Drittes Kapitel

Oiht-e-keh-fa-wakon

[236] Wie eine lange, dünne Schlange wand sich der Zug der Schoschonen durch die Blue-Graß-Prairie, welche sich vom Devils Head aus zwischen den Bighorn- und Klapperschlangenbergen nach der Gegend zieht, in welcher der Greyball-Creek seine klaren Wasser in den Bighornfluß ergießt.

Dieses »Blaugras« kommt im Westen nicht häufig vor. Es wächst hoch und kann auf einem Boden, welcher ihm die nötige Feuchtigkeit bietet, die Höhe eines Mannes erreichen. Es kommt sogar vor, daß es bis an den Kopf eines Reiters reicht, vielleicht noch über denselben hinaus. In diesem Falle bietet es dem Westmanne große Schwierigkeiten, und er handelt klug, wenn er den Pfaden folgt, welche die Büffel in dem dichten Grasmeere ausgetreten haben. Die über ihm zusammenwogenden Halme rauben ihm die so nötige Fernsicht, und es ist bei trübem Wetter oft geschehen, daß erfahrene Jäger, denen ein Kompaß fehlte und denen es unmöglich war, den Stand der Sonne zu bestimmen, nach einem höchst beschwerlichen Ritte am Abende an demselben Orte hielten, von welchem sie am Morgen aufgebrochen waren. Gar man cher ist, indem er so im Kreise ritt, auf seine eigene Fährte gestoßen und hat sie für diejenige eines anderen, wohl gar eines Feindes gehalten. Indem er ihr von neuem folgte, hat er den Kreis mehrere Male beschrieben, bis er zu seinem großen Aerger den unter Umständen gefahrvollen Irrtum erkannte.

Selbst den erwähnten Büffelpfaden zu folgen, ist nicht ganz gefahrlos. Man kann da ganz unerwartet einen Feind aus dem Menschengeschlechte oder Tierreiche vor sich sehen. Plötzlich auf einen alten Büffel, welcher als grimmiger Einsiedler sich von der Herde getrennt hat, zu stoßen, ist ganz ebenso bedenklich, wie wenn man, ohne es vorher geahnt zu haben, auf einen feindlichen Indianer trifft, welcher, sein Gewehr im Anschlage, drei Schritte entfernt vor einem steht. Dann heißt es, blitzschnell handeln. Derjenige, dessen Schuß zuerst fällt, ist der Ueberlebende. –

Die Schoschonen ritten im Gänsemarsche – einer hinter dem anderen, so daß jedes Pferd in die Spuren des vorhergehenden trat. Diese Ordnung halten die Indianer stets dann ein, wenn sie nicht ganz genau wissen, daß sie sicher sind. Außerdem wird dann die Vorsicht gebraucht, Späher vorauszusenden, die scharfsinnigsten und schlausten Männer des Zuges, deren Augen nicht das gegen den Wind gerichtete Neigen eines Halmes und deren Ohren nicht das leise Knicken eines abbrechenden Zweiges entgeht.

In sich zusammengesunken und weit nach vorne gebeugt, hängt so ein Kundschafter auf seinem Pferde, als ob die Kunst des Reitens ihm etwas ganz und gar Fremdes sei. Seine Augen scheinen geschlossen zu sein; er bewegt kein Glied seines Körpers. Auch sein Gaul bewegt nur wie mechanisch, gewohnheitsmäßig, die Beine. Wer beide aus dem Hinterhalte beobachtet, der glaubt, der Reiter sei im Sattel eingeschlafen. Aber ganz im Gegenteile ist die Aufmerksamkeit des Spähers desto angespannter, je weniger er es merken läßt. So tief seine Augenlider gesenkt sein mögen, sein scharfer Blick dringt doch unter denselben hervor, nach vorn, nach rechts und links.

Ein leiser, leiser Ton läßt sich hören, eben nur für das Ohr eines solchen Spähers wahrnehmbar. Hinter den nahen Büschen kauert ein Feind, welcher sein Gewehr erhoben hat, um es auf den Kundschafter zu richten. Dabei hat er mit dem Kolben den Hornknopf seines Rockes gestreift. Das dadurch entstandene, kaum wahrnehmbare Geräusch ist doch in das Ohr des Spähers gedrungen. Ein kurzer, scharfer Blick nach dem Busche – ein Griff in die Zügel – der Reiter wirft sich aus dem Sattel, bleibt aber mit einem Fuße in demselben und mit einem Arme im Halsriemen des Pferdes hängen, so daß sein Körper vollständig hinter demjenigen seines Tieres verschwindet und von der Kugel des Feindes nicht getroffen werden kann – der Gaul, plötzlich aus seiner scheinbaren Lethargie erwacht, macht zwei, drei Sprünge zur Seite und verschwindet mit seinem Reiter im Dickicht oder hinter schützenden Bäumen. Das ist in nicht zwei Sekunden geschehen, bevor der Feind den Späher genau auf das Korn hat nehmen können. Der erstere hat nun alle Veranlassung, schnell auf seine eigene Sicherheit bedacht zu sein.

Solche Kundschafter ritten auch den Schoschonen in ziemlich weiter Entfernung voran. An der Spitze der Haupttruppe befanden sich Old Shatterhand, Winnetou und der »schwarze Hirsch«. Ihnen folgten die Weißen mit Wohkadeh und Bob.

Der letztere war trotz der Uebung, welche ihm der bisherige Ritt geboten hatte, kein besserer Reiter geworden. Die Haut seiner Beine war nicht abgehärtet. Er hatte sich wund geritten und saß nun noch jämmerlicher zu Pferde als vorher. Unter immerwährendem Ah und Oh, Alas und Woe to me rutschte er von einer Seite auf die andere; er ächzte und stöhnte in allen Tönen der chromatischen Tonleiter und versicherte unter den fürchterlichsten Grimassen, daß er den Sioux seine Qualen [237] entgelten lassen werde. Wenn seine Drohungen sich bewahrheiteten, so stand ihnen allen ein grauenvoller Tod am Marterpfahle bevor.

Um weicher zu sitzen, hatte er sich aus abgeschnittenem Blaugras eine Unterlage hergestellt. Da es ihm aber nicht gelang, derselben auf dem Rücken des Pferdes einen festen Halt zu geben, so rutschte sie von Zeit zu Zeit herab und er natürlich mit, so daß er in fast regelmäßigen Zeiträumen auf oder neben ihr zur Erde zu sitzen kam.

Das entlockte selbst den sonst so ernsten Schoschonen ein heiteres Lächeln, und als einer von ihnen, welcher ein wenig englisch verstand, ihn den Sliding-Bob, den Rutsch-Bob nannte, ging das Wort von Mund zu Mund und wurde für ihn zum Spitznamen, dessen sie sich später gelegentlich gern bedienten.

Der westliche Horizont hatte bisher eine ebene Linie gebildet. Jetzt begann er, sich stellenweise zu erheben. Berge lagen dort, nicht bläulich und mit unsicheren Konturen, sondern scharf gezeichnet und deutlich gekörpert trotz der weiten Entfernung, welche man noch zu durchreiten hatte, um an ihren Fuß zu gelangen.

In jenen Gegenden ist die Luft oft so rein, daß Punkte, welche in viele Meilen weiter Ferne liegen, so nahe zu sein scheinen, daß man meint, sie in wenigen Minuten erreichen zu können. Und dabei ist die Atmosphäre in der Weise mit Elektricität geschwängert, daß wenn z.B. zwei Menschen sich mit den Händen oder Ellbogen berühren, leichte sicht- und auch fühlbare Funken überspringen. Die Indianer, welche zum sonorischen Sprachstamme gehören, nennen diese Erscheinung Mo-aw-k'un, das ist Moskitofeuer. Diese elektrische Spannung strebt nach Ausgleich, den sie in immerwährenden Entladungen findet. Es wetterleuchtet, ohne daß Wolken vorhanden sind, rundum am ganzen Horizonte, unausgesetzt; oft scheint der ganze Gesichtskreis in Flammen zu stehen, doch wird das Wohlbefinden von Mensch und Tier dadurch nicht im mindesten gestört. Ist die Dunkelheit des Abends hereingebrochen, so bietet dieses immerwährende Leuchten und Glühen einen Anblick, welcher geradezu unbeschreiblich ist, und selbst der an dieses Schauspiel gewöhnte Westmann kann seine Seele, sein Gemüt dem Eindrucke desselben nicht entziehen. Er, der gewöhnt ist, sich nur auf sich selbst zu verlassen, fühlt sich klein und ohnmächtig solchen geheimnisvollen Kräften gegenüber. Er denkt an Gott, dessen er vielleicht seit langer Zeit vergessen, und als fromme Jugenderinnerung steigen in seinem Gedächtnisse die in der Schule so oft gehörten Worte des Psalmisten auf: »Wo soll ich hingehen vor Deinem Geiste, und wo soll ich hinfliehen vor Deinem Angesichte! Führe ich gen Himmel, siehe, so bist Du da; bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist Du auch da; nähme ich Flügel der Morgenröte, so würde doch Deine Hand daselbst mich führen und Deine Rechte mich halten!« Ganz dasselbe denkt und fühlt auch der Indianer. »Weh-ku-on-peh-ta-wakon-schetscha«, das »Wigwamfeuer des großen Geistes« nennt der Sioux dieses Wetterleuchten. »Manitou ahnima ahwarrenton,« zu deutsch »Ich habe Manitou im Blitz gesehen,« sagt der Yutah-Schlangenflußindianer, wenn er den Seinen berichtet, daß er seinen Weg bei dieser »elektrischen Beleuchtung« zurückgelegt habe.

Diese elektrischen Entladungen können im Kriegsfalle sehr gefährlich werden. Der Indianer glaubt nämlich, daß derjenige Krieger, welcher des Nachts getötet wird, in den ewigen Jagdgründen in immerwährender Finsternis leben müsse. Darum sucht er jeden nächtlichen Kampf möglichst zu vermeiden, und darum führt er den Angriff am liebsten im ersten Morgenlichte aus. Wer aber im »Feuer des großen Geistes«, im Wetterleuchten stirbt, der ist nicht auf dunklem Pfade in das Jenseits gegangen und wird auch dort die Jagd- und Kriegspfade erleuchtet finden. Aus diesem Grunde scheut der Indsman sich nicht, beim Schein zuckender Wetter anzugreifen, und gar mancher, der das nicht wußte oder nicht beachtete, hat seine Unwissenheit oder Unvorsichtigkeit mit Skalp und Leben büßen müssen. –

[245] Der kleine Hobble-Frank hatte dieses bei heiterem Himmel ihm unerklärliche Wetterleuchten noch nie beobachtet. Darum sagte er zu dem dicken Jemmy, hinter welchem er ritt:

»Herr Pfefferkorn, Sie sind drüben in Deutschland 'mal Gymnasiast gewest und werden sich wohl noch een bißchen off Ihren psychikalischen Unterricht besinnen können. Warum blitzt und leuchtet es denn eegentlich hier so sehre?«

»Es heißt physikalisch und nicht psychikalisch,« verbesserte der Dicke.

»Dadervon werden Sie wohl gar nich viel mehr verschtehen als ich. Wissen Sie, ich hab' ooch meine Meriten; das können Sie mir offs Wort drauf glooben, besonders in der Orthographie und Konterpunktion. Ich weeß ganz genau, wie so een Fremdwort geschrieben wird, und da werd' ich's wohl ooch richtig ausschprechen können. Verschtanden? Ob ich sag' psychikalisch oder physikalisch, das ist dem deutschen Kaiser ganz egal. Die Hauptsache ist, daß man das Yxilump richtig ausschpricht.«

»Ypsylon heißt es.«

»Was? Wie? Ich soll nich mal wissen, wie der vorletzte Buchschtabe meines vaterländischen Alphabetes ausgesprochen wird? [246] Wenn Sie mir das nochmal sagen, da kann was drauf erfolgen, was Sie sehre leicht in eene Gemütskrankheit versetzen kann. So was läßt sich een Verehrer der Wissenschaft nich so leicht gefallen. Sie wissen mir off meine Frage keene akademische Antwort zu versetzen, und dadrum versuchen Sie es nun, sich off Schleichwegen heimlich aus der Falle raus zu beißen. Aber wenn Sie denken, daß Ihnen das gelingt, da irren Sie sich mehrschtenteels in mir. Ich bin ganz der Mann, Ihnen zu beweisen, daß der Müllerbursche keen Essenkehrer ist. Ich hab' Sie nach dem Wetterleuchten gefragt, aber nich nach dem Yxilump und nach der psychikalischen Geometrie. Können Sie mir Antwort erteilen oder nich?«

»Allemal!« lachte der Dicke.

»Nun, dann los damit! Also warum wetterleuchtet es hier gar so sehre?«

»Weil viel Elektricität vorhanden ist.«

»So? Ach? Das nennen Sie eene Antwort? Nun, dazu braucht man wohl ooch keen Gymnasiast gewest zu sein! Ich hab' zwar keene Alma Vater besucht, ich bin keen Schtudent gewest und hab' ooch niemals kommerschiert und den Alexander gerieben, aber ich weeß doch ganz genau, daß Elektricität vorhanden sein muß, wenn es leuchtet. Jede Wirkung hat ihre Ursache. Wenn eener eene Ohrfeige gekriegt hat, da muß een anderer vorhanden sein, der ihm die Maulschelle gegeben hat. Und wenn es wetterleuchtet, so – so – so – – –«

»So muß einer da sein, der es angebrannt hat,« fiel Jemmy ein.

Der Hobbel-Frank war zunächst still, um sich die Worte des Dicken zu überlegen; dann aber brach er zornig los:

»Hören Sie, Herr Pfefferkorn, es ist sehre gut, daß wir noch keene Brüderschaft mitnander gemacht haben, denn jetzt würde ich sie off der Schtelle wieder aufheben, und das wäre doch eene Blamage und een ewiger Schandfleck für Ihr bürgerliches Wappenschild. Glooben Sie denn etwa, daß ich mir von Ihnen meine etymongolische Wortabstammung verderben lasse? Was fallen Sie mir denn eegentlich so in meine schönste Rede? Wenn Sie eenen Satz beenden wollen, so können Sie sich ihn ooch selber anfangen. Merken Sie sich das! Aber wenn ich der Anfänger bin, da schprech' ich ooch bis zu Ende, denn nachher ist der Satz mein geistiges und philosophisches Eigentum. Wenn ich in meiner scharfsinnigen, bescheidenen Weise die Elektricität mit eener Ohrfeige vergleiche, so haben Sie nich das mindeste Recht, sich wie een Räuberhauptmann meines Vergleiches zu bemächtigen. Eenen Pferdeschpitzbuben hängt man off; das ist so Savannengesetz, und wenn mir eener mit dem mir gehörigen Satz davonrennt, so schieß' ich ihn vom Pferde runter. Ich hab' eenen famosen Schluß konschtruieren wollen, aber sobald ich mit den richtigen Promissen fertig war, da haben Sie eene ganz falsche Konfusion hinten dran gehängt, und das verletzt mein logisches Zartgefühl off eene schauderhafte Weise. Ich bin – – –«

»Prämissen wollten Sie wohl sagen,« unterbrach Jemmy die geharnischte Rede. »Und Konfusion heißt es auch nicht, sondern Konklusion.«

»So! Sind Sie denn wirklich so een ausgezeichneter Kenner des antiquarischen Schprachsystems? Wenn 'mal eener in seiner Schuljugend gehört hat, daß Rom off sieben Ziegeln gebaut worden ist, nachher denkt er ooch gleich, daß er der reenste Virtuos in den sämtlichen lateinischen Dialekten ist. Sie schprechen das eegentliche Plattlateinisch; mein Schulmeester in Moritzburg aber war een Hochlateinischer; bei dem endete sich alles ganz regelrecht off um, cum und dumm. Das ist die bekannte Schprache des Cicero und der schönen Melusine. Sie aber lernen in dem Gymnasium das Lateinische nur nach Knüppelverschen und sagen:


›Was man nicht deklamieren kann,

Das sieht man ganz neutral sich an.‹


Und wenn Sie sich bis hinauf in die Oberprima so ganz neutral verhalten haben, so werden Sie Prairiejäger, thun mit Ihren philologischen Schprachkenntnissen dicke und wollen nich 'mal meine Promissen und meine Konfusion gelten lassen. Ich habe in meinem ganzen Leben von keener Konklusion gehört, sogar in Moritzburg nich, was doch viel sagen will. Thun Sie also mir und sich selbst den Gefallen, und bleiben Sie bei der Schtange. Es ist die Rede gewest vom Wetterleuchten und von der Elektricität. Sie sagen, es wetterleuchtet wegen der vorhandenen Elektricität. Nun aber frag' ich weiter, warum gerade hier in dieser Gegend so viele Elektricität vorhanden ist. Ich hab' doch noch nirgends eene solche Masse beisammen gefunden. – Nun, können Sie antworten? Jetzt haben Sie die beste Gelegenheit im ganzen Leben, das Examen zu bestehen oder offs schönste ökumenische Konsilium hereinzufallen.«

Der dicke Jemmy lachte laut auf. Darum fragte der gelehrte Sachse:

»Was feixen Sie denn so klarinettenmäßig? Lachen Sie etwa nur vor Verlegenheit, weil ich so eene ganz unerwartete Fertigkeet in der philharmonischen Schprachgewandtheet entwickele? Nun, ich bin sehre neugierig, off welche Weise Sie sich herausbeißen werden, mein bester Herr Pfefferkorn!«

»Ja,« antwortete Jemmy, »Ihre Frage ist freilich höchst schwierig zu beantworten. An ihr könnte selbst ein Professor sich vergebens abmühen.«

»So! Eene andere Antwort haben Sie also nich?«

»Vielleicht doch.«

»So lassen Sie 'mal hören! Ich bin ganz Ohrläppchen.«

»Vielleicht ist der Metallreichtum des Felsengebirges an dieser Ansammlung der Elektricität schuld.«

»Der Metallreichtum? Mit dem hat die Elektricität nichts zu thun.«

»O doch! Warum wird sie von dem Blitzableiter angezogen?«

»Sie läuft aber unten wieder 'naus, folglich mag sie gar nichts von ihm wissen, und es wird gar mancher Boom vom Blitz erschlagen, ohne daß er nur das kleenste Stückchen Eisen in der Westentasche stecken hatte. Nee, das kann ich nich gelten lassen. Da müßten zum Beispiel alle Eisengießereien vom Blitz getroffen werden.«

»Oder ist's, weil wir uns hier dem magnetischen Pole nähern?«

»Wo liegt denn der?«

»Im nördlichen Amerika, allerdings noch eine tüchtige Strecke von hier.«

»So lassen Sie ihn nur immer liegen! Der ist ja ooch ganz unschuldig an diesem Wetterleuchten.«

»Oder staut sich die Elektricität bei der rapid schnellen Erdumdrehung an den riesigen Höhen des Felsengebirges?«

»An so eene archimedische Ansammlung ist nicht zu denken. Die Elektricität ist doch nich so dick wie Sirup; die geht ganz leicht über die Berge hinweg. Nee, Sie haben Ihr Examen nich beschtanden. Ihre Censur ist höchstens Viere Beh.«

»Nun, wenn Sie der Mann sind, mir eine Censur zu erteilen, so müssen Sie wohl im stande sein, es besser zu machen.«

»Natürlich bin ich das im schtande, denn ich bin in Moritzburg Forschtbeamter gewest und habe dort durch eifriges Fragen und Nachdenken meine angeborene Intelligenz off die allersuperlativste Schpitze getrieben. Ich möcht eegentlich mal wissen, off welche gewichtige Frage ich nich die richtige pneumatische Auskunft erteilen könnte. Ich bin zwar nur Autoviadukt, denn ich habe eben alles merschtenteels ganz von alleene gelernt; aber wenn das Genie eenmal drin im Menschen schteckt, dann ist's eben nich mal mit Keulen tot zu schlagen. Die Erklärung, welche Sie als verflossener Gymnasiast nich finden, ist ganz eenfach. Mir hat der Moritzburger Schulmeester mal in eener vertraulichen Schtunde, als niemand weiter in absento war, off Diskredit und Ehrenwort mitgeteilt, daß die Elektricität durch Reibung entschteht. Das geben Sie doch zu?«

»Sehr gern.«

»Folglich muß, wo Reibung vorhanden ist, Elektricität entschtehen.«

»Zum Beispiel beim Kartoffelreiben!«

»Lassen Sie Ihre Quartanerwitze beiseite, besonders wenn Sie mit eenem Manne schprechen, der in Beziehung off die künstlichen Wissenschaften zu den hydraulischen Autoritäten gehört! Wenn ich ungeschtört bin, so habe ich eenen sehr bescheidenen und anschpruchslosen Charakter, denn es gibt Oogenblicke, wo der Geist schwach sein muß, aber der Körper schtark und kräftig; doch wenn mal der richtige Moment des Nachdenkens mit dem geeigneten Oogenblicke der höheren Bildung zusammenfällt, nachher schträubt sich mein edles Naturell gegen das gewöhnliche ordinäre Temperament, und die Quellen meiner Kenntnisse fangen an zu schprudeln und zu[247] schpritzen, daß es zum Erschtaunen ist. Ich wundre mich manchmal über mich selber, wenn ich so höre, was für Schätze in mir schtecken. Mit der Elektricität zum Exempel mach' ich gar nich viel Federlesens. Dieser ganzen Wissenschaft bin ich weit überlegen. Ich schpiele mehrschtenteels bloß noch mit ihr. Off een bißchen Reibung mehr oder weniger kommt mir's gar nich mehr an, besonders hier in dieser Gegend. Da gibt es gewaltige Prairien, gewaltige Wälder und gewaltige Berge. Wenn nun der Wind oder gar der Schturm darüber saust, so entschteht eene ungeheure Reibung. Oder nich?«

»Ja,« gab Jemmy zu. Er war begierig, die Erklärung des Sachsen zu hören.

»Der Schturm reibt den Boden; die unendlichen Millionen von Grashalmen reiben sich aneinander; die ungezählten Aeste, Zweige und Blätter der Bäume reiben sich ebenso. Die Büffel wälzen sich in den Wallows7, was großartige Reibung gibt; kurz und gut, es findet in dieser Gegend eene Reibung statt wie sonst nirgendwo, und da ist es ja ganz selbstverständlich, daß sich een ungeheurer Vorrat von Elektricität anhäufen muß. Da haben Sie also nun die eenfachste, unanfechtbarste Erklärung aus dem kompetentesten Munde. Wollen Sie etwa noch mehr?«

»Nein, nein,« lachte Jemmy. »Ich habe genug!«

»So nehmen Sie die Aufklärung mit Ernst und ergebener Hochachtung hin. Das Lachen aber muß ich mir verbitten! Wer so viel ohne Ursache lacht, der verrät eene sanguinisch-cholerische Normalexistenz; eene hohle, phrenologische Schädelbildung und een unbedeutendes loyales Rückenmarksystem. Und daß Sie außerdem an eener chronisch-akuten Ueberlegungsgabe leiden, das haben Sie bewiesen, denn nur Sie ganz alleene waren schuld, daß wir von den Schoschonen gefangen genommen wurden. Wäre uns dieser famose Old Shatterhand nich zu Hilfe gekommen, so hätten wir unbedingt den gefährlichen Salto quartale hinüber in die ewigen Jagdgründe machen müssen.«

»Mortale heißt es, nicht quartale!«

»Schweigen Sie! So etwas kommt mir in diesem Vierteljahre nicht wieder vor; darum sage ich quartale. Unser wissenschaftliches Gespräch ist überhaupt jetzt nun finis parterra, denn wir sind den Bergen nahe, und da vorn halten unsere Kundschafter. Sie müssen also etwas Wichtiges entdeckt haben.«

Der kleine Pseudogelehrte hatte während seiner ultragelehrten Auseinandersetzungen wenig darauf geachtet, daß indessen eine ganz bedeutende Strecke zurückgelegt worden war. Das Blaugras war verschwunden; an seiner Stelle traten Festuccagräser, reichlich mit duftenden Cumarinhalmen durchmischt, und in nicht großer Entfernung entfaltete sich bereits ein reichlicher Strauchwuchs, über welchen die Wipfel einiger Rot-Ahorne emporragten. Diese Bäume lieben den feuchten Boden und bildeten also ein erfreuliches Zeichen, daß man nach dem heißen Ritte wohl bald auf einen erquickenden Trunk rechnen könne.

Dort bei den Büschen hielten die Kundschafter. Als der Reiterzug ihnen nahte, winkten sie mit den Händen zur Vorsicht, und einer rief:

»Nambau nambau!«

Dieses Wort bedeutet eigentlich Fuß, hat aber auch die Bedeutung als Fährte. Die Kundschafter wünschten, man solle Vorsicht gebrauchen, damit die von ihnen gefundene Fährte nicht zerstört werde, bevor sie von den Anführern »gelesen« worden sei.

Wohkadeh beachtete ihre Winke nicht; er ritt zu ihnen hin.

»Wehts toweke!« rief ihm derjenige, welcher vorher gerufen hatte, unwillig zu.

Das heißt »junger Mann« und bedeutete also eine Zurechtweisung. Ein junger Mann handelt wohl nicht so überlegt wie ein bejahrter. Der Ausdruck enthielt einen Tadel, ohne Wohkadeh ernstlich beleidigen zu können. Dennoch antwortete er in ziemlich ernstem Tone:

»Haben meine Brüder die Winter gezählt, seit denen Wohkadeh nun lebt? Er weiß ganz genau, was er thut. Er kennt diese Fährte, denn es sind die Stapfen seiner Füße auch dabei. An diesem Orte lagerte er mit den Sioux Ogallala, bevor sie ihn aussandten, nach den Zelten der Schoschonen zu suchen. Sie sind jedenfalls von hier aus grad nach West geritten, um den Fluß des dicken Hornes zu erreichen, und werden Wohkadeh Zeichen zurückgelassen haben, mit deren Hilfe er ihnen schnell zu folgen vermag.«

Die Stelle, an welcher sie hielten, zeigte Spuren, daß vor einigen Tagen ein ansehnlicher Reitertrupp hier gelagert habe; doch waren diese Zeichen nur für ein außerordentlich geübtes Auge zu erkennen. Das niedergetretene Gras hatte sich vollständig wieder aufgerichtet, doch fehlten den nahen Büschen die Zweigspitzen, welche von den Pferden abgefressen worden waren.

Nach Wohkadehs Erklärung erschien es als zwecklos, sich hier länger aufzuhalten. Darum setzte sich der Zug sogleich wieder in Bewegung.

Zwar stand die Sonne im Zenith, und es war also die Zeit der größten Tageshitze; die Pferde bedurften einer kurzen Ruhe, doch wollte man ihnen diese nicht eher gewähren, als bis Wasser gefunden wurde.

Das bisher ebene Terrain begann nun zu steigen. Von vorn, rechts und links traten langgestreckte Bergesrücken näher heran. Die Reiter folgten einer breiten Senkung, welche sich zwischen den Höhen hindurchwand. Sie war von den bereits erwähnten Gräsern grün. Das Buschwerk zeigte zunächst nur harte Arten, doch traten sehr bald weichere auf, strauchartige Balsampappeln, welche sich hier nicht zu Bäumen zu entwickeln schienen, und wilde Birnen von der Art, welche der Amerikaner Spiked-Hawthorn nennt.

Nun wurden auch die vorher nur vereinzelt stehenden Bäume zahlreicher. Weiße Eschen, Kastanien, Zürgelbäume, Makrocarpa-Eichen, Linden und andere, an deren Stämme purpurrot blühender Osterluzey emporkletterte.

Als der Weg dann hinter einer Höhe scharf nach Norden bog, sahen die Reiter bereits dicht bewaldete Berge vor sich. Dort mußte Wasser zu finden sein. Zwei wild zerklüftete Höhen ragten einander gegenüber ziemlich steil empor. Zwischen sie drängte sich ein schmales Thal hinein, auf dessen Sohle ein schmales Wässerchen sein leises Liedchen murmelte. Sollte man in dasselbe einbiegen oder der bisherigen Richtung folgen?

Old Shatterhand musterte mit scharfem Blicke den Saum des Waldes. Bald nickte er befriedigt vor sich hin und sagte:

»Unser Weg führt hier links in das Thal hinein.«

»Warum?« fragte der lange Davy.

»Seht Ihr nicht den Fichtenast dort im Stamme der Linde stecken?«

»Ay, Sir. Es ist freilich auffällig, daß ein Nadelholz an einem Laubbaume wächst.«

»Es soll ein Zeichen für Wohkadeh sein. Die Sioux haben ihn an dem Lindenstamm in der Weise angebracht, daß er nach dem Thale zeigt. Diese Richtung haben sie also eingeschlagen, und ich denke, daß wir noch auf mehrere solcher Wegweiser treffen werden. Also vorwärts!«

Winnetou war bereits schweigend vorangeritten, nachdem er nur einen kurzen Blick auf die Linde geworfen hatte. Das war so seine Art und Weise; er pflegte zu handeln, ohne viel zu sagen.

Als der Zug eine kurze Strecke zurückgelegt hatte, fand sich eine Stelle, welche sich außerordentlich gut zum Lagern eignete. Hier wurde angehalten. Es gab Wasser, Schatten und vortreffliches Futtergras für die Pferde.

Die Reiter stiegen ab und erlaubten den Tieren zu grasen. Die Schoschonen waren sehr gut mit in der Sonne getrocknetem Fleisch versehen, und die Weißen hatten noch von dem Proviant, welchen sie aus der Wohnung des Bärentöters mitgenommen hatten. Es wurde gegessen, und dann streckten sich die Männer in das Gras oder Moos, sich einem kurzen Schlummer hinzugeben, oder sie saßen in Gruppen zusammen, um sich zu unterhalten.

Der Unruhigste von allen war Bob, der Neger. Da er sich wund geritten hatte, schmerzten ihn die verletzten Stellen.

»Masser Bob sein krank, sehr krank.« sagte er. »Masser Bob nicht haben mehr seine Haut an den Beinen. Ganze Haut sein fort, sein futsch, und nun kleben Hose an Beinen und thun so weh Masser Bob. Wer sein schuld daran? Die Sioux. Wenn Masser Bob sie finden, dann werden er sie totschlagen, bis sie nicht mehr sein können lebendig! Masser Bob nicht können reiten, nicht sitzen, nicht stehen, nicht liegen. Es sein, als haben Masser Bob Feuer an seinen Beinen.«

[266] »Es gibt ein Mittel,« sagte Martin Baumann, welcher neben ihm saß. »Such' dir Colt'sfoot und leg die Blätter desselben auf die Wunden.«

»Wo aber wachsen Colt'sfoot?«

»Besonders an Waldrändern. Vielleicht ist grad hier welcher zu finden.«

»Aber Masser Bob nicht kennen diese Pflanze. Wie können er sie da finden?«

»Komm! Ich will mit suchen.«

Die beiden wollten sich entfernen. Old Shatterhand hatte ihre Worte gehört und warnte:

»Nehmt euere Gewehre mit. Wir befinden uns hier nicht auf einem Marktplatz des Ostens. Man kann nie wissen, was der nächste Augenblick bringt.«

Martin griff still zum Gewehre, und auch der Neger schulterte seine Muskete.

»Yes!« sagte er. »Masser Bob mitnehmen auch seine Rifle. Wenn kommt Siou oder wildes Tier, er sogleich erschießen alles, um zu beschützen sein jung Massa Martin. Come on!«

Die beiden schritten langsam am Thalrande hin, um nach der erwähnten Pflanze zu suchen; aber es war kein Huflattich zu sehen. So entfernten sie sich weiter und weiter von dem Lagerplatze. Es war so still und sonnig im Thale. Schmetterlinge gaukelten um die Blumen; Käfer summten und brummten von Ort zu Ort; das Wasser plätscherte so friedlich, und die Wipfel der Bäume badeten sich im Sonnenscheine. Wer hätte da an eine Gefahr denken mögen!

Da blieb Martin, welcher voranschritt, halten und deutete auf eine Linie, welche sich in kurzer Entfernung schnurgerade von dem kleinen Bache durch das Gras nach der Thalwand zog, wo sie unter den Bäumen verschwand.

»Was das sein?« fragte Bob. »Ein Weg?«

»Ja, ein Weg ist es. Es scheint da jemand regelmäßig aus dem Walde zu kommen, um Wasser zu schöpfen.«

»Es sein also ein Westmann?«

»Hm! Ein Westmann? Hier in dieser Einsamkeit? Das ist unwahrscheinlich.«

»Oder ein Tier?«

»Das will ich eher glauben. Betrachten wir uns einmal die Spur!«

Sie gingen hinzu und nahmen die Fährte in Augenschein. Das Gras war vom Wasser an bis hinüber zu den Bäumen mehrere Fuß breit nicht nur nieder-, sondern so ausgetreten, daß der nackte Boden zum Vorschein gekommen war. Martin und Bob standen also vor einem wirklichen Pfade.

»Das sein kein Tier,« meinte der Neger. »Hier sein laufen ein Mann mit Stiefeln immer hin und her. Massa Martin werden recht geben Masser Bob.«

Der Jüngling aber schüttelte den Kopf. Er untersuchte den Pfad genau und antwortete:

»Die Sache ist jedenfalls befremdend. Man kann keine Huf- oder Krallenspur erkennen. Der Boden ist so festgetreten, daß man nicht einmal bestimmen kann, zu welcher Zeit diese Fährte zum letztenmal betreten worden ist. Ich möchte wetten, daß nur ein Huftier einen solchen Gang auszutreten vermag.«

»O schön, sehr schön!« sagte der Neger erfreut. »Vielleicht es sein ein Opossum. Das sein Masser Bob sehr willkommen.«

Das Opossum ist die virginische Beutelratte, welche bis einen halben Meter lang werden kann. Sie besitzt zwar ein zartes, weißes und fettes Fleisch, hat aber einen so eigentümlichen, widrigen Geruch, daß sie von Weißen niemals gegessen wird. Der Neger aber verschmäht sie nicht, und es gibt sogar manchen Schwarzen, welcher leidenschaftlich auf diesen unangenehm duftenden Braten versessen ist. Zu dieser Art von Gastronomen gehörte auch der brave Bob.

»Was fällt dir ein!« lachte Martin. »Ein Opossum hier! Gehört denn die Beutelratte zu den Huftieren?«

»Wohin Opossum gehören, das sein Masser Bob ganz egal. Opossum sein ein fein delikat Fleisch, und Masser Bob jetzt werden versuchen, ob Opossum sich werden lassen fangen.«

Er wollte fort, der Fährte nach, Martin aber hielt ihn zurück.

»Bleib, und mache dich nicht lächerlich! Von einem Opossum kann hier keine Rede sein; es ist ja viel zu klein, um eine solche Spur auszutreten. Hier handelt es sich um ein großes Tier, wohl gar um ein Elk.«

»Elk, o Elk!« rief Bob, indem er mit der Zunge schnalzte. »Elk geben viel, viel Fleisch und Talg und Haut. Elk sein gut, sein sehr gut! Bob werden Elk sogleich schießen.«

»Bleib, bleib! Es kann doch kein Elk sein, denn dann wäre hier das Gras abgeäst.«

»So werden Masser Bob nachsehen, was es sein. Vielleicht sein es doch ein Opossum. O! wenn Masser Bob ein Opossum finden, dann er machen einen großen Schmaus.«

Er lief fort, der Fährte nach, der mit Wald bedeckten Thalwand zu.

»Warte! So warte doch nur!« mahnte Martin. »Es kann doch wohl ein großes Raubtier sein!«

»Opossum sein Raubtier, fressen Vögel und andere kleine Viehzeug, Masser Bob es fangen.«

Er ließ sich nicht warnen und ging weiter. Der Gedanke an seinen Lieblingsbraten ließ ihn die hier so nötige Vorsicht vergessen. Martin folgte ihm nach, um im Falle einer unangenehmen Ueberraschung schnell bei der Hand zu sein; aber der Neger war dem jungen Manne immer eine Strecke voran.

So erreichten sie den Waldesrand, wo das Terrain auf dieser Seite des Thales gerade so wie auf der anderen ziemlich steil emporzusteigen begann.

Der Pfad lief schnurgerade zwischen die Bäume hinein und dann zwischen großen Felsenbrocken empor. Er war auch hier so fest, daß eine ausgesprochene Einzelspur gar nicht zu erkennen war.

Immer weit voran, kletterte der Neger die Höhe hinauf. Die Bäume standen ziemlich dicht beisammen, und zwischen ihren Stämmen hatte sich allerlei Unterholz breit gemacht, so daß man wirklich von einem Dickicht reden konnte, durch welches der Wildpfad führte. Da hörte Martin die jubelnde Stimme des Negers:

»Massa kommen, schnell kommen! Masser Bob haben funden das Nest von Opossum.«

Der Jüngling folgte so schnell wie möglich diesem Rufe. Von einem Opossum konnte keine Rede sein und so war zu befürchten, daß der gute Bob sich in eine Gefahr begab, von deren Größe er gar keine Ahnung hatte.

»Bleib stehen, bleib stehen!« warnte daher Martin mit lauter Stimme. »Unternimm nichts, bis ich komme.«

»O, hier sein schon Loch, die Hausthür zu Nest von Opossum. Masser Bob nun dem Opossum machen seine Visite.«

Jetzt erreichte Martin die Stelle, an welcher sich der Neger befand. Es gab da eine Anzahl übereinander getürmter Felsenstücke. Zwei derselben waren gegeneinander gelehnt und bildeten eine Höhle, vor welcher ein aus Haselnuß-, wilden Maulbeersträuchern, Him- und Brombeerdornen bestehendes Gestrüpp wucherte. In dieses Gestrüpp war ein Durchgang gebahnt. Die bisher verfolgte Fährte führte hinein, doch zeigten zahlreiche, nach rechts und links führende Fährten, daß der Bewohner der Höhle nicht nur zwischen dieser und dem Wasser verkehre, sondern auch noch anderweite Exkursionen unternehme.

Der Neger hatte sich zur Erde niedergekauert und befand sich bereits mit seinem Vorderleibe im Gestrüpp, um nach der Höhle zu kriechen. Jetzt erkannte Martin zu seinem Schreck, daß seine Befürchtung nicht grundlos gewesen sei. Aus den nun deutlichen Spuren sah er, mit welch einem Tiere er es zu thun habe.

»Um Gottes willen, zurück, zurück!« rief er. »Das ist die Höhle eines Bären!«

Zu gleicher Zeit faßte er Bob bei den Beinen, um ihn zurückzuziehen. Der Neger aber schien ihn nicht verstanden zu haben, denn er antwortete:

»Warum mich halten? Masser Bob sein [267] tapfer. Er werden besiegen ganzes Nest voll Opossum.«

»Kein Opossum, sondern ein Bär, ein Bär!«

Er hielt den Schwarzen aus Leibeskräften fest. Da ließ sich ein tiefes, zorniges Brummen hören, und zu gleicher Zeit stieß Bob einen Schrei des Schreckens aus.

»Jessus! Ein Vieh, ein Ungetüm! O Masser Bob, o Masser Bob!«

Er schob sich blitzschnell aus dem Gestrüpp heraus und sprang empor. Martin sah trotz der dunklen Haut des Schwarzen, daß diesem vor Schreck das Blut aus dem Gesicht gewichen war.

»Ist er noch drin in der Höhle?« fragte der Knabe.

Bob fuhr mit den Armen in der Luft herum und bewegte die Lippen, brachte aber keine Antwort hervor. Er hatte sein Gewehr fallen lassen. Seine Augen verdrehten sich, und seine Zähne knirschten aneinander.

Da raschelte es im Gestrüpp – der Kopf eines Grizzly, eines grauen Bären, blickte aus demselben hervor. Das gab dem Neger die Sprache wieder.

»Fort, fort!« schrie er. »Masser Bob hinauf auf Baum!«

Er that einen gewaltigen Sprung vorwärts nach einer dünnen, schlanken Birke und fuhr mit der Schnelligkeit eines Eichhörnchens am Stamme derselben empor.

Martin war leichenblaß im Gesicht geworden, doch nicht aus Angst. Mit einem schnellen Griff raffte er das Gewehr des Negers auf und sprang dann hinter eine starke Blutbuche, welche in der Nähe stand. Er lehnte das Gewehr an den Stamm derselben und griff dann zu seiner eigenen Doppelbüchse, welche an seiner Schulter hing.

Der Bär war langsam zwischen dem Gedorn hervorgetreten. Seine kleinen Augen blickten erst nach dem Neger, welcher mit den Händen an den unteren Aesten der Birke hing, und sodann nach Martin, der ihm entfernter stand. Er senkte den Kopf, öffnete den geifernden Rachen und ließ die Zunge lang hervorhängen. [268] Er schien zu überlegen, gegen welchen der beiden Feinde er sich zunächst wenden solle. Dann richtete er sich langsam und wackelnd auf die Hinterpranken empor. Er war sicherlich acht Fuß hoch und verbreitete jenen penetranten Geruch, welcher den Raubtieren der Wildnis allen mehr oder weniger eigen ist.

Von dem Augenblicke an, an welchem Bob von der Erde aufgesprungen war, bis jetzt, war noch keine Minute vergangen. Als der Neger das riesige Tier in einer Entfernung von kaum vier Schritten von sich so drohend aufgerichtet sah, zeterte er:

»For gods sake! Der Bär wollen fressen Masser Bob! Hinauf, hinauf, schnell, schnell!«

Er turnte sich mit krampfhaften Bewegungen immer weiter hinauf. Leider aber war die Birke so schwach, daß sie sich unter der Last des riesigen Schwarzen bog. Er zog die Füße möglichst weit empor und klammerte sich mit Armen und Beinen möglichst fest an, konnte sich aber doch nicht in reitender Stellung erhalten. Der dünne Wipfel des Bäumchens neigte sich nieder, und Bob hing nun an allen Vieren von demselben hernieder wie eine riesige Fledermaus.

Der Bär schien zu begreifen, daß dieser Feind leichter zu besiegen sei als der andere; er wendete sich nach der Birke und bot dadurch Martin seine linke Seite dar. Der junge Mann, welcher halb noch Knabe war, hatte nach der Brust gegriffen. Dort hing unter dem Jagdhemde die kleine Puppy, das blutige Andenken an sein unglückliches Schwesterchen.

»Luddy, Luddy!« flüsterte er. »Ich räche dich!«

Er legte mit sicherer, nicht zitternder Hand seine Büchse an. Der Schuß krachte, noch einer – – –

Bob ließ vor Schreck los.

»Jessus, Jessus!« schrie er. »Masser Bob sein tot, quite dead!«

Er stürzte herab, und die Birke schnellte in ihre natürliche Lage zurück.

Der Bär hatte zusammengezuckt, als ob er einen Stoß oder Schlag erhalten hätte. Er sperrte den fürchterlichen, mit gelben Zähnen bewehrten Rachen auf und that noch zwei langsame Schritte weiter. Der Neger streckte ihm beide Arme entgegen und schrie, an der Erde liegen bleibend:

»Masser Bob haben dir nichts wollen thun, haben nur wollen Opossum fangen!«

In demselben Augenblicke stand der kühne Knabe zwischen ihm und der Bestie. Er hatte sein abgeschossenes Gewehr fortgeworfen und die Flinte des Schwarzen ergriffen, deren Lauf er nun auf den Bären richtete. Er und das Tier standen nicht zwei Ellen voneinander. Seine Augen blitzten kühn, und um seinen zusammengepreßten Mund lag jener unerbittliche Zug, welcher deutlich sagte: du oder ich!

Aber anstatt loszudrücken, ließ er das Gewehr sinken und sprang zurück. Er hatte mit scharfem Blicke erkannt, daß dieser dritte Schuß nicht nötig sei. Der Bär stand still. Ein röchelndes Brummen drang aus seiner Kehle, ein brüllendes Stöhnen folgte; ein Zittern durchlief den Körper, die Vorderpranken sanken nieder, ein dunkler Blutstrom quoll über die Zunge, dann brach das Tier zusammen – – ein konvulsivisches Zucken – der Körper wälzte sich halb zur Seite und blieb dann unbeweglich hart neben dem Neger liegen.

»Help, Help – Hilfe, Hilfe!« wimmerte der letztere, noch immer die Arme starr ausgestreckt haltend, als ob er ohne Bewegung und Gelenke sei.

»Mensch, Kerl, Bob!« zürnte Martin. »Was jammerst du, alter Feigling!«

»Der Bär, der Bär!«

»Er ist ja tot!«

Da zog der Schwarze die Arme an sich, richtete sich in sitzende Stellung auf, ließ seinen Blick in fragender Angst zwischen dem Tiere und Martin hin und her gleiten und wiederholte:

»Tot, tot! Sein das wahr?«

»Natürlich.«

[281] »Auch ganz gewiß wahr?«

»Du siehst es ja! Ich wette, daß beide Kugeln ihm mitten in das Herz gedrungen sind.«

Da schnellte Bob empor; er zeigte, daß alle seine Gelenke sich in bester Ordnung befanden, und rief in frohlockendem Tone:

»Tot, tot sein der Bär! Oh, oh, oh! Masser Bob und Massa Martin haben besiegt das Ungeheuer! Masser Bob hab' machen eine Bärenjagd. Oh! was sein Masser Bob für ein kühner und ein berühmter Westmann! All Leut werden sagen, was für ein Mut haben der tollkühn und furchtlos Masser Bob!«

»Ja,« lachte Martin, »tollkühn bist du gewesen, wie eine reife Zwetschge da grad vor dem Rachen des Bären vom Baume zu fallen!«

Der Schwarze machte ein verwundertes Gesicht.

»Fallen?« fragte er. »Nicht fallen! Masser Bob sein sprungen dem Bären entgegen. Masser Bob haben wollen ihn nehmen beim Fell und schlagen tot!«

»Bist aber liegen geblieben!«

»Masser Bob ruhig sitzen bleiben, weil er wollen zeigen, daß er sich nicht fürchten vor Bär. Oh! was sein Bär gegen Masser Bob! Bob sein ein Held; er nehmen Bär bei den Ohren und geben ihm Maulschellen so viel, wie Bär gar nicht kann zählen!«

Er bückte sich nieder und griff mit der Linken nach dem kleinen Ohre des erlegten Tieres, allerdings leise und vorsichtig zunächst, um sich zu überzeugen, daß es auch wirklich tot sei; dann aber, als er diese Gewißheit erlangt hatte, schlug er mit der Rechten kräftig auf dasselbe ein.

Da ließen sich laute Stimmen und eilige Schritte hören.

»Alle Teufel, ein Bärenpfad,« erklang es vom Wasser herauf. »Das kann nur ein riesiger Grizzly sein. Die beiden haben das nicht verstanden und sind dem Tiere ahnungslos entgegengelaufen. Schnell nach!«

Das war die Stimme Old Shatterhands. Der erfahrene Westmann war gleich beim ersten Blicke auf die Spur nicht im Zweifel darüber gewesen, was für ein Tier sie ausgetreten habe.

»Ja, ein Grizzly ist's,« hörte man den beistimmenden Ruf des dicken Jemmy. »Vielleicht sind sie alle beide verloren. Vorwärts, hinein in den Wald!«

Das Gewirr auch anderer Stimmen und eilige Schritte waren zu vernehmen.

»Holla!« rief Martin Baumann den Kommenden entgegen. »Habt keine Sorge um uns. Es ist alles wohlauf.«

Old Shatterhand und Winnetou waren die ersten, welche am Platz erschienen. Nach ihnen kamen Tokvi-tey und der lange Davy, hinter ihnen der dicke Jemmy und der kleine Sachse, gefolgt von der Mehrzahl der Indianer. Die übrigen waren am Lagerplatze zurückgeblieben, da die Pferde natürlich nicht allein gelassen werden durften.

»Wahrhaftig ein Grizzly!« rief Old Shatterhand beim Anblicke des erlegten Tieres. »Und zwar einer von den größten Dimensionen. Und Ihr lebt, Master Martin! Welch ein großes Glück!«

Er trat zum Bären und untersuchte die Wunde.

»Grad ins Herz getroffen, und zwar aus ganz geringer Entfernung! Das ist ein famoses Jägerstück. Ich brauche natürlich gar nicht zu fragen, wer das Tier erlegt hat.«

Da trat Bob vor und sagte unter einem stolzen, selbstbewußten Grinsen:

»Masser Bob haben besiegt den Bären. Masser Bob sein der Mann, welcher schuld ist, daß Bär haben geben müssen sein Leben.«

»Ihr, Bob? Nun, das klingt gar nicht sehr wahrscheinlich.«

»Oh! es sein wahr, sehr wahr! Masser Bob haben sich hinsetzen vor Bären seiner Nase, damit Bär sehen nur ihn, nicht aber Massa Martin, welcher müssen schießen. Masser Bob haben riskieren sein Leben, damit Massa Martin kann thun einen sichern Schuß.«

Old Shatterhand lächelte. Seinem scharfen, geübten Auge konnte nichts entgehen. Sein Blick fiel auf die grünen Birkenblätter, welche am Boden lagen. Bob hatte sie beim Klettern von den Zweigen gestreift. Einige dieser Zweige waren von ihm geknickt worden und hingen noch an den Aesten.

»Ja, Masser Bob scheint sehr tapfer gewesen zu sein,« sagte Shatterhand. »Als er den Bären erblickte, kletterte er vor Angst hier auf die Birke, ohne zu bedenken, daß sie zu schwach sei, ihn zu tragen. Sie bog sich nieder, und er fiel herab, da grad vor die Bestie hin. Er wäre sicherlich verloren gewesen, wenn sein junger Herr die Schüsse nicht rechtzeitig abgegeben hätte. Ist es nicht so, Master Baumann?«

Martin mußte bejahend antworten, obgleich es ihm eigentlich leid that, damit einen Tadel gegen den sonst so braven Neger aussprechen zu müssen. Dieser aber suchte sich zu rechtfertigen:

»Ja, Masser Bob sein klettern auf Birkenbaum, damit Bär ihm nachklettern und nichts thun dem guten Massa Martin. Masser Bob haben wollen sich opfern für seinen, jungen Herrn.«

Er mußte aber leider sehen und hören, daß dieser Versicherung kein Glauben geschenkt wurde.

Natürlich wollten alle wissen, wie es bei diesem gefährlichen Jagdabenteuer zugegangen sei, und Martin erzählte den Hergang der Sache. Er that dies in einfachen, schlichten Worten, ohne alle Ausschmückung, aber dennoch erkannten die Zuhörer, welch eine Kaltblütigkeit und welchen Mut er dabei entwickelt habe. Es wurde ihm dafür die allgemeinste Anerkennung zu teil.

»Mein lieber, junger Freund«, sagte Old Shatterhand, »ich will Euch gern gestehen, daß selbst der erfahrenste Jäger sich nicht besser hätte benehmen können als Ihr. Wenn Ihr so fortmacht, so gibt das einmal einen Mann, welcher viel von sich reden machen wird.«

Und auch der sonst so schweigsame Winnetou sagte freundlich:

»Mein kleiner, weißer Bruder hat die Entschlossenheit eines alten Kriegers. Er ist ein würdiger Sohn des berühmten Bärentöters. Der Häuptling der Apachen gibt ihm seine Hand.«

Als nun Martin seine Hand in diejenige Winnetous legte, fühlte er eine Regung stolzen Selbstbewußtseins. Die Anerkennung dieser beiden berühmten Männer war ihm eben so viel und noch mehr wert, als wenn er von irgend einem Herrscher einen Orden bekommen hätte.

Der kleine Sachse gab dem dicken Jemmy einen gelinden Rippenstoß und fragte:

»Ist das nich eene famose Heldenthat, he?«

»Gewiß! Ich habe alle Achtung vor dem kleinen Kerl.«

»Und glooben Sie nun, daß er ooch schon andern Bären den Garaus gemacht hat?«

»Sehr gern.«

»Ja, er ist meerschtenteels een sehre braver Bursche. Wer weeß, wie Sie sich an seiner Schtelle benommen hätten. Ich möchte beinahe behaupten, Sie hätten sich vom Bären so ziemlich schtille offfressen lassen.«

»Na, ganz so still hätte ich mich dabei wohl nicht verhalten. Ich habe hier meine alte Büchse nicht zu dem Zwecke, Sperlinge zu schießen, mitgenommen.«

»So! Es fragt sich aber gerade, ob Sie mit dem Schießprügel eenen Schperling treffen thäten. Een Bär ist da schon leichter offs Korn zu nehmen. Haben Sie denn schon mal eenen erschossen?«

»Nicht nur einen.«

»Hören Sie, flunkern Sie mir nur nich etwas vor! Sagen kann mersch leichte.«

»Pah! Ich habe sogar einmal mit einem Bären geschlafen, eine ganze Nacht hindurch, und erst am Morgen gemerkt, was für einen Schlafgesellen ich in meiner Nähe hatte.«

»Das ist ja die allerreenste Unmöglichkeet! So was muß man doch gewahr werden! Hat das Viehzeug denn nich geschnarcht?«

»Nein, geschnauft und geröchelt, aber nicht regelrecht geschnarcht.«

»Hm! Das müssen Sie mir mal erzählen.«

»Heut abend, wenn wir Lager machen. Jetzt ist keine Zeit dazu.«

Den Schoschonen war der Bär eine sehr willkommene Beute. Sein Fleisch gilt als wohlschmeckend; die Schinken sind noch besser, und die Tatzen gelten sogar als Leckerbissen. Nur Herz und Leber werfen die Indianer, welche beides für giftig halten, weg. Ganz besonders willkommen [282] ist ihnen das Bärenfett, aus welchem sie sich eine ölige Flüssigkeit bereiten. Dieses Bärenöl gebrauchen sie zum Anreiben der verschiedenen Farben, mit denen sie sich bemalen, zum Beispiel der Kriegsfarben oder des Ockers, welchen sich die Sioux zum Färben ihrer Haarscheitellinie bedienen. Auch reiben sie sich mit diesem Oele die Haut ein, um sich gegen den Stich und Biß der Moskitos und anderer Insekten zu schützen.

Auf eine fragende Handbewegung des Häuptlings der Schoschonen hatte Martin geantwortet:

»Meine Brüder mögen das Fleisch des Bären nehmen; das Fell aber behalte ich selbst.«

Zwei Minuten später war das Tier aus dem Fell geschält, und das Fleisch wurde geteilt. Während die Mehrzahl der Schoschonen das Wildbret mit ihren haarscharfen Skalpmessern in dünne, breite Streifen schnitten, machten sich die anderen an die vorläufige Zubereitung des Felles. Es wurden alle noch anhaftenden Fleischreste sorgfältig von demselben entfernt, und dann spaltete man mit einem Tomahawk den Schädel des Bären, um zu dem Gehirn zu gelangen, mit welchem die Innenseite der Haut eingerieben wurde.

Dies ging alles so schnell, daß die Arbeit nach kaum einer Viertelstunde beendet war, und die Krieger nach dem Lagerplatze zurückkehren konnten. Das Fell wurde auf eines der Reservepferde, welche die Schoschonen bei sich hatten, gelegt, und das Fleisch wurde in die Koch- und Bratöfen gesteckt.

Oefen? Konnten die Indianer Oefen bei sich haben? Freilich wohl, wenn die ihrigen auch nicht gerade aus Marmor, Porzellan oder Eisen konstruiert waren. Es legte sich nämlich ein jeder sein Fleischstück unter den Sattel; es wurde dann durch das Reiten so weich und gar, daß es dann am Abende mit dem größten Appetit verspeist werden konnte. Einem europäischen Feinschmecker würde freilich eine solche Zubereitungsart nicht sehr appetitlich erscheinen.

Die Mittagsruhe war durch das Jagdabenteuer unterbrochen worden und sollte nicht von neuem begonnen werden. Man brach auf.

Der Weg führte tiefer in das Thal hinein, schlängelte sich zwischen einigen Bergen hindurch und mündete dann in dieselbe breite Niederung, welcher die Truppe vorher gefolgt war. Es zeigte sich, daß man dadurch, daß man dem Wegweiser der Sioux gefolgt war, eine bedeutende Krümmung abgeschnitten hatte. Die Sioux mußten also den Weg, welchen sie eingeschlagen hatten, ganz genau kennen. Sie hatten von Zeit zu Zeit, besonders wenn die Richtung zu verändern gewesen war, ähnliche Wahrzeichen wie das erste zurückgelassen. Jedenfalls waren sie noch lange der Ansicht gewesen, daß Wohkadeh zu ihnen zurückkehren werde.

Im Laufe des Nachmittages gelangte der Reiterzug an ein elliptisch geformtes Thal, welches einen Durchmesser von mehreren Meilen hatte und ringsum von steilen Felswänden umgeben war. In der Mitte dieses Thales erhob sich ein einzelner, kegelförmiger Berg, dessen kahle Seiten weiß im Sonnenlichte glänzten. Auf seinem Gipfel war ein niedriges, breites Steingebilde zu erkennen, welches ziemlich genau die Gestalt einer Schildkröte besaß.

Für den Geologen unterlag es keinem Zweifel, daß es hier einmal einen See gegeben hatte, dessen Ufer von den ringsumliegenden Höhen gebildet worden waren. Die Spitze des Berges, welcher sich jetzt inmitten des Thales erhob, hatte als Insel aus den Fluten geragt.

Es ist durch systematische Beobachtungen als gewiß erwiesen worden, daß eine große Anzahl von Süßwasserseen die Landstrecken von Nordamerika bedeckt hat. Das ist in der Tertiärperiode gewesen. Diese großen Wasseransammlungen haben sich verlaufen, und die einstigen Seen sind zu Thälern geworden, welche den damals lebenden Geschöpfen als Grabstätten dienen. Der Naturforscher, besonders der Paläontolog, kann sich dort mit ungeahnten Schätzen an Fossilien bereichern.

Man findet da die Zähne und Kinnladen des Hippopotamus, welches dem Flußpferde ähnlich gestaltet war, Reste des ungehörnten Rhinozeros und Schildkröten zu Tausenden. Es gibt da die Knochengerüste des wiederkäuenden Schweines, des Hyanodon und sogar einer gewaltigen Tigerart, welche mit säbelförmigen Zähnen bewaffnet war. Heute sagt man allgemein, daß das Pferd in Amerika eingeführt worden sei; aber Nachgrabungen beweisen, daß in der Tertiärzeit mehrere Kamel- und verschiedene Pferdearten in Nordamerika gelebt haben. Eine dieser Pferdespecies hat nur die Größe eines Neufundländers gehabt. Gegenwärtig gibt es auf dem ganzen Erdballe nur etwa zehn Pferdearten, während allein in Nordamerika gegen dreißig fossile Pferdegattungen nachgewiesen worden sind. In jener Urzeit weideten Elefanten an den Ufern der nordamerikanischen Seen, und Schweine wälzten sich im Schlamme, einige Arten nur katzengroß, andere dagegen von der Größe eines Hippopotamus. Auf den jetzt baumlosen Ebenen von Wyoming spendeten Palmen, deren Blätter eine Länge von vier Metern hatten, ihren Schatten. Elefantengroße Geschöpfe wohnten unter diesen Palmen. Die eine Art hatte Hörner zu beiden Seiten der Nase, die andere seitwärts der Augen, eine dritte nur ein einziges Horn oberhalb der Nase.

Wenn der Indianer zufällig auf solche urweltliche Reste stößt, so wendet er sich still und ehrfurchtsvoll ab. Er kann sich das Dasein derselben nicht erklären, und da alles Geheimnisvolle ihm »große Medizin« ist, so sind ihm diese Reste heilig, und nur zuweilen versuchte er es an der Hand einer Sage, sich das Vorhandensein derselben begreiflich zu machen.

Das Thal also, an dessen Rande jetzt die Reiter hielten, war in jener Zeit auch ein See gewesen. Die Sioux Ogallala hatten ein Zeichen zurückgelassen, durch welches Wohkadeh benachrichtigt werden sollte, daß sie quer durch dasselbe geritten seien; aber Old Shatterhand, welcher jetzt an der Spitze ritt, folgte dieser Weisung nicht, sondern er lenkte sein Pferd nach links, um längs des Fußes der Berge hinzureiten.

»Hier steckt der Zweig,« sagte Tokvi-tey, indem er nach dem Baume deutete, in dessen Stamm ein fremder Zweig angebracht war. »Das ist das Zeichen der Ogallala. Warum will mein Bruder demselbigen nicht folgen?«

Old Shatterhand hielt sein Pferd an und antwortete:

»Weil ich einen viel besseren Weg weiß. Von jetzt an kenne ich die Gegend sehr genau. Hier dieser Berg ist ›Pejaw-epoleh‹, der Berg der Schildkröte. An ihm bin ich bereits dreimal vorüber gekommen, nur nicht von dieser Seite her.«

»Hat es mit diesem Berge vielleicht eine besondere Bewandtnis?« fragte Jemmy, der Dicke.

»Eigentlich nicht; aber in der Sage der Krähenindianer spielt er eine Rolle; er ist der Berg Ararat dieser Indianer. Auch die Angehörigen der roten Rasse haben das Gedächtnis einer großen Wasserflut, einer Sintflut, aufbewahrt. Die Krähenindianer erzählen, daß, als alle Menschen ertranken, nur ein einziges Paar übrig blieb. Der große Geist rettete es, indem er ihm eine riesige Schildkröte sandte. Die beiden fanden mit all ihrer Habe auf dem Rücken des Tieres Platz und wohnten da, bis die Flut sich zu senken begann. Der Berg, welchen wir hier sehen, ist höher als die anderen rundum; darum ragte er zuerst als Insel aus der Flut. Die Schildkröte kroch auf dieses Eiland, und das Menschenpaar stieg da von ihrem Rücken herab. Die Seele des Tieres kehrte zum großen Geiste zurück; der Körper aber blieb da oben und versteinerte, um als Andenken an das Elternpaar der jetzigen roten Männer zu dienen. Das erzählte mir Schunka-schetscha, der große Hund, ein Krieger der Krähenindianer, mit welchem ich vor mehreren Jahren dort am Berge der Schildkröte lagerte.«

»So wollt Ihr also nicht den Weg einschlagen, welchen die Sioux Ogallala geritten sind?«

»Nein. Ich kenne einen näheren, welcher uns in beträchtlich kürzerer Zeit zum Ziele führt. Die Ogallala wollen nach dem Grabe ihrer toten Krieger. Da uns ihr Ziel bekannt ist, so brauchen wir doch nicht die kostbare Zeit zu verlieren, indem wir ihrer Fährte folgen. Es sind der Zugänge zur Yellowstoneregion nicht sehr viele. Die Ogallala scheinen den kürzesten gar nicht zu kennen. Nach der Richtung, welche sie eingeschlagen haben, ist zu vermuten, daß sie sich nach dem großen Cannon wenden, von da über den Yellowstone gehen, um über den Brückenfluß nach den Feuerlochbergen zu kommen.«

[283] »Da müssen sie ja über die Rocky Mountains hinüber!«

»Allerdings. Nämlich das Grab, an welchem Master Baumann mit seinen Begleitern geopfert werden soll, liegt keineswegs am Yellowstoneriver, sondern am Feuerlochflusse. Um diesen zu erreichen, reiten die Sioux Ogallala einen sehr großen Bogen, einen Halbkreis von wenigstens sechzig Kilometern Halbmesser, und das Terrain, durch welches sie kommen, bietet ihnen so viele und große Schwierigkeiten, daß sie keine ansehnlichen täglichen Strecken zurücklegen können. Der Weg aber, welchen ich einschlage, läuft in fast schnurgerader Linie fort, führt uns nach dem Pelikanflusse und zwischen diesem, nachdem wir ihn überschritten haben, und den Schwefelhügeln nach der Stelle, an welcher der Yellowstonefluß aus dem gleichnamigen See tritt. Von da suchen wir den Brückenfluß auf, in dessen Nähe wir wohl die Spuren der Sioux finden, und reiten dann nach dem oberen Geiserbassin, welches am Feuerlochflusse liegt. Dieser Weg ist zwar auch beschwerlich, bietet uns aber bei weitem nicht die Schwierigkeiten, welche die Feinde zu überwinden haben, und so ist es vielleicht sogar möglich, daß wir noch eher als sie am Ziele ankommen. Dieses letztere wäre für uns außerordentlich vorteilhaft.«

»Wenn das so ist, so wäre es allerdings eine ganz unverantwortliche Dummheit, hinter den Ogallala zu reiten. Es sollte mir ein Gaudium sein, wenn wir eher ankämen als sie. Es ist mir bereits jetzt eine Wonne, an die Gesichter zu denken, welche sie machen würden. Also vorwärts, Sir! Macht Ihr von jetzt an unseren Führer!«

Die beiden hatten sich der englischen Sprache bedient. Als Old Shatterhand nun den Schoschonen in der ihrigen sein Vorhaben erklärte, zeigten auch sie sich mit seiner Absicht vollständig einverstanden und folgten ihm gern in der Richtung, über welche ihr Häuptling sich vorhin so befremdet gezeigt hatte.

Ein längst vertrocknetes kleines Flüßchen hatte vor Zeiten sich von Westen her in das alte Seebassin ergossen und dabei tief in das Ufer eingeschnitten. Sein Bette war sehr schmal und die Mündung so mit dichter Vegetation maskiert, daß ein sehr scharfer Blick dazu gehörte, sie zu entdecken. Old Shatterhand lenkte dahinein sein Pferd. Nachdem die Gestrüppwand durchbrochen war, bot der Pflanzenwuchs keine bedeutenden Schwierigkeiten mehr. Man konnte, ohne große Hindernisse zu finden, dem einstigen Wasserlauf entgegenreiten, bis der enge Einschnitt in sogenanntes Undulating-Land mündete. Dieses bestand aus kleinen Prairien, welche durch waldige Hügel voneinander getrennt waren, und da diese Hügel meist eine westöstliche Richtung hatten, so lagen sie der Truppe ganz bequem.

Gegen Abend erreichte dieselbe einen Wasserlauf, welcher zum Gebiete des Bighornflusses zu gehören schien. Ihm entgegenreitend, gelangte man an eine Stelle, welche sich so vortrefflich zum Lagerplatze eignete, daß man hier zu halten beschloß, obgleich die Dunkelheit noch nicht hereingebrochen war.

Der Bach erweiterte sich hier zu einem kleinen, aber nicht tiefen Teiche, an dessen Ufern ein prächtiges Gras zu finden war. In dem klaren, bis auf den Grund durchsichtigen Wasser sah man zahlreiche Forellen stehen, welche Hoffnung auf ein delikates Nachtmahl gaben. Auf der einen Seite stieg das Ufer steil empor; auf der anderen war es eben und von einem sehr dichten Baumwuchse eingefaßt. Zahlreiche am Boden liegende Aeste ließen vermuten, daß es im letzten Winter einen ziemlich bedeutenden Schneebruch hier gegeben habe. Dieses Astwerk bildete eine Art Verhau um den Platz, dessen Sicherheit dadurch vergrößert wurde, und da das Holz vollständig dürr war, so brauchte man um genügendes Material zu einem Lagerfeuer keine Sorge zu haben.

»Forellengreifen!« rief der dicke Jemmy, indem er erfreut von seinem Gaule sprang. »Das soll heut ein wahrer Hochzeitsschmaus werden!«

Er wär' am liebsten sofort in das Wasser gesprungen, aber Old Shatterhand hielt Einspruch.

»Nicht so eilig!« sagte er. »Ein jedes Ding will zur richtigen Zeit und auf die rechte Art und Weise vorgenommen werden. Vor allen Dingen müssen wir dafür sorgen, daß uns die Fische nicht entfliehen können. Holt Holz herbei! Wir müssen zwei Gitter einschlagen.«

Nachdem die Pferde versorgt waren, wurden dünne Aeste zugespitzt und zunächst unten am Ausflusse des Teiches eng nebeneinander in den weichen Boden des Baches geschlagen, so daß kein Fisch hindurch zu schlüpfen vermochte. Sodann wurde ein ähnliches Gitter auch oberhalb des Teiches hergestellt, aber nicht am Einflusse des Wassers, sondern noch weiter hinauf, so daß das Gitter vielleicht zwanzig Schritte vom oberen Ende des Teiches entfernt war. Nun war auch hier ein Entkommen der Fische unmöglich.

Der dicke Jemmy begann, seine großen Aufschlagestiefeln auszuziehen. Den Gürtel hatte er bereits abgeschnallt und nebst der Büchse an das Ufer gelegt.

»Du, Kleiner,« sagte der lange Davy zu ihm, »ich glaube gar, du willst in das Wasser!«

»Natürlich! Das gibt einen Hauptspaß.«

»Das überlaß doch lieber Leuten, welche länger sind als du. Einer, der kaum über einen Stuhl hinweg zu gucken vermag, kann leicht ein wenig unter das Wasser geraten.«

»Würde auch nichts schaden. Ich kann ja schwimmen. Ueberdies ist der Teich ja gar nicht tief.«

Er trat ganz nahe zum Wasser heran, um sich genau von der Tiefe desselben zu überzeugen.

»Höchstens anderthalbe Elle,« sagte er.

»Das täuscht. Wenn man auf den Grund blicken kann, so scheint er höher zu liegen, als es in Wirklichkeit der Fall ist.«

[297] »Pah! Komm her und guck hinein! Man sieht ein jedes Steinchen unten und da – – alle Wetter, brrr, puh, puh!«

Er hatte sich zu weit vornüber gebeugt und das Gleichgewicht verloren; mit dem Kopfe voran war er in den Teich gestürzt. Es war gerade hier die tiefste Stelle. Der kleine, dicke Jäger ging unter, kam aber sofort wieder zum Vorschein. Er war ein vorzüglicher Schwimmer und brauchte sich aus dem Bade nichts zu machen; leider aber hatte er den Pelz noch an, und der war natürlich mit ihm unter Wasser gegangen. Sein breitkrämpiger Hut schwamm wie das Blatt einer Victoria regia auf der kühlen Flut.

»Heigh-day!« lachte der lange Davy. »Gentlemen, schaut euch mal die Forelle an, welche da zu fangen ist! Dieser dicke Fisch gibt, wenn wir ihn fangen, viele Portionen.«

Der kleine Sachse hatte in der Nähe gestanden. Auf wissenschaftlichem Gebiete pflegte er sich gern an Jemmy zu reiben; aber er hatte ihn doch lieb, da der Dicke ja ein Deutscher war.

»Herrjerum!« rief er erschreckt aus, indem er herbeigesprungen kam. »Was haben Sie denn nur gemacht, Herr Pfefferkorn? Warum sind Sie denn da in den Teich gesprungen? Sind Sie etwa sogar ooch naß geworden?«

»Durch und durch,« antwortete Jemmy lachend.

Er befand sich in keiner Gefahr, denn das Wasser reichte ihm nur bis unter die Arme.

»Durch und durch! Das kann die allerschönste Erkältung geben. Und noch dazu im Pelze! Schteigen Sie nur gleich raus! Den Hut will ich versorgen. Ich fisch' ihn da mit dem Aste raus.«

Er ergriff einen langen Ast und angelte mit demselben nach der Kopfbedeckung. [298] Der Ast war ein wenig zu kurz; darum beugte sich der gelehrte »Forstbeamte« möglichst weit vor.

»Nehmen Sie sich in acht!« warnte Jemmy, indem er aus dem Wasser stieg. »Ich kann ihn mir ja selber holen; ich bin nun einmal naß.«

»Reden Sie doch nich!« antwortete Frank. »Wenn Sie meenen, daß ich so dumm bin grad wie Sie, da können Sie mir dauern. So een respektabler Mann wie unsereener weeß sich schon in acht zu nehmen. Ich fall' nich ins Wasser. Und wenn der verflixte Hut ooch weiter nüber schwimmt, da dehn' ich mich noch een bissel mehr aus und – – – o Herr Jemerschneh, da sitz ich wirklich ooch schon in der Patsche! Nee, so was lebt doch nich!«

Er war ins Wasser gefallen. Das sah so possierlich aus, daß alle Weißen lachten; die Indianer aber blieben äußerlich ernst, obgleich sie sich innerlich ganz sicher über die heitere Szene amüsierten.

»Nun, wer ist nicht so dumm wie ich?« fragt Jemmy, dem die Lachthränen in den Augen standen.

Frank stand im Wasser und machte ein sehr zorniges Gesicht.

»Was gibts denn da zu lachen!« rief er. »Ich schtehe hier als das Opfer meiner Gefälligkeet und samaritanischen Nächstenliebe und werde zum Dank für meine Barmherzigkeet ooch noch ausgelacht. Das werde ich mir fürs nächstemal gut merken. Verschtehen Sie mich?«

»Ich lache ja nicht, sondern ich weine! Sehen Sie das nicht? Wenn so ein respektabler Mann wie Sie die Balance verliert, so – – –«

»Schweigen Sie! Foppen laß ich mich nich! Es möchte alles noch sein; aber daß ich sogar den Frack derbei anhabe, das geht mir doch zu nahe. Und dort schwimmt nun mein Amazonenhut ganz brüderlich neben dem Ihrigen. Kastor und Phylax, wie's in der Mythologie und ooch in der Schternenkunde heeßt. Es ist gradezu – – –«

»Kastor und Pollux heißt es!« fiel Jemmy ein.

»Sein Sie doch ganz schtille! Pollux! Ich habe als Forschtbeamter so viel mit Jagdhunden zu thun gehabt, daß ich ganz genau weeß, ob es Pollux oder Phylax heeßt. Solche Verbesserungen verbitte ich mir. Die sind bei mir schlecht angebracht. Dennoch will ich das edle Brüderpaar herausfischen. Eegentlich sollt' ich den Ihrigen drin lassen. Verdient haben Sie es nich an mir, daß ich mich Ihres Hutes wegen nun noch viel nasser mach'.«

Er stieg den beiden Hüten nach und brachte sie heraus.

»So,« sagte er. »Da sind sie gerettet, ohne daß ich off eene Medallge Anspruch mache. Jetzt wollen wir Ihren Pelz ausringen und nachher meinen Frack. Die beeden werden bitterliche Thränen weinen; es tropft schon jetzt.«

Die zwei Verunglückten hatten jetzt so viel mit ihren durchnäßten Anzügen zu thun, daß sie sich zu ihrem Leidwesen nicht an dem nun beginnenden Fischfange beteiligen konnten.

Dieser ging sehr schnell von statten. Eine genügende Anzahl der Schoschonen stiegen am untern Ende des Teiches in das Wasser, bildeten quer über demselben eine eng geschlossene Reihe und trieben, indem sie langsam vorwärts rückten, die Fische aufwärts und aus dem Teiche in den Oberlauf des Baches hinein. An den beiden Ufern des letzteren hatten sich andere Rothäute platt auf den Boden gelegt, mit den Köpfen nach dem Wasser zu, in welches sie mit beiden Armen langen konnten. Den in die Enge getriebenen Forellen war es unmöglich, durch das obere Gitter zu gelangen, und der Rückweg war ihnen auch verlegt. Die Indianer schöpften nun die zusammengedrängten Tiere förmlich heraus und warfen sie über ihre Köpfe weg auf das trockene Land. In Zeit von wenigen Minuten war der Fischfang beendet und bot einen so reichlichen Ertrag, daß ein jeder sich vollauf zu sättigen vermochte.

Nun wurden flache Gruben hergestellt und mit Steinen ausgelegt. Die ausgenommenen Fische kamen auf diese Steine zu liegen und wurden mit einer anderen Steinschicht bedeckt, auf welcher man die Feuer anfachte. Als dann nach einiger Zeit die Asche entfernt wurde, waren die Forellen zwischen den heißen Steinen in ihrer eigenen Feuchtigkeit so weich gedämpft, daß das Fleisch beim Anrühren von den Gräten fiel.

So delikat freilich wie in unseren Restaurationen oder vom Tische eines unserer Feinschmecker weg waren die Fische freilich nicht. Es fehlte die Butter und – – – das Salz. Der Indianer genießt fast nie oder doch nur selten Salz. Der Westmann muß leider auf dasselbe auch verzichten. Er kann sich unmöglich mit einem für seine monatelangen Irrfahrten genügenden Vorrate versehen, und das wenige, welches er vielleicht mitnimmt, ist sehr bald in der angesogenen Feuchtigkeit zerflossen.

Nach dem Essen wurden die Pferde noch enger zusammengetrieben und dann die Wachen ausgestellt. Die Schoschonen hielten diese Maßregel für überflüssig, da die Gegend eine so abgelegene war, daß an das Vorhandensein eines feindlichen menschlichen Wesens kaum gedacht werden konnte. Aber Winnetou und Old Shatterhand waren der wohl begründeten Ansicht, daß man zu keiner Zeit und an keinem Orte die notwendige Vorsicht außer acht setzen dürfe, und so wurden zunächst vier Schoschonen, welche später abgelöst werden sollten, nach vier Seiten hinaus in das Finstere geschickt, um das Lager zu bewachen.

Die Posten durften sich natürlich nicht in der Nähe des Feuers aufhalten, damit sie von einem etwa anschleichenden Feinde nicht gesehen werden konnten.

Es brannten, wie bereits erwähnt, mehrere Feuer, und um dieselben gruppierten sich nun die Männer nach Belieben. Natürlich fanden sich die Weißen zusammen. Old Shatterhand, der dicke Jemmy und der kleine Frank waren Deutsche; der lange Davy hatte von seinem dicken Spezial so viel deutsch gelernt, daß er es verstehen, wenn auch nicht sprechen konnte, und da der Vater Martin Baumanns auch aus Deutschland stammte, so war der junge Mann der deutschen Sprache so mächtig, daß man sich derselben beim jetzigen Lagergespräche bedienen konnte.

Eine solche Unterhaltung am Feuer, im Urwalde oder in der Prairie hat ihre ganz eigentümlichen Reize. Da werden die Erlebnisse der Anwesenden erzählt und die Thaten berühmter Jäger berichtet. Wie groß auch die Mühseligkeiten und Beschwerden des Westens sind, man glaubt gar nicht, wie schnell die Kunde von einer mutigen That, einer berühmten Person, einem hervorragenden Ereignisse von Lagerfeuer zu Lagerfeuer fliegt. Haben die Schwarzfüße oben am Mariasflusse das Kriegsbeil ausgegraben, so sprechen die Comanchen am Rio Conchas bereits in vierzehn Tagen davon, und wenn unter den Wallawalahindianern im Washingtonterritorium ein großer Medizinmann auftritt, so wissen die Dakotas des Coteau du Missouri bereits in kurzer Zeit von ihm zu erzählen.

Wie zu erwarten stand, kam die Rede zunächst auf die heutige Heldenthat Martin Baumanns. Dadurch wurde der kleine Sachse an das Versprechen, welches der dicke Jemmy ihm gegeben hatte, erinnert.

»Wie war es denn eegentlich damals, als Sie mit dem Bären geschlafen haben?« fragte er. »Wie ist das denn gewest und wo hat sich's ereignet?«

»Meinen Sie etwa, daß ich in dem Bette eines Hotelzimmers mit ihm geschlafen habe?« lachte der Dicke.

»Fangen Sie schon wieder an, zu beginnen! Ich hab' Ihnen schon erklärt, daß ich nich der Mann bin, der sich von Ihnen ungeschtraft foppen läßt. Wenn Sie mich dafür, daß ich unter Einwässerung meines eenzigen Frackes Ihren Hut gerettet habe, für einen Narren halten wollen, so werde ich Ihnen meinen Sekundaner schicken!«

»Sekundant, wollen Sie sagen?«

»Fällt mir nich ein! Ich schpreche meine feine Umgangsschprache nach dem richtigen schtrategischen System, und Sie können Ihr Kauderwelsch ooch reden, wie es Ihnen beliebt. Die Hauptsache ist, daß Sie es ooch an den Mann bringen, der sich's mit übermenschlicher Geduld gefallen läßt. Uebrigens wird an Ihrer sogenannten Bärengeschichte vielleicht gar nich sehre viel sein. Vielleicht hat sich's gar nich in wahrhaftiger Wirklichkeet ereignet.«

»O doch! Ich kann es beeiden.«

»Nun, wo denn?«

»In einem Quellflusse des Platte-River.«

»Was? Etwa mitten im Flusse drin?«

»Ja.«

»Da haben Sie die ganze Nacht mit eenem Bären geschlafen?«

»Gewiß!«

»Na, das ist die allergrößte Lüge, die gemacht werden kann! Wenn sich das [299] faktisch begeben hätte, so wären Sie beede, nämlich Sie und der Bär, den Sie uns jetzt offbinden wollen, am frühen Morgen als ertrunkene Leichen ans Ufer geschwommen.«

»Ach so, Sie meinen, ich habe im Wasser geschlafen?«

»Natürlich!«

»Nein. So unvorsichtig bin ich freilich nicht. Ich hatte vielmehr mein Nachtquartier auf einer kleinen Insel aufgeschlagen.«

»Ach so! Off eener Insel! Das will ich mir eher gefallen lassen. Das gibt der Sache freilich eene etwas größere Wahrscheinlichkeet. Uebrigens ist im Plattefluß fast schtets nur wenig Wasser zu finden.«

»Außer im Frühjahre. Wenn nach einem warmen Regen der Schnee auf den Bergen taut, so kommt es vor, daß der Fluß, dessen Wasser einem kaum bis an die Kniee reichte, in Zeit einer Stunde die hohen Ufer füllt. Dann ist es höchst gefährlich, sich den tosenden, schmutziggelben Fluten anzuvertrauen. Der Strom gleicht dann einem wilden Tiere, welches plötzlich erwacht ist und nach Opfern brüllt.«

»Das läßt sich denken. Und dabei erinnert man sich sofort an die schönen Dichterworte:


›Gefährlich ist's, den Leim zu wecken;

Verderblich ist des Tigers Zahn.

Und bleibt man in dem Schlamme schtecken,

Hilft keene Gondel und keen Kahn.‹


Das war wohl damals ooch der Fall mit Ihnen und dem Bären?«

»Ja, nur daß es nicht Leim, sondern Leu heißen muß, mein bester Frank.«

»Kommen Sie mir nich schon wieder mit so eener grundlosen Ausschtellung. Sie befinden sich da im allergrößten Widerschpruch mit den Koriphäern der Dichtkunst und des musikalischen Generalbasses. Begeben Sie sich doch nicht off höhere Gebiete, in denen Sie unbekannt sind, und erzählen Sie lieber in schlichten und bescheidenen Worten die verschprochene Geschichte.«

Die anderen lachten; darum fuhr der kleine Gelehrte, zu Old Shatterhand gewendet, fort:

»So ist es recht! Lachen Sie den Kerl mal ordentlich aus! Wenn er sieht, daß er sich blamiert, wird er endlich mal offhören, den Dongki-Schottländer zu schpielen.«

»Don Quichote heißt es,« warf Jemmy ein.

Jetzt wurde Frank wirklich zornig. Er stand auf und sagte:

»Schon wieder! Das wird mir zu bunt. Eener, der sich in Moritzburg so wie ich mit der Leihbibliothek beschäftigt hat, den Band zu drei Pfennigen wöchentlich, der hat wohl ooch den Dongki-Schottländer gelesen, und wenn ich mir meine litterarische Bildung hier wieder und wieder verschimpfieren lassen soll, so schtehe ich eenfach off und setze mich zu die Indianersch. Die werden's besser zu würdigen wissen, wenn een Mann von meinen Qualitäten sich bei ihnen niederläßt. Ist meine Mühe, den dicken Jemmy zu belehren, eene so vergebliche, so wasche ich meine Hände in Unschuld und trage das mir anvertraute Pfund wo andersch hin. Der edle Schwan hat's gar nich nötig, daß er mit Gänsen und Enten schwimmt. Sein Schicklichkeetsgefühl schträubt sich gegen so eene socialdemokratische Gesellschaftsschtufe. Adjeh, meine Herren!«

Er wollte gehen, ließ sich aber durch das dringende Ersuchen Old Shatterhands bewegen, sich wieder niederzusetzen.

»Nun gut,« sagte er. »Ihnen zuliebe will ich meinen berechtigten Grimm im schtillen anonym verzehren. Sie haben als Landsmann een gesellschaftliches Recht off meine Person, und das will ich Ihnen doch nich verkümmern. Sie würden sonst vielleicht gar denken, daß ich eene schlechte elterliche Kindererziehung genossen habe. Uebrigens bin ich wirklich neugierig off die Bärengeschichte, und wenn der Dicke sie erzählt hat, so werde ooch ich in der Form von Friedrich Gerschtäcker berichten, in welcher Weise ich zum erschtenmal mit eenem Bären zusammengetroffen bin.«

»Was?« fragte Jemmy erfreut. »Auch Sie haben ein Bärenabenteuer erlebt?«

»Ooch ich? Wundert Sie das etwa? Ich sage Ihnen, daß ich wohl mehr erlebt und durchgemacht habe, als Ihr Verschtand begreifen kann. Aber jetzt fangen Sie nun endlich an! Also im Platte-River war es?«

»Nein, sondern im Medizin-Bow-Flusse, der sich in den Platte ergießt. Es war im April, und ich kam vom Nordpark herab, wo ich eine schlechte Jagd gemacht hatte. Ich war im März von Fort Larania aus hinaufgestiegen und kam nun jenseits herunter, um an dem genannten Quellflusse des Platte nach Bibern zu suchen. Es war nicht sehr kalt, und das wenige Wasser des Flusses trug kein Eis. Trotz mehrtägigen Suchens fand ich keine Spur von Dickschwänzen8, und mein Pferd hatte bei schmaler Kost mich und die schweren Fallen umsonst zu tragen. An dem betreffenden Tage hatte sich ein ziemlich lauer Wind erhoben, ein Umstand, welchen ich alter Dummkopf eigentlich hätte beachten sollen. Gegen Abend bemerkte ich mitten im Flußbette eine kleine Insel, welche freilich jetzt keine Insel, sondern eine trockene Erhöhung war, welche eine größere Höhe als die beiden Ufer besaß. Sie bestand aus einem Felsen, an dessen abwärtsgerichtete Seite sich eine lange, spitz zulaufende Sandbank angelegt hatte. Indem ich mir die Insel betrachtete, bemerkte ich auf derselben eine kleine, aus Steinen und Rasen errichtete Hütte, welche jedenfalls von Trappern, die sich hier längere Zeit aufgehalten hatten, errichtet worden war. Das gab einen guten Platz für die Nacht. Ich ritt also durch das hier kaum zwei Fuß hohe Wasser hinüber und machte dabei im Sande der Bank eine Bärenfährte aus, welcher ich am nächsten Morgen folgen wollte. Von dieser Seite war die Insel leicht zugänglich. Ich ritt hinauf, stieg ab, befreite das Pferd von den Fallen und dem Sattel und überließ es ihm, sich nun Futter zu suchen. Ich kannte das Tier genau und wußte, daß es sich nicht weit entfernen werde.«

[313] »Und in der Hütte? War jemand drin?« fragte Frank.

»Ja,« nickte Jemmy, verdächtig lächelnd.

»Wer, wer?«

»Als ich hineintrat, saß – denkt Euch mein Erstaunen – der Kaiser von China drin und aß Kürbisbrei mit marinierten Heringen!«

Alle lachten; aber der Hobble-Frank rief zornig:

»Gilt das etwa schon wieder mir?«

»Nein,« antwortete Jemmy ernsthaft.

»So lassen Sie Ihren Kaiser in Pöckling, wo er hingehört!«

»In Peking, wollen Sie sagen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich gestehen, daß die Hütte leer war, nämlich leer von Geräten und Menschen. Bei näherer Betrachtung aber stieß ich auf Zeichen, welche auf die Anwesenheit von Schlangen schließen ließen. Es gab da allerlei Löcher im Boden und in der Rasenwand. Zwar fürchte ich die Klapperschlange nicht besonders; sie ist bei weitem nicht so gefährlich, wie man meint und schreibt, denn sie flieht den Menschen, auch war es ja noch die Zeit des Winterschlafes; aber es war heute überhaupt nicht kalt, und die von meinem Feuer ausgehende Wärme konnte sehr leicht eins oder einige dieser Tiere aus den Löchern locken, und da eine solche Gesellschaft auf keinen Fall eine angenehme ist, so beschloß ich, außerhalb der Hütte zu bleiben. Es gab angetriebenes Holz genug für ein tüchtiges Feuer, und als ich gehörig nachgelegt hatte, wickelte ich mich in meine Decke und sagte zu mir: ›gute Nacht, Jemmy!‹«

»Ah, jetzt kommt's!« meinte Frank, indem er sich erwartungsvoll die Hände rieb.

»Ja, es wird bald kommen, nämlich das Wasser. Ich schlief nicht gleich ein. Der Wind war stärker geworden und blies verdächtig hohl; er trieb mir das Feuer auseinander; ich konnte nichts dagegen thun und gab mir also keine Mühe, es zu erhalten. Es war bald erloschen, und ich schlief endlich ein. Wie lange ich geschlafen hatte, wußte ich nicht, als ich von einem eigenartigen Geräusch geweckt wurde. Der Wind war zum Sturme geworden; er pfiff und stöhnte in allen Tonarten, und wenn er einmal eine Sekunde lang aussetzte, hörte ich ein dumpfes Rauschen, Brausen und Gurgeln, welches nicht in den Lüften war, sondern um meine Insel erklang. Ich erschrak, sprang auf und ging nach dem Rande meines Eilandes. Es war vollständig vom Wasser umgeben, aus welchem es kaum noch eine Elle hoch emporragte. Der Fluß war plötzlich gestiegen. Der Himmel war unbewölkt, und beim Scheine der Sterne sah ich die Fluten mit reißender Schnelligkeit vorüberschießen. Ich war von ihnen eingeschlossen.«

»Also der reene Campe!« sagte Frank.

»Campe?« fragte Jemmy erstaunt. »Wer ist das?«

»Das wissen Sie nich? Schämen Sie sich! Campe war ja derjenige Berühmte, welcher off eener Insel strandete und sich nachher alles selber erfinden mußte. Sodann kamen een paar Eingeborene dazu, die er Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag nannte. Haben Sie das schöne Buch denn nich gelesen?«

[314] »Ja, das habe ich freilich gelesen,« antwortete Jemmy unter allgemeiner Heiterkeit. »Jetzt weiß ich, was Sie meinen, nämlich den Robinson.«

»Robinson? hm, ja, der war ooch dabei.«

»Natürlich war er auch dabei, er, die Hauptperson!«

»Hauptperson? Hören Sie mal, da irren Sie sich wieder. Die Hauptperson war Campe.«

»Nun, ich will nicht streiten. Strenggenommen ist Campe ja auch eine Hauptperson bei diesem Romane, denn er hat ihn geschrieben.«

»Ja, und wenn er nich mit off der Insel gewest wäre, so hätte er ihn eben nich schreiben können.«

»Gut, aber von einem Montag, Dienstag und Mittwoch habe ich nichts gelesen.«

»Das liegt eben nur wieder an der epidemischen Flüchtigkeet, mit der Sie alles machen. Wie es mir scheint, haben Sie grad die besten Schtellen des Buches überblättert. Campe wird doch nich grad die drei allererschten Wochentage ausgelassen haben. So eene chronologische Zeitverschwendung ist dem braven Manne gar nich zuzutrauen. Bei so eenem dreifachen Wochentagsfehler hätte er gar keenen Verleger für das Buch gefunden. Aber fahren Sie nun fort. Wie haben Sie denn damals den Campe weitergeschpielt?«

»Mit Ergebenheit. Ich konnte meine Lage doch zunächst nicht ändern. Fürs erste hatte ich nichts zu befürchten, denn meine Insel war höher als die Ufer; überschwemmt konnte sie also nicht werden. Erst beim Anbruche des Morgens war es möglich, die Situation zu überblicken. Bis dahin mußte ich mich gedulden. Natürlich aber versetzte mich der Gedanke an mein Pferd in nicht geringe Sorge. War es vom Wasser überrascht worden, so lebte es nicht mehr, und dann war ich vielleicht verloren. Ihr alle wißt ja, was in einer solchen Lage der Verlust des Pferdes für den Westmann zu bedeuten hat. Ich fand in dem Gedanken an den Instinkt des Tieres einigermaßen Beruhigung und kehrte langsam zu meinem Lager zurück. Dabei war es mir, als hätte ich etwas wie eine Gestalt bemerkt, welche bei meinem Nahen im Inneren der Hütte verschwand. Ich beachtete es nicht und legte mich wieder nieder.«

»Jetzt endlich ist der Bär glücklich angekommen! Er wird wohl mehrschtenteels ooch vom Wasser überrascht worden sein. Wenn er nur Ruhe hält! Am besten ist's, er bleibt schtille in der Hütte liegen; denn wenn er off die Idee kommen sollte, eene Promenade zu machen, so kann's sehre leicht eene ekliche Schlacht bei Leipzig für Sie werden.«

»Glücklicherweise hat er Ruhe gehalten. Schlafen konnte ich natürlich nun nicht mehr. Ich lag still und glaubte, in den Pausen, während welchen der Wind Atem holte, ein schnaufendes Röcheln zu hören. Kam es aus der Hütte? Hatte ich vorhin recht gesehen? Was für ein Tier war es? Ich hielt es für das beste, mich möglichst weit zu entfernen, nahm die Büchse in die eine und die Decke in die andere Hand und kroch leise nach dem entgegengesetzten Ende der Insel, wo ich mich so niederlegte, daß ich die Hütte im Auge hatte. Ihr könnt euch denken, daß die Zeit bis zum Tagesanbruch mir wie eine Ewigkeit erschien. Endlich aber wurde es im Osten licht und lichter. Ich konnte erst die Insel, dann die Wasserfläche des Stromes und nachher die Ufer deutlich überblicken. Da bemerkte ich denn Zweierlei, etwas sehr Angenehmes, nämlich mein Pferd weidete drüben am Ufer, von welchem ich herübergekommen war, und etwas weniger Erfreuliches – in der Hütte lag ein Bär, mit dem Hinterkörper am Eingange, mit dem Kopfe nach innen, so daß er mich nicht sehen konnte. Wie gut, daß ich, als er aus dem Wasser auf die Insel gestiegen war, mich am entfernten Inselstrande befunden hatte! Hätte er mich an der Lagerstelle überrascht, so säß' ich jetzt wohl nicht hier, um unserem Hobble-Frank dieses Abenteuer zu erzählen.«

»Ja,« antwortete der Genannte, »höchstens schpukte Ihr abgeschiedener Geist als Geschpenst in der Savanne herum, zur Schtrafe dafür, daß das Gymnasium bei Ihnen nichts gefruchtet hat. Wie haben Sie sich denn nun gegen den Bären benommen?«

»Sehr artig. Ich habe erst nach meiner Büchse gesehen, ob die Ladung in Ordnung war, und mich ihm dann höflich vorgestellt. Ich ging leise bis nahe an die Hütte und rief ihn mit einem ›Huzza‹ an. Der Kerl hatte wirklich geschlafen. Er war wohl sehr ermüdet gewesen. Wer weiß, wie lange er, vom Strome fortgerissen, mit demselben gekämpft hatte. Als er meine Stimme hörte, drehte er sich nach mir um. Mich erblickend, richtete er sich im Inneren der Hütte auf und erhielt zwei Kugeln von mir. Es war keine Heldenthat, das Tier zu erlegen. Bob hätte das auch gekonnt.«

Der Neger saß nämlich auch mit bei der Gruppe. Er hatte bei seinem Herrn so oft deutsch sprechen gehört, daß, wenn er auch nicht die einzelnen Worte verstand, er doch dem Sinne derselben folgen konnte.

»Oh, oh,« sagte er, »Masser Bob sein ein sehr gut Westmann! Masser Bob sein tapfer. Er sich nicht fürchten vor Bär. Wenn Masser Bob wieder ein Vieh sehen, dann er es gleich fangen mit Händen!«

»Schön!« nickte Jemmy. »Also das erste Tier, welches du siehst, fängst du mit den Händen.«

»Yes, yes, Massa.«

»Auch wenn es ein Bär ist?«

»Grad dann erst recht, wenn es ein Bär sein. Masser Bob ihm drehen den Kopf auf den Rücken.«

Er streckte die langen Arme aus, spreizte die Finger auseinander, rollte die Augen und zeigte die Zähne, um es anschaulich zu machen, wie er sich auf das Tier stürzen werde. Es sah aus, als ob er es mit Haut und Haar verschlingen wolle.

»Vielleicht ist's dann ein wirkliches Opossum, was ihm wohl am allerliebsten sein würde,« bemerkte Old Shatterhand. »Nun aber sagen Sie, Master Jemmy, auf welche Weise Sie hinüber an das Ufer gelangt sind?«

»Auf die allereinfachste Weise: ich bin hinübergelaufen. Bekanntlich verlaufen sich dergleichen Schnellfluten fast ebenso rasch, wie sie gekommen sind. Das Wasser begann, da es kälter wurde, bereits am Nachmittage wieder zu sinken. Ich mußte zwar noch eine Nacht auf der Insel zubringen; aber am anderen Vormittage ging es mir nur noch bis an die Hüften. Ich watete durch und holte mein Pferd herüber, um es wieder mit den Fallen und nun auch mit den Tatzen und dem Felle des Bären zu beladen. Das war freilich eine Last, welche mich zwang, nebenher zu laufen. Das dauerte aber nicht lange, denn kurz vor dem Einflusse des Medizin-Bow-River in den Platte fand ich eine so zahlreiche Biberkolonie, daß ich zu längerem Aufenthalte genötigt war und eine ansehnliche Zahl Felle machte, welche ich bis auf weiteres cachierte9. Sodann konnte ich ledig weiterreiten. – Das war mein Abenteuer, und wenn es nun unserem Master Frank gefällig ist, kann er das seinige erzählen. Hoffentlich ist er ebenso glücklich davongekommen wie ich.«

»Das verschteht sich ganz von selber!« antwortete der Sachse. »Und zwar habe ich ganz alleene gesiegt, ohne alle Hilfe. Keen Mensch war derbei, nich mal wenigstens een Hund wie damals derjenige, der den Bären angegriffen hat, welcher unserem guten Martin seine arme Luddy verschlang. Eegentlich sollte man, wenn man sich in der Nähe eenes Bären befindet, schtets eenen Hund bei sich haben, der den ersten Anschtoß auszuhalten hat. Aber leider werden in Amerika keene solchen Bärenbeißer offgezogen. Ich hab' in Moritzburg eenen solchen Kerl gesehen, den sich der Förschter aus Siebenbürgen, wo es viele Bären gibt, hatte kommen lassen. Der Hund war selber beinahe so groß wie een Bär; aber weil's in Moritzburg leider keene Bären gibt, so war es natürlich unmöglich, ihn mal off eenen loszulassen. Ich hab' erfahren, daß diese Bärenbeißer off gar keen anderes Wild gehen; off Bären aber soll schon ihre Witterung eene gradezu erschtaunliche sein. Sogar off alten Fährten und nach Regenwetter sollen sie untrüglich sein.«

»Pah! das bezweifle ich!« sagte der lange Davy.

»Was? wollen Sie mich etwa zum Lügner schtempeln? Da können Sie mit mir sehr leicht in eenen Konflikt geraten, bei dem Ihnen die Haare zu Berge schtehen werden. Ich dulde so was eemal nich!«

»Auf einer alten, noch dazu vom Regen ausgewaschenen Spur! Hm!«

Davy schüttelte den Kopf. Sein dicker Freund warf ihm einen bezeichnenden Blick zu und sagte:

»Sei still, Davy; Du hast unrecht. Die siebenbürgischen Bärenbeißer haben [315] allerdings eine Nase, deren Leistungen ins Unglaubliche gehen. Ich habe, als ich noch Schüler war, so einen Hund kennen gelernt und könnte ein Beispiel erzählen, welches deinen Unglauben sofort kurieren würde.«

»Wirklich?« fragte Frank erfreut. »Es freut mich sehre, daß Sie mich in Ihren Schutz einschließen. Ich erkenne daran, daß Sie eegentlich und heemlich doch een guter Freund von mir sind. Darum soll Ihnen alles vergeben sein, wenn Sie mir den Gefallen thun, das Beischpiel sogleich zu erzählen.«

»Sehr gern, mein lieber Frank. Ich war bei einem Freunde, dessen Vater Rittergutsbesitzer war und ein bedeutendes Jagdrevier besaß, auf Besuch. Der Herr hatte einen siebenbürgischen Bärenbeißer geschenkt erhalten, konnte ihn aber nicht auf die Probe stellen, weil es keine Bären gab. Der Hund gewöhnte sich schnell an mich und begleitete mich auf allen meinen Spaziergängen. Eines schönen Tages schlenderte ich mit ihm durch das Dorf. Da blieb er vor der Thür eines Bauernhauses halten und gab Laut. Ich konnte mir die Sache nicht erklären; aber weil er nicht von der Thüre wegzubringen war, so öffnete ich dieselbe. Sofort sprang er mit einem weiten Satze nach der Stubenthür und gab wieder Laut. Ich machte auch diese auf – er hinein und ich hinterher. Wer glauben Sie wohl, lieber Frank, daß sich in der Stube befunden hat?«

»Natürlich een Bär.«

»Es gab ja keine dort!«

»So war's vielleicht eener, der eenem rumziehenden Bärenführer entschprungen ist.«

»Auch nicht.«

»Nun, wer war denn dann anwesend?«

»Nur die alte Großmutter, welche auf dem Kanapee saß und Strümpfe stopfte. Sie erschrak natürlich außerordentlich über den hereinstürzenden Hund und – – –«

»Alle Wetter! Er hat sie doch nich etwa gebissen? Oder hat er ooch Schtrümpfe mit schtopfen wollen?«

»Keins von beiden. Er achtete gar nicht auf die Frau, sondern sprang sofort auf den Tisch, welcher in einer Ecke der Stube stand.«

»Off den Tisch? So een großer Hund! Was hat er denn da gewollt?«

»Das fragte ich mich auch. Nachdem ich mich bei der Frau höflich entschuldigt hatte, trat ich zum Tische, und nun raten Sie, was der Hund da oben gesucht hatte?«

»Irgend een Viehzeug natürlich.«

»Ja und doch auch nein.«

»Was denn für eens?«

»Einen Bären.«

»Was der Kuckuck! Sie sagten doch vorhin das direkte grade Gegenteel von Ihrer jetzigen Behauptung!«

»Ich habe beide Male recht. Nämlich auf dem Tische lag ein altes Buch, welches der Hund mit der einen Pfote festhielt, während er mit der Zunge ein Blatt nach dem anderen umwendete oder vielmehr umleckte, bis er die betreffende Seite gefunden hatte. Dann fing er an zu knurren und zu heulen und biß immer vor sich hin, als ob er ein Raubtier unter sich habe. Es war ein Heidenskandal.«

»Aber ich begreife die Sache gar nich. Een Bärenbeißer off dem Tische, mit eenem Buche! Das ist mir die vollständigste terra in Cognaco.«

»Incognito heißt es!«

»Cognac heeßt's! Der gibt den besten Grog. Und wenn Sie dieses Getränk noch nich kennen, so haben Sie eben noch gar nich menschenwürdig gelebt. Also weiter! Was war's denn für een Buch?«

»Ich sah natürlich nach. Es war ein altes ABC-Buch aus der Zeit vor fünfzig, sechzig Jahren her, mit kleinen Bildern, unter welchen darauf bezügliche Verse zu lesen waren. Und ganz erstaunlicherweise hatte der Hund die Seite aufgeschlagen, auf welcher ein Bienenstock und ein Bär abgebildet waren. Darunter stand der schöne Reim:


›Gar grimmig ist der wilde Bär,

Wenn er vom Honigbaum kommt her.‹


Ich war natürlich ganz Verwunderung. Der Hund hatte draußen auf der Straße gerochen, daß hier auf dem Tische die Abbildung eines Raubwildes, auf welches er abgerichtet war, liege, und es für seine Pflicht gehalten, mich darauf aufmerksam zu machen. Natürlich erzählte ich das Vorkommnis, als ich auf das Gut zurückgekehrt war, und der Herr war nicht wenig stolz darauf, einen solchen Hund zu besitzen. Ihr erkennt also, Mesch'schurs, daß unser Hobble-Frank ganz recht gehabt hat, als er vorhin behauptete, daß die Bärenbeißer fast Unglaubliches leisten. Die Geschichte sprach sich natürlich schnell weiter. Sie wurde in verschiedenen Jagdzeitungen abgedruckt, und das betreffende ABC-Buch wurde von einem berühmten Kynologen für fünfzig Thaler gekauft und ging zu immer höherem Preise von Hand zu Hand, bis es schließlich für dreitausend Franken in den Besitz der Pariser Akademie der Künste und Wissenschaften überging. Und da unser Frank vermöge seiner hochgradigen Gelehrsamkeit ganz sicher baldigst ersucht werden wird, dieser Akademie als Mitglied beizutreten, so hat er denn die beste Gelegenheit, in dem berühmt gewordenen Büchlein nachzuschlagen, um sich den Bären zu betrachten, den ich mir damals von dem Hunde habe aufbinden lassen. Jetzt nun bin ich ihn glücklich wieder los geworden. Thank you, Master Frank! Ihr habt ihn mir abgenommen.«

Er machte dem kleinen Sachsen eine ironische Verbeugung. Die Anwesenden brachen in lautes Gelächter aus. Der einstige »Forschtbeamte« machte zunächst ein ganz verblüfftes Gesicht; dann aber, als er erkannte, daß Jemmy die Geschichte nur erfunden habe, um ihn zu foppen, brach er los:

»Was, ich soll Ihren Bären nun haben? Erlooben Sie es diesem dummen Gedanken ja nich etwa, sich in Ihr obschkures Begriffsvermögen festzusetzen! Ehe Sie im Schtande sind, mir nur eenen eenzigen Bären offzuhängen, hab' ich mir selber schon mehr als fuffzig offgebunden. In Beziehung off das aktiv-passi ve Anlügenlassen bin ich Ihnen weit über. Sie sind ja der reene Münchmeier, und wenn – – –«

»Münchhausen heißt es,« fiel Jemmy ein.

»Wollen Sie gleich off der Schtelle schtille sein, Sie dicker Loobfrosch, Sie! Een Münch, der andere bemeiert, kann eben nur Münchmeier heeßen. Wenn dieser Lügenkönig seit eeniger Zeit zuweilen Münchhausen genannt worden ist, so ist das die mißverschtandene Folge eener idealen Begriffsverwechslung im materialen Zusammenhange mit seinem Geburts- und Heimatsorte. Nämlich nach dem Impfscheine, welcher von ihm noch vorhanden ist, wurde er zur Zeit des schtarken Augusts im Schtädtchen Mühlhausen, Kreisdirektion Sonderschhausen, Regierungsbezirk Schaffhausen geboren, drei Orte, die mit ›hausen‹ endigen, weil dort die mehrschte Hausenblase verschifft wird. Bei so vielmal ›hausen‹ ist es gar keen Wunder, daß man diese Endung aus Versehen an das ›Münch‹ gehängt hat. Unsereener ist aber nich so leicht zu täuschen. Meine historisch weltgeschichtlichen Studien befähigen mich, solche Schpreu vom guten Weizen auszuscheiden, und darum habe ich ooch, noch ehe Sie Ihre Geschichte angefangen hatten, sofort mit meinem angenehmen Scharfblicke erkannt, daß es off eene großartige Lüge und Münchmeierei abgesehen war. Ich hab' Sie aber reden lassen, weil ich von jeher een eifriger Bewunderer des parlamentarischen Taktes gewest bin. Ich hab' mich großmütig in meine Ueberlegenheet gehüllt und von oben herunter bemerkt, wie Sie mich von unten herauf angelogen haben. Jetzt aber geb' ich meiner Langmut den allerletzten Gnadenschtoß und fordere Sie allen Ernstes off: Geben Sie in Zukunft dem Kaiser, was des Kaisers ist, und dem Frank, was dem Frank gehört, nämlich Anerkennung seiner Schtandeswürde und ergebene Berücksichtigung seiner Persönlichkeet. Nur off diese Weise ist een ferneres Zusammenbleiben zwischen uns beeden möglich, und ich verlange jetzt off der Schtelle von Ihnen vor diesen erwachsenen Zeugen die öffentliche und aktenmäßige Erklärung, ob Sie von jetzt an mich mit Achtung behandeln wollen oder nich. Ich bin das meiner verflossenen Vergangenheet und meiner noch zu erwartenden Zukunft schuldig. Also, wie wird's, und wie soll's werden? Reschpekt oder nich?«

Zunächst war es tief still im Kreise. Die sonderbare Rede des kleinen Mannes wirkte um so mehr auf die Lachmuskeln seiner Zuhörer, als sie mit einem ungeheuren Ernste vorgebracht worden war. Die Augen leuchteten voller Lust; die Lungen atmeten voll auf, um loszubrechen, aber man biß die Zähne zusammen, um den fast unüberwindlichen Reiz zum Lachen zu besiegen. Old Shatterhand war der erste, welcher sich einigermaßen in der Gewalt hatte.

[329] Tiefernsten Tones begann Old Shatterhand:

»Aber, lieber Frank, der Scherz war doch wohl ein ziemlich harmloser und auch gar nicht auf Sie allein abgesehen. Wir anderen sind ebenso Zuhörer gewesen wie Sie und haben uns nicht beleidigt gefühlt, sondern die Erzählung als das genommen, was sie war – eine Anekdote, welche uns erheitern sollte. Ihr bekanntes Gerechtigkeitsgefühl wird Ihnen sagen, daß wir von Ihnen ganz unschuldigerweise um diese Heiterkeit gebracht worden sind.«

Der eindringliche Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden, verfehlte seine Wirkung nicht. Frank hatte ein weiches Gemüt: es that ihm wehe, vielleicht zu weit gegangen zu sein. Er antwortete:

»Wenn Sie diese Angelegenheit in dieser Weise darschtellen, so bekommt die Sache freilich eene ganz andere Wendung. Ich habe Sie keineswegs in Ihrem Vergnügen schtören wollen. Aber Sie werden mir ooch zugeben, daß ich ooch Anschpruch off meine anthropologischen Menschenrechte erheben darf.«

»Ganz richtig; aber wir gestehen Ihnen diese Rechte ja ganz gern zu.«

»So? Warum reibt sich da der Dicke schtets an mir?«

»Denken Sie einmal nach, ob Sie ihm nicht vielleicht die Veranlassung dazu geben. Lassen Sie ihm nicht immer Ihre Ueberlegenheit fühlen?«

»Hm! Sie geben also zu, daß ich ihm wirklich mehrschtenteels überlegen bin?«

»Wenn ich Ihre eigene Ansicht für die richtige halten soll, so muß ich das zugeben.«

»Schön! Das genügt mir vollschtändig. Und da will ich denn voller Einsichtigkeet off die verlangte öffentliche Ehrenerklärung Verzicht leisten. Es soll mir niemand nachsagen, daß ich een Schtörer des allgemeinen Völkerfriedens sei. Hier, Dicker, ist meine Hand! Schlagen Sie ein! Wir wollen in trauter Eenigkeet die Pfade unseres Lebens wandeln. Ich rufe Ihnen mit Schillern zu: Soyongs, Anis, Emma!«

Leider brach bei diesen letzten Worten das lang verhaltene Gelächter kräftig los. Der Kleene sah sich erstaunt im Kreise um.

»Was gibt's denn schon wieder?« fragte er.

»Einen Fehler, den Sie gemacht haben, oder vielmehr mehrere Fehler,« antwortete Jemmy.

»So? Welche denn?«

»Diese Worte sind nicht von Schiller, sondern von dem französischen Dichter Corneille und heißen Soyons amis, Cinna! Es ist also weder von Anis, noch von einer Emma die Rede.«

»Ah? Meenen Sie wirklich? Ich biete Ihnen meine Hand zum großen Versöhnungsfeste, und zum Dank dafür wollen Sie mich abermals korrigieren? Da kann ooch die beste Wasserleitung platzen. Wenn meine Friedfertigkeet in so solenner Weise abgewiesen wird, so mag es bei der Feindschaft bleiben, und ich werde – – –«

»O bitte!« fiel Old Shatterhand vermittelnd ein. »Diesesmal haben Sie sich wirklich geirrt, mein bester Frank. Ich muß Master Jemmy beistimmen, und ich hoffe, daß Sie mir ein gerechtes, unparteiisches Urteil zutrauen!«

»Ja, wenn Sie es sagen, so ergebe ich mich der Uebermacht. Sie sind eene authentische Zehlabrität, vor der ich mich gerne beugen will. Selbst een Fürscht und König kann sich irren, und für ganz und gar unfehlbar will ich mich denn doch nich halten. Also hier abermals die Hand, Jemmy. Et in terra pax, Friede sei off der ganzen Erde! Ist es so richtig?«

»Ja, vollständig!« antwortete der Dicke, indem er in die dargebotene Hand einschlug.

»Schön! Das genügt mir. Sie erkennen mich an, und da soll alles vergeben und vergessen sein.«

»Aber nur unter einer Bedingung!«

»Wie, Sie wollen eene Bedingung machen? Welche denn?«

»Die, daß Sie nun endlich Ihr Bärenabenteuer erzählen.«

»Ganz gern. Ich hab's versprochen und bin es also schuldig, und wegen eener Schuldigkeet lasse ich mich nich gern mahnen. Es schadet das dem Kredite und ooch der Reputation. Wenn Sie also bereit sind, zuzuhören, so kann ich gleich jetzt gefälligst beginnen. Nämlich die Sache lief ooch nich ganz trocken ab, beinahe wie heute, wo wir beede, nämlich ich und Jemmy, unser Habit am Feuer trocknen müssen, er den Pelz und ich den Frack, vom Amazonenhut gar nicht zu reden. Und das kam folgendermaßen.«

[330] Er kräuselte die Feder seines Hutes zwischen den Fingern, räusperte sich verheißungsvoll und begann:

»Ich befand mich damals noch keene ganze Ewigkeet hier in den Vereinigten Schtaaten, das heeßt, ich war noch ziemlich unerfahren in den hiesigen Angelegenheeten. Damit soll freilich nich gesagt sein, daß ich ungebildet gewest sei, im Gegenteele, ich brachte eene gute Portion körperlicher und geistiger Vorzüge mit; aber es will dennoch alles gelernt sein, und was man noch nich gesehen und betrieben hat, das kann man ooch nich kennen. Darin wird mir een jeder verschtändige Mensch Recht geben. Een Bankier zum Beispiel, und wäre er noch so gescheit, kann nich so mir und dir nichts gleich die Hoboe blasen, und een gelehrter Professor der Experimentalastronomie kann nich ohne Unterweisung in den nötigen Kunstgriffen sofort Weichenschteller werden. Das schicke ich zu meiner Entschuldigung und Verteidigung voraus. – Die Geschichte begab sich unten in der Nähe des Arkansas in Colorado. Ich hatte erscht in verschiedenen Schtädten Verschiedenes getrieben und mir een kleenes Sümmchen geschpart. Damit wollte ich eenen Handel nach dem Westen anfangen, so was man hier zu Lande eenen Pedlar nennt. Warum ooch nich? Bei diesem Geschäft ist viel verdient, und verschtändlich konnte ich mich bereits ganz gut machen, da ich das Englische sehre leicht gelernt hatte. Es war mir leicht begreiflicher Weise nur so hineingeflogen.«

»Ja,« nickte Jemmy ernsthaft, »bei Ihrer ausgezeichneten Veranlagung ist es kein Wunder, wenn Ihnen eine fremde Sprache sehr bald geläufig wird.«

»Nicht wahr? Mit den Haupt- und Eigenschaftswörtern braucht man sich gar nich viel abzugeben, denn die bleiben ganz von selber im Gedächtnisse kleben; zählen lernt sich ooch sehre bald, was bleibt da noch übrig? Een paar Umschtandswörter, mit denen ooch keene Umschtände gemacht zu werden brauchen, und dann ist man fertig. Ich habe nie nich begreifen können, daß die Jungens in der Schule sich so lange Zeit mit fremden Schprachen abquälen müssen. Es wird, wie ich gloobe, ganz verkehrt angefangen. Ob ich deutsch sage Käse oder französisch Frommasche oder englisch Cheese, das kann doch ganz egal sein. Mir ist in fremden Schprachen eben alles ganz Käse, und so trat ich denn mit eenem hübschen Vorrat von Handelsartikeln meine Reise an und machte so gute Geschäfte, daß ich, als ich in der Gegend von Fort Lyon an den Arkansas kam, alles losgeworden war. Sogar das Wägelchen hatte ich mit Profit verkooft. Nun saß ich zu Pferde, die Büchse in der Hand und die Tasche voller Geld und beschloß mal zum Pläsier weiter ins Land hinein zu reiten. Ich hatte schon damals große Lust, een berühmter Westmann zu werden.«

»Der Sie ja nun auch geworden sind!« bemerkte Jemmy.

»Na, noch nich ganz. Aber ich denke, wenn wir jetzt off die Sioux losschlagen, so werde ich wohl nich hinter der Front schtehen bleiben wie Hannibal bei Waterloo, und dann ist es ja möglich, daß ich eenen berühmten Namen bekomme. Aber weiter! Colorado war damals erscht vor kurzer Zeit bekannt geworden. Man hatte ergiebige Goldfelder entdeckt, und nun kamen die Proschpecters und Diggers in Menge aus dem Osten. Wirkliche Ansiedler aber gab es nur wenige. Darum war ich eenigermaßen ziemlich erschtaunt, als ich off meinem Ritte ganz plötzlich eene regelrechte Farm vor mir liegen sah. Sie beschtand aus eenem kleenen Blockhause, mehreren Feldern und ziemlich großen Weideplätzen. Das Settlement lag an den Ufern des Purgatorio, und diesem Umschtande war es zuzuschreiben, daß sich Waldung in der Nähe befand. Es gab besonders viele Ahornbäume da, und ich wunderte mich darüber, daß in jedem Boomschtamme unten eene Röhre schteckte, aus welcher der Saft in untergeschtellte Gefäße tropfte. Es war im frühen Jahre, die beste Zeit zur Bereitung des Ahornzuckers. In der Nähe des Blockhauses schtanden lange, breite aber sehr flache hölzerne Bottiche, gefüllt mit dem Safte, welcher da verdampfen sollte. Diesen Umschtand muß ich ganz besonders bemerken, weil er bei meinem Abenteuer eene sonderbare Rolle schpielt.«

»Einem Yankee aber gehörte das Settlement sicherlich nicht,« sagte Old Shatterhand.

»Warum denken Sie das?«

»Weil ein solcher sicher nach den Goldfeldern gegangen wäre, anstatt als Squatter hier ruhig sitzen zu bleiben.«

»Ganz richtig! Der Mann war aus Norwegen und nahm mich sehre gastfreundlich off. Seine Familie beschtand aus ihm, seiner Frau, zwee Söhnen und eener Tochter, und ich wurde eingeladen, so lange wie möglich zu bleiben. Das that ich denn ooch ganz gern und half mit in der Wirtschaft, wobei den guten Leuten meine angeerbte Intelligenz außerordentlich zu schtatten kam.«

»Sie halfen wohl am Butterfaß?« scherzte Jemmy.

»Natürlich! Ich konschtruierte ihnen sogar een neues, welches nich geschtampft, sondern gedreht wurde, wie ich es im Osten gesehen hatte. Das heeßt, ich zeichnete es ihnen mit Kreide off den Tisch; machen konnten sie sich's nachher ja selber. Durch solche Gefälligkeeten und durch meine intelligente Ueberlegenheet gewann ich das Vertrauen dieser Leute so, daß sie mich sogar ganz alleene off der Farm ließen. Es sollte nämlich bei eenem Nachbar een sogen. house-raising-frolic schtattfinden, und die ganze Familie wollte daran teilnehmen, weshalb meine Anwesenheet ihnen sehr erfreulich war, da ich nun als house-holder zu Hause bleiben und über die schtatischtische Sicherheet der Farm wachen konnte. Sie ritten ab, und ich war Mann für mich alleene. Nachbar wurde dort jeder genannt, der zu Pferde in eenem halben Tage zu erreichen war. Grad so weit lag die betreffende Farm von uns, und so war die Rückkehr meiner Gastfreunde vor Ablauf von zwee Tagen nich zu erwarten.«

»Das war sehr viel Vertrauen, welches man Ihnen schenkte,« sagte Jemmy.

»Warum? Meenen Sie etwa, daß mir der Gedanke hätte kommen können, mit der Farm auszureißen? Sehe ich etwa wie een unehrlicher Schpitzbube aus?«

»Davon ist keine Rede. Wollte man der Ehrlichkeit eine Statue widmen, so könnten Sie als Modell sitzen, so ganz vertrauenerweckend ist Ihr Aussehen.«

»Das will ich mir ooch ausgebeten haben!«

»Ich meinte es anders. Jene Gegend wurde doch damals, sogar noch heute, von allerlei Gesindel durchzogen. Was hätten Sie als einzelner Mann thun können, wenn zufälligerweise solche Leute zu Ihnen [331] gekommen wären und die Abwesenheit des Besitzers zur Ausübung von Gewaltthätigkeiten benutzt hätten?«

»Was ich gethan hätte? Nehmen Sie mir es nich übel, aber das ist eene sehr sonderbare und närrische Frage. Ich hätte mein Hausrecht gebraucht und sie alle nausgeworfen.«

»Halten Sie das für so leicht? Solchen Menschen kommt es auf eine Kugel nicht an.«

»Mir ooch nich! Wenn Sie mich näher kennen gelernt haben, dann werden Sie sagen, daß man mir nich bloß eene, sondern gleich drei und vier Farmen anvertrauen kann. Ich würde sie schon zu verteidigen wissen. Ich verschtehe mich off alle Arten kriegerischer Schtrategie und off die verschiedenen Kunstgriffe der höheren Gefechtstaktik ganz vortrefflich. Ich hab' sogar mal den Froschmäuslerkrieg gelesen und weeß also, eene Schlacht einzuleiten und ooch zu gewinnen. In der Einleitung wie Moltke, im Angriff wie Zieten und in der Verfolgung een wahres Wiesel, so brauche ich mich vor keenem Feind zu fürchten, außer er überfällt mich im Schlafe, ohne daß ich davon gebührenderweise benachrichtigt werde.«

»Das ist's ja eben, daß man gewöhnlich nicht benachrichtigt wird!«

»Leider ist das wahr, und daß ooch der Bär gekommen war, ohne sich vorher anzusagen, dadurch kam das Abenteuer zu schtande, welches ich erzählen will. Ich muß dabei erwähnen, daß seitwärts vor dem Hause een hoher Hickory schtand. Er war bis hoch hinauf zu den erschten Aeschten seiner Rinde beraupt worden. Der Norweger hatte sie, wie er mir erzählte, zum Gelbfärben gebraucht. Nun war der Schtamm außerordentlich glatt, und es gehörte eene große Geschicklichkeet dazu, hinaufzuklettern.«

»Das wird wohl niemand verlangt haben,« sagte Davy.

»Nee, verlangt hat's niemand, aber es können sich ungeahnte Begebenheiten ereignen, durch welche sogar der edelste Mensch off so eenen Boom getrieben wird. Sie werden dieses Naturgesetz bereits in wenigen Minuten beschtätigen. Also, um off die Hauptsache zu schprechen zu kommen: ich befand mich ganz alleene off der Farm und dachte darüber nach, mit welcher Beschäftigung ich mir die langen Schtunden der Einsamkeet versüßen könne. Natürlich kam ich dabei off den Gegenstand, dessen Bearbeitung am notwendigsten war, und das war der Lehm. Nämlich drin im Blockhause war die Lehmdiele schadhaft geworden und zwischen den Holzschtämmen, aus denen die Wände beschtanden, die Füllung ausgebröckelt. Das mußte remuneriert werden, und darum hatte sich der Norweger gleich neben der Hausecke eene Lehmgrube angelegt. Sie war ungefähr vier Ellen lang und dreei breit. Welche Tiefe sie hatte, das konnte ich nich sehen, weil sie bis an den Rand gefüllt war. Es schteckten een paar Schtangen drin, mit denen das Zeug gerührt und durcheinander geknetet werden sollte. Welche Freude mußte mein Wirt haben, wenn er bei seiner Heimkehr wenn ooch nich die Diele, aber wenigstens die Wände ausgebessert vorfand! Daran dachte ich mit Vergnügen und beschloß, mich an die Arbeit zu machen.«

»Verstanden Sie denn etwas davon?« fragte Jemmy.

»Ich bitte Sie, kommen Sie mir doch nich immer mit solchen überflüssigen Fragen in die Quere! Es ist doch wahrhaftig keene Kunscht, een Loch oder eene Fuge mit Lehm zu verschtopfen! Es gibt noch viel schwierigere Gebiete in der Wissenschaft. Ich begann also mit der Schtange zu rühren. Die Masse schien mir zu dick zu sein, und ich goß also Wasser zu, aber zu viel, denn nun war sie wieder zu dünn. Ich dachte aber, daß sie durch eifriges Kneten eene plaschtischere Kompression annehmen werde, und arbeitete über eene ganze Schtunde lang aus Leibeskräften. Dadurch erlangte der Lehm diejenige Konsequenz, durch wel che jeder obrigkeitliche und baupolizeiliche Wunsch befriedigt werden konnte, und ich hatte, um mit der Verschönerungsarbeit beginnen zu können, mir nur noch eene hölzerne Maurerkelle zu schnitzen. Darum wollte ich jetzt hinein ins Haus, denn off dem Herd lag dürres Holz. Ganz begeistert von meinem Vorhaben, bog ich um die Ecke und – – schtand vor wem oder was?«

»Doch vor einem Bären,« antwortete Jemmy.

»Ja, vor eenem Bären, der sein wohl oben in den Ratonbergen liegendes Asyl verlassen hatte, um sich, ebenso wie ich, eenmal Land und Leute anzusehen. Dieses Ansehen aber war ganz gegen meinen geläuterten Geschmack. Der Kerl machte mir een so verdächtiges Gesicht, daß ich mit eenem Satze, wie ich ihn wohl nie wieder zu schtande bringen werde, zur Seite schprang; aber ebenso rasch fuhr er off mich los. Das gab meinen Gliedern eene ungeahnte Gelenkigkeet, und das Ausreißen erschien mir als eene wahre Wonne. Ich schnellte mich wie een hinterindischer Königstiger nach dem Hickory hin, faßte an und fuhr wie eene Rakete an dem Schtamme hinauf. Man gloobt gar nich, was der Mensch in so eener unsympathischen Situation zu leischten vermag.«

»Jedenfalls waren Sie ein guter Kletterer?« fragte Old Shatterhand.

»Das weniger, viel weniger sogar. Man sollte wohl annehmen, daß ich als Forschtbeamter genötigt gewest sei, das Klettern zu erlernen, aber leider hat sich meine natürliche Kongeschtion schtets gegen diese Kunscht empört. Wenn ich hoch schteigen muß, zum Beischpiel off eener Leiter, wird mir's ganz drehend und wirbelig zwischen den Ohren; ich kann's und kann's nich zwingen. Aber wenn een Bär dahinter ist, dann fragt man nicht lange, ob sich das Klettern mit der Gesundheet verträgt, sondern man klettert eben, und zwar mit wahrer Leidenschaft, grad so wie ich. Unglücklicherweise war, wie bereits erwähnt, der Schtamm zu glatt. Ich kam nich ganz hinauf bis zu den Aeschten, und mit dem Feschthalten schien es ooch seine Schwierigkeeten zu haben.«

»O weh! Das kann gefährlich werden. Sie waren ohne Waffen. Was that denn der Bär?«

»Etwas, was er mit gutem Gewissen hätte unterlassen können – er kam nämlich nachgeklettert.«

»Ah, so war es glücklicherweise kein Grizzly!«

»Das berührte mich nicht, denn damals war Bär Bär für mich. Ich klammerte mich krampfhaft fescht und schaute herab. Richtig, der Kerl hatte sich unten am Schtamme offgerichtet, umarmte denselben und kam langsam und gemütlich nachgeklettert. Die Sache schien ihm ungeheuern Schpaß zu machen, denn er brummte höchst vergnügt vor sich hin, ungefähr wie eene schnurrende Katze, nur schtärker, oder wie die E-Saite des Violonbasses, wenn sie pizzicato mit den Fingern gerissen wird. Mir aber brummte nich bloß der Kopf, sondern der ganze Körper von der Anschtrengung, mich fescht zu halten. Der Bär kam immer näher. Ich konnte unmöglich länger an meiner Schtelle bleiben; ich mußte weiter hinauf. Kaum aber hatte ich die eene Hand gelöst, um weiter zu greifen, da verlor ich den Halt. Zwar griff ich schnell wieder zu, doch die Anziehungskraft der mütterlichen Erde ließ ihr Opfer nich wieder los. Noch eenen kurzen angschtvollen Schtoßseufzer konnte ich mir geschtatten, dann aber fuhr ich am Schtamme hernieder, mit Vehemenz wie een zwanzigzentneriger Schtahlhammer, mit solcher Wucht off den Bären, daß er ooch mit nunter mußte. Er schoß zu Boden, und ich off ihn druff.«

[345] Der kleine Mann erzählte so lebhaft und drastisch, daß seine Zuhörer ganz Ohr waren und bei der Art und Weise, in welcher er seinen Unfall schilderte, in ein laut schallendes Gelächter ausbrachen.

»Ja, lacht nur!« brummte er. »Mir war es ganz und gar nich wie Lachen. Ich hatte das Gefühl, als ob alle Teile meines Körpers durcheinander geschtoßen worden seien. Es war mir ganz taub und dumm zu Mute, so daß ich für eenige Sekunden gar nich an das Offschtehen dachte.«

»Und der Bär?« fragte Jemmy.

»Was der in diesem Oogenblicke für finanzielle Schpekulationen in seinen Gedanken erörtert hat, das kann ich nich wissen. Ich hatte weder die nötige Zeit noch die gehörige Andacht, mich wie Mentor mit Telemach in Zwieschprache mit ihm zu setzen. Vielleicht aber war es ihm grad so salonwidrig zu Mute wie mir, denn er lag ganz ebenso schtille unter mir, wie ich schprachlos off i