Abenddämmerung

[72] Eine runzelige Alte,

schleicht die Abenddämmerung,

gebückten Ganges

durchs Gefild

und sammelt und sammelt

das letzte Licht

in ihre Schürze.


Vom Wiesenrain,

von den Hüttendächern,

von den Stämmen des Walds,

nimmt sie es fort.

Und dann

humpelt sie mühsam

den Berg hinauf

und sammelt und sammelt

die letzte Sonne

in ihre Schürze.


Droben umschlingt ihr

mit Halsen und Küssen

ihr Töchterchen Nacht

den Nacken

und greift begierig

ins ängstlich verschlossene

Schurztuch.
[73]

Als es sein Händchen

wieder herauszieht,

ist es schneeweiß,

als wär es mit Mehl

rings überpudert.


Und die Kleine,

längst gewitzt,

tupft mit dem

niedlichen Zeigefinger

den ganzen Himmel voll

und jauchzt laut auf

in kindlicher Freude.

Ganz unten aber

macht sie einen großen,

runden Tupfen –

das ist der Mond.


Mütterchen Dämmerung

sieht ihr mit mildem

Lächeln zu.

Und dann geht es

langsam

zu Bette.

Quelle:
Christian Morgenstern: Sämtliche Dichtungen. Abteilung 1, Band 1, Basel 1971–1973, S. 72-74.
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