In den Bergen

[117] Vom Gewühle weg die Schritte lenkend

Hin zu dem Palast der Alpenfee,

Standen wir auf sonnigstiller Höh'

In den Abgrund uns're Blicke senkend.


Durch die Föhren ging des Windes Rauschen,

Und des Gießbach's wildes Brausen drang

Mir an's Ohr, gleich einem Geistersang,

Dem ich todesfreudig mußte lauschen.


Todesfreudig, ohne Angst und Schmerzen

Denn das Sterben schien mir einzig nur

Heimkehr, in die Arme der Natur,

Froh Vergeh'n an ihrem Mutterherzen;
[117]

Ein Zersprengen nied'rer Sinnesketten

Und des Geistes eig'ne, freie Wahl

Aus des Einzellebens dumpfer Qual

In das All, das sel'ge, sich zu retten!


Blüh'nder Rosen Wonne zu empfinden,

Wenn, berauscht von lauer Frühlingsluft,

Liebestrunken sie den würz'gen Duft

Ihres Kelchs verstreu'n nach allen Winden;


Theilzunehmen an dem Freudensegen,

Der sich ahnend durch den Baum ergießt,

Wenn im Blüthenflor, der ihm entsprießt,

Sich des Werdens heil'ge Kräfte regen;


Einen Ton zum Liede mitzubringen,

Das sich aufschwingt voll verklärter Pracht,

Wenn die Vögel in der Waldesnacht

Früh und Abends ihr Te Deum singen;


Zu vereinen sich mit allem Leben,

Festzuwurzeln in dem Stamm des Seins

Und nicht mehr, der flücht'gen Blätter ein's,

In dem Hauch' des Sturmes hinzubeben! –
[118]

Also dacht' ich. Wunderbare Lieder

Stiegen aus der finstern Schlucht empor,

Wirrer Stimmen süßverschmolz'ner Chor –

tiefer beugt' ich mich zum Abgrund nieder.


Ja, ich stand, wo sich die Wege spalten,

Auf der Schwelle zwischen Dort und Hier,

Doch umschlungen fühlt' ich mich von dir,

Und durch dich vom Sturz zurückgehalten.


Licht und klar durchdrang es da mein Wesen:

Aufgeh'n in dem All ist dein Begehr? –

Tauche unter in der Liebe Meer,

Und du wirst von deinem Ich genesen!


Deiner Selbstheit Schranken werden sinken,

Fühlen wirst du dich im großen All,

Ew'ger Strahl im ew'gen Sonnenball

Wird dein Geist die Luft der Heimath trinken.


Wenn im Tod' die Wangen sich entfärben

Meinst du, daß nur da Vollendung sei? –

And'rer Weg zur Gottheit steht dir frei

Und die Liebe ist das schönste Sterben.

Quelle:
Betty Paoli: Neue Gedichte. Pest 21856, S. 117-119.
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