VI.
Ob der Rübezahl schon längsten sich auff dem Schlesischen Gebirge habe auffgehalten und sehen lassen;

[189] Wer sich ein wenig theils in der Welt mit den Leuten besprachet / oder in den Büchern umb gesehen hat; der wird gestehen / daß es kein unerhörtes[189] sey; daß an unterschiedliche Oerter Gewisse Gespenster sich theils immerdar / theils zu bestimten Zeiten / hören und sehen lassen und zwar gemeiniglich in einerley Gestalt und Form. Unter solche seynd nebenst den Rübezahl folgende: Als


1. Gilbertus ein Zauberer in Ostrogothiâ:

2. Ethneischer Vulcanus in Sicilien.

3. Spücknüsse in Böhmen.

4. Pilatus bey seiner See in Schweitzer Lande.

5. Aeltes Parmisches Weib

6. Nymfe zu Glatz.

7. Schlangen Junpffer zu Basel.

8. Treue Eckart in Thüringen.

9. Esel mit 3. Beinen zu Leipzig.

10. Rübezahl bey den Schlesiern.[190]


1. Vom Zäuberer Gilberto redet folgendes der unbekante Autor part. 1. der wunderbahrlichen Historien von Gespensten pag. m. 108. b. 109.


Eine Klufft oder Gang unter der Erden / darein ein Zauberer Gilbertus soll verbannet seyn.

Es ist wie Olaus Magnus schreibet l. 3. c. 20. in Ostrogothia ein trefflicher grosser See / Veter genant / in welches mitten ein sehr lustige / aber etwas länglichte Insel gelegen ist / in der selbigen seynd zwo Pfarkirchen / unter der einen findet mann eine sehr tieffe Höle / oder Schlauffloch unter der Erden / mit einem langen holen Eingange / darein aber sonst niemand / als solche Leute / so es entweder eines vergeblichen Rhums halben oder aus Fürwitz thun / zu gehen / oder sich zu[191] wagen pflegen. Wenn sie sich aber wollen hinunter begeben / so zünden sie ein lang Wachsliecht oder Wachsstöcklein an / und nehmen ein Knaul Bindfaden oder auff gewundene Schnüre / welche sie für der Höle an knüpffen / winden dieselbigen darnach abe / und gehen darane immerfort / biß der Höle ein Ende / und winden darnach im ausgehen die Schnüre wiederumb auff ein Knaul: Sie begeben sich aber der Ursachen halber in die selbige Höle oder Schlauffloch / daß sie darinne einen ansprechen wolten / mit Nahmen Gilbertum, der ein fürtrefflicher Zeuberer und Schwartzkünstler gewesen / und aber von seinem Præceptore Catillo den er sich zu vorachten und zu übergeben unterstanden hatte / überwunden und dahin vorbannet war. Denn es hat sein Præceptor Catillus einen geringen Stecken oder Knüttel genommen /[192] und etzliche gewisse Gothische Ruthenische Characteres drauff gegraben / und darnach an die Erden geworffen / und mit der Hand wiederumb ergriffen / da war Gilbertus als balde unbeweglich dahin verbannet / und also stehend blieben. In vorigen Zeiten seynd ihr viel solche Teuffelswerck unn Gespenste zu sehen / nicht ohne grosse Gefahr hienab gestiegen / hernachmals aber ists durch sonderliche auffgerichte Gesetz und ausgegangene Befehliche bey ernster Leibstraffe verboten worden / daß sich keiner mehr hinunter begeben / oder jemand hinunter zusteigen Anleitung oder Ursache geben darff / welche aber hierinnen brüchig / sollen denen gleich geacht und gestrafft werden / die ihnen selbst den Tod an thun es ist auch der Eingang derselbigen Hölen nunmehr mit Steinen vermauert und zu gemacht. Biß hieher von der ersten Historie solcher[193] Gespenster / welche lange an einem Orte verbleiben / und sich vernehmen lassen.

2. Jetzund folget nunmehr / nach unserer disposition od' Einrichtung / die ander Historie: da Bericht geschehen wird / daß es nicht lauter tand / oder erdichtes Werck sey / wenn die Poeten vor vielen hundert Jahren von dem Feuergotte / oder Schmide Gotte dem Vulcano, unn seinen Knechten / als erstlich dem Pyracmone, zum andern dem Bronte, und zum dritten / von den Sterope, wie sie also bey dem Virgilio benahmet werden; dichten / daß sie in den Berge Ætna in Sicilien sich befinden sollen / und allda dem Jupiter Donnerkeile schmieden.

Trann etliche Leute / so es mit dem Paracelso etc. halten / vermeinen / es sey der Vulcanus ein rechter Geist / der in gedachten Feuer speyenden Berge Ætna sich auff halte / und[194] in gewöhnliche Gestalt von alters her sich auff diese Stunde / zu Zeiten / erzeuge oder præsentire, wie ausfürlich aus folgenden Autore ab zunehmen ist:

Kaül in Memorabilibus, cap. 89. p.m. 72. Von den Feuer-Menschē es schreibet der Hochgelehrte Philosophus Theophrastus Paracelsus, daß in einem jeden der vier Elementen Menschen und Creaturen gefunden werden / welche in den selbigen / als in ihrem eignen Chaos / und Wohnung wandeln und leben und zwar von solchen Feuer- Menschen haben wir ein merckliches Exempel bey glaubwürdigen Historien schreiben. Daß nemlich im Jahr Christi 1536. einem Kauffmann in Sicilien / bey der Nacht zehen Personen / welche / als Schmide Knechte bekleydet / auff gestossen / denen andere zehen in gleich messigem Habit / und endlich einer allein / dem [195] Vulcano gleich förmig / gefolget / diese / als sie von dem Kauffman gefragt wurden / wo sie hin gedächten / haben sie geantwortet / in den Berg Ethna / zu ihrer Schmmieden und Werckstad / über diesem hat sich der Kauffman höchlich verwundert / und gefragt / welcher Gestalt sie in dem Berg etwas schmieden könten / hat ihm der Vulcanus zur Antwort gegeben / es ist dir meine Krafft noch unbewust / welche du bald / neben andern / in dem Werck selbst erfahren wirst / mit welchen Wortē er so bald vor ihm verschwunden / der Kauffman aber hat sich mit grossem Schrecken und Verwunderung in die nechste Herberge begeben / darinnen erfolgenden Tags tods verfahren. Gegen Abend aber hat der Berg Ethna sich dermassen mit grossem Getöß und Krachen entschüttet / auch Aschen / und Feuer-Flammen mit solchem Gewalt aus gestossen / unn[196] über sich geworffen / daß die umbliegende anders nichts / als des endlichē Untergangs der gantzē Welt sich versehen / und sich hin und wieder in den Klüfften / und Hölen des Erdreichs ein Zeit lang / auffhalten müssen unter den Thieren aber werden allein 4. gefunden welche ihr Speiß und Nahrung allein aus einem eintzigen Element haben / und in den andern Elementen nicht leben können / als nemlich der Maulworff in der Erden / der Hering in dem Wasser / Camelrohr in der Lufft / und der Salamander in dem Feuer.

Und zwar was dem Salamander anlanget / welcher eigentlich zu ietziger vorhabender Materi gehörig / ist dasselbe Thier einer gantz kalten / und wunderbahren Natur und Eigenschafft / in der Grösse und Gestatl / wie ein Eydex / entstehet allein in den über aus grossen Bergen / und[197] stirbet vom hellen Winter / ist auch der Massen über aus kalt / daß er auch mit seinem Anrühren das Feuer / gleich wie ein Eyß erlöschet.

Von dem Vogel Pyrausta / in Cypern / wird bey Baptista Fulgosio gelesen / daß er mitten in den Schmiedöfen gefunden werde / in den Flammen und Funcken / denselben unverletzt herumb fliege / und über welches sich noch mehr zu verwundern / wann er von den Flammen hin weg genommen wird / kan er nicht mehr bey Leben bleyben / wie auch Solinus, Aristoteles, und Albertus Magnus hievon bezeugen. Beneben diesen sind auch noch andere verborgene wunderbahre Eigenschafften des Feuers in acht zu nehmen / so von den Naturkündigern beschrieben werden / als daß auff dem Berg Chymora ein Feuer zu befinden / welches von dem Wasser angezündet / und von der Erden[198] und heu abgelöschet werde. Deßgleichen wird auch das Feuer immerwehrend brennent / durch den Stein Acbestum erhalten / wie Solinus in seinem 32. Cap. schreibet / und der H. August. de Civi. Dei. im 21. Buch meldet / daß zu seiner Vorfahren Zeit / ein Grab eröffnet worden / in welchem eine brennende Lampen gefunden / so vermöge der Inscription darauff gehauen / vor funffzehen hundert Jahren / daselbst unter die Erden gesetzt worden / alsbald sie aber an die Lufft kommen / und mit den Händen angerühret / ist die Flamme verloschen / und gleich als ein subtiles Pulver aller zertrieben / hinweg gefallen / ebenmessig setzet Solinus in seinem 24. Cap. daß in Britannien / in der Minerva Tempel ein immer wehrendes Feuer gewesen / welches nimmer zu Aschen worden / sondern so bald es abgegangen / in Stein verwandelt worden.[199] Biß hieher vom Ætnischen Vulcano.

8. Jetzt folgt zum dritten vom Spücknüsse oder Gespenste das sich in Böhmen verspüren lässet: da von redet Camerarius cent. 1. Oper. subcisiv. c. 73. pag. m. 337. In Böhmen pfleget ein Gespenste in Weiblichen Trauerkleidern einem vornehmen Geschlechte / auff einem Schlosse / zu erscheinen; ehe und bevor eine von den Ehe-Weibern selbiger HErrn absterben will. Eben von diesen Gespenste zeuget auch Sigismundus Scherertzius in libello consol. admon. 8.

4. Nunmehr folget vom Pilato: davon Andreas Libavius part. 2. pag. 197. I). Bertram in notis ad Matth. c. 27. v. 2. pag. m. 779 etc. ex mulits. wir wollen allhier nur eintzig und allein anhören / was Heinricus Kornmannus[200] von solchen Pilato saget in monte Veneris c. 82. p.m. 393. etc.


Von dem Frackberg bey Lucern im Schweitzerland.

Nicht fast fern von Lucern / ist ein rauher hoher Berg / den die Lateiner nennen montem fractum, die Landleut aber nennen ihn nach den Latein Fractmont / auff diesen Berg ist ein sehender schwartzer See / allenthalben mit einem finstern Wald umb zogen / welchen die Landleut Pilatus See nennen / bleibt allezeit gleich groß / hat keinen Influß oder Ausfluß / nimt nichts zu nimt / auch nichts ab / und hat in Summa ein greulich Ansehen / und ist die Sage als sich Pilatus selber umbracht / haben haben sie Cörper in die Tyber geworffen / allda sich ein groß Ungestüm erhaben / sey deß wegen in diesem See verbant worden /[201] und soll diß Wasser die Art an ihm haben / wann etwas muthwilliger Weise darinn geworffen / und als das Wasser bewegt / und erzürnt werde / so entstehe allenthalben in der selbigen Gegen / in der Lufft ein greuliches Ungewitter / das ohn Schaden nicht abgehe / und sollen die Inwohner in der selbigen Gegend / keinen Frembden daselbst gern auff diesen Berg steigen lassen / damit dieses Wassers halb die Gegend daselbst nit etwan in Beschwerung komme / das gibt der Sachen etwas Glaubens / dz vor etwas Zeiten / als man noch zu Lucern sagt / etliche so freventlich darin geworffen / die Straff des Schwerds von der Obrigkeit darumb empfangen haben von wegen des Ungewitters und Schadens / so den umbwohnenden Landleuten darvon begegnet ward / es ist allezeit still umb diese Pfützen / sie ist etwas grausam an zusehen /[202] es soll vor kurtzen Jahren vergangen / als ein Priester von Lucern aus Vorwitz etwas darinn geworffen / darauff sich ein solch Regenwetter und Gewässer erreget haben / daß darab männiglich erschrocken / und bemelten Priester alsbald die Sache von ihm offenbart / durch die Obrigkeit in Gefängnüß sey gestrafft worden / etc. Herr Joachim Vadianus Burgemeister zu S. Gallen schreibt / über das erste Buch Pomponii. Melæ viel von dieser See und daß er ihn selbst sampt Joanne Xylotecto Oswaldo, Miconio und Conrado Grebelio etc. von Wunders wegen besucht und gesehen habe. Jo. Stumpffius in seiner Schweitzer Cronick im 7. Buch von dem Aergew / c. 5. de Pilato Gregorius Turonensis:


Tam tibi sit mitis, Ponti Pilate, Megæra,[203]

Tamq; tuæ moveant lachrymæ Plutona ferocem,

Quam merito periit fato, te judice, Christus.


5. Vom alten Parmisanischen Weibe ist gleiches Falls eine Historie bey obgemelten unbekannten Autore und Gespensten auff gezeichnet part. 1. pag. m. 3. 4. und lautet wie folget: (confer etiam Kornmann. de miracul. mortuor. part. IV. c. 57. ex Cardanô:)


Ein Gespenste erscheinet auf einē Schlosse / wann jemand desselbigen Geschlechts mit tode abgehen soll.

Es ist ein fürnehm Edel-Geschlechte zu Parma der Turicllorum, die haben ein Schlos oder Sitz / in dem selbigen hat sich / nun in die drey hundert Jahr ein Gespenst in Form und Gestalt eines alten Weibes unter dem [204] Camino pflegen sehen zulassen / so oft jemand aus dem selbigen Geschlechte mit tode ab gehen soll. Es sagte mir auff eine Zeit / eine fürnehme Matron / desselbigen Geschlechts / über Tische da wir ungefehrlich in einer Herberge Abendmalzeit mit einander hielten. Es were einsmals eine Jungfraw desselbigē Geschlechts kranck gewesen / da hette sich dasselbe Gespenste des alten Weibes auch sehen lassen. Derwegen dann jedermā nicht anders gemeinet / als es würde die Jungfrau sterben. Aber es were das Gegenspiel geschehen. Denn die Jungfrau were wieder auff kommen und gesund worden. Es were aber ein ander des Geschlechts welcher damals noch frisch und gesund gewesen / plötzlich gestorben. Man saget daß desselbige alte Weib / dessen Gespenste gesehen wird / sey fast ein sehr reich Weib gewesen und umbs[205] Geldes willen / von ihren Neffen / oder Kinds-Kindern umb bracht / in Stücken zerhauen / und ins heimliche Gemach geworffen worden. Cardanus ibidem.

6. Hierauff folget zum sechsten eine wunderliche Historie von einer Heydnischen Jungfrau / im Schlos zu Glatz / eine Graffschafft in Schlesien: welche wir üblich allhier haben herbringen und setzen wollen / weil nach dem Ælurium sie in etwas Aehnligkeit hat / und zwar in etlichen Stücken / mit der Geschichte vom Rübezal: was aber die gantze Historie und Urthel von solchen Gespenste belanget / sampt der Vergleichnüß oder comparation mit dem Rübezahl auffm Riesen-Gebirge; solches berichtet mit ein and' / folgender Maassen / M. Georgius Ælurius, in Glaciographiâ. lib. 3. p.m. 124. etc. von der Heydnischen Jungfrauen / im[206] Schlosse zu Glatz. Vor ein warhafftige Historiam helt und giebet mans in der Graffschafft Glatz aus / was durch mich von dieser Heydnischen Jungfrauen / soll gesagt und geschrieben werden: Ich habe aber ihre Geschicht allhier an Stat einer Historischen Blumen / darumb wollē referiren und an ziehen / weil ohn Unterscheid die alten und jungen Leute und ich will wohl sagen / fast alle Kinder in Glatz / viel von ihr zuschwatzē und zusagen wissen: damit also solche relation von ihr auch andern Leuten / die nicht in der Graffschafft wohnen / möge bekannt werden / weil sie sonst nirgends im Drucke ist.

Man helts in gemein darfür / daß diese Jungfrau von der ich allhier gedencke zu reden / ihrer confession nach / sey eine Heydin / und darzu auch in werendem Heydenthumb / eine Regentin der Herrschafft Glatz gewesen:[207] Ihr Leben soll gantz Gottlose gewesen seyn / weil sie in eiteler Wollust / Unzucht / und Uppigkeit gelebet / auch sich der grösten Zauberey beflissen hat. Damit ich aber ad species komme / so erzehlen die alten / daß sie per continuam relationem von ihren Groß-Eltern gehöret hetten. 1. Daß die Heydnische Jungfrau / fertig vō Schlosse zu Glatz mit ihrem Rantzenbogen / biß zu der grossen Linde bey Eysers-Dorff an der Gräntze / habe schiessen können: Und also sie eins mahls / mit ihrem Bruder eine Wette angeschlagen / und etwas grosses denominiret hatte / umb was es gelten solte / wer aus dem Rantzenbogen den Pfeil an weitesten schiessen würde / sey dieses darauff erfolget / daß der Bruder mit seinem Pfeil kaum auff den halben Weg gereichet; sie aber ihre Pfeil aus dem Schlos / fast noch weit / nemlich biß zu dem gedachten[208] Baum / der grossen Linde bey Eysers-Dorff / geschlossen / und die Schātze gewonnen habe. (Von dieser Linde fabuliret man sonst viel / nemlich sie wer so alt als der Heydnische Thurm / und als sie gleich einmal und das andere verdorret / sey sie doch alle mal wieder ausgewachsen / und stehe noch: Item / daß Sybilla einsmals drauff gesessen / und von der Stad Glatz viel zukünfftige Dinge geweissaget habe: Unter andern hette sie auch gesagt / daß der Türcke biß gen Glatz kommen / und allda / wenn er durch die steinerne Brücke / hinein auff dem Rinck seinen Einzug halten werde / eine grosse Niederlage erleidē würde / weil ihm die Christen ausm Schlosse herunter entgegen ziehen / und ihn auffn Marckte daselbst erlegen würden / solches aber solle eher nicht geschehen / es weren denn zuvor ein gantzer Hauffen Kranchen durch[209] die Brodbäncke geflogen.) In einē Manuscripto lese ich / daß die Heydnisch Jungfrau / ihre Bruder mit ihrem bogen solle über schossen haben / und daßman dahin auff der Meile hinter dem Graben zween lange spitzige Steine gesetzet und auffgerichtet habe / zum Zeichen / die man noch für weniger Zeit hette sehen können. 2. daß die Heydnische Jungfrau in grosser Unzucht gelebet hette / ja daß sie nicht allein mit vielen andern / sondern auch mit ihrem eigenen Bruder schendliche Unzucht getrieben habe / umb welcher Missethat willen man ihr denn fleissig nach getrachtet hette / daß man sie überkommen / und gebürlichen darumb straffen möchte. 3. Daß die Heydnische Jungfrau / auch eine schreckliche Zäuberin gewesen sey / die offt in Kurtzweil ein starckes Huffeisen / mit ihren Händen zerrissen habe: Und weil sie denn eine Zäuberinn gewesen /[210] sey es dannenhero kommen / daß ob man ihr gleich zum besten nach getrachtet / man sie dennoch eine Zeitlang nicht habe über kommen mögen / denn durch ihre Zäuberey und Kunst / sey sie immer wiederumb entronnen: Doch als man sie letzlich einmal erhaschet / habe man sie in einen grossen Saal / welcher seyn soll beym Thor / dardurch man aus dem Niederschlos / ins Oberschlos gehen kan / fest vermauret / und darinnen umb kommen lassen: zu ewig werender Gedächtnüß ihres Todtes / und des Ortes / da sie elendiglich umb kommen ist / hat man an der Mauer über den tieffen Graben / (wenn man hienauff gehet) zur lincken Hand desselben Thores / bey welchem sich das ober- und nieder Schlos unterschieden / ihr Bildnüß in einem Stein aus gehauen / ein gemauert: Diesen ans gehauenen und ein gemauerten Stein / zeuget man[211] noch biß auff diesen Tag / allen fremdden Leuten / welche gen Glatz kommen / und das Schlos besuchen.

Von dieser Heydnischen Jungfrau ist auch sonstē noch mehr denckwürdiges an zuzeigen. 1. Daß ihr Bildnüß auff den grünen Saal im Schlosse zu Glatz / zu etlichen mahlen gar sauber und schön gemahlet / gestanden hat. Vielleicht haben solches die alten darumb so offt mahlen lassen / weil sie ex relatione Majorum mehr als wir von ihr gewust / und durch solch Mahlwerck / ihr abenteuerliches Gedächtnüß auff die posteritet und ihre nachkommen / zu propagiren und fort zupflantzen / vermeinet haben. 2. Daß in den Heydnischen Kirchlein auffn Schlos / den frembden Leuten / welche dahin kommen / dasselbe zu besichtigen / der Heydnischen Jungfrauen / schön gelbes Haar / an einem eisernen Nagel /[212] in der Wand hangende / gezeiget wird / es hanget aber so hoch daß es ein grosser man / auff der Erden stehende mit der Hand erreichen kan. Vor der Belägerung / habe ich ein solch Haar der Heydnischen Jungfrauen / daselbsten etlich mahl auff geflochten / nach der Länge hangen sehen / und war daß selbe Haar lang gelbe und schön: Es bekennen sich etliche / wie doch dieses Haar in das Kirchlein möge kommen seyn? und meinen / sie habe es vielleicht vor Zeiten / erstlich bald / in signum Virginitatis Veneri oder Daniæ, wie bey den Heyden bräuchlich gewesen ist / selber auff geopffert: Es mag auch wohl aber auff eine andere Weise hinein kommen seyn / die uns nur unbekant / und verborgen ist. 3. Daß in ihrer Gestalt und Kleidung / wie sie pfleget abgemahlet zu werden / der Teuffel noch offters im Schlosse zu erscheinen pfleget. Solch[213] Gesonen / in der Stube hören konten. Er hette das Haar der Heydnischen Jungfrauen / aus dem Kirchlein weg genommen / darauff wer in der Nacht das Gespenst / in ihrer Gestalt zu ihm kommen / und hette ihn biß nahe an den Tod gekratzet / gekrengelt / und so übel zugerichtet: Ja sagte er meinete / daß ihn solch Gespenst / auch gantz getödtet hette / wenn er nicht sein Rottgesell das Haar auff sein Begehren und Anhalten / bald wieder an den rechten Ort getragen / und dahin auff gehangen hette / da von ers vor hin weg genommen hette. Ich habe mich zu etlichē mahlen drüber bekümmert / wer doch diese Heydnische Jungfrau seyn müsse? und wie sie geheissen habe? aber auff den rechten Grund / habe ich noch niemals kommen können / Libussa die Regentin in Böhmen / welche Anno Christi 710. ungefehr gelebet hat / hatte noch[214] zwey Gespenst aber thut niemand etwas / dem es erscheinet und vorkömpt / es sey denn / daß jemand spöttisch und hönisch von ihr redet / sie provociret, oder ihr Haar gedencket weg zunehmen / so wird er vom Gespenst geplaget / und zum höchsten verunruhiget: Wie man denn saget / daß einsmals diß Gespenst zu einen Soldaten / auff der Schildwach kommen sey / und ihm einen Backenstreich mit einer kalten Hand gegeben habe / weil er dergleichen gethan / sie provociret, und hönisch von ihr geredet hatte. Ich erinnere mich auch allhier / daß ich Anno 1621. zu einen Soldaten ihn in seiner Kranckheit zu communiciren bin erfordert worden / und weil er unter seinem Angesicht gantz übel zugerichtet war / fragte ich ihn / wannen her ihm solche heßliche Gestalt kommen were? darauff gab er mir diese Antwort / daß es alle anwesende Personen /[215] zwey andere Schwestern Kascha und Tetka genant / und diese drey Schwestern waren alle mit ein ander fürnehme Zäuberinnen: Die Circumstantien aber wollens nicht zugeben / wenn man ihre Historien lieset / daß aus denselben dreyen unser Heydnische Jungfrau / im Schlos zu Glatz eine gewesen sey. Venda eine Jungfrau in Pohlen und Regentin / die ohngefehr Anno Christi 728. gelebet und regieret hat / kans auch nicht seyn / denn die Umstände ihrer Geschichte bezeugens / daß sie ein andere Person von dieser gewesen sey. So ists auch nit Wiasta oder Valasca gewest / (wie wol etliche für gewiß meinen / daß sie es solle gewest seyn) die ein Zäuberisch Jungfrau in Böhmen war / auch ihr einen grossen Anhang von andern Jungfrauen mehr machte / greulich tyrannisirete / und Regentin zu seyn begehrete zur Zeit Primislai als Libussa[216] verstorben war / denn die Umbstände wollen sich nicht alle hieher reimen. In Summa auff den rechten Grund kan ich nicht kommen: Nichst destoweniger ist die Geschichte / der Heydnischen Jungfrauen im Schlosse zu Glatz / gewiß ergangen / wie die monumenta und das Gespenst biß auff den heutigen Tag bezeugen und ausweisen. In etlichen Stücken / kompt einem die Historia dieser Heydnischen Jungfrauen für / wie die Geschicht des Riebenzahls / eines Gespenstes auffm Riesengebirge etc.

7. Nunmehr folget die Historie von der Schlangen Jungffer zu Basel / darvon voriger Autor vom Gespensten part. 1. p.m. 21. also schwatzet:


Eine wunderliche Historie / von einem / so nicht weit von Basel in ein Schlauffloch gegangen.

[217] Umb das Jahr Christi 1520. war einer zu Basel im Schweitzerlande / mit Nahmen Leonhardus, sonsten Lienunannus gemeinigliches genant / eines Schneiders Sohn / ein alber und einfeltiger Mensch / und dem darzu das Reden / weiler stammerte / übel abgieng. Derselbige / dieweil er / (nicht weiß ich / durch wafferley Kunst oder Mittel) in das Schlauf-Gewelbe / oder Gang / so zu Angst über Basel unter der Erden hingehet / gegangen / und in demselbigen viel weiter / als jemals einem Menschen müglich gewesen / fort gegangen / und hienein kommen / hat von wunderbarlichen Händeln und Geschichten zu reden wissen. Denn er sagte: Er hette ein geweyhet Wachsliecht genommen und angezündet / mit demselbigen were er in die Höle oder Schlaufloch gegangen. Da hette er erstlich durch ein eyserne Pforten / und darnach[218] aus einem Gewelbe in das and' endlich auch durch etzliche gar schöne und lustige grünende Gärten gehen müssen. In der mitten aber stunde ein herrlich und wohl gebauetes Schlos oder Fürsten Hoff / darinnen were eine gar schöne Jungfrau / mit menschlichen Leibe biß auff die Schā / die truge auff ihrem Haupte eine Crone von Golde / ihre Haar aber hette sie zu Felde geschlagen / unten aber von der Scham an were sie eine greuliche Schlange / von d' selbigen Jungfrauen wurde er bey der Hand zu einem eyssern Kasten geführet. Auff den Kasten aber liegen zwey schwartze bellende Hunde / also / daß für dem selbigen niemand zum Kasten gehen dorffte. Die Jungfrau aber hette ihm dieselbigen gestillet und im Zaum gehalten / daß er ohn alle Hinderung hin zu gehen dürffen. Darnach hette sie ein Bund Schlüssel / welches sie[219] an ihrem Halse truge / ab genommen / und den Kasten aus geschlossen und allerley güldene / silberne / und andere Müntze daraus genommen. Davon ihm dann die Jungfrau nicht wenig aus sonderlicher Mildigkeit geschenckt / welche er auch mit sich aus der Schlufft gebracht / wie er dann auch dieselbige geweiset / und sehen lassen. Er zeigte auch an / es hette die Jungfrau pflegen zu sagen: Sie were aus Königlichem Stamm und Geschlechte geboren / und aber also verwündscht und verflucht / daß sie in ein solch monstrum und Ungeheuer were verwandelt worden / sie hette auch keine andere Hoffnung / daß sie könte oder möchte erlöset werden / als wann sie von einem Jünglinge / der seiner Keuschheit / und Jungfrauschafft rein und unverletzt were / dreymal geküsset würde / als dann würde sie ihre vorige Form und Gestalt wieder[220] überkommen / dargegen wolte sie ihren Erlöser denselbigen gantzen Schatz / so an dem Orte verborgen gehalten würde / geben und überantworten. Er sagte auch er hette die Jungfrau allbereit zweymal geküst / da sie sich dann allebeyde mal / für grosser Freude / der verhofften Erlösung / mit so freulichen Geberden erzeigt / daß er sich gefürcht und nicht anders gemeint / sie würde ihn lebendig zerreissen. Es hat sich aber mitler Zeit begeben / daß ihn etzliche in ein frey Hauß mit sich genommen haben / da er sich dann mit einem unzüchtigen Weibe in fleischliche Vermischung eingelassen. Demnach er sich dann nun mit solchem Laster befleckt / so hette er nunmehr von dem an niemals dē Eingang solcher Hölen od' Schlaufflochs finden / viel weniger darein wieder kommen können / welches er dann zum öfftern mal mit weinen beklagt.[221] Wer wolte aber nicht gleuben / daß diß nur ein lauter Teuffels Gespenst gewesen sey. Und gibt aber doch die gar uhralten Müntze / welche er aus der Hölen mit sich gebracht / und auch vielen Bürgern bey uns geweiset hat / so viel Nachrichtung und Anzeigung daß ohne Zweiffel in den selbigen Gewelbe unter der Erden ein trefflicher Schatz verborgen liege / welchen ein Geitzteuffel besitzet und verwahret. Gleich wie in Berg-Städten in den Fundgruben zum öfftern mal die Bergleute solche Würgteuffel mit ihrem grossen Schaden erfahren und inne werden und damit dieses niemand für ein Gedicht oder Fabel halte / so seynd noch lebendige Zeugen vorhanden / welche dieses alles aus des obgedachten Lienimanni Munde gehöret haben. Nach diesem hat auch ein Bürger zu Basel damit er sich und die seinen / in vorgefallenen[222] geschwinden Theurung desto besser erhalten möchte / in Hoffnung / etwas von der vorgedachten Müntze hinweg zubringen / eben in die selbige Gewelbte Höle unter der Erden begeben. Aber als er eine Ecke hinein kommen und nichts als etzliche todte Menschen Beine gefunden / ist ihn ein trefflich Grausen und Entsetzen an kommen / und ist stracks lauffens wiederumb aus der Hölen heraus gelauffen kommen / wie solches bezeuget Johannes Stumpffius in Chronico Helvetiæ.

8. Biß hieher von der Basilischen Schlangen Junpffer: jetzo solte billich zum achten / eins und das andere vom treuē Eckart vor gebracht werden; Doch ist zuwissen / daß solches alles in meinem andern Tractatu vom Blocksberge specificiret sey: woraus es der gönstige Leser zu borgen hat.[223]

9. Vom dreybeinigten Leipzischen Esel / vermeldet D. Heidenreich in seiner Leipzigen Chronicke / dieses: daß nemlich in der Catharinē Strasse / fast in Mittel / an dem Orte / da an ietzo D. Eichholds Hauß ist / vor Zeiten ein Kloster gewesen sey; solches wie man es eingerissen hat / hat in sich auch einen Brunnen gehabt / in welchen Brunnen die Handwercks-Leute ein Glas gefunden / in welchen der böse Geist vermachet und verbannet gewesen: damit aber solches Ding keinen irren oder Schaden möchte; so hat man solches Glaß tieff in die Erden vergraben / vor dem Hällischē Thor an der Ecken der Pasteyen / welches fundament damahln gleich ist gemachet worden. Von dannenhero saget man / daß sich solcher dreybeinigter Esel umb die Gegend zu Zeiten sehen lasse.[224]

10. Doch gnug von allen diesen Gespenstern / welche sich von langer Zeit her / bißweilen / an gewissen Oertern verspüren lassen; wie es denn eben auch solche Beschaffenheit hat mit dem Schlesischen Rübezahl / der von etlichen hundert Jahren her / auff den Riesen-Gebirge / wie wir schon aus etlichen Autoribus vernommen haben / hat sehen und hören lassen: wie allhier zu beweisen war.

Quelle:
Praetorius, Johannes: DaeMonoLogia RVbInzaLII sILesII. Leipzig, Arnstadt 1662, S. 189-225.
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