Ein Pilgrim

[220] (Epilog)


's ist im Sabinerland ein Kirchentor –

Mir war ein Reisejugendtag erfüllt –

Ich saß auf einer Bank von Stein davor,

In einen langen Mantel eingehüllt,

Aus dem Gebirge blies ein harscher Wind –

Vorüber schritt ein Weib mit einem Kind,

Das, zu der Mutter flüsternd, scheu begann:

»Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!«


Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt,

Und wo ich neues Land und Meer erschaut,

Den Wanderstecken neben mich gelegt,

Wo das Geheimnis einer Ferne blaut,

Ergriff mich unersättlich Lebenslust

Und füllte mir die Augen und die Brust,

Hell in die Lüfte jubelnd rief ich dann:

»Ich bin ein Pilgerim und Wandersmann!«


Es war am Comer- oder Langensee,

Auf lichter Tiefe trug das Boot mich hin

Entgegen meinem ew'gen, stillen Schnee

Mit einer andern lieben Pilgerin –

Rasch zog mir meine Schwester aus dem Haar,

Dem braungelockten, eins, das silbern war,

Und es betrachtend, seufzt ich leis und sann:

»Du bist ein Pilgerim und Wandersmann.«


Mit Weib und Kind an meinem eignen Herd

In einer häuslich trauten Flamme Schein

Dünkt keine Ferne mir begehrenswert,

So ist es gut! So sollt es ewig sein...

Jetzt fällt das Wort mir plötzlich in den Sinn

Der kleinen furchtsamen Sabinerin,

Das Wort, das nimmer ich vergessen kann:

»Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann«


Quelle:
Conrad Ferdinand Meyer: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 2, München 1968.
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