Der Drachenfels und die Einführung des Christentums.
Der Drachenfels und die Einführung des Christentums

[187] Der letzte Glanzpunkt der von so vielen Fremden aus weiter Ferne besuchten Rheinlandschaft ist die dunkle Felsenmasse des himmelanstrebenden Siebengebirges bei Bonn. Von diesem ragt der Drachenfels wie ein gigantischer Wächter fast senkrecht aus den Fluten des Rheines empor. Zunächst den Eingang des freundlichen Honnefer Thales beschirmend, erregt er zuerst die Aufmerksamkeit in höherem Grade, wenn man von Köln aus rheinaufwärts fährt.

Wenn schon jedes altertümliche verfallene Türmchen die Gedanken des Beschauers unwillkürlich ins Mittelalter, in die Zeiten des Lehnsrechtes und der offenen Fehden zurückversetzt: so ist dies noch mehr der Fall bei den Ruinen wirklicher alter Burgen, wie die des Drachenfels. Sind solche Ruinen doch die Beweise beharrlicher Anhänglichkeit an jene sonderbaren, aber immerhin kräftigen Einrichtungen, die endlich freilich doch einer neuern Gesittung haben weichen müssen, an kraftvolle Geschlechter, die ihre kühnen Thaten vollbracht haben, ohne ängstlich das Recht zu prüfen, und deshalb zum Teil doch früher den Schauplatz der Geschichte haben verlassen müssen, als es bei dem ganz gewöhnlichen Verlaufe der Dinge würde der Fall gewesen sein. Dies gilt jedoch vom Drachenfels nicht vollständig, da es vor fünfzig Jahren und vielleicht noch jetzt in der Ferne ein Geschlecht gab, das vom Drachenfels am Rheine den Namen herleitet.[188]

Die Burg des Drachenfelsens, sowie die Wolkenburg, Löwenburg und Rolandseck sollen auf den Trümmern römischer Wachttürme aus der Zeit Julians oder Valentinians erbaut sein.

In einer Urkunde vom Jahre 1206 wird der Drachenfels als Drachenhöhle oder Drachenloch erwähnt. Im Jahre 1303 führte Graf Heinrich in seinem Wappenschilde einen Drachen und nannte sich Burggraf von Drachenfels. Der Drache in seinem Wappen aber war silbern geflügelt, er hauchte goldene Flammen aus, sein Schweif im roten Felde war aufwärts gewunden und den Kopf wandte er nach dem linken Schildrande zu. Der Drache erschien auf dem Helme silbern bis zum Unterleibe, und dabei hatte er rote Flügel. Die Helmdecke war silbern und dabei rot unterlegt.

Noch jetzt wird unter dem Namen des Drachenloches auf der Südseite des Felsens eine Höhle gezeigt. Dort hauste in alter Zeit ein riesiger Drache, welchem die Bewohner der Gegend eine abgöttische Verehrung erwiesen; selbst Menschenopfer wurden ihm dargebracht. Diese waren allerdings bei den Galliern mehr als bei den Germanen gebräuchlich; doch mögen, als jene der Mehrzahl nach schon Christen waren, gerade hierhin aus Gallien vertriebene Druiden sich geflüchtet und in ihrer Art die bei den Germanen früher seltener gewesenen Menschenopfer vermehrt haben.

So wurde denn der Drachenfels und seine Umgebung ein Bollwerk für das nur langsam am Rheine weichende Heidentum.

Von hier aus unternahmen sogar mehrere fürstliche Familien, vielleicht von celtischen Druiden aufgestachelt, Raubzüge in Gegenden, die bereits dem Christentume angehörten. Von einem solchen kehrten sie einst zurück mit einer Christin aus einem gleichfalls sehr vornehmen Hause, die sie als Beute und als Gefangene heimführten.

Den herrschenden Geschlechtern gehörten zwei Jünglinge an, die an dem Raubzuge noch keinen Teil genommen hatten, aber sich mehr und mehr zu Helden entwickelten, wie sie an Jahren zunahmen. Diese faßten eine unaussprechliche Zuneigung zu der christlichen Jungfrau, die immer schöner und herrlicher unter den Heiden erblühte. Ein richtiges und tiefes, reines Gefühl sagte ihnen, wenn sie den Ausdruck der Frömmigkeit in den Augen der Jungfrau wahrnahmen, daß der Glaube eines[189] so edlen und hohen Frauenbildes über die blutige heidnische Religion weit erhaben sein müsse. Jeder von den beiden Jünglingen wäre daher wohl bereit gewesen, um dieser Jungfrau willen das Christentum anzunehmen.

Doch die mildere Gesinnung wich aus den Herzen der beiden Männer, als sie sich immer deutlicher beide als Nebenbuhler erkannten. Je mehr ein jeder wünschte, die Christin zu besitzen, um so mehr regte sich in ihnen auch der Stolz auf die eingebildeten Vorzüge, durch welche jeder glaubte, dem Nebenbuhler voranstehen zu müssen. Ihre Gesinnung, welche kaum angefangen hatte sich zu veredeln, wurde wieder eine ganz heidnische, und der Gedanke, der Christin die doch immerhin nur beschränkte Wahl zwischen zwei Bewerbern zu gestatten, konnte nicht aufkommen, weil sie in ihr immer wieder die Gefangene, eine Sklavin, sahen.

Ein unglücklicher Zufall wollte es, daß die Jünglinge, in denen die Bewohner der Gegend schon längst die Zierde und die Hoffnung des Stammes erblickt hatten, nun auch fast zu gleicher Zeit ihre Väter verloren und dadurch plötzlich eine bei beiden fast gleiche Macht unter dem Volke erhielten. Mit grenzenloser Unbesonnenheit traten sie einander sogleich feindselig entgegen, indem jeder die Ansprüche, die er an die Hand der Christin machte, mit Drohungen und Ankündigung von Gewaltmaßregeln verstärkte.

Da traten die Ältesten der Landschaft mit den Druiden zusammen und berieten, was zu thun sei.

Die hergelaufenen Druiden verlangten sogleich, daß die Christin, welche die Herzen der heidnischen Anführer verzaubert habe, dem Drachen vorgeworfen werden müsse. Die Ältesten aus dem Volke stimmten ihnen bei, weil nur hierdurch noch der Zwist der beiden viel gerühmten jungen Anführer im Keime erstickt werden konnte.

Es legte also die Christin ein weißes Gewand an, und das herabfallende Haar dieses Opfers schmückten die Heiden mit Blumen.

So führte man die Jungfrau den Berg hinan. In der Nähe der Drachenhöhle band man sie an einen Baum. Neben demselben lag ein großer Stein, der als Altar diente.

In einiger Entfernung hatte sich viel Volk aufgestellt, um zu sehen, wie das Ungeheuer aus seiner Höhle kommen und sich auf seinen Raub[190] werfen würde. Nur wenige unter den Anwesenden waren schon so weit von dem Heidentume abgewandt, daß sie einiges Mitleid mit der unglücklichen Christin fühlten.

Die Jungfrau aber blickte ruhig und gottergeben zum Himmel auf. Eben kam die Morgensonne hinter dem Siebengebirge hervor und warf einige Strahlen auf den Eingang der blutigen Höhle des Drachen. Da kam das geflügelte Ungeheuer heraus und eilte zu dem Altare, wo ihm heute keineswegs das erste Opfer bereitet war. Es schoß flammende Blitze auf die arme Christin. Aber diese blieb selbst im Angesichte des Todes unerschrocken.

Sie trug ein kleines goldenes Kruzifix im Busen, und da sie in unerschütterlichem Glauben an ihren Erlöser beharrte, so zog sie es in ihrem Sterbestündlein hervor, gerade als der gierige Drache auf sie lossprang.

Sowie der Drache das Kruzifix erblickte, stürzte er sich mit furchtbarem Zischen in den nächsten Waldesgrund.

Die Jungfrau dankte inbrünstiglich ihrem Erlöser. Aber alles Volk wurde durch dies Wunder von dem Heidentume abgezogen und zum Christentume bekehrt. Alle erkannten in dem Kreuze den mächtigen Talisman, der von Tod und Sünde freimachen könne.

Der Christin näherten sie sich nun wie einer Heiligen. Sie lösten ihre Bande und ließen sich das unscheinbare kleine Kreuz vorweisen und predigen.

Die vom Tode befreite Jungfrau predigte ihnen das Kreuz mit solcher Beredsamkeit, daß zuletzt das ganze Volk auf den Knieen lag. Zwar waren die Anführer, welche um ihre Hand geworben hatten, nicht zugegen. Aber da die Christin in ihre Heimat zu ihren Eltern zurückzukehren wünschte, um dem Volke von dort her einen Priester zu senden, durch den jedermann sich könne taufen lassen, so wagten sie nicht, die Geliebte zurückzuhalten. Der Priester aber, welchen die Jungfrau schickte, taufte zuerst das Volk, dann die beiden Häuptlinge und zuletzt selbst die in diese Gegend verschlagenen Druiden.

Wo der Stein gestanden hatte, auf welchem dem Drachen geopfert worden war, erhob sich alsbald eine christliche Kapelle.

Quelle:
Heinrich Pröhle: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten. Berlin 1886, S. 187-191.
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