Der zehnte Auftritt

[269] Sir Robert. Amalie.


AMALIE. Ach mein Vater! welches entsetzliche, welches blutige Trauerspiel! Werde ich wohl die Gewalt haben, es Ihnen zu wiederholen? Betty und die unglückliche Lucie, beide liegen in ihrem Blute. Oh, wie wird Ihre Amalie diesen fürchterlichen Anblick eine einzige Minute vergessen können?

ROBERT. Gott! darf der Mensch, der kurzsichtige Mensch deine Gerechtigkeit tadeln? Wie gerecht, Amalie, wird nicht der Gott gegen die Tugend sein, der es in einem so hohen Grade gegen das Laster ist?

AMALIE. Mit einem Gesichte, auf welchem alle ihre Wut und Verzweiflung abgeschildert war, trat sie in mein Zimmer! Ich wollte sie an meine Brust drücken und trösten. Sie stieß mich mit Grimm von sich. Sie wiederholte mir kurz ihre Verbrechen, Verbrechen, die mein Mund auszusprechen unvermögend ist. Sie eilte in ihr eigenes Zimmer, und ich folgete ihr selbst mit Zittern und Furcht vor ihr Leben. Die unglückliche Betty war in demselben. Lucie bemächtigte sich heimlich eines Messers! Sie stieß es in das Herz dieser elenden Kreatur und ebenso geschwind in das ihrige. Sie starb unter den bittersten Verwünschungen der Betty, die sie als die Urheberin ihres Unglücks anklagete, des Sir Karls, ihres eigenen Vaters und des Himmels selbst. Was für fürchterliche Folgen hat die unerlaubte Liebe des Sir Willhelms und seines Sohnes gehabt!


Quelle:
Die Anfänge des bürgerlichen Trauerspiels in den fünfziger Jahren. Leipzig 1934, S. 269.
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