Drei und dreißigster Brief.

[283] Limmerick, den 22sten Septbr. 1828.


Liebe Entfernte!


Limmerick ist die dritte Stadt in Irland, und von einer Art, wie ich Städte liebe – alt und ehrwürdig, mit gothischen Kirchen, bemosten Schloßruinen geziert; mit dunkeln, engen Straßen, und kuriosen Häusern aus verschiedenen Zeitaltern; einem weiten Fluß, der sie der ganzen Länge nach durchströmt, und über den mehrere alterthümliche Brücken führen; endlich wohl belebten Marktplätzen, und einer freundlichen Umgebung. Eine solche Stadt hat für mich etwas Aehnliches mit einem natürlichen Walde, dessen dunkle Schatten auch, bald hohe, bald niedrige, vielfach gestaltete Baumgassen darbieten, und oft ein Laubdach, gleich einer gothischen Kirche, bilden. Dagegen gleichen moderne regelmäßige Städte mehr einem verschnittenen französischen Garten. Jedenfalls sagen sie meinem romantischen Geschmacke weniger zu.[284]

Ich war nicht wohl, und kehrte daher, nach einem kleinen Spaziergang in den Straßen, bald wieder nach meinem Gasthof zurück. Hier fand ich einen katholischen Kirchendiener auf mich warten, der mir ankündigte: man habe so eben mit den Glocken für mich geläutet, sobald man nur meine Ankunft erfahren. Er erbat sich dafür zehn Schilling. Je l'envoyai promener, bald darauf ließ sich ein Protestant bei mir melden. Ich frug was er wolle. Blos Your royal Highness (denn mit Titeln ist man hier freigebig, sobald jemand mit Extrapost und vier Pferden ankömmt) warnen, vor den Impositionen der Katholiken, die auf eine schamlose Weise Fremde behelligen, und ich bitte Euer Hoheit, ihnen ja nichts zu geben; – zugleich nehme ich mir jedoch die Freiheit, um eine kleine Beisteuer für das protestantische Armenhaus zu ersuchen. »Go to the d..... Protestants and Catholics«, rief ich entrüstet, und warf meine Thüre zu. Es war aber schon eine andere, förmliche Deputation der Katholiken davor, aus dem französischen Consul (einem Irländer), ferner einem Verwandten und Namensvetter O'Connells und noch einigen andern bestehend, die mich haranguierten und mir sogar den Liberator-Orden ertheilen wollten. Ich hatte alle Mühe, diesem und einer Einladung zum Mittagessen in ihrem Club zu entgehen, mußte aber nachgeben, mich wenigstens von zweien aus ihrer Mitte durch die Stadt begleiten zu lassen, um mir die Merkwürdigkeiten derselben zu zeigen.[285]

Ich ließ mich also gutwillig zuerst nach der Cathedrale bringen, ein sehr altes Gebäude, mehr im Stil einer Festung als einer Kirche, eben so solide als roh aufgeführt, aber imposant durch seine Massen. Im Innern bewunderte ich fünfhundert Jahre alte, wunderschön gearbeitete Sitze, von bogwood (Sumpfholz) geschnitzt, das durch das Alter schwarz wie Ebenholz geworden war. Die reichen Verzierungen bestanden aus köstlichen Arabesken und höchst charakteristischen Masken, die bei jedem Sitze verschieden waren. Das Grab der Thomond's, Könige von Ulster und Limmerick, obgleich verstümmelt und durch moderne Zusätze geschändet, ist dennoch ein interessantes Monument geblieben. Abkömmlinge des Geschlechts existiren noch jetzt, deren Chef den Titel eines Marquis von Thomond führt, ein Name, den Du in meinen Briefen aus London zuweilen erwähnt gefunden haben wirst, denn der Besitzer desselben gab dort gute Dinés. Man findet überhaupt in Irland sehr alte Häuser, die stolz darauf sind, ihre Familie nie durch eine Mésaillance entweiht zu haben, was, des Geldes wegen, der englische und französische Adel so häufig that, weshalb auch reines stiftsfähiges Blut, wie es in Deutschland hieß, dort gar nicht zu finden ist. Die französischen Großen nannten solche Heirathen scherzweise, aber nicht sehr schmeichelhaft für die Braut: »mettre du fumier sur ses terres,« und gar mancher englische Lord dankt gleichfalls solchem »Fumier« den jetzigen Glanz seiner Familie.[286]

Als wir die Kirche verließen, um den Felsen am Shannon zu besehen, auf dem der Traktat von Limmerick mit den Engländern, nach der Schlacht von Boyne, unterzeichnet, aber von diesen nicht zum Besten gehalten wurde – hatte sich ein ungeheures Gefolge von Volk um uns versammelt, das wie eine Lawine noch immer mehr anwuchs, uns aber mit eben so viel Bescheidenheit als Enthusiasmus folgte. Plötzlich rief man: »Es lebe Napoleon und Marschall ......!«

Mein Gott, frug ich, für wen hält man mich denn eigentlich hier? als ganz anspruchsloser Fremder begreife ich gar nicht, weshalb man mir so viel Ehre anzuthun scheint. War Ihr Herr Vater, erwiederte O'Connell, nicht der Fürst von ...? Nichts weniger, versicherte ich, mein Vater war zwar ein etwas älterer Edelmann, aber lange nicht so berühmt. Dann müssen Sie verzeihen, fuhr Herr O'Connell ungläubig fort, aufrichtig gesagt, hält man Sie für einen natürlichen Sohn Napoleons, da dessen Vorliebe für Ihre Frau Mutter bekannt ist. Sie scherzen, sagte ich lachend, ich bin wenigstens zehn Jahre zu alt, um der Sohn des großen Kaisers und der schönen Fürstin zu seyn. Er schüttelte aber mit dem Kopf, und unter wiederholtem Vivatrufen erreichte ich endlich meine Wohnung, die ich von nun an verschloß, und heute nicht mehr verließ. Das Volk nahm aber geduldig Posto vor meinen Fenstern und zerstreute sich erst mit einbrechender Dunkelheit.

[287] Trallee, den 23sten.


Diesen Morgen empfing mich wieder der Ruf: »Long life to Napoléon and to Your honour!«, und während mein Wagen, mit meinem Kammerdiener darin, den man diesmal für Napoleons Sohn nahm, unter Vivatgeschrei abfuhr, schlich ich mich heimlich mit dem Hausknecht, der meinen Nachtsack trug, zur Hinterthür hinaus, um einen Platz auf der Diligence zu nehmen, die mich nach dem See von Killarney bringen sollte. Meine Leute hatten Befehl, mich in Cashel zu erwarten, wo ich in 14 Tagen sie einzuholen denke.

In meinem jetzigen einfachen Aufzug fiel es keinem Menschen mehr ein, mir mit Ehrenbezeugungen beschwerlich zu fallen, und ich konnte nicht umhin, bei Gelegenheit dieser offenbaren Farce darüber zu philosophiren, daß aller Ehrgeiz doch auch nur zu einer verdeckten führt. Gewiß von allen Träumen dieses Lebens ist dieses der schattenartigste! Liebe befriedigt zuweilen, Wissenschaft beruhigt, Kunst erfreut, aber Ehrgeiz – Ehrgeiz gibt nur den qualvollen Genuß eines Hungers, den nichts stillen kann, oder gleicht der Jagd nach einem Phantom, das immer unerreichbar bleibt.

Nach einer Viertelstunde war ich ganz bequem in meiner Diligence etablirt. Außer den Passagieren auf der Imperiale, bestand die Gesellschaft aus einer dicken jovialen Frau, einer andern, sehr magern, einer[288] dritten, recht hübsch und wohlproportionierten, und einem Magisterartig aussehenden Herrn, mit langem Gesicht und noch längerer Nase. Ich saß im Fond zwischen den zwei schmächtigen Damen, und unterhielt mich mit der korpulenten, die sehr gesprächig war. Sie erzählte unter andern, als ich eben ein Fenster herunter ließ, wie sie neulich auch in diesem Wagen gefahren, und beinahe seekrank darin geworden wäre, denn eine ihr gegenübersitzende kränkliche Dame hätte durchaus nicht zugeben wollen, daß man ein Fenster öffne. Sie habe sich aber nicht abschrecken lassen, und nach einer Viertelstunde Zuredens sei es ihr auch gelungen, die Dame zu vermögen, einen Zoll breit Luft hereinzulassen, eine Viertelstunde später einen andern Zoll, dann wieder einen, und so habe sie endlich das ganze Fenster heruntermanövrirt. Vortrefflich, sagte ich, das ist gerade die Art, wie Weiber alles zu erlangen wissen – erst einen Zoll, und dann so viel als deren zu haben sind. Ein französischer Geistlicher erzählt hiervon auch eine sehr erbauliche Geschichte. (Der Mann mit der langen Nase verzog hier sein Gesicht wie ein Satyr.) Wie verschieden agiren aber in gleichen Lagen die Männer! fuhr ich fort. Ein englischer Schriftsteller in seinem Handbuch für Reisende, empfiehlt: wenn in der Mail Jemand darauf bestehen sollte, alle Fenster zuzuhalten, solle man sich ja in kein pourparler mit dieser Person einlassen, sondern sofort, wie durch Ungeschicklichkeit ein Fenster einschlagen, dann um[289] Verzeihung bitten, und sich ruhig der hereindringenden Kühle erfreuen.

Die Ruinen von Adair erregten jetzt unsere Aufmerksamkeit, und unterbrachen die Conversation. Später gewährte der Shannon einen imposanten Anblick. Er ist an manchen Stellen, gleich einem amerikanischen Fluß, bis über neun Meilen breit, und seine Ufer herrlich bewachsen. In Lisdowel, einem kleinen Ort, wo wir Mittag machten, versammelten sich, wie gewöhnlich, hundert Bettler um den Wagen; was mir aber neu vorkam, waren kleine Holzschalen an langen Stäben, die sie, wie Klingelbeutel, in den Wagen hereinreichten, um auf diese Art bequemer zu den sollicitirten Pence's zu gelangen. Ein andrer Bettler hatte sich an der Straße ein Schilderhaus von losen Steinen erbaut, in welchem er für immer zu bivouakieren schien.

Ich muß schließen, da die Mail in wenig Stunden wieder abfährt, und ich einiger Ruhe bedürftig bin. Morgen mehr.

Killarney, den 24sten.


An dem heutigen Tage sah ich nach und nach zwölf Regenbogen, ein übles Omen für die Beständigkeit des Wetters, aber für mich nehme ich es als ein gutes an. Es verspricht mir eine bunte Reise.[290]

Die bisherige Gesellschaft war einzeln, da und dort, wie reife Früchte abgefallen, und ich befand mich mit einem irländischen Gentleman, einem Fabrikanten aus dem Norden, allein, als ich in dem freundlichen Killarney ankam, wo der unaufhörliche Besuch englischer Touristen, den Gasthöfen auch beinahe englische Eleganz – und Preise verliehen hat. Wir erkundigten uns sogleich nach Booten und der besten Art den See zu sehen, erhielten aber zur Antwort, daß es bei diesem Sturme unmöglich sei, ihn zu beschiffen; kein Boot könnte heute auf dem See »leben«, wie sich die Schiffer ausdrückten. Ein englischer Dandy indessen, der sich uns während dem Frühstück angeschlossen hatte, ridicülisirte diese Betheuerungen, und da ich, wie Du weißt, auch nicht sehr an Unmöglichkeiten glaube, so überstimmten wir den Fabrikanten, welcher sehr wenig Lust zu der Fahrt bezeigte, und embarkirten uns, malgré vent et marée, bei Roß Castle, einer alten Ruine, nicht weit von Killarney.

Wir hatten ein excellentes Fahrzeug, einen alten, charakteristisch aussehenden, eisgrauen Steuermann, und vier tüchtige Ruderer. Der Himmel aber war wie zerrissen – an wenigen Orten nur blau, an andern grau in grau schattirt, an den meisten aber rabenschwarz, und Wolken aller Formen tummelten sich darin umher, von Zeit zu Zeit durch einen Regenbogen gefärbt, oder durch ein fahles Sonnenlicht erleuchtet. Die hohen Berge dämmerten kaum durch die trüben Schleier, auf dem See aber war alles[291] Nacht. Die schwarzen Wellen wühlten geschäftig unter sich, hie und da nur kräuselte sich blendend weißer Schaum auf ihrem Rücken. Da die Wogen fast so hoch gingen wie im Meere, bekam ich eine leichte Anwandlung von Seekrankheit. Der Fabrikant erblaßte vor der Gefahr, der junge Engländer aber, stolz auf seine Amphibiennatur, lachte uns beide aus. Der Sturm pfiff indessen so laut, daß wir uns kaum verstehen konnten und als ich den alten Steuermann fragte, wohin wir zuerst fahren würden, antwortete er: Nach der Abtei, wenn wir anders hinkommen! Dies klang nicht sehr encourageant, auch tanzte unser Boot (das einzige auf dem See, denn selbst die Fischer hatten sich nicht herausgewagt) so schrecklich auf und nieder, ohne doch mit aller Anstrengung der Ruderer avancieren zu können, daß der Fabrikant an Weib, Kind und Fabrik zu denken anfing, und peremptorisch die Rückfahrt verlangte, da er nicht die Absicht habe, auf einer Erholungsreise sein Leben zu verlieren. Der Dandy wollte sich dagegen vor Lachen ausschütten, versicherte, er sei ein Mitglied des Yacht-Clubs und habe ganz andere Dinge erlebt, wobei er den Ruderern, die ebenfalls lieber zu Haus gewesen wären, Geld über Geld versprach, um auszuhalten. Was mich betraf, so folgte ich der Maxime des Generals Yermoloff: »weder zu rasch noch zu furchtsam«, mischte mich gar nicht in den Streit, sondern erwartete, dicht in meinen Mantel gehüllt, ruhig den Ausgang. Ich genoß übrigens, wie es schien, allein die Schönheit der Scene, da den einen meiner Begleiter die Furcht[292] daran verhinderte, den andern sein Wohlgefallen an sich selbst. Eine Weile kämpften wir noch gegen die Strömung der Wellen, auf denen wir, wie Wasservögel, in Sturm und Dunkelheit dahinflutheten, bis uns, aus einer gegenüberliegenden Bergschlucht, so heftige Windstöße faßten, daß es nun selbst dem Mitgliede des Yacht-Clubs zu bedenklich ward, und er den Bitten des Steuermanns nachgab, mit dem Winde zurückzurudern, und an einer Insel anzulegen, bis der Sturm etwas nachließe, was gewöhnlich gegen Mittag der Fall sey.

Dies traf auch ein, und nachdem wir einige Stunden auf der Insel Inisfallen, einem lieblichen Eilande, mit schönen Baumgruppen und Ruinen, campirt, waren wir im Stande, unsre Fahrt gemächlicher fortzusetzen. Alle Inseln dieses Sees, bis auf die kleinste, nur ein paar Ellen lange, welche die Maus genannt wird, sind dicht mit Arbutus und anderm Immergrün bewachsen, welche hier wild gedeihen, und deren Blüthen und Früchte Winter und Sommer in bunten Farben prangen. Viele dieser kleinen Eilande bieten eben so seltsame Formen dar, als ihre Namen eigenthümlich sind. Meistens sind sie nach O'Donnohue benannt. Hier ist es O'Donnohues white horse (weißes Roß), an dessen Felsenhufen sich die Brandung bricht, dort seine library (Bibliothek), weiterhin sein pigeon house, oder sein flower garden (Taubenschlag und Blumengarten) u.s.w. Doch Du weißt vielleicht nicht, wie der See von Killarney entstand? Also höre![293]

O'Donnohue war der mächtigste Chieftain eines Clan's, der hier, wo jetzt der See seine Wellen rollt, eine große und reiche Stadt bewohnte. Alles war dort im Ueberfluß – nur Wasser fehlte – und die Sage ging, daß selbst der einzige kleine Brunnen, den die Stadt besaß, nur das Geschenk eines mächtigen Zauberers sey, der ihn einst, auf Bitten einer schönen Jungfrau, hervorgerufen, aber dabei streng gewarnt: daß man nie vergessen möge, ihn jeden Abend mit einem großen silbernen Deckel zu schließen, den er zu diesem Ende zurücklasse. Die seltsame Form und Verzierungen desselben schienen die wunderbare Sage zu bestätigen – auch wurde der uralte Gebrauch nie vernachläßigt.

O'Donnohue aber, ein mächtiger und unerschrockener Krieger (vielleicht auch, wie Talbot, ein Ungläubiger) machte sich über dieses Mährchen, wie er es nannte, nur lustig, und eines Tages, als er beim wilden Gelage vom viel genossenen Weine mehr als gewöhnlich erhitzt war, befahl er, zum Schrecken aller Anwesenden, den silbernen Brunnendeckel in sein Haus zu bringen, wo er, wie er spottend meinte, eine vortreffliche Badewanne für ihn abgeben solle. Vergebens blieben alle Vorstellungen. – O'Donnohue war gewohnt, sich Gehorsam zu verschaffen, und als mit Wehklagen die geängstigten Diener endlich das schwere Gefäß herbeischleppten, rief er lachend: »Seyd unbesorgt, die Kühle der Nacht wird dem Wasser gar gut bekommen, und morgen werdet ihr Alle es[294] frischer finden!« Aber die, welche dem silbernen Deckel zunächst standen, wandten sich mit Grausen davon, denn es deuchte ihnen, als bewegten sich die verworrenen Charaktere darauf, wie ein Knäuel in einander sich verschlingender Würmer, und ein schauerlicher Laut schien klagend daraus hervorzutönen, wie einst aus dem Coloß zu Theben. Voll Sorge legten sich Alle zur Ruhe, nur Einer floh in das nahe Gebürge. Als nun der Morgen anbrach, und dieser Mann wieder hinab in das Thal blickte – da rieb er sich vergebens die Augen, und glaubte noch zu träumen – Stadt und Land waren verschwunden, die reichen Fluren nicht mehr vorhanden, und der kleine Brunnen, aus der Erde Klüften schwellend fort und fort, hatte einen unabsehbaren See geboren. – Geschehen war, was O'Donnohue prophezeiht: Kühler war in einer Nacht für Alle das Wasser geworden, und das letzte Bad hatte ihm die neue Wanne bereitet.

Nur bei ganz hellem klaren Wetter haben, wie die Fischer behaupten, Manche noch jetzt auf des Sees »tiefunterstem Grunde« Paläste und Thürme, wie durch Glas, schimmern gesehen, aber viele schon erblickten, wenn ein Sturm dem Ausbruch nahe war, O'Donnohue's riesige Gestalt, auf weißem schnaubendem Roß auf den Wogen reitend, oder in gespenstiger Gondel mit der Schnelle des Falken über die Wasser gleiten.

Einer unsrer Bootsleute, ein Mann von ohngefähr fünfzig Jahren, mit langem, schwarzen Haar, das der[295] Wind um seine Schläfe trieb, von ernstem und stillem, aber phantastischem Ansehen, wurde mir von den andern verstohlen mit dem Finger gezeigt, indem sie mir zuflüsterten: der ist ihm begegnet. –

Du kannst denken, daß ich mich schnell mit ihm in ein Gespräch einließ, und ihn zutraulich zu machen suchte, da ich weiß, daß diese Leute, wo sie Unglauben und Neckerei voraussetzen, hartnäckig schweigen. Im Anfang war auch er zurückhaltend, bald aber geriet er in Feuer, und nun schwor er bei St. Patrick und der Jungfrau, daß, was er erzähle, die reinste Wahrheit sei. Seiner Aussage nach, begegnete er O'Donnohue bei einbrechender Dämmerung, kurz vor dem Wüthen eines der fürchterlichsten Stürme, den er je erlebt. Er hatte sich beim Fischen verspätet, den ganzen Tag war der Regen schon in Strömen herabgeflossen, es war schneidend kalt, und ohne seine Whiskey bottle hätte er es kaum länger aushalten können. Auch war lange bereits kein lebendiges Wesen mehr auf dem ganzen See zu sehen gewesen. Mit einemmal segelte, wie aus den Wolken gefallen, ein Boot auf ihn zu, die Ruder arbeiteten mit Blitzesschnelle, und doch war kein Ruderer dabei zu erblicken, hinten aber saß unbeweglich ein riesengroßer Mann. Sein Anzug war scharlachrot und gold, und auf dem Kopf trug er einen dreieckigen Hut mit breiter Tresse. So flog das Geisterboot heran. Paddy sah mit starrem Blick darauf hin – als aber jetzt die lange Gestalt ihm fast gegenüber[296] saß, und aus dem rothen Mantel zwei große schwarze Augen wie Kohlen ihn anbrannten – da fiel ihm die Brannteweinflasche aus der Hand, und er kam nicht eher wieder zu sich, als bis die unsanften Caressen seiner Ehehälfte ihn weckten, die, voller Zorn, ihn einen Trunkenbold über den andern schalt, und sich einbilden mochte, der Whiskey habe ihn so zugerichtet – aber Paddy wußte es besser! –

Ist es nicht sonderbar, daß das eben beschriebene Costüme so gut mit unserem deutschen Teufel im vorigen Jahrhundert übereinstimmt, der jetzt wieder so beliebt ist? Vom Freischützen hatte Paddy aber doch gewiß noch nichts gehört. Fast scheint es, als hätte die Hölle auch ihr Mode-Journal. Sehr belustigend war mir des Alten Reue und Angst nach der Erzählung. Er tadelte sich mehrmals laut darüber, bekreuzte sich und wiederholte beständig: »O'Donnohue habe, obgleich schrecklich, doch ganz wie ein ächter Gentleman ausgesehen, denn,« setzte er, sich schüchtern umsehend, hinzu, »ein ›perfekt Gentleman‹ ist er immer gewesen, ist es jetzt, und wird es immer bleiben.« Die jüngeren Bootsleute waren nicht ganz so starkgläubig, und schienen nicht übel Lust zu haben, den Geisterseher ein wenig zu necken, dessen Ernst und Zorn ihnen aber doch sogleich wieder imponirte. Einer dieser Menschen war ein wahres Modell für einen jungen Herkules. Mit aller Lustigkeit eines ganz kerngesunden Körpers, trieb er unaufhörlich Possen, und arbeitete dabei für Drei.[297]

Wir landeten nun bei der Abtei von Muckruß, in dem Park des Herrn Herbert gelegen, aber dennoch reichlich mit Schädeln und Gerippen ausgestattet. Die Ruinen sind von bedeutendem Umfang, und voll interessanter Einzelheiten. So steht z.B. im Klosterhofe einer der größten Taxusbäume, die es vielleicht in der Welt gibt, denn er überragt nicht nur alle Gebäude, sondern beschattet und verdunkelt mit seinen Aesten den ganzen Hof, wie ein darüber gespanntes Zelt. Im zweiten Stockwerk bemerkte ich einen Kamin, an dem zwei Epheustämme, einer auf jeder Seite, die schönste regelmäßige Verzierung bildeten, während ihre Blätter die darüber stehende Feueresse so dicht umlaubten, daß sie einem Baume glich. Unser Führer erzählte uns hier ein merkwürdiges Beispiel von der unumschränkten Gewalt der katholischen Priester über das hiesige gemeine Volk. Zwei Partheien, die Moynihan's, und die O'Donnohue's genannt, waren schon seit einem halben Jahrhundert in permanenter Fehde begriffen. Wo sie sich daher in gehöriger Anzahl begegneten, entstand sogleich ein Shillelahkampf, bei welchem manches Leben verloren ging. Da es nun, seit dem Bestehen der katholischen Association, das Interesse der Priester erheischt, Friede und Eintracht unter ihrer Herde zu Stande zu bringen, so verordneten sie voriges Jahr, bei der letzten Schlägerei dieser Art, als Strafe für alle Theile: daß die Moynihan's zwölf Meilen nordwärts marschieren, und dort ein Bußgebet verrichten; die O'Donnohue's dasselbe südwärts ausführen;[298] sämtliche theilnehmende Zuschauer aber sechs Meilen nach andern Orten wallfahrten sollten; im Wiederbetretungsfalle jedoch würde die doppelte Strafe eintreten. Alles wurde mit religiöser Genauigkeit befolgt, und der Krieg hatte seitdem ein Ende.

Nach einer Stunde erreichten wir am jenseitigen Ufer des See's, an einer dicht bewaldeten Küste, den Wasserfall O'Sullivan's, der, vom Regen angeschwellt, doppelt reich erschien. Die Ueppigkeit der Bäume und rankenden Pflanzen, die ihn malerisch überhängen, so wie die Höhle, in der man gegenüber trockenen Fußes die schäumend stürzenden Wasser betrachtet, vermehren das Originelle der Scene. Hier gibt es herrliche einsame Promenaden, die auf der andern Seite des Bergrückens zu einem, von der ganzen Welt abgeschiedenen, mitten im tiefen Walde liegenden Dorfe führen. Da aber die Sonne noch immer mit den Wolken kämpfte, und wir uns hinlänglich durchnäßt (vom Himmel und vom See, dessen Wellen uns mehr als einmal übergossen hatten) und ermüdet fühlten, so beschlossen wir, für heute die Tour zu beschließen, und über die freundliche Villa der Lady Kenmare zurückzukehren.

Als wir noch ungefähr vier Meilen zu schiffen hatten, erbot sich der hübsche junge Mann, welcher beiläufig gesagt, ohngeachtet seiner athletischen Gestalt, im Gesicht eine merkwürdige Aehnlichkeit mit der berühmten Mamsell Sontag hatte – uns, wenn wir drei Schilling mit ihm wetten wollten, in einer halben[299] Stunde zu Haus zu bringen. Der alte Geisterseher wollte nicht daran, sich einer solchen Anstrengung zu unterziehen, das junge Sonntagskind versicherte aber, für ihn mitrudern zu wollen. Wir nahmen daher die Wette an, und flogen von nun an, wie ein Pfeil, über den See. Nie sah ich eine größere Darlegung von Kraft und Ausdauer, unter fortwährendem Singen, Possen und Scherzen. Demohngeachtet gewannen die Ruderer ihre Wette nur um eine halbe Minute, erhielten aber von uns mehr als das Doppelte des Betrags, was sie, in großer Freude, alle noch dieselbe Nacht zu vertrinken versprachen. Zu guter Letzt hielten sie eine drollige, schon darauf eingerichtete, Conversation mit dem Echo der Mauern von Roß Castle, dessen Antwort immer einen scherzhaften Sinn hatte, z.B.: shall we have to night a good bed? (werden wir diese Nacht ein gutes Bett bekommen? Antwort: bad (schlecht) u.s.w.


Den 25sten.


Unglücklicherweise kamen heute zwei mir bekannte Engländer hier an, die sich sogleich zu uns gesellten, was mich um mein liebes Incognito brachte, denn obgleich ich kein großer Herr bin, finde ich doch eben so viel Vergnügen daran. Als Unbekannter entgeht[300] man immer etwas gêne mehr, und gewinnt etwas mehr Freiheit, man sey auch noch so unbedeutend. Da ich es jedoch diesmal nicht ändern konnte, so richtete ich es wenigstens so ein, daß ich die Hälfte der heutigen Tour mit meinem ehrlichen Fabrikanten zu Lande machte, und die drei Engländer vor der Hand allein auf dem Boote fahren ließ. Es war dasselbe, welches wir gestern gehabt, und dort auf heute gleich wieder gemiethet hatten.

Der Pony, der mir zu Theil wurde, hatte den hochklingenden Namen: Ritter von der Schlucht (Knight of the gap), war aber ein ausgearteter Ritter, den nur Schläge und Sporen in Bewegung setzen konnten. Ehe wir an die große Schlucht kamen, von der er seinen Namen führt, hatten wir von einem Hügel in der Ebene eine sehr schöne Ansicht des Gebürges, in welcher Berge, Wasser und Bäume so glücklich vertheilt erschienen, daß die wohlthuendste Harmonie daraus entstand. Desto wilder und einförmiger ist die lange Schlucht – im Geschmacke von Wales, doch weniger grandios. An einer Stelle derselben hat sich vor mehreren Jahren ein großes Felsstück losgerissen, und ist, in zwei Hälften geborsten, mitten über den Weg gestürzt. Ein Mann kam auf den Einfall, diese Felsenstücke zu einer Einsiedelei auszuhöhlen, blieb jedoch dieser neuen Wohnung nur drei Monate getreu, weshalb sie jetzt von dem energisch sich ausdrückenden Volke, nach ihm »the madmans rock« (der Narren Felsen) genannt wird. Ein[301] paar tausend Schritt weiter fanden wir eine alte Frau, kauernd am Wege liegen, deren Anblick alles übertraf, was man der Art in Mährchen erfunden. Nie sah ich etwas Abscheuerregenderes! Man erzählte mir, sie sey schon 110 Jahre alt, und habe alle ihre Kinder und Enkel überlebt. Obgleich in intellectueller Hinsicht gänzlich zum Thier geworden, hatte sie doch alle ihre Sinne noch leidlich erhalten. Ihre Gestalt sah aber weder Thier noch Menschen mehr, sondern nur einem wieder ausgegrabenen und von Neuem belebten Leichnam ähnlich. Als wir vorbei ritten, stieß sie ein klägliches Gewimmer aus, und schien dann zufrieden, als wir ihr einiges Geld hinwarfen, griff aber nicht darnach, sondern verfiel sogleich wieder in Stumpfsinn und Apathie. Alle Furchen ihres grünen Gesichts waren mit schwarzem Schmutze angefüllt, die Augen schienen zu eitern, die Lippen waren weißlich blau – enfin Fanferluche muß ein Engel dagegen gewesen seyn.

Bei Brandon Castle, einer bewohnbar gemachten Ruine mit einem hohen Thurm und einigen vernachlässigten Parkanlagen, durch deren Wasserpartieen uns die Führer (denn die Pferde wurden hier zurück geschickt) auf dem Rücken hindurch trugen, stießen wir wieder mit dem Boote zusammen. Es kam à point nommé, grade um die verdeckende Landspitze hergesegelt, als wir das Ufer erreichten, und war, ausser den Engländern, noch mit dem besten Bugleman von Killarney bemannt. Diese Künstler blasen eine Art[302] Alpenhorn mit viel Geschicklichkeit, und rufen dadurch an manchen Stellen herrliche Echo's hervor. Im Verfolg unsers Wegs passirten wir einen Brückenbogen, wo, bei angeschwollenem Wasser, zuweilen Boote verunglückt sind. Unser Bugleman erzählte, daß er selbst schon zweimal hier umgeschlagen, und das letztemal beinahe ertrunken sei. Er wollte daher auch heute landen, und die bedenkliche Stelle, den Felsen entlang, klettern; der alte Steuermann gab es aber nicht zu, und meinte, wenn die fremden Herren im Schiff blieben, gezieme es ihm auch, mit zu ersaufen. Es ging aber alles ganz gefahrlos ab.

Schön, und von imposanter Form ist der Felsen, the Eagle's nest (Adlernest) genannt, wo auch fast immer Adler horsten. Nicht weit davon sieht man Coleman's Sprung, zwei weit von einander aus dem Wasser ragende Felsen, auf denen die Spuren von Füßen, 3 – 4 Zoll tief, deutlich eingegraben sind. Solche Sprünge und Fußstapfen wiederholen sich fast in allen Gebürgen.

Unser Schiff war voll Victualien zu einem brillanten Diné (Engländer pflegen so etwas nicht leicht zu vergessen), und als wir eine höchst romantisch gelegene Cottage unter hohen Kastanien erspähten, beschloßen wir hier zu landen, und Mittag zu machen. Wir würden dort auch ein sehr angenehmes Mahl gehalten haben, wenn es nicht der Dandy, durch seine Affectation, Mangel an allem Sinn für die Schönheit der umgebenden Natur, und ungütiger Persiflage[303] des, freilich weniger abgeschliffenen, aber vielleicht doch werthvolleren Irländers, verdorben hätte. Er gab ihm den Spottnamen des Schauspielers Liston (der besonders in dummen Rollen glänzt) und machte den armen Teufel, ohne daß er es merkte, eine so burleske Rolle spielen, daß ich zwar selbst zuweilen wider Willen lachen mußte, aber das Ganze dennoch völlig hors de Saison, und von schlechtem Geschmack fand. Es ist aber möglich, daß der Irländer sich nur dumm stellte, und der pfiffigste war, wenigstens sprach er dem Essen und Trinken, während die andern lachten, mit so unermüdlicher Beharrlichkeit zu, daß wenig für Jene übrig blieb. Ich kann nicht leugnen, daß ich ihn darin gut unterstützte, besonders fand ich, daß der eben gefangene fette Lachs, an Arbutus Stöcken über dem Feuer geröstet, ein ganz vortreffliches Nationalgericht sei.

Bei des Mondes Silberschein fuhren wir langsam zurück, während des Bugleman's Horn Echo nach Echo aus dem Schlafe rief. Es war eine entzückende Nacht, und von Gedanken zu Gedanken, gerieth ich in eine Stimmung, wo ich auch hätte Geister sehen können! Die Menschen neben mir, kamen mir blos wie Puppen vor; nur die Natur, die Milde und Pracht, die mich umgab, erschien mir als wirklich. – Woher, dachte ich, kommt es, daß deinem liebenden Herzen doch die Geselligkeit fehlt, daß die Menschen im allgemeinen dir nur so wenig gelten! Ist deine Seele noch zu klein für die Verhältnisse der geistigen[304] Welt, noch zu nah mit Pflanzen und Thieren verwandt, oder hast du die hiesigen Formen schon in früherem Daseyn ausgewachsen, und fühlst dich unbehaglich in dem zu engen Gewande? Wenn dann auf dem stillen See der melancholische Klang des Bugleman-Hornes wieder in leisen Tönen über den Wellen zitterte, und meinen Phantasieen, wie durch unsichtbare Geisterstimme, die Worte einer fremden Sprache gab – da war mir's oft wie Göthe's Fischer zu Muthe, und als sollte ich jetzt sanft hinabgleiten, um O'Donnohue in seinen Korallengrotten aufzusuchen.

Ehe wir landeten, fand noch eine eigenthümliche Zeremonie statt. Die Bootsleute, der junge »Sontag« an ihrer Spitze, welcher mich wegen eines reichlicher von mir erhaltenen Trinkgeldes immer »seinen Gentleman« nannte, baten um Erlaubniß, an einer kleinen Insel anlegen, und diese nach mir taufen zu dürfen, welches nur bei Mondenschein statt finden könne. Ich mußte mich hierauf auf einen vorragenden Felsen stellen, die sechs Bootsmänner auf ihre Ruder gestützt, bildeten einen Zirkel um mich, und der Alte sagte feierlich eine Beschwörungsformel in einer Art Rhythmus her, was in der wilden Umgebung und Nacht ganz schauerlich klang. Dann brach Sontag einen großen Arbutuszweig ab, und erst mir, dann jedem der im Schiff Sitzenden, einen Büschel reichend, den wir an unsre Hüte befestigten, theilte er die übrigen an seine Cameraden aus, und fragte nun ehrerbietig und ernst, welchen Namen die Insel,[305] mit O'Donnohues Erlaubniß künftig führen solle? Julie, sagte ich mit lauter Stimme, worauf mit donnerndem Hurra dieser Name, obgleich nicht allzucorrekt ausgesprochen, dreimal wiederholt wurde. Nun ergriff ein Dritter, der Poet der Gesellschaft, eine mit Wasser gefüllte Flasche, und hielt eine kurze Anrede in Versen an O'Donnohue, worauf er mit aller Gewalt die Flasche gegen einen aus dem Wasser stehenden Stein warf, daß sie in tausend Atome zerschellte. Zuletzt wurde eine zweite Flasche, aber mit Whiskey gefüllt, auf meine Gesundheit ausgetrunken, und der Insel Julie nochmals ein dreifaches Hurra gebracht. Die Bootsleute hielten diesen fremdklingenden Namen für den meinigen und nannten mich seitdem nicht anders als Master Julie, was ich ganz wehmüthig mit anhörte.

Deine Domänen haben sich also um eine Insel auf den romantischen Seen zu Killarney vermehrt – schade nur, daß die nächste Gesellschaft, die an demselben Flecke landet, sie Dir wieder entziehen wird, denn wahrscheinlich tauft man hier, so oft Pathen sich einfinden, da das eigentliche Kind, die Whiskey-Bouteille, immer bei der Hand ist. Einstweilen lege ich indessen diesem Briefe ein Arbutusblatt, vom identischen Zweige, der auf meinem Hute prangte, bei, damit wenigstens etwas von der Insel unbestritten Dein Eigenthum bleibe.


[306] Glengariff, den 26sten.


Beste Julie, Dir heute zu schreiben, ist wirklich ein Effort, der einer Belohnung wert ist, denn ich bin übermäßig ermüdet, und habe, wie mein Vater Napoleon, beständig Kaffee trinken müssen, um wach bleiben zu können1.

Um neun Uhr früh verließ ich Killarney in einem Carr (Karren) von der schlechtesten Beschaffenheit, und folgte der neuen Chaussee, die längs des mittlern und obern Sees nach der Bay von Kenmare führt. Diese Straße entwickelt mehr Schönheiten, als man auf den Seen selbst findet, da diese den großen Nachtheil haben, an den meisten Stellen nur auf der einen Seite eine malerische Aussicht zu gewähren, auf der andern aber bloß flaches Land darbieten. Hier auf der Straße hingegen, welche am Abhange der Berge durch den Wald führt, bilden sich bei jeder Wendung geschlossenere, und eben deßhalb schönere Gemälde. Ich finde überhaupt, daß Aussichten, vom freien Wasserspiegel aus gesehen, immer[307] verlieren, weil ihnen eine Hauptsache, der Vorgrund, fehlt.

Neben einer hübschen Cascade, und in der reizendsten Wildnis, hat sich, nahe der Straße, ein Kaufmann Garten und Park mit einer ländlichen Villa erbaut. Die Kosten dieser Anlage müssen wenigstens 5 – 6000 L. St. betragen haben, vielleicht weit mehr, dennoch steht der Grund und Boden nur 99 Jahre der Familie des jetzigen Nutznießers zur Disposition; nach dieser Zeit fällt er, mit Allem, was darauf erbaut ist, und was im vollkommen baulichen Zustande übergeben werden muß, den Grundherren, den Lords von Kenmare wieder zu. Kein Deutscher möchte Lust haben, unter solchen Bedingungen sein Vermögen auf Verschönerungs-Anlagen zu verwenden; in England aber, wo fast aller Grund und Boden entweder der Regierung, der Kirche oder der mächtigen Aristokratie gehört und daher sich nur selten Gelegenheit darbietet, solchen frei zu acquirieren; auf der andern Seite aber auch Industrie, durch ein weises Gouvernement, im richtigen Verhältniß neben dem Ackerbau befördert, den Handels- und Mittelstand ebenfalls reich gemacht hat, – kommen dergleichen Contrakte alltäglich vor, und verhindern fast alle Nachtheile des zu großen Landbesitzes, ohne seinen großen Nutzen für den Staat zu schmälern.

Wir stiegen nun immer steiler heran, und befanden uns bald zwischen den kahlen Höhen, denn Pflanzungen werden hier fast immer nur bis zur[308] Mitte der höheren Berge angetroffen; es ist nicht wie in der Schweiz, wo die üppige Vegetation sich überall fast bis an die Schneeregion erstreckt. Doch den Maßstab der Schweiz überhaupt hier anlegen zu wollen, würde unpassend seyn. Beide Länder bieten romantische Schönheiten von ganz verschiedener Art dar, aber beide erwecken Bewunderung und Staunen über die erhabnen Werke der Natur, wenn gleich in der Schweiz vieles noch kolossaler erscheint. Der Weg war so gewunden gebaut, daß wir uns nach einer halben Stunde grade wieder, hoch oben, über der erwähnten Cottage befanden, die mit ihrem grauen, glatten Strohdach, in solcher Tiefe wie ein Mäuschen aussah, das sich im grünen Grase sonnt – denn die Sonne war endlich nach dem langen Kampf unumschränkte Herrin des Himmels geworden. Acht Meilen von Killarney erreicht man den höchsten Punkt der Straße, wo ein einzelnes Wirthshaus liegt. Hier steht man vor der weiten Bergschlucht, die den größten Theil der drei Seen in ihrem Schooße beherbergt, so daß man sie alle mit einem Blick übersieht.

Von nun an sinkt der Weg wieder, durch baumlose aber kühn geformte Berge führend, dem Meere zu. Als ich in Kenmare ankam, konnte ich, denn es war Markt daselbst, kaum das Menschengewühl mit meinem Einspänner durchdringen, besonders der vielen Betrunkenen wegen, die weder ausweichen wollten, noch vielleicht konnten. Der eine fiel, in Folge[309] dieser Weigerung, mit dem Kopf so heftig auf das Pflaster, daß er bewußtlos fortgetragen werden mußte, was je doch, als etwas ganz Gewöhnliches, gar nicht beachtet wurde. Die Hirnschädel der Irländer scheinen überhaupt von einer festern Masse als bei andern Nationen, wahrscheinlich weil sie von Jugend auf an die Schläge des Shileila gewöhnt sind. Während ich im Gasthof zu Mittag aß, hatte ich auch wieder von neuem Gelegenheit, mehreren solchen Kämpfen zuzusehen. Erst ballt sich gewöhnlich ein Haufen, schreiend und lärmend, immer dichter zusammen – dann im Nu schwirren hundert Shileila's in der Luft, und nun hört man die Püffe, welche größtentheils auf den Kopf applizirt werden, wie entferntes Gewehrfeuer bollern und knacken, bis eine Parthei den Sieg errungen hat. Da ich mich hier an der Quelle befand, kaufte ich mir, durch Vermittlung des Wirths, eines der schönsten Exemplare dieser Waffe, noch warm vom Gefecht. Sie ist so hart wie Eisen, und um ja den Zweck nicht zu verfehlen, überdieß am Ende noch mit Blei ausgegossen.

Der berühmte O'Connel residiert jetzt, ohngefähr 30 Meilen von hier, auf seiner einsamen Veste, in der wüstesten Gegend Irlands. Da ich lange gewünscht habe, ihn kennen zu lernen, schickte ich einen Boten, mit der nöthigen Nachfrage, von hier an ihn ab, und beschloß, bis die Antwort eintreffen könne, unterdeß eine Exkursion nach Glengariff Bay zu machen,[310] wohin ich mich auch nach dem Essen sogleich auf machte.

Das Fahren hat nun gänzlich aufgehört, fortan ist nur auf Berg-Pony's, oder zu Fuß, weiter zu kommen. Ein solcher Pony trug mein Gepäck, der Führer und ich gingen daneben her, und war einer von uns müde, so mußte das gute Pferdchen ihn ebenfalls tragen. Die Sonne ging bald unter, aber der Mond schien hell. Die Gegend war nicht ohne Interesse, der Weg aber abscheulich, und führte oft durch Sümpfe und reißende Bäche, ohne Brücke noch Steg. Ueber alle Vorstellung beschwerlich, ward er aber, nach sechs bis acht Meilen, wo wir einen hohen Berg fast perpendikulair hinaufklimmen mußten, nur auf loses und spitzes Gerölle tretend, auf welchem man jeden Augenblick halb so weit herabrutschte, als man vorher hinangeklettert war. Noch schlimmer beinah ging es auf der andern Seite hinab, besonders wenn ein vortretender Berg den Mond auslöschte. Ich konnte vor Müdigkeit nicht weiter gehen, und setzte mich daher auf den Pony. Dieses Thier zeigt wahren Menschenverstand. Bergauf half er sich mit der Nase, und den Zähnen selbst, glaube ich, wie mit einem fünften Beine, und bergunter spann er sich, mit unaufhörlichen Drehungen des Körpers, wie eine Spinne herab. Kam er an einen Sumpf, in dem, statt des Steges, nur von Schritt zu Schritt einige Steine hineingeworfen waren, so kroch er mit der Langsamkeit eines Faulthiers[311] hindurch, immer erst mit dem Fuße probirend, ob der Stein auch ihn und seine Last zu tragen im Stande sey. Die ganze Scene war höchst seltsam. Man sah bei der großen Helle weit um sich her, aber nichts, durchaus nichts als Felsen an Felsen gereiht, von jeder Art und Gestalt, und durch den Mondschein in noch riesenhaftere, abentheuerlichere, scharf sich gegen den Himmel abschneidende Formen gegossen. Kein lebendiges Wesen, und kein Busch war zu entdecken, nur unsre Schatten zogen langsam neben uns hin, kein Laut ertönte, als unsere Stimmen, und zuweilen das ferne Rauschen eines Bergbachs, oder seltner das melancholisch tönende Horn eines Hirten, die in diesen ungemessenen Einöden, welche nur aus Felsen, Moos und Heidekraut bestehen, das frei umherirrende Vieh durch diese Musik zusammenhalten. Einmal nur sahen wir eine solche Kuh, welche, wie die Bergschafe in Wales, die Flüchtigkeit des Wildes angenommen haben, mitten im Wege liegen, aber bei unserer Annäherung, wie ein schwarzer Geist, brausend über die Felsen springen, wo sie bald im Dunkel verschwand.

Eine Stunde vor Glengarriff Bay wird die Landschaft eben so üppig und Park ähnlich, als sie vorher kahl und wild ist. Hier ragen die Felsen in den allerwunderlichsten Formen, aus hesperischen Gebüschen von Arbutus, portugiesischem Lorbeer und andern lieblichen, süß duftenden Sträuchern hervor. Manche dieser Felsen erheben sich, gleich Palästen,[312] glatt wie Marmor, ohne Fugen und Unebenheit, andere bilden spitze Pyramiden, oder lange fortlaufende Mauern. In dem Thalgrunde glänzten einzelne Lichter, und ein leiser Wind bewegte die Kronen hoher Eichen, Eschen und Birken, mit schönem Holly untermischt, dessen hochrothe Beeren selbst im Mondlicht sichtbar wurden. Die prächtige Bay aber schimmerte, von den zitternden Mondesstrahlen durchwebt, schon in der Nähe, und ich glaubte mich wirklich im Paradiese, als ich kurz darauf ihre Ufer erreichte, und mich an der Thür des freundlichsten Gasthauses glücklich angelangt fand. So heiter dieses aber auch aussah – in ihm war dennoch Trauer! Wirth und Wirthin, sehr anständige Leute, kamen mir, in tiefes Schwarz gekleidet, entgegen. Die Schwester der Frau, so erzählten sie mir, auf meine Frage, das schönste Mädchen in Kerry, nur 18 Jahr alt, und bisher das Bild der Gesundheit, war erst gestern an einem Gehirnfieber, oder vielmehr an der Unwissenheit des Dorfarztes, verschieden – in der achttägigen Krankheit aber, wie die arme Frau weinend hinzusetzte, zu 40 Jahren gealtert, so daß Niemand den Leichnam des blühenden Mädchens mehr erkennen wolle, diese holden Züge, welche noch vor so kurzer Zeit der Stolz ihrer Eltern und die Bewunderung aller jungen Männer der Umgegend waren.

Sie ruht neben meiner Schlafstube, gute Julie, nur durch eine Bretterwand von mir geschieden.[313] Vier Schritte von ihr steht der Tisch, an dem ich Dir schreibe. Das ist die Welt! Leben und Tod, Freude und Kummer reichen sich überall die Hand.


Kenmare, den 27sten.


Um 6 Uhr war ich munter, und um 7 Uhr in dem herrlichen Park des C..l W..., Bruder des Lords B...., welcher Familie die ganze Umgegend der Bayen von Bantry und Glengarriff, vielleicht des schönsten Punktes in ganz Irland, gehört. Der Umfang dieser Besitzungen ist fürstlich, wiewohl in pekuniairer Hinsicht nicht so bedeutend, da der größte Theil des Terrains aus Felsen und unbebautem Gebürge besteht, das seine Renten nur in romantischen Schönheiten und prachtvollen Aussichten bezahlt. Mr. W...'s Park ist gewiß eine der gelungensten Schöpfungen dieser Art, und hat des Besitzers Ausdauer und gutem Geschmack allein sein Daseyn zu verdanken. Freilich konnte er auch nirgends einen dankbareren Erdfleck für sein Wirken auffinden, aber selten geschieht es, daß Kunst und Natur sich so vollständig die Hand bieten. Es sei genug, zu sagen, daß die erste sich nur durch die vollständigste Harmonie bemerklich macht, übrigens in der Natur ganz aufgegangen zu sein scheint; – daher kein Baum noch Busch mehr wie ab sichtlich hingepflanzt sich zeigt; die Aussichten nur nach und nach, mit[314] weiser Oekonomie benutzt, sich wie nothwendig darbieten; jeder Weg so geführt ist, daß er gar keine andre Richtung, ohne Zwang, nehmen zu können scheint; der herrlichste Effekt von Wald und Pflanzungen durch geschickte Behandlung, durch Contrastiren der Massen, durch Abhauen einiger, Lichten anderer, Aufputzen, oder Niedrighalten der Aeste, erlangt worden ist – so daß der Blick bald tief in das Walddunkel hinein, bald unter, bald über den Zweigen hingezogen, und jede mögliche Varietät im Gebiet des Schönen hervorgebracht wird, ohne doch irgend wo diese Schönheit nackt vorzulegen, sondern immer verschleiert genug, um der Einbildungskraft ihren nöthigen Spielraum zu lassen; – denn ein vollkommner Park, oder mit andern Worten: eine durch Kunst idealisierte Gegend soll gleich einem guten Buche, wenigstens eben so viel neue Gedanken und Gefühle erwecken, als es ausspricht.

Das Wohnhaus, durch einzelne Bäume und Gruppen malerisch unterbrochen, und nicht eher sichtbar, als bis man eine ihm gegenüber liegende Anhöhe erreicht, wo es auf einmal aus den Waldmassen, mit Epheu, wilden Wein und Rosen überrankt, hervorbricht – ist ebenfalls von dem Besitzer nach eignen Plänen erbaut. Es ist weniger im gothischen, als in einem alterthümlichpittoresken, eigenthümlichen Style aufgeführt, den ein feiner Takt sich ganz der Gegend gemäß ausdachte. Auch die Ausführung ist vortrefflich, denn es ahmt wahres Alterthum täuschend[315] nach. Die Zierrathen sind so sparsam und passend angebracht, das Ganze so wohnlich und zweckmäßig gehalten, und dem, scheinbar ältesten Theile, das Ansehn von Vernachlässigung und Unbewohntheit so gut gegeben, daß ich wenigstens vollkommen der Absicht des Erbauers entsprach, indem ich die Gebäude, für jetzt erst wieder bewohnbar gemachte, und, soweit als es unsere Gewohnheiten verlangen, modernisierte Ueberreste einer alten Abtey ansah. Die Rückseite des Wohnhauses nehmen Pflanzenhäuser, und ein höchst nett gehaltner, umschlossener Blumengarten ein, die beide mit den Zimmern zusammenhängen, so daß man fortwährend unter Blumen, tropischen Gewächsen und reifenden Früchten lebt, ohne deßhalb das Haus verlassen zu dürfen. Auch das Clima ist das günstigste, was man sich für Vegetation wünschen kann; feucht, und so warm, daß nicht nur, wie in England, Azalien, Rhododendron und alle Sorten Immergrün, sondern selbst Camelien, in einer vortheilhaften Lage, hier im Freien durchgewintert werden können. Daturen, Granaten, Magnolien, Lyriodendron etc. erreichen die größte Schönheit, und die letztern drei werden nie bedeckt. Die Gegend bietet große Ferne, außerordentliche Varietät, und dennoch ein am Horizont von Bergkolossen wohlgeschlossenes Ganze dar. Die Bayen von Bantry und Glengarriff zeigen ein Meer im Kleinen, dessen Küsten, sich durch und übereinander schiebend, die Leere des großen Oceans nie erblicken lassen; landeinwärts aber scheint das wogende Gebürge[316] fast ohne Ende. Die kleinere Bay von Glengarriff, welche sich vor dem Wohnhause ausbreitet, hat neun Meilen, die andere fünfzig im Umfang. Unter den dem Park grade gegenüber liegenden Bergen ragt wieder ein Zuckerhut hervor, und an seinem Fuß erstreckt sich ein schmales Vorgebürge bis mitten in die Bay, wo ein verlassenes Fort malerisch seine Spitze bezeichnet. Der Park selbst nimmt die ganze eine Seite der Bay ein, und begränzt an seinem schmalen Ende die von Bantry, wo das Schloß des Lord B.. am jenseitigen Ufer den Hauptaussichtspunkt bildet. Nur zur Hälfte vollendet und bepflanzt, ist die ganze Anlage überhaupt erst seit 40 Jahren aus dem Nichts hervorgerufen worden. Ein solches Wirken verdient auch seine Kronen, und der würdige Mann, der mit nur geringen Mitteln, aber großem Talent, und gleich großer Ausdauer, es schuf, sollte den irländischen Grundbesitzern, die ihre Schätze im Ausland vergeuden, als ein hoch zu ehrendes Muster aufgestellt werden! Auch hörte ich mit wahrer Genugthuung, daß, auf seinen und Lord B...s Domainen, Partheihaß unbekannt ist. Beide sind Protestanten, alle ihre Unterthanen, oder Tenants, Catholiken; demohngeachtet ist die freiwillig anerkannte Autorität der Herren über sie grenzenlos, ja Mr. W... lebt wie ein Patriarch unter ihnen, wie ich von den gemeinen Leuten selbst erfuhr, und schlichtet alle ihre Streitigkeiten, ohne daß Rechtsverdrehern ein Heller in diesen abgeschiedenen Bergen zugewendet zu werden braucht.[317]

Daß ich wünschen mußte, einen so braven Mann kennen zu lernen, magst Du voraussetzen. Es war daher eine wahre Gunst des Schicksals, daß ich ihm, seine Arbeiter inspizierend, im Parke begegnete. Unser Gespräch nahm bald eine interessante, für mich höchst lehrreiche Wendung. Eine Einladung, mit ihm und seiner Familie zu frühstücken, schlug ich nicht ab, und fand in seiner Gemahlin eine flüchtige Bekannte aus dem Londner Trouble. Sie nahm das unerwartete Wiedersehen herzlich auf und präsentierte mir zwei Töchter von 18 und 17 Jahren, die noch nicht »brought out« waren, denn wie ich Dir schon neulich schrieb, während man in England die Pferde (sans comparaison) zu früh ausbringt, nämlich im zweiten Jahr schon Wette laufen läßt, müssen die armen Mädchen fast alt werden, ehe man ihnen das Gängelband löst, um sie in die böse Welt zu lançiren.

Die Familie erschöpfte alle Artigkeit und Freundschaft an mir, und da mich die Damen so leidenschaftlich für schöne Natur eingenommen sahen, baten sie mich dringend, einige Tage hier zu bleiben, um so manche Merkwürdigkeit, namentlich den berühmten Wasserfall und Aussicht von Hungryhill, mit ihnen zu besuchen. Es war mir unmöglich, jetzt mich länger aufzuhalten, da ich mich bei H. O'Connell angesagt, gewiß aber werde ich auf meiner Weiterreise nach Cork von einer so lieben Einladung Gebrauch machen, denn solche Gesellschaft gehört nicht zu denen, die ich scheue.[318]

Ich begnügte mich also, vor der Hand, mit der ganzen Familie eine lange Spazierfahrt zu machen, erst der Bay entlang, um eine Generalansicht des Parks und Schlosses zu gewinnen, dann nach einem Waldrevier, in der Direktion meines Rückwegs gelegen, wo Lord B. eine shoting lodge (Jagdhaus) besitzt. Dies ist eine Gegend wie für einen Roman erfunden! Was die abgeschiedenste Einsamkeit, die schönste Vegetation, das frischeste Wiesengrün, von Bergen und Felsen umschlossen, Thäler, an deren Seiten sich zuweilen 1000 Fuß hohe, steile Wände erheben, dick bewaldete Schluchten, ein über Felsenblöcke rauschender Fluß mit malerischen Brücken von Aesten und Stämmen, Sonndurchglänzte Haine, in denen die kühlen Wellen Tausende von Waldblumen mit ihrer stets klaren Fluth erfrischen, zutraulich gewöhntes Wild, horstende Adler, und buntgefiederte Singvögel – alles durch die süßeste Heimlichkeit dem Dichterherzen lieb gemacht – was solche Elemente bieten mögen, ist hier in reichem Maße vereint, um mit einer gleichgestimmten Seele alle Glückseligkeit genießen zu können, der diese Erde fähig ist. Mit wehmüthigem Schmerz verließ ich diese reizende Phantasie unsrer lieben Mutter Erde, und riß mich nur mit Mühe los, als wir am ländlichen Thore ankamen, wo Führer und Pony schon meiner harrten. So wie ich Abschied von den neuen Freunden genommen, und dem lieblichen Thale den Rücken gekehrt, umzog sich auch der Himmel, und nahm, bei dem Eintritt in das schauerliche Steinreich, das ich Dir[319] gestern beschrieb, die Farbe an, die zu meiner Stimmung, wie zur Umgebung, am besten paßte. Ich wünschte, noch des langsamen Reitens vom vorigen Tage her überdrüssig, zu gehen, als ich aber, der Nässe wegen, meine hohen Ueberschuhe verlangte, fand es sich, daß der Führer einen derselben verloren, ein häusliches Unglück, das wichtig genug für mich war, um es hier zu erwähnen, denn, wie man zu sagen pflegt: »ohne Bacchus friert Venus,« so wird auch eine romantische Gegend weit besser mit trockenen Füßen als mit nassen genossen. Ich beschloß daher den Mann zurückzuschicken, um, wo möglich, wenigstens für die nächsten Tage, meiner trauernden Gallosche ihre so lange treue Gefährtin wiederzuschaffen, für heute aber den ganzen Weg, durch dick und dünn, zu Fuß zurückzulegen.

Es fing sanft an zu regnen, ein Berg nach dem andern verschleierte sich, und ich wanderte melancholisch, sehnsüchtig nach dem verlornen Paradies, den Regionen zu, wo die Erde, gleich einem Gerippe, nur ihre Knochen erblicken läßt. Unterdessen ward der Regen immer stärker, und einzelne Windstöße verkündeten bald ein ernstliches Unwetter. Ich hatte den hohen Berg zu erklimmen, der inmitten der ersten Wegehälfte von hier aus liegt, und schon kamen mit Ströme Wassers entgegen, die gleich kleinen Caskaden, in allen Bergfurchen herabschossen. Da ich den Luxus so badeartiger Durchnässung im Freien selten genieße, so wadete ich, mit wahrem Wohlbehagen, in[320] dem flüssigen Element umher, mich gewissermaßen in das Seelenvergnügen einer Ente versetzend. Der Beweglichkeit meiner Phantasie ist, wie Du weißt, nichts der Art unmöglich; wie aber das Wetter immer finsterer und wilder ward, nahm auch meine Stimmung allmählich einen immer unheimlicheren, ja ich möchte fast sagen, höhnischen, modern diabolischen Charakter an. Der Aberglaube der Berge umfing mich, ich konnte ihm nicht länger widerstehen, dachte fortan nur an Rübezahl, den böhmischen Jäger, die Fairie's und den Bösen, an Beschwörungsformeln und Erscheinungen, so daß mir immer gespenstiger zu Muth ward, und ich mich zu letzt lautdenkend ausrufen hörte: Warum sollte mir der Teufel nicht eben so gut als andern ehrlichen Leuten erscheinen können? Mit diesen Worten war ich auf der höchsten Spitze des steilen Berges angekommen. Das Unwetter hatte jetzt seinen höchsten Grad erreicht, der Sturm heulte fürchterlich, Wasser goß in Fluthen vom Himmel, und der tiefe Felsenkessel, unter mir, erschien, wie hinter schwarzen Vorhängen nur augenblicklich auftauchend, dann wieder verschwindend in den rollenden Nebeln und der einbrechenden Dämmerung. Da fiel mir jene Beschwörungsformel ein, nach welcher, wenn man sich dreimal laut lachend in einer Kirche um Mitternacht selbst gerufen, eine Erscheinung verheißen wird, die Niemand auszuhalten im Stande seyn soll. Was in einer Kirche um Mitternacht statt findet, dachte ich, mag hier im Aufruhr der Elemente, in der[321] schauerlichen Felsschlucht, bei eintretender Nacht auch geschehen können; – und so, mich fest gegen den Sturm stemmend, den Regenschirm, den ich bisher nur als Stock gebraucht, wie einen Mantel über den Kopf ziehend, und starr in den tiefen Bergkessel hinabschauend, rief ich, von Gespensterschauern ergriffen, der Vorschrift gemäß, mit fremder laut schrillender Stimme meinen vollen Namen:2


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Dann wie verwundert: Wer ruft mich?

– Dumpfes halbersticktes Gelächter. –

Lauter meinen Namen von Neuem:

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Erschüttert: Wer ruft mich?

– Wildes Lachen. –

Mit donnernder Stimme meinen Namen zum drittenmal:

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Voll Grausen: Wer ruft mich?

– Augenblickliche Stille – dann ein leises, doch helles und triumphirendes Lachen, welches das Echo spottend wiederholt.


So weit hatte ich die Comödie allein gespielt – aber jedesmal, wenn ich selbst: Wer ruft mich? rief[322] – schien es, als wenn von außen her schwache Blitze den Kessel unter mir durchzuckten, was ich mir nur durch die Windstöße erklären konnte, die der seidnen Decke des Regenschirms, welche ich des Sturms wegen nahe am Gesicht festhalten mußte, eine zitternde Bewegung gaben, und so eine blitzähnliche Wirkung auf das Auge hervorbrachten. Als aber das letzte Lachen kaum verschollen war – schlug sich plötzlich das Dach des Regenschirms um, was mich selbst beinahe umwarf, und ganz der Empfindung glich, als ergriffe mich von hinten eine übermächtige Riesenfaust – es war freilich, ohne Zweifel, nur ein jählinger Windstoß – ich drehte mich indeß nach dem ersten Schreck doch langsam um .... und sah .... nichts, in der That! – Aber wie? regt sich dort nicht etwas um die Ecke? beim Himmel das ist .... mein Erstaunen war wahrlich nicht gering, als ich jetzt in der Entfernung von zwanzig Schritten, so weit als ich nothdürftig in Dunkelheit und Regen noch unterscheiden konnte, eine vom Kopf bis zum Fuß schwarz verhüllte Gestalt, mit einer Scharlachmütze auf dem Kopfe, nachläßig, und – ich täuschte mich nicht – hinkend, auf mich zukommen sah ....

Nun liebe Julie, est ce le diable ou moi, qui ecrira le reste? – oder glaubst Du wohl gar, ich amüsire mich, Dir ein Mährchen zu erzählen? point du tout – Dichtung und Wahrheit ist meine Devise.[323] Aber meinen Brief wenigstens hier zu schließen, ist billig. Ich darf hoffen, daß der nächste nicht ganz ohne Ungeduld erwartet wird. Also bis dahin – adieu.


Ganz Dein L.....


Ende des ersten Theils.

1

Der Maitre d'Hotel, welcher neulich auch über Napoleons Leben Memoiren herausgegeben, hat den Kaiser von dieser Beschuldigung mit Indignation losgesprochen. Diese Memoiren sind gewiß die schmeichelhaftesten für den großen Mann, denn sie beweisen: qu'il est resté heros, mème pour son valet de chambre!

A.d.H.

2

Jeder braucht hier nur seinen eigenen Namen, wenn er den Versuch zu machen wünscht, einzuschalten.

A.d.H.

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Erster und Zweiter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus England, Wales, Irland und Frankreich, geschrieben in den Jahren 1828 und 1829, Band 2, Stuttgart 21831.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Briefe eines Verstorbenen
Briefe eines Verstorbenen: Ein fragmentarisches Tagebuch
Briefe eines Verstorbenen: Herausgegeben von Heinz Ohff
Ironie Des Lebens: Bd. Einleitung. Aus Den Zetteltoepfen Eines Unruhigen. Die Pfarre Zu Stargard. Scheidung Und Brautfahrt.-2.Bd. Briefe Eines Verstorbenen (German Edition)

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Die beiden »Freiherren von Gemperlein« machen reichlich komplizierte Pläne, in den Stand der Ehe zu treten und verlieben sich schließlich beide in dieselbe Frau, die zu allem Überfluss auch noch verheiratet ist. Die 1875 erschienene Künstlernovelle »Ein Spätgeborener« ist der erste Prosatext mit dem die Autorin jedenfalls eine gewisse Öffentlichkeit erreicht.

78 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon