorn – – –«

»Und in deinem Kopfe!« lachte der Lange.

»Massa mögen lachen. Bob kennen seine Pflicht. Massa Bob sein groß und berühmt Westmann; er machen kein Fehler. Wenn Indsman kommen, Massa Bob ihn sofort schlagen tot.«

Er hatte sich nämlich eine junge, dürre Fichte abgebrochen und hielt deren wohl zehn Zoll starken Stamm in den gewaltigen Fäusten. Mit dieser Waffe fühlte er sich sicherer als mit der Flinte in der Hand.

Er schritt jetzt in entgegengesetzter Richtung davon.

Old Shatterhand war jetzt überzeugt, die Gesuchten vor sich zu haben; er hätte seine Anwesenheit zu erkennen geben können; aber da Bob gerade nach dem Punkte zuhielt, an welchem Winnetou stand, so war mit Wahrscheinlichkeit ein kleines Intermezzo zu erwarten, und so blieb der Jäger noch ruhig hinter dem Baume liegen.

Er hatte sich nicht verrechnet. Der Neger näherte sich der betreffenden Stelle. Es ist eine alte Erfahrung, daß indianische Pferde sich nicht leicht mit Negern befreunden, was seinen Grund jedenfalls in den Transpirationsverhältnissen hat. Die beiden Rappen rochen Bob von weitem und wurden unruhig. Winnetou hatte die dunkle Hautfarbe des Nahenden bemerkt, und da er von Shatterhand gehört hatte, daß ein Neger sich bei den Gesuchten befinde, so war er jetzt überzeugt, Freunde vor sich zu haben; darum verhielt er sich nicht feindselig, sondern ließ den Schwarzen ruhig herankommen.

Eines der Pferde schnaubte. Bob hörte es. Er blieb stehen und horchte. Ein abermaliges Schnauben brachte ihn zu der Ueberzeugung, daß irgend wer oder irgend was sich in der Nähe befinde.

»Wer da sein?« fragte er.

Keine Antwort.

»Bob fragen, wer da sein! Wenn nicht antworten, so schlagen Massa Bob tot, wer da sein!«

Abermals keine Antwort.

»Nun, dann sterben müssen all, wer da sein!«

Er erhob den Knüttel und trat näher. Winnetous Hengst sträubte die Mähne; seine Augen funkelten. Er stieg vorn empor und schlug mit den Vorderhufen nach Bob. Dieser sah, da er sich jetzt in solcher Nähe befand, eine hohe, riesige Gestalt vor sich. Er bemerkte die funkelnden Augen und hörte das drohende Schnauben; einer der Hufe sauste an seinem Kopfe vorüber und im Niederfallenlassen schleuderte ihn das Pferd zur Seite.

Er war ein mutiger Kerl, aber mit einem solchen Gegner sich einzulassen, das war ihm doch zu gefährlich. Er ließ den Knüttel fallen, riß aus und schrie dabei aus Leibeskräften:

»Woe to me! Help, help, help! Er wollen Massa Bob erschlagen! Er wollen Massa Bob verschlingen! Help, help, help!«

Die drei am Feuer Sitzenden sprangen auf.

»Was gibt's?« fragte Davy.

»A giant, ein Riese, ein Gespenst, ein Geist wollen Massa Bob erwürgen!«

»Unsinn! Wo denn?«

»Dort, dort am Felsen es sein.«

»Laß dich nicht auslachen, Schwarzer! Gespenster gibt es gar nicht.«

»Massa Bob haben es sehen!«

»Es wird ein seltsam geformter Fels gewesen sein.«

»Nein, es nicht sein Fels!«

»Oder ein Baum!«

»Auch nicht sein Baum. Es sein lebendig!«

»Du hast dich getäuscht.«

»Massa Bob sich nicht täuschen. Gespenst so groß, so, so!« Dabei streckte er beide Hände möglichst hoch über seinem Kopf empor. »Es haben Augen wie Feuer, sperren ein Maul auf wie Drache und blasen Massa Bob an, daß er hinfallen. Massa Bob haben sehen großen Bart, so groß, so lang!«

Jedenfalls hatte er die Mähnenhaare, welche bei dem Rappen sehr lang waren, trotz der Dunkelheit gesehen und hielt sie nun für den Bart des Riesen.

»Du bist nicht bei Sinnen!« behauptete Davy.

»O, Massa Bob sein bei Sinn, sehr bei Sinn! Er weiß, was er haben sehen. Massa Davy nur gehen hin und es auch ansehen!«

»Nun, so wollen wir doch einmal schauen, welchen Gegenstand der Nigger für einen Riesen oder ein Gespenst gehalten hat!«

Er wollte gehen. Da erklang es hinter ihm:

»Bleibt in Gottes Namen hier, Master Davy! Es handelt sich in Wirklichkeit nicht um ein Gespenst.«

Er fuhr herum und riß sein Gewehr an die Wange. Wohkadeh hielt in demselben Augenblicke sein Gewehr auch schußfertig, und Martin Baumann legte auch das seinige an. Alle drei Läufe waren auf Old Shatterhand gerichtet, welcher sich vom Boden erhoben hatte und hinter dem Baume hervorgetreten war.

»Good evening!« grüßte er. »Thut euer Schießzeug weg, Mesch'schurs! Ich komme als Freund und soll euch vom dicken Jemmy und vom Hobbel-Frank grüßen.«

[138] Da ließ der lange Davy die Büchse sinken, und die anderen folgten seinem Beispiele.

»Uns von ihnen grüßen?« fragte er. »So habt Ihr sie getroffen?«

»Ja freilich.«

»Wo?«

»Da unten am Rande des Blutsees, bis wohin sie der Elefantenfährte gefolgt waren.«

»Das stimmt. Haben sie denn entdeckt, wer dieser Elefant gewesen ist?«

»Ja, mein Pferd war es.«

»Alle Wetter! Hat es denn gar so riesenhafte Plattfüße, Sir?«

»Nein; es hat vielmehr gar zierliche Hüfchen. Freilich kann ich nicht dafür, daß Ihr die Schuhe hier für die Füße gehalten habt.«

Er deutete auf die vier Schilfsohlen, welche er am Gürtel hängen hatte. Der Lange begriff sogleich, um was es sich handelte:

»Ah, wie gescheit! Schnallt dieser fremde Master seinem Pferde solche Sohlen an, um die Leute, welche dann die Fährte sehen, irre zu machen! Mann, dieser Gedanke ist sehr gut; er ist so ausgezeichnet, als ob ich selbst ihn erfunden hätte!«

»Ja, der lange Davy hat von allen Jägern, welche zwischen den zwei Meeren reiten und laufen, stets die besten Gedanken!«

»Spottet nicht, Sir! So klug wie Ihr seid, bin ich wohl auch. Verstanden?«

Sein Auge flog dabei mit einem geringschätzenden Blicke über die saubere Erscheinung Old Shatterhands.

»Das bezweifle ich gar nicht,« antwortete dieser. »Und weil Ihr so klug seid, werdet Ihr mir wohl auch sagen können, wer das Gespenst ist, welches Euer guter Bob gesehen hat?«

»Ich will einen Centner Flintenkugeln verzehren, und zwar ohne Butter und Petersilie, wenn es nicht Euer Pferd gewesen ist!«

»Ich meine, daß Ihr es erraten habt.«

»Dies zu erraten, braucht man nicht Gymnasiast gewesen zu sein wie der dicke Jemmy. Aber nun sagt mir doch, wo der Kerl mit dem Frank eigentlich steckt. Warum kommt Ihr allein?«

»Weil sie abgehalten sind, selbst zu kommen. Sie sind von einer Schar Schoschonen zum Abendessen eingeladen worden.«

Der Lange machte eine Bewegung des Schreckens.

»Heavens! Wollt Ihr damit vielleicht sagen, daß sie gefangen genommen worden sind?«

»Leider meine ich das.«

»Wirklich? Gewiß? Wahrhaftig?«

»Ja. Sie wurden überfallen und fortgeführt.«

»Von den Schoschonen? Gefangen! Fortgeführt! Das werden wir uns verbitten! Wohkadeh, Martin, Bob, schnell zu Pferde! Wir müssen den Schoschonen augenblicklich nach. Sie müssen die beiden herausgeben, sonst hauen wir sie zu russischem Salat zusammen!«

Er eilte zu den Pferden, welche am Wasser grasten.

»Stop, Sir!« sagte Old Shatterhand. »So schnell bringt Ihr das nicht fertig. Wißt Ihr denn, wo die Schoschonen zu finden sind?«

»Nein; aber ich hoffe, daß Ihr es uns sagen könnt!«

»Und wie viele Personen sie zählen?«

»Personen? Meint Ihr, daß es mir einfallen kann, die Personen zu zählen, wenn es gilt, meinen dicken Jemmy herauszuhauen? Es mögen hundert sein oder nur zwei, das ist egal: heraus muß er!«

»So wartet wenigstens noch ein wenig, bevor Ihr zuschlagt! Ich denke, wir haben uns zunächst noch einiges zu sagen. Ich bin nicht allein. Da kommt ein Kamerad, welcher Euch auch einen guten Abend bieten möchte.«

Winnetou hatte bemerkt, daß Old Shatterhand mit den Männern sprach; darum kam er nun mit den Pferden herbei. Der lange Davy war zwar überrascht, einen Roten in Gesellschaft des Weißen zu sehen, schien aber den Häuptling nicht für besonders achtenswert zu halten, denn er sagte:

»Eine Rothaut! Und auch wie aus dem neuen Ei geschält, gerade wie Ihr. Ein Westmann seid Ihr wohl eigentlich nicht?«

»Nein, eigentlich nicht; das habt Ihr wieder sogleich erraten.«

»Dachte es mir! Und dieser Indsman ist wohl auch ein ansässiger, der sich vom ›großen Vater‹ in Washington einige Hände voll Land hat schenken lassen?«

»Jetzt täuscht Ihr Euch, Sir!«

»Wohl schwerlich.«

»Ganz gewiß. Mein Gefährte ist nicht der Mann, welcher sich vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Land schenken läßt. Er wird vielmehr – – –«

Er wurde von Wohkadeh unterbrochen, welcher einen Ruf freudigen Erstaunens ausstieß. Der junge Indianer war nämlich zu Winntou getreten und hatte die Büchse in dessen Hand bemerkt.

»Uff, uff!« rief er aus. »Maza-skamon-za-wakon – die Silberbüchse!«

Der Lange verstand so viel von der Sprache der Sioux, daß er wußte, was Wohkadeh meinte.

»Die Silberbüchse?« fragte er. »Wo? Ah, hier, hier! Zeigt sie doch einmal her, mein roter Sir!«

Winnetou ließ sie sich aus der Hand nehmen.

»Es ist Maza-skamon-za-wakon,« rief Wohkadeh. »Dieser rote Krieger ist also Winnetou, der große Häuptling der Apachen!«

»Was? Wie? Unmöglich!« meinte der Lange. »Aber gerade so wie dieses Gewehr hat man mir die Silberbüchse beschrieben.«

Er blickte Winnetou und Old Shatterhand fragend an. Sein Gesicht hatte in diesem Augenblicke keineswegs den Ausdruck allzugroßer Klugheit.

»Es ist die Silberbüchse,« antwortete Shatterhand. »Mein Gefährte ist Winnetou.«

»Hört, Mann, macht keinen dummen Spaß mit mir!«

»Pah! Wenn Ihr partout wollt, so nehmt's meinetwegen für Scherz. Ich habe keine Lust, Euch den Stammbaum des Apachen auf den Rücken zu malen.«

»Das würde Euch auch sehr schlecht bekommen, Sir! Aber wenn dieser rote Gentleman wirklich Winnetou ist, wer seid denn Ihr? In diesem Falle müßtet Ihr ja wohl der – – –«

Er hielt mitten in der Rede inne. Bei dem Gedanken, welcher ihm gekommen war, vergaß er, den Mund zu schließen. Er starrte Old Shatterhand an, schlug dann die Hände zusammen, that einen Luftsprung und fuhr sodann fort:

»Na, da hab' ich freilich einen Pudel geschossen, welcher größer als der ausgewachsenste Elefant ist! Beleidige ich da den berühmtesten Westmann, den nur jemals die Sonne beschienen hat! Wenn dieser Indsman Winnetou ist, so seid Ihr kein anderer als Old Shatterhand, denn diese beiden gehören gerade so zusammen wie der dicke Jemmy und ich. Also sagt, ist's richtig, Sir?«

»Ja, Ihr habt Euch nicht getäuscht.«

»So möchte ich vor Freuden gleich alle Sterne vom Himmel herunterlangen und da auf die Bäume setzen, um den Abend, an welchem ich euch kennen lernte, durch eine Illumination zu feiern! Willkommen, Mesch'schurs, willkommen an unserem Lagerfeuer! Verzeiht die Dummheit, welche wir gemacht haben!«

Er streckte beiden die Hände entgegen und drückte ihnen die ihrigen, daß sie hätten aufschreien mögen. Bob, der Neger, sagte gar nichts. Er schämte sich außerordentlich, ein Pferd für ein Gespenst gehalten zu haben. Wohkadeh war bis an die Bäume zurückgetreten. Er stand an einem derselben gelehnt und ließ die Augen mit bewunderndem Ausdrucke auf den beiden Ankömmlingen ruhen, – bei den Indianern ist die Jugend eben gewöhnt, bescheiden zu sein. Wohkadeh hätte geglaubt, den größten Fehler zu begehen, wenn er als gleichberechtigt in der Nähe der anderen stehen geblieben wäre. Martin Baumann betrachtete sich eben so die beiden Männer, von denen er bereits so viele Heldenthaten hatte erzählen hören, sehr genau, freilich nicht aus solcher Entfernung wie der junge Indianer. Er stand da zwei Vorbildern gegenüber, welchen nachzueifern sein heißes Bestreben war, obgleich er nicht hoffen konnte, sie jemals im Leben zu erreichen.

Winnetou hatte sich von Davy die Hand drücken lassen; den drei anderen nickte er grüßend zu. Das war so seine ernste Art und Weise. Old Shatterhand dagegen, heiterern Naturells und ungewöhnlich menschenfreundlich, gab ihnen, sogar dem Neger, die Hand. Das ergriff Wohkadeh in der Weise, daß er die Rechte aufs Herz legte und leise versicherte:

»Wokadeh wird sein Leben gern für Old Shatterhand geben! Howgh!«

Nachdem diese Begrüßung vorüber war, [139] setzten Shatterhand und Winnetou sich mit an das Feuer. Der erstere erzählte. Der letztere sagte kein Wort dazu; aber er nahm seine Pfeife und stopfte sie. Das war für den langen Davy das Zeichen, daß er mit ihnen Kriegskameradschaft rauchen wolle. Natürlich fühlte er sich von Herzen darüber erfreut. Seine Vermutung bestätigte sich, denn Shatterhand erklärte am Schlusse seines Berichtes, daß sie beide, Winnetou und er, bereit seien, heute Jemmy und Frank zu befreien und sodann mit hinauf nach dem Yellowstoneriver zu reiten.

Jetzt zündete Winnetou die Pfeife an und erhob sich. Nachdem er den Rauch in die vorgeschriebenen Richtungen geblasen hatte, erklärte er, der Nta-je (ältere Bruder) der neuen Bekannten sein zu wollen, und gab die Pfeife weiter an Shatterhand. Von diesem kam sie an Davy. Als dieser die ceremoniellen Züge gethan hatte, fühlte er sich in großer Verlegenheit. Die beiden berühmten Männer hatten aus ihr geraucht; durfte er sie nun auch den Knaben und sogar dem Neger geben?

Winnetou ahnte die Gedanken des Langen. Er neigte den Kopf nach den drei Genannten und sagte:

»Der Sohn des Bärentöters hat auch bereits den Grizzly erlegt, und Wohkadeh ist der Besieger des weißen Büffels; beide werden große Helden sein; sie sollen die Pfeife des Friedens mit uns rauchen ebenso wie der schwarze Mann, welcher sogar die Verwegenheit gehabt hat, ein Gespenst erschlagen zu wollen.«

Das war ein Scherz, über welchen wohl gelacht worden wäre; aber das Rauchen der Friedenspfeife ist eine Handlung, bei welcher jede solche Heiterkeit vermieden werden muß. Bob freilich fühlte das Verlangen, seine Ehre wiederherzustellen; darum that er, als er zuletzt die Pfeife bekam, einige mächtige Züge, erhob die Hand, spreizte die fünf Finger weit auseinander, als ob er gleich einen fünffachen Schwur ablegen wolle, und rief:

»Bob sein Massa Bob, ein Held und Gentleman! Er sein Freund und Schutz von Massa Winnetou und Massa Old Shatterhand. Er schlagen tot alle ihre Feinde; er thun alles für sie; er – er – – er – – er schlagen zuletzt ganz sich selber tot!«

[153] Das war Freundschaft im Superlativ geschworen! Er rollte dabei die Augen und knirschte mit den Zähnen, um zu zeigen, daß es ihm mit dieser Versicherung ein heiliger Ernst sei. Sie wurde von den Genannten mit Ernst entgegengenommen.

Jetzt hatte man gesagt, was zu sagen gewesen war. Einen Plan zu entwerfen, war nicht möglich, da man ja die Situation der Gefangenen noch nicht kannte. Man mußte aufbrechen, um das Lager der Schoschonen aufzusuchen. Hatte man dasselbe rekognosciert, so konnte man entscheiden, was zu thun sei, eher aber nicht.

Natürlich war der lange Davy außerordentlich ergrimmt, seinen Jemmy in der Gewalt der Roten zu wissen, und Martin fühlte große Sorge um seinen Hobble-Frank. Beide waren bereit, ihr Leben an die Befreiung der beiden zu wagen. Wohkadeh sagte nichts als:

»Wohkadeh wußte es, daß die beiden Bleichgesichter unglücklich sein würden. Er hat sie gewarnt; sie aber wollten nicht auf seine Stimme hören.«

»Und daran haben sie recht gethan,« erklärte Davy. »Wären sie der ›Elefantenfährte‹ nicht gefolgt, so hätten sie den Häuptling der Apachen und Old Shatterhand nicht gefunden. Sie sind zwar dabei in Gefangenschaft geraten, aber wir werden sie wohl herauseisen, und dann haben wir in diesen beiden neuen Freunden zwei Helfer, wie wir sie uns gar nicht besser wünschen können. Also vorwärts jetzt, zu den Schoschonen! Sie sollen heute den langen Davy kennen lernen!«

Es wurde aufgebrochen. So schnell wie möglich ritten die sechs denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, die beiden Schluchten abwärts. Am Ausgange der Hauptschlucht bogen sie links nach Norden ein. Sie waren da noch nicht weit gekommen, so hielt Winnetou sein Pferd an. Die anderen thaten natürlich sofort dasselbe.

»Winnetou wird voranreiten,« sagte er. »Meine Brüder mögen mir nicht schneller als im raschen Schritte folgen und dabei alles Geräusch vermeiden. Sie werden alles thun, was Old Shatterhand von ihnen fordert.«

Er stieg ab und beschäftigte sich eine kurze Zeit lang mit den vier Hufen seines Pferdes. Dann setzte er sich wieder auf und galoppierte davon. Das Geräusch, welches sein Pferd dabei verursachte, war kaum zu hören. Es klang nur so leise, so dumpf, wie wenn ein Mensch mit der Faust auf die Erde schlägt. Die übrigen folgten ihm so rasch, wie es sein Wunsch gewesen war.

»Was hat er gemacht?« fragte Davy.

»Habt Ihr nicht gesehen, daß er eben solche Eisen und Pferdeschuhe an seinem Gürtel hängen hat wie ich?« antwortete Old Shatterhand. »Er hat seinem Rappen die Schuhe angeschnallt, um nicht gehört zu werden und vielmehr selber zu hören.«

»Warum das?«

»Die Schoschonen, welche Eure Gefährten gefangen genommen haben, sind nicht auf den Gedanken gekommen, daß die beiden Gefangenen wohl Kameraden in der Nähe haben können. Tokvi-tey aber, der Häuptling der Schoschonen, ist klüger und bedächtiger als seine Krieger. Er wird sich sagen, daß zwei Jäger sich nicht allein in diese gefährliche Gegend wagen werden, und so steht zu erwarten, daß er noch nachträglich Kundschafter aussendet.«

»Pah! Das wäre ja ein ganz und gar unnützes Beginnen. Wie wollen diese Kerls uns in dieser Dunkelheit finden? Sie wissen nicht, wo wir sind, und können auch die Spuren nicht sehen.«

»Euer Name ist als der eines guten Westmannes bekannt, und so muß ich mich über Eure Rede wundern, Master Davy. Die Schoschonen haben hier ihre Jagd- und Weidegründe; die Gegend ist ihnen also bekannt. Oder meint Ihr das nicht?«

»Natürlich!«

»Nun so schließt nur weiter! Werden vorsichtige Jäger, wenn sie sich hier befinden, etwa hier im Freien, im Sande des einstigen Sees kampieren?«

»Auf keinen Fall.«

»Sondern wo?«

»Hier zwischen den Bergen.«

»Also in irgend einem Thale oder einer Schlucht. Nun könnt Ihr aber diese ganze weite Strecke abreiten, so werdet Ihr außer dem alten Wasserlaufe, dem die Schoschonen gefolgt sind, keinen anderen Thaleinschnitt finden als denjenigen, in welchem Ihr Euch auch wirklich gelagert hattet. Dort und eben auch nur dort allein seid Ihr also zu suchen.«

»Verteufelt! Ihr habt recht, Sir. Man merkt doch gleich, daß man mit Old Shatterhand reitet!«

»Meinen Dank für dieses Kompliment, welches aber keines ist, denn das, was ich Euch sage, muß sich jeder sagen, der nur einige Monate lang im Westen gelebt hat. Aber noch weiter: Gefährten pflegen sich in Gegenden, wie die hiesige ist, nur auf ganz kurze Zeit zu trennen. Daraus folgt, daß Ihr nicht sehr entfernt von Jemmy und Frank sein konntet; Euer Lager konnte sich also nicht gar weit von hier in der Schlucht befinden, und da es dort eine Seitenschlucht gibt, welche ein jeder verständige Westmann für den Zweck des Lagerns der Hauptschlucht vorzieht, so wissen die Schoschonen ganz genau, wo sie Euch zu suchen haben. Das, was Ihr [154] vorhin für unmöglich hieltet, ist also eigentlich ein Unternehmen, welches gar keine Schwierigkeiten bietet. Das wird der Häuptling der Schoschonen wissen, und das weiß auch Winnetou ganz genau. Darum ist er vorangeritten, um zu verhüten, daß wir von etwaigen Kundschaftern bemerkt werden.«

Davy brummte halblaut vor sich hin und sagte dann:

»Sehr wohl, Sir! Aber nun scheint mir wieder das Unternehmen des Apachen ein ganz aussichtsloses zu sein.«

»Warum?«

»Wie kann er in dieser Dunkelheit etwaige Kundschafter, welche ihm entgegenkommen, bemerken, ohne daß auch sie ihn sehen oder wenigstens hören?«

»So dürft Ihr freilich nicht fragen, wenn von Winnetou die Rede ist. Zunächst hat er ein ausgezeichnetes Pferd, dessen Dressur von einer Vortrefflichkeit ist, von welcher Ihr, wie es scheint, gar keine Ahnung habt. Es hat uns z.B. vorhin am Eingange der Nebenschlucht ganz deutlich gesagt, daß Ihr Euch in derselben befandet, und es wird auch jetzt, zumal wir gegen den Wind reiten, seinen Herrn auf eine sehr ansehnliche Entfernung hin von dem Nahen eines jeden anderen Wesens unterrichten. Sodann kennt Ihr eben den Apachen nicht. Er hat Sinne von der Schärfe eines wilden Tieres, und was Gesicht und Gehör oder Geruch ihm nicht sagen, das merkt er infolge jenes undefinierbaren sechsten Sinnes, welchen nur Leute, die von Jugend auf sich in der Wildnis befanden, besitzen. Es ist eine Art Ahnungsvermögen, eine Art Instinkt, auf welchen jeder, der ihn besitzt, sich so fest verlassen kann wie auf die Augen.«

»Hm, hab' auch ein wenig davon!«

»Ich auch; aber mit Winnetou kann ich mich in dieser Beziehung nicht vergleichen. Ferner müßt Ihr in Berechnung ziehen, daß sein Pferd die Schuhe trägt, während die Schoschonen, falls wirklich einige von ihnen unterwegs wären, sich keine Mühe geben werden, lauten Hufschlag zu vermeiden.«

»Oho! Sie werden doch auch vorsichtig sein!«

»Nein, denn sie werden meinen, daß eine solche Vorsicht in diesem Falle nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich sein werde.«

»Warum schädlich?«

»Weil sie dadurch von der notwendigen Schnelligkeit einbüßen würden. Sie nehmen als sicher an, daß Ihr Euch, auf Eure Gefährten wartend, am Lagerplatze befindet. Sie sind also sicher, hier auf niemand zu stoßen, und werden infolgedessen ihren Pferden nicht den mindesten Zwang anthun.«

»Hm, wenn Ihr einem das in dieser Weise klar macht, so muß man Euch unbedingt beistimmen. Ich will Euch in aller Offenheit sagen, daß ich gar manches durchgemacht und manchem gescheiten Kerl ein Schnippchen geschlagen habe; deshalb war ich immer der Meinung, ein recht kluger alter Knabe zu sein. Jetzt aber muß ich vor Euch klein zugeben. Winnetou sagte vorhin, daß wir uns in Euren Willen fügen sollen; er hat Euch also sozusagen als unseren Anführer proklamiert, und das hat mich im stillen so ein klein bißchen wurmen wollen; nun gebe ich zu, daß er recht gethan hat. Ihr seid uns gar gewaltig überlegen, und ich will mich in Zukunft gern unter Euer Kommandostellen.«

»So ist's nicht gemeint gewesen. In der Prairie haben alle gleiches Recht. Ich maße mir keinen Vorzug an. Jeder dient dem anderen mit seinen Gaben und Erfahrungen, und keiner kann ohne Genehmigung der andern etwas beginnen. So muß es sein, und so werden auch wir es halten.«

»Well! das wird sich finden. Was aber werden wir thun in dem Falle, daß wir Kundschaftern begegnen, Sir?«

»Nun, was meint Ihr?«

»Sie laufen lassen?«

»Meint Ihr?«

»Ja. Sie können uns doch nicht schaden. Wir werden gehandelt haben, bevor sie zurückkehren.«

»Das können wir nicht behaupten. Wenn wir sie vorüberlassen, werden sie die verlassene Lagerstätte und das ausgelöschte Feuer finden.«

»Was schadet das?«

»Sehr viel. Sie werden daraus ersehen, daß wir fort sind, um den Gefangenen Hilfe zu bringen.«

»Meint Ihr wirklich, daß sie das denken werden? Können sie nicht ebensogut meinen, daß wir unseren Ritt fortgesetzt haben?«

»Das auf keinen Fall. Leute, welche Gefährten erwarten, die nicht zurückkommen, reiten nicht weiter; das versteht sich ganz von selbst.«

»So würdet Ihr also die Kundschafter unschädlich machen?«

»Jedenfalls.«

»Töten?«

»Nein. Wißt Ihr, Menschenblut ist eine ungeheuer kostbare Flüssigkeit. Winnetou und Old Shatterhand wissen das ganz genau und haben keinen einzigen Tropfen vergossen, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Ich bin ein Freund der Indsmen; ich weiß, wer recht hat, sie oder diejenigen, welche sie immer und immer wieder zwingen, ihre guten Rechte bis aufs Messer zu verteidigen. Der rote Mann kämpft den Verzweiflungskampf; er muß unterliegen; aber ein jeder Schädel eines Indianers, welcher später aus der Erde geackert wird, wird denselben stummen Schrei zum Himmel stoßen, von welchem das vierte Kapitel der Genesis erzählt. Ich schone den Indianer, selbst wenn er mir als Feind entgegentritt, denn ich weiß, daß er von anderen dazu gezwungen wird. Darum kann es mir auch heute nicht einfallen, einen Mord zu begehen.«

»Aber wie wollt Ihr die Schoschonen unschädlich machen, ohne sie zu töten? Einen Kampf wird es, falls sie uns begegnen, auf alle Fälle geben; sie werden sich wehren, mit der Büchse, dem Tomahawk, dem Messer – – –!«

»Pah! Ich wünsche nicht, daß wir mit Feinden zusammentreffen; aber um Eurer Frage willen möchte ich doch, daß sie auf den Gedanken kämen, Kundschafter auszusenden. Ihr würdet dann Gelegenheit haben, zu sehen, wie man sich solcher Leute bemächtigt.«

»Aber wenn's nun ihrer zu viele sind?«

»Das brauchen wir nicht zu besorgen. Viele würden einander nur selbst hinderlich sein. Mehr wie zwei werden nicht ausgesandt, und – – halt, ich glaube, da kommt Winnetou!«

Ohne daß sie ihn gehört hatten, hielt im nächsten Augenblicke Winnetou vor ihnen.

»Kundschafter!« sagte er kurz.

»Wie viele?« fragte Shatterhand.

»Zwei.«

»Gut! Winnetou, Davy und ich, wir bleiben hier. Die anderen reiten schnell hinaus in den Sand; sie nehmen unsere Pferde mit und warten, bis wir rufen.«

Er sprang ab, Davy auch. Winnetou hatte die Zügel seines Pferdes bereits Wohkadeh in die Hand gegeben. In einigen Sekunden waren die drei anderen verschwunden.

»Was thun wir?« fragte Davy.

»Ihr habt nichts zu thun, als aufzupassen,« antwortete Shatterhand. »Lehnt Euch hier an den Baum, daß Ihr nicht zu sehen seid. Horch, sie kommen.«

Er und der Apache hatten ihre Gewehre den Gefährten gleich mit den Pferden übergeben.

»Schi darteh, ni owjeh – ich diesen und du jenen!« sagte der Apache, eine Handbewegung nach rechts und links machend; dann war er nicht mehr zu sehen.

Der lange Davy lehnte sich eng an den erwähnten Baum; kaum zwei Schritte von ihm hatte Shatterhand sich platt auf die Erde gelegt. Die zwei Schoschonen kamen in ziemlich schnellem Tempo heran. Sie sprachen miteinander. Ihr Dialekt bewies, daß sie wirklich Schoschonen seien. Das genügte. Jetzt waren sie da – jetzt vorüber.

Der lange Davy sah, daß Old Shatterhand sich vom Boden erhob und einen kräftigen Anlauf nahm.

»Saritsch – Hund!« rief einer der beiden Kundschafter; ein weiteres Wort fiel nicht.

Davy sprang vor. Er sah zwei Männer auf einem Pferde oder vielmehr vier Männer auf zwei Pferden sitzen, die beiden Angreifer hinter den Angegriffenen. Die Pferde scheuten; sie schlugen aus, hinten, vorn, bockten zur Seite – vergebens; die beiden berühmten Männer hatten ihre Opfer und auch deren Pferde fest. Nach kurzem Kampfe zwischen Mensch und Tier waren die Angreifer Sieger; die Pferde standen still. Die Schoschonen hatten sich gleich vom ersten Augenblicke an nicht zu wehren vermocht.

Shatterhand sprang ab, den einen Kundschafter in den Armen; dieser war besinnungslos.

[155] »Sarki – fertig?« fragte er nach rechts hinüber.

»Sarki – fertig!« antwortete Winnetou herüber.

»Hallo, Leute, kommt herbei.«

Auf diesen lauten Ruf kamen Wohkadeh, Martin und Bob wieder herangeritten.

»Wir haben sie. Sie werden mit den Lariats auf ihre Pferde festgebunden und werden uns begleiten. Auf diese Weise besitzen wir zwei Geiseln, welche uns von Nutzen sein werden.«

Die Schoschonen, denen die Gurgeln zusammengedrückt worden waren, kamen bald wieder zu sich. Sie waren natürlich entwaffnet und an den Händen gefesselt worden. Nun band man sie auf die Pferde, die Hände nach hinten und die Beine unter dem Bauche des Pferdes weg mit dem unzerreißbaren Lasso verbunden. Old Shatterhand sagte ihnen, daß sie beim geringsten Versuche eines Widerstandes getötet werden würden; dann wurde der Ritt fortgesetzt.

Obgleich man die Kundschafter ergriffen hatte, ritt Winnetou wieder voran. Es war das eine Vorsichtsmaßregel, welche der Apache für unbedingt notwendig hielt.

Nach einiger Zeit wurde der einstige Wasserlauf, welchem man links in die Berge hinein zu folgen hatte, erreicht. Die Reiter folgten ihm. Es wurde kein Wort gesprochen, denn es war ja möglich, daß einer der Kundschafter der englischen Sprache soweit mächtig war, die Worte zu verstehen.

Nach Verlauf einer halben Stunde traf man auf Winnetou, welcher, bisher weit voranreitend, hier halten geblieben war.

»Meine Brüder mögen absteigen,« sagte er. »Die Schoschonen sind hier durch den Wald nach der Höhe empor. Wir müssen ihnen folgen.«

Das war nun jetzt wegen der Gefangenen, die natürlich auf den Pferden sitzen bleiben mußten, nicht leicht. Unter den Bäumen war es vollständig dunkel. Die Männer mußten mit der einen Hand nach vorwärts tasten und mit der anderen das Pferd nach sich ziehen. Winnetou und Old Shatterhand hatten das Schwierigste übernommen. Sie schritten voran, die Pferde der Gefangenen führend. Jetzt nun zeigte es sich, welchen Wert die beiden Rappen hatten, denn diese liefen hinter ihren Herren wie die Hunde her und ließen trotz des beschwerlichen Weges nicht das leiseste Schnaufen hören, während die anderen Pferde ziemlich weit zu hören waren.

Endlich war diese große Anstrengung überwunden. Der Apache hielt an.

»Meine Brüder sind am Ziele,« sagte er. »Sie mögen ihre Pferde anbinden und dann helfen, die Gefangenen an die Bäume zu fesseln.«

Diesem Gebote wurde Folge geleistet. Die beiden Schoschonen erhielten, als sie je an einen Baum gebunden waren, Tücher vor den Mund gebunden, daß sie zwar durch die Nase atmen, aber nicht sprechen oder gar rufen konnten. Dann forderte der Apache seine Gefährten auf, ihm zu folgen.

Er führte sie nur wenige Schritte weit. Von da senkte sich die Höhe, welche man von Osten her heraufgekommen war, nach Westen zu ziemlich steil wieder abwärts. Da unten lag der Thalkessel, von welchem Winnetou gesprochen hatte, und von da leuchtete ein ziemlich großes und helles Feuer herauf. Es war natürlich ganz unmöglich, jetzt einen orientierenden Blick hinab zu thun. Man sah den Schein des Feuers, sonst aber nichts; alles andere lag in tiefer Dunkelheit.

»Also da unten sitzt mein Dicker,« meinte Davy. »Was wird er machen!«

»Was ein Gefangener bei den Indianern machen kann – nichts,« antwortete der junge Baumann.

»Oho! Da kennt Ihr den Jemmy schlecht, my boy! Der hat sich ganz gewiß ausgesonnen, auf welche Weise er ohne Erlaubnis der Roten bereits heute nacht ein wenig spazieren gehen könne!«

»Das dürfte er ohne uns nicht fertig bringen,« sagte Shatterhand. »Uebrigens weiß er von mir, daß ich kommen werde, und so kann er sich sagen, daß ich Euch jedenfalls mitbringe.«

[172] »Nun, so wollen wir auch keine Zeit verlieren und schnell hinab, Sir!«

»Das müssen wir freilich, leise und vorsichtig, einer immer hinter dem anderen. Einer muß aber bei den Pferden und Gefangenen zurückbleiben, einer, auf den wir uns verlassen können. Das ist Wohkadeh!«

»Uff!« stieß der junge Indianer hervor, ganz entzückt über das große Vertrauen, welches Shatterhand ihm schenkte.

Weil dieser ihn heute zum erstenmal gesehen hatte, war es wohl eigentlich ein Wagnis, den jugendlichen Indsman allein bei den Gefangenen und Pferden, welche die ganze Habe ihrer Reiter trugen, zurückzulassen; aber die Aufrichtigkeit, mit welcher Wohkadeh Old Shatterhand gesagt hatte, daß sein Leben ihm gehöre, hatte dem ersteren das Herz des letzteren gewonnen. Uebrigens traute Shatterhand dem roten Jünglinge die Kaltblütigkeit zu, welche zu diesem verantwortlichen Posten gehörte.

»Mein junger roter Bruder wird bei den Gefangenen sitzen, das Messer in der Hand,« sagte er ihm, »und wenn einer der Schoschonen einen Fluchtversuch machen oder nur ein Geräusch verursachen wollte, so wird er ihm das Messer sogleich in das Herz stoßen!«

»Wohkadeh wird es thun!«

»Er wird hier bleiben, bis wir zurückkehren, und den Ort auf keinen Fall verlassen!«

»Wohkadeh würde hier sitzen und verhungern, wenn seine Brüder nicht zurückkehrten!«

Das sagte er in einem Tone, welchem man anhörte, wie sehr ernst es ihm mit diesem Versprechen sei. Er zog sein Bowiemesser hervor und setzte sich zwischen den Gefangenen nieder. Old Shatterhand [173] erklärte diesen, was ihrer warte, wenn sie sich nicht vollständig ruhig verhalten würden, und dann begannen die fünf den beschwerlichen Abstieg.

Die Senkung war, wie bereits erwähnt, eine ziemlich steile. Die Bäume standen eng beisammen, und zwischen ihnen gab es so viel Unterholz, daß die kühnen Leute bei der Vorsicht, welche so nötig war, nur sehr langsam vorwärts kamen. Es durfte kein Geräusch gemacht werden. Das Knicken eines Astes konnte ihre Annäherung verraten.

Winnetou stieg voran. Er war derjenige, dessen Augen bei Nacht am schärfsten waren. Hinter ihm befand sich Martin Baumann. Dann kam der lange Davy, nachher der Neger, Shatterhand machte den letzten.

Ueber drei Viertelstunden waren vergangen, ehe eine Strecke, zu welcher am Tage höchstens fünf Minuten gebraucht worden wären, zurückgelegt worden war. Jetzt befanden sie sich unten im Thalkessel am Rande des Waldes, denn die Sohle des Thales bestand aus baumlosem Grasboden. Nur hier und da erhob sich ein einzelner Strauch.

Das Feuer brannte hell, gar nicht auf indianische Weise geschürt. Das war ein Zeichen, daß die Schoschonen sich sehr sicher fühlten.

Während nämlich die Weißen das Holz aufeinander legen, so daß es vom Feuer ganz angegriffen wird, und eine hoch emporlodernde, weithin sichtbare und viel Rauch verbreitende Flamme entsteht, legen die Indianer die Holzscheite so, daß sie wie Halbmesser eines Kreises im Mittelpunkte zusammenstoßen. In diesem Centrum brennt die kleine Flamme, welche dadurch genährt wird, daß die Scheite, je nachdem sie verbrennen, nachgeschoben werden. Das gibt ein Feuer, welches allen Zwecken der Roten genügt, eine kleine, leicht zu verbergende Flamme bildet und so wenig Rauch erzeugt, daß er in einiger Entfernung kaum bemerkt werden kann. Dazu verstehen sie die Art des Holzes so auszuwählen, daß dasselbe beim Verbrennen möglichst wenig Geruch verbreitet. Der Geruch des Rauches ist im Westen außerordentlich gefährlich. Die scharfe Nase des Indsman bemerkt ihn bereits aus sehr, sehr weiter Entfernung.

Das Feuer hier war nach Art der Weißen genährt, und der Geruch gebratenen Fleisches hatte sich über das ganze Thal verbreitet. Winnetou sog die Luft prüfend ein und flüsterte:

»Mokasschi-si-tscheh – Büffelrücken.«

Sein Geruchsinn war so fein, daß er sogar den Körperteil des Tieres, von welchem das Fleisch geschnitten war, bestimmen konnte.

Man sah drei große Zelte stehen. Sie bildeten die Ecken eines spitzwinkeligen Dreieckes, dessen Höhe gerade nach den fünf Lauschern lag. Das ihnen am nächsten stehende Zelt war mit Adlerfedern geschmückt, also dasjenige, welches der Häuptling mit bewohnte. Im Mittelpunkte des Dreieckes brannte das Feuer.

Die Pferde der Roten weideten frei und ungefesselt im Grase. Die Krieger saßen am Feuer und schnitten sich ihre Portionen von dem Braten, welcher an einem Aste über der Flamme briet. Sie waren, ganz der indianischen Sitte entgegen, sehr laut. Der Umstand, zwei Gefangene gemacht zu haben, hatte sie in diese vortreffliche Stimmung versetzt. Trotz der Sicherheit, in welcher sie sich fühlten, hatten sie einige Wachen ausgestellt, welche langsam auf und ab patrouillierten, es aber ihrer Haltung nach für sehr unrecht zu halten schienen, daß sie nicht mit den übrigen am Feuer sitzen durften.

»Eine verteufelte Geschichte!« brummte Davy. »Wie bekommen wir unsere Kameraden heraus? Was meint ihr, Mesch'schurs?«

»Zunächst möchten wir Eure eigene Meinung vernehmen, Master Davy,« antwortete Shatterhand.

»Die meinige? Zounds! Ich habe gar keine.«

»So habt die Gewogenheit, ein wenig nachzudenken!«

»Wird auch nichts helfen. Ich habe mir die Sache so ziemlich anders gedacht. Diese roten Schlingels haben keinen Verstand. Da hocken sie alle inmitten der Zelte um das Feuer, so daß es gar nicht möglich ist, in eins derselben zu gelangen! Das konnten sie unterlassen!«

»Ihr scheint Bequemlichkeit zu lieben, Sir! Wünscht Ihr vielleicht, daß die Indsmen von den Zelten bis hierher eine Pferdebahn anlegen, um Euch Eueren dicken Jemmy per Achse herzuschicken? Ja, dann dürft Ihr nicht nach dem Westen gehen!«

»Sehr richtig! Und ergreifen lassen darf man sich auch nicht. Wenn man nur wenigstens wüßte, in welchem Zelte die beiden stecken!«

»Natürlich in demjenigen des Häuptlings.«

»So will ich einen Vorschlag machen.«

»Nun?«

»Wir schleichen uns so nahe wie möglich hinan und fallen, sobald sie uns bemerken, über sie her. Dabei erheben wir ein solches Geschrei und machen einen so entsetzlichen Spektakel, daß sie denken, wir seien hundert Personen. Sie werden vor Schrecken davonlaufen. Wir holen die Gefangenen aus dem Zelte und laufen auch davon, natürlich so schnell wie möglich.«

»Das ist Euer Vorschlag?«

»Ja.«

»Habt Ihr noch etwas hinzuzufügen?«

»Nein. Nicht wahr, er gefällt Euch?«

»Ganz und gar nicht.«

»Oho! Meint Ihr, daß Ihr Euch etwas Besseres ausdenken werdet?«

»Ob etwas Besseres, das will ich nicht behaupten, etwas Unverständigeres aber jedenfalls nicht.«

»Sir! Soll das eine Beleidigung sein? Ich bin nämlich der lange Davy!«

»Das weiß ich seit einiger Zeit. Von einer Beleidigung ist keine Rede. Ihr seht von hier aus, daß die Indsmen ihre Waffen handgerecht haben. Sie werden nicht so dumm sein, unsere Zahl so zu überschätzen, wie Ihr es wünscht. Fallen wir über sie her, so werden sie wohl für einen Augenblick verblüfft sein, aber eben nur für einen Augenblick; dann haben wir eine zehnfache Uebermacht gegen uns.«

»Ich denke, Ihr fürchtet Euch nicht!«

»Gerade weil ich keinen Angriff riskiere, dessen Ausgang unser sicherer Untergang sein würde, brauche ich mich nicht zu fürchten. Und selbst wenn wir siegten, würde viel, sehr viel Blut fließen, und das kann man vermeiden. Was habt Ihr davon, wenn wir die Gefangenen befreien, und Ihr werdet dabei erschossen? Ist's nicht besser, einen Weg zu finden, welcher uns ganz ohne Blutvergießen zum Ziele führt?«

»Ja, Sir, wenn Ihr einen solchen Weg fändet, so würde ich Euch freilich loben.«

»Vielleicht ist er bereits gefunden.«

»Dann erklärt Euch schnell. Ich werde mein möglichstes thun.«

»Es kann sein, daß wir Euch gar nicht mitbelästigen. Ich will hören, was der Apache zu meinem Plane sagt.«

Er sprach eine kurze Weile mit dem Häuptlinge, und zwar in der Mundart der Apachen, welche die anderen nicht verstanden; dann wendete er sich wieder an den langen Davy:

»Ja, ich werde mit Winnetou den Streich allein ausführen. Ihr bleibt ganz ruhig hier, sobald wir uns entfernt haben. Selbst wenn wir binnen zwei Stunden uns nicht sehen lassen, geht Ihr nicht von der Stelle und hütet Euch, etwas zu unternehmen. Nur in dem Falle, daß Ihr eine Grille dreimal laut zirpen hört, habt Ihr miteinzugreifen.«

»In welcher Weise?«

»Indem Ihr schnell, aber möglichst leise und unbemerkt nach dem Zelte kommt, welches uns am nächsten liegt. Ich werde