Achter Brief.

[203] Watford, den 25. Dez. 1826.


Liebe Getreue!


Heute früh ging es endlich fort, leider bei schlechtem, regnigtem Wetter. Zehn Meilen von London begannen wir schon, in dem freundlichen Flecken Stranmore, unser Geschäft mit Besichtigung zweier Villen und eines größern Parks. Die erste Villa war durchgängig im gothisch-ländlichen Styl, mit spitzen verzierten Ziegeldächern, aufgebaut, ein genre, worin die englischen Architekten sehr glücklich, und ich möchte sagen, gemüthlich sind. Auch das Innere war allerliebst in demselben Styl durchgeführt, und doch höchst wohnlich und einladend. Selbst die Thüren in den Mauern, welche den Küchengarten umschließen, hatten oben bunte alte Fenster, die im blühenden Gebüsch sich überraschend abzeichneten. Der kleine Blumengarten[204] war gleichfalls mit gotischen Beetformen, von Kieswegen umgeben, ausstaffirt, und die Spielerey erschien gar nicht übel.

Sehr verschieden präsentirte sich die zweite Villa, im italienischen Geschmack, mit großen Vasen davor, in welche man, statt Blumen, kleine Kürbisse und gelbe und grüne ausgehöhlte Pomeranzen aufgethürmt hatte. Etwas zuviel hölzerne, und weiß angestrichne Statüen zierten, oder verunzierten vielmehr, die Gärten, unter denen ein jähling hervorstürzender Löwe vergeblich Schrecken einzuflößen suchte, eben so wenig wie ein Amor, der in den Zweigen hängend, seine Pfeile auf die Vorübergehenden abzuschießen drohte.

Die Priory, ein ehemaliges Kloster, jetzt Schloß und Park des Grafen Aberdeen, bietet manches Sehenswerthe dar. Die Menge herrlicher Fichten und Nadelholz im Park erinnert dabei, mehr als hier gewöhnlich, an das Ausland. Das einfach schöne Schloß ist auf allen Seiten durch hohe und niedrige Bäume fast gedeckt, so daß man es nur theilweise durchschimmernd erblickt, oder nur über die Bäume hervorragen sieht. Dies ist den Gebäuden, besonders alterthümlichen, immer sehr vortheilhaft, und überhaupt findet man hier selten jene langen und schmalen, durch nichts unterbrochnen Aussichten über ebnen Rasen, der Triumph unsrer Gartenanleger, der aber nur dazu dient, das Weite näher erscheinen zu machen, als es wirklich ist. Wir gingen ziemlich lange in den Anlagen umher, während einige junge Damen und Söhne des[205] Hauses, hübsche Knaben, uns auf kleinen schottischen Ponys umschwärmten, bis sich einer der letzten als Führer zu uns gesellte, und auch das Innere des Schlosses zeigte, dessen dunkle Mauern von aussen höchst üppig bis ans Dach mit Epheu, spalierartig gezogenen Granatbäumen, und Monatsrosen bedeckt waren.

Erst mit einbrechender Dunkelheit verließen wir den Park, und erreichten in einer halben Stunde das Städtchen Watford, in dessen gutem Gasthof ich jetzt ruhe. R. benutzt die Gelegenheit, sich Dir unterthänig zu empfehlen, und schreibt mit einer Emsigkeit an seinem Tagebuche, die mich lachen macht.

Nachträglich muß ich doch noch bemerken, daß wir in der Priory (ich stehle es aus dem erwähnten Tagebuche) einen einzelnen Rhododendron-Strauch im Freien stehen sahen, der 15 Fuß hoch war, und mit seinen dichten Zweigen über 25 Fuß im Umfang maß. Solche Vegetation ist einladender für Parkomanie, als es uns geboten wird!


Woburn, den 26sten.


Wir haben die Berechnung gemacht, liebe Julie, daß wenn Du mit uns wärest, ein Wunsch, der Deinen treuen Dienern stets gegenwärtig ist, Du täglich, vermöge Deiner Abneigung gegen Fußbewegungen, höchstens 1/4 Park sehen könntest, und wenigstens 170[206] Jahre brauchen müßtest, um alle Parks in England zu besichtigen, deren es ohne Zweifel Hunderttausende giebt, denn es wimmelt davon, wo man nur hinkömmt. Natürlich ziehen wir nur die größten, oder was uns grade von den kleinen Villen en passant aufstößt und auffällt, in Betracht. Dennoch sehen wir heute schon so viel Herrliches und stolze Schlösser, daß wir noch ganz entzückt davon sind, denn auch ich habe es nie mit der Vorschrift des nil admirari halten mögen, die jeden herzlichen Genuß benimmt.

Ehe ich mit der Beschreibung anfange, muß ich aber den guten Gasthöfen gleichfalls ihr Recht wiederfahren lassen, die man hier, auch auf dem Lande und in den kleinsten Oertchen, überall gleich sorgfältig gehalten, antrifft. Reinlichkeit, große Bequemlichkeit und sogar Eleganz sind immer darin vereinigt, und man muthet nie dem Fremden zu, in demselben Zimmer zu wohnen, zu essen und zu schlafen, wie in den deutschen Gasthäusern, wo es eigentlich nur Tanzsäle und Schlafstuben giebt.

In der Regel ist das Tischgeräth Silber und Porcellain, die Meubles zweckmäßig, die Betten stets vortrefflich, und niemals fehlt das freundlich flackernde Kamin.

Die detaillirte Beschreibung des Frühstücks am heutigen Morgen gebe Dir die beste Idee von dem comfortablen Leben und den Bedürfnissen hiesiger Reisenden.

[207] NB. ich hatte nichts bestellt als Thee, und Folgendes fand ich, als ich aus dem Schlafzimmer hinunter kam, in diesem kleinen Städtchen bereitet, das kaum den Umfang eines Dorfes hat. Auf der Mitte des Tisches dampfte eine große Teemaschine, zierlich umstellt mit silberner Theekanne, Spülnapf und Milchtopf. Drei kleine Wedgewood-Teller mit eben so viel Messern und Gabeln nebst zwei großen Tassen von schönem Porcellain erwarteten ihre Füllung. Daneben stand einladend ein Teller mit gekochten Eyern, einer dito mit gerösteten oreilles de cochon à la sainte-Menéhould, eine durch heißes Wasser erwärmte Schüssel mit Muffins, eine andere mit kaltem Schinken, flockiges Weißbrot, dry- und butterdtoast, die beste frische Butter in elegantem Crystallgefäß, bequeme Streubüchsen zu Salz und Pfeffer, englischer Senf und moutarde de maille, endlich eine silberne Theeschachtel mit sehr gutem, grünem und schwarzen Thee.

Dieses ganz luxurieuse Mahl, von dem Du hoffentlich finden wirst, daß ich es so pittoresk wie eine Landschaft beschrieben habe, ist noch obendrein verhältnißsmäßig sehr billig, denn es stand auf meiner Rechnung nur mit 2 Schilling (16 Gr.) angesetzt. Im Ganzen ist aber das Reisen dennoch sehr kostspielig, besonders die Postpferde grade viermal theurer als bei uns, und Trinkgelder den ganzen Tag über nach allen Seiten auszutheilen.

Um 10 Uhr erreichten wir Cashbury Park, den Sitz des Grafen Essex. Ich ließ mich bei ihm melden,[208] und er schickte mir seinen Schwiegersohn M.F ...., den ich schon in Dresden gesehen hatte, und hier dessen Bekanntschaft mit Vergnügen erneuerte, um mich herumzuführen. Das Schloß ist modern gothisch, und prachtvoll meublirt. Man tritt zuerst in eine Halle mit bunten Fenstern, die auf einen innern Hof die Aussicht öffnen, der als Blumengarten benutzt ist; aus der Halle gelangt man seitwärts durch eine lange mit Waffen behangene Gallerie an die reich aus Holz geschnitzte Treppe, welche in den obern Stock führt, und von da in die Bibliothek, die hier fast immer auch als Hauptsalon für die Gesellschaft dient. Alles dies ist ebner Erde. Die Bibliothek hat zwei kleine Cabinets nach dem Garten zu, beide mit seltenen Sachen angefüllt. Unter diesen gefielen mir besonders zwei humoristische Handzeichnungen von Denon, darstellend das Lever des Cardinal Bernis in Rom, und ein Diné bei Voltaire, mit dem Abbé Maury, Diderot, Helvétius d'Alembert und einigen andern Philosophen. Sämmtliche Personen sind Portraits.

Interessant war auch ein vollständiges kleines Ameublement der Königin Antoinette, auf dem die Bildnisse ihres Gemahls und Heinrich des Vierten an mehreren Orten angebracht waren. Aus der Bibliothek ging man in ein eben so reiches zweites Gesellschaftszimmer, und aus diesem in den Speisesaal. Neben beiden zog sich ein Gewächshaus in Form einer Capelle hin, und überall boten die bis auf den Boden gehenden Fenster die Aussicht auf den herrlichsten, von einem Fluß durchströmten Park. Auf[209] einer fernen Anhöhe sah man in eine sehr breite Lindenallee hinein, an deren Ende im Sommer eine Zeit lang die Sonne täglich untergeht, welches auf diese Art in der graden Verlängerung des Gewächshauses die prachtvollste natürliche Decoration abgeben muß, um so mehr, da die Sonne zugleich in einer großen Spiegelthüre gegenüber wieder zurückstrahlt. Die Wände dieser Zimmer sind alle mit eichner Boiserie bekleidet, mit kostbaren Simsen und Schnitzwerk, die Meubles von Rosenholz (Rosewood), Seide und Sammt, und werthvolle Gemälde in alterthümlichen goldnen Rahmen schmücken die Wände. Die Verhältnisse der Zimmer kann man fast Saalartig nennen, alle regelmäßig zu 14 Grad Reaumur mit Dampf geheizt.

Die etwas entfernten Ställe und alle Haushalts-Gebäude sind links durch eine crenelirte Mauer mit dem Schlosse verbunden, so daß das Ganze wohl 1000 Fuß weit sich ohne Unterbrechung hinzieht.

Die Blumengärten nehmen einen bedeutenden Raum ein. Ein Theil davon war nach der gewöhnlichen Art eingerichtet, d.h. ein langes Gewächshaus im Fond, und davor mehrere berceaus und schattige Gänge um einen großen Rasenplatz, der mit Beeten aller Formen, seltenen Bäumen und Sträuchern vollgesetzt ist; dann aber kam etwas Neues: nämlich ein tiefes abgesondertes Thal von ovaler Form, rund umher dicht mit Immergrün, Lorbeer, Rhododendron und Steinpflanzen, auf künstliche Felsen undurchdringlich dick gepflanzt, hohe Fichten und Eichen dahinter, mit ihren[210] im Winde wehenden Wipfeln, und an dem einen Ende des Platzes eine freistehende, prachtvolle Linde, von einer Bank umgeben. Von dieser aus bedeckte das ganze kleine Thal, auf Kiesgrund, ein gesticktes Blumenparterre von sehr lieblichen Formen, wiewohl völlig regelmäßig. Der Ausgang aus diesem Bezirk führte durch eine von Epheu überwachsene Grotte, mit Feuersteinen und Muscheln ausgelegt, in einen viereckigen von einer Lorbeerhecke umgebenen Rosengarten, in dessen Mitte ein Tempel, und gegenüber ein Gewächshaus für Wasserpflanzen stand. Die Rosenbeete bilderen verschiedene sich in einander verschlingende Figuren. Ein mit der Schere geschnittener dichter Laubgang von Buchen wandt sich von hier schlängelnd in den chinesischen Garten, der ebenfalls von hohen Bäumen und Mauern umgeben war, und eine Menge Vasen, Bänke, Fontainen und ein drittes Gewächshaus enthielt, Alles im, auf's treueste nachgebildeten chinesischen Style. Hier waren Beete mit Ringen von weißem, blauem und rothem Sand umzogen, barokke Zwergpflanzen, und viele Dutzend große chinesische Vasen auf Postamente gestellt, die rankendes Immergrün und ausländische Gewächse dicht bezogen. Die Fenster des Hauses waren wie chinesische Tapeten bemalt, und Verkleinerungsspiegel im Innern angebracht, die uns wie in der Camera obscura präsentirten. Ich sage nichts von der reichen Treiberei und Gemüsegärten mit ihren endlosen Mauern und Reihen von Glashäusern zur Aufbewahrung der Blumen etc. etc., Du kannst Dir den Maßstab selbst[211] anlegen, wenn ich Dir Herrn F....s Versicherung wiederhole, daß die Unterhaltung des ganzen Parks und Schlosses 10000 Pfd. Strl. jährlich kostet. Der Graf hat für Alles, was er dazu braucht, eigne Leute und Handwerker, Maurer, Zimmerleute, Tischler etc., deren Jedem sein bestimmtes Fach angewiesen ist. Einer z.B. hat blos alle Zäune zu erhalten, ein anderer die Zimmer, ein dritter die Meubles etc., eine auf dem Lande sehr nachahmungswerthe Einrichtung.

Ich machte dem alten Grafen, den die Gicht im Zimmer hielt, meinen Besuch, und erhielt von dem freundlichen alten Mann die besten Informationen und (sehr nöthige) Einlaßkarten für meine weitere Reise.

Unsere Tour ging zuerst, lange noch im Park herumführend, zu einer Hauptparthie desselben, das Schweizerhaus genannt, das mitten in einem Wäldchen sehr reizend und heimlich am Flusse gelegen ist. Wir fuhren über den Rasen dahin, weil viele Parks hier, ganz wie freie Natur behandelt, und wie ich schon erwähnt, der Ersparung wegen oft nur einen Weg haben, der zum Schlosse hin, und auf der andern Seite wieder herausführt. Auf die Landstraße zurückgekommen, legten wir durch ein immer gleich schönes, an Fruchtbarkeit und Vegetation üppiges Land, 20 Meilen bald zurück, so daß wir schon um 3 Uhr Ashridge Park erreichten, den Sitz der Grafen von Bridgewater. Hier kannst Du mir, liebe Julie, etwas näher kommen, wenn Du Reptons Gartenbuch[212] aufschlägst, wo Du mehrere Ansichten und den Grundplan der reizenden hiesigen Gärten findest, die der alte Repton selbst angelegt. Erinnere Dich nur des Rosary, so wirst Du es gleich aufzusuchen wissen. Dieser Park ist schon einer der größten in England, denn er mißt über drei deutsche Meilen im Umfang, und das ebenfalls moderne gothische Schloß ist mit allen seinen Mauern, Thürmchen und Höfen fast unabsehbar. Ich muß jedoch aufrichtig gestehen, daß dieser neugothische genre, (castellated style) der sich in der Zeichnung so feenhaft ausnimmt, in der Wirklichkeit oft durch seine Ueberladung und Unzweckmäßigkeit nicht nur geschmacklos, sondern sogar etwas läppisch ausfällt.

Wenn man in der cultivirtesten, friedlichsten Wiesenfläche, unter dem Flor unzähliger Blumen, eine Art Festung mit hundert Thürmen, Schießscharten und Brüstungen gewahr wird, die alle nicht den mindesten Zweck haben, und obendrein in ihrer Basis fast nichts als Glaswände (die Gewächs- und Treibhäuser, welche mit den Zimmern in Verbindung stehen) darbieten, so ist dies wahrlich eben so lächerlich, als wenn der Besitzer dieser lieblichen Blumengärten, darin in Helm und Harnisch, wie weiland Den Quixote, spazieren gehen wollte. Der antike, alt italienische oder blos romantische, unsrer Zeit angepaßte Styl harmonirt unendlich besser mit solcher Umgebung, erscheint freundlicher und selbst bei weit geringern Massen, dennoch grandioser. Das Innere des Schlosses war dagegen von der größten Wirkung,[213] und durchaus fürstlich zu nennen. Sehr vernünftig hatten sich die Besitzer für die Gesellschaftszimmer nur auf wenige, aber dafür sehr geräumige Pieçen beschränkt. Auch hier tritt man zuerst in die Halle, mit Rüstungen und alterthümlichen Meubeln geschmückt. Dann kömmt man in das Treppenhaus, das prächtigste, was man in dieser Art sehen kann. Durch drei hohe Etagen aufsteigend, mit eben so viel rund umher laufenden Gallerieen erreicht es die Höhe und Größe einer Kirchenkuppel; die Wände sind von polirtem Stein, die Treppengeländer von glänzendem Messing, die Decke aus schön in Holz geschnitzten Caissons, mit Malerei verziert, und rund umher, durch alle drei Etagen hinauf, sind Nischen mit den Standbildern der Könige Englands aus Stein angebracht. Aus diesem Treppenhaus gelangten wir in einen Saal mit rothem Sammt und vergoldeten Meubeln geschmückt, vorn durch ungeheure Fenster erleuchtet, die fast die ganze Wand einnehmen, und die Aussicht auf den pleasure ground und Park eröffnen. Seitwärts zur Linken ist ein eben so großes Zimmer, wo das Billard steht, und daneben die Bibliothek. Auf der andern Seite in derselben Eenfilade schließt sich der Speisesaal an, und hinter diesem ein herrliches Gewächs- und Orangerie-Haus, durch welches man in die Kapelle eingeht, die mit zehn alten achten Glasfenstern von großer Schönheit, und mit kostbaren Holzreliefs prangt. Alle Bänke darin sind von Nußbaum, mit Kramoisi-Sammt ausgeschlagen.[214]

In den Zimmern hängen einige schöne und interessante Gemälde, jedoch meistens von modernen Meistern. Pleasure ground und Gärten sind noch größer als in Cashburypark. In Reptons Werk wirst Du sie zum Theil finden, nämlich den amerikanischen Garten, den Mönchs-Garten und das Rosary – wozu noch hinzugekommen sind: 1) der sehr zierliche französische Garten, mit einer bedeckten Gallerie an einer Seite, einem porcellanartigen Aufsatz mit Blumentöpfen in der Mitte, und einem großen Parterre, von dem jedes Beet eine besondere Blumenart enthält: – 2) der Felsengarten, wo alle Steinpflanzen vereinigt sind, so wie alle rankenden Gewächse. Es gehört wahrlich die lange Gewohnheit eines großen Luxus dazu, um ein so mannichfaltiges, überall gleich exemplarisch gut erhaltenes Ganze sich nur auszudenken, denn man muß gestehen, daß selbst unsre Souveraine in der Regel nur Theile von dem besitzen, was hier vereinigt ist. Einige 1000 Stück Wild und unzählige Gruppen von Riesenbäumen zieren den Park, der, nur den hindurchführenden Weg abgerechnet, ebenfalls ganz der Natur und vielen waidenden Heerden überlassen ist.

Nimm es immer als ein kleines Opfer an, liebe Julie, daß ich so treu diese Details Dir beschreibe, die bei unsern eigenen Plänen und Bauten doch nicht ohne Nutzen sein möchten, und wenigstens gewiß noch mühsamer zu schreiben als zu lesen sind1.[215]

Zu besserer Versinnlichung nehme ich von allem Interessanten Zeichnungen in meine Schreibtafel, die uns einst, als Anregung zu neuen Ideen, gut zu statten kommen sollen. Morgen werden wir des Herzogs von Bedford, eines der reichsten Edelleute in England, nahes Schloß sehen, Woburn Abbey, welches Ashridge noch eben so sehr an Größe übertreffen soll als dieses Cashburypark, eine sehr angenehme Steigerung.

Der Gasthof, wo ich schreibe, ist wieder sehr gut, und ich gedenke, nach allen Fatiguen, meiner Hauptmahlzeit so viel Ehre zu machen als dem Frühstück, obgleich diese hier viel einfacher ist, und Tag vor Tag in zwar ganz guten, aber auch immer denselben Gerichten besteht. Die ewigen muttonchops und ein gebratenes Huhn mit breadsauce, spielen mit den bloß in Wasser gekochten Gemüsen, und der englischen National-Sauçe: zerlassener Butter mit Mehl, immer die Hauptrolle dabei.


Leamington, den 27sten.


Ich befinde mich jetzt in einem großen Badeorte, von dem ich jedoch noch nicht viel gesehen habe, da ich um 11 Uhr in der Nacht so eben erst angelangt bin. Ein großer Theil des Tages ging mit der interessanten Besichtigung von Woburn Abbey hin.

Dieser schöne Pallast ist im italienischen Geschmack, einfach und edel aufgeführt, unendlich befriedigender[216] als der kolossale gothisch seyn sollende nonsense. Mit seinen Ställen, Reitbahn, Ballhaus, Statuen und Bildergallerie, Gewächshäusern und Gärten bildet er eine kleine Stadt. Seit 300 Jahren, ein auch in England seltner Fall, vererbte sich diese Besitzung regelmäßig in derselben Familie fort, so daß es auch nicht zu verwundern ist, wie bei einer Million Revenüen nach unserm Gelde, ein Zusammenfluß von Pracht hier entstehen konnte, der bei uns die Kräfte jedes Partikuliers übersteigt, um so mehr, da, wäre auch das Geld hie und da in derselben Profusion vorhanden, doch keine seit Jahrhunderten darauf gerichtete Cultur uns die Mittel zu einem so vollendeten Ganzen des raffinirten Luxus zur Hand läßt.

Das eigentliche Schloß ist ein regelmäßiges Viereck und die bel etage, welches auf dem Lande immer die de plein pied ist, bildet eine ununterbrochene Reihe, das ganze Viereck umschließender Zimmer. Diese Zimmer sind mit kostbaren Gemälden geschmückt, und außerdem reich in schweren Stoffen meublirt, Decke und Thürembrasuren von weißer Stuckatur mit Gold, oder aus seltnen geschnitzten Hölzern, Alles eben so einfach als gediegen. In dem einen Zimmer war eine merkwürdige Sammlung von Miniatur-Portraits der Familie, vom ersten Russel (der Familienname der Herzöge von Bedford) bis auf den jetzigen Herzog, in ununterbrochener Linie gesammelt. Unter solchen Umständen kann man wohl ein wenig auf seine Familie und seinen Adel stolz seyn.[217]

Diese Miniaturen waren auf eine sehr geschmackvolle Art in einem langen schmalen Goldrahmen auf Cramoisi-Sammt gereiht, und Medaillonvise eingelassen.

Die Camine sind größtentheils von vergoldetem Metall, mit hohen Marmoreinfassungen, die Kronleuchter ebenfalls von Bronce, reich vergoldet, überall die angemessenste Pracht, wiewohl ohne alle Ueberladung. Den Beschluß machte die Bibliothek, in zwei Säle vertheilt, und höchst freundlich mit ihren breiten Fensterthüren unmittelbar an die Blumengärten anstoßend.

Diese erschienen mir nun besonders reizend, dabei so zweckmäßig mit den Gebäuden verwoben, und so mannigfaltiger Art, daß eine genügende Beschreibung schwer ist.

Um Dir jedoch wenigstens eine allgemeine Idee davon zu geben, laß mich nur erwähnen, daß längs der verschiedenen Gebäude, die bald vorspringen, bald zurücktreten, bald grade, bald runde Linien bilden, nach der Gartenseite zu eine ununterbrochene Arcade, mit Rosen und Rankengewächsen bezogen, hinläuft, an welcher die verschiedenen prachtvollen Gärten auf einander folgen. Ueber diesem Gang sind theils Zimmer, theils die anmuthigsten kleinen Gewächshäuser, wovon eins unter andern nichts wie Haidekräuter (Erica) enthält, von denen Hunderte in Blüthe, den lieblichsten Anblick gewährten, und durch Spiegelwände bis ins Unendliche vervielfältigt wurden. Unmittelbar unter dem Erikenhause war auch der Erikengarten angebracht, ein Rasenplatz mit Beeten, die[218] verschiedene Figuren bildeten, und alle nur mit denjenigen größeren Exemplaren der Heiden besetzt waren, welche im Freien aushalten. Einmal wurde der erwähnte Bogengang selbst durch ein hohes Palmenhaus mit Spiegeln unterbrochen, vor dem die schönsten gestickten Parterres auf Kiesgrund sich ausbreiten. An dieses Haus stieß die Statuen-Gallerie, deren Wände mit verschiedenen Marmorarten bekleidet sind, nebst sehr schönen Säulen aus Italien. Der Saal enthält eine Menge antiker Sculpturen, und wird an jedem Ende durch einen Tempel geschlossen, wovon der eine der Freiheit, mit Büsten von Fox, Canning und Andern, der zweite den Grazien geweiht ist, mit einer herrlichen Gruppe dieser Göttinnen von Canova. Von hier aus führt der Bogengang an einer unermeßlichen Pflanzung entlang, welche an Hügel gelehnt, nur als Azalien und Rhododendron besteht, bis man den chinesischen Garten erreicht, in dem die dairy (der Milchkeller) sich besonders auszeichnet. Es ist dies eine Art chinesischer Tempel, mit einem Ueberfluß von weißem Marmor und buntem Glase, in der Mitte ein Springbrunnen, und an den Wänden umher Hunderte von chinesischen und japanischen großen Schüsseln aller Art aufgestellt, sämmtlich mit frischer Milch und Rahm gefüllt. Die Consoles, auf denen diese Schalen standen, waren ein ausgezeichnet hübsches Modell für chinesische Meublirung. Die Fenster bestanden aus mattem Glase mit chinesischer Malerei, welche phantastisch genug aus dem trüben Lichte hervortrat.[219]

Von hier führte noch ein weiter pleasure ground mit den schönsten Bäumen, und mancherlei überraschenden Abwechselungen, unter andern niedlichen Kindergärten, und einem Grasgarten, in dem alle Arten von Schilf und Gräsern in kleinen Beeten, das Ganze ein Schachbret bildend, kultivirt wurden – nach dem Aviary. Dieses besteht aus einem sehr großen eingezäunten Platz mit hohen Pflanzungen und einer Cottage, nebst einem kleinen Teich in der Mitte, Alles nur dem Reiche der Vögel gewidmet. Der vierte oder fünfte Diener erwartete uns hier (die alle Trinkgelder verlangen, so daß man ein solches Etablissement nicht unter einigen L. St. zu sehen bekömmt) und zeigte uns zuerst mehrere reich gefiederte Papageyen und andere seltene Vögel, deren jeder seine besondere kleine Abtheilung, und so zu sagen sein Gärtchen hatte. Diese Vögelwohnungen waren von Eichenzweigen mit Draht durchflochten, die Decke gleichfalls von Draht, die Sträucher Immergrün, so wie fast alle übrigen Pflanzungen in diesem Bezirk. Als wir auf den Platz hinaus traten, der die Mitte einnimmt, pfiff unser Papageno, und sogleich verfinsterte sich wörtlich die Luft über uns, durch eine Unzahl von Tauben, Hühnern, und der Himmel weiß was alles für Vögel. Aus allen Büschen stürzten zugleich Gold-, Silber-, bunte und ordinäre Fasanen hinzu, und aus dem See galoppirte ein schwarzer Schwan schwerfällig herbei, mit kläglich kindlichen Tönen seine große Begierde nach Futter ausdrückend. Dieser schöne Vogel, rabenschwarz mit rosenrothen Schnabel und Füßen, war[220] außerordentlich zahm, fraß sein Futter chemin faisant aus der Tasche des Wärters, und ließ uns keinen Augenblick allein, so lange wir in dem Vögelparadies umherwandelten, nur manchmal en passant einer zudringlichen Ente und andres gemeiners Volk mit einem Fußtritt abwehrend, oder einem nobleren Goldfasan mit dem Schnabel in die Seite stoßend. Ein zweiter interessanter aber eingeschlossener Bewohner dieses Orts war Héros, ein afrikanischer Kranich, ein Thier das aussieht, wie von Porcellain gemacht, und mich in seinen Bewegungen vielmals an unsern seligen, tanzenden Ballerino erinnerte. Der Umstand seiner Geschichte, welcher ihm den Heldennamen gegeben, war dem Wärter unbekannt.

Der, vier deutsche Meilen im Umfang haltende Park besteht hier nicht allein aus Waideland und Bäumen, sondern hat auch ein schönes Waldterrain, und noch eine besonders eingezäunte Parthie, die thornery (wörtlich Dörnerei) benannt, ein wilder mit Dornen und Gestrüppe bewachsener Waldplatz, in dessen Mitte eine kleine Cottage mit dem freundlichsten Blumengärtchen steht, und den mehrere Spaziergänge durchschneiden. Hiermit schließen die Herrlichkeiten von Woburn Abbey. Doch nein – zwei Dinge muß ich noch nachholen. In dem Schlosse, dessen Schmuck ich Dir en gros beschrieben, fand ich zugleich eine sehr zweckmäßige Einrichtung. Nämlich rund um alle Zimmer des großen Vierecks läuft eine innere breite Gallerie, auf welche mehrere Thüren sich öffnen, und wo mannichfache Sammlungen, theils frei, theils in Glasschränken,[221] und hie und da durch Blumenstellagen unterbrochen, aufgestellt sind. Dies gewährt im Winter und bei schlechtem Wetter einen eben so unterrichtenden als angenehmen Spaziergang, der um so behaglicher wird, da das ganze Schloß mit conduits de chaleur geheizt ist. Das ganze Erinnernswerthe ist ein schönes Portrait des Grafen Essex in Lebensgröße. Er erscheint hier sehr schön und schlank gewachsen, das Gesicht aber weniger ausgezeichnet, kleine Züge ohne vielen Ausdruck, kleine Augen, und einen großen rothen Bart bei dunklem Haupthaar, der ihn vielleicht der Königin, bei ihrem eignen rothen Kopf besonders angenehm machte.

Jetzt ist aber ein Viertelzoll von meinen Fingern herunter geschrieben, und ich muß schließen. Morgen wieder ein Mehreres, wo ich Warwick Castle sehen werde, welches für Englands Stolz ausgegeben wird. Ich bin wirklich begierig, ob wir noch eine Stufe höher zu ersteigen haben, wie wir bisher regelmäßig von Schönem zu Schönerem fortgeschritten sind.

Da eben die Mail von hier abgeht, lege ich diesen Brief in einen für L .... mit ein, durch dessen Güte Du ihn schneller erhalten wirst als den letzten.

Gedenke des Umherirrenden in Deiner ruhigen Einsamkeit, und glaube, daß, verschlüge ihn das Schicksal auch zu den Antipoden, sein Herz doch immer bei Dir seyn würde.

Dein L....

1

Ich weiß nicht, ob der Leser dieselbe Entschuldigung gelten lassen wird.

A.d.H.

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Dritter und Vierter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland und England geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828, Band 3, Stuttgart 1831, S. 203-222.
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