Dem jungen Freunde

[208] In deinen Tempel soll ich treten,

Zu deinen Göttern gläubig beten,

Was jemals mein Gemüth durbebt,

Soll ich mit muth'ger Hand verwischen,

Dann, meinst du, werde mich erfrischen

Der Frieden, welcher dich umschwebt.


Gewiß! gewiß! wie freudig würde

Ich dann ertragen jede Bürde,

Wie froh begrüßen jeden Tag,

Wie schiene mir dann Leid und Grämen

Nichts als ein wesenloser Schemen – –

Nur Schade, daß ichs nicht vermag.
[209]

Ob wir mit Recht uns Freunde nennen,

Doch wird den Geist vom Geiste trennen

Noch lange eine dunkle Kluft:

Du stehst in deiner Jugend Blüthe

Und ahnend streift durch mein Gemüth

Des nahen Herbstes rauhe Luft.


Vielleicht, daß wir dereinst uns gleichen,

Wenn deine Wangen still entbleichen,

Wenn sich dein Blick entmuthigt senkt!

Was lebt, dem Alter reift's entgegen,

Und einer zweiten Jugend Segen

Wir keinem Irdischen geschenkt.

Quelle:
Betty Paoli: Neue Gedichte. Pest 21856, S. 208-210.
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