98. Agathokles an Constantin.

[40] Laureacum, im März 305.


Ein sehr verläßlicher Bote bringt dir diesen Brief, er enthält die näheren Angaben von Allem dem, was du zu wissen verlangst, und was dein Vater dir melden läßt. Alles ist bereit, der Legionen in Gallien, Spanien und Britannien bist du durch deinen Vater sicher, hier in Noricum, durch Pannonien und ganz Dacien ist so viel geschehen, als möglich war, und du wirst mit mir zufrieden seyn. Die Christen, die sich unter ihnen befinden, bindet Religion und gerechter Haß gegen ihren Verfolger Galerius an dich, die übrigen zieht das Beispiel der größern Anzahl und mehr noch die Zuversicht auf den jungen muthigen Führer dir nach, dessen Heldenthaten die Fama von Carrhäs Gefilden, und aus den Gebirgen von Armenien bis hierher geschäftig trug. Sobald Diocletian den Purpur ablegt, und Maximian, wie es allgemein heißt, zu einem gleichen Schritte bewegt oder zwingt, sind dein Vater und Galerius Augustus, und du der Sohn des abendländischen, sein geborner, berufener, würdiger Cäsar. Mag Galerius sich in den Morgenländern,[40] oder unter den illyrischen Bauern1 einen Nachfolger wählen, du hast ihn nicht zu fürchten. Der Geist der Zeit, der sich allmählig vom Heidenthume zu einer vernünftigen Religion hinüber neigt, ist auf deiner Seite, er kämpft mit deinen Schaaren, er zieht die Menschheit in dein Interesse, und vergebens stemmt die alte morsche Form sich das letzte Mal gegen die siegende Gewalt des bessern Neuen. Ja, er wird ausgeführt werden der schöne große Plan, den wir in stillen Stunden der Begeisterung entworfen; stolz blickt mein Geist auf den Antheil hin, den meine Anstrengung, meine Thätigkeit daran hatte, und nichts – gar nichts auf der Welt würde mir zu kostbar seyn, um es nicht mit Freuden für die Sicherung desselben hinzugeben.

Seit ich den edlen Florianus sterben sah, schwebt das Bild – nicht der Marterkrone im gewöhnlichen Sinn, wie es oft übelverstandner Eifer und falscher Religionsbegriff sich ausmalt – nein, eines freiwilligen Todes zum Besten der Menschheit, zur Sicherstellung und Ausführung eines großen, beglückenden Werkes mit schimmerndem Glanz vor meiner Seele.

Wie ich meine Theophania liebe, was sie mir ist, weißt du, und was ein Sohn, vom ihr geboren, meinem Herzen seyn kann, welche Begriffe ich von meinen Vaterpflichten habe, kannst du dir denken, ohne daß ich nutzlose Worte verschwende. Mein ganzes Erdenglück ruht auf ihnen; so lange ich sie besitze, bin ich sicher, in jeder Lage[41] glücklich zu seyn, ohne sie ist keine Macht der Welt, keine Hoheit, keine Gewalt vermögend, mein Herz auch nur einen Augen blick zu rühren. Dennoch – ich habe mich geprüft, strenge, oft – in der Einsamkeit, und wenn ich sie in meinen Armen hielt – es gibt ein höheres, ein größeres Gut, um dessentwillen ich auch ihnen entsagen könnte! Vielleicht traue ich mir zu viel zu, und fern sey der Frevel von mir, das Schicksal auf diesen blutigen Kampf herauszufordern; aber ich glaube, ich würde Kraft haben, sie zu opfern, wenn ich mit Ueberzeugung die Nothwendigkeit davon einsähe. Ich glaube – aber ich bete, Constantin! daß mich die Vorsicht nicht auf diese schreckliche Probe setze – mein Herz würde durch ihren Verlust eher brechen, als durch den Todesstreich.

Ich darf keinen dieser Gedanken laut werden lassen, Theophaniens zarte Seele hat in jener Zeit, wo Florianus Tod uns Alle weich und finster stimmte, nur zu viel in der meinigen gelesen. Sie versteht mich so ganz, daß es keines Wortes, keiner noch so leisen Aeußerung bedarf, um Alles zu wissen, was in mir vorgeht. Ja, aus Einem Stoffe, aus denselben Fäden sind unsre Herzen gewoben, und keiner kann in dem Einen erschüttert werden, ohne daß sie alle in dem Andern mit beben. Das macht jetzt unser höchstes Glück, und macht vielleicht einst das Unglück desjenigen, dem die Vorsicht ein längeres Leben bestimmt.

Du, mein Constantin, bist glücklich oder weise genug, nichts von diesen Gefühlen zu wissen. Zu einem andern Zwecke bestimmt, hat dich der Schöpfer mit andern Gaben ausgerüstet, auf einen andern Platz gestellt, den du würdig und allgemein beglückend behaupten wirst. Das[42] ist mir entschieden gewiß, und so darf ich dir nichts empfehlen, als was eben größeren Gemüthern oft so nöthig ist, Vorsicht, und kluge Schätzung möglicher Gefahren. Sollte der Augustus den entscheidenden Schritt wirklich thun, dann bedenke, daß dein alter Feind unumschränkter Herr in jenen Gegenden wird, daß du sein erster, aber immer sein Unterthan bist, und was dem freisteht, der mit der höchsten Gewalt zügellose Rachbegierde und offene Verachtung alles desjenigen verbindet, was dem Menschen theuer und heilig ist. Sichre dir eine schnelle Flucht, und bestimme über mich und Alles, was mein ist, zur Ausführung jedes deiner Plane. Leb' wohl.

Fußnoten

1 Diocletian und Maximian waren ihrer Herkunft nach Illyrische Bauern, wie denn überhaupt sehr viele Kaiser jener Zeit aus den untersten Ständen waren.


Quelle:
Caroline Pichler: Agathokles. Erstes bis Sechstes Bändchen, Schriften, Band 36, Stuttgart 1828, S. 40-43.
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