Vierzehnter Brief.

[398] London, den 25sten März.


Geliebteste Beste!


Es würde zu langweilig für Dich seyn, liebe Julie, wenn ich Dir täglich eine Liste der Gesellschaften schickte, die ich besuche, nur wenn mir eben Bemerkenswerthes auffällt, werde ich es erwähnen, und vielleicht später, wenn ich Lust und Geschick dazu in mir fühle, noch mit einem etwas allgemeinern apperçu schließen.

Im Ganzen ist das Technische der Gesellschaft hier sehr zweckmäßig. Ich verstehe darunter die Einrichtungen zu ihrem Comfort und ihrer Bewirthung. Besonders zeichnet sich hierin das Haus des Herzogs v.D. aus, eines Königs der Mode und Eleganz.

Nur wenig Vornehme haben in London, was wir auf dem Continent einen Pallast nennen, ihre Schlösser[399] ihr Luxus und ihre Größe entfalten sich nur auf dem Lande. Der Herzog von D. macht eine dieser Ausnahmen, und sein Palais in der Stadt bietet mit vielem Geschmack und Reichtum, zugleich eine große Anzahl bedeutender Kunstschätze dar. Die Gesellschaft ist immer die gewählteste, aber wie überall auch hier zu zahlreich, obgleich sie bei der Menge der Zimmer nicht ganz so lästig, und der Foule eines Markttages gleich wird. Namentlich sind die Concerte in D ... house sehr hübsche Feste, wo immer nur die ersten Talente, welche eben in der Hauptstadt anwesend sind, employirt werden, und ausserdem musterhafte Ordnung und Profusion in Allem herrscht. Unter andern ist die, auch in andern Häusern fast durchgängig statt findende Einrichtung der Büffets und Soupés, (vorzüglich bei so zahlreichem Zufluß von Menschen) sehr zu empfehlen. In einer besondern Stube befindet sich nämlich eine lange Tafel mit den ausgesuchtesten Erfrischungen aller Art reichlich besetzt, die so gestellt ist, daß sie den Gästen nur von einer Seite accessibel bleibt. Hinter derselben stehen uniformirte Mädchen (aber doch in weiblichen Uniformen, weißem Kleide und schwarzer Schürze) die Jedem reichen, was er verlangt, und dabei noch hinlänglichen Raum haben, um ihr Geschäft bequem zu besorgen, während hinter ihnen, durch eine Thür, die mit den Offices in Verbindung steht, alles Nöthige, ungestört durch das Gewirre der Gesellschaft herein gebracht werden kann. Dadurch vermeidet man die so unangenehmen Processionen zahlreicher Bedienten, die, große Präsentirbretter[400] in der Luft balancierend, sich mit diesen in den Salons umherdrängen, und immer in Gefahr schweben, den kalten und warmen Inhalt ihrer Last, auf drei oder vier Gäste auszuschütten.

Das Soupé wird später in einem andern Zimmer, welches mit der Küche communizirt, auf dieselbe Art durch das männliche Personal servirt, und solchergestalt die beste und prompteste Bedienung, mit verhältnißmäßig weit weniger Leuten, und ohne alle Confusion bewerkstelligt.

Beiläufig muß ich hierbei rühmen, daß hinsichtlich der bonne chère, in den großen Privathäusern Londons wirklich das Vorzüglichste in der Welt gefunden wird, da die besten französischen Köche und die besten italiänischen Officiers sich hier zusammen finden, aus dem sehr einfachen Grunde, weil sie hier am besten bezahlt werden. Es giebt Köche die ein Gehalt von 1200 L. St. jährlich beziehen. Dem Verdienste seine Kronen!

Zuweilen geht nach Concert und Soupé, um 2 Uhr erst der Ball noch an, und man fährt bei Sonnenschein zu Hause, eine Lebensart die mir sehr wohl behagt, denn Du weißt, ich hatte von jeher mit Minervas Vogel gleichen Geschmack. Ich benutze sogar manchmal einen solchen Nachtmorgen, gleich vom Ball zu einer Spazierfahrt im Park überzugehen, denn Gottlob! es wird schon sichtlich Frühling, und über die hohen Gartenmauern blinken bereits grüne Fliederblätter,[401] und einzelne Mandelblüthen durch das dunkle Gewebe der schwellenden Zweige.


Den 26ten.


Diesen Vormittag bestimmte ich zu einer Excursion nach Deptford, um Captain Parry's Schiff Hekla zu besehen, das in wenigen Tagen nach dem Nordpol absegeln soll. Ob es ihn aber erreichen wird, ist eine andere Frage. Wenn es Parry nur nicht wie dem armen Grafen Zambeccari geht, der von seiner letzten Luftfahrt noch bis zu dieser Stunde nicht zurückgekehrt ist.

Captain Parry machte die Honneurs seines eigentümlichen Fahrzeugs mit sehr viel Artigkeit, und sein Benehmen entspricht ganz dem eines freimütigen, besonnenen und kühnen Seemanns, als welcher er bekannt ist. Ein paar seltsam geformte Bote lagen auf dem Verdeck des Schiffes, die zugleich als Eisschlitten dienen sollen. Das Schiff selbst hat doppelte Wände, die mit Kork ausgefüllt sind, um die Wärme besser zusammen zu halten, und außerdem wird es mit conduits de chaleur geheizt. Alle Provisionen bestehen aus den stärksten Extrakten, so daß ein ganzer Ochse in seiner Quintessenz in die Rocktasche gesteckt werden kann, gleich den Stereotypen der chefs d'oeuvres der ganzen englischen Literatur in einem Bande. Alle Offiziere schienen Männer von großer Auswahl, besonders fand ich an dem Lieutenant Roß, der Parry auf allen seinen Fahrten begleitet hat, einen[402] sehr feinen und liebenswürdigen Mann. Das Schiff wimmelte von Besuchern, die fortwährend die Strickleitern hinanklimmten, und man konnte nicht ohne das lebhafteste Interesse diese Schiffmannschaft betrachten, die so heiter den größten Gefahren und Mühseligkeiten entgegen ging, nur der Wissenschaft zu Liebe, und um eine erhabene Neugierde zu befriedigen.

Zum Mittagsessen war ich bei einem Major der Horseguards eingeladen, welches in ihren Baracken stattfand. Es herrscht eine, viele Vortheile gewährende, Sitte bei dem englischen Militair, ich meine die sogenannte mess. Sie besteht darin, daß jedes Regiment seinen gemeinschaftlichen Tisch hat, zu dem jeder Offizier verpflichtet ist, ein Gewisses beizutragen, er mag nun davon profitieren oder nicht. Er hat aber das Recht dafür, täglich daselbst zu essen, und nach dem bestimmten Satz auch einen Gast mitzubringen. Ein Comité besorgt die Oekonomie, und schafft das Nöthige an. Am Tische selbst präsidirt ein Offizier nach dem andern, vom Obristen bis zum jüngsten Lieutenant herab, und bleibt, so lange er in Funktion ist, mit der nöthigen Autorität dazu bekleidet. Der Ton der Offiziere ist vortrefflich, und weit mehr gentlemanlike als in der Regel auf dem Continent, wenigstens was ich davon hier bei den Garden gesehen habe. Obgleich im Dienst die strengste Subordination herrscht, so sind sich doch ausser dem Dienst die Herren so vollkommen gleich, daß es dem Fremden durchaus unmöglich wäre, aus ihrem Benehmen die obern und[403] untern Offiziere heraus zu finden. Der Tisch selbst ist vortrefflich servirt. Es fehlte weder an einer eleganten silbernen Vaisselle, noch Champagner, Claret und allen Erfordernissen des Luxus. Auch wurde kein Gelag daraus, und die Unterhaltung blieb, bei aller Heiterkeit, in den Schranken des Anstandes. Das Ganze dauerte auch nicht zu lange, so daß ich noch Zeit übrig behielt, um einige Visiten in der Oper zu machen, wozu diese so bequem ist.


Den 28sten.


In den meisten Abendgesellschaften findet man ziemlich hohes Spiel sehr an der Tagesordnung, und die Damen sind dabei die leidenschaftlichsten. Das Gedränge um den Ecartétisch, der in Paris schon halb aus der Mode gekommen ist, nimmt hier nie ab, und auf den mit schwarzem Sammt und goldner Stickerei bezognen Tischen präsentieren sich die weißen Arme der englischen Schönen sehr gut. Vor ihren Händen muß man sich aber manchmal in Acht nehmen, car les vieilles surtout trichent impitoyablement. Es giebt einige alte Jungfern hier, die man in den allerersten Cirkeln antrifft, und die förmlich Metier vom Spiel machen, so daß sie ihre 50 Pfund auf einem Coup halten, ohne eine Miene dabei zu verziehen. Sie geben auch bei sich ganz eigentliche Spielgesellschaften, die einem tripot so ähnlich wie möglich sehen.

Nirgends begegnet der Liebhaber des »Mittelalters« mehr conservirten Frauen »fat, fair and forty« als[404] in der englischen Gesellschaft. Auch noch reifere Jahre machen sich geltend. Die Marquise S., welche beinahe 80 Jahre alt ist, kann man beinahe immer noch als die repandirteste Dame in London ansehen. Man ist sicher, ihr jeden Abend zu begegnen, und früh reitet sie dessen ungeachtet noch Tag für Tag in der manège. Ja auf dem Lande nimmt sie sogar noch zuweilen an den Fuchsjagden Theil, wo sie sich auf dem Pferde anbinden läßt, und da sie fast blind ist, einen Operngucker an der Reitpeitsche befestigt hat. Ein Piqueur reitet ihr vor und sie ihm getrost nach, über Zäune und Gräben. Neulich fiel sie eine hohe Treppe hinunter, erschien aber nichts desto weniger am dritten Tage darauf schon wieder auf dem Balle, wo man ausser einigen großen Schönpflästerchen auf der hochrothen Schminke nichts Aussergewöhnliches an ihr bemerkte. Früh nimmt sie gern Visiten an, wo man sie von einigen Papageyen und vier Hunden umgeben, mit einem kleinen Kantschu in der Hand, um die Tiere in Ordnung zu halten, auf ihrem Sofa sitzen, und so munter wie die Jüngste, an der Unterhaltung Theil nehmen sieht. Ihre eigenen Assemblees sind immer sehr besucht, obgleich die Gesellschaft daselbst etwas bunt melirt ist.

Die Marquise H ..., nicht viel jünger, muß sogar noch eine schöne Frau genannt werden, mit dem Port einer Monarchin, bei jeder passenden Gelegenheit mit Diamanten bedeckt, und die Honneurs ihres Hauses besser machend, als die meisten der exclusiven jüngern Schönheiten.[405]

In dieselbe Categorie gehört auch die alte Lady L ..., die noch immer den sentimentalen Namen Lady Emilie L ... führt, und auf dem Continent, besonders vom Congreß zu Aachen her, sehr bekannt ist, wo sie mit dem diamantnen Hosenbande ihres Mannes auf der Stirne erschien, während er einen mit Rubinen besetzten Haarbeutel trug.

Auch noch Burleskere dieser Klasse giebt es. Den ersten Rang darunter behauptet eine gewisse Gräfin, früher der Kaufmannswelt entsprossen, und eine große pazza per la musica, die sich jedesmal regelmäßig in die zuletzt angekommene große Sängerin verliebt, und ihr dann, gleich einer Busenfreundin, alle Vergnügungen der Hauptstadt verschafft. In einem sehr guten englischen Roman ward sie neulich unter dem deutschen Namen Geigenklang aufgeführt, und äußerst treu geschildert. Sie ist sehr reich, giebt gute Concerte und hat durch unerschütterliche Beharrlichkeit und Gefälligkeiten mancher Art, sich leidlich fashionable gemacht, es ist aber nicht möglich, in die große Welt eine weniger dahin passende Tournüre zu bringen, qui sent la bourgeoisie à trente pas, wie ein Ultra sagen würde.

Warum ihr übrigens der englische Satyriker den Namen Geigenklang gegeben, begreife ich nicht recht, da sie von allen Instrumenten, die sie so sehr anbetet, vermöge der Beschaffenheit ihres Teints, ihrer Taille und ihres Organs unbezweifelt nur mit der Trommel einige Aehnlichkeit hat.

Ich schloß meinen Tag mit Lektüre und Whist im Club, wo sich meine Partie sonderbar genug gestaltete:[406] der portugiesische Gesandte, der Napoleon auffallend gleicht, ein neapolitanischer Exminister, den das verfehlte Revolutioniren hierher gebracht, der französische Herr, den ich Dir in Brighton schilderte, und meine deutsche Wenigkeit, welche jedoch diesmal den Sieg davon trug, denn ich gewann 8 Rubber und zwei Affen (Monkeys).

Was ist ein Monkey? rufst Du.

Den verschiedenen Spielmarken hat die Mode solche eigentümlichen Namen gegeben: eine 25 L. St. Marke heißt ein Pony (kleines Pferd) und eine von 50 Pfund ein Monkey (Affe).

Den 3ten April.


Du bist schon gewohnt, daß ich Dich oft vom Palaste in die Hütte, und aus dem geschmückten Saal in die schönere Natur führe. Heute folge mir einmal zu meinem Zahnarzt, dem berühmten Herrn Cartright.

Dieser Mann gewinnt durch seine Kunst jährlich 10,000 L. St., und behandelt sie im grandiosesten Styl. Fürs Erste geht er selbst zu Niemand in seinem Geschäft, außer zum König. Jeder Andre, Herr oder Dame, muß zu ihm kommen. Aber auch das ist noch nicht hinlänglich. Man muß sich auch 8–14 Tage vorher anmelden, und um Audienz bitten. Dann erhält man eine Karte folgenden Inhalts:


»Es wird H. Cartright zum Vergnügen gereichen, N.N. den und den Tag um ... Uhr bei sich zu sehen.«
[407]

Erscheint man nun zur bestimmten Stunde, so wird man in ein elegantes Zimmer geführt, wo ein Fortepiano, Kupferstiche, verschiedene Bücher und andere Unterhaltungsmittel aufgestellt sind, um sich damit die Zeit zu vertreiben, eine ganz nothwendige Attention, da man gewöhnlich noch ein bis zwei Stunden hier warten muß.

Als ich kam, fand ich das Zimmer schon mit der Herzogin von Montrose und der Lady Melville mit ihren Töchtern besetzt, die gradatim abberufen wurden, so daß schon nach einer Stunde die Reihe an mich kam.

Ist man einmal so weit, so kann man aber gewiß auch höchst zufrieden seyn, denn Herr Cartright ist der geschickteste und wissenschaftlichste Mann seines Metiers, den ich kenne, von aller Charlatanerie gänzlich entfernt, was die difficilen Approchen kaum vermuthen lassen. Auch hat er seine festen Preise und übertheuert gar nicht, mais c'est un grand seigneur dentiste.

Nachdem ich Abends an vier bis fünf Orten vergebens etwas Interessantes aufgesucht hatte, fixirte ich mich endlich bei Lady C ..., durch die Bekanntschaft eines Capitain P ... gefesselt, ein halber Deutscher, der eben aus dem Morgenlande zurückkam, und eine sehr anziehende Beschreibung seiner dortigen Reisen machte. Er erzählte mir unter andern Folgendes von Lady Stanhope, einer Nichte Pitt's, die vor zehn Jahren England verlassen, eine Türkin geworden, und sich in Syrien etablirt hat.[408]

Sie wird jetzt von den Arabern wie eine Prophetin verehrt, und lebt mit allem Ansehen und der Pracht einer eingebornen Fürstin, erlaubt aber Europäern nur sehr selten den Zutritt.

Mit vieler Mühe und durch besondere Intriguen, gelang es endlich Capt. P ... vor sie zu kommen. Das Erste was sie mit ihm sprach, war die Aufforderung: sein Ehrenwort zu geben, daß er nie etwas über sie schreiben wolle. Sobald dieser Eid geleistet war (zu dem ich Gottlob nicht verpflichtet wurde), ward sie sehr heiter und gesprächig, und zeigte sich eben so unbefangen als geistreich. Sie machte kein Geheimniß daraus, daß sie dem christlichen Glauben entsagt habe, vertraute ihm aber zugleich, daß sie den wahren Sohn Gottes erst erwarte, dem sie selbst den Weg zu bahnen bestimmt sey. Hierauf zeigte sie dem Capitain eine prachtvolle arabische Stute vom edelsten Blut, die einen so seltsamen Knochenauswuchs auf dem Rücken hatte, daß dadurch die ganz ähnliche Figur eines Sattels gebildet wurde. »Dieses Pferd,« sagte sie, mit einer Miene, von der Capt. P ... behauptete, noch jetzt nicht zu wissen, ob sie Tollheit oder die Lust ihn zum Besten zu haben verrathen, »dieses Pferd hat Gott selbst für seinen Sohn gesattelt, und wehe dem Menschen, dessen Fuß es zu besteigen wagte! Unter meiner Obhut aber erwartet es seinen ächten Herrn.«

Im Verlauf des Gesprächs versicherte sie ihm noch en passant, daß Adam noch immer lebe, sie wisse auch[409] recht gut wo er sich aufhalte, könne sich aber darüber nicht deutlicher erklären.

P. erwiederte, er zweifle daran nicht, der alte Adam sey auch ihm sehr wohl bekannt. (Ich bemerke, daß Capt. P. auf einer deutschen Universität studirt hat, woher er wahrscheinlich den alten Adam kennt.)

Die Frau vom Hause, Lady Ch ..., dieselbe, deren grenzenlose Verehrung Napoleons ich schon erwähnte, hörte uns zu, und versicherte dem Capitain, er könne sich darauf verlassen, daß Lady Esther ihn wirklich bloß gefoppt habe, denn sie kenne sie genau, da sie mit ihr lange sehr intim gelebt, und nie habe es einen klareren, determinirteren und zugleich schlaueren weiblichen Geist gegeben.

Auf jeden Fall hat sie für eine solche Persönlichkeit zwischen Abend- und Morgenland einen guten Tausch gemacht. Sie herrscht, ist selbst unabhängig wie der Vogel in der Luft, und hätte inmitten der Civilisation sich der Sclaverey nie entreißen können, die vielleicht immer und ewig eben die Schattenseite aller Civilisation bleiben muß.


Den 4ten.


Sir Alex. Johnston, auch ein großer Orientalist, doch in anderem Sinne, hatte mich zu Tisch geladen, und würzte das Mahl durch seine geistreiche und gelehrte Unterhaltung. Er hat in seinem Fach schon[410] viel höchst Wichtiges zu Tage gefördert, doch sind wir Beide, gute Julie, zu unwissend in demselben, um daß ich Dich mit weitern Details darüber langweilen sollte. Doch Eins interessirt Dich vielleicht. Er erzählte von einem Caschmir-Shawl Typo Saybs, in Gold und allen Farben gewirkt, der 1000 L. St. werth, und zehn Ellen lang gewesen sey, ein Gegenstand, der allerdings eine weibliche Phantasie in Feuer setzen kann.

Abends sah ich noch ein wunderschönes Gemälde. Eine Venus von Titian, nur mit ihren Reizen bekleidet, wollüstig auf weiche Küssen hingegossen. Ein süßer Traum schien sie krampfhaft zu durchzucken, und mit den kleinen Händen bewahrte sie sich gleich der im Bade überraschten Venus.

Ich habe in meinem Leben nichts Schöneres gesehen, als dieses himmlische Wesen, höchst vorteilhaft von einem auflodernden Kaminfeuer beleuchtet, und das grelle Licht sanft durch den halb herabgezogenen Vorhang gedämpft. So weiß wie Schnee erschienen dahinter die schönen Glieder, auch nicht der leiseste Fehler war an dem üppigen, elastischen Körper zu entdecken, den eine Fülle brauner Locken umfloß, welche die Rosenknospen des jungfräulichen Busens nur wie verstohlen durchschimmern ließen. Die zarteste Hand, ein allerliebster Fuß, den kein zu enger Schuh verunstaltet hatte, Lippen zum Kusse geschaffen, und ein schmachtendes blasses Gesicht mit griechischen Zügen, das, waren auch die Augen geschlossen, doch durch ein schmerzlich süßes Lächeln hinreißend belebt wurde –[411] so erschien sie als das erregendste Ideal weiblicher Schönheit.

Ich war im Anschauen verloren – da, o Himmel! glaubte ich die dunkeln Augen sich öffnen, und mich freundlich anblicken zu sehen – die Sinne vergingen mir, und um vier Uhr Nachmittags erwachte ich erst.

Guten Morgen oder guten Abend also, comme il vous plaira.


Den 6ten.


Du bist wohl aus meinem letzten Gemälde nicht recht klug geworden. Es ist ein Räthsel, und bis du es erräthst, laß uns von etwas anderm sprechen.

Sage mir, warum erweckt alles durch die Kunst Abgespiegelte allein reines Wohlgefallen, während alles Wirkliche immer wenigstens eine mangelhafte Seite hat? Wir sehen die Qual des Laocoon in Marmor mit ungestörtem Genuß, während die Scene in der Natur uns nur Grausen erregen würde. Ein Fischmarkt in Holland vom launigen Künstler mit täuschender Treue wiedergegeben, ergötzt uns, und unser Vergnügen vermehrt sich, je mehr wir das Detail verfolgen – am wirklichen aber gehen wir schleunig mit abgewandten Augen und Nase vorüber. Leiden und Freuden des Helden, den der Dichter schildert, berühren uns mit gleichem innern Wohlgefallen, während an uns und andern die wahren Leiden schmerzen, die wahren Freuden immer noch viel zu[412] wünschen übrig lassen, und selbst das erreichte Glück, wäre es überhaupt möglich, doch immer noch den herben Gedanken mit sich führen müßte: Wie lange wird es dauern? Drum sagt wohl Schiller: »Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.« Also die Kunst allein, die Gebilde der Phantasie gewähren eigentlich das wahre Glück – und darum laß uns, gute Julie, immer ein wenig frohlocken, daß auch in uns eine rege bildende Phantasie lebt, die uns zuweilen Genüsse schenkt, welche die Wirklichkeit nicht hat.

Soll ich mir gleich ein solches harmloses Fest bereiten, und über das Meer zu Dir hinüberfliegen? – Denn gar zu lange schon waren wir getrennt!

Ach wie schön finde ich Alles! Es ist Frühling, die Veilchen duften nach dem Gewitter bezaubernd süß, Schwalben schwirren durch die Lüfte und gute kleine Bachstelzen schwänzeln lustig am See. Hinter der letzten schwarzen Wolke tritt eben in aller ihrer Pracht die Sonne hervor, und zeichnet mit leuchtender Schrift seltsame Charaktere auf die entfernten Berge. Die alten Linden um uns glänzen wie Smaragd, bunte Schmetterlinge versuchen zum erstenmal ihre leichten Schwingen, und gaukeln wie trunken über den Rasenteppich hin, Bienen summen emsig um tausendfache Blüthen, und grüne Käfer glittern im Sonnenlicht. Aus dem Abend aber erhebt sich ein prachtvoller Bogen, spannt sich am blauen Himmel über das Schloß hin, und versinkt jenseits im schwarzen Föhrenwald. Da wird das freundliche, weiß gedeckte Tischchen mit hellpolirtem Silber besetzt, herbeigebracht, und mitten[413] unter die Blumen hingestellt. Die saftigen Früchte des Treibhauses, Hyacinthfarbner Xeres in crystallner Flasche und vom Eise mit mattem Dunst umzogner Champagner erwarten die Gäste. – Und siehe! wer kommt da gravitätisch und langsam durch die blaurothen Fliederbüsche mit vieler Dignität herangewandelt?

Ah Du bist es, gute Julie, rufe ich entzückt, stürze auf Dich zu, und . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Hélas, mon chancelier vous dira le reste!

So malt die Phantasie – was mich aber in der Realität leider verstimmt, ist, daß ich wieder recht lange ohne einen Brief von Dir bin, den ich doch notwendig brauche, um meine Nerven wieder zu stärken. Da sitze ich nun ganz traurig, nur mir selbst gegenüber? Doch glaube deßhalb nicht, daß ich ein Doppelgänger sey – es ist diesmal blos der Spiegel, der mein Bild zurückwirft, denn ich mache eben Toilette für ein paar »russische Dampfbälle« wie man die hiesigen nennen sollte.


Den 7ten.


Da ich zu dem großen Diné des Major eingeladen worden bin, ritt ich heute nach der City, um ihm vor her einen Besuch zu machen. Dies ist mit einem unruhigen Pferde eine fast bedenkliche Sache. Auch kam ich einmal so ins Gedränge, daß ich nothgedrungen auf die Trottoires ausweichen mußte. Hier fand nun sogleich der englische Pöbel sein Recht verletzt, ohne[414] darauf Rücksicht zu nehmen, daß die Noth nur mich dazu zwang, fieng an zu schimpfen, und Einige mein Pferd zu schlagen, ja ein ungeheurer Coloß von Karrenschieber proponirte mir sogar, die geballte Faust emporhebend, mit mir zu boxen, worauf mich einzulassen ich jedoch gar keine Lust verspürte, obgleich ich schon einige Boxstunden genommen habe, sondern eiligst eine, sich zu meinem Heil öffnende Lücke benutzte, um mich davon zu machen. Das tägliche Gewühl in dieser City, und die Theilnahmlosigkeit der finstern, rastlos an Einem vorüberstreifenden Gesichter hat etwas höchst Lügubres, und jede Distraktion kann dem Reitenden oder Fahrenden Gefahr bringen, sich oder sein Vehikel beschädigt zu sehen.

Als ich bei dem Assekuranzhause vorbei kam, imponirten mir auf den drei verschiedenen Bureaux die riesengroßen Inschriften:


»Meer, Feuer, Leben


Einem Wilden würde man schwerlich begreiflich machen, wie man auch das Leben versichern könne. Ich wollte mich schon erkundigen, ob ich hier viel leicht auch Deine Briefe verassecuriren könnte, die wahrscheinlich im Meere liegen, weil sie so lange ausbleiben. Da ihr Werth jedoch unschätzbar ist – so gieng es nicht.

Ich aß beim Grafen Münster zu Mittag, einem herrlichen Repräsentanten Deutschlands auf dieser Insel, der auch in seinem Hause die deutsche Sitteneinfalt möglichst beibehalten hat. Jeder kennt ihn als ausgezeichneten Staatsmann, aber auch seine häuslichen Talente sind sehr liebenswürdig. So malt und[415] componirt er selbst geistvoll hier in England die Verzierungen seiner Stammburg am Harze, und seine Gemahlin führt seine Zeichnungen auf Glas mit ungemeiner Kunstfertigkeit aus; so daß in wenig Jahren die Schloßkapelle ganz mit ihren eigenen Arbeiten auf den bunten Fenstern prangen wird. Die deutsche Hausfrau ist dabei keine moderne, bloße schöngeistige Künstlerin, sondern versteht eben so gut, wie eine der alten Ritterdamen, die ihr Pinsel darstellt, vortreffliches Bier im eignen Hause zu brauen, von dem sie mir neulich eine Probe verehrte, die ich mit der Dankbarkeit eines Gastes aus Walhalla austrank.

Ein großes Fest bei Lord Hertford mit Concert, Ball, französischer Comödie etc. versammelte Abends die fashionable und auch halb fashionable Welt1, in einem prächtigen und sehr geschmackvoll meublirten Hause. Das Eigenthümliche desselben ist, daß alle Zimmer in fleischfarbnen Stuck und Gold, mit schwarzen Bronzen, sehr großen Spiegeln, und seidnen Vorhängen in Cramoist, eins wie das andere ausgeziert sind, und eben durch diese Einfachheit grandiosen Effekt hervorbringen. Nur der Saal (für London von ungewöhnlichem Umfang) ist weiß und gold, der Boden mit Scharlachtuch belegt, und Meubles und Vorhänge von derselben Farbe. Die Gesellschaft, c'est a dire die Foule war übrigens nicht belebter als gewöhnlich, das Ganze magnifiquement ennuyeux.[416]

Ein andres sehenswerthes Haus ist das des großen Banquier ..., vorzüglich wegen seiner schönen Gemäldesammlung. Auch bewundert man hier den Triumph neuerer Sculptur, Thorwaldsons Jason, und mehrere wertvolle Antiken. Auf einem Absatz des Hauses sind hängende Gärten angebracht, und obgleich die Pflanzen nur 3 Fuß Erde haben, wachsen sie doch sehr üppig. Ihre Besitzerin ist aber keine Semiramis, il s'en faut, obgleich sie nicht mindere Schätze, und vielleicht noch etwas mehr Stolz besitzt, sc. Geldstolz, denn für eine andere Art Stolz fehlt wohl die Gelegenheit.

Ich konnte manchmal nicht umhin, sie deshalb in Gedanken mit ihrer noch weit reicheren Nebenbuhlerin Madame R ... zu vergleichen, und mich zu verwundern, daß die jüdische Geldkönigin weit über der christlichen an herzlicher Liebenswürdigkeit und äußerm Anstande stehe.


Den 8ten.


Was zu der Dullneß der englischen Gesellschaften viel beiträgt, ist die hochmüthige Weise, nach welcher Engländer (wohl zu merken in ihrem eignen Lande, denn abroad sind sie zuvorkommend genug) nie einen Unbekannten anreden, und wenn man sie auf diese Weise anspricht, es fast wie eine Beleidigung markiren. Sie machen sich zuweilen selbst darüber lustig, ohne doch jemals anders zu handeln, wenn sich die Gelegenheit dazu darbietet. Man erzählt: eine Dame[417] habe einen Menschen ins Wasser fallen sehen, und den sie begleitenden Dandy, einen bekannten guten Schwimmer, inständig gebeten, dem Unglücklichen doch zu Hülfe zu kommen. Ihr Freund ergriff, mit dem Phlegma, welches ein Haupterforderniß der heutigen Mode ist, seine Lorgnette, schaute ernsthaft auf den Ertrinkenden, dessen Haupt gerade zum letztenmal auftauchte, und erwiderte dann, sich ruhig zu seiner Gefährtin wendend: It's impossible Mad'm, I was never introduced to this gentleman.

Einen Mann von ganz verschiedenen Sitten lernte ich heut Abend kennen, den persischen Chargé d'affaires, ein Asiate von sehr gefälligen Manieren, und dessen prächtige Kleidung und schwarzer Bart nur durch die persische spitze Mütze aus Schaffellen in meinen Augen entstellt wurde.

Er spricht schon ganz gut englisch, und machte recht feine Bemerkungen über Europa. Unter andern sagte er, daß wir zwar in sehr vielen Dingen weiter wären als sie, dagegen stünden bei ihnen alle Ansichten fester, und jeder begnüge sich daher mit seinem Schicksal, während er hier eine beständige Gährung, eine ewige Unzufriedenheit der Massen wie der Einzelnen bemerke, ja er müsse gestehen, er selbst fühle sich schon davon angesteckt, und werde rechte Mühe haben, in Persien wieder ins alte glückliche Gleis hinein zu kommen, wo einer, dem es nicht gut gehe, sich schon damit tröste, daß er ausrufe: Wessen Hund bin ich denn, um glücklich seyn zu wollen![418]

Das giebt in der That den Verfolgern des Ideals, zu welcher geheimen Gesellschaft ich leider auch gehöre, viel zu bedenken!

Ein Ball bei Mrs. Hope war außerordentlich prächtig, mais c'est toujours la même chose. In der Gesellschaft, welche ich vorher besuchte, ward ich dem Herzog von Gloucester vorgestellt, was ich bloß derwegen erwähne, um zu bemerken, daß die hiesigen königlichen Prinzen eine artigere Etikette beobachten, als an vielen Höfen auf dem Continent; denn der Prinz, welcher Whist spielte, stand von der Partie auf, und setzte sich erst nach der kurzen Unterhaltung mit mir wieder nieder.

Doch erlaube mir noch einen Augenblick, zum Anfang des Tages zurückzukehren.

Die Gärten der Umgegend stehen nun schon in voller Blüthe, das Wetter ist schön, und mein heutiger Morgenritt führte mich daher wohl bis 20 Meilen weit von der Stadt. Die Mannigfaltigkeit und der Reichthum dieser Promenaden sind, selbst in den Vorstädten schon, den Umgebungen andrer Hauptstädte sehr überlegen, welche wohl hie und da schöne Natur, aber nie diese reizende Mischung von Natur und höchster Kultur, wenigstens nicht in dem Maaße darbieten.

Ich wäre gerne immer weiter und weiter geritten, und drehte nur endlich nothgedrungen mit schwerem Herzen wieder um. Die Wiesen um mich her waren so üppig, daß sie nur in der Ferne grün erschienen, in der Nähe aber blau, gelb, roth und lilla schillerten[419] wie ein Teppich aus Turnay. Bis an den Bauch wadeten die Kühe in den bunten Blumen, und ruhten im Schatten colossaler Laubgewölbe, die keinem Sonnenstrahl den Durchgang verstatteten. Es war herrlich, und unsers lieben Gottes Hausmannskost hier reicher ausgeschmückt als es aller Luxus der Kunst nicht zu erreichen vermag. Nach einer Stunde gelangte ich auf einen Hügel, wo eine ansehnliche Kirchenruine in der Mitte eines kleinen Gärtchens stand. Die Sonne warf hinter einer deckenden Wolke Strahlen über den ganzen Himmel, gleich einem ungeheuren Fächer, dessen Knopf gerade auf der Weltstadt ruhte, dem unermeßlichen Babel, das sich mit seinen tausend Thürmen und hunderttausend Sünden, seinen Nebeln und Rauch, seinen Schätzen und Elend, unabsehbar vor mir ausbreitete. Es half nichts! ich mußte hinein, aus dem Frühling der keimenden Knospen, aus den grünen Auen, wieder hinein in den Macadamisirten Sumpf, in das ewige todte Einerlei zu Diné und Rout!

Nimm Abschied von mir – der nächste Brief erst schildert weiter, was aus Daniel in der Löwengrube geworden.

Dein treuer Freund L.


Ende des dritten Theiles.

1

Wie es in England viertel, halbe, dreiviertel und ganze Blutpferde giebt, so werden auch Fashionables ebenso und noch subtiler geviertheilt.

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Dritter und Vierter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland und England geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828, Band 4, Stuttgart 1831.
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