Ulalume

[125] Der Himmel war düster umwoben;

Verflammt war der Bäume Zier –

Verdorrt war der Bäume Zier;

Es war Nacht im entlegnen Oktober

Eines Jahrs, das vermodert in mir;

War beim düsteren See von Auber,

In den nebligen Gründen von Weir –

War beim dunstigen Sumpf von Auber,

In dem spukhaften Waldland von Weir.


Durch Zypressenallee, die titanisch,

Bin ich mit meiner Seele gegangen –

Bin hier einst mit Psyche gegangen –

Zur Zeit, da mein Herz war vulkanisch

Wie die schlackigen Ströme, die langen,

Wie die Lavabäche, die langen,

Die rastlos und schweflig den Yaanek

Hinab bis zum Pole gelangen –

Die rollend hinab den Berg Yaanek

Zum nördlichen Pole gelangen.


Unser Wort war von Dunkel umwoben,

Der Gedanke verdorrt und stier –

Das Gedenken verdorrt und stier;

Denn wir wußten nicht, daß es Oktober,

Und der Jahrnacht vergaßen wir –

Der Nacht aller Jahrnächte wir!

Wir vergaßen des Sees von Auber

(Obgleich wir gewandert einst hier),

Des dunstigen Sumpfs von Auber

Und des spukhaften Waldlands von Weir.


[126] Und nun, da in alternder Nacht

Die Sternuhr gen Morgen sich schob –

Da die Sternuhr gen Morgen sich schob –

Ward am End unsres Pfades entfacht

Ein Schimmern, das Nebel umwob,

Aus dem mit wachsender Pracht

Ein Halbmond sein Doppelhorn hob –

Astartes demantene Pracht

Deutlich ihr Doppelhorn hob.


»Sie ist wärmer«, so sagte ich,

»Als Diana: sie schwärmt durch ein Meer

Von Seufzern – ein Seufzermeer;

Sie sah es: die Träne wich

Von diesen Wangen nicht mehr,

Und vorbei am Löwenbild strich

Als Lenker zum Himmel sie her,

Als Leiter zu Lethe sie her;

Trotz des Löwen getraute sie sich,

Uns zu leuchten so hell und so hehr –

Durch sein Lager hindurch wagte sich

Ihre Liebe, so licht und so hehr.«


Doch Psyche hob warnend die Hand:

»Fürwahr, ich mißtraue dem Schein

Dieses Sterns – seinem bleichen Schein.

O fliehe! o halte nicht stand!

Laß uns fliegen – denn oh! es muß sein!«

Sprach's entsetzt, und es sanken gebannt

Ihre Schwingen in schluchzender Pein –

Ihre Schwingen schleiften gebannt

[127] Die Federn in Staub und Stein –

Voll Kummer in Staub und Stein.


Ich erwiderte: »Traum ist dies Grauen!

Laß uns weiter in Lichtes Pracht –

Laß uns baden in seiner Pracht!

Es läßt mich die Hoffnung erschauen

In kristallener Schönheit heut nacht –

Sieh! es flackert gen Himmel durch Nacht!

Oh! man darf seinem Schimmern vertrauen,

Es führt uns mit weisem Bedacht –

Oh! man muß seinem Schimmern vertrauen,

Es lenkt uns mit treuem Bedacht,

Da es flackert gen Himmel durch Nacht!«


Ich beruhigte Psyche und gab

Ihr Küsse und lockte sie vor –

Aus Bedenken und Dunkel hervor;

Und wir schritten den Baumgang hinab,

Bis am Ende uns anhielt das Tor

Einer Gruft – ein märchenhaft Grab.

»Schwester«, sprach ich, »was schrieb man aufs Grab –

An das Tor von dem Wundertume?«

»Ulalume!« sprach sie; »in dem Grab

Ruht verloren für dich Ulalume!«


Und mein Herz wurde düster umwoben,

Wurde dürr wie der Bäume Zier –

Wurde welk wie der Bäume Zier;

Und ich schrie: »Es war sicher Oktober

In der nämlichen Nacht, da ich hier

Im Vorjahr gewandert – und hier

[128] Eine Last hertrug, fürchterlich mir!

Diese Nacht aller Jahrnächte mir,

Welcher Dämon verführte mich hier?

Gut kenn ich den See jetzt von Auber –

Diese nebligen Gründe von Weir –

Gut kenn ich den Dunstsumpf von Auber –

Dieses spukhafte Waldland von Weir.«

Quelle:
Edgar Allan Poes Werke. Gesamtausgabe der Dichtungen und Erzählungen, Band 1: Gedichte, Herausgegeben von Theodor Etzel, Berlin: Propyläen-Verlag, [1922], S. 125-130.
Lizenz:
Dieser Text als Ebook
Edgar Allan Poe
EAN 9783869516035, 43 Seiten

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