Acht und vierzigster Brief.

[351] Paris, den 20. Januar 1829


Liebe Julie!


Es ist gewiß eine schöne Sache in Paris, einen solchen Spaziergang, wie das Museum bietet, täglich zu seiner Disposition zu haben, und, um dem Regen oder Schnee zu entgehen, in den Sälen der Götter und unter den Schöpfungen des Genius umher wandeln zu dürfen! Vive le Roi! für diese Liberalität gegen Alle.

Nachdem ich meinen Vormittag in den Prachtsälen zugebracht, und auch das neue Aegyptische Museum gesehen, von dem ich Dich später unterhalten werde, fand ich zufällig, beim Essen, eine interessante Gesellschaft an einem General de l'Empire, dessen Unterhaltung ich dem Theater heute vorzog. Er erzählte mir als Augen- und Ohrenzeuge eine Menge[352] Anekdoten, die ein lebhafteres Bild, und zum Theil einen tiefern Blick in die ganzen Verhältnisse jener Zeit zuließen, als es Memoiren vermögen, in denen man die Wahrheit nie ganz ohne Schminke entfalten kann. Es würde zu weitläufig seyn, Dir hier viel davon erzählen, und obendrein diese Mittheilung des belebenden Colorits des Worts zu sehr entbehren müssen, weshalb ich das Meiste für mündliche Unterhaltung aufbewahre. Nur einige Züge zur Probe.

Es ist nicht zu läugnen, sagte mein Berichterstatter, daß im Innern der Familie Napoleons viele gemeine Verhältnisse statt fanden, welche die Roture verriethen (worunter keineswegs die nicht vornehme Geburt, sondern eine mangelhafte und würdelose Erziehung zu verstehen ist). Namentlich herrschte der größte Haß und die elendesten gegenseitigen Intriguen zwischen der Familie Napoleons und der Kaiserin Josephine, welche auch zuletzt das Opfer davon ward. Napoleon nahm früher stets die Parthei seiner Frau, und wurde von seiner Mutter deshalb oft in's Angesicht mit dem Namen eines Tyrannen, Tiber, Nero, und noch weniger klassischen Ausdrücken gescholten. Uebrigens habe Madame oft gegen ihn geäußert, sagte der General, daß Napoleon schon als kleines Kind stets habe allein herrschen, immer nur sich und das Seinige schätzen wollen. Seine Brüder wären von Anfang an von ihm tyrannisirt worden, nur mit Ausnahme Lucien's, der[353] nie die geringste Beleidigung ungerächt gelassen. Es errege daher oft ihr Erstaunen, wie gleich sich, durch die ganze Folgezeit, der beiderseitige Charakter der Brüder geblieben. Der General behauptete, daß Madame Lätitia die feste Ueberzeugung gehabt, Napoleon werde übel enden, und kein Geheimniß daraus gemacht, daß sie nur für diese Katastrophe spare. Lucien theilte diese Ueberzeugung und sagte dem General schon 1811 die merkwürdigen Worte: L'ambition de cet homme est insatiable, et vous vivrez peutêtre, pour voir sa carcasse et toute sa famille jettées dans les égouts de Paris.

Bei der Krönung Napoleons hatte die Kaiserin Mutter, bei welcher der General, nach verlassenem Militärdienste, eine Hofcharge inne hatte, (er sagte mir nicht welche) ihm aufgetragen, genau Achtung zu geben, wie viel Fauteuils, Stühle und Tabourets für die kaiserliche Familie aufgestellt worden wären, und so wie sie hereinträte, ihr unbemerkt seinen Rapport darüber abzustatten. Der General, damals mit Hofsitten ziemlich unbekannt, wunderte sich über den seltsamen Auftrag, richtete ihn aber pünktlich aus, und meldete, er habe nur zwei Fauteuils, einen Stuhl und so und so viel Tabourets gezählt. »Ah! je le pensais, bien, rief Madame Mére, roth vor Zorn, la chaise est pour moi – mais ils se trompent dans leur calcûl!« Schnell auf den omineusen Stuhl zuschreitend, frug sie den dienstthuenden Kammerherrn mit bebenden Lippen, wo ihr Sitz[354] sey? dieser wies mit einer tiefen Verbeugung auf den Stuhl – die Tabourets waren schon von den Königinnen und Schwestern eingenommen. Den Stuhl ergreifen, ihn dem Kammerherrn auf die Füße stoßen, der vor Schmerz beinahe laut aufschrie, und in das Kabinet eindringen, wo der Kaiser und Josephine warteten, war für die empörte Corsin das Werk eines Augenblicks. Hier folgte nun die indecenteste Scene, während die Kaiserin Mutter in den stärksten Ausdrücken erklärte, daß, wenn ihr nicht augenblicklich ein Fauteuil gegeben werde, Sie den Saal verlassen und vorher laut den Grund ihrer Handlungsweise angeben wolle. Napoleon, obgleich wüthend, mußte bonne mine à mauvais jeu machen, und half sich dadurch, daß er die ganze Sache den armen Grafen Segur, als eine Bevüe, die von ihm allein herrühre, ausbaden ließ »et on vit bientôt, setzte der General hinzu, le digne Comte erriver tout effaré, et apporter lui même un fauteuil a sa Majesté l'Imperatrice mère.« Charakteristisch, und ein Beweis, daß keineswegs Josephine, sondern der Kaiser selbst Schuld an dem Vorfall war, ist, daß bei der Heirath mit Maria Louise sich genau dieselbe Sache wiederholte, und die, nun schon zu sehr eingeschüchterte und gedemüthigte Mutter nicht mehr den Muth hatte, zu widerstreben.

Napoleon war bigott erzogen worden, und obgleich zu scharfsichtig, um so zu bleiben, oder es vielleicht je ernstlich zu seyn, hatte doch die Gewohnheit[355] wie bei Allen, mehr oder weniger, auch auf ihn einen so starken Einfluß, daß er sich von den ersten Eindrücken nie ganz frei machen konnte. Es arrivirte ihm sogar zuweilen, wenn etwas ihn plötzlich frappirte, unwillkürlich das Zeichen des Kreuzes zu machen, eine Gêste, der den skeptischen Kindern der Revolution, bei einem Manne wie der Kaiser, höchst befremdend vorkam.1

Nun noch zuletzt ein artiger trait Karl des IV., dem man kaum so etwas Zartes zutrauen wird, obgleich die, welche ihn persönlich kannten, wissen, daß dieser unendlich liberale und gute, wenn gleich höchst[356] schwache und ungebildete Prinz, als Mensch viel mehr wert war, denn als König.

Als Lucien nach Spanien ging, um dort den Posten eines Ambassadeur der Republik einzunehmen, begleitete ihn der General als Gesandtschafts-Sekretär. Der vorige Gesandte hatte alle Grobheit der republikanischen Sitten, zum höchsten Scandal des etikettenreichsten und förmlichsten Hofes der Welt, affichirt, und man fürchtete vom Bruder des französischen Staats-Oberhauptes eine noch größere Arroganz. Lucien hatte indessen le bon esprit, gerade das Gegentheil zu thun, erschien sogar in Schuhen und Haarbeutel, und erfüllte alle Ceremoniel- und Hofpflichten mit solcher Pünktlichkeit, daß man vor Freuden und Dankbarkeit darüber am Hofe in wahres Entzücken gerieth. Lucien wurde nicht nur höchst populär, sondern der wahre Liebling der ganzen königlichen Familie. Er erwiderte, wie mein Erzähler versicherte, diese Freundschaft aufrichtig, und warnte oft den König wie den Friedens-Fürsten ernstlich, eben so sehr vor der Treulosigkeit,[357] als dem unersättlichen Ehrgeiz seines Bruders, über den er, bei jeder Gelegenheit ganz ohne Rückhalt, sprach. Das Zutrauen des alten Königs pour son grand ami, wie er Napoleon nannte, blieb jedoch bis zum letzten Augenblick unerschütterlich.

Vor seinem Abgang setzte Lucien seiner Popularität noch durch ein prachtvolles Fest die Krone auf, desgleichen man in Spanien nie gesehen, und welches gegen 400,000 Franken gekostet haben soll. Die höchsten Personen des Hofs, viele Grands, und die ganze königliche Familie beehrten es mit ihrer Gegenwart, und letztere namentlich schien dem Ambassadeur nicht genug Verbindliches darüber sagen zu können. Wenige Tage darauf erhielten alle Mitglieder der Gesandtschaft prächtige Geschenke, nur der Ambassadeur ging leer aus, und die republikanische Familiarität erlaubte sich daher, im Palais des Gesandten, mehrere deshalb an ihn gerichtete Neckereien. Indeß war die Abschieds-Audienz vorüber gegangen, Luciens Abreise auf den nächsten Tag bestimmt, und alle Hoffnung auf das erwartete Präsent nun ganz aufgegeben, als ein Offizier der wallonischen Garden mit Escorte im Hotel ankam und dem Gesandtschafts-Sekretär ein in eine Kiste gepacktes großes Gemälde, als ein Andenken des Königs für den Bruder Napoleons, überbrachte. Als man Lucien dies meldete, äußerte er, es sey ohne Zweifel die Venus von Titian, die er mehreremal in des Königs Beiseyn gerühmt, und allerdings ein[358] Gemälde von Werth, indessen sey ihm doch jetzt dieser Transport unbequem und er müsse gestehen, er hätte etwas Anderes lieber gesehen. Nichts destoweniger ward der Offizier mit großer Artigkeit bedankt und entlassen, bei welcher Gelegenheit ihn Lucien seine eigne kostbare Busennadel anzunehmen bat. Hierauf befahl der Gesandte, daß das Gemälde aus der Kiste genommen, der Rahmen hier gelassen, und es so aufgerollt werde, daß man es auf die Imperiale eines Wagens packen könne. Der Sekretair that, wie ihm geboten; kaum hatte man aber die umgebende Leinwand weggeschoben, als ihm statt der gepriesenen Venus das, nichts weniger als schöne, Gesicht des Königs freundlich entgegen lächelte. Schon wollte er, schadenfroh über das komische Quiproquo, zum Gesandten eilen, um es ihm scherzend mitzutheilen, als, beim völligen Hinwegnehmen der Enveloppe, ihn eine noch viel größere Ueberraschung zurückhielt. Das ganze Gemälde war nämlich, gleich einer Miniature, mit großen Diamanten eingefaßt, die Lucien später für 4,000,000 Franken in Paris verkaufte. Dies war doch eine wahrhaft königliche Ueberraschung, und der Ambassadeur hatte Recht, einen solchen Rahmen nicht, wie er früher befohlen zu Hause zu lassen.

In Badajoz wurde, nach der Behauptung des Generals, Lucien sehr intim mit der Königin von Portugal bekannt, welche ihm dort ein politisches Rendezvous gegeben hatte, und, meinte der, D ... M ...[359] könnte wohl die Folge davon sein. Gewiß ist es, und ich schrieb Dir es bereits von London, daß dieser Prinz Napoleon auffallend gleicht.


Den 13ten.


Die Gaité kam bei meiner heutigen Theater-Inspection an die Reihe, und ich wage zu bekennen: daß ich mich sehr gut dort unterhielt. Diese kleinen Melodramen- und Possen-Theater sind jetzt, die Franzosen mögen noch so vornehm dagegen thun, doch ihre eigentlichen National-Bühnen, welche sogar an dem so auffallenden Uebergang des Publikums zur Romantik nicht ganz unschuldig seyn mögen – denn die Menschen waren der magern Kost herzlich müde geworden, des ... pathos tragique, qui long tems ennuya en termes magnifiques.

Neulich, als ich Dir den Theaterbericht des einen Abends schuldig blieb, geschah es deswegen, weil ich mich im théàtre français auf eine wahrhaft widrige Weise gelangweilt hatte. Mademoiselle Mars spielte nicht, und ich fand den Schauplatz der einstigen Größe Talma's und Fleury's, zur größten Erbärmlichkeit herabgesunken. Ich will Dir jetzt eine ganz kurze Skizze beider Vorstellungen geben, von dem National- und dem Vorstadt-Theater, und obgleich bei dem letztern nur von einem Melodrame, folglich[360] von grob aufgetragenen Farben, leichter Arbeit und Theater-Coups die Rede seyn kann, so überlasse ich Dir doch zu entscheiden, ob der klassischen oder melodramatischen Vorstellung der Vorzug zu geben sey. Ich fange mit dem Melodram der Gaité an, und bemerke nur im Allgemeinen voraus, daß die Schauspieler gewandt, die Costüme zweckmäßig, Dekorationen, so wie alle scenischen Anordnungen, sehr gut, und das Ensemble (wie fast auf den meisten Pariser Theatern, ausgenommen dem Théâtre français) vortrefflich waren.

Das Stück beginnt mit Tanz und Fröhlichkeit. Matrosen und Fabrikarbeiter feiern ein Fest im Garten ihres Prinzipals, des Herrn Vandryk, eines sehr reichen Partikuliers, der seit sechs Jahren, wo er aus der neuen Welt hier angekommen, der Wohlthäter der holländischen Landschaft geworden ist, in der er sich niedergelassen. Man hört jedoch, daß er sich dadurch auch die Eifersucht und den Neid der Regierung zugezogen, deren erster Justiz-Beamter namentlich, verschiedner Demüthigungen wegen, die ihm die Liebe des Volks zu Vandryk zugezogen, seyn Todfeind geworden sey. Während der Belustigungen erscheint Vandryk selbst mit seiner lieblichen Tochter, welche vom Sohne des Senators und Barons von Steewens, dem jungen Friedrich, geführt wird. Jubel und Vivatrufen empfängt sie, Vandryk theilt Geschenke unter die Verdientesten aus, und trägt seiner Tochter mit dem jungen Baron auf, seine Kinder[361] nun zum Gastmahl zu führen, das im Nebenhause bereitet sey. Sinnend bleibt er selbst stehen, und sein Monolog verräth uns, daß alles Glück, alle Ehre und Liebe, die ihn umgäben, den Fluch, der ihn verfolge, doch nicht heben könnten, ja ihn nur noch empfindlicher machten! Er überläßt sich dem tiefsten Kummer, dessen Ursache aber unbekannt bleibt. Sein alter Diener tritt ein, und in einer kurzen Unterhaltung erfährt man, daß dieser allein um alles Vergangene wisse, die Befürchtungen seines Herrn aber für chimärisch halte, indem er ihn mit der Versicherung zu beruhigen sucht, daß sein Geheimniß ja ganz sicher und jede Entdeckung fast unmöglich sei. Die Tochter kehrt jetzt mit ihrer Amme zurück und bittet den Vater um Erlaubniß, auch ihre Freundinnen zum Feste abholen zu dürfen. Eine zärtliche Scene folgt, wo der Vater sich an den so herrlich aufgeblühten Reizen der Tochter weidet, und sie endlich mit einer feierlichen Umarmung entläßt, in einer Bewegung, die nur dem alten Diener verständlich ist. Noch in der Thüre begegnet sie dem Vater des jungen Barons, der, reich gekleidet und von seinem Gefolge begleitet, erscheint. Vandryk empfängt ihn mit großer Ehrfurcht, die Familiarität und Freundschaft des Barons fast abwehrend, bis dieser seine Lobeserhebungen und Achtungsbezeigungen gegen Vandryk damit beschließt, daß er, obgleich er einer der reichsten und angesehensten Edelleute im Lande ist, für seinen Sohn um Vandryk's Tochter anhält. Dieser erklärt in der höchsten Agitation,[362] eine solche Verbindung sey unmöglich, und vergebens dringt der Baron in ihn, obgleich er ihn deutlich merken läßt, daß das junge Paar bereits einig und schon durch die innigste Zärtlichkeit verbunden sey. »Dies fehlte noch zu meinem Elend!« ruft Vandryk fast in Verzweiflung aus, als die Thüre aufgerissen wird, und seine Tochter, mit der Amme an der Hand, athemlos hereinstürzt, verfolgt von einem glänzenden jungen Wüstling, der beim Anblick des Barons und Vandryk's zwar einen Augenblick betroffen stehen bleibt, sich aber schnell faßt, und mit der Geistesgegenwart eines Mannes von Welt sein Betragen zu entschuldigen sucht. Der Baron fragt verächtlich, wer er sey? worauf der junge Mann mit stolzem Anstand antwortet: Mein Name ist Ritter Vathek, erster Sekretair des Raths-Pensionairs von Holland, Grafen von Assefeldt, der so eben hier angekommen ist, um den Zustand der Provinz zu untersuchen. Ist der Graf schon hier? frägt der Baron, mit mehr Höflichkeit, dann muß ich ja eilen, ihn zu bewillkommen, da er mir die Ehre erzeigt, bei mir zu wohnen, denn ich bin Baron Steewes und dies Herr Vandryk, der Vater der jungen Dame, die ... Vathek verbeugt sich unterbrechend, und nähert sich Vandryk, um auch ihm seine Entschuldigung zu wiederholen, bleibt aber sprachlos stehen, als er dessen Gesicht erblickt. Doch bezwingt er sich augenblicklich, schiebt seine Verwirrung auf die Verlegenheit seiner Lage und eilt nach einigen Gemeinplätzen davon. In der Thüre[363] wendet er sich noch einmal unbemerkt von den Uebrigen um, wirft einen sorgsamen Blick auf den mit seiner Tochter beschäftigten Vandryk, und mit den Worten: beim Himmel, er ist's! verläßt er das Haus.

Die Scene verändert sich.

Wir sehen ein reiches Gemach, in welches Graf Assefeldt vom Baron geführt wird. Nach einiger Conversation über den Zustand der Provinz, erwähnt der Baron Vandryks, seiner Verdienste um das Land, und fügt hinzu, daß er dessen Tochter erst heute für seinen Sohn verlangt, überzeugt, daß Vandryk's Tugend, sein Einfluß, sein Reichthum und die Würde seines Charakters ihn jedem Edelmanne gleich stellen müßten. Man sieht während dieser Aeußerung den jungen Sekretair höhnisch lächeln, der jetzt vortritt, um die Behörden der Stadt anzumelden. Diese kommen, dem Raths-Pensionaire ihre Ehrfurcht zu bezeigen, wobei der Zuschauer zugleich erfährt, daß ihr Chef, jener erwähnte Feind Vandryk's, des jungen Ritters Onkel ist. In dem Rapport, den dieser nun dem Grafen Assefeldt macht, beschuldigt er Vandryk öffentlich, nur ein raffinirter Ruhestörer zu seyn, der unter der Maske eines Fabrikherrn das Volk zu verführen suche, appüyiert dabei auf die ganz räthselhafte Unbekanntheit seiner Familie, die gänzliche Ungewißheit, woher er selbst komme, wer er, und was seine Endabsicht sey, und gibt endlich zu verstehen, daß er wohl als Spion im Solde einer fremden Macht stehen könne. Graf[364] Assefeldt zeigt sich ruhig und kalt, aber wohlwollend, ermahnt zur Einigkeit und gemeinschaftlichem Eifer für das allgemeine Beste, entläßt die Behörden nebst dem Baron, und wendet sich nun mit Strenge an seinen Sekretair, dem er die Unanständigkeit seines Betragens an diesem Morgen, worüber der Baron Klage geführt, nachdrücklich verweist. Der Ritter bittet, mit verbißnem Aerger, um Verzeihung, fügt aber hinzu, daß sein, allerdings tadelnswerthes Betragen dennoch zu einer merkwürdigen Entdeckung geführt habe, nämlich, wer der verehrte Herr Vandryk eigentlich sei. »Nun, und wer ist er?« fragt der Graf gespannt. »Der Henker von Amsterdam.« – Der Graf schlägt erstaunt die Hände zusammen, und der Ritter fährt in seiner Erklärung fort: »Als siebenjähriges Kind,« sagte er, »entwendete ich, in unbewußter Spielerei, meiner Mutter einen kostbaren Diamantring.« Er ward lange vergebens gesucht, und um mich nachher für immer von einer so üblen Gewohnheit zu heilen, fiel meine Mutter auf das sonderbare Mittel, den Scharfrichter nebst seinem Erben und gesetzlichen Nachfolger, den ältesten seiner Söhne, kommen zu lassen, beide in ihrer furchtbaren Amtskleidung und dem breiten Schwerte in der Hand. Der Jüngste ergriff mich, und indem er das Schwert schwenkte, rief er mir zu: dies kalte Eisen würde mir den Tod geben, wenn ich mich je wieder dem schändlichen Verbrechen des Stehlens überließe. Eine wohlthätige Ohnmacht befreite mich hier von aller ferneren Angst, aber nie kam mir seitdem das[365] für mich so schreckliche Antlitz des jungen Mannes aus dem Gedächtniß, und selbst nach 20 Jahren erkannte ich es heute, nicht ohne innerliches Schaudern, auf den ersten Blick.

Der Graf bleibt ungläubig, hebt die Unwahrscheinlichkeit hervor, daß eine Erinnerung der ersten Kindheit nach zwanzig Jahren noch so zuverläßig seyn könne, und gebietet seinem Sekretair vor der Hand jedenfalls das tiefste Stillschweigen.

Wir werden nun wieder in das Haus Vandryk's zurückgeführt, wo seine Tochter ihm ihre Liebe zu Friedrich gesteht, und ehe sie ihn verläßt, dringend um seine Einwilligung fleht. Der Vater theilt in der nächsten Scene Alles dem treuen Diener mit, welcher ihm so lange zuredet, und die Unmöglichkeit der Entdeckung seines Geheimnisses so plausibel macht, daß er endlich selbst äußert, sich noch nie beruhigter und sicherer gefühlt zu haben, und mit Thränen väterlicher Liebe den Befehl gibt, das junge Brautpaar zu holen, um ihnen seinen besten Segen zu ertheilen. Freude und Glück Aller scheint vollkommen, und der alte Baron, der ebenfalls hinzukommt, theilt ihr Entzücken. Er ladet Vater und Tochter vorläufig zu einem Feste ein, das er dem Grafen Assefeldt heut gebe, wobei er die beste Gelegenheit finden würde, seine künftige Schwiegertochter und Vandryk dem Raths-Pensionair vorzustellen, und seinem Wohlwollen zu empfehlen.[366] Alle gehen ab, und das Theater verwandelt sich in eine Bildergallerie mit einem anstoßenden prächtigen Saale, den man von einer zahlreichen Gesellschaft angefüllt, hinter einer Seitengallerie, erblickt. Der Graf im Vordergrunde unterhält sich noch mit den Regierungsbeamten, welche respektvoll Platz machen, als der Baron Steewens erscheint, um die Familie Vandryk vorzustellen, welche er laut die Wohlthäter der Provinz nennt. Der Graf, sich höflich gegen die Tochter verneigend, sagt mit Bedeutung: Eine solche Jugend ziert Jeden, und den Vater fixirend, setzt er hinzu: – von welchem Stande er auch sey – worauf er ihm schnell den Rücken kehrt. Vandryk verräth ängstliche Verlegenheit, während der seitwärts stehende Vathek kein Auge von ihm verwendet, und seine Tochter ihn ängstlich fragt, ob ihm nicht wohl sey, da er so plötzlich erblasse? Nichts, nichts, stammelt er, ich folge gleich, und legt ihre Hand in die Friedrichs, der sie zögernd in den Saal führt. Alle gehen ab, bis auf Vandryk, der, noch halb bewußtlos die Hand an die Stirne gehalten, stehen bleibt, und Vathek, der, in einen Winkel zurückgezogen, wie ein Tiger auf seine Beute zu lauern scheint. Plötzlich tritt der Ritter hervor, drückt den Hut auf den Kopf, und Vandryk auf die Schulter schlagend, ruft er mit lauter Stimme: Unverschämter! der erste Magistrat Hollands verbietet Euch, sich in seiner Gegenwart zu Tisch zu setzen. Diese Scene ist von ergreifender Wirkung. Der Unglückliche sinkt außer[367] aller Fassung in die Knie, und ruft Gnade! doch schon ist Vathek verschwunden, und läßt ihn vernichtet zurück. Gerechter Gott, ruft er mit dem Schmerz der Verzweiflung: Ist denn Cains Zeichen auf meiner Stirne eingebrannt, daß Fremde selbst darauf meine Schande lesen müssen! Jetzt eilt seine Tochter, die ihn nicht aus dem Auge gelassen, aus dem Saale wieder herbei, und beschwört ihn, ihr die Ursache seiner unbegreiflichen Bewegung mitzutheilen; doch ehe ihr noch andere folgen können, reißt er sie mit sich fort: Laß uns fliehen, meine Tochter, flüstert er ihr ins Ohr, nur Flucht und Nacht kann uns vor den Menschenaugen verbergen. Er stürzt mit ihr aus der Thür, und der Vorhang fällt.

Nach den Gesetzen Hollands war das Amt des Scharfrichters zu Amsterdam erblich, und der zu seinem Nachfolger designierte Sohn konnte sich, ohne ein Krüppel zu seyn, demselben nicht entziehen. Die Familie wurde als Leibeigene des Staates betrachtet, und ihre Flucht als Felonie betrachtet. Auf Vandryk ruhte also die doppelte Last der damals allgemein angenommenen Unehrlichkeit seines Handwerks, und des Verbrechens, ihm heimlich entflohen zu seyn. Durch seltnes Glück in allen seinen Unternehmungen begünstigt, hatte er im Auslande ein großes Vermögen gewonnen, und nach so langer Zeit erst zurückkehrend, gehofft, unerkannt bleiben, und sein Leben im Vaterlande beschließen zu können, doch hatte[368] das Bewußtseyn seines Elends2 ihm nie einen Augenblick Ruhe gegönnt.

Alle diese Details erfahren wir in einer Unterredung Vandryk's mit seinem alten Diener, im verschlossenen Hause, wo er Alles zur Flucht vorbereitet. Seine Tochter erscheint in Thränen, und beschwört ihren Vater um Erklärung aller Rathsel, die sie umgeben. Die Scene, welche sehr erschütternd ist, endet mit dem Geständniß, das der Vater nicht auszusprechen Kraft findet und auf ein Blatt Papier schreibt. Mit Zittern ergreift es die Tochter, öffnet es langsam, und das furchtbare Wort lesend, ruft sie erst, seine Füße umklammernd, in Schmerzenstönen, Vater! dann zusammensinkend stammelt sie bewußtlos: Henker! und fällt ohnmächtig zu Boden. Ihr Vater, der den Anblick nicht ertragen kann, entflieht durch die Thür. Als sie in den Armen des treuen Dieners wieder zu sich kömmt, winkt sie ihm, sie allein zu lassen. Sie betet, wirft sich dann auf einen Stuhl, stützt den Kopf in beide Hände, und weint bitterlich. Ein starkes Geräusch am Fenster schreckt sie von neuem auf. Mit Erstaunen sieht sie einen Mann, in einen rothen Mantel vermummt, herabspringen. Es ist Vathek. Sie will um Hülfe rufen, doch dieser bittet ehrfurchtsvoll nur um einen Augenblick Gehör, um ihres Vaters willen. Eine feurige Liebeserklärung folgt, er erbietet sich mit ihr zu fliehen, sie und[369] ihren Vater für immer in Sicherheit zu bringen, wenn sie sein werden wolle, droht aber Verderben jeder Art im Verweigerungsfalle. Da er indeß nur mit eben so viel Kälte als Würde zurückgewiesen wird, sagt er ihr zuletzt mit losbrechender Wuth: Er wisse sehr wohl, wer ihm eigentlich im Wege stünde, aber auch Friedrich solle ihm nicht entgehen, und sein Tod, ehe noch wenig Stunden vergingen, ihr Werk seyn. Jetzt ruft die Geängstete um Hülfe, Diener und Fabrikarbeiter Vandryks sprengen die Thüre, doch Vathek zieht sein Schwert, und den Mantel als Schild gebrauchend, gewinnt er, sich durchschlagend, das Freie.

Wir sehen jetzt eine Gallerie im Pallast des Barons. Es ist Nacht, nur spärlich von einer einsamen Lampe erleuchtet. Friedrich geht unruhig auf und ab, überlegend was er thun solle. Er kann sich die plötzliche Flucht Vandryk's und seiner Tochter nicht erklären, und verliert sich in Hypothesen. Indem klopft eine leise Hand an seine Thüre. Er öffnet verwundert, und Maria's Amme tritt verhüllt ein, mit einer Botschaft ihrer Gebieterin, die Friedrich beschwört, in den Garten herabzukommen, da ein furchtbares Schicksal sie zwinge, alle Rücksichten aus den Augen zu setzen, um ihn noch einmal zu sprechen. Immer mehr erstaunt folgt er der, eben so befremdenden als lieben, Einladung – die Dekoration verändert sich, und eine schöne Mondbeleuchtung zeigt uns einen sorgfältig unterhaltenen[370] holländischen Garten mit Buchsbaum-Figuren und Blumenbeeten, wo Maria in Reisekleidern ängstlich ihres Bräutigams harrt. Friedrich tritt ein, und nachdem sie unter vielen Thränen und geheimnißvollen Worten auf ewig von ihm Abschied genommen, sagt sie, der Hauptzweck ihres Besuchs sey, ihn vor Vathek zu warnen, der seinen Tod geschworen. Friedrich glaubt jetzt, Vathek sey die Ursache ihrer Trennung, und vielleicht nicht ganz unbegünstigt von der Familie. Er überhäuft die unglückselige Maria noch mit Vorwürfen, und sein Zorn erreicht den höchsten Gipfel, als jetzt Vathek selbst hinter einer Hecke hervortritt, und den Degen ziehend ihm spöttisch zuruft: Gieb Maria auf, oder streite um sie wie ein Ritter! Maria und ihre Amme schreien um Hülfe, während die Jünglinge auf Tod und Leben kämpfen. Der Baron und Graf Assefeldt in Nachtkleidung, eilen mit einigen Dienern und Fackeln herbei, kommen aber nur in dem Augenblick an, als Vathek, tödlich getroffen, niedersinkt. Sich und seinen Mörder verfluchend, erklärt er noch im Sterben, daß er von Friedrich meuchlings überfallen worden sey, aber, schließt er: Vandryk wird mich an meinem Mörder rächen – Vandryk Polder, der Henker von Amsterdam! Friedrich und der Baron schaudern entsetzt zurück, Maria liegt ohnmächtig in den Armen ihrer Amme, und Vathek stirbt. Hier fällt der Vorhang zum zweitenmale.

Einige Tage scheinen vergangen. Die Scene zeigt uns einen Gerichtssaal, dessen Thüren das Volk[371] belagert. Friedrich wird zum letztenmal verhört, und des Mordes als überwiesen erklärt, worauf ihn die Richter, unter dem Vorsitz von Vatheks Onkel, einstimmig zum Tode verurtheilen. Der gegenwärtige Graf Assefeldt kann, obgleich tief betrübt, den Lauf des Gesetzes nicht aufhalten. Das empörte Volk sprengt zwar die Pforten, um Friedrich zu befreien, der Graf bezähmt aber die Meuterer durch eine würdevolle Anrede, bei deren Schluß er ihnen sagt: daß das Gesetz über ihnen Allen stehen müsse, daß aber dennoch jede Hoffnung noch nicht verloren sey, da der General-Statthalter das Recht der Begnadigung üben könne, zu welchem er daher auch bereits, von dem Ausgang des Spruches unterrichtet, den Baron Steevens nach dem Haag abgeschickt habe. Vandryks Feind benutzt jedoch den Aufruhr, um die Beschleunigung der Hinrichtung anzuordnen, und setzt den Vorstellungen des Grafen keck seine Pflicht als Magistrat entgegen, die er zu verantworten wissen werde. Hier tritt Vandryk, oder vielmehr Polder ein, und bittet den Grafen fußfällig um Gnade für den Unglücklichen und der Aussage seiner Tochter nach, eben so unschuldigen Baron. Dieser beklagt jedoch, daß das Zeugniß seiner Tochter unter den obwaltenden Umständen keine Gültigkeit gegen die deutliche Anklage des Sterbenden haben könne, Friedrich jedenfalls, es sey nun auf welche Art es wolle, Vatheks Tod verschulde, und seine, des Grafen, Autorität nicht so weit gehe, den Lauf der Gesetze hemmen zu können. Alles hänge jetzt nur von der ersten[372] Magistrats-Person, dem Onkel des Getöteten, ab, der hier vor ihm stehe. Dieser fixirt den Geängsteten mit teuflischem Lächeln, und als er sich vor ihm niederwirft, sagt er freundlich: »Wohlan, lieber Polder, Ihr erscheint hier, wie gerufen! Ich höre, daß Ihr Euer Meisterstück noch nicht abgelegt habt, und requirire Euch hiermit im Namen der Regierung, und in Ermanglung jedes Andern, der Euer Amt verrichten könnte, zu der bevorstehenden Execution. Polder, stumm vor Entsetzen und Wuth starrt zuerst seinen unmenschlichen Feind lange schweigend an, und bricht dann in glühende Worte aus, die sich einigemal fast zur tragischen Würde erheben.« Endlich ruft er: »Ich habe noch nie das Blut eines Nebenmenschen vergossen und werde es nie, aber müßte ich es, so sollte es doch nur das Deinige seyn, Unmensch!« Doch, wie plötzlich inspirirt und umgewandelt, setzt er nach einer Pause hinzu: »Verzeiht! Der Schmerz nahm mir die Sinne. Es sey – ich gehorche dem Befehl. Erlaubt mir nur eine kurze Vorbereitung.« Mit Verwunderung und erschüttert sehen ihm beide nach, und folgen ihm schweigend.

Wir finden jetzt Friedrich in seinem Kerker, wo Graf Assefeldt eben eintritt, um den Verurtheilten zu fragen, ob er ihm noch in irgend etwas dienen könne? Friedrich verlangt bloß zu wissen, ob eine schnell vollzogene Verbindung mit Maria und ihre Einsetzung zu der Erbin seines Namens und Vermögens,[373] unter den jetzigen Umständen gültig sei? »Allerdings«, antwortet der Graf, »aber – der wahre Namen und Stand müssen in dem Document deutlich und richtig ausgedrückt seyn.« Friedrich schaudert, bleibt aber seinem Vorsatz getreu. Der Graf verläßt ihn um Maria zu rufen, die, ein Bild trostloser Verzweiflung, hereingeführt wird. Hierbei muß ich bemerken, daß die Schauspieler in Frankreich dafür sorgen, bei solchen Gelegenheiten so auszusehen, wie es ihre Gemütsstimmung mit sich bringen muß, und nicht, wie ich es in Deutschland so oft erblickte, in der Todesangst und Verzweiflung mit rothen Pausbacken erscheinen, oder gar in diesem blühenden Zustande sterben. Friedrich und Marie bieten ein treues Bild des höchsten Schmerzes dar. Er dringt in sie, ihm zu seiner Beruhigung die Gewährung einer Bitte zuzuschwören. »Sein Wort,« ruft sie eifrig, »sey ihr Gebot!« und fällt weinend auf ihre Knie, um seine Vergebung anzuflehen. Sie aufhebend, sagt er: »Was hätte ich Dir zu verzeihen! Dir allein, Maria, danke ich das wenige Glück, dessen ich genoß! In wenig Minuten wirst Du mein Weib, in wenigen Stunden meine Wittwe seyn. Vergiß dann die Vergangenheit ganz, und lebe ein neues glücklicheres Leben!« Die traurige Ceremonie geht in Gegenwart des Grafen vor sich. Eine Ordonnanz tritt gleich darauf ein, und bringt einen Brief des alten Barons. »Gottlob«, ruft der Graf, auf die Begnadigung des Statthalters hoffend. Im Lesen aber verhüllt er sein Gesicht: »der unglückliche junge Mann«,[374] sagt er, tief seufzend, »jetzt ster verloren!«, denn der Baron schreibt, daß er den Statthalter nicht im Haag gefunden, ihm zwar sogleich nachgereist sey, aber noch nicht wisse, wo er ihn antreffen werde. Er beschwört daher um Aufschub, den der Graf leider nicht im Stande ist zu gewähren, ohne die Einwilligung des Onkels Vatheks, welche nicht zu hoffen steht. Die Wache erscheint jetzt, und Friedrich wird abgeführt. Die sich verwandelnde Scene führt uns in eine freie Landschaft mit belebten Kanälen im Hintergrunde. Haufen Volks versammeln sich, die Execution mit anzusehen, stoßen aber dabei wilde Drohungen gegen die grausamen Richter aus, welche zuletzt in Empörung ausarten. Das Schaffot wird gestürmt und zertrümmert, Soldaten rücken an, Tumult und Gefecht füllt das Theater. Vatheks Onkel, an der Spitze des Militairs, stellt jedoch die Ordnung wieder her, und befiehlt, da das Schaffot zertrümmert sey, den Balkon eines nahen Hauses zur Hinrichtung einzurichten. Man hört, seitwärts der Bühne, die Arbeiter beschäftigt, während Graf Assefeldt vergebens seine Bitten um Aufschub mit ernsten Drohungen vermischt. Der Zug erscheint. Friedrich, gefesselt in der Mitte, und Polder im rothen Gewande seines Amts, das breite Schwert entblößt in der Hand haltend, ziehen im Hintergrund der Bühne vorüber. Soldaten mit gefälltem Bajonet wehren der empörten Menge. Langsam verschwindet der Zug, der Graf bleibt allein, in höchster Bekümmerniß, mit einem Diener zurück. Wie[375] in der Jungfrau von Orleans, giebt der Diener, der auf eine Erhöhung gestiegen ist, dem Grafen, der sich voll Abscheu abgewendet hat, Nachricht von dem, was vorgeht. Endlich ruft der Späher von oben herab: jetzt kniet der junge Herr Baron nieder ... sie verbinden ihm die Augen – der Scharfrichter nahm sich ihm ... O mein Gott! ... und hier hört man einen dumpfen Schlag hinter der Scene, wie von einem Schwert, das auf den Block fällt. Der Graf verhüllt sein Gesicht und tritt schaudernd zurück, als Polder leichenblaß in seinen Mantel gehüllt, von zwei Bürgern unterstützt, herbeigeführt wird, während lautes Getöse hinter der Scene erschallt. »Gerechter Himmel! was habt Ihr gethan!« ruft der Graf. »Seht hier, was ich gethan,« erwidert Polder mit schwacher Stimme, und den Mantel aufschlagend, hält er ihm den verbundenen Stumpf seines rechten Armes hin, von dem er sich eben die Hand selbst abgehauen. »Mein junger Freund«, setzte er matt hinzu, »ist nun wenigstens auf mehrere Stunden sicher.« Das Volk strömt in dumpfer Betäubung herbei, aber mit ihnen auch Vatheks Onkel, der wüthend befiehlt, den pflichtlosen Scharfrichter sogleich in das tiefste Gefängnis zu werfen. Doch indem er noch spricht, erschallt von fern ein ängstliches Rufen, man hört den Gallop eines Pferdes, und sieht Baron Steevens, vom schäumenden Roß springend, den Pardon des Statthalters hoch empor halten, laut: Gnade! Gnade! rufen, und dann erschöpft den Umstehenden in die Arme[376] sinken. Graf Assefeldt öffnet das Papier, liest laut die Begnadigung Friedrichs, und kündigt zugleich dem ersten Magistrat vorläufige augenblickliche Dispensation seines Amtes an. Tief gerührt umarmt er den Befreiten, und der Vorhang fällt. –

Ich weiß recht gut, welche lange Litaney Kunstrichter hier hören lassen können, von gemeinen Verhältnissen, Theater-Coups, Unwahrscheinlichkeiten u.s.w. Man bedenke, ich wiederhole es, daß nur von einem Melodram die Rede ist, an das man keine großen Forderungen machen darf, aber dennoch bin ich überzeugt, daß kein unbefangner frischer Sinn diese Vorstellung ohne lebhaft erregtes Interesse sehen wird. Laß uns nun zu dem théâtre françois übergehen, das ich, der Bekanntheit der Stücke wegen, kürzer abfertigen kann.

Nach einem griechisch-französischen Trauerspiel, in dem die antiken Gewänder vergebens Franzosen zu Griechen stempeln sollten, der alte Held der Provinzen, Joanny, vergebens eine schwache Copie des göttlichen Talma aufzustellen versuchte, und auch die (wahrlich jetzt au delà de la permission häßliche) Duchesnois mit weinerlicher, veralteter und versteinerter Manier am Ende jeder Phrase vergebens mit den Händen in der Luft, ebenfalls à la Talma, gezittert, die Uebrigen aber eine wahrhaft trostlose Mittelmäßigkeit abgehaspelt hatten, wurde, zum Schluß, der Mercure galant aufgeführt. Die abgetragenen gestickten Seidenkleider verriethen die längst[377] vergangene Zeit, in der dieses Stück spielt, eben so sehr, als es die Unbehülflichkeit that, mit der diese Tracht von den neuen Schauspielern getragen wurde. Die Damen hatten es sich dagegen bequem gemacht, und waren nach der neuesten heutigen Mode gekleidet. Die Comödie ist ganz ohne Intrigue, nur ein damaliges Gelegenheitsstück, das jetzt zu geben fast absurd ist. Als Hauptpointe erscheint ein alter Herr, der, kurz vor der Hochzeit, das Verhältnis mit seiner jungen Braut abbricht, und als er, vor dem jungen Mädchen und ihrer Freundin, darüber vom Bruder zur Rede gestellt wird, ganz einfach antwortet: C'est tout simple, j'ai peur d'être Cocû, worauf er ein Paar Hundert Verse recitirt, die dieses Thema ins grellste Licht setzen. Das Stück schließt mit der Aufgabe eines Rätsels. Niemand kann es errathen, der Autor enthüllt es also selbst. Was ist es? – un pêt. Ah, ruft die junge Dame, il fallait avoir bon néz pour deviner cela – und mit diesem classischen Witz fällt der Vorhang. Ce pauvre pêt me semblait, en vérité, le dernier souffle du théâtre français!

Abgerechnet »que tous les genres sont bon hors le genre ennuyeus,« möchte der Inhalt dieser letzten Pièce sich doch wohl besser für ein Winkelgäßchen der Vorstadt geschickt haben. Was aber noch merkwürdiger erscheint, ist, daß auf diesem hochtrabenden, classischen Nationaltheater selbst nothgedrungen jetzt auch Melodramen, (wenigstens dem Inhalt nach, wenn auch ohne Musik), gegeben werden, und nur diese noch Zuschauer herbeiziehen, wie das einzige dermalige Kassenstück, der Spion, zur Genüge beweist.[378]

So pflanzt ein Theater nach dem andern die romantische Fahne, mehr oder weniger glücklich, auf, und Tragödien und Schauspiele, à la Shakespeare, wie die Franzosen sagen, erscheinen daselbst täglich, die, ohne fernere Gewissensbisse des Autors und Publikums, alle verehrten Einheiten über den Haufen werfen.

Die Revolution hat die Franzosen in jeder Art neu geboren; – auch ihre Poesie wird eine neue werden, und das nimmer neidische Deutschland ruft ihnen freudig zu: Glück auf!


Den 14ten.


Ich besah heute einige neue Gebäude, unter andern die, mit stattlichen Colonnaden umgebene Börse, deren Größe und Totaleindruck imposant ist; doch nehmen sich die langen, schmalen gewolbten Fenster hinter den Säulen sehr häßlich aus. Die modernen Bedürfnisse harmonieren oft gar zu schlecht mit dem antiken Styl. Das Innere ist ebenfalls grandios, und die Täuschung der Deckenmalerei in der Haupthalle vollkommen. Man schwört, darauf Basreliefs zu sehen, obgleich schlechte.

Auf den Boulevards hat man, wie ich heute erst bemerkte, gute Verbesserungen durch Wegnahme mehrerer Häuser bewerkstelligt, und die Porte St. Denis[379] und St. Martin nehmen sich nun weit besser aus als ehemals. Ludwig der XIV. verdient diese Monumente, schon um seiner Verschönerung der Hauptstadt willen, denn in der That, was man in Paris Schönes und Großes sieht, Ludwig der XIV. oder Napoleon gründeten es. Die Alleen hat man glücklicherweise sorgfältig geschont, und nicht, wie in Berlin unter den Linden und auf dem Dönhofsplatz, die großen Bäume abgehauen, um kleine astlose Krüppel statt ihrer hin zu pflanzen. Einen seltsamen Anblick gewähren die vielen Dames blanches und Omnibus, Wagen, die zwanzig bis dreißig Personen halten, die Boulevards fortwährend von einem Ende bis zum andern durchfahren, und jeden müden Fußgänger für bestimmte, sehr billige Preise darin aufnehmen. Meldet sich einer, so zieht der hinten sitzende Conducteur eine Klingel und der Kutscher hält. Eine fliegende Treppe sinkt herab und in wenigen Secunden geht es wieder vorwärts. Nur drei unglückliche Rosse ziehen diese schweren Wagen, so daß ich, bei der jetzigen Glätte, oft sämmtliche Pferde neben einander hinstürzen sah. Man sagt, England sey eine Hölle für die Pferde, sollte indeß die Metempsychose wahr seyn, so bitte ich mir doch jedesmal aus, lieber ein englisches Pferd zu werden als ein französisches. Wie man diese unglücklichen Thiere hier oft behandelt, ist wahrlich empörend! und es wäre zu wünschen, daß die Polizei sie, wie in England, beschützte. Ich erinnere mich, daß ich einst in London eine ähnliche Mißhandlung eines armen Cabrioletpferdes durch einen Fiacre[380] mit ansah. Kommen Sie, sagte der mich begleitende Engländer; wenn Sie eine Stunde Zeit haben, sollen Sie sofort der Bestrafung dieses Menschen beiwohnen. Er rief den Mann nun ganz gelassen heran, stieg mit mir ein, und befahl ihm auf's Polizei-Büreau zu fahren. Dort brachte er seine Klage an, daß der Kutscher sein Pferd unnütz gepeinigt und gemißhandelt habe. Ich bezeugte es, und der Kerl war genöthigt, sogleich eine ziemlich bedeutende Geldstrafe zu erlegen, worauf er uns noch wieder zurückfahren mußte. Du kannst Dir seinen guten Humor dabei vorstellen.

Auch in andern Theilen der Stadt sind solche Omnibus im Gange, und die längste Course kostet doch nur einige Sols. Es ist höchst amüsant, Abends dergleichen Fahrten, auch ohne bestimmten Zweck, zu machen, nur der sonderbaren Caricaturen wegen, die man hier antrifft, und der originellen Conversationen, die man mit anhört. Man glaubt oft einer Vorstellung der Variétés beizuwohnen, und findet Brunets und Odry's Originale getreu hier wieder. Du weißt, wie gern ich auf diese Art beobachtend unter Menschen bin, und überhaupt dazu die Mittelstände am meisten liebe, die auch heut zu Tage allein noch etwas Eigenthümliches haben, und auch die glücklichsten sind, denn wahrlich – die Medaille hat sich ganz und gar umgekehrt. Die Mittelstände, bis zum Handwerker herab, sind jetzt die wirklich begünstigten, durch Sitten und Zeitumstände. Die höheren[381] Classen finden sich mit ihren Rechten oder Prätentionen zu fortwährender Opposition und Demüthigung verdammt. Unterstützt hinlängliches Geld ihre Anforderungen, so geht es noch leidlich, obgleich auch hierin, der Ostentation wegen, der Erbsünde der Reichen, wenn es nicht Geiz ist, ihnen Geld weit weniger reellen Genuß gewähren kann, als es ein Paar Stufen tiefer verleiht. – Hält aber den Rang kein Vermögen empor, so ist der so Gestellte ganz gewiß von allen seinen Mitbürgern, den Verbrecher ausgenommen, der Beklagenswertheste, unmittelbar nach dem, welcher wirkliche Hungersnoth leidet.

Daher sollte Jeder, wie ich schon einmal, glaube ich, gegen Dich äußerte, seine Lage in der Welt genau erwägen, und der Ambition oder Eitelkeit (ich schließe hiervon nur die Ambition des wahren Verdienstes aus, welche sich durch ihr Wirken selbst, und nur durch dies allein belohnt findet) nichts aufopfern, denn keine Epoche der Welt war einer solchen weniger günstig. Wir Vornehmen werden jetzt wirklich wohlfeil zu weiser Enthaltsamkeit und praktischer Philosophie jeder Art hingeführt, und dem Himmel sey Dank dafür!

Mit diesen Gedanken, im Innern der Dame blanche kam ich bei Franconi's Theater an, das auch ein Blinder, nur dem Pferdegeruch nachgehend, schon auffinden kann. Was hier getrieben wird, ist allerdings eine abscheuliche Geschmacklosigkeit, und ein Publikum, das nichts Andres zu sehen bekäme, müßte[382] am Ende selbst zu halbem Vieh werden. Ich spreche von den ganz sinnlosen Schauspielen, die hier dargestellt werden – die einzelnen equilibristischen Uebungen sind dagegen oft recht sehenswerth. Besonders erfreute mich der Seilschwinger, Diavolo betitelt, der gewiß alle seine Mitbewerber so sehr überflügelt, als Vestris einst seine Collegen. Eine schönere Gestalt, größere Gewandtheit, Sicherheit und vollendetere Grazie scheinen in dieser Art kaum denkbar. Er ist der fliegende Merkur, der von Neuem eine menschliche Form angenommen hat; die Luft scheint sein wahres Element, und das Seil nur ein Luxusartikel, um sich damit, wie mit einer Guirlande, zu drapiren. Im wildesten Schwunge sieht man ihn, haushoch, ganz frei und unangebunden auf dem Seile liegen, jetzt dicht vor den Logen mit dem classischen Anstand einer Antike vorüberschweben, und gleich darauf, wie eine Marionette, mit dem Kopf unten, und den Beinen nach oben, ein entrechat in den Wolken des Theaterhimmels ausführen. Daß er sich wie ein Rad, vor- und rückwärts, mit der Schnelligkeit eines Uhrwerks, umdrehen, unangebunden sich in der Länge des Seils hinlegen, oder nur mit einem Fuß daran hängend umherschwenken kann, versteht sich von selbst. Er verdient seinen Namen durch die That. Je Diavolo non puo far meglio.


[383] Den 14ten.


Als Zugabe zu meinem gestiegen Briefe habe ich Dir schnell eine Dame blanche, gefüllt mit – Bonbons gekauft, und als nachfolgendes Weihnachtsgeschenk für Mademoiselle H... eine Bronze pendule beigefügt, mit laufendem Springbrunnen am Fuße und einem arbeitenden Telegraphen auf der Spitze. Sage ihr, daß sie den letzten sehr gut gebrauchen möge, um durch seine Hülfe öffentlich Gespräche zu halten, die doch kein Unberufener verstehen könne. An solchen Spielereien ist Paris unerschöpflich, sie sind aber hauptsächlich nur auf die Fremden berechnet, denn die Franzosen kaufen sie selten und finden sie, nicht ganz mit Unrecht, de mauvais gout.

Um mit den Theatern zu endigen, besuchte ich heute drei auf einmal. Zuerst im théàtre français zwei Akte aus der neueren, höchst elenden Tragödie, Isabelle de Bavière. Auch diesmal fand ich meine früheren Eindrücke bestätigt, und nicht allein die Schauspieler (Joanny ausgenommen, der die Rolle Carl des VI. nicht schlecht spielt, wenn er gleich Talma nicht verglichen werden kann) waren die Mittelmäßigkeit selbst, sondern auch Costumes, Dekorationen und aller übrige Apparat unter dem letzten Boulevards-Theater. Das Pariser Volk wurde unter andern durch sieben Männer und zwei Weiber, die Pairs von Frankreich aber durch drei oder vier Statisten, in wahre Lumpen gehüllt und mit goldpapiernen Kronen auf den Köpfen, wie in der[384] Puppen-Comödie, repräsentirt. Der Saal war leer, und die Kälte kaum auszuhalten. Ich fuhr also schnell nach dem Ambigucomique, wo ich ein hübsches neues Haus fand, mit sehr frischen Dekorationen. Man gab zum Zwischenspiele eine Art Ballett, welches die deutsche Landwehr gar nicht übel parodirte, und also wenigstens nicht langweilig war. Es wunderte mich übrigens, daß es den Franzosen nicht mit der Landwehr und den Preußischen Hörnern geht, wie den Burgundern mit den Alpenhörnern der Schweizer, deren Ton sie sich nicht gern zurückrufen ließen, denn, wie die Chronik sagt, à Granson les avoient trop ouis!

Das italienische Theater beschloß meinen Abend. Hier findet man das gewählteste Publikum, es ist die Modebühne. Der Saal ist sehr artig dekoriert, die Erleuchtung brillant und der Gesang entspricht der Erwartung. Sonderbar bleibt es aber doch, daß selbst ein, ganz aus Italienern bestehendes, Personal im Auslande nie so singt, nie das köstliche Ganze darstellt, wie es in Italien der Fall ist. Ihr Feuer scheint in der fremden Region zu erkalten, ihre Laune zu vertrocknen, da sie wissen, daß sie zwar beklatscht werden, aber mit dem Publikum nicht mehr eine Familie ausmachen, der Buffo wie der erste Sänger doch nur halb verstanden, und wohl auch musikalisch nur halb empfunden werden. In Italien ist die Oper Natur, und ich möchte sagen nothwendiges Bedürfnis, in Deutschland, England und Frankreich nur Kunstgenuß und Zeitvertreib.[385]

Madame Mallibran Garcia (man gab Cenerentola) erreicht in dieser Rolle, meines Erachtens, die Sontag nicht; sie hat aber einen ihr eignes genre, das immer mehr anzieht, je länger man es hört, und ich zweifle nicht, daß auch sie Rollen hat, in denen ihr die Palme vor allen andern gebühren würde. Sie hat einen Amerikaner geheirathet, und auch ihr Gesangstyl kam mir ganz amerikanisch vor, d.h. frei, kühn und republikanisch, während die Pasta, wie ein Aristokrat, oder gar ein Autokrat, despotisch mit sich fortreißt, und die Sontag schmelzend und mezza voce, wie im himmlischen Reiche, flötet. Der Tenor Bordogni hatte die schwere Aufgabe ohne Stimme zu singen, und er that unter diesen Umständen was er vermochte; Zuchelli war, wie immer, vortrefflich, und Santini sein würdiger Rival. Spiel und Gesang hatten überhaupt, fast durchgängig, Leben, Kraft und Grazie, mehr als auf andern ausländisch-italienischen Bühnen.

Als ich in mein Hotel zurückkam, wurde ich mit einer der Pariser Annehmlichkeiten überrascht, die doch einer solchen Stadt wahrhaft zur Schande gereichen. Ich glaubte, obgleich mein Hotel ein angesehenes ist, und im belebtesten Stadttheile liegt, in eine Cloake gerathen zu seyn, denn man hatte eben das Ausräumen gewisser Fundgruben begonnen, mit welcher Operation die Häuser hier zweimal des Jahres verpestet werden.[386]

Ein Dutzend Pastillen habe ich bereits verbrannt, kann aber immer noch keine gründliche Reaktion erregen.


Den 24sten.


Schon früh saß ich heute im Cabriolet, um eine weitere tournée als gewöhnlich, und alten Bekannten einen Besuch zu machen. Ich dirigirte den Kutscher zuerst nach Notredame und bedauerte unterwegs, als ich auf der pont neuf ankam, daß man der Statue Heinrich des IV. diese Stellen angewiesen hat, wo sie so unzweckmäßig auf die kahle Basis des Obelisken gesetzt ist, welchen Napoleon früher projektirt hatte, und für den der Platz gewiß mit großer Sagacität aus gesucht war, während jetzt, dicht unter den weiten und hohen Häusermassen, welche den Hintergrund der kleinen Statüe umgeben und sich in einem colossalen Dreieck gegen sie schließen, das bäumende Pferd von weitem nur den Effekt eines hüpfenden Insekts macht. Indem ich noch bei mir diese Betrachtungen verfolgte, und was aus Paris geworden wäre, wenn Napoleon fortregiert, rief der Cabriolet-Führer plötzlich: Voilà, la morne. Ich ließ halten, (car j'aime les emotions lugûbres) und betrat das bisher noch nie gesehene Leichenhaus, wo, wie Du weißt, alle unbekannte Todtgefundene ausgestellt werden. Hinter einem hölzernen Gitter[387] erblickt man einen kleinen reinlichen Saal, mit acht schwarz angestrichnen hölzernen Bahren in Reihe und Glied gestellt, das Kopfende der Wand zugekehrt, das untere gegen die Zuschauer gerichtet. Die Todten werden nackt darauf gelegt, und die Kleider und Effekten derselben hinter ihnen an der weißen Wand aufgehangen, so daß Jeder leicht daraus das ihm Angehörige erkennen mag. Nur ein alter Mann, mit einer ächt nationellen Franzosen-Physiognomie, Ringen in den Ohren und am Finger, lag ganz freundlich und lächelnd mit offnen Augen da, täuschend einer Wachsfigur ähnlich, und mit einer Miene, als hätte er eben seinem Nachbar noch eine Prise anbieten wollen, wie ihn der Tod übereilt. Seine Kleider waren gut – superbes, wie ein zerlumpter Kerl neben mir sagte, der sie mit sehnsüchtigen Blicken betrachtete. Am Körper war keine gewaltsame Verletzung zu sehen, so daß den Alten wahrscheinlich der Schlag in einem entfernten Theile der Stadt, seinen Verwandten noch unbewußt, getroffen hatte, denn Elend schien hier nicht statt gefunden zu haben. Einer der Wächter erzählte mir ein sonderbares Faktum, nämlich, daß im Winter die sich Ersäufenden, welches in Paris jetzt die fashionable Methode ist, sich ums Leben zu bringen, um zwei Drittel seltener sind, als im Sommer. Der Grund kann doch, so lächerlich es klingen mag, kein andrer seyn, als weil im Winter das Wasser zu kalt ist (denn zugefroren ist die Seine nur sehr selten). Aber wie die Kleinigkeiten und alltäglichen[388] Dinge die großen Begebenheiten im Leben weit mehr regieren, als man glaubt, so scheinen sie auch noch im Tode ihre Macht auszuüben, und die Verzweiflung selbst bleibt noch douillet, und von Sinnlichkeit befangen.

Du erinnerst Dich der drei Portale von Notre Dáme mit den eichenen Pforten, die mit herrlichen Bronzeblumen und Arabesken verziert sind, und wie die ganze in ihren Details interessante Façade, einen originellen Anblick gewähren; aber, gleich dem ehemaligen Tempel zu Jerusalem, wird auch Notre Dáme durch Buden und Verkäufer entstellt, die sich bis ins Innere der Kirche eingenistet haben. Dieses Innere, das dem Aeußeren überhaupt so wenig entspricht, ist durch einen neuen Anstrich noch unbedeutender geworden.

In der Fortsetzung meiner Promenade stieg ich auch einen Augenblick beim Pantheon aus. Es ist Schade, daß die Lage und Umgebung dieses Tempels so sehr unvorteilhaft sind. Auch im Innern erschien er mir immer fast zu einfach und zierlos, was zu diesem Styl nicht paßt, und der neue Plafond von Girodet ist ohne Theater-Lognette kaum zu entdecken. Die Oeffnung der Kuppel ist zu klein und hoch, um irgend etwas von dem Gemälde deutlich auffassen zu können. An einem Pfeiler sah ich ein detachiertes Stück Teppich hängen, und erfuhr auf Nachfrage, es sey dies eine Arbeit der unglücklichen Marie Antoinette, und von Madame der Kirche[389] geschenkt worden. Ueber dem Seitenaltar stand: Autel privilegié – d.h. Ablaß ertheilend! die Ideen-Association, welche dieser Anblick hervorbrachte, rief mir die nahe Menagerie ins Gedächtniß, und ich fuhr nach dem Jardin des plantes, wo es den Thieren zu kalt geworden war, daher ich auch alle, lebende und todte, verschlossen fand, und nur einen großen Eisbären besuchen konnte. Dieser kehrte, als ich kam, ohne sich stören zu lassen, wie ein Tagelöhner, mit großer Geduld und Ruhe seinen Zwinger mit den Vordertazzen, deren er sich als eines Besens bediente, brachte dann das Stroh und den trocknen Schnee in seine Höhle, um ein weiches Lager daraus zu bereiten, worauf er sich zuletzt auch, behaglich murrend, langsam ausstreckte. Auch sein Nachbar Martin, der Landbär, welcher einst eine Schildwache fraß, befindet sich noch wohl, war aber heute nicht visible. Auf dem Rückweg besuchte ich noch eine dritte Kirche, St. Eustache, die im Innern grandioser erscheint als Notre Dáme und Pantheon, auch durch einige bunte Fenster und Gemälde belebt wird. Von den Letztern war sogar, zu irgend einem Feste, eine Art Ausstellung in der Kirche veranstaltet, die jedoch den Kunstsinn nicht sonderlich ansprach. Angenehmer war die schöne Musik, bei der mehrere Posaunen ergreifend wirkten. Warum wendet man ein so erhabnes Instrument nicht weit öfter bei unserer Kirchenmusik an?

Als ich über die place des victoires fuhr, schickte ich einen Stoßseufzer gen Himmel, über die Nichtigkeit[390] des Ruhms und seiner Monumente. Auf diesem Platz stand, wie Du Dich noch erinnern wirst, einst Desaix's Statüe, die er wahrlich um Frankreich verdient hatte. Jetzt ist sie weggeworfen, und ein römisch gepanzerter Ludwig der XIV., mit der Allongen-Perücke auf dem Haupte, dessen Roß einem großen hölzernen Steckenpferd ähnlich sieht, hat seine Stelle eingenommen. Mit Mühe tröstete ich mich über die traurigen moralischen Betrachtungen, die dieser Anblick bei mir erweckte, durch sinnlichere Eindrücke im salon des frêres provencaux, vermöge guter Trüffeln, und der Lektüre eines weniger guten Mode-Romans. Ja ich bedurfte einer ganzen Bouteille Champagner, um endlich mit Salomo ausrufen zu können: Alles ist eitel! und dann hinzuzusetzen: Drum genießt den Augenblick, ohne zuviel darüber nachzudenken! In dieser guten Stimmung durchstrich ich hierauf zum letztenmal das Palais royal, wo so viel bunte Colifichets, und neue Erfindungen mir aus den hellerleuchteten Buden entgegenglänzten, daß ich am crystallnen Nachthimmel den Vollmond, der, ganz klein und eydottergelb, an einer der Feueressen gegenüber zu hängen schien, beinahe auch für eine ganz neu erfundene Spielsache angesehen, und mich gar nicht sehr gewundert haben würde, wenn der Mondmann, oder Mademoiselle Garnerin daraus hervorgestiegen, und im Innern von Very's Feueresse verschwunden wären. Da aber Alles beim Alten blieb, so ließ ich mir wenigstens von dem, die dunkeln Oellampen sehr überstrahlenden,[391] Gestirn nach den Varietés leuchten, pour finir mà digestion en riant. Dieser Zweck gelang auch vollkommen, denn das kleine Theater hat zwar Potier, aber mit ihm nicht allen seinen Lachreiz verloren. Gewonnen hat es dagegen (für die Augen wenigstens) eine allerliebste kleine Schauspielerin, Mademoiselle Valerie, und ein viel besseres und frischeres Aeußere als sonst. Zu den glücklichen Neuerungen gehört es, daß der Vorhang nicht wie gewöhnlich, nur eine gemalte Draperie, sondern von wirklich in Falten drapierten, dunkelblauem Zeuge ist, was sich zu dem Cramoisi, weiß und gold des Saales, sehr gut ausnimmt. Er wird nun auch nicht mehr so unbeholfen und steif in die Höhe gerollt, wie die andern, sondern zieht sich grazieus, beim Beginn des Spiels, von beiden Seiten zurück. Die größeren Bühnen sollten dies nachahmen.


[392] Den 16ten.


Sonst waren die Ana's Mode, jetzt sind es die Ama's, et le change est pour le mieux, denn die ersten erinnerten unwillkührlich an Esel, die zweiten dagegen an Liebe, obgleich mit den ersten große Männer gemeint waren, und die zweiten nur der Wissenschaft- und Kunst-Liebe angehören. Durch die gewöhnlich darin herrschende ägyptische Finsterniß aber gewähren sie doch auch Amor zuweilen einigen Spielraum.

Ich widmete diesen Ama's den heutigen ganzen Morgen, und fing mit dem Ama der Geographie, dem Georama an. Hier sieht man sich auf einmal in der Mitte der Erdkugel, wohin Herr Dr. Nürnberger mit seinem projectierten Schacht noch nicht gelangt ist, wo sich aber sogleich die andere Hypothese eines Lichtmeers im Innern der Erde bestätigte, denn es ist hier so licht, daß die ganze Erdkruste davon transparent wird, und man von innen heraus sogar die politischen Ländergrenzen deutlich erkennen kann. Unglücklicherweise hat man den Nordpol über sich, durch den heute ein so verzweifelt kalter Luftzug hereindrang, daß der kleine eiserne Ofen, unten im Südpol, durchaus mit seiner Wärme nicht durchdringen konnte. Dies schwächte meine Neugierde sehr, weshalb ich Dir auch nur sagen kann,[393] daß kein Globus die Geographie so anschaulich macht, als das Georama, und es zu wünschen wäre, daß alle Lancasterschen Schulen künftig ebenfalls in einem solchen Bauche der Erde angelegt würden, wo man sich bei größerer Gesellschaft, auch mutuellement besser wärmen könnte. Die Seen erscheinen hier, wie in der Wirklichkeit, sehr hübsch blau und durchsichtig, die feuerspeienden Berge wie kleine glühende Punkte, und den schwarzen Bergketten folgt man bequem mit den Augen. Als etwas Seltsames fiel es mir auf, daß die großen transparenten Seen in China, zugleich die Umrisse wahrhaft chinesischer Fratzen darstellten, ganz ihren grotesken Götter-Bildern ähnlich. Unter andern erschien der größte, ohne allen Effort der Einbildungskraft, als das leibhaftigste Bild eines fliegenden Drachen, wie deren so häufig auf den chinesischen Vasen und auf dem Brustlatz der Mandarine abgebildet sind. Auf diese neue Entdeckung thue ich mir etwas zu Gute, und wer weiß ob sich daraus nicht ein neues Licht über die chinesische Mythologie verbreitet. Worüber ich mich dagegen sehr entrüstet fühlte, war, daß die neuen (nun schon alten) Entdeckungen am Nordpol, in Afrika und dem Himalaya-Gebürge noch nicht einmal angegeben waren. Es schien überhaupt die ganze Sache etwas en décadence zu seyn, denn, anstatt daß man sonst in Paris zu allen Vorstellungen dieser Art durch hübsche Weiber, die am Bureau sitzen,[394] anzulocken sucht, nahm hier eine furchtbare Person, die den lepreux d'Aosta glich, die Geldspenden ein.

Das Diorama, eine halbe Stunde weiter auf den Boulevards, gibt eine Ansicht des Gotthards und Venedigs. Die erstere Gegend, auf der italienischen Seite des Gebürges, die ich in natura gesehen, war schön und täuschend abgebildet, da aber keine Veränderungen der Beleuchtung dabei statt finden, wie bei dem, (weit vorzüglicheren) Diorama in London, so giebt der Anblick weniger Abwechselung und Genuß. Venedig war schlecht gemalt und von so gelbem Lichte beschienen, als wenn es, aus gerechtem Aerger über die Franzosen, die einst seine politische Existenz zerstörten, und es dann nicht einmal behielten – die jaunisse bekommen hätte.

Beim Neorama sieht man sich in die Mitte der Peterskirche versetzt, – die Täuschung ist aber nur sehr mittelmäßig, und die Menge der natürlich unbeweglichen Figuren, bei so viel Prätension zu vollkommner Nachahmung, störend. Nur Schlafende oder Todte sollte man zur Staffage eines solchen Bildes benutzen. Das Fest des heiligen Petrus wird dargestellt. Papst, Kardinäle, Gefolge und die päbstliche Garde en haye füllen die Kirche, und sind dabei so schlecht gemalt, daß seine Heiligkeit der Pabst wie ein vor der alten Jupiter-Statue Petri's hingeworfener Schlafrock aussahen.[395]

Mit Uebergehung der bekannten Panorama's und Cosmorama's, bringe ich Dich endlich in das Uranorama, im neuen passage Viviene. Das ist eine sehr ingenieuse Maschine, um den Lauf der Planeten unsers Sonnen-Systems anschaulich zu machen. Ich mag nicht läugnen, daß ich nie vorher eine so klare Idee vom Grunde der Jahreszeiten, der Mondwechsel u.s.w. hatte, als nach einer Stunde, die ich hier verbrachte. Mündlich werde ich Dich näher davon unterrichten, ja, wenn Du 1200 Franken daran wenden willst, kannst Du eine Copie der ganzen Maschine im Kleinen erhalten, die in keiner ansehnlichen Bibliothek fehlen sollte.

Ich hatte also heute früh mit dem Mittelpunkt der Erde angefangen, dann die verschiedenen Herrlichkeiten ihrer Oberfläche bewundert und nach einem flüchtigen Besuch auf sämmtlichen Planeten, in der Sonne aufgehört. Es fehlte nichts als ein letztes ama, das mir den siebenten Himmel und die Houris gezeigt, so wäre meine Reise ganz vollständig gewesen, und ich hätte mehr in diesem Vormittag gesehen, als der ägyptische Derwisch in den fünf Secunden, die er mit dem Kopf im Wassereimer zubrachte.

Es ist also wohl das Beste, hiermit auch den Vorhang vor meinem fernern Thun und Lassen herabzuziehen. Wenn er sich wieder vor Dir aufthut, wird[396] es nur seyn, um daß ich Dir selbst daraus entgegen trete – denn schneller wie Briefe eile ich morgen der Heimath wieder zu. Erst, wenn ich dort die Seelenkräfte von Neuem mir erfrischt, will ich die alten Pläne vollführen – einen Winter unter Granada's Orangen- und Oleanderblüthen verträumen, eine Zeit unter Afrika's Palmen wandeln, und die alternden Wunder Aegyptens zuletzt vom Gipfel seiner Pyramiden betrachten. Bis dahin keinen Brief mehr.


Dein treuester Freund L...


Wir boffen nächstens den dritten und vierten Band, (oder vielmehr den 1sten uns 2ten, vide die Vorrede) dieses geistreichen Buches der Welt verlegen zu dürfen.


Anmerkung der Verlagshandlung.

Ende

1

Mein Freund schrieb auch mir damals von jener Unterredung, und erwähnte einer komischen Partikularität, die in den Briefen an eine Dame freilich nicht Platz finden konnte, aber hier in einer Note wohl hazadirt werden darf, da sie zugleich den Ton der Großen jener Zeit und ihres Herrn so gut schildert. Napoleon machte nämlich, in Gegenwart des Erzählers und mehrerer andern Militärs, dem Marschall Massena scherzhafte Vorwürfe, daß er nie ohne Weiber leben könne. »Ich begreife dies weichliche Wesen nicht,« sagte der Kaiser. »So lange ich in Italien kommandierte', ließ ich mir nie eine Frau zu nahe kommen, um mich nicht von wichtigeren Dingen zu zerstreuen, mais j'ai ma saison comme les chiens, setzte er hinzu, 'et j'attends j'usque là.« Der General versicherte, daß seitdem, wenn man bei Hofe eine besondere Disposition zur Eifersucht bei der Kaiserin Josephine bemerkte, die Höflinge sich lächelnd zuzurufen pflegten: Ah! l'Empereur est dans sa saison.

A.d.H.

2

Gewissen –?

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Erster und Zweiter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus England, Wales, Irland und Frankreich, geschrieben in den Jahren 1828 und 1829, Band 2, Stuttgart 21831, S. 351-397.
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