Zwölfter Brief.

[346] Brighton, den 7ten Februar 1827.


Geliebteste!


Ich habe gestern die 60 Meilen hierher sehr schnell, und in der angenehmsten Trägheit, ohne nur aufzublicken, zurückgelegt, denn man muß auch manchmal wie ein vornehmer Engländer reisen.

Es scheint hier eine bessere Temperatur als in dem übrigen Nebellande zu herrschen, der glänzendste Sonnenschein weckte mich wenigstens heute früh schon um 9 Uhr.

Bald darauf gieng ich aus, zuvörderst auf die Marineparade, die sich weit dem Meere entlang erstreckt, machte dann eine Tour durch die große reinliche und sehr heitere Stadt, die mit ihren breiten Straßen den neuesten Quartieren Londons ähnlich ist, und schloß mit Visiten bei verschiedenen Londner Bekannten. Nachher ritt ich spazieren, denn meine Pferde wurden bei Zeiten vorausgeschickt. Vergebens sah ich mich dabei nach einem Baum um. Die Gegend ist vollkommen[347] kahl, nichts als mit kurzem Gras bedeckte hüglige Dünen sind zu erspähen, und Meer und Himmel gewähren die einzigen pittoresken Gegenstände. Auch bereiteten sie mir heute gleich zum Empfang den schönsten Sonnenuntergang. Dieses majestätische Gestirn war in rosenrothe transparente Nebel gehüllt, so daß es keine Strahlen mehr warf, dagegen in der intensivsten Gluth einem dichten Goldklumpen glich, der, als er das Wasser berührte, nun langsam zu schmelzen und einen großen Theil des blauen Meeres zu überfließen schien. Endlich verschlang der Ocean den feurigen Ball, die brennenden Farben verblichen, aus roth zu violett, dann nach und nach zu weißlichem Grau, und in der Dämmerung rauschten die Wogen, vom Abendwind getrieben, pfeifend gegen den flachen Strand, wie im Triumph über die nun begrabne Sonne.

Ein berühmter alter Minister sah das schöne Schauspiel mit mir zugleich an, und war keineswegs dafür abgestorben, Lord Harrowby, ein liebenswürdiger Mann, von eben so feinen und sanften Sitten, als großer Welt- und Geschäftserfahrung.


Den 8ten.


Oeffentliche Reunionssäle, Badelisten etc. giebt es hier gar nicht. Brighton heißt nur ein Badeort in unserm Sinne, und dient hauptsächlich den Einwohnern Londons, die Zerstreuung und gesundere Luft[348] suchen, und keinen eignen Landsitz haben, oder das Haushalten dort zu kostspielig finden, zum Winteraufenthalt, denn die hiesige Season fällt in die Wintermonate. Mode hat es besonders der König gemacht, der es einst sehr liebte, und einen abentheuerlichen, orientalischen Pallast hier gebaut hat, der mit allen seinen Kuppeln und deren Auffsätzen von den nahen Höhen gesehen, vollkommen einem aufgestellten Schachspiel gleicht, inwendig aber sehr prächtig, wenn gleich auch phantastisch meublirt ist. Obwohl er ungeheuere Summen gekostet hat, soll der längst seiner überdrüßige hohe Besitzer, schon manchmal Lust gezeigt haben, ihn wieder einreißen zu lassen, was auch eben nicht sehr zu bedauern sein würde.

In den Gärten dieses Pallastes befinden sich die einzigen erwachsenen Bäume in hiesiger Gegend, die ich bis jetzt gesehen.

Aber auch ohne diese sind doch die Promenaden am Meer sehr anmuthig, besonders die große Kettenbrücke oder jetée, welche 1000 Fuß weit in die See hineingeht, und an deren Ende man sich in den Dampfschiffen für Boulogne und Havre embarkirt.

Nicht weit davon hat ein Indier orientalische Bäder angelegt, wo man, wie in der Türkey, massirt wird, was sehr stärkend und gesund seyn soll, auch bei der vornehmen Welt, besonders den Damen, sehr beliebt ist. Man nennt sie Mahomets Bäder. Ich fand das Innere[349] indeß sehr europäisch eingerichtet. Die Behandlung gleicht der in den russischen Dampfbädern, nur finde ich sie weniger zweckmäßig, denn man sitzt in einer kühlen Stube auf einem erhöhten Sessel, den eine Art Palankin von Flanell umgiebt; und nur in diesen kleinen Raum dringt, aus dem Boden aufsteigend, ein heißer Kräuterdampf hinein. Die Flanellwand hat mehrere Aermel, die nach aussen herabhängen, und in welche der Masseur seine Arme steckt, und mit den Händen den Körper des Badenden sanft knetet. Er fährt dann mit festen und stetem Drucke des Daumens an den Gliedern, am Rückrat, den Ribben und über dem Magen viermal herab, was der Organisation wohl zu tun scheint. Während dem transpirirt man so lange und so stark als man wünscht, und wird zuletzt, bei abgenommenem Deckel des Flanellzeltes, mit lauem Wasser übergossen. Die plötzliche Kühle des Zimmers aber, der man nun ausgesetzt bleibt, halte ich für sehr ungesund.

Nachahmungswerther scheint mir die hier übliche Weise, die Wäsche zum Abtrocknen zu wärmen. Diese liegt nämlich in einer Kommode, deren Fächer mit Messing gefüttert sind, und durch Dampfheizung den ganzen Tag eine stets gleiche Wärme behalten.


Den 9ten.


Die Sonne ist schon wieder verschwunden, und von neuem eine solche Kälte eingetreten, daß ich Dir in[350] Handschuhen schreibe, um meine weißen Hände zu conserviren, auf die ich, wie Lord Byron, sehr viel halte. Ich gestehe dies auch, da ich gar nicht der Meinung bin, daß man gerade ein fat seyn muß, wenn man das wenige Hübsche, was einem der liebe Gott gegeben hat, möglichst zu bewahren sucht; vor Frost aufgesprungene Hände waren mir aber von jeher ein Gräuel. Dabei fällt mir ein, daß ich vor vielen Jahren in Straßburg mich einmal im Boudoir einer sehr schönen Frau, mit dem Feldmarschall W. (damals noch General) früh zusammenfand, und dieser, Napoleon rühmend, auch seiner Mäßigkeit erwähnte, und mit fast verächtlichem Tone hinzusetzte: ein Held könne kein Gourmand seyn.

Nun kannte mich die schöne Frau, die mir übrigens gar sehr wohl wollte, als nicht ganz unempfindlich für bonne chère und fand um mich zu necken, ein boshaftes Vergnügen daran, den General diesen Spruch wiederholen zu lassen. Obgleich ich nie versucht worden bin, mich für einen Helden zu halten (ausgenommen etwa eines kleinen Romans hie und da), so fühlte ich doch, daß ich roth wurde, eine derjenigen Dummheiten, die ich mir nie, und leider Gottes noch nicht abgewöhnen kann, oft sogar, wenn gar kein wirklicher Grund dazu vorhanden ist.

Aergerlich über mich selbst, sagte ich ganz pikirt: Es ist ein Glück für die Liebhaber eines guten Tisches, Herr General, daß es einige brillante Ausnahmen von Ihrer aufgestellten Regel giebt. Erinnern[351] Sie sich nur der Tafelrunde, und dann Alexanders. Freilich ist es wahr, daß diesen ein zu schwelgerisches Mahl zur Verbrennung von Persepolis verleitete, aber ein Held blieb er dennoch, und auch Friedrich den Großen hat die Gourmandise weder am höchsten Kriegs- noch Regentenruhm gehindert. Uebrigens sollten Sie, der mit den Franken so ruhmvoll streitet, die gute Küche nicht angreifen, da jene Nation, so große Generale sie hat, doch durch ihre Küche schon länger, und vielleicht auch bleibender berühmt ist. Dies letzte sprach ohne Zweifel ein prophetischer Geist aus mir, und wie würde sich der so enthusiastisch Napoleon pronirende General gewundert haben, wenn ich ihm zugleich hätte sagen können, daß über ein Kleines er selbst diesem großen Nicht-Gourmand gegenüber stehen, und einen der letzten erfolgreichen coups de griffes des kranken Löwen erleiden würde.

Du meinst vielleicht, meine gute Julie, diese Anekdote passe hierher, wie ein »apropos« unsers Freundes H ... – aber nein – ich führe im Gegentheil auch noch Alcibiades und Poniatowsky für Putz und Toilette an, um gänzlich durch die Erfahrung zu beweisen, daß weder Empfänglichkeit für die bonne chère, noch etwas Fatuität an Heldenthaten hindern, wenn man sonst die gehörige Anlage dazu hat.

Ein Besuch des Grafen F ..., einem der liebenswerthesten und achtbarsten Repräsentanten der Zeiten Napoleons, welcher in diese les souvenirs de l'ancien régime, und in die heutigen das Zeugnis makelloser[352] Rechtlichkeit und Treue mit hinübergenommen – (ein seltner Fall!) unterbrach mich hier, um mich zu übermorgen zu Tisch einzuladen. Das hat mich aufgehalten, zum Reiten ist es zu spät, Club-Gesellschaft zu besuchen habe ich keine Lust, ich werde also lieber noch einen zweiten Schlafrock überziehen, von Dir und M. träumen, deine Briefe wieder einmal überlesen, und geduldig dabei in meiner Stube frieren, bis ich zu Bett gehe, denn mehr wie 8 Grad Wärme kann ich in meinem luftigen und fensterreichen Lokal, durch bloßes Kaminfeuer nicht hervorbringen. Also au revoir.


Den 10ten.


Es war billig, daß ich mich heute für den gestrigen Stubenarrest entschädigte, und viele Stunden in der Gegend umherirrte, um so mehr, da ich Abends mich exekutiren mußte, um einem großen Subscriptionsball beizuwohnen.

Die hiesige Umgegend ist gewiß sehr eigenthümlich, denn während vier Stunden Umherreitens fand ich immer noch keinen ausgewachsenen Baum. Die vielen Hügel jedoch, die große Stadt in der Ferne, mehrere kleinere in der Nähe, das Meer und seine Schiffe nebst einer häufig wechselnden Beleuchtung, belebten die Landschaft hinlänglich, und selbst der Contrast mit dem überall sonst so baumreichen England war nicht ohne Reize. Die Sonne gieng endlich incognito zur[353] Ruh, das Wetter hellte sich ganz auf, und der Mond stieg klar und glänzend über den Wassern empor. Jetzt wandte ich mein Roß von den Hügeln herab dem Meere zu, und ritt die 5 bis 6 Meilen, die ich noch von Brighton entfernt seyn mochte, hart am Rande der Wellen auf dem sandigen Strande nach Brighton zurück. Die Fluth war eben im Beginnen, und mein Pferd machte zuweilen einen Seitensprung, wenn, mit weißem Schaum gekrönt, eine Woge unter ihm durchrollte, und schnell wieder, wie mit uns spielend, zurückfuhr.

Ich liebe nichts mehr, als bei Mondschein einsam am öden Meeresufer zu reiten, einsam mit dem Plätschern und Rauschen und Sausen der Wellen, so nahe der geheimnißvollen Tiefe, so schauerlich, daß selbst die Pferde nur mit Gewalt sich an der Fluth halten lassen, und vom Instinkt geleitet, sobald man sie ablenkt, mit verdoppelter Schnelligkeit dem sichern festen Lande zueilen.

Wie verschieden von dieser poetischen Scene der prosaische Ball! der überdieß meiner Erwartung so wenig entsprach, daß ich darüber erstaunte. Eine enge Treppe führte zum Lokale hinauf, und ohne Vorzimmer, kam man unmittelbar in einen schlecht erleuchteten, und höchst ärmlich meublirten Saal, um welchen rund umher eine Gallerie von wollenen Stricken gezogen war, die Tanzenden von den Zuschauern zu trennen. Eine Tribune für die Musik war so ungeschickt mit schlecht gewaschenem Weißzeuge[354] drappirt, daß es aussah, als wenn man Betttücher zum Trocknen aufgehangen hätte. Dazu denke Dir noch einen zweiten Saal daneben mit fortlaufenden Bänken an den Wänden und einem großen Theetisch in der Mitte, in beiden aber die zahlreiche Gesellschaft ganz rabenschwarz von Kopf zu Fuß, inklusive Handschuh, wegen der Trauer, und dabei ein so melancholisches Tanzen mit keiner Spur von Lebhaftigkeit oder Freude, daß man die Leute wegen der unnützen Fatigue bedauert, so wirst Du eine sehr treue Idee von Brightons Almacks (so werden diese sehr fashionablen Bälle genannt) haben. Die ganze Einrichtung ist komisch genug. Diese Almacks sind in London das Höchste der Mode in der Season, die vom April bis Juni dauert, und 5–6 der vornehmsten Damen (Prinzeß L ... ist auch eine davon), welche man Patronesses nennt, vertheilen die Billets dazu. Die Ertheilung derselben ist eine große Gunst, und für Leute, die nicht zu der allervornehmsten oder modernsten Welt gehören, sehr schwierig zu erlangen, so daß Monat lange Intriguen angesponnen, und den Lady Patronesses auf die gemeinste Weise geschmeichelt wird, um dergleichen zu erhalten, weil der oder die, welche nie auf Almacks gesehen werden, als ganz unfashionable (ich möchte fast sagen unehrlich) zu betrachten sind, und die fashionable seyn wollende englische Welt dies natürlich für das größte mögliche Unglück hält. Dies ist so wahr, daß neulich sogar ein Roman eigens über diesen Gegenstand geschrieben worden ist, der das Treiben der Londner Welt recht[355] treu schildert und seit zwei Monaten schon die dritte Edition erlebt hat, dabei aber doch, bei genauerer Betrachtung, mehr die Antichambre als den Salon verrät, Einen, wie der Abbé de Voisenou sagte: qui a ecouté aux portes.

Wie die Engländer über Fremde gut unterrichtet sind, beweist unter andern eine Stelle dieses Romans, wo sich die Frau eines fremden Gesandten, die aber in England geboren ist, sehr darüber lustig macht, daß die mit dem Auslande so unbekannten Londner einem deutschen Fürsten einen höheren Rang gewährten, als ihrem Manne dem Baron, dessen Titel doch dort weit vornehmer sey, aber das Wort Prince, setzt sie hinzu, dessen Nichtigkeit auf dem Continent jeder kennt, eblouirt meine albernen Landsleute. C'est bien vrai, fällt ein Franzose ein, un Duc cirait mes bottes à Naples, et à Petersbourg un Prince russe me rasait tous les matins. Da die Engländer Phrasen aus fremden Sprachen gewöhnlich falsch citiren, so vermuthe ich, daß auch hier ein kleiner Irrthum obwaltet, und es ohne Zweifel hat heißen sollen: un Prince russe me rossait tous les matins.1[356]

Was für eine burleske Wirkung aber ein solcher Moderoman sogleich auf die, über das bel air stets im Blinden tappende, Mittelgesellschaft Londons hat, welche daher auch immer in Angst ist, Unbekanntschaft mit der großen Welt zu verrathen, und hierdurch sich gewöhnlich erst recht lächerlich macht, davon hatte ich wenige Wochen nach Erscheinung dieses Buchs ein sehr belustigendes Beispiel.

Ich war bei einem reichen Direktor der ostindischen Compagnie, der früher Gouverneur von St. Mauritius (Isle de France) gewesen, mit mehreren andern Fremden, zu Tisch eingeladen. Unter diesen befand sich auch ein deutscher Fürst, der schon länger im Hause bekannt war, und glücklicherweise für die Farce, auch ein deutscher Baron. Als man zu Tisch gehen wollte, näherte sich der Fürst, wie früher, der Dame vom Hause, um sie zu führen, war aber[357] nicht wenig verwundert, als diese ihm mit einer leichten Verbeugung den Rücken kehrte, und sich an den Arm des höchst angenehm überraschten Barons hieng. Ein nicht zu unterdrückendes Lachen von meiner Seite beleidigte fast den guten Fürsten, der sich ein so auffallendes Benehmen der Hausfrau nicht erklären konnte, dem ich aber, es sehr gut errathend, schnell aus dem Traume half. Er nahm nun unbekümmert um Rang, die hübscheste Dame aus der Gesellschaft, und ich drängte mich an die andere Seite der Lady F., um mir eine amusante Tischunterhaltung zu verschaffen. Die Suppe war auch kaum vorüber, als ich mit verbindlicher Miene gegen sie äußerte, wie sehr mich ihr Takt und ihre feine Kenntniß gesellschaftlicher und selbst fremder Verhältnisse überrascht hätten. »Ah«, erwiederte sie, »wenn man so lange Gouverneurin gewesen ist, lernt man wohl die große Welt kennen.« Gewiß, fiel ich ein, besonders in Mauritius, wo man's schwarz auf weiß hat. »Sie sehen«, fuhr sie fort, indem sie sich zu meinem Ohre beugte, »wir wissen recht gut, daß a foreign Prince nicht viel sagen will, aber dem Baron alle Ehre, die ihm gebührt.« Vortrefflich distinguirt, rief ich aus, aber mit einem italiänischen müßten Sie sich doch wieder in Acht nehmen, denn dort heißt Barone: a rascal. »Ist es möglich«, sagte sie erschreckend, »welcher sonderbare Titel!« Ja Madame, Titel sind auf dem Continent ein ominöses Ding, und wären Sie ein ägyptischer Sphinx (sie war wenigstens eben so unbeholfen) so würden Sie diese Räthsel doch nie ergründen! »May I help You[358] to some fish,« sagte sie verlegen, und ungewiß, was sie antworten sollte. »With great pleasure«, erwiederte ich, und fand den turbot, selbst ohne Titel, vortrefflich. Doch um auf den Almacks-Ball zurück zu kommen, so ist das seltsamste, daß man ein solches Billet zu Almacks, um das mancher Engländer wie für Leben und Tod geworben, dennoch mit zehn Schilling bezahlen muß, da dieser Almack weiter nichts als ein Ball für Geld ist. Quelle folie que la mode! Man muß in der That zuweilen glauben, daß die Erde das Tollhaus unsers Sonnensystems ist.

Hier in Brighton findet man nur die Nachahmung Londons im Kleinen. Die Lady Patronesses der hiesigen Almacks sind jetzt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Als ich eintrat, sah ich Niemand von meiner Bekanntschaft, und ersuchte daher den ersten besten Herrn, mir die Marquise von .... zu zeigen, von der ich, ohne sie zu kennen, durch entremise der Gräfin F ... mein Billet bekommen hatte. Ich mußte mich ihr also selbst präsentiren, und fand eine sehr liebe, häusliche Frau an ihr, die nie England verlassen hat. Sie stellte mich ihren Töchtern, drei ächten englischen Aalheiten vor2, und einer Lady M ..., die recht gut deutsch sprach, denn das ist jetzt ebenfalls Mode, und die jungen Damen quälen sich gewaltig damit. Später[359] fand ich endlich einen Bekannten, der mich mit mehreren sehr hübschen jungen Mädchen bekannt machte, unter denen sich ganz besonders Miß W ..., eine Niece des Lord E ... auszeichnete, die in Deutschland erzogen, und mehr Deutsche als Engländerin ist, was ihr in meinen Augen nur vortheilhaft seyn konnte. Sie war bei weitem die hübscheste und grazieuseste auf dem Balle, so daß ich mich beinahe wieder zum Tanzen verstanden hätte, obgleich ich aus Eitelkeit (denn ich tanzte immer schlecht) seit vielen Jahren diesem sogenannten Vergnügen entfremdet war. Hier hätte ich es nun wohl wagen können, da man, Gott weiß es, nirgends ungeschickter herumspringt, und namentlich ein Walzender im Takt zu den wahren Seltenheiten gehört, aber es kam mir doch zu komisch vor, mich an der Grenze des Schwabenalters von neuem den Anbetern der Tarantel zuzugesellen. Il est vrai que la fortune m'a souvent envoyé promener, mais danser – c'est trop fort!

Die Marquise erzählte mir hierauf von einem ihrer anwesenden Verwandten, dem Chef eines Highlander Clans, mit einem Namen, so lang als ein spanischer Nachkommen der Könige der Inseln, und stolz wie Holofernes auf tausendjährigen Adel, der meine Bekanntschaft zu machen wünsche. Ich konnte mir nur zu der seinigen gratuliren, da ich den Mann ganz so fand, wie Walter Scott seine hochländischen Romanen-Figuren schildert. Ein ächter Schotte, mit Leib und Seele an Vorfahren und alten Gebräuchen hängend, mit großer Geringschätzung für die Engländer,[360] dabei voll Feuer, gutmüthig, bieder und brav, aber kindisch eitel, und von dieser Seite eben so verwundbar, als leicht zu gewinnen. Es ward mir daher nicht schwer, seine Gewogenheit zu erlangen, und da ich mich ohnehin ziemlich langweilte, setzte ich mich mit ihm allein in dem Theesaal auf eine der hölzernen, mit schlechtem Tuch beschlagenen Bänke nieder, und ließ mir von seiner Güter Herrlichkeiten, allen Schlachten seiner Vorfahren, und seinen eignen Reisen und Thaten eine Stunde lang vorerzählen. Die Hauptsache, auf die der liebe Mann, der gut seine 50 Jahre und darüber zählte, immerwährend zurückkam, war seine schottische Tracht, die er mir sehr ausführlich beschrieb, und dabei mit Wohlgefallen seines Aufenthalts in Berlin erwähnte, wo er Anno 1800 gewesen und, wie er berichtete, seine Tracht bei der Revue Allen so aufgefallen sey, daß der König ihn, ohne daß er Seiner Majestät noch präsentirt gewesen sey, schon in Potsdam zur Tafel eingeladen, eine Ehre, die, seiner Versicherung nach, nur den Pairs des Landes und den ausgezeichnetsten Fremden zu Theil würde. Ich wollte hier etwas erwiedern, er unterbrach mich aber schnell und versicherte, das sey noch nicht Alles. Er habe an jenem Tage nur die halbe schottische Tracht getragen, und englische Pantalons dazu angehabt, den andern sey er aber mit bloßen Schenkeln und einem soot mit Silber beschlagen, beim Manoeuvre erschienen. Der König und der ganze Hof habe ihn angestaunt, und eine Viertelstunde später sey abermals eine Einladung zur Tafel gekommen, worüber[361] alle anwesenden Engländer sich sehr verwundert hätten. Die Königin selbst habe sich viel mit ihm unterhalten, und gleich darauf sey ein Adjudant gekommen, um ihn auf den nächsten Tag nach Berlin zu einer Soirée und zur italiänischen Oper einzuladen. Ich frug, setzte er hinzu, ob ich mit nackten Schenkeln kommen könne? Ohne Bedenken, erwiederte lachend der Offizier – und dieser Abend, sagte mein ehrlicher Schotte mit sittlichen Stolz, war mein Triumph, denn nun kam ich in der rothen Galla-Kleidung mit Gold beschlagen. – So war ich dreimal nach einander eingeladen worden, was keinem Pair des Landes geschieht, wiederholte er, und dreimal nach einander auch immer more splendid (glänzender) erschienen. Jetzt war ich aber, fuhr er fort, in großen Sorgen einer vierten Einladung, weil ich nun keinen noch prächtigern Anzug mehr hatte; glücklicherweise blieb sie aber aus. Das Feuer und die Kindlichkeit, mit der diese lächerliche Geschichte erzählt wurde, machte sie bei alle dem gewissermassen rührend. Ich war natürlich ganz Bewunderung und Aufmerksamkeit gewesen, und sagte nun: es wäre sonderbar, gerade 1800 hätte ich mich als Kind mit meinem Vater in der Berliner Oper neben der königlichen Loge befunden, und erinnere mich noch wie heute, daß ich darin zum erstenmal in meinem Leben einen Schotten ohne Hosen gesehen, und wie ein Wunder von Pracht und Schönheit angestaunt habe.

Than I was the Man, I was the Man! (denn ich bin der Mann gewesen, ich bin's gewesen) schrie mein[362] alter Schotte ganz ausser sich, und von diesem Augenblick hatte ich sein Herz gänzlich erobert, er lud mich dringend nach Schottland ein, bat um meine Karte, und zugleich ihm die Ehre zu gönnen, mich den Herzögen von Athol und von Hamilton in London vorzustellen. Er werde mir die Honneurs von Schottland machen und – warten Sie einen Augenblick, den ... hm ... ja richtig, den 26sten werde ich hier einen Ball geben, und Ihnen zu Ehren werde ich die schottische Tracht anziehen, die ich mit Gold beschlagen, nein ... ich glaube doch die mit Silber, sie ist nicht so reich, aber eleganter3. Ich ermangelte nicht, die lebhafteste Theilnahme zu zeigen, bedauerte, daß ich zwar nicht so lange hier bleiben könnte, wegen dringender Geschäfte in London, aber mein Möglichstes thun würde, diesen Tag wieder herzukommen, um ein so interessantes Schauspiel nicht zu versäumen; in dem Augenblick kam Lady ... mit ihren Töchtern an, und da ich vor der Hand genug[363] gehört hatte, rief ich ihr zu, daß Mr. M.D. of C. and G. keine ganz neue Bekanntschaft für mich sey, sondern ich ihn schon vor mehreren zwanzig Jahren als Knabe gesehen habe. Auf ihr: Wie so? begann mein unermüdlicher Freund die Geschichte der dreifachen Steigerung von Neuem, und ich schlich mich unterdessen leise davon und zu Hause.


Den 11ten.


Diesen Morgen ging ich in die Kirche, um fromm zu seyn, es gelang mir aber nicht. Es war alles darin gar zu nüchtern, und unästhetisch. Ich lobe mir denn doch einen künstlerischen, wenn auch etwas sinnlichen Gottesdienst. Folgten wir nur der Natur, die für Religion wie Regierungsverfassung (denn sie regiert ganz constitutionell) die beste Lehrmeisterin bleibt! Flößt sie uns nicht die frömmsten Gefühle gerade durch ihre prächtigsten wie erhabensten Schauspiele ein: durch die Malerei des Sonnen- Auf- und Unterganges, die Musik des tobenden Gewitters und des brausenden Meers, die Plastik der Felsen und der Gebirge? Seyd also nicht klüger, lieben Leute, als der liebe Gott, und macht's ihm nach, so gut ihr könnt.

Ich würde aber damit wohl tauben Ohren predigen, ausser den Deinen, liebe Julie, und die hören längst schon mit mir den himmlischen Sphärengesang, der in des Ewigen herrlicher Schöpfung immerdar[364] tönt, wenn man sich nur nicht positive Baumwolle hereinsteckt, um ihn nicht zu vernehmen4.

Auch die Predigt, welche ich vernahm, war, obgleich vorher ausgearbeitet, und abgelesen, doch ganz versteinert und gehaltlos. Prediger könnten wohl im Allgemeinen viel wohlthuender wirken, wenn sie den Schlendrian verließen, immer nur Themata aus der Bibel zu wählen, und diese lieber aus dem lokalen Leben und der menschlichen Gesellschaft entnähmen, überhaupt statt Dogmatik, die jedem Menschen inwohnende[365] poetische Religion mehr ansprächen, und die Moral nicht blos als Gebotnes, sondern als Schönes und Nützliches, ja zum Glück des Einzelnen und Aller Nothwendiges lehrten und erklärten. Würde man von der Kanzel aus den gemeinen Mann nur besser zu unterrichten, ihn zum Denken statt Glauben heranzubilden suchen, so würden die Laster bei ihm bald seltner werden. Er würde anfangen, ein wahres Interesse, ein Bedürfniß nach der Kirche und Predigt zu seiner Bildung zu fühlen, während er jetzt sie gewöhnlich aus nichts weniger als erbaulichen Gründen, oder ohne alles Nachdenken besucht. Auch die Gesetze des Landes, nicht bloß die zehn Gebote, sollten der Gemeinde von der Kanzel erläutert, und ihnen mit den Gründen derselben zugleich geläufig gemacht werden, denn wie Viele sündigen in dieser Hinsicht, ohne, wie Christus sagt, zu wissen, was sie thun5. Die beste praktische Vorschrift der allgemeinen Moral ist ohne Zweifel, sich zu fragen, ob eine Handlung, wenn sie jeder beginge, der menschlichen Gesellschaft schädlich oder nützlich sey? Im ersten Fall ist sie natürlich schlecht, im zweiten gut.[366]

Hat man die Leute nun an die Anlegung dieses Maaßstabes gewöhnt, und ihnen dann recht ad oculos die ohnfehlbar aus ihren Handlungen entspringende, endliche Rückwirkung auf sie selbst demonstrirt, so wird man in wenigen Jahrzehenden nicht nur Moralität, sondern auch Cultur und Industrie verbessert haben, während die gewöhnliche Priesterweisheit, die den Glauben, die Autorität und das Dogma über Alles setzt, Jahrhunderte lang es beim Alten läßt, und nicht selten verschlimmert.

Dabei würde es vielleicht nichts schaden, wenn man, wie man in Frankreich berühmte Spitzbuben begnadigt, um sie bei der Polizei anzustellen, auch hier manchmal solche Lehrer auswählte, die sich aus eigner Erfahrung der üblen Folgen der Sünde bekehrt haben, (wie z.B. der selige Werner), und daher am besten über sie unterrichtet sind. Es ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der zurückkehrt, als über zehn Gerechte, und ein solcher ist auch in der Ueberzeugung und Einsicht fester, hat auch in der Regel mehr Bekehrungseifer, wie das Beispiel vieler Heiligen beweiset.

Vor allen aber müßten, meines Erachtens, in einer wohl organisirten Gesellschaft alle Prediger, sie kämen nun her, von wo sie wollten, auf fixirten Gehalt gesetzt seyn, (dieser werde nun vom Staate oder von den Gläubigen bestritten), und nicht für die Segnungen ächter Religion, so wie für die Ceremonien der conventionellen, einzeln baar bezahlt werden,[367] eine Gemeinheit, die jede Illusion und jede wahre Achtung für den Geistlichen nothwendig untergraben, so wie ihn, hat er noch Delikatesse, in seinen eignen Augen herabwürdigen muß. Es ist wirklich schrecklich anzusehen, wenn der Arme auf dem Lande für den eben genossenen Leib Christi zwei Groschen hinter den Altar steckt, und bei der Taufe es gar dem Herrn Geistlichen, wie ein Biergeld, in die Hand gedrückt wird. Hört man aber gar den Prediger von der Kanzel wüthen und schelten, daß das Opfer immer geringer werde, drohend darum mahnen, und solches Entziehen seiner Einkünfte als ein Zeichen verringerter Religiosität verdammen – dann fühlt man lebhaft, wozu so viele Priester da sind, und was sie für ihren eigentlichen Beruf halten. Soldaten lieben ganz natürlich den Krieg, Priester eben so die Religion, beide wegen ihres Vortheils. Patrioten lieben den Krieg nur, um Freiheit dadurch zu erringen, Philosophen die Religion nur um ihrer Schönheit und Wahrheit willen.

Das ist der Unterschied.

Wie aber der Autor der Zillah so richtig sagt: »Etablissements dauern länger als Meinungen. Die Kirche dauert länger als der Glaube, der sie gründete, und wenn es einer Priesterschaft einmal gelungen ist, mit den Institutionen ihres Landes sich zu verweben, so mag sie noch blühen und bestehen, wenn auch ihr Cultus schon längst zum Gespött geworden ist.«[368]

Der Nachmittag war befriedigender. Ich stieg auf den Hügeln über der Stadt umher, und kroch zuletzt auf den Boden einer Windmühle, um von dort aus das ganze Panorama Brightons zu übersehen. Der Sturm schleuderte die Flügel der Mühle mit solcher Gewalt um ihre Axe, daß das ganze Gebäude schwankte, wie ein Schiff. Der Müllerbursche, welcher mir den Weg hinauf gezeigt, brachte nun aus einem Mehlkasten ein Perspektiv hervor, das aber leider, ohngeachtet seines weichen Lagers, zerbrochen war. Ich begnügte mich indeß schon gern mit der schönen Totalaussicht, die durch viele Hunderte von Fischerbarken, welche mit dem Winde kämpften, sehr belebt wurde, und eilte dann mit der sinkenden Sonne den gesellschaftlichen Pflichten wieder zu.

Die Anzahl der Gäste beim Grafen F ... war nur klein, aber interessant, einmal durch die Wirthe selbst, dann durch eine ihrer Schönheit wegen berühmte Dame, und endlich durch einen sehr bekannten ehemaligen Pariser Tonangeber, M ..., der in seiner Jugend dort lange eine Rolle gespielt, immer zugleich auch in politische Verhältnisse verwickelt war, und jetzt einen großen Theil des Jahres in England lebt, wahrscheinlich auch nicht ohne politische Absichten, einer von den heut zu Tage ziemlich selten werdenden Menschen, die stets auf großem Fuß leben, ohne daß man recht weiß, wovon, die sich überall eine gewisse Autorität zu verschaffen wissen, ohne daß man weiß, woher, und hinter denen man immer etwas Besonderes, ja Geheimnißvolles sucht, ohne daß[369] man weiß, warum. Dieser ist wenigstens sehr liebenswürdig, wenn er will. Er erzählt vortrefflich, und hat aus einem vielfach bewegten Leben nichts vergessen, was seiner Unterhaltung Würze geben kann. Zu solchen großartigen Avantüriers, deren consommirte Menschenkenntniß stets sehr zu bewundern ist, obgleich sie sie in der Regel nur zum Düpiren Anderer anwenden, passen die Franzosen am besten. Ihre gesellschaftliche Liebenswürdigkeit bricht die Bahn, und ihr nicht zu warmes Herz, ihr, wenn ich mich so ausdrücken darf, ökonomischer Verstand, weiß mit dem Gewonnenen vortrefflich Haus zu halten, und für immer darin festen Fuß zu fassen.

Der gewandte Mann, von dem ich hier spreche, weiß auch das Spiel auf eine anmuthige Art zu handhaben, und behauptet im Scherz, wie Fox, daß er, nach dem Vergnügen, im Spiel zu gewinnen, kein größeres kenne, als darin zu verlieren.

Man sprach viel von Napoleon, dessen unser Wirth, wie Alle, die lange in seiner Nähe lebten, nur mit Ehrfurcht gedachte. Er erwähnte eines Umstandes, der mich frappirte. Der Kaiser, sagte er, sey von der ungeheuren Anstrengung während der hundert Tage und den folgenden Ereignissen so unglaublich abgespannt gewesen, daß er bei seiner Retraite von Waterloo, welche (ganz gegen die bei uns übliche Version) in der ersten Stunde, von einem Bataillon seiner Garde geschützt, nur langsam und ohne alle Uebereilung von statten ging – zwei bis dreimal auf[370] dem Pferde eingeschlafen sey, so daß er ohne Zweifel heruntergefallen wäre, wenn ihn Graf F ... selbst nicht mehrmals gehalten hätte. Ausser dieser körperlichen Abspannung habe er aber, wie der Graf versicherte, auch nicht das mindeste Anzeichen von innerer Agitation gegeben.


Den 14ten.


Mein origineller Schotte, von dem ich seitdem gehört, daß er ein wahrer Tollkopf sey, und bereits zwei oder drei Menschen im Duell getödtet, besuchte mich diesen Morgen, und brachte mir seine gedruckte Genealogie, mit der ganzen Geschichte seines Stammes oder Clans. Er klagte sehr, daß ein anderer seines Namens ihm den Rang des Chieftains streitig machen wolle, und bemühte sich, mir aus dem mitgebrachten Werke zu beweisen, daß er der ächte sey, meinte auch, »ein Gottesurtheil zwischen beiden würde es bald am besten entscheiden.« Dann machte er mich auf sein Wappen, eine blutige Hand im blauen Felde, aufmerksam, und gab Folgendes als den Ursprung desselben an.

Zwei Brüder, die in einem Kriegszuge gegen eine der schottländischen Inseln begriffen waren, hatten unter sich ausgemacht, daß der, dessen Fleisch und Blut (ein schottischer Ausdruck) zuerst das feste Land berühre, Herr desselben bleiben solle. Mit aller Kraft der Ruder sich nähernd, konnten die Schiffe wegen[371] einzelner Felsen im Meere nicht weiter, und beide Brüder mit ihren Kriegern stürzten sich in das Wasser, um schwimmend die Insel zu erreichen. Da nun der Aelteste sah, daß ihm sein jüngerer Bruder zuvorkam, zog er sein kurzes Schwerdt, legte die linke Hand auf eine hervorragende Klippe, hieb sie mit einem Hieb ab, ergriff sie bei den Fingern, und warf sie, bei seinem Bruder vorbei, blutend ans Ufer, indem er ausrief: »Gott ist mein Zeuge, daß mein Fleisch und Blut zuerst das Land berührt hat.« Und so ward er König der Insel, die seine Nachkommen durch zehn Generationen unumschränkt beherrschten.

Die Geschichte der blutigen Hand schien mir nicht unpoetisch, und ein treffendes Bild jener rohen, aber kräftigen Zeiten. Ich ermangelte nicht, ihm einen Pendant aus dem Nibelungenliede von meinem (wahrscheinlich eben so fabelhaften) Ahnherrn zu erzählen, und wir trennten uns über den Geistern unserer Manen als die besten Freunde.

Es giebt jetzt täglich hier mehrere Privatbälle, und das in so kleinen Quartieren, daß ein ehrlicher deutscher Bürger nicht wagen würde, zwölf Personen dahin einzuladen, wo man hier einige hundert, wie Negersclaven, zusammendrängt. Es ist noch ärger wie in London, und der Raum für die Contredanse gewährt nur eben die mathematische Möglichkeit, tanzähnliche Demonstrationen anzudeuten. Ein Ball ohne dieses Gedränge würde indeß ganz gering geschätzt werden, und ein Gast, der die Treppe leer[372] fände, wahrscheinlich wieder wegfahren. Mir fiel bei diesem seltsamen Geschmack lebhaft Potiers un ci-devant jeune homme ein, wenn er bei seinem Schneider einen Pantalon bestellt, der extraordinairement collant seyn soll, und als der Kleiderkünstler schon geht, ihn noch einmal mit den Worten zurückruft: »Entendez vous, extraordinairement collant, si j'y entre je ne le prends pas.« Dasselbe könnte ein Dandy von einem hiesigen rout sagen: »Si j'y entre je n'y vais pas.«

Ist man aber nun einmal herein, so muß man gestehen, daß man nirgends eine größere Menge hübscher Mädchen sieht, und malgré bongré an sie gedrückt wird, als hier. Sie werden jetzt meistens einige Jahre in Frankreich erzogen, und zeichnen sich dann durch bessere Toilette und Tournüre aus. Sehr viele davon sprechen deutsch. Man bekommt so viel Einladungen zu dergleichen Soiréen, als man will; aber man könnte auch als ganz Fremder und Uneingeladener eben so gut hingehen, denn wer nicht lange bleibt, bekömmt ohnedieß die Wirthe nicht zu sehen, und gewiß kennen diese nicht die Hälfte der Anwesenden. Um 1 Uhr wird immer ein sehr recherchirtes kaltes Soupé mit force Champagne servirt. Das Lokal dazu ist in der Regel die Bedientenstube unten, und der Tisch faßt natürlich kaum zwanzig Personen auf einmal, die sich dann Truppweise nach einander die schmale Treppe hinunter winden und stoßen. Sitzt man endlich, so kann man sich ausruhen, und Manche benutzen dies mit sehr wenig[373] Discretion für die Nachkommenden, auch wird den Damen wenig Platz gemacht, desto sorgsamer ist aber die Dienerschaft beflissen, von einer den Gästen unzugänglichen Seite den Tisch immer wieder frisch zu besetzen, wenn Schüsseln und Flaschen leer werden.

Um Alles gehörig zu betrachten, blieb ich in einem der bessern Häuser das erstemal bis 4 Uhr Morgens, und fand das Ende der Fete, wo 3/4 der Gäste weg waren, am angenehmsten, um so mehr, da die Töchter vom Hause wirklich ausnehmend hübsch und liebenswürdig waren. Dagegen gab es aber auch ganz famöse Originale auf diesem Balle, unter andern eine dicke Dame von wenigstens 55 Jahren, welche in einem schwarz sammtnen Pelz mit weiß verbrämt, und einen Turban mit schwankenden Straußfedern auf dem Haupte, gleich einer Bachantin, wie rasend umherwalzte, so oft sie nur Platz dazu finden konnte. Ihre drei recht hübschen Töchter versuchten vergebens, es der Mama gleich zu thun; ich erklärte mir aber diese herkulische Ausdauer, als ich erfuhr, die jetzt sehr reich gewordene Dame habe ihr Vermögen früher durch glücklichen Viehhandel erworben.

Die Musik bei allen diesen Bällen besteht blos aus einem Piano und einem Blasinstrument. Die Musiker wissen beiden aber einen solchen Lärm abzulocken, daß man in der Nähe aller Conversation entsagen muß.


[374] Den 16ten.


Ich las gestern, »daß starke Leidenschaften durch die Entfernung wachsen.« Die meinige für Dich muß also eine starke seyn, was zärtliche Freundschaft ohnedem immer am sichersten ist – denn ich habe Dich lieber als je. Uebrigens ist die Sache sehr erklärlich. Liebt man Jemanden wahrhaft, so hat man in der Abwesenheit nur immer seine guten und liebenswürdigen Eigenschaften vor Augen, das Unangenehme kleiner Fehler, die jeder Mensch hat, und die doch zuweilen in der Gegenwart verletzen, fällt ganz aus dem Gedächtniß, und die Liebe vermehrt sich also ganz natürlich in der Entfernung. Und Du – wie denkst Du darüber? Um wie viel mehr Fehler hast Du bei mir mit dem Mantel der christlichen Liebe zu bedecken! Ich reise indeß morgen expreß nach London, um unserm Gesandten diesen Brief für Dich selbst zu übergeben, da die letzten so lange unterwegs geblieben sind. Wahrscheinlich sind Neugierige darüber gekommen, denn die Infamie des Brieföffnens werden wir wohl sobald nicht los werden. In zwei Tagen bin ich wieder hier, und so glücklich, 3–4 Bälle in dieser Zeit zu versäumen. Vor der Abreise machte ich heut früh noch eine lange einsame Promenade, und diesmal doch nicht ganz allein, sondern mit einer jener vielen artigen jungen Damen, die ich hier kennen gelernt. In dieser Hinsicht gewährt man den Unverheiratheten in England, wenn sie einmal in die Welt lancirt sind, ungemein[375] viel Freiheit. Das junge Mädchen quaestionis war erst 17 Jahr alt, aber schon in Paris polirt.

Als ich zu Haus kam, fand ich zu meiner nicht geringen Ueberraschung einen Brief von dem unglückseligen R.., der abermals nach Harwich zurückverschlagen worden, und in Verzweiflung um Geld und Hülfe fleht, denn wider meinen Willen hat er, was ich erst jetzt erfahre, den ihm vorgeschriebenen Weg über Calais doch nicht eingeschlagen. Diese Irrfahrten des Garten-Odysseus sind eben so lächerlich als unangenehm, und Du wirst gewiß längst glauben, daß der Abentheurer malgré lui von den Fischen verspeist worden ist. Ich erinnere mich immer noch lebhaft, daß ich vor 12 Jahren, auch um diese Zeit, mich nach Hamburg einschiffen wollte, mein alter französischer Kammerdiener rieth mir aber glücklich davon ab, denn, wie er sich seltsam ausdrückte: »dans ces tems ci il y a toujours quelques equinoxes dangereuses, qui peuvent devenir funestes!« und richtig, das Fahrzeug litt Schiffbruch, und Mehrere verloren ihr Leben dabei.


London, den 17ten.


Honneur à Sir Temple! Dein von ihm besorgter Brief ist in 10 Tagen hergekommen, während die durch unsre Diplomatie gegangenen drei Wochen unterwegs blieben. Sage ihm meinen besten Dank. Herzlich habe ich über alle Nachrichten gelacht, die mir H. so launig meldet. Der kleine Criminalrath, den die Spötter le rat criminel nennen, der Renvoyé[376] extraordinaire und der Diplomate à la fourchette sind vortrefflich geschildert, eben so wie der glückliche Haus-, Hof-, Staats- und Leibdiener bei Tag und bei Nacht. Wundre Dich nicht über des Letzteren Succeß. Es ist gewiß, daß es eine Art Beschränktheit gibt, die fast immer in der Welt reüssirt, und eine Art Verstand, die nie reüssirt. Dieser letzte ist unter andern auch der meinige, ein phantastischer, Bilder machender, der sich seine Traumwelt alle Tage selbst neu gestaltet, und daher in der wirklichen stets ein Fremder bleibt. Du meinst, wenn das Glück sich mir dargeboten, hätte ich es stets gering geachtet, und höchstens spielend bei den Fingern genommen, statt es ernstlich fest zu halten. Nie hätte ich die Gegenwart eher geschätzt, bis sie in ferner Weite als Bild wieder dastehe – dann würde es oft ein Bild der Reue, die Zukunft ein Bild der Sehnsucht und die Gegenwart nie etwas anders als ein Nebelflecken! A merveille. Du führst das allerliebst aus, und Niemand, ich muß es gestehen, versteht besser, eindringlich zu moralisiren, als Du. Wenn es mir nur etwas helfen könnte! Aber sage, wenn Du nun auch den Lahmen felsenfest überzeugtest, daß es weit besser für ihn sey, nicht lahm zu gehen, – so wie er ein Bein vor das andere setzt, hinkt der Aermste doch nach wie vor! Naturam expellas furca etc. Umsonst gebietest Du Deinem Magen, besser zu verdauen, Deinem Witze, schärfer zu seyn, Deiner Vernunft, sich geltender zu machen. Es bleibt beim Alten mit wenigen Modifikationen bis zum Tode.[377]

Die Bescheide der Ministerien, die Du mir über die ..... Sache mittheilst, bleiben auch beim Alten, obgleich sie äusserst verbindlich sind. Ist es aber nicht sonderbar, daß bei uns die niedern Behörden sich eben so sehr durch Tracasserieen und unhöflichen, ich möchte sagen, oft höhnischen Styl auszeichnen, als die höheren (mit einer einzigen Ausnahme) sich nur in raffinirt artigen Formen bewegen. Erhalten diese letztern dadurch nicht ganz das Ansehn der bittersten Ironie? Du kannst das unsrer G.....schen Dilettanten-Academie als Preisfrage für's nächste Jahr aufstellen.

Apropos, wer ist der sehr kluge Minister, von dem H. spricht? Aha, ich errathe – aber die Minister sind ja schon ex officio so klug, daß man schwer wissen kann, welchen sie meint, den überständigen dagegen errieth ich auf der Stelle, so wie den armen, dermalen horizontalen, dessen Krankheit mich herzlich betrübt, denn gesund steht er, meiner Meinung nach, gar sehr perpendiculair, hoch über Mißgunst und Neid, durch Würde des Charakters, wie Geschäftserfahrung und Fähigkeit. Es giebt dagegen in der That einige Staatsbeamten bei uns, denen man jeder Zeit versucht wäre, mit Bürgers Leonore zuzurufen: Bist lebend, Liebster, oder todt?

Der Himmel erhalte uns Beiden geistig und körperlich bessere Gesundheit, und mir vor allem Deine zärtliche Freundschaft, das nöthigste Element zu meinem Wohlseyn.

Dein treuer L.

1

Natürlich ist es, daß es den Engländern schwer wird, da sie sich um Fremdes so wenig bekümmern, den gehörigen Unterschied zwischen deutschen, russischen und französischen Fürsten zu machen, und sie daher respective bald zu hoch, bald zu niedrig anschlagen. In England und Frankreich giebt es eigentlich keine andern Fürsten (Princes) als die des königlichen Hauses. Führen Engländer oder Franzosen solchen Titel, so sind es fremde, und werden in den französischen alten Adelsfamilien den jüngern Söhnen beigelegt. Z.B. der Prince de Polignac hier führt als zweiter Sohn den römischen Fürstentitel, der älteste ist Duc de Polignac.

Es giebt, nur einen sehr hoch verdienten Mann ausgenommen, keinen Fürsten in Deutschland, der nicht von alter Familie und hohem Stande mit angemessenen Rechten wäre, daher die Fürsten daselbst auch den ersten Rang nach den regierenden Häusern einnehmen. In Rußland dagegen ist allerdings der Titel Prince in der Regel, so viel wie nichts, indem dort nur der Dienst Rang, Rechte und Ansehen giebt, und in Italien hat dieser Titel nicht viel mehr Werth. Dies vermischen nun die Engländer alles unter einander, und wissen selten, was sie einem Fremden in dieser Hinsicht wirklich schuldig sind.

2

s. Reineke Fuchs, kann auch durch Ladyships übesetzt werden.

A.d.H.

3

Auch in neuerer Zeit hatten wir in Berlin das Glück, einen jungen Schotten, und sogar den Sohn Walter Scotts, in seiner Nationaltracht zu bewundern. Er erschien auf einem Feste mit noch einem andern Landsmanne, der in gewöhnlich schwarzer Kleidung, höchst mager und blaß, dem Vampyr, Lord Ruthwen, nicht unähnlich sah. Eine mordante Chanson, die am andern Morgen die Fete beschrieb, endigte mit folgenden Worten:

...... enfin parût

Lord Ruthwen et jeune Scott,

L'un sans cû, et l'autre sans culottes.

A.d.H.

4

Mein seliger Freund war immer von einer Art fixen Idee eingenommen, daß eine neue Kirche im Anzuge sey. Wie Schade, daß er nicht erlebt hat, was sich jetzt gestaltet, denn eben lese ich in der allgemeinen Zeitung folgende tröstliche Annonce:

An die Unbekannten.

»In diesen Blättern, höre ich, haben harte Reden wider mich und die Neue Kirche gestanden. Schlaget mich, meine Lieben, aber hört; hier nur ein Wort, um vor der Sünde zu warnen! Noch einmal, es naht uns, mehr und mehr die Hülle lüftend, eine Herrlichkeit, welche Menschenzunge nicht ausspricht, und Menschengeist nur allmählig ahnt. Fassen wir doch kaum, daß Alles neu werden mag: wie faßten wir so jählings ein neues All? Hitzig aber auf die Vorhut fallen, und gar das Banner beschimpfen, ist nicht rathsam, bevor wir die Schaaren kennen, welche nahen, und die Mächtigen, welchen sie vorausziehen: lieber Bruder, wie wäre Dir, wenn Du, Schmähung noch im Munde, ihn erkenntest? Er kommt zu einer Stunde, da ihr nicht meinet.«

Das ist viel – nicht nur alles Alte neu, sondern selbst ein neues Alt! Wahrlich, mehr kann kein Billiger verlangen. Nur ein Schelm giebt mehr, als er hat.

A.d.H.

5

Freilich wäre es dann auch wünschenswerth, daß unsere Gesetze der Faßlichkeit des Volkes näher gerückt würden, daß wir, statt hunderter verschiedener Provinzial- und Lokalrechte, ein Gesetzbuch für die ganze Monarchie hätten, so daß nicht in einem Dorfe Recht sey, was zehn Meilen davon Unrecht werde, und die P ... Juristen endlich Arbeiter in Bronze, statt Kesselflicker werden könnten.

A.d.H.

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Dritter und Vierter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland und England geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828, Band 3, Stuttgart 1831, S. 346-378.
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